"Siehe, Mein Knecht"

Das Evangelium nach Markus

von Hamilton Smith

Einleitung

Durch die Güte Gottes, der uns die Geschichte unseres Herrn Jesus Christus auf seinem Weg durch diese Welt gegeben hat, haben wir einen zuverlässigen Bericht – da er inspiriert ist – von den Ereignissen, die alle durch die göttliche Vorsehung bewirkt wurden. Weiter wollte Gott durch diesen Bericht, dass unsere Herzen auf den lebenden Christus hingelenkt werden, dessen mannigfaltige Herrlichkeiten seines Lebens und Todes und seiner Auferstehung so an uns vorüberziehen.

Um diese Herrlichkeiten richtig zu würdigen, wollte Gott, dass wir sowohl die verschiedenen Beziehungen unterscheiden, in denen Christus gesehen werden kann, als auch die verschiedenen Stellungen, in denen Er uns vorgestellt wird. Zu diesem Zweck haben wir vier Evangelien, und jedes gibt uns eine eigene Schilderung der Herrlichkeit Christi.

Das Studium des Matthäus–Evangeliums zeigt uns klar, dass die besonderen Einzelheiten, die uns in Verbindung sowohl mit den Ereignissen als auch mit den Belehrungen gegeben sind, die Darstellung des Herrn Jesus als den lang verheißenen Messias im Auge haben. Er ist der Sohn Davids in Verbindung mit Israel.

Im Lukas–Evangelium ist es ebenso klar, dass der Herr Jesus als Sohn des Menschen gezeigt wird, der die Gnade Gottes einer Welt von armen, bedürftigen Sündern kundmacht.

Im Johannes–Evangelium haben wir die Schilderung seiner göttlichen Herrlichkeit als der des Sohnes Gottes.

Im Markus–Evangelium steht der ganze Bericht in Übereinstimmung mit der Darstellung des Herrn Jesus als dem Knecht Jehovas, der andern in Liebe dient. Jahrhunderte vor dem Kommen Christi hatte Jesaja vorausgesagt, dass der Herr Jesus als der Knecht Jehovas in die Welt kommen werde; denn das Wort des Herrn geschah zu dem Propheten

also: »Siehe, mein Knecht, den ich stütze, mein Auserwählter, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat: Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er wird den Nationen das Recht kundtun« (Jes. 42,1). Alle Einzelheiten dieses Evangeliums haben den Zweck, uns seinen vollkommenen Dienst für den bedürftigen Menschen zu zeigen, den Er in der Erfüllung des Willens Gottes als Knecht Jehovas ausführt.

Kapitel 1,1–20 - Die Vorbereitung des Weges des Herrn

Im Markus–Evangelium zeigt uns der Heilige Geist den Herrn Jesus in all seiner demütigen Gnade als den Knecht Jehovas. Trotzdem sollten wir uns immer daran erinnern, dass der Eine, der sich herabgelassen hat, um gehorsamer Knecht zu werden, nie aufhörte, die göttliche Person zu sein, die Er von Ewigkeit war, auch wenn Er demütiger Knecht in Gleichheit der Menschen wurde. Deshalb, um seine Herrlichkeit zu wahren, beginnt das Evangelium mit einem siebenfachen Zeugnis über die Größe seiner Person.

Vers 1. Der erste Zeuge ist der Schreiber des Evangeliums. Markus, der von dem Heiligen Geist benützt wird, um Den vor uns zu stellen, der sich selbst zu nichts machte und Knechtsgestalt annahm, beginnt sein Evangelium, indem er uns daran erinnert, dass "Jesus Christus, der Sohn Gottes« ist.

Verse 2,3. Zweitens werden die Propheten zitiert, die von der Herrlichkeit seiner Person Zeugnis gegeben haben. Sie haben nicht nur sein Kommen vorausgesagt, sondern auch seine Herrlichkeit angekündigt. Das Wort Jehovas zu Maleachi ist: "Siehe, ich sende meinen Boten, dass er den Weg bereite vor mir her. « Der Geist wendet diese Worte auf Christus an, denn Er sagt: »Siehe, ich sende meinen Boten vor deinem Angesicht her, der deinen Weg bereiten wird.« Der Herr Jesus des Neuen Testamentes ist der Jehova des Alten Testamentes (Mal. 3,1). Das zweite Zitat, von Jesaja, redet von der Zubereitung des Weges des Herrn. Also ist es wieder Jehova, dessen Weg zubereitet wird – denn Jesus ist Jehova (Jes. 40,3).

Verse 4–8. Das dritte Zeugnis über die Herrlichkeit des vollkommenen Dieners haben wir von Johannes, seinem Vorläufer. Einerseits bezeugt er den sündigen Zustand des Menschen und die Notwendigkeit der »Busse zur Vergebung der Sünden«. Anderseits legt er Zeugnis ab von der Herrlichkeit des Einen, der in demütiger Gnade als Knecht gekommen ist, um den Bedürfnissen der Menschen zu begegnen. Er stellt sich in der Wüste auf; »und es ging zu ihm hinaus das ganze jüdische Land und alle Bewohner von Jerusalem«. Jahrhunderte früher hatte der Herr zu dem Propheten gesagt: »Siehe, ich werde sie locken und sie in die Wüste führen und ihr zum Herzen reden« (Hos. 2,14). Es war, wie jemand gesagt hat: In der schönen, blühenden

Stadt konnte Er ihr nicht zum Herzen reden. Aber er lockte sie in die unfreundliche, unfruchtbare und öde Wüste, um dort zu ihrem Gewissen zu reden und das Herz zu gewinnen. Heute schlägt Gott oft diesen Weg ein, sowohl mit Sündern als auch mit Gläubigen. Wir suchen Behaglichkeit und Bequemlichkeit und finden dabei zu oft, dass unsere Herzen kalt und gleichgültig werden. Dann platzt der Herr mit Kummer und Prüfung herein, um zu unseren Herzen zu reden und unsere Blicke auf sich zu ziehen.

Um sich an das Gewissen zu wenden, zeigt Johannes, dass unsere Sünden die schöne Schöpfung in eine moralische Wüste verwandelt und den Menschen von Gott getrennt haben. Seine Lebensweise, getrennt von der Welt, stand in Übereinstimmung mit seinem Zeugnis. Vor allem zeugte er von der Herrlichkeit des Einen, der im Begriff stand zu kommen. Wenn der Eine, der >es nicht für einen Raub achtete, Gott gleich zu sein«, sich herabneigte, um Mensch zu werden und Knechtsgestalt anzunehmen, freute sich Johannes, der größte unter den Propheten, anzuerkennen, dass ein größerer Diener gekommen war, dessen er nicht würdig war, Ihm gebückt den Riemen seiner Sandalen zu lösen. Johannes mochte zwar mit Wasser taufen und durch dieses Zeichen des Todes das Volk von seiner Verbindung mit einer verderbten Weit lösen, Jesus aber würde mit Heiligem Geist taufen. Diese göttliche Person ist das Siegel dafür, dass die Gläubigen von nun an Christus angehören in einer neuen Welt.

Verse 9–11. Viertens haben wir das Zeugnis über die Herrlichkeit Christi durch die Stimme aus den Himmeln. In unendlicher Gnade unterwarf sich der Herr der Taufe und machte sich so eins mit dem treuen Überrest in der Trennung von der schuldigen Nation. Alsbald wurde die Stimme des Vaters gehört, welche die Herrlichkeit des »geliebten Sohnes« ausruft, an dem der Vater sein Wohlgefallen findet. Schon in früheren Tagen hatte Jehova durch den Propheten gesagt: »Siehe, mein Knecht, ... an welchem meine Seele Wohlgefallen hat: Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt« (Jes. 42,1). Also konnte die Stimme vom Himmel sagen: »Mein Knecht« ist »mein geliebter Sohn«. Es ist richtig gesagt worden: Er wurde mit dem Heiligen Geist versiegelt, wie wir es sind; Er, weil Er persönlich würdig war; wir, weil Er uns durch sein Werk und sein Blut dazu würdig gemacht hat.

Verse 12,13. Fünftens haben wir eine kurze Anspielung auf die Versuchung in der Wüste. Die Versuchung unserer ersten Eltern im Garten der Wonne brachte ihre Schwäche ans Licht, in der sie von Satan überwältigt wurden. Die Versuchung unseres Herrn in der Wüste wurde zu einem Zeugnis seiner unendlichen Vollkommenheit, in welcher Er Satan überwand.

Und sechstens zeugt die Schöpfung selbst von der Herrlichkeit seiner Person, denn wir lesen, dass Er >unter den wilden Tieren« war. Wie sehr die Tiere auch die Menschen fürchten mögen, sie haben keine Angst vor diesem gesegneten Menschen, denn Er ist in der Tat ihr Schöpfer.

Zuletzt lesen wir: »Die Engel dienten ihm.« Der Eine, welcher kam, um Diener zu sein, wird selbst von Engelheeren bedient. Er ist nichts weniger als »der Sohn«, »der Erstgeborene~, von welchem, wenn Er in die Welt kommt, gesagt wird: »Alle Engel Gottes sollen ihn anbeten« (Hebr. 1,5.6).

So erklären zu verschiedenen Zeiten Himmel und Erde, Propheten und Engel die Herrlichkeit Jesu als eine göttliche Person. Sie bereiten damit den Weg des Herrn zu dem niedrigen Platz vor, den Er im Begriff stand, als Diener unter Menschen einzunehmen.

Man wird bemerken, dass in diesem Evangelium weder ein Geschlechtsregister noch Einzelheiten seiner Geburt gegeben werden. Begebenheiten aus seinem frühen Leben werden keine erwähnt. Diese Einzelheiten, so kostbar und hilfreich von andern aufgeschrieben, würden schwerlich im Einklang weder mit dem Markus– noch mit dem Johannes Evangelium sein. Hier nimmt Er als Diener einen Platz unter allen Geschlechtsregistern ein, währenddem Er im Johannes–Evangelium als Sohn einen Platz über allen menschlichen Abstammungsregistern einnimmt.

Nachdem wir dem siebenfachen Zeugnis über die Herrlichkeit seiner Person gefolgt sind, werden uns in den weiteren, einleitenden Versen sowohl das Ereignis mitgeteilt, das den Weg für den Herrn vorbereitete, um in seinen öffentlichen Dienst einzutreten, als auch der Charakter seines Dienstes, sowie die unumschränkte Gnade, die andere erwählte, um seine Gefährten im Dienst zu sein.

Vers 14. Es ist bedeutsam, dass der Herr Jesus, nachdem Johannes überliefert war, hervortrat, um zu dienen. Die Natur hätte geltend machen können, dass, nachdem der Vorläufer verworfen worden, es nutzlos für Jesus sei, mit seinem Auftrag fort zu fahren. Aber Gottes Zeiten und Wege zu handeln sind sehr verschieden von denen der Menschen. Der Dienst des Johannes und auch seine Verwerfung waren eine Demonstration der Sünde und der Not des Menschen. Aber das bewies gerade die Notwendigkeit für einen Dienst der Gnade, der allein diesem Bedürfnis entsprechen konnte, und bereitete den Weg dafür vor. Als die Welt durch die Verwerfung Johannes' ihre Sünde bestätigte, machte Gott seine Gnade bekannt, indem Er den Herrn Jesus sandte.

Vers 15. In diesem Vers wird das große Ziel des Dienstes des Herrn, wie er im Markus–Evangelium aufgezeichnet ist, zusammengefasst. Er ist in der Mitte Israels gegenwärtig, um anzukündigen, dass das Reich Gottes nahe gekommen sei – ein Reich, das gekennzeichnet ist durch Gerechtigkeit, Frieden und Freude (Röm. 14,17). Schon Johannes war im Weg der Gerechtigkeit gekommen und überführte die Menschen von ihren Sünden. Nun war der Herr gegenwärtig – nicht um die Menschen für ihre Sünden zu richten – sondern in Gnade, indem Er die Menschen im Blick auf die frohe Botschaft, die die Vergebung der Sünden verkündigte, zur Busse aufrief.

Verse 16–20. Dann lernen wir die Gnade des Herrn kennen, die andere mit Ihm selbst im Dienst einsmacht. Er geht an den offiziellen Priestern, den studierten Schriftgelehrten und den religiösen Pharisäern vorbei und befasst sich mit einfachen Fischern. Simon ist einer, der sagen kann: »Silber und Gold habe ich nicht«, und von dem die Welt sagt, dass er ein »ungelehrter und ungebildeter Mann« sei (Apostelg. 3,6; 4,13). Fehlender Reichtum und Mangel an menschlicher Gelehrsamkeit sind keine Hindernisse, um ein Gefährte des Herrn zu sein, oder in seinem Dienst gebraucht zu werden. Trotzdem, so einfach die Berufung derer auch ist, die der Herr in seinen Dienst stellen mag, sind sie nicht arbeitslos. Diese einfachen Männer gingen ihrer Arbeit als Fischer nach, als der Herr sie rief, damit sie Menschenfischer würden. Der Dienst des Herrn soll nicht von denen übernommen werden, die nichts anderes zu tun haben.

Weiter müssen seine Diener für den Dienst ausgerüstet werden, und diese Ausbildung kann nur bei Ihm, in seiner Gegenwart, erlangt werden. Deshalb hören wir die Worte des Herrn: »Kommet mir nach, und ich werde euch zu Menschenfischern machen«. Das ist heute noch wahr, denn die Worte des Herrn bleiben bestehen: »Wenn jemand mir dient, so folge er mir nach« (Joh. 12,26). Wir mögen leider mit dem Glauben an das Evangelium zum Heil unserer Seele zufrieden sein und wenig von einem Wandel in der Nachfolge des Herrn auf dem Pfad des Glaubens und demütigen Gehorsams kennen, wodurch der Weg für den Dienst vorbereitet wird. Wir mögen nicht berufen sein, buchstäblich alles zu verlassen wie die Jünger, als der Herr auf dieser Erde lebte; aber wenn wir Ihm dienen wollen, kann es nur in der Gesinnung sein, worin Er der gesegnete Gegenstand unserer Seele ist. Es mögen nicht alle berufen sein, ihre tägliche Arbeit aufzugeben. Das ist tatsächlich nur der Pfad von einigen wenigen. Der Mehrzahl der Kinder Gottes wird zweifellos gesagt, in ihrem irdischen Beruf zu bleiben (l. Kor. 7,20). Trotzdem hat der Herr für alle einen Dienst, denn »jedem einzelnen von uns ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe des Christus« (Eph. 4,7). Dieser Dienst wird das Aufgeben aller Dinge einschließen, die uns in die Beschäftigungen des Lebens verstricken wollen. Er kann nur ausgeführt werden, wenn wir uns nahe an Ihn halten. Seitens dieser Jünger gab es eine sofortige Antwort auf den Ruf des Herrn, denn wir lesen: sie »folgten ihm nach«, und weiter: sie »gingen ihm nach«.

Kapitel 1,21–45 - Der vollkommene Diener

Der Weg des Herrn ist vorbereitet und die Gefährten seines Pfades des Dienstes sind ausgewählt worden. In dem nun folgenden Abschnitt werden uns gewisse Ereignisse mitgeteilt, die in sehr gesegneter Weise den vollkommenen Diener vorstellen. Die Herrlichkeit seiner Person gehört Ihm allein; aber in seinem Dienst haben wir das vollkommene Vorbild für jeden Diener des Herrn. Petrus gibt uns einen sehr schönen Abriss des Markus–Evangeliums, wenn er sagt: »Jesus, den von Nazareth, wie Gott ihn mit Heiligem Geiste und mit Kraft gesalbt hat, der umherging, wohltuend und heilend alle, die vom Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm« (Apg. 10,38). Wir sind allerdings nicht berufen, Wunder von Heilungen zu vollbringen. Aber wir sind berufen, Ihm in der Art seines Dienstes zu folgen.

Verse 21,22. In Begleitung seiner Jünger trat der Herr in die Synagoge von Kapernaum ein und lehrte am Sabbath. Sofort sehen wir ein hervorstechendes Kennzeichen des vollkommenen Dieners; denn wir lesen, dass Er im Gegensatz zu den Schriftgelehrten »lehrte wie einer, der Gewalt hat«. Sein Wort bestand nicht aus bloßen Erörterungen, die sich an die Vernunft wenden. Er sprach mit der Autorität eines Menschen, der die Wahrheit in überzeugender Macht verkündigt. In unseren Tagen und Verhältnissen werden wir aufgefordert, die gottgegebenen Gaben mit Autorität auszuüben, denn, sagt Petrus in seinem ersten Brief, »wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche Gottes« (Kap. 4,10.11). Wenn wir eine Lehre in Verbindung mit allen Behauptungen, die es dafür und dawider gibt, vorstellen und es dabei unseren Hörern überlassen, zu beurteilen, ob es die Wahrheit sei oder nicht, dann werden wir kaum mit Autorität reden, sondern vielmehr als solche, die nach der Wahrheit tasten. Wir sollen als solche reden, die aus Gnaden die Gewissheit der Wahrheit kennen, die sie verkündigen. Dies steht nicht im Widerspruch mit einer demütigen Gesinnung; denn es sind gerade die Niedriggesinnten, welche die Gedanken Gottes kennen lernen werden, denn wir lesen: »Er lehrt die Sanftmütigen seinen Weg« (Psalm 25,9).

Verse 23–28. Die Austreibung des unreinen Geistes offenbart ein anderes Kennzeichen des vollkommenen Dieners. Wenn Er mit Gewalt spricht, ist sein Wort von Kraft begleitet. Am Ort des religiösen Bekenntnisses befand sich ein Mann mit einem unreinen Geist. Für einen solchen ist die Gegenwart des Herrn Jesus unerträglich. So »schrie er auf und sprach: Lass ab!« Was immer auch die Unwissenheit des Menschen sein mag, die Dämonen wissen, dass dieser demütige Diener – Jesus von Nazareth – niemand weniger als der Sohn Gottes ist. Der Herr will jedoch nicht, dass der Teufel ein Zeugnis von Ihm ablegt. Deshalb bedroht Er den Dämon, bringt ihn zum Schweigen und gebietet ihm, von dem Mann auszufahren. Der Dämon muss, nachdem er seine Macht über den Mann gezeigt hat, indem er ihn zerrte und mit lauter Stimme schrie, sich der größeren Macht des Herrn unterwerfen und aus dem Mann ausfahren.

Die Zuschauer, die schon staunten, dass Er mit Gewalt lehrte, sind jetzt über die Kraft entsetzt, die sein Wort der Autorität begleitet und der sich sogar unreine Geister zu unterwerfen haben.

Verse 29–34. In der folgenden Begebenheit kommt noch ein anderer Zug des vollkommenen Dieners vor uns. Obwohl dieser Gesegnete alle Macht und Gewalt hat, ist Er doch für alte erreichbar. Wenn Er in das einfache Haus eines Fischers eintritt und dort jemand ist, der seiner heilenden Kraft bedarf, lesen wir: "Und alsbald sagen sie ihm von ihr.« Und etwas später, als die Sonne unterging, »brachten sie alle Leidenden und Besessenen zu ihm«. Mit den großen Männern dieser Weit ist es ganz anders. Je größer ihre Gewalt und Macht ist, um so weniger zugänglich sind sie für den Armen und Bedürftigen. Der Herr ist heute nicht anders als damals. Obwohl Er droben in der himmlischen Herrlichkeit ist, können wir Ihm alles sagen und Ihm alle unsere Sorgen und Nöte bringen.

Er heilte nicht nur Menschen von verschiedenen Leiden, Er befreite sie auch von der Macht der Dämonen. Aber währenddem Er seine vollständige Macht über die Dämonen offenbarte, »erlaubte Er den Dämonen nicht zu reden, weil sie ihn kannten«. Wie jemand gesagt hat: Er verweigerte ein Zeugnis, das nicht von Gott war. Es mochte wahr sein, aber Er wollte das Zeugnis des Feindes nicht annehmen.

Vers 35. Auf den arbeitsreichen Abend folgt ein früher Morgen, an dem es uns vergönnt ist, den Herrn zu sehen, wie Er lange vor Tagesanbruch hinausgeht an einen öden Ort, um zu beten. Da lernen wir, dass die Abhängigkeit von Gott, ausgedrückt durch das Gebet, ein anderes Merkmal des vollkommenen Dieners ist. Die Kraft des Dieners in der Öffentlichkeit wird im Gebet, das im Verborgenen geschieht, gefunden. Wir hören die Stimme des Herrn Jesus durch den Propheten, der diesen Augenblick vorausempfand, als er sagte: » Der Herr, Jehova, hat mir eine Zunge der Belehrten gegeben, damit ich wisse, den Müden durch ein Wort aufzurichten. Er weckt jeden Morgen, Er weckt mir das Ohr, damit ich höre gleich solchen, die belehrt werden« (Jes. 50,4). Wir haben den Herrn gesehen, wie Er die Zunge der Belehrten gebraucht hat. Jetzt sehen wir Ihn mit geöffnetem Ohr, um zu hören wie einer, der belehrt wird. So lernen wir, dass das Gebet sowohl hinter seiner Belehrung (V, 21) als auch hinter seinem Predigen stand (V. 39). Wie gut für uns, wenn wir dem vollkommenen Beispiel zu folgen trachten und unsern Tag mit Gott im Gebet beginnen, bevor wir unsern Mitmenschen in der Öffentlichkeit begegnen; denn es ist schwierig, im Betrieb und in der Hitze des Tages einen »öden Ort« zu finden.

Verse 36–39. Die Jünger gehen Ihm nach, und nachdem sie den Herrn gefunden haben, sagen sie: »Alle suchen dich.« Das bringt ein weiteres Merkmal des vollkommenen Dieners ans Licht – die Ablehnung reiner Beliebtheit. Die Natur mag einwenden, dass, wenn alle uns suchen, dies die Zeit sei zu bleiben; aber das war der Augenblick, in dem der Herr sagte: »Lasst uns anderswohin in die nächsten Flecken gehen.« Als der Knecht Jehovas war Er nicht hier, um Beliebtheit zu erlangen, sondern um den Willen Gottes zu tun.

Verse 40–42. Wir haben die Kraft des Dieners und das Geheimnis der Kraft gesehen. Jetzt dürfen wir die Gnade sehen, die diese Kraft dem gemeinsten Sünder zugänglich macht. Ein armer Aussätziger, der von seiner Not getrieben und durch eine Kraft angezogen wird, von der er merkt, dass sie seiner Not entsprechen kann, kommt zum Herrn. Aber er zweifelt, ob Seine Gnade die Kraft auch auf ihn anwenden will, dessen abscheuliche Krankheit ihn zu einem Ausgestoßenen der Menschen gemacht hat. So sagt er: »Wenn du willst, kannst du mich reinigen.« Wenn er auf Christus blickte, zweifelte er nicht an seiner Macht; betrachtete er aber sich selbst; stellte er die Gnade des Herrn in Frage. So geht es auch uns bisweilen, wenn wir die Schwärze unserer Herzen zu sehen bekommen. Dann stellen wir die Gnade seines Herzens in Frage, bis wir, wie der Aussätzige, in seiner Gegenwart entdecken, dass das Herz des Herrn Jesus »innerlich bewegt« ist gegenüber dem gemeinsten Sünder, der zu Ihm kommt. So fanden auch die Frau an der Quelle und der Räuber am Kreuz im Herrn Jesus den Einen, der das Schlimmste von ihnen wusste und doch Gnade in seinem Herzen für sie hatte. Seine Gnade ist größer als unsere Sünden. Im Fall des Aussätzigen zerstreut der Herr die Zweifel mit seinen Worten: »Ich will.« Sie drücken die Liebe und das Mitgefühl eines Herzens aus, das bereit ist, seine Macht zugunsten des bedürftigen Menschen zu gebrauchen.

Verse 43–45. Ein anderer schöner Zug des vollkommenen Dieners wird in dem gesehen, was folgt. Er sucht nicht seine eigene Ehre, sondern die Ehre Dessen, dem Er dient. So hören wir den Herrn zu dem geheilten Aussätzigen sagen: »Siehe zu, sage niemand etwas.« Dennoch muss er sich dem Priester zeigen, und so wird das Gesetz zu einem Zeugnis für die Gegenwart Gottes in Gnade. Unter dem Gesetz konnte Gott allein den Aussätzigen heilen, und der Priester konnte nur das bestätigen, was Gott getan hatte.

So zieht zu Beginn des Weges des demütigen Dienstes unseres Herrn seine Vollkommenheit als Diener an uns vorüber. Sein Dienst ist gekennzeichnet durch Autorität, begleitet mit Macht. Seine Kraft ist verbunden mit Zugänglichkeit für den Niedrigen und Bedürftigen und wird in Abhängigkeit von Gott ausgeübt. Er weigert sich, seine Macht zu benützen, um beliebt zu werden. Seine Macht ist verbunden mit zartem Mitgefühl, und Er gebraucht sie nie, um einfach sich zu erhöhen.

Kapitel 2 - Der Dienst des Herrn

In dem vorangegangenen Teil des Evangeliums haben wir den vollkommenen Diener gesehen. In diesem neuen Abschnitt wird uns die Vollkommenheit seines Dienstes vor Augen geführt, sowie der Glaube, der daraus Nutzen zieht, und auch der Widerstand, den er hervorruft. Es ist unser Vorrecht zu sehen, dass der Dienst des Herrn durch Gerechtigkeit und Gnade gekennzeichnet ist – Gerechtigkeit, die die Frage der Sünden erhebt (V. 1–12), und Gnade, die den Sünder segnet (V. 13–17). Ein solcher Dienst ruft sofort den Widerstand der Menschen auf den Plan; denn Gerechtigkeit, welche die Frage der Sünden aufwirft, beunruhigt das Gewissen, und Gnade, die den Sünder segnet, erregt den Anstoß des religiösen Stolzes.

Verse 1,2. Wir haben den Herrn und seine Jünger schon einmal in Kapernaum gesehen. Jetzt geht Er wieder in diese bevorzugte Stadt hinein, wo eine Volksmenge sich zusammenfindet, welcher der Herr das Wort verkündigt. Es sah tatsächlich so aus, als ob die Seelen verlangt hätten, die Wahrheit zu hören. Aber leider muss der Herr etwas später sagen: »Und du, Kapernaum, die du bis zum Himmel erhöht worden bist, bis zum Hades wirst du hinab gestoßen werden; denn wenn in Sodom die Wunderwerke geschehen wären, die in dir geschehen sind, es wäre geblieben bis auf den heutigen Tag. Doch ich sage euch: Dem Sodomer Land wird es erträglicher ergehen am Tage des Gerichts als dir« (Matth. 11,23.24). Es war in Kapernaum, wo der Mann von dem unreinen Geist befreit wurde. Dort wurde Simons Schwiegermutter geheilt. Dort war es auch, wo die an mancherlei Krankheiten Leidenden in Mengen zu Ihm gebracht und geheilt wurden. Dort empfing der Gelähmte die Vergebung seiner Sünden. Kapernaum war wirklich bis zum Himmel erhöht worden. Die Macht und Gnade des Himmels waren tätig. Doch im Blick auf die Masse war alles vergeblich. Wie in jenen Tagen, so ist es heute: Ein großer Zulauf bedeutet nicht, dass Seelen geübt und Gewissen erweckt sind. Das Kommen des Herrn in ihre Mitte war für sie ein sensationelles Ereignis, aber der Mangel an Busse angesichts eines solchen Dienstes ließ sie vor Gott in einer schlimmeren Lage als zuvor.

Verse 3,4. Trotzdem empfing man da, wo Glauben an Christus vorhanden war, den Segen. Das Werk Gottes wird nicht durch die Bewegung von Massen ausgeführt, sondern durch ein persönliches Werk in den einzelnen Seelen. Und da, wo Glaube vorhanden ist, werden die Schwierigkeiten überwunden. Der gelähmte Mann war in sich selbst hilflos und wurde deshalb »von vieren getragen«. Aber auch so konnten »sie wegen der Volksmenge nicht nahe zu ihm kommen«. Doch der Glaube überwindet jedes Hindernis.

Vers 5. Der Herr anerkennt ihren Glauben und sieht, wie immer in seinem Handeln mit uns, über die rein äußerlichen Nöte hinaus, die uns zu Ihm führen. Und so behandelt Er zuerst die Wurzel des Übels. Hinter der Krankheit dieses gelähmten Mannes steht wie bei allen Krankheiten die Frage der Sünde, wodurch Krankheit und Tod in die Welt gekommen sind. Es kann sein, dass der Mann und die, welche ihn brachten, bezüglich der Sünden wenig geübt waren. Trotzdem hatten sie Glauben an den Herrn, und sofort beantwortet Er diesen Glauben und beginnt den Segen für die zu entfalten, die glauben. So kann Er sagen: »Deine Sünden sind vergeben.«

Verse 6,7. In dem Augenblick, da der Herr seine Macht gebraucht, um Sünden zu vergeben, beginnt sich der Widerstand zu regen. Die Menschen hatten nichts dagegen, dass Dämonen ausgetrieben, Krankheiten geheilt und Aussätzige gereinigt wurden, denn diese Wunder befreiten den Menschen von körperlichen Leiden, ohne dass dabei sein Gewissen notwendigerweise beunruhigt wurde. Sobald Er aber direkt von Sünden redet, wird das Gewissen berührt und die Menschen beginnen zu widerstehen. Sie sagen: »Wer kann Sünden vergeben, als nur einer, Gott?« Ihr Einwand war grundsätzlich richtig, denn Gott allein kann Sünden vergeben. Aber die Anwendung war verkehrt, denn sie erkannten die Herrlichkeit der Person nicht, die gegenwärtig war – Gott geoffenbart im Fleisch.

Vers 8. Die kritisch Überlegenden werden ohne Entschuldigung gelassen, denn der Herr fährt fort, die Herrlichkeit seiner Person zu beweisen. Er zeigt, dass sie sich in der Gegenwart Dessen befinden, vor Dem keine Gedanken verborgen sind. Sie mochten noch kein Wort geäußert haben, aber alles war dem Herzenskenner bekannt. Wer kann sagen: »Was überleget ihr dies in euren Herzen?« Ist die Antwort auf ihre Überlegungen nicht die gleiche, die allen menschlichen Argumentationen gilt? Da, wo man kein Bedürfnis verspürt, wird die Herrlichkeit der Person Christi nicht erkannt.

Verse 9–12. Voll Gnade spricht der Herr ein anderes Wort, das seine göttliche Macht in einer Weise offenbart, weiche sogar die Natur würdigen kann. Er fragt, ob es leichter sei zu sagen: »Deine Sünden sind vergeben«, oder zu sagen: »Stehe auf, nimm dein Ruhebett auf und wandle.« In Wahrheit ist gesagt worden: Für Gott war beides gleich einfach und für einen Menschen beides gleich unmöglich. Damit die Menschen aber wissen möchten, dass der Herr die Macht hatte, Sünden zu vergeben, sagte Er zu dem gelähmten Mann: »Stehe auf, nimm dein Ruhebett auf und geh nach deinem Hause.« Dieses äußere Zeichen von Kraft bürgte für die innere Gabe der Gnade. Sofort sagte das Volk: »Niemals haben wir es also gesehen.«

Verse 13–15. Das Aussprechen der Vergebung von Sünden rief den Unwillen der jüdischen Führer hervor. Dieser Widerstand ist das erste Zeichen der totalen Verwerfung Christi, welche die Beiseitesetzung der Juden zur Folge hatte. Deshalb wird dies zu einer Gelegenheit, um in der Berufung Levis eine Andeutung der neuen Zeitperiode ans Licht zu bringen, die im Begriff stand, vom Herrn eingeführt zu werden, So lesen wir: »Er ging wiederum hinaus an den See. « Der See oder das Meer wird in der Schrift oft benützt, um Nationen darzustellen. Daher deutet dieser Ausdruck die große Wahrheit an, dass der Herr in kurzem der Mittelpunkt der Christenheit sein werde, zu dem sich Gläubige aus den Juden und Heiden versammeln würden. Die Aufforderung an Levi war: »Folge mir nach.« Außerdem macht die Tatsache, dass Levi ein Zöllner oder Steuereinzieher war, das große Merkmal des Christentums im Gegensatz zum Gesetz klar. Es gab in den Augen der Juden keine Beschäftigung, die entwürdigender und schändlicher gewesen wäre, als die eines Mannes, der seinen Lebensunterhalt dadurch verdiente, die überforderten Zölle für die verhassten Römer einzuziehen. Dass der Herr einen solchen rief, bedeutete eine große Gnade, die einen Menschen vom untersten Platz der Erniedrigung als Sünder zu dem höchsten Platz im Dienst des Herrn als Apostel erhob. Levi reagierte sofort auf den Ruf und machte in seinem Haus ein Fest, zu dem er viele Zöllner und Sünder einlud, damit sie dem Sünderheiland begegneten.

Vers 16. Eine solche Entfaltung der Gnade erregt den Widerstand derer, die durch den Hochmut des Verstandes und religiösen Stolz gekennzeichnet sind. Sie waren von der Gnade, die an ihnen vorbeiging, tief beleidigt. Sie verstanden nicht, wie sie sich eines Sünders annehmen konnte, der moralisch weit unter ihnen stand, um ihn hinsichtlich Segen und Kraft auf einen Platz weit über dem ihrigen zu stellen. Diese Widersacher begegneten Christus nicht, wie eine beunruhigte Seele es getan hätte. Sie wandten sich an die Jünger; und wie die Schlange das Vertrauen Evas in Gott zu erschüttern suchte, so bemühten sich diese Männer, das Vertrauen der Jünger in den Herrn ins Wanken zu bringen. Sie kamen mit einer Frage, die ihnen ganz vernünftig vorkommen musste: »Warum isst und trinkt er mit den Zöllnern und Sündern?«

Vers 17. Der Herr erledigt diese Frage mit einer einfachen Illustration: "Die Starken bedürfen nicht eines Arztes, sondern die Kranken.« Dann wendet Er die Illustration an, indem Er sagt: "Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.«

Sie spielten darauf an, dass der Herr sich mit Sündern verband. Seine Antwort zeigte, dass Er Sünder aus ihrer Umgebung herausrief, um Ihm nachzufolgen. Gnade gegenüber dem Sünder bedeutet nicht Gleichgültigkeit gegenüber seinen Sünden.

Vers 18. Aber die Pharisäer werden noch kühner. Sie hatten gedacht, das Vertrauen in den Herrn dadurch zu untergraben, dass sie mit Fragen über den Herrn zu den Jüngern gingen. Jetzt versuchen sie, Fehler bei den Jüngern zu finden, indem sie dem Herrn Fragen über seine Jünger stellen: »Warum fasten die Jünger Johannes' und die Jünger der Pharisäer, deine Jünger aber fasten nicht?«

Verse 19–22. Wieder braucht der Herr eine Illustration, um ihre Torheit aufzudecken. Wäre es geziemend, in der Gegenwart des Bräutigams zu fasten? Wäre es in ähnlicher Weise passend, in der Gegenwart Dessen, der nach allen Seiten hin Segen austeilte, zu fasten? Es würden die Tage kommen, da Christus nicht mehr länger gegenwärtig war. Ein ernster Gedanke für alle, die der Gnade widerstanden! Dann war das Fasten tatsächlich angebracht, aber nicht allein der Verzicht auf Speisen, sondern die Enthaltung von den Vergnügungen einer Welt, die Christus verworfen hatte. Wie immer, geht der Herr weiter, als nur ihre Frage zu beantworten. Er zeigt, dass ihre Frage ihre völlige Unfähigkeit aufdeckt, auf die neuen Wege Gottes in Gnade einzugehen. Das neue Wesen der Gnade, das sich im Leben, im Wandel und Handeln offenbart, konnte genauso wenig mit der alten Ordnung des Gesetzes vereinbart werden, wie man ein Stück von neuem Stoff nicht auf ein altes Kleid nähen wird. Ebenso kann das innere Leben und die Kraft dieses neuen Lebens nicht in dem alten Gefäß aufbewahrt werden. Neuer Wein verlangt neue Gefäße. Die Kraft und Energie des Heiligen Geistes kann auf das Fleisch keinerlei Wirkung haben. Der Herr war daran, etwas vollkommen Neues einzuführen, das im Vorbild durch das »neue Kleid«, den »neuen Wein« und die »neuen Schläuche« dargestellt wird. Wenn das Neue eingeführt ist, können wir nicht zu dem Alten zurückkehren. Leider hat die Christenheit versucht, dies zu tun, indem sie dem Christentum die Formen des Judentums beigefügt hat. Die Lehre der Gnade ist anerkannt worden, während man in der Praxis die Formen des Gesetzes angenommen hat.

