Der Brief an die Hebräer

Bibelkommentar

von H C Voorhoeve

Einleitung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Einleitung

Der Brief an die Hebräer nimmt unter den Briefen von Paulus eine besondere Stellung ein. Auch wenn der Brief den Namen des Schreibers nicht angibt, so vermutet die christliche Kirche mit Recht den Apostel Paulus als Schreiber dieses Briefes. Der Inhalt,  die besondere Schreibart, die Grüsse am Ende des Briefes, wie auch die Stellung, die er in der Reihe der Briefe einnimmt, beweisen diese Vermutung.

Die Reihenfolge der vierzehn Briefe des Paulus ist ein deutlicher Beweis der Eingebung und Leitung des Heiligen Geistes. Neun dieser Briefe sind an verschiedene Versammlungen gerichtet, vier an einzelne Personen und einer an die Gläubigen aus Israel. Von den ersten neun Schreiben bildet der Brief an die Epheser den Mittelpunkt. Vier Briefe gehen ihm voran und vier folgen nach. Das ist sehr beachtenswert, weil im Brief an die Epheser die höchste Stellung beschrieben wird, die der Gläubige durch Gottes Gnade einnimmt.

Nachdem Paulus im Brief an die Römer die Lehre des Heils dargestellt hat, behandelt er in den Briefen an die Korinther die Einrichtung, die Ordnung und die Zucht in der Versammlung. Im Brief an die Galater verteidigt er die Heilswahrheit gegenüber der falschen Lehre, die gesetzlich gesinnte, jüdische Lehrer in Galatien einzuführen versuchten, um dann im Brief an die Epheser die himmlische Stellung der Ekklesia, der Versammlung Gottes zu beschreiben. Darauf folgt im Brief an die Philipper die Darstellung des himmlischen Wandels des Christen; in dem Brief an die Kolosser die Beschreibung der Größe und Herrlichkeit des Christus, der als die Hoffnung der Herrlichkeit in den Gläubigen wohnt, damit sie, von allen menschlichen Satzungen und Lehren befreit, auf die Dinge sinnen, die droben sind, wo Christus ist. In den Briefen an die Thessalonicher wird die Lehre betreffs der Wiederkunft des Herrn für die Gemeinde und für die Welt dargestellt.

Nach den Briefen an Timotheus, Titus und Philemon folgt der Brief an die Hebräer, in welchem klar und deutlich gezeigt wird, wie durch das Christentum der Haushaltung des Gesetzes und der vorbildlichen Schatten ein Ende gemacht ist. Alle die Satzungen und Opfer des Alten Bundes finden ihre herrliche Erfüllung in Christus, der als der oberste Führer und Vollender des Glaubens in die Herrlichkeit eingegangen ist, um dort für alle die Seinen einen Platz zu bereiten und ihnen an Seiner Herrlichkeit Anteil zu geben. Der Brief des Jakobus wendet sich an die Gesamtheit des israelitischen Volkes. Das Schreiben des Petrus und das des Paulus hingegen an die Gläubigen aus Israel, die sich in den zerstreuten Versammlungen in Palästina und in der ganzen Welt befanden. Die große Gefahr, in der sich die christliche Kirche befand, ihre Vorrechte preiszugeben und zum Judentum zurückzukehren, veranlasste Paulus zu diesem Schreiben. Die Christen aus den Juden hatten von Anfang an unsäglich viel zu leiden. Sowohl in Palästina, als auch an anderen Orten, standen sie dem glühenden Hass der Juden gegen Jesus von Nazareth, ihrem Herrn und Erlöser, gegenüber, und von diesen aufgestachelt ergoss sich auch die Wut der heidnischen Völker über die gläubigen Hebräer.

Die Apostelgeschichte teilt uns solche Beispiele mit. Mit Mut und Freudigkeit des Glaubens hatten sie diese Verfolgungen und diese Leiden ertragen. Wiewohl sie durch Schmach und Drangsale der Welt ein Schauspiel geworden waren, blieben sie nicht nur standhaft, sondern sie machten sich eins mit denen, die gleich behandelt wurden. Den Raub ihrer Güter hatten sie mit Freuden ertragen, da ihr Blick auf ein besseres, bleibendes Gut im Himmel gerichtet war (Kap. 10). Doch die lange Dauer der Verfolgungen hatte sie mutlos gemacht. Ihre Hände waren schlaff und ihre Knie matt geworden. Sie liefen Gefahr, in ihren Seelen zu ermatten (Kap. 12).