Verse 23–29. In diesem Vorfall, der am Sabbath stattfand, sehen wir eine weitere Andeutung, dass das ganze System, durch den Sabbath verkörpert, im Begriff stand, beiseite gesetzt zu werden. Indem sie die Frage des Sabbaths aufwarfen, bekundeten die Pharisäer großen Eifer für die äußerliche Einhaltung eines Tages, während sie der Tatsache, dass der Herr des Sabbaths und seine Jünger hungerten, völlig gleichgültig gegenüber standen. Sie gaben vor, Gott zu verherrlichen und verwarfen im selben Augenblick seinen Zeugen. Der Herr erinnert sie an die Geschichte Davids und seiner Männer, die in den Tagen ihrer Verwerfung Hunger litten, und deckt dabei auf, wie weit sie von der Wirklichkeit entfernt waren. Angesichts dieser Umstände, da der Gesalbte Gottes verworfen war, gejagt wurde und hungerte, hörten die Schaubrote auf, ihren Wert vor Gott zu haben. Deshalb begingen David und seine Gefährten keine Sünde, obwohl sie durch das Essen der Schaubrote gegen den Buchstaben des Gesetzes handelten. So war es mit dem Sabbath. Er war zum Segen der Menschen gegeben, nicht um die Leiden hungernder Menschen noch zu erhöhen. Überdies »ist der Sohn des Menschen Herr auch des Sabbaths«; deshalb stand Er über dem Sabbath, den Er eingesetzt hatte.

So ist es uns geschenkt, im Lauf des Kapitels die Gerechtigkeit zu sehen, die die Frage der Sünden aufwirft, die Gnade, die Sünden vergibt und den Sünder ruft, und den Glauben, der den Segen empfängt. Dann sehen wir den Widerstand, den das natürliche Herz, wenn es sich selbst überlassen bleibt, immer gegen einen Dienst der Gerechtigkeit und Gnade erhebt. Zuletzt wird diese Haltung zur Gelegenheit, die Änderung der Haushaltung oder Zeitperiode, die bevorstand, aufzuzeigen.

Kapitel 3 - Die Änderung der Zeitperiode (Haushaltung)

Im vorigen Kapitel haben wir den vollkommenen Diener gesehen, wie Er durch seinen Dienst der Gnade und Kraft inmitten der jüdischen Nation Segen austeilte. Wir haben auch gesehen, dass, während dieser Dienst den Glauben eines treuen Überrestes ans Licht brachte, er auch die Feindschaft der Führer des Volkes erregte. Sie wagten es, den Herrn der Lästerung, des Umgangs mit Sündern und des Nichteinhaltens des Sabbaths zu beschuldigen.

Dieser Widerstand warf seine Schatten auf den großen Wechsel in der Haushaltung voraus, der kurz bevorstand. Die Juden, die ihren Messias verwarfen und die Sünde gegen den Heiligen Geist verübten, die nicht vergeben werden kann, werden beiseite gesetzt, und die Gnade wird zu den Nationen ausfließen. Die alte Ordnung unter dem Gesetz im Judentum wird der Herrschaft der Gnade unter dem Christentum Platz machen. Diese Änderung der Zeitperiode wird in diesem neuen Abschnitt des Evangeliums durch eine Reihe von Ereignissen angedeutet. Sie spielen sich in der Synagoge (V. 1–6), am See (V. 7–12), auf dem Berg (V. 13–19) und in einem Haus (V. 20–35) ab. Jeder Ort und jede Szene haben ihre besondere Bedeutung.

Verse 1–6. Bei der ersten Begebenheit wird uns gesagt, dass der Herr »wiederum in die Synagoge ging«. Auf diese Weise machte Er seine Gegenwart in der Mitte des jüdischen Volkes klar; denn die Synagoge war der Platz des Zusammenkommens derer, die unter Gesetz waren. Welch ein interessanter Vorgang spielt sich in dieser Synagoge zu Kapernaum ab! Gottes vollkommener Diener – der Herr der Herrlichkeit – ist in Kraft gegenwärtig, um zu segnen, und mit Gnade in seinem Herzen, um die Macht für den Bedürftigen zu gebrauchen. Der Mensch ist dort mit all seiner tiefen Not, aber unfähig, sich selbst zu helfen, denn seine Hand ist verdorrt. Der religiöse Mensch ist zugegen, aber ohne Empfindung für seine Bedürfnisse, ohne die Herrlichkeit des Herrn zu erkennen und gleichgültig gegenüber der Not anderer.

Von diesen Pharisäern lesen wir, dass »sie auf ihn lauerten~~, nicht um von seinen Wegen und der Gnade seines Herzens zu lernen, sondern in der Hoffnung, dass Er in der Heilung des armen, bedürftigen Mannes, der zugegen war, »am Sabbath« Gutes tun Würde. Das gab ihnen eine Gelegenheit, die Anklage, Er arbeite am Sabbath, gegen den Herrn vorzubringen. Welch ein Zeugnis der Vollkommenheit Christi, dass seine Feinde nichts Böses von Ihm erwarteten, sondern auf sein Gutestun zählten! Ist es in unsern Tagen nicht ähnlich? Die Weltmenschen geben unbewusst der Wahrheit des Christentums Zeugnis, da sie von den Christen erwarten, dass sie Gutes tun und anders handeln als sie. Wenn das Christentum wirklich verkehrt sein soll, warum erwarten dann die Ungläubigen von den Christen, dass diese besser handeln als sie selbst?

Wenn der Herr nicht der Sohn Gottes und der Knecht Jehovas war, warum erwarteten denn diese Juden von Ihm, dass Er diesen Mann heile? Unbewusst zeugten sie von der Gnade seines Herzens und von der Verhärtung ihrer eigenen Herzen. Nachdem wir sahen, dass der Herr wusste, was in ihren Herzen war, und dass sie eine Gelegenheit suchten, gegen Ihn aufzutreten, wäre es uns als vorsichtig erschienen, den Mann nicht in der Öffentlichkeit zu heilen. Auf diese Weise wäre diesen bösen Männern die Gelegenheit entzogen worden, die sie suchten. Aber der Herr war hier, um die Gnade Gottes zu offenbaren. Deshalb fährt Er fort, in aller Öffentlichkeit zu handeln. Er fordert den Mann auf, in Gegenwart aller aufzustehen. Durch seine Frage gibt der Herr den Menschen die Möglichkeit, ihre Schwierigkeiten bezüglich der Heilung am Sabbath vorzubringen. Doch wir lesen: »Sie aber schwiegen.« Dieses Schweigen war nicht die demütige Gnade, die den Herrn kennzeichnete, der auf die Beleidigungen nie ein Wort erwiderte. Es war ein taktisches Schweigen, das, deutlicher als Worte, den ohnmächtigen Hass ihrer Herzen enthüllte. Der Herr blickte mit gerechtem Zorn auf sie umher. Aber hinter dem Zorn stand Schmerz. Er war betrübt über die Verstockung ihrer Herzen, die gegenüber der Not des Mannes völlig gleichgültig war, aber auch vollkommen hilflos, ihr zu begegnen, die dafür dem Einen, der sowohl die Gnade als auch die Macht hatte zu segnen, bitter widerstand. Als Folge davon waren die Menschen, die dem Herrn nicht erlauben wollten, am Sabbath Gutes zu tun, ohne weiteres bereit, Böses zu tun. Sie hatten Ihn schon beobachtet, um Ihn anzuklagen; jetzt hielten sie Rat, den Segnenden umzubringen.

Verse 7–12. Die Bosheit der Juden kann die Gnade des Herrn nicht aufhalten, noch seinen Dienst der Liebe hemmen. Sie lenkt diesen Dienst in der Tat in andere Kanäle und wird zur Gelegenheit, dass die Gnade weitere Kreise erreichen kann. Diese Änderung der Wege Gottes wird dadurch angedeutet, dass der Herr die Synagoge – das jüdische Zentrum – verlässt und seinen Platz am See einnimmt, der in der Schrift oft als Bild für die Nationen gebraucht wird. Die Verwerfung Christi durch die Juden öffnet die Tür zum Segen der Nationen.

Weiter haben wir in dieser neuen Stellung einen Hinweis auf die neuen Grundsätze, die den Tag der Gnade kennzeichnen. Die Juden in der Synagoge wurden durch das Sichtbare geleitet: »Sie lauerten auf ihn.« Ihre Herzen wurden für ihre eigene Notlage verhärtet und mit Feindschaft gegen den Einen erfüllt, der allein ihren Bedürfnissen hätte begegnen können. Im Gegensatz dazu wird am See eine große Menge, die auch Heiden umfasst, vom Herrn angezogen, »als sie gehört hatten, wie vieles er tat«. Der Glaube kommt aus der Verkündigung und ist die Folge des Bewusstseins der eigenen Not. Wenn diese Menschen einerseits durch die Gnade Christi zu Ihm gezogen wurden, so wurden sie anderseits auch durch ihre eigene Not zu Ihm getrieben. Alle, weiche Plagen hatten, drängten sich herzu. Salomo spricht in seinem Gebet von jedem, der "die Plage seines Herzens« erkennt, und zeigt den einzigen Weg, auf dem es Erleichterung gibt: indem man sie vor Gott ausbreitet (l. Kön. 8,38). Eine Plage des Herzens ist etwas, das nur dem einzelnen bekannt ist. Sie tritt auf und verdirbt ihm die Freude. Es kann eine ungelöste Frage sein, die zwischen der Seele und Gott besteht; oder eine verborgene Sünde, die man nicht bekannt hat. Der Glaube, der die Gnade, die im Herzen Christi ist, erfasst, kann die Plage vor Ihm ausbreiten und Befreiung von jedem bösen Einfluss finden.

Verse 13–19. Wieder ändert der Ort der Handlung vom See auf den Berg. Der Herr war mit den Juden in ihrer Synagoge, nur um eine verdorrte Hand, harte Herzen und tödliche Feindschaft zu finden. Er war am See der Mittel– und Anziehungspunkt für bedürftige Seelen aus den Juden und Heiden. Jetzt werden wir über die Welt des Menschen erhöht, um auf dem Berg etwas von den neuen Wegen Gottes zu lernen. In der unumschränkten Wahl der Zwölfe sehen wir die Grundlage für die neue Ordnung des Segens gelegt, die kurz vor ihrer Einführung stand. Die Versammlung ist aus Juden und Nationen herausgerufen und aufgebaut worden >auf die Grundlage der Apostel und Propheten, indem Jesus Christus selbst Eckstein ist« (Eph. 2,20). Wenn wir schließlich die Beschreibung der Versammlung in Herrlichkeit haben, finden wir auf den Grundlagen der Stadt die Namen der zwölf Apostel des Lammes (Offb. 21,14).

Dieses neue Werk entspringt nicht der Verantwortung des Menschen. Es ist ganz von Gott. Nachdem der Herr sich von dem Menschen und seiner Welt getrennt hat, ruft Er, entsprechend seiner unumschränkten Wahl, herzu, »welche er selbst wollte«. Er ruft sie, Er bestellt sie, sendet sie aus und gibt ihnen Gewalt. Vor allem aber sind sie ausgewählt, "auf dass sie bei ihm seien«. Das größte und innigste Verlangen seines Herzens ist, sein Volk bei sich zu haben. Hier jedoch wird es in besonderer Weise im Blick auf den Dienst gesehen, dessen einzige wahre Vorbereitung nur in der Gegenwart des Herrn erfolgen kann. So konnte der Herr bei einer früheren Gelegenheit sagen: »Kommet mir nach, und ich werde euch zu Menschenfischern machen.« (Und später wieder: »Wenn mir jemand dient, so folge er mir nach« (Joh. 12,26).) Um zu Christus zu gelangen, müssen wir uns wie Er von der Welt trennen und Ihm auf den Berg folgen. Von dort, aus seiner Gegenwart, an dem abgesonderten Platz, werden sie ausgesandt, das Evangelium zu predigen. Das war etwas ganz Neues. Im jüdischen System gab es wohl das Lesen und Auslegen des Gesetzes in ihren Synagogen. Aber es gab keine Verkündigung. Diese neue Sache wurde in Verbindung mit der Gewalt, Krankheiten zu heilen und Dämonen auszutreiben, eingeführt. Nicht nur Christus selbst vollbringt Wunder, Er kann auch andern die Gewalt geben, sie auszuführen.

Verse 20–21. Nachdem der Herr die Jünger mit sich verbunden hat, tritt Er jetzt in ein Haus ein. In Verbindung mit dem Haus haben wir die Beziehungen des Herrn nach dem Fleisch. Wenn wir auf dem Berg die Grundlage für das gelegt fanden, das vollkommen neu ist, lernen wir im Haus, dass der Herr nicht mehr länger irgendeine Verbindung zwischen Ihm und Israel nach dem Fleische anerkennt. Seine Angehörigen fühlten die Schmach, mit dem Einen verbunden zu sein, der von ihren Führern verworfen worden war und dessen Lehre und Praxis die Welt verurteilte. Da sie nicht bereit waren, die Schmach Christi auf sich zu nehmen, versuchten sie Ihn zurückzuhalten, denn sie sagten: »Er ist außer sich.« Sie ließen vermutlich alle die harten Dinge, die ihre Führer über Ihn sagten, gelten, aber sie sagten: »Er ist nicht bei sich« und sollte in Gewahrsam genommen werden.

Vers 22. Die Schriftgelehrten von Jerusalem, die aufgrund ihrer offiziellen Stellung und ihrer geistigen Überlegenheit Macht und Einfluss auf das Volk hatten, wollten den Vorwand von Wahnsinn nicht annehmen. Sie wussten, dass es nicht der kranke Geist eines Wahnsinnigen war, der seine ganze Energie auf ein Ziel konzentriert, sondern eine wirkliche Macht, die Dämonen austrieb. Sie wussten, dass es eine Macht war über der des Menschen. Sie wollten nicht zugeben, dass sie von Gott war, und deshalb waren sie gezwungen, seine Macht dem Teufel – der einzigen anderen Macht – zuzuschreiben.

Verse 23–30. Diese schreckliche Beschuldigung besiegelte ihr Schicksal. Und doch mit weich vollkommener Ruhe und Gnade begegnet der Herr dieser Bosheit. Auf dem Berg hatte der Herr soeben die Zwölfe zu sich gerufen, um sie im Segen mit sich zu verbinden. Nun ruft Er seine Feinde zu sich, um ihnen ihr Schicksal anzukündigen. Weich ein ernster Gedanke! Der Eine, der in Gnaden ruft, wird einst zum Gericht rufen. Der Herr zeigt, dass ihre Schuld nicht nur unwissende Torheit ist, sondern bewusste Lästerung gegen den Heiligen Geist. Hier war Einer, der stärker war als der Starke, der ihm seinen Hausrat raubte und damit zeigte, dass Er den Starken gebunden hatte. Alle diese Macht wurde durch den Herrn Jesus in der Kraft des Heiligen Geistes ausgeübt (vgl. Apg. 10,38). Seine Macht dem Teufel zuzuschreiben, hieß, den Heiligen Geist als einen Dämon bezeichnen. Das war eine Sünde, die nicht vergeben werden konnte. Es war das Ende aller Hoffnung für Israel auf dem Boden der Verantwortlichkeit. Das ist also der ernste Höhepunkt für den ganzen gnädigen Dienst des Herrn in dieser Welt. Der Mensch kann in der Tätigkeit der göttlichen Güte nichts als Wahnsinn und das Werk des Teufels sehen.

Verse 31–35. Die ernste Szene, die nun folgt, ist die schreckliche Folge für das jüdische Volk. Jede Beziehung mit Israel nach dem Fleisch wird abgelehnt. Jede Verbindung mit dem Volk ist abgebrochen. Gleichzeitig hebt der Herr einen Überrest hervor, der in Beziehung zu Ihm steht, aber nicht aufgrund seiner natürlichen Verbindung mit Israel, sondern durch den Glauben an sein Wort (siehe Joh. 6,39.40).

Kapitel 4 - Frucht für Gott und Licht für den Menschen

Im vierten Kapitel des Markus–Evangeliums haben wir vier Gleichnisse und das Ereignis des Sturmes auf dem See. Zusammen geben sie uns ein vollständiges Bild des Dienstes des Herrn auf Erden bei seinem ersten Kommen, sowie das Ergebnis dieses Dienstes, wenn er während der Zeit der Abwesenheit des Herrn der Verantwortung der Menschen überlassen wird.

Verse 1–20. Die Verwerfung Christi durch die jüdischen Führer und der sich daraus ergebende Abbruch aller Beziehungen mit Israel nach dem Fleisch von Seiten Christi, wie dies in Kapitel 3 gezeigt wird, ist die Veranlassung, den wahren Charakter des Dienstes des Herrn zu offenbaren. Bis zu diesem Augenblick mag es geschienen haben, dass Er in seinem Dienst der Gnade Frucht von Israel gesucht habe. Durch das Gleichnis vom Sämann wird es nun offenkundig, dass Er in Wirklichkeit ein Werk tat, um Frucht hervorzubringen. Sein Dienst war tatsächlich ein Prüfstein für Israel, der bewies, dass vom gefallenen Menschen keine Frucht für Gott zu erwarten ist. Wenn es irgend Frucht geben soll, dann kann dies nur durch Gottes eigenes Werk in den Herzen der Menschen hervorgebracht werden, wie dies durch das Säen des Samens vorgestellt wird.

Wenn ein Werk Gottes nötig ist, kann es überdies nicht auf ein Volk beschränkt bleiben. Es zeigt sich, dass der Jude genauso bedürftig ist, wie der aus den Nationen. Beide sind gleich hilflos, wenn es um das Erlangen ihrer eigenen Segnung geht. Deshalb hat der Dienst des Herrn in Gnade die ganze Welt im Auge. Diese Wahrheit wird durch die Tatsache angedeutet, dass Er »wiederum anfing, am See zu lehren«.

In der genauen Auslegung des Gleichnisses müssen wir alle erkennen, dass der Herr der Sämann und der Same das Wort Gottes ist. Deshalb ist der Sämann vollkommen, das Säen fehlerlos und der Same gut. Trotzdem werden in drei von vier Fällen, aufgrund der Bodenbeschaffenheit, keine bleibenden Ergebnisse hervorgebracht. Das Gleichnis zeigt, dass bei der Verkündigung des Evangeliums vier verschiedene Arten von Zuhörern die Botschaft aufnehmen können. In der Sprache des Gleichnisses gibt es also Hörer, deren Herzen einem Weg, steinigem Boden, dornigem Boden oder guter Erde gleichen. Jene Hörer, die einem Weg gleichen, sind solche, die hören, ohne dass das Gewissen erreicht wird. Es ist, wie wenn der Same auf eine harte Strasse fällt und nicht unter die Oberfläche dringen kann. Die Vögel in der Luft können diesen Samen leicht aufpicken. So kann Satan das wegnehmen, was für den Menschen nur von vorübergehendem Interesse ist, ohne dass das Gewissen berührt wird.

Der Same, der auf steinigen Grund fällt, geht auf, so dass man schon ein Pflänzlein sehen kann. Aber unter der Hitze der Sonne verdorrt es, weil es keine tiefe Erde gibt. Der Herr erklärt, dass dieser Boden jene darstellt, die, wenn sie das Wort gehört haben, es sofort mit Freuden aufnehmen, ohne dass ein Werk Gottes in ihren Seelen stattfindet. Es ist kein gutes Zeichen, wenn eine Seele, ohne vorherige Herzensübungen, das Wort mit Freuden aufnimmt. Wenn sich Gott mit einem Menschen beschäftigt, befasst Er sich mit dem Gewissen, indem Er ein Empfinden für Sünde und Schuld weckt. Daher ist die erste Wirkung des Wortes nicht Freude, sondern Betrübnis. Das führt zu Selbstgericht und Busse gegenüber Gott. Durch das Selbstgericht lichtet sich die Dunkelheit und das Licht Gottes dringt in das finstere Herz und bewirkt Übungen, denen die Liebe Gottes begegnet. Sie weckt Vertrauen, wenn das Licht sein Werk getan hat.

Der dritte Fall beschreibt jene Hörer der guten Nachricht, bei denen das Wort erstickt wird und keine bleibenden Resultate erzeugt. In jedem Fall spricht der Herr von solchen, die das Wort gehört haben, nicht von solchen, die das Evangelium noch nie gehört haben. Das Hören des Wortes deutet hier auf ein gewisses Bekenntnis hin, das vermuten lässt, man habe es mit einer echten Bekehrung zu tun, bis das Gegenteil sich beweist. Hörer, die dem dornigen Boden gleichen, stellen jene dar, die von der Sorge um die gegenwärtigen Dinge so erdrückt werden, oder im Verfolgen weltlicher Dinge so aktiv sind, dass ihr Bekenntnis verschwindet. Die Lust nach andern Dingen erstickt das Eine, das Not tut. Der Arme mag von den Sorgen erdrückt werden, der Reiche vom Betrug des Reichtums. Wie ernst für einen Menschen, durch die Sorgen zugrunde oder durch die Reichtümer verloren zu gehen! Was wird es einem Menschen nützen, wenn er die ganze Welt gewönne, aber seine Seele einbüsste?

Der letzte Fall sind Hörer, deren Herz der guten Erde gleicht. Guter Boden ist immer zubereiteter Boden. Das Gewissen ist erreicht worden, und als Folge davon wird Frucht hervorgebracht, aber von unterschiedlichem Maß, einige dreißig-, einige sechzig– und einige sogar hundertfältig. Die Dinge, die für den Ungläubigen verhängnisvoll sind, können die Fruchtbarkeit des wahren Gläubigen schwerwiegend behindern.

Vers 21. Aus dem zweiten Gleichnis lernen wir, dass der, welcher den guten Samen des Wortes im Herzen aufgenommen hat, befähigt und verantwortlich ist, ein Zeuge vor Menschen zu sein. Das, was Frucht für Gott ist, wird zum Licht für den Menschen. Das Leuchten des Lichts ist nicht die Frage einer Gabe, noch die Ausübung einer Gabe im Predigen und Lehren, sondern vielmehr das neue Leben, das etwas von Christus zum Ausdruck bringt. Wir sollten Christus ähnlich sein, »tadellos und lauter, unbescholtene Kinder Gottes, inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts, unter welchem ihr scheinet wie Lichter in der Welt« (Phil. 2,15).

Der Herr warnt uns vor den Hinderungsgründen, die die wirksame Entfaltung des Samens hemmen. So kann auch das Licht im Ausstrahlen zu andern behindert werden, obwohl das Wort ein wirkliches Werk im Herzen zustande gebracht hat. Ebenso wie der Same durch die Sorgen dieses Lebens oder den Betrug des Reichtums erstickt werden kann, so kann auch das Licht durch zweierlei Dinge verdunkelt werden. Einerseits kann unser Leben in unserer täglichen Beschäftigung völlig aufgehen, was durch den Scheffel angedeutet wird. Anderseits besteht die Gefahr, dass wir nur unsere Bequemlichkeit suchen, was uns im Bett dargestellt wird. Der Christ wird nicht als das Licht, sondern als der Lichtträger gesehen. Christus ist das Licht, der Christ ist das Lampengestell, der Lichtträger.

Vers 22. Am Ende wird offenbar, wie weit wir treu oder untreu waren im Ablegen eines Zeugnisses für Christus. Das Geheimnis, für Christus leuchten zu können, ist, Christus im Herzen zu haben. Wie jemand gesagt hat: »Wenn das Herz nicht von Christus erfüllt ist, wird die Wahrheit nicht geoffenbart; solange das Herz voll von andern Dingen, z.B. voll vom eigenen Ich ist, kann Christus nicht gesehen werden. «

Vers 23. Wie können unsere Herzen nun von Christus erfüllt sein? Die Ermahnung des Herrn zeigt, dass, wenn wir andere belehren möchten, wir zuerst selbst zuhören müssen. »Wenn jemand Ohren hat zu hören, der höre!« Der Herr selbst kann durch den Propheten sagen: »Der Herr, Jehova, hat mir eine Zunge der Belehrten gegeben, damit ich wisse, den Müden durch ein Wort aufzurichten. Er weckt jeden Morgen, er weckt mir das Ohr, damit ich höre gleich solchen, die belehrt werden« (Jes. 50,4). Um eine Zunge der Belehrten haben zu können, müssen wir zuerst das Ohr eines Lernenden haben. Wenn wir wissen möchten, wie wir den Müden durch ein Wort aufrichten können, müssen wir zuerst das Wort von Dem hören, der nie müde wird. Wie Maria von Bethanien müssen wir zu seinen Füssen sitzen, um sein Wort zu hören, bevor wir andern gegenüber ein Zeugnis ablegen können.

Verse 24,25. Außerdem werden wir selbst gesegnet werden, wenn wir vor andern ein Zeugnis sind; denn der Herr kann sagen: »Mit welchem Masse ihr messet, wird euch gemessen werden. « Je mehr wir den andern geben, um so mehr wird uns gegeben werden. Wenn wir das Licht, das wir besitzen, scheinen lassen, werden wir mehr Licht empfangen. Jemand hat richtig gesagt, das Gesetz des Himmels sei »Zunahme durch Ausstreuen«. Aber lasst uns auch daran denken, dass wir unser Licht verlieren werden, wenn wir es nicht brauchen. Wir verlieren nicht das Leben, sondern das Licht.

Verse 26–29. Der Herr benützt noch ein drittes Gleichnis, um klarzumachen, dass das Zeugnis des Gläubigen während der Zeit seiner Abwesenheit abgelegt wird. Das Reich Gottes stand im Begriff, die Form anzunehmen, in welcher der König abwesend sein würde. Es ist, wie wenn ein Mensch, nachdem er den Samen auf die Erde ausgestreut hat, bis zur Zeit der Ernte nichts mehr unternimmt. Der Herr hat bei seinem ersten Kommen persönlich den Samen gesät. Am Ende des Zeitalters, wenn das Gericht dieser Welt reif sein wird, wird Er persönlich wiederkommen. Zwischen seinem ersten und zweiten Kommen weilt der Herr zur Rechten Gottes. Obwohl Er in Gnade für sein Volk tätig ist, greift Er doch nicht öffentlich und direkt in das Geschehen dieser Weit ein. Der Same jedoch, den der Herr gesät hat, wächst und bringt Frucht.

Verse 30–34. Das letzte Gleichnis stellt die Resultate des Aussäens dar, wenn es der Verantwortlichkeit des Menschen überlassen ist. Das Christentum, das in seinen Anfängen sehr klein war in den Augen der Menschen, »wie ein Senfkorn«, wurde in der Hand des Menschen eine große Macht auf Erden. Aber in seiner Größe wurde es zu einem Schutz für das Böse. "So dass unter seinem Schatten die Vögel des Himmels sich niederlassen.« Das, was zu Beginn Seelen aus der Welt herausführte und um den Herrn versammelte, wird am Ende ein großes System, das jede böse Sache schützt.

Verse 35–41. Die Begebenheit des Sturmes auf dem See stellt ein Bild vor, das die Belehrung des Kapitels vervollständigt. Wir haben den Herrn gesehen, wie Er den guten Samen sät, und haben dann gelernt, dass jene, in deren Herzen der Same wirksam wurde, in dieser Welt gelassen sind, um ein Licht für Christus zu sein. Durch das dritte Gleichnis sind wir belehrt worden, dass dieses Zeugnis während der Abwesenheit Christi stattfindet. Im letzten Gleichnis sahen wir, dass sich während seiner Abwesenheit ein ausgedehntes religiöses Bekenntnis entwickeln würde, das jedem Bösen Schutz bietet. Jetzt sehen wir, dass dem Volk des Herrn in einer solchen Welt Schwierigkeiten begegnen werden. Aber der Herr, obwohl für das Auge abwesend, ist dem Glauben gegenwärtig. Er steht über allen Stürmen, denen sein Volk begegnen muss.

Die ergreifende Episode beginnt mit den Worten des Herrn: >Lasst uns übersetzen an das jenseitige Ufer.« Die letzten Worte an Petrus, bevor der Herr diese Weit verließ, waren: »Folge du mir nach.« Durch unsere Bedürfnisse wurden wir zu Ihm hingezogen, und Er selbst zog uns durch seine Gnade. Nun folgen wir Ihm auf einem Weg, der »auf die andere Seite« führt – in die unendliche Herrlichkeit, wohin Er gegangen ist. Wenn wir jedoch mit Ihm unterwegs sind, werden wir Widerstand zu erwarten haben, denn der Teufel ist immer in Feindschaft gegen Christus. So lesen wir denn: » Und es erhebt sich ein heftiger Sturmwind.« Dennoch, der Herr Jesus war mit ihnen, aber Er »schlief auf einem Kopfkissen«. Wie in dem Gleichnis war Er wie einer, der schlief, nachdem Er den Samen gesät hatte (V. 27). So schlief Er tatsächlich im Sturm, und es schien, als seien Ihm die Nöte seines Volkes gleichgültig. Solche Umstände werden zu einer wirklichen Erprobung unseres Glaubens. Wie die Jünger mögen wir anfangen zu fragen, ob Er sich überhaupt um uns kümmere. Aber wenn solche Umstände zugelassen werden, um unsern Glauben zu prüfen, werden sie auch zu einer Gelegenheit, um die Überlegenheit des Herrn Jesus über alle Schwierigkeiten, denen wir zu begegnen haben, zu offenbaren. Wie damals, als Er »aufwachte, den Wind bedrohte und zu dem See sprach: ~Schweig, verstumme!–, so kann Er heute zu seiner Zeit und auf seine Weise jeden Sturm stillen und uns in »eine große Stille« bringen. Im Geist dieses eindrücklichen Bildes konnte der Apostel den Gläubigen in Thessalonich schreiben: >Er selbst aber, der Herr des Friedens, gebe euch den Frieden immerdar auf alle Weise! Der Herr sei mit euch allen~ (2. Thess. 3,16). Der Glaube weiß, dass, wie immer auch die Stürme sein mögen, die uns begegnen, der Herr mit uns ist, um uns zu allen Zeiten und in allen Lagen seinen Frieden zu geben. Wenn wir mit »dem heftigen Sturmwind und den Wellen«, die in unser kleines Schiff schlagen, beschäftigt sind, mögen wir Christus vergessen und selbstsüchtig nur an uns denken. Dann werden wir wie die Jünger sagen: »Wir kommen um.« Aber wird irgendein Sturm, den der Teufel entfachen kann, je die Ratschlüsse Gottes mit Christus und seinem Volk vereiteln können? Nein, nicht eines seiner Schafe wird je umkommen; alle werden schließlich nach Hause gebracht werden. Das Problem der Jünger, das auch oft das unsrige ist, liegt darin, dass wir ein zu schwaches Bewusstsein von der Herrlichkeit der Person haben, die mit uns ist. Sie hatten nur eine schwache Ahnung, dass der Mensch, der mit ihnen war, auch der Sohn Gottes war.

Kapitel 5 - Die persönliche Segnung einzelner Menschen

Wir haben den vollkommenen Diener gesehen, wie Er den guten Samen sät. Jetzt ist es uns geschenkt, eine andere Form seines Dienstes zu sehen – das Wirken im Umgang mit einzelnen Seelen. In diesem gnädigen Dienst sehen wir nicht nur die geistliche Segnung der Herzen, sondern auch die göttliche Macht, die Teufel, Krankheit und Tod überwindet. Somit wird klar, dass in der Person des Herrn Gott in Gnade und Macht gegenwärtig war, um den Menschen von den Auswirkungen der Sünde zu befreien. Aber ebenso klar tritt zutage, dass der natürliche Mensch die Gegenwart Gottes unerträglich findet.

Verse 1–5. In der Geschichte des Besessenen wird uns zuerst die völlige Gebundenheit des Menschen an die Macht Satans lebhaft vorgestellt. Wir sehen einen Menschen, >der seine Wohnung in den Grabstätten hatte". Wo die Menschen wohnen, da sterben sie auch, und so wird nahe bei ihren Wohnungen immer auch ein Friedhof mit Gräbern gefunden werden, eine ständige Erinnerung für uns, dass diese Welt unter dem Schatten des Todes steht. Die ganze Macht Satans geht darauf aus, Menschen in den Tod zu treiben. »Der Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu schlachten und zu verderben (Joh. 10,10). Er will uns jeder geistlichen Segnung berauben, den Körper zerstören und die Seele verderben.

Zweitens zeigt die Geschichte die völlige Hilflosigkeit des Menschen, sich selbst oder andere von der Macht Satans zu befreien. Alle Bemühungen, die Gewalttätigkeit dieses armen Mannes zurückzuhalten oder ihn zu bändigen, waren vergeblich. So versagt heute jeder Versuch vollständig, das Böse zurückzuhalten oder das Fleisch zu verbessern, um die Welt von ihrer Gewalttat und ihrem Verderben, sowie von der Macht Satans zu befreien, oder das Fleisch zu verändern.

Verse 6–13. Drittens lernen wir, dass, obwohl wir verdorben und hilflos sind, es in der Person Christi doch Einen gibt, der die Macht und Gnade hat, uns von der ganzen Macht Satans zu befreien. Der arme Mann ist mit dem unreinen Geist so vollkommen gleichgesetzt, dass sein Körper der Wohnort und das Werkzeug des Dämons ist, der durch den Mann handelt und spricht. Aber Dämonen haben sich in der Gegenwart des Einen, von dem sie wissen, dass Er der Sohn Gottes ist, der die Macht hat, sie ihrem Urteil zu übergeben, zu beugen. Menschen mögen über die Herrlichkeit und Autorität von Christus unwissend sein, aber nicht die Dämonen. Nachdem sie sehen, dass sie auf das Wort Christi aus dem Menschen ausfahren müssen, bitten sie, Er möge sie in die Schweine senden. Scheinbar benötigen böse Geister irgendeinen natürlichen Körper, durch den sie handeln können. Nachdem sie die Erlaubnis erhalten haben, fahren sie in die Schweine, mit dem Resultat, dass die zerstörerische Bosheit der Dämonen sofort sichtbar wird. In ihrem Fall gab es kein Hindernis, das sie nicht auf der Stelle hätten überwinden können. Somit rennt die ganze Herde sofort ins Verderben.

Verse 14–17. Viertens lernen wir aus diesem ernsten Ereignis, dass, wenn die Macht Satans für den Menschen auch schrecklich ist, die Gegenwart Gottes unerträglich ist, auch wenn Er in Macht und Gnade zugegen ist, um den Menschen zu befreien. Jemand hat gesagt: Der Mensch fürchtet sich mehr vor dem Herrn Jesus und seiner Gnade als vor dem Teufel und seinen Werken. Die Leute der Stadt, die herauskommen, »um zu sehen, was geschehen war«, werden auf der Stelle mit dem Beweis der Gnade und der Macht des Herrn Jesus konfrontiert. Sie finden den Mann, der lange Zeit eine Plage für das Land gewesen war, »sitzen, bekleidet und vernünftig«. Welch ein schönes Bild eines wahrhaft bekehrten Menschen! Er ist von der schrecklichen Macht Satans befreit und zu den Füssen des Herrn Jesus zur Ruhe gebracht. Er ist nicht mehr länger nackt und dem Gericht ausgeliefert, sondern bekleidet, von jeder Schuld freigesprochen, gerechtfertigt vor Gott – Christus ist seine Gerechtigkeit – und vernünftig, versöhnt, indem alle Feindschaft wider Gott weggewischt ist.

Dann lesen wir: »Sie fürchteten sich.« Welch eine Bemerkung über die Menschen dieser Welt! Sie sehen den Beweis, dass Gott sehr nahe gekommen ist, und sie fürchten sich. Der schuldige Mensch fürchtet sich immer vor Gott. Der gefallene Adam fürchtete sich, Israel am Sinai und hier die Menschen von Gadara fürchteten sich. Es spielt keine Rolle, wie Gott kommt, ob als Besucher im Garten Eden, oder als Majestät am Sinai oder in Gnade wie hier in Gadara, die Gegenwart Gottes ist für den schuldigen Menschen unerträglich. Die Menschen ziehen die Dämonen, die Besessenen und die Schweine dem Sohn Gottes vor, auch wenn Er in Macht und Gnade gegenwärtig ist, um den Menschen zu befreien. So lesen wir: »Sie fingen an, ihm zuzureden, aus ihren Grenzen wegzugehen.« Ihrer Bitte wurde entsprochen – Er verließ sie.

Verse 18–20. Zuletzt sehen wir, in krassem Gegensatz zu den Menschen dieser Welt, dass der Mann, der so reich gesegnet worden war, wünschte, bei Jesus sein zu dürfen. Zu seiner Zeit wird dieser Wunsch eine herrliche Antwort bekommen, denn wir wissen, dass Christus für die Gläubigen gestorben ist, »auf dass wir ... zusammen mit ihm leben« (1 : Thess. 5,10). Und bald werden wir für immer bei dem Herrn sein. In der Zwischenzeit haben wir das Vorrecht, für Ihn da zu sein, und zwar in einer Umgebung, die Ihn verworfen hat. Daher kann der Herr zu dem Mann sagen: »Gehe hin nach deinem Hause zu den Deinigen und verkünde ihnen, wie viel der Herr an dir getan, und wie er sich deiner erbarmt hat.« Und was war das Ergebnis? »Alle verwunderten sich.« Je mehr wir unser völliges Verderben unter der Macht Satans erkennen und was Christus für uns getan und das Erbarmen, das Er uns gegenüber erzeigt hat, um so mehr werden wir uns verwundern.

Verse 21–23. Diesen Ereignissen liegen sicher auch gewisse Belehrungen im Blick auf die Haushaltungen zugrunde, indem uns die Wege Gottes mit Israel und den Nationen vorgestellt werden. Können wir von der Herde Schweine, die in den See getrieben wurde, nicht dieses lernen, dass die Juden als Folge der Verwerfung ihres Messias im Meer der Nationen zerstreut werden würden? Sehen wir nicht in der folgenden Begebenheit mit dem sterbenden Kind ein Bild des moralischen Zustandes des Volkes, als der Herr gegenwärtig war? Aber so wie der Herr am Ende der Geschichte das Kind aus den Toten auferweckt, so wird Er, wenn Er wieder auf dies Erde kommt, sein Volk zu neuem Leben erwecken. Aus der Geschichte von der blutflüssigen Frau lernen wir, dass in der Zwischenzeit überall, wo es einzelne gibt, die Glauben an Christus haben, diese den Segen empfangen werden.

Vers 24. In dem Fall der Frau unterscheidet der Herr zwischen wahrem Glauben und rein äußerlichem Bekenntnis. Wenn wir lesen, dass »eine große Volksmenge ihm folgte und ihn drängte«, mag es scheinen, der Herr sei von einer Anzahl gläubiger Nachfolger umgeben gewesen. So mag es auch heute scheinen, es gebe eine riesige Menge wahrer Gläubiger, wenn wir religiöse Gebäude voll Menschen sehen, die bekennen, Christus anzubeten, wenn wir den Namen Christi in Liedern und Gebeten von den Lippen vieler Männer und Frauen dieser Welt hören, und wenn wir hören, wie häufig der Name Christi mit den Werken von Menschen verbunden wird. Und tatsächlich urteilen die Menschen in dieser Weise, denn sie nennen sich selbst Christen, bezeichnen ihr Land als ein christliches und sprechen von ihrer Regierung als von einer christlichen. Aber kann man daraus schließen, dass alle wirklich an den Herrn Jesus glauben, dass alle einen persönlichen Glauben an Christus haben? Leider nicht! Es gibt immer noch eine große Masse, die nur ein äußerliches Bekenntnis hat. Doch der Herr weiß die zu unterscheiden, die einen persönlichen Glauben an Ihn haben, denn wir lesen: »Der Herr kennt, die sein sind.« Die Menge mag sehr ernsthaft gewesen sein, denn sie sah die Wunder und erfreute sich der Segnungen, die sie von Christus empfing. Aber diese Menschen hatten kein Gefühl für ihr Bedürfnis, Christus zu besitzen, und deshalb keinen persönlichen Glauben an Ihn. So ist es auch heute. Es mag den Leuten sehr ernst sein, wenn sie, wie sie sagen, die christliche Religion annehmen. Aber dieses äußerliche Bekenntnis zum Christentum – dieser Anschluss an die Menge, die Jesus folgt – wird die Seele nicht retten und die Frage über die Sünden, den Tod und das Gericht nicht klären. Es wird die Macht der Sünde nicht brechen und von dem Verderben des Fleisches und der Weit und von der Todesfurcht nicht befreien.

Vers 25. Zum wahren Segen braucht es den persönlichen Glauben an den Herrn Jesus. Im Fall dieser Frau haben wir diesen persönlichen Kontakt des Glaubens sehr schön illustriert. Zuerst sehen wir, dass da, wo Glauben vorhanden ist, auch immer ein Empfinden für die Notwendigkeit eines persönlichen Heilandes sein wird. Das Gefühl der Notwendigkeit mag in den verschiedenen Fällen sehr stark variieren, aber es wird vorhanden sein.

Vers 26. Zweitens war sie sich nicht nur ihres Bedürfnisses bewusst, sie erkannte auch die völlige Hilflosigkeit ihres Falles, soweit es ihre eigenen Anstrengungen und die menschlichen Fähigkeiten betraf. Sie hatte vieles erlitten von vielen Ärzten und in vergeblichen Versuchen, ihrer Not zu begegnen, alles ausgegeben.

Verse 27–29. Drittens ist der Glaube sich nicht nur der eigenen Not und der Hilflosigkeit, ihr zu begegnen, bewusst, sondern er erkennt etwas von der Vortrefflichkeit der Person des Herrn Jesus. Er sieht, dass in Ihm tatsächlich Gnade und Macht ist, der Not zu begegnen. Weiter macht der Glaube einen Menschen demütig. Die bedürftige Seele ist bereit, den untersten Platz einzunehmen und wie die Frau zu sagen: »Wenn ich nur sein Kleid anrühre, so werde ich geheilt werden.« Wir haben keine großen Dinge zu tun, um den Segen sicherzustellen. Das würde nur unserem Hochmut Vorschub leisten. Wir müssen willig gemacht werden, nichts zu sein und alle Ehre Christus zu geben. Der Wert liegt in Christus, nicht im Glauben. Die Hand des Glaubens sichert die Segnung, indem sie uns mit Dem in Verbindung bringt, in welchem alle Verdienste vorhanden sind.

Verse 30–34. Dann sehen wir, wie es den Herrn freut, den Glauben zu ermuntern. Er ist nicht damit zufrieden, dass der, welcher den Segen empfangen hat, still weggehe. Er bringt den Gläubigen in seine eigene Gegenwart, damit er Ihm dort die ganze Wahrheit erzähle. Er freut sich, wenn wir alles mit Ihm besprechen, so dass es keine Distanz und keine Zurückhaltung zwischen Ihm und den Seinen gibt.

Zuletzt sehen wir das Ergebnis des Kommens in die Gegenwart des Herrn, wo alles mit Ihm geklärt worden ist. Wie diese Frau können wir unseres Weges ziehen, nicht indem wir auf unsere Gefühle oder gewisse Erfahrungen bauen, so wirklich sie sein mögen, sondern mit der Versicherung seines eigenen Wortes. So durfte die Frau von seinen eigenen Lippen erfahren, dass sie gesund sei; denn Er kann sagen: »Dein Glaube hat dich geheilt.«

Verse 35–43. Während der Herr mit dem Fall der Frau beschäftigt ist, kommt einer vom Haus des Vorstehers und sagt: »Deine Tochter ist gestorben; was bemühst du den Lehrer noch?« Diese Person kannte weder die Macht seiner Hand noch die zarte Liebe seines Herzens. Wie tief unsere Nöte auch sein mögen, wie groß unsere Prüfungen, wir brauchen uns nicht zu fürchten, den Herrn mit unseren Lasten zu »bemühen~. Er war hier, um an unserem Kummer teilzuhaben und unsere Prüfungen mitzutragen. Indem der Herr in die Gefühle des armen Vaters einging, lässt Er ein Wort des Trostes in sein Herz fallen: »Fürchte dich nicht; glaube nur. « Soweit es den Menschen betraf, war der Fall offensichtlich hoffnungslos; das Kind war tot. Doch der Fall lag nicht außerhalb der Möglichkeiten von Christus. Nachdem Er sich mit dem Unglauben beschäftigt und alle, die Ihn verlachten, hinausgetrieben hatte, auferweckte Er das Kind und sorgte für seine Bedürfnisse.

Kapitel 6 - Der Dienst Christi nach seiner Verwerfung

Die großen Wahrheiten, die uns in Kapitel 6 vorgestellt werden, stehen in Verbindung mit Begebenheiten, die sich auf dem Land, am Hof des Königs, in der Einöde, auf dem Berg und auf dem stürmischen See abspielen. In den ersten beiden Ereignissen lernen wir den niederen moralischen Zustand der Welt kennen, die Christus verwirft; in den letzten drei entdecken wir die Fülle der Hilfsquellen in Christus für die, welche Ihm, getrennt vom Lauf der Welt, nachfolgen. 

Verse 1–6. Im ersten Abschnitt sehen wir den Herrn in seinem demütigen Dienst der Liebe, wie Er sich mit dem einfachen Volk »seiner Vaterstadt«, »seiner Verwandtschaft« und »seinem Hause« verbindet. Er kommt mit göttlicher Weisheit und göttlicher Kraft in ihre Mitte, lehrt die Wahrheit unter den Armen des Landes und heilt einige kranke Leute. In keiner Weise aber leistet Er der Eitelkeit der menschlichen Natur Vorschub, die Pomp und Zurschaustellung liebt und Menschen wegen ihrer niedrigen Herkunft verachtet. Der Dienst des Herrn in Gnade offenbart den niedrigen moralischen Zustand des Volkes. Sie sind wirklich erstaunt über seine Lehre und seine Weisheit und können nicht anders, als seine Wunderwerke anzuerkennen. Aber »sie ärgerten sich an ihm«. Das Fleisch bleibt immer das gleiche. Sind wir in unseren Tagen nicht zuweilen in Gefahr, sogar als Christen, durch Hochmut und Eitelkeit des Fleisches das Werk Gottes zu hindern, indem wir den Dienst eines Knechtes Gottes, wegen seiner einfachen Herkunft, gering schätzen? Oder wir können als Diener dadurch zu Fall kommen, dass wir versuchen, aufgrund unseres Wohlstandes oder unserer gesellschaftlichen Stellung gehört zu werden. Beim Herrn war alles vollkommen. Das Versagen war nur auf Seiten des Volkes. Diese einfachen Landleute setzten die Weisheit der Belehrung des Herrn und die Macht seiner Werke herab, indem sie sagten: »Ist dieser nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria?« Und sie sagten: »Seine Brüder und Schwestern sind bei uns.« Sie erkannten nicht die Herrlichkeit seiner Person und die Gnade seines Herzens, und dass Er, obwohl Er reich war, um unsertwillen arm wurde, auf dass wir durch seine Armut reich würden. So wurde der Schöpfer ein Zimmermann und der Sohn Gottes der Sohn der Maria. Der Herr erinnert jene, die Ihn aufgrund seiner Erniedrigung verwerfen, daran, dass »ein Prophet nicht ohne Ehre ist, außer in seiner Vaterstadt und unter seinen Verwandten und in seinem Hause«. Das bedeutet nicht, dass der Herr in seiner Vaterstadt verworfen wurde, wie es bei uns sein könnte, weil man unsere Schwächen oder Misserfolge kennt. Doch die Vertrautheit mit Ihm in den Dingen des Lebens führte dazu, den Auftrag, den Er von Gott hatte, herabzusetzen.

Die Folge davon ist, dass Er dort wegen ihres Unglaubens kein Wunderwerk tun konnte. Es ist ernst, wenn wir bedenken, wie weit in unsern Tagen der Unglaube das Werk Gottes behindert. Wenn der Glaube, wie dies im Fall der kranken Frau im letzten Kapitel zutraf, den Segen hervorbringt, so ist es ebenso wahr, dass der Unglaube seinen Ausfluss hindert. Trotzdem erhebt sich seine Gnade über unsern Hochmut und unsern Unglauben und heilt »einige Schwache«, aber der Segen bleibt auf »einige« beschränkt. »Er verwunderte sich über ihren Unglauben.« Geben nicht auch wir Ihm leider zuweilen Gelegenheit, sich über unsern Unglauben zu verwundern? Trotzdem verfolgt Er seinen Weg, lehrt in den Dörfern ringsum und wird trotz Hochmut und Unglaube nicht müde in seinem Dienst.

Verse 7–13. Die Verwerfung seines Dienstes mag die Ausübung eines Wunderwerkes in seiner Vaterstadt unmöglich machen, aber sie kann die Gnade seines Herzens nicht zurückhalten. So sendet der Herr die Zwölfe aus als ein neues Zeugnis seiner Gegenwart in Gnade und Macht, um Menschen zu segnen. Ein besonders eindrückliches Zeugnis seiner Herrlichkeit als göttliche Person sehen wir in der Tatsache, dass Er »ihnen Gewalt gab über die unreinen Geister«. Niemand kann Macht ausüben und Wunder tun, wenn ihm nicht die Kraft dazu gegeben ist. Aber wer, außer Gott, kann diese Kraft geben? Weiter war die Art und Weise, wie sie ausgesandt wurden, für sich selbst ein Zeugnis von der Gegenwart Dessen, der Herr von allem ist. Sie sollten nichts mit auf die Reise nehmen. Sie sollten in der fürsorgenden Liebe des Herrn, der auf Erden war, und unter seinem Schutz ruhen. Er würde so über die Herzen der Menschen verfügen und die Umstände so leiten, dass ihnen nichts fehlen würde.

Ihr Auftrag durfte nicht zu einer Reihe von sozialen Besuchen herabsinken. Sie standen im Dienst des Herrn und sollten deshalb an einem bestimmten Ort im gleichen Hause bleiben. Der Inhalt ihrer Predigt war die Busse, denn die Gegenwart des Königs und das Evangelium des Reiches waren schon verkündigt worden, mit dem Resultat, dass die Führer Christus wegen der Größe seiner Ansprüche verworfen hatten, während das Volk Ihn wegen der Niedrigkeit seiner Stellung nicht wollte. Die Führer beschuldigten Ihn, Er vollbringe seine Wunderwerke in der Kraft des Teufels; das Volk sagte, Er sei nur ein Zimmermann. Die Nation wird aufgerufen, über ihre Bosheit Busse zu tun. Und weiter sollte das endgültige Zeugnis des Gerichtes über alle, die diese Botschaft verwarfen, angekündigt werden.

Verse 14–29. Die Folge dieser Sendung, begleitet durch machtvolle Zeichen, war, dass »sein Name bekannt wurde«. Möchten alle Diener Christus so verkündigen, dass sie einen Wohlgeruch Christi und das Empfinden der Kostbarkeit seines Namens zurücklassen. Leider wird oft der Name des Predigers groß geschrieben, und es werden so viele Methoden angewandt, die den natürlichen Menschen ansprechen, dass der Name des Predigers weit mehr verbreitet wird, als der Name Jesu.

Doch so weit der Ruf des Herrn Jesus auch dringen mag, wenn kein Werk Gottes in der Seele stattfindet, führt die Bekanntheit des Herrn nur zu Spekulationen. So war es auch in jenen Tagen, als einige sagten: Johannes der Täufer ist aus den Toten auferstanden, und andere behaupteten: Es ist ein Prophet, wie einer der Propheten. Aber die Überlegungen des menschlichen Verstandes erreichen nie die Wahrheit über die Person Christi.

Der Ruf Christi drang schließlich bis zum königlichen Hof. Wir haben schon gesehen, wie dem gewöhnlichen Volk jedes geistliche Unterscheidungsvermögen fehlte. Nun werden wir den niederen moralischen Zustand der höheren Kreise kennen lernen. Beim König Herodes führte das, was er von Christus hörte, zu nichts weiter als zu einer Vermutung. Es führte zu einer Beunruhigung seines Gewissens. In diesem Zusammenhang hören wir die Geschichte seiner Sünde. Er war eine unerlaubte Eheverbindung mit der Frau seines Bruders eingegangen. Und für diese Sünde war er von Johannes dem Täufer getadelt worden. Diese Rüge aber hatte den Hass und die Feindschaft der Herodias, der schuldigen Ehebrecherin, hervorgerufen. Sie hätte Johannes gern getötet, fand aber keinen Weg, dies auszuführen, denn Herodes fürchtete Johannes, da er wusste, dass er ein gerechter und heiliger Mann war. Herodes, obwohl ein Mann ohne feste Grundsätze, konnte das Gute in andern anerkennen und hörte sogar auf Johannes und tat nachher vieles auf seinen Rat hin. Aber Herodias wartete auf ihre Zeit. Ein Gelage am Hof gab ihr die Gelegenheit, die sie suchte. Der König, dem ein Tanz so gut gefiel, machte ein übereiltes Versprechen und zog es dann vor, Johannes zu töten, als sein Versprechen nicht zu halten. Es ist richtig gesagt worden: Es ist besser, die Versprechen des Teufels zu brechen, als sie zu halten.

Die Verwerfung und Ermordung des Vorläufers des Messias sind ein ernstes Anzeichen dafür, dass Herodes zu gegebener Zeit bei der Verwerfung und Kreuzigung des Christus die Partei seiner Feinde ergreifen wird.

Verse 30–44. Nachdem die Apostel ihren Auftrag erfüllt haben, »versammeln sie sich zu Jesu«. Sie waren vom Herrn ausgesandt worden, nun kehren sie zu Ihm zurück. Wie gut für jeden Diener des Herrn, wenn er nach jedem kleinen Dienst, den er ausgeführt hat, zum Herrn zurückkehrt und Ihm alles, was er getan und gelehrt hat, erzählt. Zu oft sind wir geneigt, andern davon zu  sagen, obwohl es zuzeiten richtig sein mag, das Volk Gottes durch Berichte über das Werk des Herrn zu ermuntern. Und doch besteht da ein großer Unterschied. Wenn wir, wie es bei Paulus und Barnabas in Antiochien der Fall war, die Versammlung zusammenrufen, dann geschieht es, um zu erzählen, was Gott getan und wie Er die Tür geöffnet hat (Apg. 14,27). Wenn wir aber nach einem Dienst uns zum Herrn Jesus versammeln, ist es, um Ihm zu sagen, was wir getan und gelehrt haben. Es ist gut für uns, in der Gegenwart Dessen, der uns niemals schmeicheln wird, vor dem wir nichts zu rühmen haben und vor dem man nichts verbergen kann, auf unsere Taten und Worte zurückzublicken. Dort lernen wir unsere Schwachheiten und Mängel kennen. Leider sind wir manchmal ganz voll von uns und unserem Dienst. Aber in der Gegenwart des Herrn können wir über alles reden, was die Gedanken beschäftigt und den Geist beschwert. So beruhigen sich unsere Geister, so dass wir nüchtern von uns denken können, oder uns selbst und unsern Dienst vergessen, um mit dem Herrn beschäftigt zu sein.

Wir hören keinen Kommentar des Herrn über den Dienst der Jünger, aber wir sehen die Zuneigung des Herrn und seine Fürsorge für seine Diener. Sie hatten von ihrem Dienst gesprochen, Er aber war um sie und die Ruhe, die sie nötig hatten, besorgt. Deshalb kann Er sagen: »Kommet ihr selbst her an einen öden Ort besonders und ruhet ein wenig aus.« Die ewige Ruhe steht noch aus, aber hier finden wir »ein wenig« Ruhe.

Es ist darauf hingewiesen worden, dass es drei Gründe gibt, weshalb die Jünger auf die Seite, an einen öden Ort, geführt wurden. Erstens zog der Herr sich, nachdem Er von der Ermordung seines Zeugen hörte, was ein sicheres Zeichen seiner eigenen Verwerfung und Kreuzigung war, in die Wüste zurück. Das deutete darauf hin, dass die Zeitperiode (Haushaltung) im Begriff stand, zu wechseln. Deshalb nahm der Herr eine Stellung außerhalb und abgesondert von der schuldigen Nation ein. Dieser Grund, die Änderung der Zeitperiode, ist im Matthäus–Evangelium vorherrschend (Kap. 14,13). Zweitens, und das ist im Markusevangelium der auffallende Gedanke, hatte der Herr einen Grund in Verbindung mit dem Dienst seiner Jünger, um sie auf die Seite zu nehmen. Ihr Dienst hatte sie in die Weit geführt und ein derartiges Aufsehen erregt, dass »derer, die da kamen und gingen, viele waren«. Unter solchen Umständen hat der Diener nötig, auf die Seite genommen zu werden, weg von dem rastlosen Geist der Weit, um bei Ihm zu sein und eine Weile zu ruhen. Der dritte Grund wird uns im Lukas–Evangelium vorgestellt, wo wir erfahren, dass die Jünger vom Herrn abseits genommen wurden, um von Ihm belehrt zu werden (Luk. 9,10.18–27).

Auch in unsern Tagen haben wir nötig, von der Welt zurückgezogen zu werden, um zu lernen, dass wir nicht von ihr sind, auch wenn wir im Dienst des Herrn zu ihr gesandt sind. Unsere Segnungen sind himmlisch, nicht irdisch. Auch wir haben nötig, allein zu sein mit dem Herrn, um dem Geist der Weit mit all seiner rastlosen Tätigkeit zu entfliehen, und ganz besonders dann, wenn irgendein kleines Zeugnis für Christus eine gewisse zeitweilige Aufregung in der Weit verursacht hat. Wir haben auch nötig, in der Zurückgezogenheit der Gegenwart des Herrn zu weilen, um seine Gesinnung kennen zu lernen.

Auf das Wort des Herrn gehen sie hin an einen öden Ort besonders. Doch »viele sahen sie wegfahren« und in ihrem Eifer, Christus zu erreichen, »liefen sie ... dorthin zusammen und kamen ihnen zuvor«. So schien es denn nach allem, dass sie ihrer Ruhe beraubt würden. Aber der Herr in seiner zarten Fürsorge für die Seinen und voll Mitleid gegenüber dem Volk kommt aus seinem Ort der Zurückgezogenheit hervor, um dem Volk zu begegnen. Es mag Ruhe gegeben haben für seine Jünger, aber für Ihn gab es keine Ruhe. Sein Mitleid ließ Ihn nicht ruhen. So lesen wir: »Und er fing an, sie vieles zu lehren.«

Als es schon spät am Tage war, kamen die Jünger aus der Ruhe und sagten zum Herrn: »Entlass sie.« Es scheint, als ob die Jünger die Volksmenge als Eindringlinge in ihre Ruhe betrachtet haben und die Leute gern los geworden wären. Aber der Herr will sie nicht hungrig fortschicken, denn es steht geschrieben: »Seine Armen will ich mit Brot sättigen.« Kein Versagen auf Seiten Israels kann die Güte und das Mitgefühl des Herzens Jehovas zum Verschwinden bringen. Er will »sie vieles lehren« zum Segen ihrer Seelen, und für Brot und Fisch sorgen, um ihre leiblichen Bedürfnisse zu stillen. Er ist noch heute der gleiche. Trotz all unserer Schwachheit und der vielen Fehltritte sorgt Er für unsere Seelen und für unsere Körper. Im weitern gebraucht Er für die Ausführung seines Werkes der Liebe noch andere. Er kann zu den Jüngern sagen: »Gebet ihr ihnen zu essen.« Aber wie es so oft auch bei uns ist, ihr Glaube war nicht fähig, seine Kraft zu benützen. Sie können nur daran denken, wie viel sie benötigen würden, und vergessen die unerschöpflichen Hilfsquellen, die sie in Christus haben. Nachdem die völlige Unzulänglichkeit ihrer eigenen Hilfsmittel offenbar geworden ist, bringt der Herr das Wenige, das sie haben – die fünf Brote und die zwei Fische –, in Verbindung mit der Fülle des Himmels, mit dem Resultat, dass fünftausend Männer essen können und gesättigt werden.

Verse 45,46. Die Geschichte, die in den folgenden Versen entfaltet wird, erinnert aufs neue an die Tatsache, dass der Herr im Begriff stand, die Jünger in einer Weit zurückzulassen, von der Er verworfen wurde. Soeben hatte der Herr die Volksmenge gespeist, indem sein Mitleid über sie erregt worden war, wie über Schafe, die keinen Hirten haben. Leider fehlte ihnen nicht nur einer, der sie auf grüne Auen führte und für ihre Seele sorgte, sondern als der gute Hirte in ihre Mitte kam, da hatten sie keine Augen, um seine Herrlichkeit zu sehen, und kein Herz, um Ihn aufzunehmen. Deshalb lesen wir: »Als er sie verabschiedet hatte, ging er hin auf den Berg, um zu beten.« Im Vorbild wurde das Volk entlassen, während Er einen neuen Platz in der Höhe einnimmt, um sich für die Seinen, die in einer Welt, die ihn verworfen hat, als seine Zeugen zurückgelassen sind, zu verwenden.

Verse 47–52. Die Jünger entdecken, dass sie nicht nur der körperlichen Gegenwart des Herrn beraubt, sondern dass sie den Stürmen des Lebens ausgesetzt sind und sich beim Rudern abzuquälen haben. In dieser Weit steht alles im Widerspruch zum Volk des Herrn. Aber wenn die Welt gegen uns ist und der Teufel uns widersteht, verwendet sich der Herr in der Höhe für uns. Auch wenn der Herr abwesend ist, steht Er doch den Stürmen und Schwierigkeiten, die seinem Volk begegnen, nicht gleichgültig gegenüber. »Er sah sie beim Rudern Not leiden«, und Er kam zu ihnen. Aber Er kam in einer Weise, die seine Überlegenheit gegenüber allen Umständen, in denen sie sich befanden, ans Licht brachte. Er kam, »wandelnd auf dem See«. Die Entfaltung einer Macht, die so weit über dem steht, was dem Menschen möglich ist, erfüllte die Jünger mit Furcht. »Sie erstaunten sehr über die Massen bei sich selbst und verwunderten sich.« Und dieser Eine, dessen Macht größer ist als alle Stürme, die Menschen oder der Teufel entfachen können, ist Der, welcher für uns ist. Er hatte auf dem Berg für sie gebetet. Er hatte gesehen, wie sie Not litten, und jetzt kommt Er zu ihnen. Trotzdem prüft Er ihren Glauben, wie auch in unseren Tagen Gläubige oft erprobt werden, denn wir lesen: »Er wollte an ihnen vorübergehen.« Seine Macht, seine Fürbitte, seine liebende Fürsorge, alles steht zu ihrer Verfügung, aber haben sie den Glauben, sich seine Fülle zu Nutzen zu machen? In ihrer Not schreien sie auf, »und alsbald redete er mit ihnen«. Und was sagt Er? »ich bin's; fürchtet euch nicht!« Er mag in der Herrlichkeit seiner Macht zu ihnen kommen, die über allen Stürmen steht, aber Er versichert ihnen, dass Er es selbst ist – Jesus, ihr Heiland, Hirte und Freund. Der Eine, den die Menschen kurz zuvor verworfen hatten, weil Er für sie nur ein Zimmermann war, wird jetzt als der Schöpfer gesehen, der auf dem See wandeln kann, und dem die Winde und die Wellen gehorchen.

Leider hatten die Jünger, wie auch wir es so oft tun, die Größe seiner Macht und Gnade, die sich bei einer früheren Gelegenheit gezeigt hatte, nicht in Betracht gezogen. Mit sich selbst und mit ihren Schwierigkeiten beschäftigt, waren ihre Herzen verhärtet und wenig in der Lage, Gebrauch von ihren Hilfsquellen in Christus zu machen.

Verse 53–56. Das Kapitel schließt mit einem Vorgeschmack der Segnung eines zukünftigen Tages, wenn Christus wiederkommen und durch den treuen Überrest der Juden die Erde segnen wird. Dann wird die Not der Gottesfürchtigen wirklich vorüber sein, der Widerstand wird enden, die Stürme sich legen und Christus wird da angenommen werden, wo Er einst verworfen wurde.

Kapitel 7 - Der Mensch entlarvt und Gott geoffenbart

In Kapitel 6 hatten wir die Enthüllung und Verurteilung der sozialen und politischen Welt. In diesem Kapitel finden wir die Verurteilung der rein formalen Religion des Fleisches (V. 1–13); die Enthüllung des

menschlichen Herzens (V. 14–23); und die Offenbarung des Herzens Gottes (V. 24–37).

Verse 1–5. Das Kapitel beginnt mit den religiösen Führern des Volkes, die zum Herrn Jesus kommen. Leider tun sie es ohne Empfinden für ihre Bedürfnisse und ohne Gefühl für seine Gnade, sondern um Christus zu widerstehen, indem sie meinen, bei

seinen Jüngern einen Fehler zu finden, weil sie Brot mit ungewaschenen Händen aßen. Die Religion dieser Menschen bestand im Hochhalten der Tradition ihrer Vorfahren und in der Erfüllung gewisser äußerer Formen und Zeremonien, was im Grunde jedem möglich ist und vor den Menschen zu einem guten Ruf verhilft, aber das Herz fern von Gott lässt.

Verse 6–13. In seiner Antwort an diese Männer enthüllt der Herr die Leere ihrer Religion, die nur aus äußerlichen Formen besteht. Erstens macht sie die Menschen zu bloßen Heuchlern, wie die Schrift es beweist, denn Jesaja sagt von solchen: »Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit entfernt von mir. « Heuchelei täuscht etwas vor, was man nicht ist. Durch ihre religiösen Handlungen bezeugten sie große Frömmigkeit vor Menschen und durch ihre Worte bekannten sie, Gott zu ehren; in Wirklichkeit waren ihre Herzen weit von Gott entfernt (Jes. 29,13; Hes. 33,31).

Zweitens zeigt der Herr, dass eine solche Religion »vergeblich« ist. Sie mag ihren Anhängern zu einem guten Ruf für Frömmigkeit vor Menschen verhelfen, aber in den Augen Gottes ist sie wertlos.

Drittens setzt sie das klare Wort Gottes zugunsten menschlicher Tradition auf die Seite. Der Herr nennt ein Beispiel von diesem großen Übel. Das Wort Gottes gibt den Kindern klare Anweisungen, ihre Eltern zu ehren. Aber sie hatten eine Überlieferung, aufgrund der sie bezeugen konnten, dass sie ihr Vermögen für Gott auf die Seite gelegt hatten. Indem sie ihren Besitz als »Korban« bezeichneten, was Gabe für Gott bedeutet, konnten diese Mittel nicht dazu benützt werden, bedürftigen Eltern zu helfen. Durch ihre Überlieferung stellten sie so das Wort Gottes auf die Seite, entzogen sich ihrer Verantwortung ihren bedürftigen Verwandten gegenüber und dienten ihrer eigenen Habsucht.

Der Ernst dieses Abschnittes wird erhöht, wenn wir daran denken, dass diese Pharisäer und Schriftgelehrten aus Jerusalem die religiösen Führer des Überrestes waren, der aus Babylon zurückgekehrt war. Wohl gab es in den Tagen des Herrn einen kleinen, schwachen Überrest inmitten dieser Zurückgekehrten, der den Herrn fürchtete, seines Namens gedachte und nach Erlösung in Israel ausschaute. Aber leider war die Masse in den schrecklichen Zustand abgesunken, der von diesen Führern ausgelebt wurde. Sie waren keine Götzendiener mehr. Äußerlich waren sie sehr fromm, und mit ihren Lippen legten sie ein schönes Bekenntnis vor Gott ab. Aber wir erkennen, dass dies alles möglich und das Herz doch weit von Gott entfernt ist und das Wort Gottes durch die Traditionen der Menschen auf die Seite gestellt wird.

Verse 14–16. Nachdem der Herr die Scheinheiligkeit der äußerlichen Religion des Fleisches aufgedeckt hatte, zeigte Er dem ganzen Volk, dass die Quelle der Verunreinigung nicht außerhalb des Menschen, sondern in seinem Innern liegt. Die Waschung der Hände, Becher und Gefäße befasst sich nur mit der Verunreinigung von außen, aber die moralische Verunreinigung entspringt der inneren Quelle, dem Bösen des menschlichen Herzens. Damit wird die Wurzel jeder weltlichen Religion des Fleisches enthüllt, die sich einfach mit dem Äußerlichen befasst und das Herz unberührt lässt. Gott aber beschäftigt sich mit dem Innern und wirkt am Gewissen und am Herzen. Die wirkliche Quelle der Verunreinigung eines Menschen ist nicht seine Umgebung, sondern er selbst. Es ist wohl wahr, dass wenn der Mensch als das, was er ist – ein gefallenes Geschöpf –, sich in den Bereich des Bösen und der Versuchung begibt, seine Lüste in ihm durch seine Umgebung angeregt werden. Aber trotzdem bleibt die Quelle des Bösen in ihm selbst. Ein Engel hätte durch Sodom gehen können, ohne verunreinigt zu werden, nicht aber ein Lot. In dem Engel gibt es kein böses Herz, das auf die Sünde reagiert hätte, aber Lot hatte ein solches.