Von diesem Zustand der Erschlaffung hatte der Teufel auf listige Weise Gebrauch gemacht. Er stellte ihnen vor, dass die Verfolgungen ein Ende nehmen würden, sobald sie etwas weniger streng an ihren Grundsätzen festhielten. Sie könnten ganz gut Christen bleiben, ohne sich von den anderen Juden zu trennen. Das Einhalten der jüdischen Satzungen, die doch von Gott selber gegeben waren, würde ihnen nicht schaden, im Gegenteil, sie vom Hass und Widerstand der Juden erlösen, so dass sie fortan ruhig im Besitz ihrer Freiheit und ihrer Güter bleiben könnten. Diesen Versuchungen Satans liehen sie ihr Ohr, ohne die große Gefahr zu sehen. Wenn sie diesen Rat befolgten, würden sie das Christentum preisgeben, die christliche Lehre verwerfen, das Blut des Christus unrein achten und den Geist der Gnade schmähen. Das aber bedeutete nichts anderes, als das einzige Opfer für die Sünde zu verwerfen, so dass kein Opfer mehr für ihre Sünden übrig blieb und ihrer also nichts anderes warten würde als das furchtbare Gericht Gottes und die Glut des Feuers, das die Widersacher verschlingen wird.

Paulus, der die Listen Satans und die Schwachheit des Fleisches kannte, sah durch das Licht des Geistes die furchtbaren Folgen des Abweichens von der Wahrheit. Er fühlte sich gedrängt, sie zu warnen und zu bitten, ihre Freimütigkeit doch nicht wegzuwerfen, sondern viel eher die matten Knie wieder aufzurichten und gerade Bahn für ihre Füße zu machen, damit nicht das Lahme vom Wege abgewandt, sondern vielmehr geheilt werde.

Die Art, in der er das tut, ist ein neuer Beweis für die Eingebung und Leitung des Heiligen Geistes. Gleichwie der Apostel im Brief an die Kolosser gegenüber der jüdischen und heidnischen Philosophie die Schönheit und Größe des Christus, des Herrn und des Hauptes der Herrlichkeit, vor ihre Augen stellt, so zeigt er auch hier die Vortrefflichkeit und Herrlichkeit des Christus gegenüber den vielen Opfern des mosaischen Gottesdienstes. Das jüdische Priestertum nahm ein Ende, das Priestertum nach der Ordnung Melchisedeks bleibt in Ewigkeit. Irdische Vorrechte mussten vor den himmlischen Segnungen weichen.

Fügen wir hier eine kurze Übersicht über den Inhalt dieses wichtigen Briefes an. Die göttliche Herrlichkeit des Christus ist die Grundlage Seines Apostelamtes; Seine leidende, aber hernach verherrlichte Menschheit, die Seines Hohenpriestertums. Dies ist das Fundament der Lehre, die in diesem Brief entwickelt wird. In Kapitel 1 wird die göttliche Herrlichkeit und in Kapitel 2 die verherrlichte Menschheit des Christus dargestellt, der jedoch, bevor Er verherrlicht wurde, all das Leid und all die Versuchungen auf sich nahm, denen die unterworfen waren, für die Er kam, um sie zu erlösen. Also ist Er Apostel und Hohepriester Seines Volkes. An diese zwiefache Herrlichkeit schließt sich eine dritte an. Der Messias ist als Sohn das Haupt über Sein Haus. Dieses Haus bilden die Gläubigen, an die der Schreiber sich richtet, sofern sie die Freimütigkeit und den Ruhm der Hoffnung bis zum Ende standhaft festhalten. Diese Erwägung leitet über zu den Ermahnungen in Kapitel 3,7 - 4,13, wodurch sie angespornt werden, auf die Stimme des Herrn Acht zu geben und sich nicht zu verhärten, damit sie zu der Ruhe eingehen würden, die für das Volk Gottes übrig bleibt. Von Kapitel 4,14 - 10,18 behandelt Paulus das Hohepriestertum, als notwendige Folge der Veränderung des Priestertums und des Bundes. Er beschreibt den Wert und die Allgenugsamkeit des Opfers Jesu im Gegensatz zu den Schatten des Alten Bundes. Die auf diese Lehre gegründeten Ermahnungen führen zum großen Grundsatz des Ausharrens des Glaubens, der uns in Kapitel 11 in der Wolke von Zeugen aus dem Alten Bund dargestellt wird. Diese Reihe von Glaubenshelden wird durch das Vorbild von Jesus selber gekrönt, der trotz aller Hindernisse die Laufbahn des Glaubens vollendet hat und uns sehen lässt, wohin dieser mühevolle, aber herrliche Weg führt. Von Kapitel 12,3 an spricht Paulus ausführlich über die Prüfungen, die uns auf dem Weg des Glaubens begegnen, und knüpft daran ernste Warnungen und köstliche Tröstungen für die, welche auf dem Weg des Glaubens wandeln, und die durch Gottes Gnade in so viele herrliche Beziehungen, aber auch Verpflichtungen gestellt sind. Im 13. Kapitel richtet Paulus verschiedene Ermahnungen an die Gläubigen betreffs einiger besonderer Punkte und dringt zum Schluss mit allem Ernst bei ihnen darauf, dass sie mit Entschiedenheit den christlichen Standpunkt unter dem Kreuz einnehmen sollten, da die Christen ausschließlich den wahren Gottesdienst besitzen, an dem alle, die im Judentum bleiben wollen, kein Recht hatten, teilzunehmen. Mit einem Worte, der Heilige Geist will, dass die Gläubigen sich gänzlich und für immer vom Judentum trennen sollten, das bereits verurteilt und dem Verschwinden nahe war, und dass sie mit Freuden die himmlische Berufung ergreifen sollten, die vor ihre Augen gestellt war.

KAPITEL 1

Zum Unterschied von allen anderen Briefen gibt dieser Brief weder den Namen, noch irgend etwas über die Person des Schreibers an. Dies ist höchst beachtenswert und liefert uns einen treffenden Beweis für die Wahrheit, dass nicht ein Mensch, der von seinen eigenen Gedanken geleitet wird, sondern der Heilige Geist, der in die ganze Wahrheit führt, der eigentliche Schreiber dieses Briefes ist. Da Jesus Christus selber in diesem Brief als Apostel dargestellt wird, wäre es ganz unpassend gewesen, wenn Paulus, wie in den meisten seiner Briefe, sich als Apostel vorgestellt hätte. Da er im besonderen berufen war, unter den Nationen zu arbeiten, hatten ihn die Juden ihren Hass besonders fühlen lassen; daher ist es verständlich, dass sein Name, der leicht Anlass zum Ärgernis geben konnte, nicht genannt wird. Sein Schreiben war aber so, dass jeder Leser es spüren konnte, dass hier kein Mann in Überhebung und Feindschaft geschrieben hatte, sondern einer von ihnen, der sich in ihren Zustand versetzen und ihre Versuchungen verstehen konnte.

Wunderbar und erhaben ist der Anfang dieses Briefes. Die Herrlichkeit des Christus, der als Sohn Gottes über die Engel erhoben und als Mensch ein wenig geringer als die Engel geworden, durch Seinen Gehorsam einen vorzüglicheren Namen als sie erhalten hat, wird vor unseren Augen dargestellt. Wer ist mit Ihm zu vergleichen? Mose und Aaron, die Männer des Alten Bundes, können Ihm nicht das Wasser reichen. In Ihm war Gott selber auf Erden erschienen und hatte nicht durch Seine Knechte, sondern mit eigener Stimme die Gedanken Seines Herzens geoffenbart.

"Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten, hat Er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohne" (Vers 1). 

Um die Kraft und die Bedeutung dieser Worte recht zu verstehen, müssen wir beachten, dass im Urtext nicht steht "durch den Sohn" sondern "im Sohne". Im Griechischen ist der Unterschied zwischen "geredet in den Propheten" und "geredet im Sohn" von großer Bedeutung. Die Propheten waren Gottes Werkzeuge; Gott sprach durch die Propheten, indem Er sie als Seinen Mund gebrauchte; doch der Sohn war kein Werkzeug, sondern Gott selber. Gott "redet im Sohn", will sagen: Gott redet "als Sohn". Gott selber spricht, nicht durch das Mittel eines anderen, wie bei den Propheten, sondern Er redet selber, als göttliche Person, und diese Person ist der Sohn. Das Wort, das bei Gott und Gott war und durch welches alle Dinge geschaffen sind, ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.