Verse 17–23. Allein mit seinen Jüngern geht der Herr näher auf dieses Thema ein und erklärt seine Illustration. Moralisch Böses hat seine Wurzel im Herzen, unabhängig von der Form, die es annehmen mag. Es können böse Gedanken, böse Taten wie Ehebruch, Hurerei, Mord, Dieberei oder Betrug, böse Blicke oder böse Worte in Lästerung, Hochmut und Torheit sein. »Alle diese bösen Dinge gehen von innen heraus und verunreinigen den Menschen. «

Verse 24–30. Nachdem das böse Herz des Menschen aufgedeckt worden ist, enthüllt sich in der Geschichte von der syro-phönizischen Frau in gesegneter Weise das Herz Gottes – ein Herz, das voll Liebe die Wahrheit aufrecht hält und gleichzeitig dem bedürftigen Sünder Gnade austeilt. Als der Herr durch diese Welt schritt, die Ihn verworfen hatte, wäre Er gern verborgen geblieben, um die demütige Gesinnung Christi zu offenbaren, die Ihn dazu führte, sich zu nichts zu machen. Aber in seiner Vollkommenheit, die in so großem Kontrast zu allem stand, was Ihn umgab, konnte Er nicht verborgen bleiben. Wie jemand gesagt hat: »Güte gepaart mit Macht ist so selten in der Welt, dass dies nicht unbeachtet bleiben kann.«

Die Frau war eine Griechin, also eine Heidin, aber ihre tiefe Not brachte sie zum Herrn. Sie glaubte an die Macht des Herrn Jesus und an seine Gnade, die die Macht zugunsten heidnischer »Hündlein« gebrauchen würde. Der Herr brachte ihren Glauben ans Licht, als Er sagte: »Lass zuerst die Kinder gesättigt werden, denn es ist nicht schön, das Brot der Kinder zu nehmen und den Hündlein hinzuwerfen. « Das war eine große Probe für den Glauben. Sie hätte einwenden können: »Dann bin ich also nur ein Hund und habe keine Ansprüche an den Herrn. Die Segnungen gehören nur den Kindern.« Ihr Glaube triumphierte aber über diese Schwierigkeit, indem sie die Wahrheit über sich anerkannte und auf die Gnade zurückgriff, die in seinem Herzen ist. Sie kann eigentlich sagen: »Ja, soweit es mich betrifft, ist es wahr, dass ich nicht den Platz eines Kindes beanspruchen kann. Ich bin nur ein Hündlein; aber mein ganzes Vertrauen stützt sich auf das, was Du bist, nicht auf das, was ich bin. Ich sehe, dass in Deinem Herzen eine solche Gnade vorhanden ist, dass Du einem Hündlein die Brosamen nicht verwehren kannst.« Das ist immer der Weg des Glaubens, dass wir die Erbärmlichkeit, die Verderbtheit und Unwürdigkeit unserer Herzen zugeben und in der vollkommenen Gnade seines Herzens ruhen. Der Glaube ergreift Christus und ruht auf dem, Wer Er ist und was Er getan hat.

Das war ein Glaube, den der Herr nicht zurückweisen wollte und nicht zurückweisen konnte. Er konnte nicht sagen: »Ich bin nicht so gut, wie du annimmst«, oder: »Meine Gnade ist nicht so groß, wie du dir vorstellst.« Gepriesen sei sein Name! seine Gnade übersteigt allen unseren Glauben, und Er freut sich, auf den kleinsten Glauben zu antworten. Der Glaube an Christus sichert also den Segen, und Er kann zu der Frau sagen: "Um dieses Wortes willen gehe hin; der Dämon ist von deiner Tochter ausgefahren.«

Verse 31–37. In der abschließenden Begebenheit finden wir den Herrn wieder in Galiläa, unter seinem Volk Israel. Sie bringen einen Tauben zu Ihm, der schwer redete. Der Mann stellt in treffender Weise den Zustand dar, zu dem die Sünde das Volk heruntergebracht hat. Christus ist in ihrer Mitte mit Gnade und Kraft, um ihren Bedürfnissen zu begegnen. Aber die Sünde hat sie so verblendet, dass das Volk als Ganzes sich die heilende Wirksamkeit, die in Christus gefunden wird, nicht zu Nutzen machen kann.

Trotzdem kann ihre Sünde sein Herz voll Liebe nicht ändern. Deshalb schickt Er keinen weg, der Ihn nötig hat. Wenn Er schon eine Frau aus den Nationen nicht wegschickt, dann wird Er auch eine Bitte für einen Juden in Not nicht abweisen. Aber indem Er Gnade austeilt, hält Er in beiden Fällen die Wahrheit aufrecht. So lesen wir: »Er nahm ihn von der Volksmenge weg besonders.« Dass sie Ihn verwerfen, ist Ihm nicht gleichgültig. Wenn Er in ihrer Mitte wirkt, geschieht es aufgrund ihrer Bedürfnisse, und nicht, weil sie Juden sind. Die Sünde hat Juden und Heiden auf das gleiche Niveau gestellt, und die Gnade kann beide aufgrund ihrer Notlage segnen.

Indem der Herr Gnade erwies, schaute Er zum Himmel auf und seufzte. Er handelte immer in Abhängigkeit vom Vater und in Übereinstimmung mit der Gesinnung des Himmels. Wenn die Sorgen der Erde sein Herz brachen, so wurde Er durch den Himmel aufrecht gehalten. Das gilt auch für uns. Wenn die Sorgen der Erde unseren Geist niederdrücken, mögen wir wohl seufzen. Aber zu oft seufzen wir, ohne zum Himmel aufzublicken, und so werden wir entmutigt und beschwert. Wenn wir um uns her blicken, seufzen wir. Schauen wir aber auf zum Himmel, werden wir gestützt. Nachdem Er den Mann geheilt hatte, gebot Er ihnen, dass sie es niemand sagen sollten. Er war hier der vollkommene Diener. Er wollte seine wirksame Kraft und seine Gnade nicht dazu benutzen, sich selbst zu erhöhen. Seine Gesinnung war, sich selbst zu nichts zu machen. Aber Er konnte nicht verborgen bleiben. Das Volk erstaunte überaus und sagte: "Er hat alles wohlgemacht; er macht sowohl die Tauben hören, als auch die Stummen reden.«

Kapitel 8 - Christus außerhalb »des Lagers«

In den vorausgegangenen Kapiteln 6 und 7 haben wir gesehen, dass die Gegenwart des Herrn Jesus in der Mitte der Menschen das Verderben und den Unglauben der sozialen, politischen und religiösen Welt offenbar machte. Nachdem jede Erweisung der Gnade verworfen wurde, zieht sich der Herr von den belebten Plätzen der Menschen zurück, so dass wir Ihn in der Zurückgezogenheit, an einem »öden Ort«, allein auf »dem Berg« und »wandelnd auf dem See« finden (Kap. 6,31.46.48).

In Kapitel 8 vereint der Herr die Seinen mit sich selbst an diesem Platz außerhalb und ermahnt sie, Ihm nachzufolgen (V. 1, 10,27,34). Weiter lernen wir die Fülle der Hilfsquellen in Christus kennen, die für jene sind, die Ihm auf einem Weg der Absonderung nachfolgen. Ihren Bedürfnissen wird entsprochen (V. 1–9); die Widersacher werden zum Schweigen gebracht (V. 10–13); geistliche Einsicht wird geschenkt, um alle Dinge klar zu sehen (V. 14–26).

Außerdem werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass die Nachfolge Christi in einer Weit, die Ihn verworfen hat, Leiden, Schmach und gegenwärtigen Verlust mit sich bringen wird. Anderseits werden wir aber ermuntert durch die Aussicht auf die Herrlichkeit des Reiches, zu welcher der Pfad der Leiden führt. Wenn wir mit Ihm leiden, werden wir auch mit Ihm regieren.

Verse 1–9. Das frühere Wunder, bei dem der Herr Fünftausend gespeist hatte, trug einen ausgeprägten Haushaltungscharakter. Es wurde zu einem ernsten Zeugnis, dass der Eine, den das Volk verwarf, sein wahrer Messias war. Unmittelbar nach diesem Wunder nimmt der Herr einen Platz auf dem Berg als Fürbittender ein, während seine Jünger zurückgelassen werden und dem Widerstand der Welt begegnen – sicher ein Bild von dem gegenwärtigen Dienst Christi im Himmel, den Er für die Seinen ausübt.

Das zweite Wunder, bei dem eine Menge gespeist wird, hat eine mehr moralische Bedeutung, indem gezeigt wird, welche Hilfsquellen im Herrn zu finden sind, um den Bedürfnissen seines Volkes zu entsprechen, aber auch, mit welch einem mitfühlenden Herzen Er an die denkt, die Ihn nötig haben. Hier sind es nicht die Jünger, die zum Herrn kommen, wie bei der früheren Begebenheit, um seine Aufmerksamkeit auf die Nöte des Volkes zu lenken. Hier geht alles vom Herrn aus. Er sieht die Bedürfnisse; Er ruft die  Jünger zu sich; Er stellt ihnen seine innere Bewegung vor; Er beruhigt die Volksmenge und lässt die Leute sich auf der Erde lagern. Er nimmt das, was vorhanden war, dankt dafür und teilt es der Volksmenge durch die Jünger aus. Er ist es, der so die Bedürfnisse aller befriedigt.

Lasst uns daran denken, dass Er heute noch derselbe ist. Er kennt unsere Bedürfnisse und hat ein Herz voll Liebe und eine Hand, die sein Volk nährt und pflegt (Eph. 5,23.25.29). Zu oft fühlen wir wie die Jünger die Nöte und die völlige Unzulänglichkeit des Wenigen, das wir haben, um allem zu begegnen. Wenn wir jedoch, wie der Herr in seinem Leben, unser Weniges mit dem Himmel in Verbindung bringen und dafür danken, sollten wir dann nicht erfahren, dass Gott es so segnen kann, dass es nicht nur für unsere Bedürfnisse ausreicht, sondern uns noch etwas für andere in die Hand gibt?

Verse 10– 13. Bei einer früheren Gelegenheit, als die Jünger in ein Schiff stiegen, stieg der Herr auf einen Berg, um für sie zu beten (Kap. 6,45–47). Bei dieser zweiten Begebenheit stieg der Herr >mit seinen Jüngern« in das Schiff. Er offenbart damit eine weitere Wahrheit, nämlich, dass Er nicht nur für uns tätig ist im Himmel, sondern auch mit uns ist, um uns in den Stürmen des Lebens zu unterstützen und um dem Widerstand des Feindes zu begegnen. Dieser Widerstand richtet sich immer gegen Christus. So lesen wir, dass, nachdem sie an Land gegangen waren, die Pharisäer anfingen, »mit ihm zu streiten«. Es waren schon so viele Zeichen gegeben worden, dass die Frage nach einem weiteren nur die Feindschaft und den Unglauben des Fleisches offenbarte. Die Bosheit des menschlichen Herzens wurde jedoch zu einer Gelegenheit, um die Vollkommenheit des Herzens Christi zu enthüllen. Der böswillige Widerstand erweckte im Herrn keinen Ärger und keinen Unmut, wie das bei uns so oft vorkommt, wenn uns nur das Geringste entgegensteht. Er begegnete diesem Widerstand mit Gefühlen des Kummers und Mitleids, denn wir lesen: »in seinem Geist tief seufzend.« Er stellt die herzerforschende Frage: "Was begehrt dieses Geschlecht ein Zeichen?« Zeichen sind nutzlos und erweisen sich als sinnlos für die, welche sich in ihrer Bosheit weigern zu glauben. Solche besiegeln ihr eigenes Schicksal, denn wir lesen, dass der Herr »sie ließ, wieder in das Schiff stieg und an das jenseitige Ufer fuhr«. Es ist sehr ernst, wenn Menschen den Herrn verlassen; aber wie viel schrecklicher ist der Zustand solcher, die der Herr verlässt.

Verse 14–21. Nachdem sie zum zweiten Mal ins Schiff gestiegen sind, erfahren wir, dass die Jünger vergessen hatten, Brote mitzunehmen. Aber was viel ernster war: Sie hatten die Gnade und die Macht des Herrn vergessen, die den Bedürfnissen der hungernden Volksmenge begegnet waren. Indem sie mit ihren Sorgen über materielle Dinge beschäftigt waren, verfehlten sie es, die Warnung des Herrn über den Sauerteig der Pharisäer und den Sauerteig des Herodes zu verstehen. Obwohl verbunden mit Christus auf einem Weg, getrennt von der verdorbenen Weit, standen sie, wie die Gläubigen heute, in Gefahr, von Menschen und ihren Ideen »durchsäuert« zu werden. Die Herodianer zeichneten sich durch einen opportunistischen Geist der politischen Welt aus, und die Pharisäer hatten eine Form der Gottseligkeit ohne Kraft.

Genauso wie wir es oft machen, erörterten die Jünger die Worte des Herrn und verfehlten dabei, ihre geistliche Bedeutung zu erfassen, indem sie eine gegenständliche Erklärung suchten und zudem versuchten, sie auf das Niveau des menschlichen Verstandes herabzuziehen. Der Herr tadelt sie wegen ihres Mangels an geistlichem Auffassungsvermögen und wegen ihres kurzen Gedächtnisses im Blick auf seine Gnade und Macht. Er stellt ihnen einige tiefgründige Fragen, die wir wohl auch an uns richten können. »Was überleget ihr?« Warum »begreifet ihr noch nicht und verstehet auch nicht?« »Habt ihr euer Herz noch verhärtet?« »Erinnert ihr euch nicht?«

Anstatt den Tatsachen ins Auge zu sehen und auf die Wahrheit zu hören, beginnen wir manchmal anders zu »überlegen«. Aber unser natürliches Denken verdunkelt unser geistliches Verständnis. Und hinter der Dunkelheit der Natur steht sehr oft die Herzenshärtigkeit, die so schnell auf das Vergessen der Gnade und Liebe seines Herzens folgt –wir »erinnern uns nicht«. Diese herzerforschenden Fragen reden eine Sprache, die sich an alle Gläubigen richtet, denn sie wurden nicht ablehnenden Personen gegenüber geäußert, sondern an wahre Jünger gerichtet.

Verse 22–26. Der Fall des blinden Mannes zeigt klar den Unterschied zwischen dem Volk und den Jüngern. Die Nation als solche befand sich in vollständiger Blindheit. Die Jünger, obwohl wahrhaft an den Herrn gläubig, entbehrten zu jener Zeit des geistlichen Unterscheidungsvermögens. Sie sahen seine göttliche Herrlichkeit nur schwach. Sie erkannten und anerkannten Ihn als den wahren Messias, aber ihre jüdischen Vorurteile und gewohnheitsmäßigen Gedanken hinderten sie, seine weiteren Herrlichkeiten als Sohn des Menschen und Sohn Gottes völlig zu erkennen. Dazu mussten sie ganz vom Volk abgesondert werden. Und das ist die Bedeutung der Handlung des Herrn, indem Er den Mann aus dem Dorf hinausführte, wie Er früher den Tauben von der Volksmenge weg besonders genommen hatte.

Auf die erste Berührung empfing der Mann das Augenlicht wieder, aber er hatte nicht sofort die Fertigkeit, es auch zu gebrauchen. Er sagte: »Ich sehe die Menschen wie Bäume umherwandeln.« Die Jünger befanden sich geistlicherweise im gleichen Zustand. Sie wurden dadurch, dass sie eine zu hohe Meinung von der Größe und Wichtigkeit des Menschen hatten, gehindert, die Herrlichkeit des Herrn zu erkennen. Wir haben nicht nur Gnade nötig, um sehen zu können, wir brauchen auch Gnade, um das gewonnene Gesicht benützen zu können, damit wir "alles klar sehen« – die Menschen, wie sie wirklich sind, und uns selbst in all unserer Schwachheit, und vor allem den Herrn Jesus in all seiner Vollkommenheit.

Der Herr sandte den Mann nach Hause. Er sollte nicht in das Dorf zurückkehren und es auch niemand im Dorf erzählen. Die Zeit für ein Zeugnis an das Volk als Ganzes war vorbei.

Verse 27–33. Das Gespräch des Herrn mit seinen Jüngern, das nun folgt, zeigt nicht nur den Unglauben des natürlichen Menschen, sondern auch wie wenig die wahren Jünger von seinem wirklichen Auftrag und seiner Herrlichkeit begriffen. Die große Prüfungsfrage ist heute wie damals: »Wer sagen die Menschen, dass ich sei?« Alle Herrlichkeit und Ehre für Gott und aller Segen für die Menschen hängen von der Person Christi ab. Es wird offenbar, dass menschliche Intelligenz allein nie zur Wahrheit kommen wird. Auch unter den Menschen jener Tage gab es viele Gelehrte mit hohen intellektuellen Fähigkeiten. Trotzdem endeten alle ihre Gedanken über Christus in Mutmaßungen und Unsicherheit. Einige sagten, Er sei Johannes der Täufer, andere meinten, Er sei Elias, wieder andere dachten, Er sei einer der Propheten. Niemand gelangte zur Wahrheit. Im Gegensatz dazu sehen wir in Petrus das Ergebnis eines einfachen Glaubens, und zwar in einem, der, gemessen an den gelehrten Führern dieser Welt, unwissend und ungebildet war. Der Glaube überlegt und mutmaßt nicht bei sich selbst, sondern kommt mit äußerster Sicherheit zur Wahrheit, denn der Glaube ist die Gabe Gottes. Deshalb kann Petrus sagen: »Du bist der Christus.«

Der Herr bedrohte sie, dass sie niemand von Ihm sagen sollten. Er war von seinem Volk verworfen worden, so dass Er seine Stellung als Messias für eine Zeit in den Hintergrund schiebt. Der Herr nimmt den weiterreichenden Titel »Sohn des Menschen« an. Dieser führt zu größeren Herrlichkeiten als zur irdischen Herrschaft in Verbindung mit Israel, denn der Sohn des Menschen wird eine Universalherrschaft über alle geschaffenen Dinge antreten. Aber bevor Er diesen Platz als Sohn des Menschen einnehmen kann, wobei Ihm alle Dinge unterworfen sind und Er Gnade gegenüber allen Menschen ausüben kann, musste Er in den Tod gehen, das Werk der Erlösung vollbringen und die Macht Satans, des Todes und Grabes brechen. Mit dem Kreuz vor sich begann Er nun seine Jünger zu belehren, dass der Sohn des Menschen vieles leiden, verworfen, getötet werden und nach drei Tagen auferstehen müsse. Jetzt war die Zeit gekommen, um offen und nicht mehr in Gleichnissen über diese große Wahrheit zu den Jüngern zu reden.

Sofort wird offenbar, dass, obwohl die Jünger wahren Glauben an Ihn als Christus hatten, sie doch, ähnlich wie der Mann, der nur teilweise sah, die Herrlichkeit des Herrn als Sohn des Menschen nur schwach erkannten. Petrus konnte den Gedanken, dass sein Herr und Meister von Menschen verachtet und verworfen werden sollte, nicht ertragen, und deshalb tadelte er den Herrn so scharf. Indem der Herr wusste, welche Wirkung die Worte von Petrus auf die Jünger haben würden, sah Er sie an, »strafte den Petrus und sagte: Geh hinter mich Satan! denn du sinnst nicht auf das was Gottes, sondern auf das, was der Menschen ist«. Wie ernst, dass es möglich ist, als wahrer Gläubiger mit äußerstem Ernst Aussagen zu machen, die von Satan kommen. Petrus mag gedacht haben, er drücke nur ein Gefühl der Liebe seinem Meister gegenüber aus. In Wirklichkeit tat er das Werk Satans, indem er versuchte, den Herrn vom Pfad des Gehorsams gegenüber dem Willen des Vaters abzubringen und einen Stein des Anstoßes auf den Weg der Jünger zu legen. Er betrachtete alles von einem rein menschlichen Standpunkt aus. Im Augenblick sah er Menschen wie Bäume wandeln.

Verse 34–38. Nachdem der Herr das Volk mit seinen Jüngern zu sich gerufen hat, lenkt Er ihre Gedanken weg von »den Dingen der Menschen« und belehrt sie in der Gesinnung Gottes. Wenn sie Ihm nachfolgen wollten in die neue Welt des Segens und der Herrlichkeit, die Er als Sohn des Menschen im Begriff stand zu öffnen, dann mussten sie bereit sein, seine Stellung der Leiden und der Verwerfung in dieser Welt einzunehmen. Es geht hier nicht um die sühnenden Leiden, die Er erduldete, als Er von Gott verlassen wurde, sondern um dem Widerspruch der Sünder zu begegnen und von den Händen der Menschen zu leiden. Darin können Gläubige, wenn auch in geringem Maß, mit Ihm teilhaben, sogar bis zum Tod als Märtyrer. Christus in einer Welt nachzufolgen, die Ihn verworfen hat, bedeutet Selbstverleugnung, das gegenwärtige Leben drangeben und die Welt ablehnen. Aber was immer ein solcher Pfad in dieser Welt mit sich bringen mag, er führt zum Tag der Herrlichkeit, wenn der Sohn des Menschen in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln kommen wird.

Betrachten wir den Herrn Jesus, wie Er uns in diesem Kapitel vorgestellt wird, so sehen wir Ihn draußen, »außerhalb des Lagers«, mit den Seinen. Er hat eine vollkommene Kenntnis unserer Bedürfnisse, ein Herz, das mitfühlt in unseren Nöten, und eine Hand, die für alles sorgt, was wir nötig haben. Außerdem heißt Ihm nachzufolgen, dass wir nicht nur da wandeln, wo Er gewandelt hat – außerhalb des Lagers –, sondern auch so wandeln, wie Er gewandelt hat. In unserem kleinen Maß werden wir ein Herz haben, das für die Nöte anderer von Mitleid bewegt wird. Wir werden Gott für alle seine Barmherzigkeit danken. Wir werden den Widerspruch derer erfahren, die gegen uns streiten; aber wir werden ihnen nicht in einem Geist des Unwillens begegnen, sondern mit einem kummervollen Herzen. Ebenso werden wir uns selbst verleugnen, einen Weg der Schmach annehmen, das Leben hier und die gegenwärtige böse Welt ablehnen, aber vorwärts blicken auf die Herrlichkeit der zukünftigen Welt. So hat Er es getan, indem Er für die vor Ihm liegende Freude das Kreuz erduldete, der Schande nicht achtete und sich jetzt gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes (Hebr. 12,2.3).

Kapitel 9 - Die Macht der zukünftigen Welt

Als die Jünger die Gnade, Liebe und Macht des Herrn Jesus anschauten, durch die Er die Menschen von ihrer Not befreite, sahen sie tatsächlich etwas von der Glückseligkeit des Reiches Gottes. Aber sie sahen es in Umständen der Schwachheit, denn der König war als ein armer Mann in ihrer Mitte, verachtet und verworfen von den Menschen, der nichts hatte, wo Er sein Haupt hinlegen konnte. Um ihren und unsern Glauben zu stützen, die wir einem verworfenen Christus auf seinem demütigen Pfad der Leiden und Schmach nachfolgen, lässt der Herr uns einen Blick auf die kommende Herrlichkeit werten. Er will uns damit zeigen, dass der Weg äußerlicher Schwachheit in »dem Reich Gottes, in Macht gekommen~, enden wird.

Verse 2,3. Um dieses herrliche Gesicht zu sehen, führt der Herr den Petrus, Jakobus und Johannes auf einen »hohen Berg besonders allein«. Und wenn wir als Gläubige über die lange, dunkle Nacht hinaussehen und den kommenden Tag begrüßen sollen, dann haben auch wir nötig, im Geist über den Tumult dieser armen Welt erhöht zu werden, um mit dem Herrn Jesus allein zu sein. In solchen Augenblicken werden unsere Seelen, wie die der Jünger, vor allem mit der Herrlichkeit seiner Person beschäftigt sein. So sind die Jünger in diesem Gesicht zuerst von der Herrlichkeit des Herrn gefesselt. »Er wurde vor ihnen umgestaltet.« In späteren Jahren, als Petrus über dieses große Ereignis schrieb, konnte er sagen: »Wir haben euch die Macht und Ankunft unseres Herrn Jesus Christus kundgetan« (2. Petrus 1,16). Die Apostel reden nicht nur von seinem Kommen, sondern von der Macht seiner Ankunft. Sie sahen ein Beispiel der mächtigen Kraft, die uns bei seinem Kommen in einem Augenblick umgestalten wird, damit wir Ihm gleich seien. In einem Moment wurde Er »umgestaltet«, und sein Gewand der Niedrigkeit wurde in glänzende Kleider verwandelt, »sehr weiß wie Schnee«.

Vers 4. Weiter lernen wir, dass bei seiner Herrschaft in Herrlichkeit und Macht nicht nur die Gläubigen der gegenwärtigen Zeitperiode, dargestellt durch die drei Apostel, dabei sein werden, sondern auch alle Gläubigen, die vor dem Kommen des Herrn auf dieser Erde gelebt haben. Sie werden in dem Gesicht durch Moses und Elias dargestellt, diese zwei besonderen Zeugen für Gott in den Zeiten des Gesetzes und der Propheten.

Verse 5–8. Diese Zeugen werden mit Christus in seiner irdischen Herrlichkeit verbunden sein. Doch so groß sie in ihren Tagen auch sein mochten, der erste Platz gehört Christus. Seine persönliche Herrlichkeit als des Einen, der vor allen ist, wird Aufrechtgehalten. Vom Volk hatte Er nur Unehre und Schande empfangen. Von den unwissenden, aber wahren Jüngern empfängt Er wenig mehr als die Ehre und Herrlichkeit, die sie Moses und Elias geben würden, denn Petrus wollte den Herrn auf die gleiche Stufe mit diesen großen Dienern stellen. Später, als der Heilige Geist gekommen war, sah Petrus die wahre Bedeutung dieser großartigen Szene, denn er sagt: Der Herr Jesus »empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit, als von der prachtvollen Herrlichkeit eine solche Stimme an ihn erging: Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe– (2. Petr. 2,17). Die Ehre, die Er von dem Vater aus dem Himmel empfing – die prachtvolle Herrlichkeit –, steht im Gegensatz zu dem, was Er vom Menschen, von der Welt und sogar von den wahren Jüngern empfing. Und wie ist es in unsern Tagen? Stehen Gläubige zuzeiten nicht in Gefahr, in diesen Fallstrick zu fallen und zu vergessen, dass, trotz großer Hingabe und geistlichem Empfinden einzelner Diener, der Herr weit erhabener ist? Diese Männer mögen ändern und sterben; aber nur vom Herrn kann gesagt werden: »Du aber bleibst« und »Du bist der derselbe«. Deshalb sahen die Jünger, nachdem sie die Stimme vom Himmel gehört hatten: »Dieser ist mein geliebter Sohn, ihn höret«, »niemand mehr, sondern Jesus allein«. Und weiter sahen sie Ihn »bei sich«. Soeben hatten sich zwei Männer »mit Jesus« in Herrlichkeit unterredet; jetzt sehen die Jünger Jesus »bei sich«, auf dem Pfad, der zur Herrlichkeit führt. Es ist gut für uns, die Herrlichkeit dieser Person zu erkennen: Er ist der Eine, mit dem wir in der Herrlichkeit sein werden, und Er ist derselbe, der auf dem Weg dorthin mit uns ist.

Verse 9,10. Um dies möglich zu machen, musste der teure Herr sterben und aus den Toten auferstehen. So konnte ein Apostel später schreiben: "Er ist für uns gestorben, auf dass wir, sei es dass wir wachen oder schlafen, zusammen mit ihm leben« (1.Thess. 5,10). Zu jener Zeit rief diese große Wahrheit eine Schwierigkeit in den Gedanken der Jünger hervor. Sie glaubten an eine allgemeine Auferstehung am letzten Tage (Joh. 11,24). Hingegen war die Tatsache, dass jemand aus den Toten auferstehen sollte, während andere für eine spätere Auferstehung im Grab bleiben würden, etwas völlig Fremdes für ihre Gedanken. Aber dies ist eben eine Grundwahrheit des Christentums. Die Auferstehung Christi aus den Toten ist der ewig gültige Beweis dafür, dass Gott sein Werk angenommen hat, und dass die Gläubigen angenehm gemacht sind in Ihm und mitteilhaben werden an der Auferstehung der Gerechten, d.h. an der ersten Auferstehung. So lesen wir: »Ein jeder aber in seiner eigenen Ordnung: der Erstling, Christus; sodann die, welche des Christus sind bei seiner Ankunft« (l. Kor. 15,23).

Leider war es mit ihnen wie mit uns, wenn wir mit Schwierigkeiten konfrontiert werden. Sie behielten das Wort für sich, indem sie sich untereinander befragten, anstatt ihre Schwierigkeit dem Herrn vorzulegen.

Verse 11–13. Die Jünger hatten jedoch ein anderes Problem, worüber sie mit dem Herrn sprachen. Die Schriftgelehrten sagten, dass Elias zuerst kommen müsse, aber offensichtlich war Elias dem Herrn nicht vorausgegangen. Die Schwierigkeit entsprang der Tatsache, dass sie wohl die Schriften annahmen, die vom Kommen Christi in Herrlichkeit sprachen, aber jene Stellen übersahen, die von seinem Kommen, um als Sohn des Menschen zu leiden, redeten. Der Prophet Maleachi erklärte, dass Elias dem Kommen Christi in Herrlichkeit vorausgehen würde. Die Weissagung wird bestimmt in Erfüllung gehen. Moralisch war er trotzdem schon gekommen, und zwar in dem Vorläufer Johannes dem Täufer, der im Geist Elias' gekommen war und das Volk zur Busse aufgerufen hatte (siehe Matth. 11,14).

Verse 14–19. Im vorherigen Kapitel »stritten« die Pharisäer mit Christus (8,11). Nachdem der Herr vom Berg herabgestiegen war, fand Er die Schriftgelehrten im Streit mit seinen Jüngern. Etwas später erinnert der Herr uns: »Ein Knecht ist nicht größer als sein Herr« und fügt dann hinzu: »Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen« (Joh. 15,20). Kein Wunder, dass die Menschen den Gläubigen widerstehen, da sie sich sogar getrauten, mit Christus zu streiten. Beim Herrn brachte diese Opposition nur seine Vollkommenheit zum Vorschein, aber bei uns enthüllt sie meistens unsere Schwachheit. So finden wir in dieser Geschichte, nachdem wir auf dem Gipfel des Berges einen Blick auf die Herrlichkeit des Herrn werfen konnten, am Fuß des Berges das Elend des Menschen, die Macht Satans und die Schwachheit der Jünger.

Als der Herr die Zwölfe aussandte, >gab er ihnen Gewalt über die unreinen Geister«; und während einer Zeit gebrauchten sie diese Kraft auch, denn wir lesen: »Sie trieben viele Dämonen aus« (6,7.13). Hier jedoch versagte ihr Glaube. Sie konnten den stummen Geist nicht austreiben. Die Kraft war da, um Wunder zu wirken und die Macht Satans zu überwinden, aber der Mensch konnte sie sich nicht zunutze machen, und die Jünger hatten keinen Glauben, um sie zu gebrauchen.

Angesichts dieses Versagens musste der Herr sagen: »0 ungläubiges Geschlecht! bis wann soll ich bei euch sein? bis wann soll ich euch ertragen?« – Worte, die die ernste Bedeutung des Versagens der Jünger anzeigen. Es bedeutete, dass das Zeugnis Gottes durch die Jünger gescheitert war, und dass als Folge davon die Haushaltung zu Ende gehen würde. >Bis wann soll ich bei euch sein?« besagt, dass dem vorübergehenden Aufenthalt des Herrn auf dieser Erde eine Grenze gesetzt war. Eine bedürftige Generation, die von der Macht des Teufels unterdrückt war, würde den Herrn nicht wegtreiben – im Gegenteil! Es waren die tiefen Bedürfnisse des Menschen unter der Gewalt Satans, die den Herrn Jesus in diese Welt brachten. »Christus Jesus ist in die Welt gekommen, Sünder zu erretten.« Es ist das ungläubige Geschlecht, nicht das bedürftige, das seiner Mission der Gnade und Macht auf der Erde ein Ende setzt. Wenn es keine Kraft mehr gibt, um die Hilfsquellen in Christus zu gebrauchen, dann ist sein Dienst auf Erden beendet.

Redet dies nicht auch zu uns Christen? Ist es nicht eher das Versagen des Volkes Gottes als das zunehmende Böse in der Welt, das diesen Tag der Gnade zu seinem Abschluss bringt? Das, was bekennt, ein öffentliches Zeugnis für Christus auf Erden zu sein, wird in seinem letzten Zustand so ekelerregend für Christus sein, dass Er sagen muss: >Ich werde dich ausspeien aus meinem Munde.«

Trotzdem hat die Güte des Herrn nicht aufgehört, weder durch den Widerstand des Menschen noch durch das Versagen der Seinen, denn der Herr kann im Blick auf den besessenen Mann die tröstenden Worte anfügen: »Bringet ihn zu mir.«

Wie jemand gesagt hat: Der Glaube, und mag er noch so klein sein, wird nie ohne Antwort des Herrn gelassen. Welch ein Trost! Wie groß auch der Unglaube, nicht nur der Welt, sondern auch der Christen sein mag – wenn nur eine einzige Person in der Welt übrig bliebe, die Glauben in die Güte und Macht des Herrn Jesus hat, sie könnte in einfachem Glauben mit ihren wirklichen Bedürfnissen zu Ihm kommen und würde ein bereitwilliges Herz und eine ausreichende Kraft bei Ihm finden. So, wie Er angesichts des Versagens seiner eigenen Jünger auf Erden sagen konnte: »Bringet ihn zu mir«, so kann der Herr in den letzten ernsten Augenblicken, da Er im Begriff steht, die bekennende Kirche aus seinem Munde auszuspeien, sagen: "Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür auftut, zu dem werde ich eingehen und das Abendbrot mit ihm essen, und er mit mir.« Wie dunkel auch der Tag, wie groß auch unser Versagen – Christus ist derselbe, und Er bleibt. Er steht immer noch an der Tür und ist bereit, jeden, der seine Stimme hört und Ihm die Tür öffnet, zu segnen. Möchte es unser glückliches Teil sein, seiner Stimme zu antworten.

Verse 20–27. Als Antwort auf die Worte des Herrn bringen sie den bedauernswerten Sohn »zu Ihm«. Aber wie es bei uns oft der Fall ist, kommen sie mit einem kleinen Glauben an die Macht des Herrn, denn der arme Vater sagt: »Wenn du etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!« Der Herr gibt ihm zur Antwort: »Das wenn du kannst ist, wenn du glauben kannst; dem Glaubenden ist alles möglich.« Es hat jemand richtig zu diesen Worten bemerkt: Kraft verbindet sich mit dem Glauben; die Schwierigkeit liegt nicht in der Kraft Christi, sondern im Glauben des Menschen. Alles wäre möglich, wenn er glauben könnte. Das ist ein wichtiger Grundsatz. Die Kraft Christi versagt nie, alles das zustande zu bringen, was gut ist für den Menschen. Aber leider fehlt es bei uns oft an Glauben, um Nutzen davon zu haben.

Verse 28,29. Im Haus, wo der Herr mit seinen Jüngern allein ist, lernen wir von Ihm die überaus wichtige Wahrheit, dass der Glaube, der den Herrn in alle unsere Schwierigkeiten hineinbringt, nur durch eine vertraute Gemeinschaft mit Gott, die durch das Gebet zum Ausdruck kommt, und durch einen Verzicht auf die Dinge dieser Welt, das Fasten, aufrechtgehalten werden kann. Es ist bei uns wie bei den Jüngern. Hinter einem Mangel an Glauben, die Kraft des Herrn zu gebrauchen, steht meistens ein Mangel an Gemeinschaft mit dem Herrn im Gebet.