Das ist das Ende der Wege Gottes mit dem Menschen. Vielfältig und auf vielerlei Weise, jedes Mal Seinen Erlösungsplan deutlicher entfaltend, hat Gott "vor alters" in der alten Haushaltung "zu den Vätern" geredet durch die Propheten, doch jetzt, am Ende der Tage der Propheten, also am Ende der alten Haushaltung, ist Gott selber zu uns gekommen, in der Person des Sohnes und hat zu uns geredet. Nach den Knechten kam der Sohn, Gott selbst. Eine höhere Offenbarung war nicht möglich. Ein Prophet folgte dem anderen, nach Mose David, und nach David Jesaja. Da nun der Sohn selber gekommen ist, kann kein anderer mehr folgen. In Ihm hat sich Gott vollkommen geoffenbart. Wenn jemand bei den Propheten stehen bleibt, oder zu den Propheten zurückkehrt, so verlässt er den Herrn und Meister. Der Größte der Propheten, Johannes der Täufer, sagte: "Er muss wachsen, ich aber abnehmen"; und auf dem Berg der Verklärung, wo Petrus den Herrn Jesus mit Mose und Elias gleichstellen wollte, verschwanden diese und eine Stimme kam aus der Wolke und sagte: "Dieser ist Mein geliebter Sohn, Ihn höret."

Die alttestamentliche Haushaltung ist also vergangen, nicht, weil sie nichts taugte, o nein, sondern weil etwas Besseres und Herrlicheres gekommen ist. Die alte Haushaltung war die Vorbereitung und in mancher Hinsicht der Schatten der Erfüllung. Gott sprach in dieser Haushaltung durch die Propheten. Und jedem, der Sein Wort hörte und glaubte, wurde sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet. Jetzt war der Sohn selber auf Erden erschienen und ließ uns die Worte hören, und die Dinge sehen, die Er beim Vater vernommen und gesehen hatte. Doch lasst uns beachten, der Sohn war nicht mehr ein Knecht, welcher die Worte aussprach, die sein Herr ihm auftrug, sondern Gott selbst. Seine Gedanken, die Er mitteilte und Sein Wille, den Er offenbarte, waren göttlich. Er war der Sohn, aber er konnte sagen: "Ich und der Vater sind eins."

Er, der von Ewigkeit her im Himmel war, kam zu uns auf die Erde. Wunderbare Gnade! Wohl mochte Paulus ausrufen: "Das Geheimnis der Gottseligkeit ist groß: Gott geoffenbart im Fleisch."

"Gott hat zu uns geredet im Sohn", sagt der Schreiber dieses Briefes. Und wer ist dieser Sohn? Er ist Der, "den Er gesetzt hat zum Erben alter Dinge". Es ist Gottes Ratschluss, dass Christus als Sohn alles, was besteht, in Herrlichkeit besitzen soll. Im Brief an die Epheser wird gesagt, dass Gott sich vorgenommen hat, alles, was im Himmel und auf Erden ist, unter einem Haupt zusammenzubringen in Christus. Das Königreich der Welt ist unseres Herrn und Seines Christus, und Er wird herrschen in alle Ewigkeit.

Weiter heißt es, dass Er der Schöpfer ist: "Durch den Er auch die Welten gemacht hat" (Vers 2). Alle die unbekannten Welten, die sich in dem unermesslichen Raum fortbewegen, offenbaren die Herrlichkeit des Schöpfers, das Werk Dessen, der zu uns geredet hat. Johannes sagt in seinem Evangelium, dass durch das Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat, alle Dinge geworden sind; und in seinem Brief an die Kolosser bezeugt Paulus, dass durch Ihn alle Dinge geschaffen sind, die in den Himmeln und auf der Erde sind, die sichtbaren und die unsichtbaren.

Er ist der Abglanz von Gottes Herrlichkeit und der Abdruck Seines Wesens, eine wirklich göttliche Person, in Wesen und Natur eins mit dem Vater. Von niemand anderem kann dies gesagt werden. Darum sehen wir in Ihm Gott; in allem, was Er sagt und tut. Die Herrlichkeit Gottes wird in Ihm geschaut; Gottes Wesen kommt in Ihm zum Ausdruck, so dass Er sagen konnte: "Wer Mich sieht, sieht den Vater." Johannes sagt: Das ewige Leben, das beim Vater war, ist uns geoffenbart. Und Paulus sagt: Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene, das Haupt der ganzen Schöpfung. Demzufolge trägt Er auch alle Dinge durch das Wort Seiner Macht. Er ist nicht nur der Schöpfer, sondern auch der Erhalter des ganzen Weltalls. Er hat alle Dinge geschaffen, und alle Dinge bestehen auch durch Ihn.