Verse 30–32. Die Herrlichkeit des Reiches ist geoffenbart worden. Die Kraft und Gnade des Herrn, um die Segnungen des Reiches einzuführen, haben sich gezeigt, aber nur, um den Unglauben der Welt ans Licht zu bringen, und das Versagen der Seinen, diese Kraft in ihrer Mitte zu gebrauchen. Sein Weggehen stand bevor, und die Zeit eines öffentlichen Appells an das Volk als Ganzes war vorüber. Hingegen wollte Er seine Gnade für persönliche Nöte austeilen; aber die Zeit, um zu herrschen, war noch nicht gekommen. Deshalb, während Er durch das Land zog, »wollte Er nicht, dass es jemand erführe«. Die Sünde des Menschen stand im Begriff, in der Tötung des Sohnes des Menschen einen traurigen Höhepunkt zu erreichen. Aber gerade dieses würde zur Gelegenheit werden, die gewaltige Macht Christi über Sünde, Satan und Tod durch seine Auferstehung aus den Toten kundzutun. Die Worte des Herrn offenbarten aufs neue die Schwachheit der Jünger. Es fehlte ihnen nicht nur an geistlichem Begriffsvermögen, um die Wahrheit der Auferstehung zu verstehen, sondern sie »fürchteten sich, ihn zu fragen«. In dem Fall des Mannes mit dem bösen Geist war ihr Glaube zu schwach, um die Macht Christi zu gebrauchen. Jetzt ist ihr Vertrauen zu klein, um sich die Weisheit Christi zu Nutzen zu machen. Wie oft gleichen wir leider den Jüngern! Wenn Schwierigkeiten auftauchen, suchen wir eine Lösung, indem wir die Probleme miteinander diskutieren (V. 10), anstatt uns an Christus, unser Haupt, zu wenden, bei dem alle Weisheit ist.

Verse 33,34. Allein im Haus mit den Seinen, erreicht der Herr durch eine einfache Frage das Gewissen der Jünger und legt die Wurzel von manchen ihrer Schwachheiten bloß. Unterwegs hatten sie sich miteinander besprochen, und das Thema ihrer Unterhaltung war: »Wer der Größte sei.« Leider ist seit jenem Tag gerade dies – der Wunsch, der Größte zu sein – die wirkliche Wurzel vieler Streitgespräche unter dem Volk Gottes gewesen. Was auch immer die unmittelbar zur Diskussion stehende Frage ist, unter der Oberfläche befindet sich meistens ein großes Stück des Ichs, das sich ins Gespräch mischt. Das Ich will nicht nur groß, sondern »der Größte« sein. Wenn ein Gläubiger danach trachtet, der Größte zu sein, wird dies früher oder später zu einem Gespräch führen, in welchem der kleinste Ausrutscher bei einem Bruder aufgegriffen wird, mit dem Bestreben, ihn herabzusetzen und dafür sich selbst zu erhöhen. Schon der Gedanke, groß sein zu wollen, zeigt, wie wenig die Jünger die Wahrheit des Reiches verstanden. Sie übersahen vollkommen, dass das Reich zur Entfaltung alles dessen, was Gott in Liebe, Gerechtigkeit, Gnade und Macht ist, dienen wird. So kann es in unseren Tagen vorkommen, dass wir uns in dem Fallstrick verfangen, die Versammlung als einen Bereich zu benutzen, wo wir uns selbst erhöhen können. Die Korinther taten dies durch ihre Gaben und fleischlichen Methoden; die Galater taten es durch ihre Gesetzlichkeit, und die Kolosser standen in Gefahr, die fleischliche Religion dazu zu verwenden.

Wenn Gläubige jedoch untereinander diskutieren können, dann müssen sie in der Gegenwart des Herrn schweigen. Wir können sicher sein, wenn Gläubige anfangen, Wortstreit miteinander zu führen, dann sind sie sich der Gegenwart des Herrn nicht mehr länger bewusst.

Vers 35. Der Herr unterweist seine Jünger mit unendlicher Geduld. In Gegenwart ihrer Herzlosigkeit, die gerade dann ihre eigene Größe suchte, als Er sie daran erinnerte, dass Er getötet werden sollte, steht Er nicht entrüstet auf und verlässt sie. Vielmehr setzt Er sich nieder, ruft die Zwölfe zu sich und unterweist sie in liebevoller Weise in dem Pfad wahrer Größe. Wenn jemand wünscht, der erste im Reiche zu sein, dann soll er der letzte sein auf dem Pfad, der zur Herrlichkeit führt – er soll aller Diener werden. Wir mögen zeitweise bereit sein, einer großen Persönlichkeit oder einem hingebenden Gläubigen zu dienen und uns durch dieses Tun selbst zu erhöhen. Sind wir aber bereit, der Diener von allen zu werden? Es ist in Wahrheit gesagt worden, dass Liebe das Machtvollste von allem sei, und sie liebt es, zu dienen, und nicht bedient zu werden. So ist der der Größte, der in seinen Augen der Kleinste ist.

Verse 36,37. Nachdem der Herr die Jünger auf dem Weg wahrer Größe unterwiesen hat, illustriert Er seine Belehrung, indem Er ein kleines Kind in ihre Mitte stellt. Er zeigt ihnen, wie Er selbst sich herabneigen konnte, um ein kleines Kind in seine Arme der Liebe zu schließen. Der Jünger, der eines dieser kleinen Kinder im Namen des Herrn aufnehmen kann, folgt dem Herrn auf dem Weg wahrer Größe. Er wird sich im Namen des Höchsten zu dem Niedrigsten neigen. Wenn er so handelt, befindet er sich in Gemeinschaft mit Christus, und Christus aufnehmen heißt Den aufnehmen, der Ihn gesandt hat. Indem wir uns selbst verleugnen und jede Selbsterhöhung ablehnen, werden wir uns in Gemeinschaft mit den göttlichen Personen finden.

Verse 38–41. Wir haben die Gefahr der Selbsterhöhung gesehen. Im folgenden Ereignis sehen wir eine andere Schlinge: die Gefahr der Erhöhung einer Gruppe. Johannes sagt: »Lehrer, wir sahen jemand, der uns nicht nachfolgt, Dämonen austreiben in deinem Namen; und wir wehrten ihm, weil er uns nicht nachfolgt.« Sie selbst, obwohl sie Christus nachfolgten, hatten soeben aus Mangel an Gebet und Fasten versagt, einen Dämon auszutreiben. Jetzt verboten sie jemand das zu tun, worin sie selbst versagt hatten, nur weil er ihnen nicht nachfolgte. In seiner Antwort zeigt der Herr ihnen, was aus seiner Sicht vor allem wichtig ist: die Beziehung des Jüngers zu Ihm selbst. Vielleicht hatte dieser Mann nicht genügend Glauben, um sich mit den Jüngern, die dem Herrn auf dem Weg der Absonderung nachfolgten, einszumachen. Aber wenn er ein Wunder im Namen Christi vollbringen konnte, war es offensichtlich, dass er diesen Namen wertschätzte und nicht in leichtfertiger Weise von Ihm reden würde.
 

Die Welt hat Christus so vollständig verworfen, dass es in ihrem Kreis eigentlich nur noch Gegner des Herrn Jesus gibt. Wenn es solche gibt, die nicht gegen Christus sind, dann müssen sie zu denen gehören, die auf seiner Seite stehen, auch wenn es ihnen an Glauben fehlt, sich öffentlich zu Ihm zu bekennen. Johannes hatte gesagt, sie sind nicht »mit uns«. Aber der Herr kann trotzdem antworten, dass sie »nicht wider uns« sind. Die Jünger machten zuviel aus dem armen "uns« – das schwache Häuflein, das sich um Christus versammelte – und zu wenig von Christus, der herrlichen Person, um die sie geschart waren. Der Herr erinnert sie daran, dass sein Name alles bedeutet. Die geringste Tat –z. B. einen, der Christus angehört, mit einem Becher kalten Wassers zu tränken –, wenn sie in seinem Namen getan wird, wird ihren Lohn nicht verlieren.

Verse 42–48. Nun folgen einige Warnungen. Hüten wir uns davor, andere zu verurteilen, dass wir dadurch nicht einen Stolperstein auf den Weg eines dieser Kleinen, die Christus angehören, legen. Im weitern lasst uns gewissenhaft mit jeder bösen Neigung in uns selbst verfahren, indem wir alles ablehnen, was uns zur Sünde verleiten könnte. Das mag zur Folge haben, dass wir das, was dem Fleisch am wertvollsten ist, unnachgiebig abweisen – die Hand, den Fuß, das Auge und jede Form des Bösen, in die diese Glieder uns führen können. Lasst uns nicht vergessen, dass diese bösen Dinge die Menschen in das ewige Gericht bringen.

Verse 49,50. Alles wird auf die Probe gestellt. Das Feuer wird sowohl Gläubige als Sünder erproben. "Jeder wird mit Feuer gesalzen werden, und jedes Schlachtopfer wird mit Salz gesalzen werden.« Der Sünder, der Christus verwirft, wird in das unauslöschliche Feuer kommen. Aber der wahre Gläubige wird durch das Feuer, das die Form von Prüfungen oder sogar Verfolgungen annehmen kann, erprobt. Der Apostel Petrus erklärt uns, dass unser Glaube durch Feuer erprobt werden kann, und warnt uns, es nicht als etwas Fremdes zu betrachten, wenn wir durch »das Feuer der Verfolgung« zu gehen haben. Wir sollten uns vielmehr darüber freuen, dass, so wie wir an >den Leiden des Christus« teilhaben, wir auch »seine Herrlichkeit« mit Ihm teilen werden (l. Petr. 1,7; 4,12.13). Das Leben des Gläubigen wird auch als ein Opfer betrachtet, denn wir sollen unsere »Leiber darstellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Schlachtopfer« (Röm. 12,1). Das Opfer soll rein gehalten werden, »mit Salz gesalzen«. Wenn der Christ in praktischer Heiligkeit lebt, wird er zu einem Zeugnis inmitten der Welt. Fehlt aber diese Heiligkeit, gleicht sein Leben dem Salz, das seinen Geschmack verloren hat. Wir sollen Salz in uns selbst haben und in Frieden untereinander sein.

Im Lauf des Kapitels haben wir einerseits die Vollkommenheit Christi gesehen und anderseits die Enthüllung dessen, was das Fleisch ist, sogar in wahren Jüngern, in denen, die den Herrn  liebten und Ihm nachfolgten. in der Gegenwart der Herrlichkeit waren die Jünger »voll Furcht« (V. 6). Angesichts der Macht Satans fehlte es ihnen an Glauben, um die Kraft zu gebrauchen, die ihnen in Christus zur Verfügung stand (V. 18,19). Hinter diesem Mangel an Glauben stand eine Vernachlässigung des Gebets und Fastens (V. 29). Nachdem sie wenig in Gemeinschaft mit Gott im Gebet waren, unterredeten sie sich untereinander, als Schwierigkeiten in ihren Gedanken entstanden, und fürchteten sich, Ihn zu fragen (V. 10,32). Nicht mehr an der Hand des Meisters, diskutierten sie untereinander, wer der Größte sei, und verurteilten das, was ein anderer im Namen Christi tat, nur weil er nicht zu ihrer Gruppe zählte (V. 38).

Wenn wir aber unsere eigene Schwachheit in den Jüngern sehen, erkennen wir auch die Fülle unserer Hilfsquellen in Christus. Wir sehen auf dem Berg die Herrlichkeit und Macht des Reiches, und dass wir mit Ihm in der Herrlichkeit sein werden. Am Fuß des Berges sehen wir inmitten all unserer Schwachheit und Schwierigkeiten, dass Er als unsere nie versiegbare Hilfsquelle mit uns ist. Er ist der Eine, zu dem wir alle unsere Prüfungen und schwierigen Fragen bringen dürfen (V. 19,33). Er ist unser Lehrer (V. 31). Es ist sein Name, zu dem wir uns versammeln (V. 39), und Er will das Geringste, das in seinem Namen getan wird, belohnen (V. 41).

 

Kapitel 10, 1 -45 - Leiden und Herrlichkeit

In diesem Teil des Evangeliums werden uns drei wichtige Grundsätze vorgestellt: Zuerst lernen wir, dass der Herr die natürlichen Beziehungen, wie Gott sie ursprünglich eingerichtet hat, anerkannte und angeborene Güte nicht übersah. Die Ehe wird geehrt (V. 2–12); Kinder werden anerkannt (V. 1316); und natürliche Aufrichtigkeit und Liebenswürdigkeit werden ebenfalls beachtet (V. 17–22). Zweitens sehen wir, dass die natürlichen Beziehungen, die von Gott eingerichtet wurden und von Ihm anerkannt sind, durch den Menschen verdorben worden sind. Die Eheverbindung ist durch die Härte des menschlichen Herzens ruiniert worden (V. 5). Kinder werden gering geschätzt, da ihnen nicht viel Wert beigemessen wird (V. 13), und natürliche Rechtschaffenheit und irdischer Besitz werden benützt, um die Seele von Gott zu trennen und die Leute am Eintritt in das Reich Gottes zu hindern (V. 22,23). Drittens müssen jene, die Christus in das Reich nachfolgen wollen, aufgrund des Versagens des natürlichen Menschen bereit sein, in dieser Welt Leiden auf sich zu nehmen. Die irdischen Reichtümer mögen noch so groß sein, wer Christus nachfolgen will, muss das Kreuz aufnehmen (V. 21). Es wird ihm Verfolgung begegnen (V. 30), und er muss bereit sein, zwar mit dem Blick auf die zukünftige Weit, einen Platz der Niedrigkeit in dieser Welt einzunehmen (V. 44). Christus als der demütige Diener ist das vollkommene Beispiel für einen solchen Weg (V. 33,34,45).

Verse 1 – 12. Durch die Pharisäer wird das Gespräch auf die ehelichen Beziehungen gelenkt. Sie kommen zum Herrn mit der Frage: » Ist es einem Manne erlaubt, sein Weib zu entlassen?« Offensichtlich hatten sie kein wirkliches Verlangen, die Wahrheit kennen zu lernen, denn wir lesen, dass »sie ihn versuchten«. Anscheinend hofften sie durch die Antwort des Herrn in der Lage zu sein, Ihn entweder der Missachtung dessen, was Moses geboten hatte, anzuklagen, oder Ihm vorzuwerfen, Er billige die losen Sitten, die unter dem Volk herrschten. Wie gewöhnlich, wenn Menschen in ihrer Torheit den Herrn versuchen wollen, werden sie selbst durch und durch bloßgestellt.

Der Herr begegnet der Frage: »Ist es erlaubt?«, indem Er das Gesetz anwendet. »Was hat euch Moses geboten?« In ihrer Antwort suchten sie die Frage des Herrn abzuschwächen, indem sie nicht von dem sprachen, was Moses geboten, sondern was er erlaubt hatte. Damit offenbarten sie unabsichtlich die Verhärtung ihrer Herzen. Sie vernachlässigten die positiven Gebote Moses' und redeten nur von der besonderen Vorschrift, die erlassen worden war, um ihrer eigenen Herzenshärtigkeit zu begegnen. Die Gebote entsprachen dem Herzen Gottes im Blick auf die Menschen; die Anweisungen über das Scheiden dienten nur, um ihren Herzen zu begegnen.

Nachdem der Herr die Herzenshärtigkeit der Menschen aufgedeckt hat, legt Er die Wahrheit über die ehelichen Beziehungen gemäß der Schöpfungsordnung dar. Diese hat Gott von Anfang an eingesetzt. Damit erklärt der Herr die Ehe als bindend und befähigt den Christen, diese Bindung auf der Grundlage der Schöpfungsordnung einzugehen und nicht nach den Vorschriften der Menschen.

In dem Haus belehrt der Herr seine Jünger weiter über den Ernst der Auflösung des Ehebundes, um den fleischlichen Wünschen nach einer anderen Frau nachzugeben. In den Augen Gottes bedeutet dies, in eine überaus entwürdigende Sünde zu fallen.

Verse 13–16. In der nächsten Begebenheit sehen wir, dass sogar den Jüngern die Gedanken des Herrn über kleine Kinder fremd waren. Offensichtlich dachten sie, der Herr sei zu groß, um von diesen Kleinen Notiz zu nehmen, und diese seien auch zu unbedeutend, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Indem sie es denen verwiesen, die ihre kleinen Kinder zum Herrn bringen wollten, damit Er sie segne, entstellten sie das Wesen ihres Meisters völlig. Sie versäumten, das wahrhaft Schöne in einem Kind zu sehen und verleugneten die Grundsätze des Reiches, das sie eigentlich predigen wollten.

Das Handeln der Jünger ruft den gerechten Unwillen des Herrn hervor. Er begegnet ihren armseligen Gedanken mit den Worten: »Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes.« In seinem Herzen gibt es ein herzliches Willkommen für die Schwachen und Einfachen. Obwohl die Wurzel der Sünde auch in ihnen ist, sind doch ihre Einfalt und ihr Vertrauen die hervorstechendsten Merkmale derer, die in das Reich Gottes eingehen. Und gerade so, wie Er diese Kleinen in die Arme nahm und sie segnete, so sind die ewigen Arme unter allen denen, die in aller Einfalt und im Vertrauen ihre Zuversicht auf Ihn gesetzt haben. Und seine Hände sind segnend über sie gehalten (5. Mose 33,27; Luk. 24,50).

Verse 17–22. In dem folgenden Ereignis lernen wir, dass die Vorzüglichkeit des Geschöpfes und der irdische Besitz, so richtig sie an ihrem Platz sein mögen, keinen Zugang zum Reich Gottes verschaffen können, sondern eher ein echtes Hindernis für den Segen darstellen. Die Natur hat in ihrem besten Fall kein Empfinden dafür, dass sie Christus nötig hat. Ebenso wenig kann sie die Herrlichkeit Christi wahrhaft begreifen.

Bei diesem reichen Mann gab es vieles, das vorzüglich war. Er war voll jugendlichen Eifers, denn er »lief herzu«. Er war bereit, die Überlegenheit Christi anzuerkennen, denn er fiel ehrfürchtig vor Ihm auf die Knie. Er wünschte, das Rechte zu tun, denn er fragte: »Was soll ich tun?« Äußerlich gesehen hatte er einen vorzüglichen Charakter. Er war noch nicht verdorben durch die Befriedigung der Sünde. Er hatte äußerlich das Gesetz gehalten. Es gab viel Liebenswürdiges in seinem Charakter –eine Frucht der Schöpfung –, was die Wertschätzung und Liebe des Herrn hervorrief. Wie ein anderer gesagt hat: »Er war liebenswürdig, gut gesinnt und bereit, das Gute zu lernen. Er hatte die Vortrefflichkeit des Lebens und der Werke des Herrn Jesus bezeugt, und sein Herz war von dem, was er gesehen hatte, berührt worden."

Und doch ließen ihn alle diese natürlichen Vorzüge ohne wahre Wertschätzung der Person und Herrlichkeit Christi und ohne wirkliches Empfinden für den Zustand und die Bedürfnisse seines Herzens. Er konnte die überragende Vortrefflichkeit Christi als Mensch erkennen, aber er konnte die Herrlichkeit seiner Person als Sohn Gottes nicht sehen. Die Natur, so vorzüglich sie sein mag, kann Gott in Christus nicht erkennen. So sagte der Herr bei einer anderen Gelegenheit zu Petrus: »Glückselig bist du ... denn Fleisch und Blut haben es dir nicht geoffenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist.« Der Herr, der sich mit dem jungen Mann auf seinem eigenen Boden einlässt, will nicht gelten lassen, dass der Mensch gut ist. »Niemand ist gut als nur Einer, Gott. « Christus war tatsächlich gut, aber Er war Gott. Er blieb immer Gott. Gott wurde Mensch, ohne je aufzuhören Gott zu sein, ja, Er hätte nicht aufhören können, Gott zu sein.

Weil der junge Mann kein Empfinden für seine Bedürfnisse hatte, fragte er nicht: »Was muss ich tun, um errettet zu werden?«, sondern: »Was soll ich tun, auf dass ich ewiges Leben ererbe?« Seine guten natürlichen Veranlagungen machten ihn blind für die Tatsache, dass er trotz seiner guten Eigenschaften ein verlorener Sünder war, der das Heil nötig hatte. Der Herr zieht den Vorhang zur Seite und enthüllt den wahren Zustand seines Herzens, und zwar indem Er ihm sagt: »Gehe hin, verkaufe, was irgend du hast ... und komm, folge mir nach.« Dieses Wort bringt die Tatsache ans Licht, dass der Mann trotz seines liebenswürdigen und vorzüglichen Charakters ein Herz hatte, welches das Geld dem Herrn Jesus vorzog. So lesen wir: »Er aber ging, betrübt über das Wort, traurig hinweg.« Wie vollständig beweist dieses doch, dass es im Menschen nichts Gutes für Gott gibt! Ein vorzüglicher Charakter ist kein Anzeiger für den geistlichen Zustand des Herzens. So hat jemand richtig geschrieben: » Die Beweggründe und alles, was das Herz regiert, das ist der wahre Maßstab für den moralischen Zustand des Menschen, und nicht die Eigenschaften, die er von Geburt aus besitzt, so angenehm diese auch sein mögen. Gute Eigenschaften findet man sogar bei Tieren. Wir sollen sie wertschätzen, aber sie offenbaren auf keinen Fall den Herzenszustand.

Christus selbst war das vollkommene Vorbild für den Weg, den Er diesem jungen Mann vorschlug. »Ihr kennet die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, dass er, da er reich war, um euretwillen arm wurde, auf dass ihr durch seine Armut reich würdet« (2. Kor. 8,9). Weil dieser junge Mann die Herrlichkeit des Herrn nicht erkannte, sah er auch seine Gnade nicht. Wir sehen niemals seine Gnade, bevor wir nicht seine Herrlichkeit gesehen haben.

Verse 23–27. Der Herr wusste um die Wirkung seiner Worte auf die Jünger. Deshalb wendet Er sich an sie und unterstreicht die Lektion, die wir alle von diesem jungen Mann lernen müssen, indem Er sagt: »Wie schwerlich werden die, weiche Güter haben, in das Reich Gottes eingehen!« Diese Worte verwunderten die Jünger sehr, denn mit ihren jüdischen Gedanken, die auf irdischen Segen ausgerichtet waren, betrachteten sie Reichtum und Besitz als ein Zeichen für die Gunst Gottes. Im weitern war in ihren Herzen möglicherweise der Gedanke, der sich auch oft bei uns findet: Wenn wir nur genügend reich wären, wie viel Gutes könnten wir dann tun. Um diesen Schwierigkeiten zu begegnen, zeigt der Herr, dass die große Gefahr des Reichtums darin liegt, dass die Menschen glauben, sie könnten ihre Errettung und die Segnungen des Reiches mittels ihres Reichtums erlangen. Deshalb setzen sie ihr Vertrauen auf den Reichtum. Beachten wir, dass der Herr nicht einfach von einem reichen Menschen spricht, sondern von einem, der auf das Geld vertraut. Diese Gefahr besteht sowohl für den Ärmsten, wenn er nur wenig besitzt, als auch für den, der über große Reichtümer verfügt. Der Herr gebraucht ein Bild, um zu zeigen, wie schwer es für einen Reichen ist, in das Reich Gottes einzugehen. Erstaunt fragen die Jünger: »Wer kann dann errettet werden?« Der Herr gibt zur Antwort: »Bei Menschen ist es unmöglich, aber nicht bei Gott.« Ihre Frage scheint anzudeuten, dass in ihren Köpfen der Gedanke fortlebte, ihre Errettung hänge, bis zu einem gewissen Grad wenigstens, noch von ihnen ab. Sie hatten zu lernen, was wir alle begreifen müssen, dass unsere Errettung einzig und allein das Werk Gottes ist. Der Mensch kann überhaupt nichts dazu beitragen. Weder Gesetz noch Natur, weder Reichtum noch Armut tragen bei der Errettung der Seele irgend etwas bei. Das Heil beruht allein auf der Macht der Gnade Gottes. Was für den Menschen unmöglich ist, ist möglich bei Gott. So lesen wir: »Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittelst des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, auf dass niemand sich rühme« (Eph. 2,4–9).

Verse 28–31. Petrus deutet an, dass die Zwölfe den Weg beschritten hatten, den der Herr dem jungen Mann vorgestellt hatte. Nun fragt er sozusagen, was ihnen nun werden würde. Der Herr antwortet, dass sie jetzt in dieser Zeit, wo es Verfolgungen gibt, hundertfältig empfangen werden, und in dem kommenden Zeitalter ewiges Leben. Wenn wir den Kreis der Verbindungen mit Ungläubigen verlassen, auch wenn natürliche Beziehungen bestehen, dann werden wir den viel größeren Kreis der Familie Gottes finden. Das mag in einem gewissen Sinn zu einer Verfolgung von Seiten der Welt führen, die wir verlassen haben, aber es ist der Weg zum Leben. Die Worte des Herrn zeigen jedoch, dass nicht einfach die Tatsache, dass man dies alles verlässt, belohnt wird, sondern dann, wenn es mit den richtigen Beweggründen getan wird. Es soll nicht geschehen, um sich selbst zu erhöhen, oder sogar um einen Lohn zu empfangen, sondern wie der Herr sagt: »um meinet– und um des Evangeliums willen«.

Der Herr fügt die herzerforschenden Worte an: »Aber viele Erste werden Letzte, und Letzte Erste sein.« Das ist sicher ein warnendes Wort gegen jede Selbstzufriedenheit, zu der wir alle so leicht neigen. Offensichtlich kennzeichnete sie auch die Worte des Petrus, wenn er sagte: »Siehe, wir haben alles verlassen.« Was anderes als einige alte Netze, die geflickt werden mussten, hatte er wirklich verlassen! Hüten wir uns davor, uns in dem zu rühmen, was wir für Christus aufgegeben haben. Es ist richtig gesagt worden: »Nicht der Anfang des Rennens entscheidet den Wettkampf. Das Ende ist notwendigerweise der wesentliche Punkt. Während des Rennens kann sehr viel passieren. Da gibt es Ausrutscher, Stürze und Rückschläge.« Die eigentliche Frage ist nicht: Was haben wir in der Vergangenheit verlassen? sondern: Was tun wir heute?

Verse 32–34. Die Zwölfe hatten alles verlassen, um Christus nachzufolgen. Aber sie hatten die Kosten so wenig berechnet, dass sie sich unversehens auf einem Weg befanden, der sie mit Furcht erfüllte. »Sie entsetzten sich«, als sie sahen, dass der Herr bewusst einen Pfad einschlug, der Prüfungen und Verfolgungen mit sich brachte. Sie fürchteten sich um ihretwillen. Der Herr redet mit ihnen offen über die Leiden, die auf Ihn zukamen. Er erklärt ihnen, dass Er als der Sohn des Menschen den Führern des Volkes und den Nationen überliefert werden würde. Sie würden jede Beleidigung über Ihn bringen, Ihn töten, aber nach drei Tagen werde Er auferstehen.

Verse 35–45. In jener Zeit konnte der Herr keinen unter den Zwölfen finden, der in seine Gedanken eingehen, mit Ihm fühlen und die Notwendigkeit seiner Leiden hätte verstehen können. Beherrscht vom Gedanken eines Königreiches auf Erden, kommen Jakobus und Johannes mit dem Wunsch nach einer hohen Stellung im Reich, nahe bei seiner Person, zu Ihm. Es war wirklicher Glaube vorhanden, dass das Reich aufgerichtet werden würde, aber, wie so oft auch bei uns, mischte sich ein gutes Stück ungerichtetes Fleisch in den Bereich des Glaubens. Sie betrachteten das Reich als eine Gelegenheit für ihr eigenes Vorwärtskommen, und weniger als die Sphäre für die Darstellung der Herrlichkeit Christi. »Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch«, unabhängig davon, ob es in einem unscheinbaren Gläubigen oder in einem führenden Apostel ist. Wie oft hat sich seither die Hässlichkeit des Fleisches besonders in denen geoffenbart, die etwas zu sein schienen.

Der Herr lässt diese Frage zu einer Gelegenheit werden, uns zu belehren. Er unterstreicht, dass der Weg zur Herrlichkeit des Reiches durch Leiden führt. Er allein konnte durch die Leiden des Kreuzes, als Er von Gott verlassen war, die Erlösung zustande bringen. Aber die Jünger sollten das Vorrecht haben, den Kelch der Leiden aus der Hand der Menschen zu trinken. Im weitern konnte Er ihnen, obwohl Er ihnen das Vorrecht, um seines Namens willen zu leiden, zusichern konnte, den Platz zu seiner Rechten im Reich nicht garantieren. Er hatte den Platz eines Knechtes eingenommen, und Er überließ es dem Vater, zu sagen, wer am Tag der Herrlichkeit einen Platz besonderen Vorrechts haben sollte.

Überdies zeigte sich das Fleisch auch in den Zehn. Ihr Unwille gegenüber Jakobus und Johannes bewies, dass Eifersucht in ihren eigenen Herzen am Werk war. Jemand hat gesagt: Das Fleisch wird nicht nur durch den Fehler des einen oder andern sichtbar. Wie reagieren auch wir, angesichts offenkundiger Fehler anderer? Der Unmut, der sich bei den Zehn bemerkbar machte, offenbarte den Stolz ihrer eigenen Herzen. Und das war genau so verkehrt, wie der Wunsch nach dem besten Platz.

Der Herr Jesus ruft sie zu sich und stellt die fleischlichen Gedanken sowohl der Zwei als auch der Zehn richtig, indem Er ihnen den Weg wahrer Größe vorstellt. Wenn Er ihnen den besten Platz in der Herrlichkeit nicht zusprechen kann, so zeigt Er ihnen doch den Weg, der dorthin führt. Der Eine, der den letzten Platz auf dieser Erde einnimmt und der Diener aller sein will, wird den höchsten Platz in der Herrlichkeit einnehmen. Der Sohn des Menschen war das vollkommene Vorbild für einen solchen Weg.

Kapitel 10,46 – 11,26 - Die Verwerfung des Königs

In jedem der drei ersten Evangelien werden die letzten Ereignisse, die zu dem Tod des Herrn und seiner Auferstehung führen, mit der Heilung des Blinden und mit dem Einzug des Herrn in Jerusalem eingeführt. Sein Leben auf Erden als Sohn des Menschen, der kam, um in demütiger Gnade zu dienen, ist beendet. Nun stellt Er sich Jerusalem als Sohn Davids, d.h. als verheißener Messias, vor. Auf seine Verwerfung als vollkommener Knecht Jehovas folgt seine Verwerfung als Sohn Davids. Beides bereitet den Weg für seinen noch größeren Dienst vor, indem Er als Sohn des Menschen sein Leben als Lösegeld für viele gibt.

Kapitel 10,46–52. Der Herr zieht in Jericho, der Stadt des Fluches, ein, aber nicht mit Gericht, um den Fluch auszuführen, sondern in demütiger Gnade, die im Begriff steht, den Fluch zu tragen. Bei seinem Verlassen der Stadt hören wir von einem blinden Mann, der bettelnd am Wegrand saß. Können wir nicht sagen, dass der physische Zustand des Blinden den moralischen Zustand des Volkes zur Schau stellt? Der Messias war in Gnade und Kraft gegenwärtig und zum Segnen bereit, aber das Volk als Ganzes war blind, sowohl für die Herrlichkeit seiner Person als auch für seine eigenen tiefen Bedürfnisse. Alles, was die Leute im Herrn Jesus sehen konnten, war ein verachteter Nazarener.

Im Gegensatz zu der Volksmenge war sich Bartimäus seiner Not und seiner Hilflosigkeit, dieser Not zu begegnen, bewusst. Es ist immer so, dass die bedürftige Seele sich zum Herrn Jesus hingezogen fühlt und seine Herrlichkeit wahrnimmt. Die Leute mögen von Jesus, dem Nazarener, reden, doch der Glaube kann in diesem demütigen Menschen den Sohn Davids erkennen, den Einen, von dem geschrieben steht, Er würde »blinde Augen auftun« (Jes. 42,7). Somit kann der Blinde »schreien und sagen: 0 Sohn Davids, Jesus, erbarme dich meiner!«

Immer, wenn eine Seele den Herrn Jesus sucht, wird es Hindernisse zu überwinden geben. Viele wollten den Blinden zum Schweigen bringen, damit der Herr Jesus nicht durch einen Bettler gestört werde. Aber der Glaube erhebt sich über jedes Hindernis: »Er aber schrie um so mehr.« Und der Herr blieb in seiner Gnade stehen und hieß ihn rufen. Er aber warf sein Gewand ab, sprang auf und kam zum Herrn Jesus. Wenn uns unsere Not bewusst wird und wir etwas von der Herrlichkeit des Herrn Jesus wahrnehmen, ist es wirklich gut, die Kleider der eigenen Gerechtigkeit, auf die wir vertraut haben, wegzuwerfen und gerade so zum Herrn Jesus zu kommen, wie wir sind, in all unserer Not und Hilflosigkeit. Als der Herr fragte: »Was willst du, dass ich dir tun soll?« antwortete der Blinde überglücklich: »Rabbuni, dass ich sehend werde.« Der Herr nimmt die Stellung des Gebers ein und der Blinde ist mit dem Platz des Empfängers zufrieden. Der Herr anerkennt sofort diesen einfachen Glauben. Der Blinde empfängt sein Augenlicht und »folgte Jesus nach auf dem Wege«, um fortan sein Jünger zu sein. Er versuchte nicht, dem Herrn Jesus nachzufolgen, um dafür sehend zu werden. Aber nachdem er die Segnung empfangen hatte, wurde er ein Nachfolger. Wir müssen zuerst die Segnungen der Errettung und Vergebung durch das, was Christus getan hat, empfangen, bevor wir Ihm als dem Gegenstand der Freude unseres Herzens nachfolgen können.

Kapitel 11,1–6 Nachdem der Herr nun in die Nähe von Jerusalem gekommen ist, werden Vorbereitungen getroffen, um Ihn, in Erfüllung der Prophetie Sacharjas (Sach. 9,9), dem Volk Israel als Sohn Davids vorzustellen. Dies war ein neuer Beweis für die Herrlichkeit des Herrn und ein letztes Zeugnis an das Volk. Indem Er als König kam, handelte Er mit königlicher Autorität. Wenn irgendeine Frage über das Losbinden des Füllen durch die Jünger erhoben würde, dann würde es genügen zu sagen: »Der Herr bedarf seiner«, und alle Fragen würden verstummen. So geschah es; und so wird es in den zukünftigen Tagen der Herrlichkeit sein, wenn von Zion gesagt werden kann: »Dein Volk wird voller Willigkeit sein am Tage deiner Macht« (PS. 110,3).

Verse 7–11. Bei seinem Eintritt in Jerusalem wird der Herr von einer Volksmenge umgeben, die Ihn als den König preist, indem sie Psalm 118,25.26 zitiert: »Bitte, Jehova, rette doch! ... Gesegnet, der da kommt im Namen Jehovas.« Das wird der Schrei des Volkes an einem zukünftigen Tag sein, wenn ein Oberrest, zur Busse erwacht, zum Herrn um Errettung rufen wird. Diese Zeit ist aber noch nicht gekommen. Wenn auch die Führer des Volkes den Herrn verwerfen, so mögen Ihm doch die Kinder und Säuglinge ein Zeugnis seiner Herrlichkeit erweisen (Ps. 8,2). Nachdem Er in die Stadt und in den Tempel eingetreten ist, zieht alles an dem untersuchenden Blick des Herrn vorüber, aber nur, um die Zeichen des Widerspruchs, des Verderbens und des Unglaubens offenbar zu machen. Der Herr weigert sich, diesen Zustand durch seine Gegenwart gutzuheißen. Deshalb kehrt Er am Abend nach Bethanien zurück, wo es einige gab, die Ihn anerkannten und liebten.

Verse 12–14. Am nächsten Morgen, als der König mit seinen Jüngern zur Stadt zurückkehrt, lesen wir von Ihm: »Es hungerte ihn.« Er sucht Frucht an einem Feigenbaum, fand aber »nichts als nur Blätter«. Können wir nicht sagen, dass es beim Herrn mehr als physischer Hunger war7 War es nicht geistlicher Hunger, der bei Israel eine Antwort suchte auf die Güte, die Gott diesem Volk während Jahrhunderten geschenkt hatte? Er suchte etwas, das als Frucht das Herz Gottes befriedigte. Wie beim Baum, so fand der Herr viele Blätter, aber keine Frucht. Es gab im Volk viel frommes Bekenntnis vor den Menschen, aber nichts im verborgenen Leben, das Frucht für Gott gewesen wäre.

Wie ernst ist das Resultat! Unabhängig von ihrem religiösen Bekenntnis vor den Menschen werden jene, die aufhören, richtig vor Gott zu leben, als Zeugnis vor den Menschen auf die Seite gestellt. Somit muss der Herr sagen: »Nimmermehr esse jemand Frucht von dir in Ewigkeit!« Sicher ist dies ein Grundsatz von weitreichender Anwendung. Später muss der Herr von der Versammlung in Ephesus, die mit ihren Werken eine beeindruckende Frömmigkeit zur Schau stellte, sagen, dass ihre Zuneigungen zu Ihm nicht echt seien. Er tadelt sie: »Ich habe wider dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast.« In der Folge warnt der Herr sie, dass Er ihren Leuchter aus seiner Stelle wegrücken werde. Wenn unser Herz nicht richtig zu Christus steht, werden wir unser Zeugnis vor den Menschen verlieren. Das ist eine ernste Mahnung an uns alle. Der wahre Prüfstein für den geistlichen Zustand ist nicht das fromme Bekenntnis vor den Menschen, sondern der verborgene Umgang, den wir mit Christus pflegen.

Verse 15–19. Nachdem der Herr Jesus in die Stadt gekommen war, trat Er in den Tempel, aber nur um zu entdecken, wie sehr das Haus Gottes in der Hand der Menschen verdorben worden war. Dieses Haus, durch welches Gott den Menschen begegnen wollte, und in welchem der Mensch Gott nahen konnte, war unter der Hand religiöser Bekenner völlig verdorben worden. Sie hatten es zu einem Mittel gemacht, ihrer Habsucht zu frönen. Zu dem, was die Führer in Israel taten, sind auch die Führer in der Christenheit, ja, in der Versammlung fähig, wenn sie sich nicht durch die Gnade Gottes bewahren lassen. In späteren Jahren warnt uns der Apostel Paulus vor dem Eindringen von Menschen in den christlichen Bereich, die eine verderbte Gesinnung haben, so dass sie »meinen, die Gottseligkeit sei ein Mittel zum Gewinn« (l. Tim. 6,5). Auch der Apostel Petrus, der die Versammlung als Haus Gottes darstellt, ermahnt die Führer, sich in acht zu nehmen, die Herde Gottes »nicht um schändlichen Gewinn« zu hüten (l. Petr. 5,2). In seinem zweiten Brief warnt er uns, dass eine Zeit kommen werde, da in der Christenheit Männer aufstehen werden, die »durch Habsucht« die Gläubigen »verhandeln«. Wir lernen daraus, dass das Fleisch sich nie ändert. Die Habsucht, die das Haus Gottes in Jerusalem verdorben hat, ist mit ihrem verderblichen Einfluss auch in das geistliche Haus Gottes eingedrungen. So ist die Zeit gekommen, »dass das Gericht anfange bei dem Hause Gottes« (l. Petr. 4,17).

Der Herr verurteilt dieses Böse mit unmissverständlichen Worten. Das Haus, das nach der Schrift ein Bethaus für alle Nationen hätte sein sollen, war zu einer Räuberhöhle gemacht worden (Jes. 56,7; Jer. 7,11). Was war die Wirkung der öffentlichen Verurteilung dieses Bösen durch den Herrn? Sie rief den stärksten Widerstand gegen Ihn hervor. »Die Hohenpriester und Schriftgelehrten hörten es und suchten, wie sie ihn umbrächten.« In unsern Tagen werden jene, die in Gegenwart des Verderbens in der Christenheit sich für die Wahrheit einsetzen und darin dem Herrn nachzufolgen versuchen, ebenfalls in gewissem Maß auf Widerstand stoßen. >Die Wahrheit wird vermisst; und wer das Böse meidet, setzt sich der Beraubung aus« (Jes. 59,15).

Verse 20–26 Der Herr belehrt seine Jünger Über den großen Grundsatz, der den schwächsten Gläubigen befähigt, die größte Schwierigkeit und den scharfsinnigsten Gegner zu überwinden. Äußerlich gesehen lagen die Macht und Autorität der bürgerlichen Ordnung in den Händen derer, die dem Herrn und seiner Lehre widerstanden. Wie konnten sich einige arme Fischer der Weisheit und Macht der Menschen in hohen Positionen entgegenstellen? Die Antwort des Herrn lautet: »Habet Glauben an Gott.« Die ganze Macht derer, die durch den unfruchtbaren Feigenbaum dargestellt werden, würde vor der Macht Gottes, die durch den Glauben wirksam wird, verschwinden. Das jüdische Volk, welches das ganze System des Gesetzes vertrat, türmte sich in den Augen der Jünger wie ein Berg auf, der seit Jahrtausenden steht. Obwohl das Volk nach außen hin einen stabilen und dauerhaften Eindruck machte, konnte der Glaube dennoch erkennen, dass es im Begriff stand, in das Meer der Völker geworfen zu werden. Auch wenn der Berg verrückt werden würde, so blieb doch Gott als nie versagende Quelle für den Glauben.

Weiter drückt sich der Glaube aus durch das Gebet zu Gott. Aber der Glaube an Gott beinhaltet nicht nur, dass wir Gott unsere Anliegen vorbringen, sondern, indem wir dies tun, erwarten wir eine Antwort. So kann der Geist Gottes durch den Apostel Paulus uns ermahnen, »zu aller Zeit zu beten mit allem Gebet und Flehen in dem Geiste, und eben hierzu wachend in allem Anhalten« (Eph. 6,18). Damit werden wir vor einer bloß formellen Wiederholung allgemeiner Bitten gewarnt.

Im Blick auf das Gebet werden wir durch den Herrn im weitern ermahnt, keine rachsüchtigen Gedanken gegen solche zu hegen, die uns beleidigt haben mögen, oder uns widerstehen. Es gibt nichts, was unsere Gebete mehr hindern könnte, als Unglauben gegenüber Gott, zu dem wir beten, und ein unversöhnlicher Geist gegenüber dem Menschen, für den wir beten mögen. Jemand hat richtig gesagt: Der Herr Jesus verbindet das glaubensvolle Gebet mit der Notwendigkeit einer zartvergebenden Gesinnung gegenüber jedem, dem das Herz etwas nachtragen könnte. Wollen wir aber das geschehene Unrecht weiter im Sinn behalten, kann es sein, dass der Vater uns durch seine Regierungswege an unsere eigenen Obertretungen erinnern muss.

 

Kapitel 11,27 – 12,44 - Die Verwerfung seitens der Führer

Wir haben den Herrn Jesus gesehen, der dem Volk als König, als Sohn Davids, vorgestellt wurde, mit dem Resultat, dass Er von den Führern, »die suchten, wie sie ihn umbrächten«, verworfen wurde. In diesem Teil des Evangeliums wird der wahre Zustand der Führer der verschiedenen Klassen, aus denen sich das Volk zusammensetzte, enthüllt, und dann werden sie von Christus verworfen.

Kapitel 11,27–33. Wie immer sind die religiösen Führer eines verderbten Systems die erbittertsten Widersacher Christi. Die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und Ältesten sind die ersten, die in der Gegenwart des Herrn ins Licht gestellt werden. In göttlicher Kraft und Gnade hatte der Herr einem blinden Menschen das Augenlicht geschenkt. Als Sohn Davids war Er in Jerusalem eingezogen und hatte den Tempel gereinigt. Leider dachten diese religiösen Führer nur an sich und ihren Ruf und standen den Nöten der Menschen und der Heiligkeit des Hauses Gottes gleichermaßen gleichgültig gegenüber. Indem sie ihre eigene Autorität aufrechtzuhalten suchten, wachten sie eifersüchtig über jede Tätigkeit auf religiösem Gebiet, die nicht sie veranlasst hatten. Gleichgültig in Bezug auf das Verderben, das im Hause Gottes vorhanden war, und unfähig, selbst dagegen anzugehen, widerstanden sie Dem, der gegen das Böse aufzutreten vermochte, und es auch tat, indem sie seine Autorität in Frage stellten.

Der Herr begegnet ihrem Widerstand, indem Er die Frage über Johannes den Täufer stellt. Wenn sie schon die Stellung von religiösen Führern einnehmen wollen, können sie dann nicht entscheiden, ob die Autorität seiner Predigt vom Himmel oder von Menschen kam? Die Frage des Herrn offenbart nicht nur ihre Unfähigkeit, die Frage der Autorität zu beurteilen, sondern enthüllt auch ihre völlige Unaufrichtigkeit in der Fragestellung ihrerseits.

Ihre Oberlegungen untereinander, bevor sie dem Herrn antworten, beweisen das Fehlen jeglicher Grundsätze bei ihnen. Was immer ihre Oberzeugung ist, sie sind aus taktischen Gründen bereit, auf diese oder jene Weise zu antworten. Aber sie stellen fest, dass sie sich mit jeder Antwort der Missbilligung entweder des Herrn oder der Menschen aussetzen könnten. Deshalb verfallen sie ins Schweigen, indem sie sagen: »Wir wissen es nicht.« Nachdem ihre heuchlerische Bosheit offensichtlich ist, weigert sich der Herr, ihre Frage zu beantworten.

Kapitel 12,1–12. Die religiösen Führer sind als Heuchler entlarvt worden, sie, die nur an ihren eigenen religiösen Ruf dachten – »sie fürchteten das Volk« –, aber keine Furcht Gottes zeigten. Der Herr führt ihnen nun in einem Gleichnis die moralische Geschichte des Volkes vor, um zu zeigen, dass sich die Hohenpriester seiner Zeit nicht anders verhielten als die Führer in der Vergangenheit: Sie haben im Blick auf ihre Verantwortung immer versagt. Indem Er auf die nähere Zukunft schaut, prophezeit der Herr ihnen im weitern das Gericht, das über die Führer und das Volk kommen würde. Wie der Weinberg im Gleichnis, so ist Israel in ein auserwähltes Land versetzt worden und durch ein Gesetz, welches das Leben der Israeliten bestimmte und sie wie ein Zaun abgrenzte, von den übrigen Völkern abgesondert worden. Weiter spricht der Keltertrog, den der Mensch grub, von den Vorkehrungen, die getroffen wurden, damit das Volk Frucht für Gott bringe. Außerdem zeigt der Turm im Weinberg, dass sie vor jedem Feind geschützt waren. Dann wurde das Volk verantwortlich gemacht, seine Ausnahmestellung zu bewahren und für Gott Frucht zu bringen.

Zur bestimmten Zeit suchte Gott beim Volk eine gewisse Gegenleistung für alle seine Güte. Leider diente diese moralische Erprobung des Menschen, wie sie in der Geschichte Israels veranschaulicht ist, nur dazu, sein gänzliches Verderben zu beweisen. Der Mensch hat kein Herz für Gott, auch wenn er von Ihm noch so reich gesegnet ist und ihm jede Gelegenheit geschenkt wird, diese Güte zu erkennen.

So kommt es, dass jede Annäherung Gottes, um Frucht beim Volk zu suchen, nicht nur zurückgewiesen, sondern ihr mit zunehmendem Unwillen entgegengetreten wird. Der erste Knecht wird leer fortgeschickt. Der zweite wird verwundet und entehrt fortgesandt. Andere kommen, aber sie werden nicht nur beleidigt, sondern bis zum Tod verfolgt. In zunehmendem Maß zeigt das Volk das Versagen des Menschen unter der Verantwortlichkeit. Nun gibt es noch eine letzte Erprobung, um zu sehen, ob es möglich ist, auf das Herz des Menschen einzuwirken. Der Besitzer des Weinbergs hat noch einen Sohn – den geliebten Sohn –; Ihn will Er senden. Wenn es noch einen Funken Güte in den Weingärtnern gibt, werden sie sicher den Sohn ehren. Es mag in den besten der Propheten und Könige Grund gegeben haben, sie nicht leiden zu können oder gar zu hassen. Aber im Sohn kann es keinen Grund für Hass geben. Leider muss Er sagen: »Sie haben wider mich gestritten ohne Ursache. Für meine Liebe feindeten sie mich an ... Sie haben mir Böses für Gutes erwiesen, und Hass für meine Liebe« (Ps. 109,3–5).

Das Kommen des Sohnes offenbart den wahren Herzenszustand des Menschen. Israel hätte gern ein Königreich ohne Christus gehabt, und die Nationen wollten eine Welt ohne Gott. Gerade so sagen die Weingärtner im Gleichnis: »Dieser ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, und das Erbe wird unser sein.« Und wie es mit den Führern Israels in den Tagen des Herrn war, so ist es heute mit der ganzen Welt. In zunehmender Weise sieht man, dass der Mensch Gott aus seiner eigenen Welt ausschließen will. Der Evolutionist möchte Gott aus seiner Schöpfung ausschließen. Der Politiker möchte Gott aus der Regierung verbannen, und der moderne Mensch versucht, Gott aus der Religion auszuschalten.

Hier ist es uns also erlaubt, den wahren Charakter des Fleisches in uns zu erkennen. Es kann patriotisch, sozial und religiös sein, wenn ihm aber erlaubt wird, seinen eigenen Willen zu haben, wird es Christus töten und Ihn aus der Welt hinauswerfen. Christus, so wie Er geoffenbart ist (das Fleisch kann sogar einen Christus nach seiner eigenen Einbildung erfinden), ist der wahre Prüfstein und beweist, dass das Fleisch, so schön es zuweilen erscheint, in seiner Wurzel immer in tödlichem Widerspruch zu Christus steht.

Diese Verwerfung Christi bringt das Gericht gemäß den Regierungswegen Gottes über das Volk und wird dahin führen, dass Gott sich mit andern beschäftigt, von denen Er Frucht suchen wird. Der Herr zitiert ihre eigenen Schriften (Ps. 118,22.23), um sie von ihrer Sünde, dass sie Ihn verwarfen, zu überzeugen. Durch diese schreckliche Sünde handelten sie in direktem Widerspruch zu Gott; denn Gott wollte Den, welchen sie im Begriff standen, an das Kreuz zu nageln, zur höchsten Herrlichkeit erhöhen. Trotzdem deutet der Herr an, dass die Zeit kommen werde, da ein reuiger Überrest anerkennen wird, dass das, was der Herr getan hat, in ihren Augen wunderbar ist.

Wenn das Gewissen berührt wird, aber das Herz unerreicht bleibt, wird der Mensch nur wütend. Deshalb versuchen diese bösen Menschen Hand an Ihn zu legen. Sie werden aber für den Augenblick aus taktischen Gründen daran gehindert, denn sie fürchten das Volk. So »ließen sie ihn und gingen hinweg«. Wie hoffnungslos ist der Zustand derer, die Christus bewusst den Rücken kehren und ihren eigenen Weg gehen.

Verse 13–17 Nachdem die religiösen Führer des Volkes in ihrem Hass gegen Christus bloßgestellt worden sind, sehen wir jetzt, wie die Führer der verschiedenen Parteien, in die sich die Menschen aufteilten, entlarvt werden. Zuerst kommen die Pharisäer und Herodianer zum Herrn. Obwohl sie sonst einander entgegenstanden, vereinigten sie sich aber in ihrem Hass gegen Christus und in ihrem Verlangen, sich in dieser Welt selbst zu erhöhen. Die Pharisäer suchten durch das äußerliche Halten von Formen und Zeremonien zu einem guten religiösen Ruf zu gelangen. Die Herodianer suchten in der sozialen und politischen Welt vorwärtszukommen. Notwendigerweise mussten beide zu dem Schluss kommen, dass Einer, der hier ausschließlich zur Ehre Gottes lebte, solche Ziele verurteilen musste. Und dieserhalb widerstanden sie dem Herrn. Alles, was Er war, jede Wahrheit, die Er lehrte, und alle seine Handlungen entsprangen Beweggründen, die völlig verschieden von denen waren, die im Leben dieser Männer herrschten. Wenn sie also zu Christus kamen, geschah es nicht, um zu seinen Füssen zu lernen, sondern in der Hoffnung, Ihn in seinen Worten zu fangen. Die weltlichen Motive, die sie beherrschten, hatten sie für die Herrlichkeit Christi völlig blind gemacht. Sie waren in ihrer Einbildung auf ihre eigene Macht und Wichtigkeit so aufgeblasen, dass sie tatsächlich glaubten, sie könnten den Herrn der Herrlichkeit in seinen eigenen Worten fangen.

Im weitern dachten sie, dass das Vorgehen, welches bei ihren Mitmenschen oft zum Erfolg führte, auch beim Herrn anwendbar sei. Deshalb versuchten sie Ihn durch Schmeichelei und Lüge zu Fall zu bringen. Sie sagten: >Wir wissen, dass du wahrhaftig bist und dich um niemand kümmerst; denn du siehst nicht auf die Person der Menschen, sondern lehrst den Weg Gottes in Wahrheit.« Obwohl dies tatsächlich stimmte, entsprach es doch nicht dem Ausdruck ihrer bösen Herzen. Nachdem sie, wie sie glaubten, den Weg durch Schmeichelei vorbereitet hatten, stellten sie ihre Frage: »Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben oder nicht?« In ihren bösen Gedanken hatten sie eine Frage ersonnen, von der sie dachten, dass sie Ihn in jedem Fall, ob Er nun mit »Ja« oder mit »Nein« antwortete, entweder mit den Juden oder mit den Nationen in Schwierigkeiten bringen würde.

Der Herr deckt ihre Heuchelei mit der Frage auf: »Was versuchet ihr mich?« Indem sie Ihn in seinen Worten zu fangen suchten, fielen sie in ihre eigene Schlinge und offenbarten ihren niedrigen Zustand, einmal vor den Menschen, aber moralisch auch vor Gott. Auf die Bitte des Herrn wird Ihm ein Denar gebracht. Dann fragt Er sie: »Wessen ist dieses Bild und die Überschrift?« Sie sagen zu Ihm: »des Kaisers.« Offensichtlich gehörte er dem Kaiser. In diesem Fall war es nur richtig, »dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist«. Die römische Besatzungsmacht konnte darin keinen Fehler finden, wenn dem Kaiser das gegeben wurde, was ihm zustand. Und die Juden konnten nichts Verkehrtes in dem Grundsatz finden, Gott das zu geben, was Ihm gehörte. Die Tatsache, dass das Geld des Kaisers im Land im Umlauf war, zeugte von dem niederen Zustand, in welchem sich das Volk unter der Herrschaft der Nationen befand. Leider zeigte sich bei ihnen trotz ihrer demütigenden Stellung keine wahre Busse. Immer wieder rebellierten sie gegen den Kaiser, und ihren eigenen Messias verwarfen sie. Indem sie die Weisheit der Antwort des Herrn empfanden, verwunderten sie sich. Aber leider hatten sie weder Gott noch Menschen gegenüber ein Gewissen.

Verse 18–27. Die Pharisäer sind im Licht der Gegenwart des Herrn bloßgestellt und zum Schweigen gebracht worden. Jetzt nähern sich die Sadduzäer, aber nur, damit auch ihre Unwissenheit und ihr Unglaube enthüllt werden. Die Sadduzäer waren die Materialisten und Rationalisten jener Tage und verkörperten den Unglauben des Fleisches. In Wahrheit ist gesagt worden: Die Stärke des Unglaubens liegt darin, Schwierigkeiten aufzustellen, fingierte Fälle vorzubringen, die nicht zutreffen, und von den Dingen der Menschen Schlüsse auf die Dinge Gottes zu ziehen. In diesem Fall suchen diese bösen Menschen der Wahrheit dadurch zu widerstehen, dass sie sie ins Lächerliche ziehen. Sie bringen einen gestellten Fall vor, von dem sie glauben, dass er die Unsinnigkeit der Auferstehung zeige. Aber es ist hier wie gewöhnlich mit den Ungläubigen: Sie verraten eine grobe Unkenntnis der Schrift und übersehen die Kraft Gottes. Wenn die Schrift gesagt hätte, dass die Menschen in ihrem Auferstehungszustand heiraten würden, hätte dieser fingierte Fall tatsächlich eine Schwierigkeit geboten. Und wenn Gott keine Kraft hätte, wäre die Auferstehung eine Sache der Unmöglichkeit.

Es gibt keine Stelle in der Schrift, die sagt, dass die Beziehungen der Erde im Himmel fortgesetzt würden. Wir werden nicht als Eheleute, als Eltern und Kinder, als Herren und Knechte auferstehen, sondern in dieser Hinsicht wie Engel sein. Wir werden keine Engel sein, wie sich das gewisse Leute fälschlicherweise vorstellen, sondern nur wie sie frei von irdischen Beziehungen. Der Gläubige wird Vorrechte und himmlische Beziehungen genießen, die weit über denen der Engel und den vorübergehenden Beziehungen dieser Zeit stehen.

Im Blick auf die Auferstehung zeigt der Herr noch einmal ihre Unkenntnis der Schriften. Sie hatten Moses zitiert und versuchten damit zu beweisen, dass die Lehre des Herrn im Widerspruch zu Moses stehe. Deshalb erwähnt Er Moses, um ihre Unwissenheit über das, was Er gesagt hatte, aufzudecken. Stand nicht in dem Buch Moses', »von dem Dornbusch«, geschrieben, >wie Gott zu ihm redete und sprach: Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs«? Als sich das Ereignis beim Dornbusch abspielte, waren Abraham, Isaak und Jakob längst gestorben, und doch bezeichnete sich Gott immer noch als ihr Gott. Er ist also nicht der Gott der Toten, sondern der Lebendigen. Obwohl tot für diese Welt, leben sie doch und werden auferstehen, um sich der Verheißungen Gottes zu erfreuen. Denn diese können, nachdem die Sünde eingetreten ist, nur auf dem Boden der Auferstehung erfüllt werden. Deshalb kann der Herr zu den Ungläubigen jener Tage und unserer Zeit sagen: »Ihr irret also sehr.«

Verse 28–34. Nach den Sadduzäern kommt ein Vertreter der Schriftgelehrten, die das Gesetz auslegten und glaubten, gewisse Gesetze seien wichtiger als andere. Er bat den Herrn, sein Urteil darüber abzugeben, welches Gebot das erste von allen sei. In seiner vollkommenen Weisheit übergeht der Herr die zehn Gebote, an die man natürlicherweise zuerst denken könnte, und wählt gewisse wichtige Ermahnungen aus den fünf Büchern Moses, die das Gesetz zusammenfassen und die ganze Schuldigkeit des Menschen gegenüber Gott und Menschen zum Ausdruck bringen.

Die erste Verantwortlichkeit des Menschen ist, die Einheit der Gottheit, entsprechend der Schrift, weiche sagt: "Höre, Israel: der Herr, unser Gott, ist ein einiger Herr«, aufrechtzuhalten. Dann folgt, dass der Mensch verantwortlich ist, Gott mehr zu lieben als sich selbst, und dies unter Ausschaltung alles dessen, was Gott den ersten Platz rauben könnte. Und zweitens soll er seinen Nächsten lieben wie sich selbst. Dies ist die Zusammenfassung des ganzen Gesetzes und stellt die ganze Verantwortlichkeit nach dem Gesetz für den Menschen auf Erden dar. Wenn diese beiden Gebote gehalten würden, würde keines der andern übertreten werden.

Der Schriftgelehrte bezeugt die Vollkommenheit der Antwort des Herrn. Sein Gewissen sagt ihm, dass der Herr die Wahrheit ausgedrückt habe. Er anerkennt, dass es von größerem Wert ist, Gott das Ihm Gebührende zu geben und gegenüber dem Nächsten recht zu handeln, als alle äußerlichen Formen und Zeremonien des Gesetzes zu halten. Es ist immer so: In den Augen Gottes ist der moralische Zustand der Seele viel wichtiger als die äußerliche Schau von Frömmigkeit.

Der Herr anerkennt die Zurückhaltung dieses Schriftgelehrten. Soweit es das Verständnis und die ehrliche Anerkennung der Wahrheit betraf, war er nicht weit vom Reich Gottes. Aber leider stand er noch außerhalb. Er sah die Wahrheit von dem, was Christus sagte, aber er konnte die Herrlichkeit Christi nicht erkennen und beugte sich nicht in Anerkennung vor der Wahrheit über seine Person. Wie ein anderer gesagt hat: Ob jemand näher oder ferner vom Reich Gottes steht, ist nicht ausschlaggebend. Solange er nicht in dasselbe eintritt, sind beide Fälle gleich gefährlich. Der Schriftgelehrte sah, wie viele andere, was in dem Gesetz war. Aber er übersah seine eigene tiefe Not, als eines Menschen, der völlig versagt hatte, den Forderungen des Gesetzes zu entsprechen. Und deshalb erkannte er auch nicht die Herrlichkeit der Person Christi und die Gnade, die in Ihm war, um den Bedürfnissen derer zu begegnen, die in ihrer Verantwortlichkeit gänzlich versagt hatten.

Nach diesem wagte niemand mehr, den Herrn irgend etwas zu fragen. Vertreter aller Klassen –Priester, Gesetzgelehrte, Pharisäer, Herodianer, Sadduzäer und Schriftgelehrte – waren mit ihren Fragen gekommen, um den Herrn zu versuchen. Aber alle wurden bloßgestellt und zum Schweigen gebracht. Der Pharisäer, der bekannte, die Religion aufrechtzuhalten, hatte Gott nicht das gegeben, was Ihm zustand. Der Herodianer, der behauptete, die politischen Interessen des Kaisers wahrzunehmen, hatte dem Kaiser nicht gegeben, was des Kaisers war. Der Sadduzäer, der sich seines Verstandes rühmte, fiel durch seine Unkenntnis auf. Und der

Schriftgelehrte, der das Gesetz auslegte, hatte das Gesetz nicht gehalten. So gegensätzlich sie untereinander waren, vereinigten sie sich doch alle in ihrem Widerstand gegen Christus und offenbarten das vollständige Verderben des verantwortlichen Menschen.

Verse 35–37. Nachdem jede Frage beantwortet und jeder Gegner zum Schweigen gebracht ist, stellt der Herr selbst eine Frage von höchster Wichtigkeit; denn sie berührt die Herrlichkeit seiner Person, von der aller Segen für die Menschen abhängt. »Wie sagen die Schriftgelehrten, dass der Christus Davids Sohn sei? Denn David selbst hat in dem Heiligen Geiste gesagt: Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße.« Die Fragen seiner Widersacher gründeten sich auf Folgerungen und Vorstellungen ihrer eigenen Gedanken. Die Frage des Herrn gründet sich auf die Schrift und zielt auf die Wurzel ihrer ernsten Lage; denn sie bringt das Geheimnis seiner Person, die sie nicht annehmen wollten, ans Licht. Die Schriftgelehrten sahen wirklich, dass der Messias Davids Sohn sein würde. Aber sie erkannten nicht, dass der Heilige Geist in ihren eigenen Schriften klar feststellte, dass Er nicht nur der Sohn Davids sein würde, sondern auch sein Herr ist. Wie kann Er gleichzeitig Davids Sohn und Davids Herr sein? Es gibt nur eine Antwort. Er ist wahrer Mensch und dennoch eine wahrhaft göttliche Person. Indem sie es ablehnten, die Wahrheit über seine Person anzuerkennen, entging ihnen der Segen. Der, welchen sie verwarfen, würde sich zur Rechten Gottes setzen und dort auf die Zeit warten, in der Er mit allen seinen Widersachern im Gericht handeln wird.

Verse 38–40. Der Bloßstellung der Führer folgen die warnenden Worte des Herrn an solche, die ein großes religiöses Bekenntnis ablegen, aber nur mit dem einen Beweggrund, sich selbst zu verherrlichen. Solche lieben: eine Schaustellung – »lange Gewänder«; öffentliche Anerkennung – »Begrüßungen auf den Märkten«; eine religiöse Vorrangstellung – »die ersten Sitze in den Synagogen«; soziale Auszeichnung – >die ersten Plätze bei den Gastmählern«; eigene Bereicherung, sogar auf Kosten von Witwen; und religiöse Prahlerei, wenn sie »zum Schein lange Gebete halten«. Wie ernst sind die Worte des Herrn: »Diese werden ein schwereres Gericht empfangen.« Je größer die Anmaßung desto größer das Gericht.

Verse 41–44. Im Gegensatz zu denen, die als religiöse Heuchler entlarvt worden sind, zeigt der Herr uns jetzt, dass es unter dem Volk solche gab, über die Er sich freut, sie anzuerkennen. Sie werden uns durch diese arme Witwe dargestellt. Der gottesfürchtige Überrest, der in den Tagen Esras aus Babylon zurückkehrte, um das Haus Gottes wiederaufzubauen, wird immer noch in dieser hingebenden Seele gesehen. Sie gab ihren ganzen Lebensunterhalt zum Unterhalt des Hauses Gottes. Sie mag unwissend darüber gewesen sein, dass dieses Haus durch die Menschen verdorben worden war und im Begriff stand, zerstört zu werden. Aber ihr Herz war in Ordnung mit Gott und ihre Beweggründe waren rein. Sie legte nur zwei Scherflein ein. Aber in den Augen Gottes war dies mehr, als was alle andern gaben, obwohl diese viel einlegten. Sie gaben von ihrem Überfluss; »diese aber hat von ihrem Mangel, alles, was sie hatte, eingelegt, ihren ganzen Lebensunterhalt«. Gott bewertet eine Gabe nicht nach der Größe der gegebenen Summe, sondern nach dem, was man für sich selbst zurückbehält.

Kapitel 13 - Die große Drangsal

Der niedrige Zustand der Juden ist offenbar geworden und die Führer jeder Partei wurden in der Gegenwart des Herrn verurteilt. Sie hatten ihren Messias verworfen und standen im Begriff, Ihn zu kreuzigen. Dieser Gipfel der Bosheit sollte das Volk unter das Gericht Gottes in seinen Regierungswegen bringen und zur großen Drangsal führen, die durch die Propheten vorausgesagt worden war. Dies wird für die wahren Jünger des Herrn – den gottesfürchtigen Oberrest inmitten einer gottlosen Nation – Schwierigkeiten und Gefahren, Leiden und Verfolgung mit sich bringen. Um sie auf diese schrecklichen Tage vorzubereiten, nimmt der Herr die Jünger allein auf die Seite und kündet ihnen die bevorstehenden Ereignisse an, indem Er sie au die Gefahren aufmerksam macht, denen sie ausgesetzt sein werden, und ihnen Anweisungen gibt wie sie sich angesichts dieser Gefahren verhalten sollten.

Verse 1,2. Dieser Unterweisung geht voraus, dass einer der Jünger die Aufmerksamkeit des Herrn auf die Größe und Pracht des Tempels lenkt. Der Herr anerkennt, dass die Gebäude groß waren, aber das, was von den Menschen so bewundert wurde, war in den Augen Gottes zu einer Räuberhöhle geworden und zur Zerstörung bestimmt. Nicht ein Stein würde auf dem andern gelassen werden.

Verse 3,4. Dieser Ausspruch des Herrn befremdete jene, die den Tempel als das Haus Gottes und den herrlichen Mittelpunkt ihrer Religion betrachteten, und das führte einen der Jünger dazu, die Frage zu stellen: »Wann wird dieses sein, und was ist das Zeichen, wann dieses alles vollendet werden soll?«

In dem Gespräch, das nun folgt, sagt der Herr viel mehr, als nur auf diese Fragen zu antworten. Sie dachten an Ereignisse, der Herr aber hatte die Seinen, ihre Leiden und Gefahren inmitten dieser Ereignisse vor sich. In Übereinstimmung mit dem besonderen Charakter dieses Evangeliums finden wir zudem in dem Bericht, wie Markus ihn schildert, dass der Herr seine Jünger ganz besonders im Blick auf ihren Dienst ermahnt, inmitten der Nation, die Ihn verworfen hatte, ein Zeugnis für Ihn zu sein.

Um diese Ermahnungen und Unterweisungen zu verstehen, ist es unbedingt nötig, sich daran zu erinnern, dass die Jünger den gottesfürchtigen jüdischen Überrest darstellen. Daher ist der Dienst, von dem der Herr spricht, nicht ausdrücklich christlicher Dienst in Verbindung mit der Christenheit, obwohl es manche Grundsätze und Wahrheiten gibt, die sowohl für das irdische wie für das himmlische Volk Gottes Anwendung finden. Es ist ein Dienst, den die zwölf Jünger während der Anwesenheit des Herrn auf Erden unter den Juden begonnen hatten und der, nach seiner Himmelfahrt bis zur Verwerfung des Heiligen Geistes bei der Steinigung des Stephanus, unter ihnen fortgesetzt wurde. Er wird von einem gottesfürchtigen Überrest unter den Juden von neuem aufgenommen werden, nachdem die Versammlung weggenommen sein wird, und wird sich auf alle Nationen ausdehnen. Das Evangelium, das sie verkündigten und noch verkündigen werden, ist nicht genau das gleiche, das heute verkündigt wird. Es wird selbstverständlich Christus und sein Werk sein, was sie verkündigen, und die Gnade Gottes, die Sündern aufgrund dieses vollbrachten Werkes vergibt. Aber es wird die gute Botschaft sein, dass Er kommt, um zu herrschen, und dass Busse und Vergebung der Sünden durch den Glauben an Christus der Weg ist, um in den Genuss der Segnungen des irdischen Königreiches zu gelangen (Offb. 14,6.7).

Verse 5,6. Der Herr beginnt seine Rede mit fünf Warnungen. Zuerst warnt Er die Jünger vor solchen, die sich als Christus ausgeben. Viele werden im Namen Christi kommen; manche wagen sogar zu sagen: »Ich bin's!~, und der Herr fügt hinzu, dass sie »viele verführen« werden. Diese Warnung beweist, dass der Herr ausdrücklich den gottesfürchtigen Überrest inmitten der jüdischen Nation im Auge hat. Christen, die in der christlichen Wahrheit unterwiesen sind, würden nicht verführt werden durch einen Mann, der sich als Christus ausgibt, denn sie wissen, dass, wenn Christus wiederkommt, sie Ihn in den Wolken sehen werden. Der gottesfürchtige Überrest wird richtigerweise darauf warten, dass Christus auf dieser Erde erscheint, und wird daher leicht verführt werden durch das Gerücht, dass Er gekommen sei.

Verse 7,& Zweitens werden die Jünger davor gewarnt, aus »Kriegen und Kriegsgerüchten« die Schlussfolgerung zu ziehen, dass das Ende nahe sei. »Denn dies muss geschehen« in einer Welt, die Christus verworfen hat. Kriege, Erdbeben, Hungersnöte und Drangsale sind der Anfang der Leiden, nicht das Ende.