So groß und gewaltig ist die Person, in Der Gott zu uns geredet und sich geoffenbart hat. Durch Sein Wort erhält und trägt Er alle Dinge. Wunderbare Offenbarung! Aber noch herrlicher ist das, was folgt. Lesen wir das Ganze: "Welche, der Abglanz Seiner Herrlichkeit und der Abdruck Seines Wesens seiend und alle Dinge durch das Wort Seiner Macht tragend, nachdem Er durch sich selbst die Reinigung der Sünden bewirkt und sich gesetzt hat zur Rechten der Majestät in der Höhe" (Vers 3). Der Schöpfer ist Mensch, und dieser ist unser Erlöser geworden. Er hat durch sich selbst die Reinigung von den Sünden bewirkt und sich darnach zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt. Das ist eben so sehr Seine Herrlichkeit; eine göttliche Herrlichkeit, aber geoffenbart in der menschlichen Natur. Wer anders als eine göttliche Person, wer anders als der Sohn, wäre imstande gewesen, durch Seine eigene Macht, so Seine Herrlichkeit zu offenbaren? Zu Seiner eigenen Herrlichkeit hat Er die Reinigung der Sünden bewirkt, um sich dann, kraft Seiner Herrlichkeit und Seiner erworbenen Rechte zur Rechten der Majestät in der Höhe zu setzen. Das Werk, das Christus vollbracht hat, die Hingabe Seiner selbst bis in den Tod, um die Reinigung von den Sünden zustande zu bringen, wird hier nicht in seiner Notwendigkeit für uns betrachtet, sondern als die Offenbarung Seiner Herrlichkeit als Sohn. Darum wird nicht gesagt, dass Gott Ihn in die Herrlichkeit erhoben und Ihm einen Platz zu Seiner Rechten gegeben hat, wie wir anderswo lesen, sondern dass Er selber in Macht und Autorität diesen Platz eingenommen hat.

Die Darstellung solch persönlicher und amtlicher Herrlichkeit des Messias musste notwendig jeden, der an diese Herrlichkeit glaubte, dazu bringen, das Judentum zu verlassen und preiszugeben. Der Messias ist Gott; Er ist vom Himmel gekommen und, nachdem Er die Reinigung von den Sünden ermöglicht hat, ist Er in den Himmel zurückgekehrt. Mit Ihm sind wir, die glauben, vereinigt. Fremdlinge und ohne Bürgerrecht auf Erden, haben wir eine himmlische Berufung. Solange wir auf dieser Erde wandeln, werden wir durch Ihn, der im Himmel verherrlicht ist, inmitten aller Mühseligkeiten der Reise unterstützt und durch Sein vollkommenes Mitgefühl als Mensch wird unsere Gemeinschaft mit dem Himmel unterhalten. Bald werden wir dorthin kommen, wo Er jetzt schon ist; Er ist vorausgegangen, wir werden Ihm folgen.

Indem der Apostel mit der Beschreibung der Herrlichkeit des Messias fortwährt, sagt er, dass Christus "um so viel besser geworden ist als die Engel, als Er einen vorzüglicheren Namen vor ihnen ererbt hat" (Vers 4). Dadurch werden alle, die mit Ihm verbunden sind, in eine Stellung gebracht, die weit über das jüdische System erhaben ist. Dieses System war verordnet durch Engel in der Hand eines Mittlers. Aber der Mensch Christus Jesus nimmt einen erhabeneren Platz ein als die Engel; Er hat einen vorzüglicheren Namen ererbt als sie. Und Sein Name ist die Offenbarung dessen, was Er ist. Paulus führt hierauf verschiedene Stellen aus dem Alten Testament an, welche die Natur und die Stellung des Messias im Gegensatz zu derjenigen der Engel deutlich ins Licht stellen und zeigen, dass Christus ein viel vorzüglicherer und erhabenerer Platz zukommt als den Engeln, nach den Rechten, die Ihm kraft Seiner Natur und nach den Ratschlüssen Gottes zustehen. Folglich sind alle, die mit Ihm verbunden sind, in Verbindung gebracht mit einer Herrlichkeit, welche die des Gesetzes völlig verdunkelte. Die Herrlichkeit der jüdischen Haushaltung war, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine "Engel"-Herrlichkeit; diejenige des Christentums dagegen war die Herrlichkeit des Sohnes, so dass an eine Verbindung dieser beiden nicht zu denken ist.