Verse 9–11. Drittens wird den Jüngern vorausgesagt, dass ihr Zeugnis sie mit den Regierungen der Welt in Konflikt bringen wird. Aber diese Verfolgung wird das Mittel sein, das Gott benützt, um das Evangelium vor die Grossen dieser Erde zu bringen – ein »Zeugnis« vor Statthaltern und Königen. Zudem muss dieses Evangelium zuvor allen Nationen gepredigt werden, bevor Christus kommt. Im Hinblick auf dieses Zeugnis und die Verfolgung, die es mit sich bringt, ermahnt der Herr seine Jünger, nicht im voraus zu sorgen, was sie zu ihrer Verteidigung sagen sollten, wenn sie als Gefangene vor die Grossen dieser Erde gestellt werden würden. Sie sollten einfach reden, was irgend ihnen in jener Stunde gegeben werde, denn nicht sie würden die Redenden sein, sondern der Heilige Geist.

Vers 12. Viertens werden die Jünger darauf vorbereitet, dass das Vorstellen der Wahrheit in der Kraft des Heiligen Geistes im menschlichen Herzen derart schlimme Feindschaft hervorrufen wird, dass die Verfolgung von Seiten verwandtschaftlicher Beziehungen kommen wird, und je näher die Familienbande, desto erbitterter der Hass. Der Bruder wird den Bruder zum Tode überliefern, der Vater das Kind; und Kinder werden sich wider die Eltern erheben und ihre Hinrichtung bewirken.

Vers 13. Fünftens wird den Jüngern vorausgesagt, dass die Verfolgung nicht nur von Seiten der Regierenden und der nächsten Familienangehörigen kommen wird, sondern dass sie von allen gehasst werden würden, weil sie den Namen Christi bekennen. Wer aber ausharrt bis ans Ende, dieser wird errettet werden – was immer das Ende auch sein wird, sei es der Tod als Märtyrer oder das Erscheinen Christi auf dieser Erde. Wie immer wird der Test der Echtheit das Ausharren sein. Es mag tatsächlich Versagen geben, und manche mögen in ihrer Liebe erkalten, aber jene, die echten Glauben haben, werden ausharren. Petrus brach zusammen, aber sein Glaube hörte nicht auf, er hielt stand bis zum Ende.

Verse 14–20. In dem Abschnitt, der nun folgt, geht der Herr dazu über, von Ereignissen der Zukunft zu reden. Die Zeitperiode der Versammlung wird stillschweigend übergangen und wir erfahren, was sich während der großen Drangsalszeit, die nach der Entrückung der Versammlung folgt, in Jerusalem ereignen wird. Diese schreckliche Zeit ist im Propheten Jeremia klar vorausgesagt: »Wehe! denn groß ist jener Tag, ohnegleichen, und es ist eine Zeit der Drangsal für Jakob« (Jer. 30,7). Auch Daniel sieht diese Zeit voraus, wenn er sagt: »Es wird eine Zeit der Drangsal sein, dergleichen nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit« (Dan. 12, 1). Sowohl in der entsprechenden Stelle in Matthäus 24,21 als auch hier im Bericht von Markus sagt der Herr, dass in jener schweren Zeit Tage der Drangsal sein werden, »wie dergleichen von Anfang der Schöpfung, welche Gott schuf, bis jetzthin nicht gewesen ist und nicht sein wird«.

Die Zerstörung Jerusalems mit all ihren Schrecken mag uns etwas von dieser Zukunft ahnen lassen, erfüllt aber in keiner Weise die Prophezeiung dieser Drangsalszeit. Wir erfahren aus diesem Abschnitt, dass der Herr unmittelbar nach der großen Drangsal auf die Erde kommen wird. Es ist klar, dass der Herr nach der Zerstörung Jerusalems nicht kam. Überdies kann es nicht zwei Drangsalszeiten geben, »wie dergleichen nicht gewesen ist«. Zudem sagt uns Daniel, dass diese Drangsalszeit für das jüdische Volk während der Regierung des Antichristen stattfinden wird, der von der Nation, die ihren Messias verworfen hat, angenommen werden wird (Joh. 5,43). Während der Regierung dieses bösen Menschen wird die schrecklichste Form von Götzendienst eingeführt werden, die der Herr den »Gräuel der Verwüstung« nennt. Die Folge davon wird sein, dass sich in Jerusalem und Judäa Verwüstung ausbreiten wird.

Die Einführung dieses Gräuels wird der Höhepunkt der Feindschaft des Menschen gegen Gott sein. Es wird das Zeichen sein, dass das Zeugnis des gottesfürchtigen Überrests zu Ende ist, und dass sie von Judäa auf die Berge fliehen sollten. Es hat in vergangener Zeit nichts gegeben, und wird auch in der Zukunft nichts geben, was der schrecklichen Drangsal dieser Tage gleichkommen könnte. Sie wird so groß sein, sowohl für die Nation als für den gottesfürchtigen Überrest, dass kein Fleisch überleben würde, wenn der Herr die Tage nicht verkürzte. Um der Auserwählten willen werden die Tage dieser großen Drangsal verkürzt werden.

Wie immer denkt der Herr an die Seinen, die sich in Prüfungen und Drangsalen befinden. Er ermahnt sie, Er unterweist sie, und Er sorgt für sie. Er denkt an die Arbeiter auf dem Feld und an die Frauen im Haus, und Er vergisst auch die Witterung nicht.

Verse 21–23. Der Herr warnt die Jünger vor falschen Hoffnungen auf Befreiung, vor falschen Gerüchten, falschen Christi, falschen Propheten und angeblichen Zeichen und Wundern. Ihre Sicherheit wird darin bestehen, sich an die Worte des Herrn zu erinnern: »Ich habe euch alles vorhergesagt.«

Verse 24,25. »In jenen Tagen«, die der großen Drangsal unter den Juden folgen werden, wird jede eingesetzte Autorität unter den Nationen umgestürzt werden. Die Ordnung, die Gott für die Regierung der Welt eingesetzt hat, wird in Verwirrung enden. Die höchste Macht, hier im Bild durch die Sonne dargestellt, wird verfinstert werden. Die davon abgeleitete Autorität, dargestellt durch den Mond, hört auf, Einfluss zu haben; und untergeordnete Autoritäten, die mit den Sternen verglichen werden, verlieren ihren Platz und ihre Macht. Diese Zeitperiode wird – trotz der Prahlerei der Menschen über ihren Fortschritt – in unvergleichlicher Drangsal, Verwirrung und Anarchie enden.

Vers 26. Wenn die Bosheit von Juden und Nationen den Höhepunkt erreicht hat, wird Gott öffentlich eingreifen, indem Christus als der Sohn des Menschen kommt, um die Erde in Besitz zu nehmen. Sein erstes Kommen geschah in Umständen der Schwachheit und Niedrigkeit; sein zweites Kommen wird in großer Macht und Herrlichkeit sein.

Vers 27. Das Versammeln der Auserwählten Israels, die unter die Nationen zerstreut sind, wird sogleich auf das Kommen des Sohnes des Menschen folgen. Aus andern Schriftstellen wissen wir, dass die Versammlung schon vorher entrückt sein wird, um dem Herrn in der Luft zu begegnen. Sie wird mit Ihm erscheinen, aber davon lesen wir in diesem Abschnitt nichts. Der Herr spricht zu jüdischen Jüngern und von jüdischen Hoffnungen. Er spricht hier nicht von Wahrheiten, welche die Versammlung betreffen und von denen seine Zuhörer zu jener Zeit keine Kenntnis haben konnten.

Verse 28,29. Wenn der Feigenbaum seine zarten Blätter hervortreibt, ist das ein sicheres Zeichen, dass der Sommer nahe ist. So wird das Erscheinen des gottesfürchtigen Überrests inmitten der abgefallenen Nation ein Vorzeichen dafür sein, dass die Zeit des Segens für das Volk naht.

Verse 30,31. Das verdrehte und ungläubige Geschlecht der Juden wird nicht vergehen, bis alles dieses geschehen ist. Sie werden zwar tatsächlich unter die Nationen zerstreut und ohne ihr eigenes Land sein. Aber wie wir wissen, sind sie nie von anderen Nationen absorbiert worden. Überdies werden die Worte des Herrn nicht vergehen, bis dieses alles erfüllt sein wird. Wir wissen, dass das für alle Worte des Herrn gilt. Aber wegen des Unglaubens unserer Herzen hinsichtlich des Eingreifens Gottes in den Lauf dieser Welt, wird es hier besonders im Hinblick auf sein zweites Kommen betont.

Verse 32–36. Von dem Tag seiner Erscheinung weiß niemand, nicht einmal der Sohn, der Mensch geworden ist. In der Stellung eines Knechtes konnte Er sagen, dass Er den Tag nicht kenne. Weil wir den Tag nicht wissen, werden wir aufgefordert, »zu wachen und zu beten«. Christus ist wie jemand, der in ein entferntes Land verreist ist und seinen Knechten und jedem Menschen sein Werk angewiesen hat, und dem Türhüter einschärfte, zu wachen. Daher sollen die Diener des Herrn wachen, damit Er, wenn Er plötzlich kommt, sie nicht von der Weit übermannt und Ihm gegenüber in geistlichem Schlaf liegend finde.

Vers 37. Die Schlussworte des Herrn sind eine Ermahnung an all die Seinen. Nicht alle Einzelheiten über die Zukunft mögen eine direkte Anwendung für Christen haben, aber das Schlusswort, zu wachen, gilt allen. Die Gläubigen aller Zeitperioden empfangen ihre Autorität vom Herrn, und sie sind die Diener des Herrn. Jeder hat vom Herrn eine Arbeit aufgetragen bekommen. Jeder muss wachsam sein, damit er nicht in einen geistlichen Schlaf fällt und versäumt, für den Herrn tätig zu sein.

Kapitel 14 - Der Schatten des Kreuzes

Mit Kapitel 14 kommen wir zu den letzten, feierlich ernsten Szenen im Leben des Herrn, in denen viele Herzen offenbar werden. Die Falschheit und das gewaltsame Vorgehen der jüdischen Führer, die Liebe einer treu ergebenen Frau, die Treulosigkeit des Verräters und die Verleugnung durch einen wahren Jünger stehen vor uns. Aber über allem strahlt die unendliche Liebe und vollkommene Gnade Christi hervor: wenn Er das Abendmahl einsetzt, den qualvollen Kampf in Gethsemane durchsteht und sich schweigend den Schmähungen der Menschen unterwirft.

Verse 1,2. Am Anfang des Kapitels wird kurz festgehalten, mit weicher Todesfeindschaft die Führer des Volkes dem Herrn nachstellten. Schon vorher hatten sie Ihn mit Worten des Hasses umgeben und ohne Ursache wider Ihn gestritten. Sie hatten Ihm Böses für Gutes und Hass für seine Liebe erwiesen (Ps. 109,2–5). Bei jedem Schritt hatte Er vollkommene Liebe geoffenbart; immer und überall hatte Er nur Gutes getan. Er hatte Kranke geheilt, Nackte bekleidet, Hungrige gespeist, Sünden vergeben, vom Teufel befreit und Tote auferweckt. Er hatte die Menschen gewarnt, sie eindringlich zur Umkehr ermahnt, über sie geweint – aber alles umsonst.

Und nun ist die Zeit gekommen, da sie entschlossen sind, Ihn zu greifen und zum Tod zu bringen. Um ihr Vorhaben auszuführen, müssen sie mit List vorgehen – ein sicherer Beweis, dass ihre Beweggründe böse waren und dass, obwohl sie Menschen fürchteten, keine Gottesfurcht in ihnen war. Wenn auch die meisten Leute kaum das persönliche Bedürfnis empfanden, Christus nötig zu haben, wussten sie doch seine Güte und die Wohltat seiner Wunder zu schätzen. Aus Furcht vor einem Aufruhr, wenn die Volksmengen zum Passahfest in Jerusalem versammelt sein würden, beschließen diese Führer, den Herrn nicht an diesem Fest zu verhaften. Gott hatte es jedoch anders bestimmt, und wie immer kommt, trotz der List und Absichten der Menschen, sein Wille zur Ausführung.

Verse 3–9. Nach dieser kurzen Erwähnung bezüglich der Volksführer folgt nun die schöne Szene im Haus von Bethanien. Während der Herr beim Abendessen im Hause Simons, des Aussätzigen, weilt, bringt eine Frau – aus andern Berichten wissen wir, dass es Maria, die Schwester von Martha, war – ein Alabaster–Fläschchen mit Salbe von echter, kostbarer Narde und gießt diese aus auf das Haupt des Herrn. Maria offenbart auf diese Weise ihre Wertschätzung für Christus, ihre Zuneigung zu Ihm und ihr geistliches Verständnis. In diesem Augenblick scheint ihr Verständnis das der andern Jünger übertroffen zu haben. Durch Gnade gewonnen und durch Liebe angezogen, war sie in früheren Tagen zu den Füssen Jesu gesessen, um seinen Worten zu lauschen. Die Gnade und Liebe des Herrn Jesus hatten Liebe zu Ihm hervorgebracht, und sein Wort hatte geistliches Verständnis bewirkt.

Ihre Liebe zu Christus machte sie empfindsam für den zunehmenden Hass der Juden. Ihre Handlung war der Beweis ihrer Wertschätzung von Christus in Liebe, und das gerade in dem Augenblick, da die Anschläge der Menschen ihren Hass gegenüber Christus zum Ausdruck brachten. Und wie traurig! die Ehrenbezeugung Marias bringt die Habsucht einiger der Anwesenden ans Licht. Aus dem Bericht im Johannes–Evangelium wissen wir, dass Judas der Anführer derer war, die sich entrüstet über Maria äußerten. Was für Christus Gewinn war, bedeutete für Judas Verlust. Die Menschen haben Verständnis für wohltätiges Handeln zugunsten anderer Menschen, aber sie sehen wenig oder keinen Wert in einer Ehrenbezeugung, die allein Christus gilt. Stehen wir Christen nicht in Gefahr, in einer ähnlichen Einstellung recht aktiv zu sein, um Sündern das Evangelium zu verkündigen und für die Heiligen zu sorgen, aber wenig Sinn für die Anbetung zu zeigen, die Christus allein gebührt? Lasst uns nicht vergessen, dass jene, die über die Hingabe Marias murrten, in Tat und Wahrheit ein schiefes Licht auf Christus warfen. Wenn Marias Handlung nur Verschwendung war, dann ist Christus der Anbetung der Seinen nicht würdig.

Wenn jedoch Marias Tat bei den Menschen Entrüstung hervorruft, so zieht sie anderseits die Anerkennung Christi auf sich. Der Herr freut sich zu sagen: "Sie hat ein gutes Werk an mir getan.« In Lukas 10 lesen wir, dass Maria »das gute Teil« erwählt hatte. Hier erfahren wir, dass sie »ein gutes Werk« tut. Das gute Teil ist, zu seinen Füssen zu sitzen und auf sein Wort zu hören; das gute Werk ist eine Tat, die Christus zum Beweggrund hat. Es mag viel Aktivität im Dienst vorhanden sein, aber wenn Christus nicht der Beweggrund dazu ist, wird er wenig Wert für die Ewigkeit haben. Zudem lobt der Herr das Werk Marias nicht nur wegen des lauteren Beweggrundes, der dahinter stand, sondern auch, weil sie getan hatte, »was sie vermochte«. Im Dienst für Christus geht es nicht an, eine Gelegenheit zu einer verhältnismäßig bescheidenen und verborgenen Tat zu übersehen, um statt dessen nach etwas Großem in der Öffentlichkeit zu streben, mit dem falschen Beweggrund, sich selbst in den Vordergrund zu steilen. Ermuntert uns diese schöne Szene nicht, das zu tun, was wir können, wie klein der Dienst auch sein mag, aber mit dem lauteren Beweggrund, Christus zu erheben?

Wie gesegnet! Der Herr gibt uns die wahre geistliche Bedeutung ihrer Tat. Sie hatte im voraus seinen Leib zum Begräbnis gesalbt. Tatsächlich werden andere, wenn es zu spät ist, mit ihren wohlriechenden Spezereien kommen, um ihre wahre, aber zu wenig verständige Wertschätzung von Christus zum Ausdruck zu bringen. Maria drückt, bevor der Herr begraben wird, ihre Liebe mit größerem geistlichem Verständnis aus. Er misst dem, was Maria getan hat, so großen Wert bei, dass Er sagt: "Wo irgend dieses Evangelium gepredigt werden wird in der ganzen Welt, wird auch von dem geredet werden, was diese getan hat, zu ihrem Gedächtnis.« Ihre Liebestat wird für alle Zeiten als ein schönes Beispiel des eigentlichen, wahren Ergebnisses des Evangeliums dastehen. Das Evangelium bringt uns nicht nur zur Erkenntnis des Heils und der Sündenvergebung, sondern gewinnt das Herz für Christus, so dass Er das höchste Lebensziel wird. Wir wissen, dass das Mahl des Herrn, das durch die Jahrhunderte hindurch gefeiert wurde, eine beständige Erinnerung an den vollkommenen Erretter und seine unendliche Liebe für die Seinen ist. Aber das eine Mahl, das hier in Bethanien stattfand, ist zu einem beständigen Denkmal einer hingebungsvollen gläubigen Frau und ihrer Liebe zu Christus geworden.

Verse 10,11. Dem »guten Werk« von Maria folgt unmittelbar das böse Werk des Judas. Ohne Gewissen gegenüber Gott geht Judas, getrieben von der Feindschaft des Teufels von außen und der Habsucht des Fleisches von innen, zu den Hohenpriestern, um den Herrn in ihre Hände zu überliefern.

Diese, ebenfalls ohne Gewissen oder Gottesfurcht, versprechen ihm Geld. Um das Bestechungsgeld zu erhalten, verfolgt Judas sein böses Werk und sucht den Herrn in einem geeigneten Augenblick den Hohenpriestern zu verraten.

Verse 12–16. Ohne auf die Anschläge böser Menschen zu achten, geht der Herr seinen Weg vollkommener Liebe zu den Seinen weiter und setzt das Mahl ein, durch welches wir alle das Vorrecht haben, Maria in der Anbetung des Herrn nachzueifern. Die Umstände, die dazu dienen, alles für das Mahl vorzubereiten, sind an sich ganz einfach, lassen aber die Herrlichkeit der Person des Herrn hervorstrahlen. Zwei seiner Jünger werden vorausgesandt, um das Fest vorzubereiten. Der Herr geht zwar dem Tod entgegen, aber Er ist trotzdem der König mit königlichen Rechten, der das Gastzimmer verlangen kann und dessen unumschränktem Willen sich alle unterwerfen müssen. Er ist zudem eine göttliche Person, der alles bekannt ist. Der Mann mit dem »Krug Wasser«, der »Hausherr~, der >große Obersaal«, alles sieht Er vor seinen Augen. Die Jünger, die hingehen, um seine Anweisungen auszuführen, finden alles so, wie Er es ihnen gesagt hat.

Verse 17–21. Als es Abend wird, kommt Er mit seinen Jüngern, und sie lassen sich nieder, um das Passah zu essen – zur Erinnerung an die Erlösung der Israeliten aus Ägypten. Der Herr stand im Begriff, eine viel größere Erlösung für sein Volk zu vollbringen. Für diese ewige Erlösung ist sein Tod nötig, der auf den Verrat einer der Zwölfe hin folgt. In seiner vollkommenen Liebe empfindet der Herr es tief, dass einer von denen, die in seiner heiligen Gegenwart gelebt und seine Worte der Gnade gehört hatten und Zeugen seiner unendlichen Liebe und Geduld waren, so handeln kann. Es war ein Ausdruck der Qual seines Herzens, als Er sagte: »Einer von euch wird mich überliefern, der, welcher mit mir isst.« Je größer und vollkommener die Liebe, desto größer der Schmerz angesichts eines solchen Verrats an ihr. Nie ist die Liebe in ihrer ganzen Vollkommenheit so zum Ausdruck gekommen wie in Christus, und, außer den andern Jüngern, hatte nie jemand äußerlich so nahe bei Christus gelebt wie Judas. Doch alles ist umsonst; denn selbst wenn er irgendwelche Wertschätzung der Liebe gehabt hätte, so liebte er das Geld doch noch mehr. Die Herzlosigkeit des Verrats und dessen schreckliche Bosheit kommt darin zum Ausdruck, dass der, welcher im Begriff stand, den Herrn zu verraten, mit Ihm den Bissen in die Schüssel eintauchen konnte. Der Herr würde jedoch andere haben, um seinen Schmerz mit Ihm zu teilen. Er verbirgt ihn nicht aus Stolz, sondern wünscht, als ein Mensch seinen Schmerz in menschliche Herzen zu legen; Liebe rechnet mit Liebe. Die Leiden des Verlassenseins am Kreuz können wir nicht mit Ihm teilen, aber hier sind es Leiden, verursacht durch Menschen, an denen wir als Menschen in unserem beschränkten Maß Anteil nehmen können. – Der Verrat des Judas war lange zuvor vorausgesagt worden. Alles geschah, »wie es geschrieben steht«. Doch wehe dem Verräter, denn die Erfüllung der Ratschlüsse Gottes hebt die Ungerechtigkeit derer, die sie erfüllen, nicht auf; wie könnte Gott sonst die Weit richten?

Verse 22–24. Nun folgt die Einsetzung des Abendmahls. Die Worte »während sie assen« machen eine klare Unterscheidung zwischen dem Passah, von dem sie aßen, und dem Abendmahl. Beim Mahl des Herrn stellt das Brot seinen Leib dar; der Kelch sein Blut, das nicht nur für die Juden, sondern für viele vergossen wurde. Es ist ein Gedächtnismahl. Wir sind mit einer solchen Liebe geliebt, dass der Herr es wertschätzt, wenn wir Seiner gedenken. Das Blut Christi ist in seinem unschätzbaren Wert immer vor dem Auge Gottes, und Er wünscht, dass sein Volk sich allezeit daran erinnern möge.

Vers 25. Der Herr hat den Kelch als das Symbol seines für viele vergossenen Blutes benützt. Wenn wir den Wein in seinem natürlichen Sinn als die Frucht des Weinstocks betrachten, so ist er ein Ausdruck irdischer Freude. Der Tod Christi unterbricht seine Verbindung zur Erde und dem Irdischen, bis schließlich das Reich Gottes auf der Erde errichtet werden wird. Heute sind die Gläubigen mit einem himmlischen Christus verbunden, der auf der Erde gelitten hat; sie warten auf das zukünftige Reich, um mit Christus die Herrlichkeiten und Freuden des irdischen Reiches zu teilen.

Vers 26. Nach dem Mahl gingen sie, "als sie ein Loblied gesungen hatten«, hinaus nach dem Ölberg. Beides ist wunderbar. Wir könnten es besser verstehen, wenn sie ein Loblied gesungen hätten und im Obersaal geblieben wären; oder wenn sie ohne Gesang hinausgegangen wären. Aber in dem Augenblick ein Loblied zu singen, als Er hinausging, um seinen Feinden zu begegnen, als der Verrat, die Verleugnung, der furchtbare Kampf in Gethsemane und das Verlassensein am Kreuz seiner warteten, das beweist eine innere Ruhe, die gewiss die Folge davon war, dass Er den Willen des Vaters im Auge hatte und die Freude, die Ihm nach dem Kreuz bevorstand.

Verse 27–31. Doch gerade die Umstände, welche die Vollkommenheit des Herrn offenbaren, zeigen die Schwachheit der Jünger. In der Gegenwart des Herrn können sie miteinander singen, aber in der gleichen Nacht, sobald sie nicht mehr in seiner Gegenwart sind, werden sie sich ärgern und zerstreut werden. Wie traurig und ernst! Sie offenbaren dadurch das, was unter dem Volk des Herrn geschehen ist. Nur in seiner Gegenwart, wenn jedes Herz mit Ihm selbst beschäftigt ist, können wir zusammen singen, wie der Prophet sagen kann: »Sie erheben die Stimme, sie jauchzen insgesamt; denn Auge in Auge sehen sie« (Jes. 52,8). Nur wenn jedes Auge auf Ihn gerichtet ist, werden wir Auge in Auge sehen. Außerhalb seiner Gegenwart braucht es nicht viel, um sich seinetwegen zu ärgern, und sich aneinander zu stoßen, und verärgerte Heilige trennen sich bald und werden wie zerstreute Schafe. Nie mehr werden die Versprengten Israels oder die zertrennte und zerspaltene Kirche wieder gemeinsam singen, bis sie alle um den Herrn versammelt sein und Ihn von Angesicht zu Angesicht sehen werden.

Doch, gepriesen sei sein Name! Er versagt nie; darum wird die Zerstreuung ein Ende haben und die Zeit des Versammelns wird kommen. Das würden die Jünger noch in ihren Tagen erfahren, denn nachdem der Herr auferstanden war, sollten sie erleben, dass Er in aller Liebe und Gnade seines Herzens unverändert geblieben war. Er, der große Hirte der Schafe, würde vor ihnen hergehen und seine Schafe würden Ihm wieder folgen.

Der Herr hat ihnen ein Wort der Warnung gegeben, gefolgt von einem Wort der Ermunterung. Leider geht es auch uns oft wie Petrus: Wir achten nicht auf seine Warnungen und verfehlen den Segen seiner Worte der Ermunterung, weil wir auf uns selbst vertrauen. Unserer Schwachheit nicht bewusst, meinen wir sicher zu sein, während andere versagen mögen. So sagt Petrus: »Wenn sich auch alle ärgern werden, ich aber nicht.« Sie würden sich alle ärgern, aber der, welcher allen voran sein Selbstvertrauen betonte, sollte den tiefsten Fall erleben. Wir versagen ausgerechnet in dem, worin wir uns rühmen. Petrus rühmt sich, er werde sich niemals ärgern. Der Herr sagt: »In dieser Nacht ... wirst du mich dreimal verleugnen.«

Diese Ankündigung seiner Verleugnung veranlasst Petrus nur dazu, seine Hingabe an den Herrn noch leidenschaftlicher zu beteuern. Er sagt: »Wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen.« Petrus meinte es zweifellos aufrichtig, aber wir müssen lernen, dass Aufrichtigkeit nicht genug ist, um dem Herrn treu zu bleiben. Wir müssen in der Gnade, die in Christus Jesus ist, stark sein, um die Schwachheit des Fleisches zu überwinden, den Listen des Feindes zu entgehen und von der Menschenfurcht befreit zu werden. Alles, was der Teufel nötig hat, um den Fall eines Apostels, wenn er nicht mehr mit Christus in Verbindung ist, herbeizuführen, ist die einfache Frage einer Magd. Der Herr antwortet nicht mehr auf die Überheblichkeit des Petrus, in die auch die andern Jünger einstimmen. Es gibt offensichtlich Gelegenheiten, bei denen die Erklärungen von Gläubigen so eindeutig aus fleischlichem Hintergrund kommen, dass es zwecklos und unnötig ist, eine Antwort geben zu wollen. Schweigen hat seine Zeit, und Reden hat seine Zeit.

Verse 32–42. Es war ein tiefer Schmerz für den Herrn, dass das Volk den Plan schmiedete, Ihn zu töten, dass einer der Zwölfe im Begriff war, Ihn zu verraten, und ein anderer, Ihn zu verleugnen, und dass sich alle an Ihm ärgern würden. Aber in Gethsemane stand die weit größere Qual vor Ihm, die zu erdulden Ihm am Kreuz bevorstand, wenn Er, zur Sünde gemacht, von Gott verlassen sein würde. Angesichts dieses großen Schmerzes finden wir Ihn, wie in allen andern Prüfungen seines vollkommenen Lebens, im Gebet. Aber, wenn das Gebet auch Erleichterung bringen mag, so ist die unmittelbare Wirkung doch die, dass die Schwere der Prüfung noch schmerzhafter empfunden wird. Das Gebet bringt alle Umstände in die Gegenwart Gottes, um dort in ihrem wahren Charakter erfasst zu werden. Der Zerfall Israels, der Verrat eines Judas, die Schwachheit und das Versagen der Seinen, die Macht und Feindschaft Satans, die Wirklichkeit des Gerichts, die gerechten Forderungen eines heiligen Gottes – das alles wurde von unserem Herrn in der Gegenwart des Vaters tief empfunden.

Der Herr nimmt Petrus, Jakobus und Johannes mit sich in den Garten Gethsemane – es sind jene, die zu gegebener Zeit einen besonderen Platz als Säulen in der Versammlung einnehmen würden. Sie waren schon die auserwählten Zeugen seiner Herrlichkeit auf dem Berg gewesen; nun wird ihnen die Gelegenheit gegeben, seinen Schmerz in Gethsemane zu teilen. Das eigentliche Verlassensein am Kreuz kann niemand mit Ihm teilen, aber die Seelenangst in Erwartung des Kreuzes können andere, in ihrem bescheidenen Maß, mitempfinden. Für Ihn bedeutete der Tod, als unser Stellvertreter die Strafe für die Sünden zu tragen. Darum kann Er sagen: "Meine Seele ist sehr betrübt, bis zum Tode. « Weil Er den Tod als Lohn der Sünde auf sich nahm, hat Er für den Gläubigen den Tod seiner Schrecken beraubt. Stephanus kann sich in Erwartung des Todes freuen, und Paulus kann sagen: »Abzuscheiden und bei Christus zu sein, ist weit besser.« Es war ein Teil seiner Vollkommenheit, das Kreuz zu verabscheuen, und daher kann Er zum Vater sagen: »Alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir weg.« Aber es war gleicherweise ein Teil seiner Vollkommenheit, sich dem Kreuz zu unterwerfen und den Willen des Vaters zu tun; daher kann Er hinzufügen: »Doch nicht was ich will, sondern was du willst!«

Die Leiden im Garten Gethsemane, ebenso wie zuvor die Herrlichkeiten auf dem Berg der Verklärung, waren zu groß für die arme, schwache menschliche Natur. Bei beiden Gelegenheiten finden die Jünger Erleichterung im Schlaf. Petrus, der im Rühmen seiner Hingabe an den Herrn weitergegangen war als die übrigen, wird vom Herrn besonders angesprochen, als Er zu diesen schlafenden Jüngern zurückkommt und fragt: »Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht eine Stunde zu wachen?« Nur das Gebet, das unsere Abhängigkeit von Gott zum Ausdruck bringt, kann uns auf kommende Versuchungen vorbereiten. Das Selbstvertrauen unserer Natur lässt uns allzu oft wenig Angst vor Versuchungen haben und daher ist uns kaum bewusst, wie nötig wir das Gebet haben. In zartem Mitgefühl anerkennt der Herr die Tatsache ihrer Liebe zu Ihm, während Er ihre Schwachheit bezeugen muss: »Der Geist zwar ist willig, das Fleisch aber schwach.«

Wiederum geht der Herr weg und betet. Er sieht bei seiner Rückkehr zu seinen Jüngern aber nur, dass sie immer noch schlafen. Die Ermahnungen des Herrn waren unbeachtet geblieben, denn ihre Augen waren vom Schlaf beschwert. Als der Herr zum dritten Mal zu den Jüngern zurückkehrt, muss Er sagen: "So schlafet denn fort und ruhet aus.« Sie hatten die Gelegenheit, mit dem Herrn zu wachen, verpasst und ihre eigene Schwachheit bewiesen, und der Herr muss sagen: »Es ist genug.« Die Zeit zum Wachen und Beten war vorüber; die Stunde der Versuchung war gekommen; der Verräter war nahe gekommen, und Der, welcher gewacht und gebetet hatte, kann nun im Vertrauen auf Gott und in Abhängigkeit von Ihm sagen: »Stehet auf, lasst uns gehen. «

Verse 43–45. In der ernsten Szene des Verrats, die nun folgt, sehen wir die Bosheit unserer eigenen Herzen, wenn wir uns selbst überlassen und durch Satan verhärtet werden. Getrennt von der Gnade Gottes, sind wir leicht geneigt, das Fleisch zu befriedigen, und wenn wir unseren Lüsten nachgeben, kommen wir unter die Macht Satans, was sogar zum Verrat an Christus führen kann. So war es bei Judas. Er kann zu den Feinden des Herrn sagen: »Greifet ihn und führet ihn sicher fort.« Es scheint, als verspotte er sie, wenn er sagte: »Führet ihn sicher fort.« Anscheinend hatte er damit gerechnet, dass der Herr, wie bei früheren Gelegenheiten, durch ihre Mitte hindurch weggehen und sich so selbst aus der Hand seiner Feinde befreien würde, während Judas das Geld, das er so sehr begehrte, sicherstellen könne. Er wusste nichts von den Ratschlüssen Gottes und von dem vollkommenen Gehorsam des Herrn und war deshalb nicht vorbereitet auf die Unterwerfung des Herrn unter seine Feinde, um den Willen des Vaters auszuführen, gemäß den Worten, die Er gerade zuvor im Garten Gethsemane ausgesprochen hatte: »Nicht was ich will, sondern was du willst!«

So wagt es Judas, gefesselt durch die Befriedigung seiner eigenen Lust und blind gegenüber der Herrlichkeit Christi, nicht nur den Herrn zu verraten, sondern dies sogar mit einem Kuss zu tun. Etwas später werden die Feinde des Herrn Ihm ins Angesicht speien; aber der Herr unterwirft sich der schrecklichen Heuchelei des Verräters, der Ihn küsst, mit der gleichen Gnade, mit der Er die beleidigenden Schmähungen von Feinden erträgt, die Ihn anspeien. Wunderbarer Heiland, der so großen Widerspruch von Sündern erduldete!

Verse 46,47. Aber wenn Judas, der Verräter, nicht darauf vorbereitet war, dass der Herr sich seinen Feinden unterwerfen würde, so war es auch Petrus, ein wahrer Jünger, nicht. Sein Name wird nicht erwähnt, aber wir wissen, dass Petrus es war, der das Schwert zog und den Knecht des Hohenpriesters schlug. Durch Lust getrieben, verrät Judas den Herrn; von Liebe getrieben, verteidigt Petrus den Herrn. Doch, obwohl er es aufrichtig meinte, stand Petrus in Wirklichkeit dem Weg des vollkommenen Knechtes Jehovas entgegen. In diesem Evangelium wird nichts von der Heilung der Wunde erwähnt, denn der Leitgedanke ist nicht so sehr, die Macht des Herrn, sondern seine Unterwerfung als der vollkommene Knecht vorzustellen.

Verse 48,49. Die Habsucht des Judas ist offenbar geworden, und ebenso die fleischliche Energie des Petrus, der wohl bereit war, zu kämpfen, auch wenn er nicht mitgebetet hatte. Nun wird die Feigheit und Gemeinheit der jüdischen Führer bloßgestellt. Sie hätten den Herrn täglich auf ganz offene Weise im Tempel greifen können, denn der Herr hatte öffentlich gelehrt, aber ihre feige Furcht vor dem Volk und das Fehlen jeglicher Prinzipien bewog sie, zu handeln, als hätten sie es mit einem Räuber zu tun. Sie verstanden einen Räuber und wussten, wie mit einem solchen umzugehen war, aber die unendlichen Vollkommenheiten Christi gingen über ihr Verständnis.

Verse 50–52. Dann sehen wir die Schwachheit der Jünger. "Es verließen ihn alle und flohen.« Einer, allerdings, wagt es noch, Ihm zu folgen, doch nur, um schließlich um so schmählicher den Rückzug anzutreten.

Verse 53–65. In Unterwürfigkeit unter den Willen des Vaters, lässt der Herr es zu, dass Er weggeführt wird, um vor dem Synedrium zu erscheinen. Petrus "folgte ihm« in wahrer Liebe; aber weil er es im Selbstvertrauen und nicht in der Gesinnung Christi tat, folgte er Ihm »von ferne«. So geschieht es, wie auch wir das oft erfahren müssen: Weil er ohne göttliche Führung nachfolgte, kam er ohne göttlichen Beistand in Versuchung, nur um die völlige Verderbtheit des Fleisches kennen zu lernen.

In der Szene, die nun folgt, sehen wir in den Hohenpriestern und ihrem Synedrium, in welche Abgründe der Bosheit das religiöse Fleisch sinken kann. Sie hatten bereits beschlossen, Jesus zum Tode zu bringen; daher diente die nun folgende Gerichtsverhandlung nicht dazu, herauszufinden, ob Er etwas Todeswürdiges getan habe, sondern war vielmehr ein schreckliches Instrument, den Mord mit einem falschen Schein von Gerechtigkeit zu verdecken. Mit Böswilligkeit in ihren Herzen suchen sie nicht die Wahrheit, sondern Zeugnis »wider Jesum, um ihn zum Tode zu bringen«. Weil sie kein solches finden können, nehmen sie Zuflucht zu falschen Zeugen, müssen aber feststellen, dass dies ihrem Zweck nicht dienlich ist, denn diese Zeugen verurteilen sich selbst, weil sie einander widersprechen.

Schließlich muss der Hohepriester sich an Christus selbst wenden. Angesichts all dieser Feindschaft und Bosheit »schwieg Jesus und antwortete nichts«. Petrus, der diese feierlich ernste Szene beobachtete, kann in späteren Jahren von Ihm bezeugen: »der, gescholten, nicht wiederschalt«.

»Er tat seinen Mund nicht auf, gleich dem Lamme, welches zur Schlachtung geführt wird« (Jes. 53,7). Auf die Anklagen der Boshaftigkeit hatte Er nichts zu sagen; wenn jedoch die Herrlichkeit seiner Person in Frage gestellt wird, gibt Er ohne Zögern der Wahrheit Zeugnis, koste es, was es wolle – das vollkommene Beispiel für alle seine Diener. Nachdem es ihnen nicht gelungen ist, ihren üblen Vorsatz durch böswillige Lügen auszuführen, suchen sie jetzt den Herrn aufgrund seines Zeugnisses für die Wahrheit zu verurteilen. Alles, was der Teufel durch sein Tun erreichte, war, die Wahrheit über die Herrlichkeit der Person Christi ans Licht zu bringen und die völlige Schlechtigkeit des religiösen Fleisches zu offenbaren. Diesem wird für den Augenblick erlaubt, seine boshaften Pläne auszuführen; es ist aber nur ein Werkzeug, damit Gottes »zuvorbestimmter Ratschluss geschehen sollte«.

Der Herr Jesus war tatsächlich der Christus, der Sohn des Gesegneten, aber Er war auch der Sohn des Menschen, der später gesehen wird, wie Er zur Rechten der Macht sitzt und in Herrlichkeit auf die Erde zurückkehren wird. Als Sohn Gottes verworfen (gemäß Psalm 2), nimmt Er den Platz als Sohn des Menschen ein (Psalm 8).

In den Augen dieser durch Unglauben verblendeten Führer erscheint die Wahrheit als Lästerung, und so wird Er, ohne dass sich eine Gegenstimme erhebt, »von allen verurteilt, dass er des Todes schuldig sei«. In vollkommener Unterwerfung unter den Willen des Vaters leistet Der, welcher bald zur Rechten der Macht erhoben und in Herrlichkeit wiederkommen wird, keinen Widerstand gegenüber den schweren Beleidigungen derer, die Ihn anspeien und Ihn mit Fäusten schlagen.

Verse 66–72. Leider muss der Herr nicht nur die Schmähungen böser Menschen erfahren, sondern auch erleben, wie Ihn einer seiner Jünger verleugnet. In seinem Selbstvertrauen hat Petrus die Warnungen des Herrn missachtet und die Ermahnungen des Herrn, zu wachen und zu beten, vernachlässigt. Das Fleisch hat ihn in Versuchungen geführt, in denen es ihn nicht stützen kann. Während der Herr angesichts der Bosheit seiner Feinde in Gnade schweigt, schweigt Petrus aus Furcht, während er sich am Feuer der Welt in Gesellschaft der Feinde des Herrn wärmt. Als der Herr seinen Mund öffnet, um die Wahrheit zu bezeugen, redet Petrus, um sie zu leugnen. In seinem Selbstvertrauen hatte Petrus gesagt: »Wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen.« Als er durch die einfache Frage einer Magd auf die Probe gestellt wird, ohne irgendwelche Anzeichen dafür, dass ihm etwas zugefügt, und noch viel weniger, dass er getötet werden könnte, wittert er Gefahr und verleugnet den Herrn. Sein Gewissen erlaubt ihm jedoch nicht, in Gesellschaft derer zu bleiben, die er angelogen hat. Er geht in den Vorhof und hört alsbald, entsprechend den warnenden Worten des Herrn, den Hahn krähen. Die Magd sieht Petrus aber wieder und bemerkt gegenüber den Dabeistehenden: »Dieser ist einer von ihnen.« Zum zweiten Mal verleugnet Petrus den Herrn. Etwas später sagen andere zu Petrus: »Wahrhaftig, du bist einer von ihnen.« Petrus verleugnet den Herrn nicht nur zum dritten Mal, sondern fängt gleichzeitig an, sich zu verfluchen und zu schwören. Wie wenig war sich Petrus bewusst, was auch wir nur zögernd anerkennen, dass »das Herz arglistig ist, mehr als alles, und verderbt«. Betrogen durch sein starkes Selbstvertrauen, hatte er nicht erkannt, dass die hoffnungslose Bosheit seines Herzens so groß war, dass Verfluchen, Schwören und die Verleugnung seines Meisters daraus hervorströmten, sobald die Gelegenheit dazu kam.

Wie ernst ist das Verhalten des Petrus in dieser traurigen Szene aufgezeichnet, nicht damit wir bei seinem Versagen stehen bleiben, um einen dem Herrn ergebenen Diener herabzuwürdigen, sondern damit wir vielmehr das Böse unserer eigenen Herzen kennen lernen möchten und uns in acht nehmen. Als der Herr den Petrus im voraus warnte, dass er Ihn verleugnen würde, widersprach Petrus dem Herrn in Selbstvertrauen und prahlte mit seiner Hingabe. Ein wenig später, als der Herr wachte und betete, schlief Petrus. Als der Herr angesichts seiner Feinde stumm blieb, wie ein Lamm vor seinen Scherern, schlug Petrus mit dem Schwert drein. Als der Herr das gute Zeugnis vor dem Hohenpriester ablegte, verleugnete Petrus den Herrn vor einer einfachen Magd. Petrus brach zusammen; aber der Herr bleibt, und Er bleibt derselbe. Die Leiden, die Er erduldete, indem Er vom Volk verworfen, von einem falschen Jünger verraten, von einem wahren Jünger verleugnet und von allen verlassen wurde, konnten den Herrn nicht bewegen, sich von den Seinen abzuwenden, oder die Liebe seines Herzens zum Schwinden bringen. Als Petrus den Hahn zum zweiten Mal krähen hörte, erinnerte er sich an das Wort, das Jesus gesagt hatte: »Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.« Diese Worte brachen dem armen Petrus das Herz und führten zu Tränen der Reue. »Als er daran dachte, weinte er.« Es ist richtig gesagt worden: »Wachsamkeit und Gebet sind immer nötig, doch nur der wird untadelig, unbeschämt und unbescholten bleiben, der in der ernsten Oberzeugung seinen Weg geht, dass er das Hervorkommen der schändlichsten Sünden zu befürchten hat, wenn seine Seele nicht mit dem Herrn Jesus beschäftigt ist.« Wir kennen die Arglist unserer eigenen Herzen nicht, denn der gleiche Vers, der uns sagt, dass es arglistig ist, mehr als alles, fährt mit der Frage weiter: »Wer mag es kennen?« Der Prophet gibt sogleich die Antwort: »Ich, Jehova, erforsche das Herz und prüfe die Nieren« (Jer. 17,9.10). Der Eine, der uns erforscht und kennt, ist der Eine, der allein vermag, uns vor dem Fall zu bewahren, und der uns wiederherstellen kann, wenn wir gefallen sind. So wird nach der Auferstehung des Herrn der wiederhergestellte Petrus dazu geführt, zu bezeugen: »Herr, du weißt alles. « Er will nicht mehr von seinem eigenen Herzen reden und sich nicht mehr rühmen, was er tun oder nicht tun werde, sondern will sich lieber den Händen Dessen überlassen, der alles weiß – alles Böse unserer Herzen und alle Macht des Feindes –und der allein fähig ist, uns vor dem Fallen zu bewahren.

Kapitel 15 - Das Kreuz

In den Szenen rund um das Kreuz wird die Bosheit des gefallenen Menschen in ihrer ganzen Gemeinheit enthüllt. Jede Klasse ist zugegen – Juden und Heiden, die Priester und das Volk, der Landpfleger und seine Soldaten, Vorübergehende und Verbrecher. Wie groß auch ihre politischen und sozialen Unterschiede sein mögen – sie vereinigen sich alle in ihrem Hass und ihrer Ablehnung gegenüber Christus (V. 1–32).

In dem Augenblick, da der Mensch und all seine Bosheit in der Finsternis, die das ganze Land bedeckt, verschwindet, dürfen wir vom Erlöser den Schrei hören, der uns sagt, dass Er von Gott verlassen war, weil Er als das heilige Opferlamm zur Sünde gemacht wurde, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in Ihm (V. 33–W).

Nach den drei Stunden des Verlassenseins finden wir schließlich ein dreifaches Zeugnis, das dem Herrn Jesus gegeben wird: vom Hauptmann, von einigen treuen Frauen und von Joseph von Arimathia (V. 39–47).

Verse 1–15. Der Herr ist bereits vom jüdischen Rat ungerechterweise verurteilt worden. Aber es muss bewiesen werden, dass die ganze Welt schuldig ist. Deshalb lässt der Herr sich als der vollkommene Knecht Jehovas herab, vor dem Richterstuhl der römischen Macht zu erscheinen, nur um den gänzlichen Zusammenbruch der Regierung in den Händen der Nationen zu bestätigen.

Vor Pilatus wird der Herr wiederum herausgefordert, der Wahrheit Zeugnis zu geben, denn Pilatus fragt sogleich: »Bist du der König der Juden?« Der Herr antwortet: »Du sagst es.« Ob vor dem Hohenpriester oder vor Pilatus – der Herr gibt der Wahrheit Zeugnis, und um der Wahrheit willen wird Er von den Menschen verurteilt. Auf die Anklagen der Juden antwortet Er nichts. Er geht seinen Weg in Vollkommenheit und weiß, wann zu reden und wann zu schweigen. Wenn es um die Wahrheit geht, redet Er; wenn es sich aber um eine Frage der Verteidigung gegenüber persönlichen Anschuldigungen handelt, schweigt Er. Wir tun gut daran, aus seinem vollkommenen Beispiel zu lernen und den Fußstapfen Dessen zu folgen, der, gescholten, nicht wiederschalt. Es gibt Gelegenheiten, wo Schweigen eine viel größere Wirkung auf das Gewissen ausübt als irgendein geäußertes Wort. Trotzdem ist ein solches Schweigen unserer gefallenen Natur völlig fremd. Darum verwunderte sich Pilatus darüber.

Er weiß sehr wohl, dass die Anklagen der Juden nicht stichhaltig sind, um Christus irgendein Unrecht anzulasten. Er versucht daher, einerseits die Juden zu besänftigen, und anderseits der Schande, einen Unschuldigen zu verurteilen, zu entgehen. Die Gewohnheit, auf das Passahfest "einen Gefangenen loszugeben, um welchen sie baten«, kommt ihm daher gelegen. Zu jener Zeit gab es einen berüchtigten Gefangenen, namens Barabbas, der wegen Aufruhr und Mord eingekerkert war. Bestärkt durch das Geschrei der Volksmenge, die ihr Recht, entsprechend dieser Gewohnheit, fordert, schlägt Pilatus vor, ihnen Jesus, den König der Juden, anstatt Barabbas, den Mörder, loszugeben.

Zu dieser Sitte Zuflucht zu nehmen, war nur ein Kompromiss und machte das Unrecht und die Bosheit des Richters noch größer; denn wenn Christus, wie Pilatus wusste, unschuldig war, hätte er ein gerechtes Urteil fällen und Ihn, ungeachtet dieser Gewohnheit, freilassen müssen. Zudem war sich Pilatus wohl bewusst, dass diese bösen Menschen den Herrn aus Neid gebunden und vor den Richterstuhl gebracht hatten. Dieses Wissen erhöhte noch seine Ungerechtigkeit, einen Unschuldigen nicht unverzüglich freizulassen. Neid oder Eifersucht, sei es nun in einem Ungläubigen oder in einem Gläubigen, ist einer der Hauptbeweggründe für das Böse in dieser Welt. Neid führte zum ersten Mord, als Kain seinen Bruder erschlug; Neid führte auch zum schlimmsten Mord, als die Juden ihren Messias töteten. Wie recht hat der Prediger, wenn er sagt: "Grimm ist grausam, und Zorn eine überströmende Flut; wer aber kann bestehen vor der Eifersucht!« (Spr. 27,4). Mit neiderfüllten Herzen wiegeln diese religiösen Führer die Volksmenge auf, lieber Barabbas als Christus zu wählen. Von Eifersucht getrieben verwerfen sie Christus, den Einen, an dem »alles lieblich« ist, und wählen lieber einen Mörder und Aufrührer. Wie gut, wenn alle Gläubigen die Lektion dieser ernsten Szene zu Herzen nehmen und dem Wort des Jakobus Gehör schenken, wenn er uns vor »bitterem Neid und Streitsucht« in unseren Herzen warnt. Wenn dies nicht im Herzen gerichtet wird, führt es zu Zerrüttung und jeder schlechten Tat, und das sogar in christlichen Kreisen (Jak. 3,14–16).

Pilatus mochte ein verhärteter Weltmensch sein. Aber er unternahm wenigstens einen schwachen Versuch gegen die Verurteilung des Einen, von dem alle wussten, dass Er unschuldig war. Darum fragt er, bevor er Barabbas losgibt: »Was wollt ihr denn, dass ich mit dem tue, welchen ihr König der Juden nennt?« Ohne Zögern rufen sie: »Kreuzige ihn!« Wir schätzen es gewiss nicht, in Gesellschaft eines Aufrührers und Mörders zu leben, aber die Feindschaft des Fleisches gegen Gott ist so groß, dass wir, wenn es darauf ankommt und wir zwischen einem Mörder und Christus zu wählen haben, dem Mörder den Vorzug geben.

Pilatus fragt wiederum: »Was hat er denn Böses getan?« Ihre einzige Antwort ist das unvernünftige Geschrei eines Pöbels: »Kreuzige ihn!« Weil er das Volk zufrieden stellen will, gibt Pilatus allen Schein von Gerechtigkeit auf und lässt Barabbas los. Und nachdem er Den, von dem er weiß, dass Er unschuldig ist, hat geißeln lassen, überliefert er Ihn, damit Er gekreuzigt werde.

Verse 16–22 In der Behandlung des Herrn durch die Hände der Soldaten sehen wir die Brutalität des Menschen, der sein Gefallen daran findet, einen Wehrlosen zu foltern und zu verspotten. Es gehörte nicht zur Pflicht eines Soldaten, einen Gefangenen zu misshandeln, aber die demütige Haltung und Vollkommenheit dieses heiligen Gefangenen brachte ihnen Gott nahe, und das konnte der gefallene Mensch nicht ertragen. Der Eine, der von einem gerechten Gott noch mit vielen Diademen gekrönt werden wird, lässt es sich gefallen, von den Händen boshafter Menschen mit einer Dornenkrone gekrönt zu werden. Er, der einst die Nationen mit einer eisernen Rute weiden wird, erlaubt dem elenden, erbärmlichen Menschen, Ihn mit einem Rohr zu schlagen. In ihrem Spott beugen sie die Knie vor Dem, vor weichem sie sich am Tag des Gerichts werden beugen müssen.

Vers 21. Ungeachtet der Freiheit und Rechte anderer, zwingen die gewalttätigen Soldaten einen Vorübergehenden, der von der Arbeit auf dem Feld kommt, das Kreuz zu tragen. Simon von Kyrene wurde die Ehre zuteil, das Kreuz für Den zu tragen, der am Kreuz für die ganze Welt litt. Gott vergaß diesen kleinen Dienst für den Herrn nicht; denn es wird uns gesagt, dass dieser Simon der Vater von Alexander und Rufus war. In Römer 16,13 wird Rufus erwähnt, und das lässt darauf schließen, dass Alexander und Rufus wohlbekannte Brüder waren, als Markus sein Evangelium schrieb.

Verse 22–32. Dem Herrn wird keine Beleidigung oder Demütigung erspart. Nachdem die Soldaten Ihn an der Schädelstätte gekreuzigt haben, werfen sie das Los über seine Kleider. Mit der Überschrift seiner Beschuldigung »Der König der Juden« machen sie in ihrem Spott die jüdische Nation verächtlich und kreuzigen Ihn gleichzeitig zwischen zwei Räubern. Ohne es zu wissen, erfüllen sie damit die Prophezeiung: »Und er ist unter die Gesetzlosen gerechnet worden.«

Man könnte denken, dass wenigstens die Vorübergehenden sich von dieser schrecklichen Szene abwendeten, aber selbst sie schütteln ihre Köpfe, beschimpfen Ihn, treiben Missbrauch mit seinen Worten und fordern Ihn heraus: »Rette dich selbst und steige herab vom Kreuze.«

Die Hohenpriester und Schriftgelehrten stimmen in den Spott mit ein, indem sie untereinander sagen: »Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten.« Wie wenig war ihnen bewusst, dass dies tatsächlich der Wahrheit entsprach. Aber was sie hinzufügen, ist total falsch, denn sie sagen: »Der Christus, der König Israels, steige jetzt herab vom Kreuze, auf dass wir sehen und glauben.« Der Glaube kommt durch Hören, nicht durch Sehen. Außerdem wäre der Glaube vergeblich gewesen, wenn Er vom Kreuz herabgestiegen wäre. Wir wären noch in unseren Sünden.

Schließlich wird der Christus Gottes von den gemeinsten Verbrechern abgelehnt und verspottet, denn wir lesen: »Auch die mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn.«

Verse 33–36 Wir haben gesehen, wie der Herr von allen Menschen, vom höchsten bis zum niedrigsten, verworfen und von seinen Jüngern verlassen wurde. Nun ist es uns erlaubt, von seinen viel tieferen Leiden zu hören, als Er von Gott verlassen wurde. Es sind nicht mehr länger der Neid, die Bosheit und die Grausamkeit der Menschen, die Er zu erdulden hat, sondern es ist die Strafe der Sünde, als Er von einem heiligen Gott dem Tod überliefert wurde. In diese feierliche Szene kann oder soll kein Mensch eindringen. Finsternis war über dem Land. Christus hatte es allein mit Gott zu tun, als Er, der keine Sünde kannte, zur Sünde gemacht wurde, und war deshalb vor jedem Auge verborgen. Zur Sünde gemacht, musste Er das Verlassensein von Gott erdulden. Aber dürfen wir nicht sagen, dass Er für Gott nie kostbarer war als in diesen Stunden, da Er in vollkommenem Gehorsam das Verlassensein von Gott erduldete? Er verherrlichte den Vater zu aller Zeit, aber nie in größerem Maß als hier, da Er zur Sünde gemacht und verlassen wurde. Dass ein solches Opfer notwendig war, verherrlicht die heilige Natur Gottes; dass solch ein Opfer gegeben werden konnte, verherrlicht die Liebe Gottes. Kein geringeres Opfer konnte die Verherrlichung Gottes sicherstellen oder das Heil der Menschen bewirken.

Aber was muss es für seine heilige Natur gewesen sein, zur Sünde gemacht zu werden? Als Er in diese Welt kam, wurde von Ihm als dem »Heiligen« gesprochen; als Er sie verließ, wurde Er »zur Sünde gemacht«. Der, welcher von Ewigkeit her der Gegenstand der Wonne des Vaters war, ist verlassen. Aus dem 22. Psalm lernen wir, dass der Eine, der ausrief: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«, allein die Antwort darauf geben kann. »Du bist heilig, der du wohnst unter den Lobgesängen Israels.« Wenn der Vorsatz Gottes, inmitten eines lobpreisenden Volkes zu wohnen, erfüllt werden soll, dann muss zuerst die Heiligkeit Gottes befriedigt werden. Nichts anderes als das Opfer Christi, des Lammes ohne Fehl und ohne Flecken, kann den heiligen Ansprüchen eines heiligen Gottes in Bezug auf die Sünde genügen.

Verse 37,38 Als alles vollbracht war, »gab Jesus einen lauten Schrei von sich und verschied«. Sein Schrei mit lauter Stimme war tatsächlich der Beweis, dass sein Tod nicht die Folge der Erschöpfung und des Versagens der natürlichen Kräfte war. Jemand hat gesagt: »Jesus starb nicht, weil Er nicht Mehr lebensfähig war, wie das sonst bei allen der Fall ist.« Wenn die Heiligkeit Gottes befriedigt und die Errettung von Sündern möglich gemacht werden sollte, dann musste Er sterben; aber niemand nahm sein Leben von Ihm. Er selbst ließ sein Leben.

Und sogleich zerriss der Vorhang des Tempels in zwei Stücke, von oben bis unten. Der Vorhang trennte das Heiligtum vom Allerheiligsten. Dieser Ort redete von der Gegenwart Gottes, aber der Mensch war davon ausgeschlossen. Das war das Kennzeichen der Zeitperlode des Gesetzes. Gott war gegenwärtig, aber der Mensch unfähig, Gott zu nahen. Der Riss durch den Vorhang verkündigte, dass das Judentum vorbei war. Aber nicht nur das, er verkündigt auch, dass Gott jetzt gerechterweise in Gnade mit der guten Botschaft der Vergebung für die Menschen hervortreten kann, und dass der Mensch auf der Grundlage des kostbaren Blutes Gott nahen kann.

Vers 39. Als das große Werk am Kreuz vollbracht war, erhob sich als erstes Zeugnis zur Verherrlichung der Person Christi die Stimme eines Helden. Er ist der Vorbote des neuen Tages, an dem eine große Schar aus den Nationen den Heiland als den Sohn Gottes bekennen wird. Dieser Hauptmann hatte zweifellos manch einen auf dem Schlachtfeld sterben sehen, aber nie ein Sterben wie das Sterben Christi. Er erkennt, dass Der, weicher mit einem lauten Schrei seinen Geist übergeben kann, mehr als ein Mensch sein muss. So kann er sagen: »Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!«

Verse 40,41. Dann werden gewisse Frauen, die dem Herrn in den Tagen seines Fleisches hingebungsvoll gefolgt waren und Ihm mit ihrer Habe gedient hatten, ehrenhaft erwähnt. In Liebe waren sie dem Herrn in seinem Leben des Dienstes nachgefolgt, sie blieben Ihm treu, als Er den Tod am Kreuz erduldete, und dann sahen sie zu, als sein Leib in die Gruft gelegt wurde. Es ist leicht, bei ihrem Mangel an Verständnis zu verweilen, während man im Blick auf ihre hingebungsvollen Liebe weit hinter ihnen zurückbleibt.

Verse 42–47 Wenn zur Zeit der Gefahr, als die Jünger flohen, diese hingebungsvollen Frauen hervorleuchten, so findet auch ein ehrbarer Ratsherr den Mut, kühn hervorzutreten und um den Leib Jesu zu bitten, um ihn zu begraben. Obwohl ein wahrer Gläubiger, der das Reich Gottes erwartete, mag seine hohe soziale Stellung ihn daran gehindert haben, sich zu dem niedriggesinnten Jesus und seinen bescheidenen Jüngern zu bekennen. Doch, wie so oft, zwingt das Maß des Bösen den Glauben, sich zu offenbaren, und jene, von denen wir urteilen, dass bei ihnen geistlich nicht viel vorhanden sei, stellen sich klar auf die Seite des Herrn, während andere, von denen wir die Führung erwarten, gänzlich versagen.

So geht das Wort Gottes aus Jesaja 53,9 in Erfüllung: »Und man hat sein Grab bei Gesetzlosen bestimmt; aber bei einem Reichen ist er gewesen in seinem Tode.« Wenn es den Menschen gewährt wurde, unter allen erdenklichen Beleidigungen Christus ans Kreuz zu nageln, damit der Ratschluss Gottes zur Ausführung komme, so wird nun –nachdem das große Werk vollendet ist – Sorge getragen, dass sein Leib mit gebührender Ehrfurcht, und ohne weitere Beleidigungen von Seiten böser Menschen, begraben wird.

Kapitel 16 - Die Auferstehung und Himmelfahrt

Verse 1–3. Zum dritten Mal haben wir die drei hingebungsvollen Frauen – Maria Magdalene, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome – vor uns. Anscheinend hatten sie bereits wohlriechende Spezereien gekauft, um den Leib des Herrn zu salben, sobald der Sabbath vergangen sein würde. Der Unglaube meinte, den Leib des Herrn in der Gruft zu finden, und Unwissenheit wollte ihn dort festhalten. Aber es gefällt dem Geist Gottes, das Kostbare vom Wertlosen zu trennen, und Er verweilt daher bei ihrer hingebenden Liebe, die sie dazu geführt hatte, die Spezereien zu kaufen und bei Sonnenaufgang zur Gruft zu kommen.

Auf dem Weg zu der Gruft sagen sie zueinander: »Wer wird uns den Stein von der Tür der Gruft wälzen?« Für das Vernunftdenken des natürlichen Menschen liegt immer noch ein großer Stein vor dem Grab Christi. Von Gott entfremdet, findet der gefallene Mensch unüberwindliche Schwierigkeiten in der Wahrheit der Auferstehung. Die griechischen Philosophen, und auch viele Philosophen der heutigen Zeit, bekennen sich zum Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, aber sie weigern sich, die Auferstehung des Leibes gelten zu lassen. Der Gedanke, dass seine Seele weiterlebt, nachdem sie den Leib verlassen hat, gefällt dem Verstand des Menschen. Aber wenn der Leib auferweckt werden soll, dann muss offensichtlich die Kraft Gottes in Tätigkeit kommen, und der Gedanke, von dem Gott, den die Menschen hassen, abhängig zu sein, ist dem Verstand des Menschen zuwider. Lässt man Gott weg, ist die Auferstehung unmöglich; bringt man Gott und seine Macht hinein, verschwinden alle Schwierigkeiten – der Stein ist weggewälzt.

Verse 4–7 Als sie zu der Gruft kommen, sehen diese Frauen, dass Gott ihnen zuvorgekommen war und der Stein weggewälzt ist; allerdings nicht, damit der Leib des Herrn die Gruft verlassen konnte, sondern damit die Jünger hineingehen und feststellen könnten, dass die Stätte, wo Er hingelegt worden war, leer ist. Kein Stein, wie groß er auch sein mochte, konnte den Leib des Herrn in der Gruft zurückhalten.

Als sie in die Gruft eintreten, sehen sie sich sogleich einem himmlischen Boten gegenüber, der ihren Herzen Zuversicht geben und sie beruhigen will, indem er sagt: »Entsetzet: euch nicht; ihr suchet Jesus, den Nazarener, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hingelegt hatten.« Sie suchten Jesus, und weil sie das taten, würde trotz Unwissenheit und Unglauben alles gut werden. Was suchen wir? Ist der Herr Jesus der Gegenstand unserer Herzen? Wie jemand gesagt hat: »Es ist die Hingabe des Herzens an den Herrn, die der Seele Licht und Verständnis bringt.« Wie oft liegt der Grund, dass wir gegenüber der Wahrheit blind sind und unfähig, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, darin, dass wir unseren Blick nicht auf Christus allein gerichtet halten. Wir suchen vielfach unseren Eigenwillen und unsere Selbsterhöhung, anstatt den Herrn Jesus und seine Ehre. In dem Maß wie wir »Jesus suchen«, in dem Maß werden wir Licht bekommen. Wir mögen vieles suchen, was an und für sich gut ist, aber den Herrn vom ersten Platz verdrängt: Seelen nachgehen, einen Dienst, das Wohl der Menschen, die Fürsorge der Heiligen suchen; wenn wir aber »Jesus suchen«, wird alles seinen richtigen Platz finden, und wir werden Licht für unseren Pfad bekommen. Weil sie Jesus suchen, erhalten diese Frauen Licht von oben und werden zu einem Dienst für den Herrn ausgesandt.

Sie sollten diese Botschaft »seinen Jüngern und Petrus« überbringen. Es ist rührend, dass gerade in diesem Evangelium, in dem uns alle Einzelheiten von dem bedauerlichen Fall des Petrus berichtet werden, sein Name besonders erwähnt wird. Wäre die Botschaft einfach für alle Jünger gewesen, hätte Petrus vielleicht gesagt: »Sie ist nicht für mich; ich gehöre nicht mehr zu den Jüngern.« Durch die besondere Erwähnung des Petrus wird jeder solche Gedanke sofort beseitigt. Die Jünger haben zu lernen, dass das Herz des Herrn in seiner Liebe zu ihnen unverändert geblieben ist, obwohl sie Ihn alle verlassen hatten und geflohen waren, und obwohl Petrus Ihn verleugnet hatte. Und wie in den Tagen seines Lebens auf dieser Erde, so ist es jetzt auch nach seiner Auferstehung: Er wird »vor seinen Jüngern hingehen«, um ihnen den Weg zu weisen, und sie werden »ihn sehen«, und alles wird geschehen, »wie er ihnen gesagt hat«. Dürfen wir in einem weiteren Sinn nicht sagen, dass trotz des Niedergangs der Kirche in ihrer Verantwortlichkeit, trotz der Zersplitterung und des Versagens des Volkes Gottes, die Zeit kommen wird, da Er, unser auferstandener und verherrlichter Herr, alle seine Schafe um sich selbst versammeln wird. Dann werden wir Ihn von Angesicht zu Angesicht sehen, und jedes Wort, das Er ausgesprochen hat, wird sich erfüllen.

Vers 8. Sie hatten die leere Gruft gesehen, der Engel hatte zu ihnen gesprochen, aber Jesus hatten sie nicht gesehen; wie wir im Lukasevangelium lesen: "Ihn aber sahen sie nicht.« Losgelöst von Christus selbst, bewirken der große, weggewälzte Stein, das leere Grab und die Gestalt des Engels nur Zittern und Bestürzung.

Verse 9–11. Nun erfahren wir, dass der Herr schon Maria Magdalene, von weicher Er sieben Dämonen ausgetrieben hatte, erschienen war. Sie, die einst Zeugin der Macht des Herrn über Dämonen war, wird jetzt eine Zeugin seiner Macht über den Tod. Sie bringt den trauernden und weinenden Jüngern die frohe Nachricht, dass der Herr auferstanden sei. Doch wie schade! obwohl sie die Botschaft vernehmen, glauben sie ihr nicht.

Verse 12,13. In der kurzen Erwähnung der Begebenheit, bei welcher der Herr den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus begegnete, wird uns erklärt, dass die übrigen auch diesen Zeugen nicht glaubten.

Verse 14–1& Schließlich kommen wir zu dem Bericht, dass der Herr den Elfen erschien, als sie zu Tische lagen. Der Herr tadelt sie wegen ihres Unglaubens, der auf ihre Herzenshärtigkeit zurückzuführen ist. Wurzelt nicht viel von unserem Unglauben in unserer Herzenshärtigkeit, so dass unsere Herzen so wenig auf seine Liebe reagieren und sein Wort so wenig Eindruck auf uns macht?

Doch, obwohl der Herr ihre Herzen bloßlegt, sendet Er sie sofort aus, um andern zu predigen. Wir könnten denken, dass solcher Unglaube und solche Herzenshärtigkeit ein Beweis wären, dass sie völlig untauglich seien für den Dienst, andern zu predigen. Aber gerade diese Bloßlegung ihrer Herzen in der Gegenwart des Herrn war eine Vorbereitung zum Dienst. Wenn wir etwas vom wahren Charakter unserer Herzen erfahren und unsere Nichtigkeit kennen lernen, dann kann Gott uns zum Segen für andere benützen.

Sie sollten in die ganze Welt gehen und das Evangelium der ganzen Schöpfung predigen. »Wer da glaubt und getauft wird, wird errettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.« Es wäre der Wahrheit entgegengesetzt, von dieser Stelle abzuleiten, dass die Taufe errettende Kraft vor Gott habe, denn die unerlässliche Wahrheit ist, dem Evangelium zu glauben. Daher heißt es nicht: »Wer aber nicht glaubt und nicht getauft wird, wird verdammt werden.« Der Unglaube ist die verhängnisvolle Sünde, die vor allem gefürchtet werden muss. Ob ein Mensch getauft ist oder nicht – wenn er nicht glaubt, muss er verdammt werden. Die Taufe ist bedeutungsvoll als öffentliches Zeichen vor den Menschen für den Glauben gegenüber Gott. Wenn jemand bekennt, zu glauben, und sich weigert, getauft zu werden, sucht er praktisch sein Glaubensbekenntnis zu verbergen, um mit der Welt in Verbindung bleiben zu können. Man mag sich wohl fragen, ob der Glaube eines solchen Menschen Wirklichkeit ist. Der wahre Gläubige wird seinen Glauben bekennen, indem er sich von der Welt trennt. Die Taufe ist das Zeichen des Todes, der unbedingten Trennung. Dadurch, dass er getauft wird, verlässt der Gläubige die Welt und kommt in die christliche Sphäre auf dieser Erde, in der sich das Volk Gottes aufhält.

Der Herr sagt seinen Jüngern, dass denen, die glauben, Zeichen folgen werden. Im Namen Christi würden sie Dämonen austreiben, in neuen Sprachen reden und Kranke heilen. Es ist bemerkenswert, dass der Herr nicht sagt, diese Zeichen würden allen, die glauben, folgen, oder sie würden für alle Zeiten fortdauern. Es ist gut, wenn wir unterscheiden zwischen den Gaben der Zeichen, auf die der Apostel Paulus in 1. Korinther 12,29.30 Bezug nimmt, und den Gaben zur Auferbauung und Vollendung der Heiligen, die wir in Epheser 4,11 finden. Die Gaben der Zeichen im Korintherbrief waren der Kirche am Anfang zu einem öffentlichen Zeugnis gegeben worden, um die Aufmerksamkeit einer ungläubigen Welt auf sich zu lenken. Die Gaben zur Auferbauung des Leibes kamen vom erhöhten Haupt. In Anbetracht der Tatsache, dass die Kirche in ihrer Verantwortlichkeit völlig versagt hat, lenkt der Herr die Aufmerksamkeit der Menschen nicht mehr durch äußere Zeichen und Wunder auf die ruinierte Kirche. Doch obwohl die Kirche ihrer äußeren Zierde beraubt ist, hört der Herr nicht auf, die Seinen zu lieben und seinen Leib zu nähren; darum bleiben die Gaben, die im Brief an die Epheser erwähnt werden, bis zum Ende.

Verse 19,20. Nachdem der Herr den Jüngern seinen Auftrag erteilt hatte, wurde Er in den Himmel aufgenommen und nahm seinen Platz zur Rechten Gottes ein. Sein Werk, das Er als der vollkommene Knecht auf Erden getan hatte, war beendet. Doch Er wirkte weiter mit seinen Jüngern und bestätigte das Wort, das sie predigten, durch darauf folgende Zeichen.

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