Die Zitate aus dem Alten Testament beginnen mit einem Wort aus dem zweiten Psalm: "Denn zu welchem der Engel hat Er je gesagt: ,Du bist Mein Sohn, heute habe Ich Dich gezeugt?'" (Vers 7). Wie wohl, im allgemeinen Sinn, von Adam und von allen Menschen als von Gottes Geschlecht gesprochen wird, da Gott den Odem des Lebens in Adams Nase blies und wiewohl die Engel als Geschöpfe Gottes sogar Gottes Kinder genannt werden, so hat doch Gott nie weder zu einem Engel noch zu einem Menschen gesagt. "Du bist Mein Sohn, heute habe Ich Dich gezeugt." Dies sagte Er allein von Christus auf Erden, von Ihm, in dem Er zu uns geredet hat, und der die Reinigung von den Sünden zustande gebracht hat durch sich selbst. Denn obschon es nur möglich war, so von Ihm zu reden, weil Er der Sohn des Vaters von Ewigkeit her ist, so wird hier doch nicht über Seine ewige Sohnschaft gesprochen, sondern über Seine Menschwerdung. Zu Ihm, als dem ewigen Sohn des Vaters, konnte nicht gesagt werden: "Du bist Mein Sohn, heute habe Ich Dich gezeugt"; denn in der Ewigkeit gibt es kein heute, das gibt es nur in der Zeit. Niemand wird es bezweifeln, dass der Sohn Gottes in Seinem ewigen Wesen mehr ist als die Engel. Aber dass Er, der ein Kindlein auf der Erde war, geboren von der Jungfrau, über alle Engel im Himmel erhaben ist, das musste die Verwunderung der Juden erwecken und erregte die Bewunderung der Engel und der Seligen.

Das zweite Zitat beweist das noch näher: "Ich will Ihm zum Vater, und Er soll Mir zum Sohne sein" (Vers 5). Es ist deutlich genug, dass hier keine Rede ist von Seiner ewigen Beziehung zum Vater, sondern von der Beziehung, in der Er als Mensch zu Gott steht, in der Gott Ihn annimmt und bekennt: "Ich will Ihm zum Vater, und Er soll Mir zum Sohne sein." Wie im 2. Psalm werden diese Worte an den Messias gerichtet, den König zu Zion, den Sohn Davids, vor dem alle Könige der Erde sich beugen werden. Ursprünglich an Salomo gerichtet, werden sie hier durch den Heiligen Geist auf den Messias angewendet, den wahren Sohn Davids, wie es auch in 1. Chronika 17, 13 die Bedeutung zu haben scheint.

Der Messias, der Sohn Gottes, steht durch Seine hohe Stellung in einem besonderen Verhältnis zu Gott; eine Stellung, welche die Engel nicht einnehmen können. In Anlehnung an Psalm 97, 7 schreibt der Apostel weiter: "Und wiederum, wenn Er den Erstgeborenen in den Erdkreis einführt, spricht Er: "Und alle Engel Gottes sollen Ihn anbeten" (Vers 6). Gott stellt den Messias der Welt vor, und alle Engel müssen Ihn anbeten. Die erhabensten von Gottes Geschöpfen, die Seinen Thron umringen, müssen sich vor dem Erstgebornen beugen und Ihm ihre Huldigung und Anbetung darbringen. Wie schön wird uns das in den Evangelien dargestellt. Gottes Engel stiegen herab auf die Fluren von Bethlehem, um das Lob des geborenen Königs der Juden zu verkündigen, und um die Hirten zum Stall und zur Krippe zu leiten, damit sie das Kindlein, in Windeln gewickelt, anbeten sollten. Gottes Engel kamen auf die Erde, um dem Sohne des Menschen zu dienen und Ihn zu stärken. Nach Jesu eigenem Wort zu Nathanael sollte er "den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen" (Joh. 1, 51).

Der Ausdruck "Erstgeborner" ist höchst merkwürdig. Wir haben dabei nicht an Zeit sondern an Rang zu denke. Aus Psalm 89, 27 heißt es von Salomo und als Weissagung von Davids großem Sohn, unserem Herrn Jesus Christus: "So will auch Ich Ihn zum Erstgebornen machen, zum Höchsten der Könige der Erde." In Kolosser 1, 15 sagt Paulus, dass der Sohn von Gottes Liebe der Erstgeborne der ganzen Schöpfung ist, weil durch Ihn alle Dinge erschaffen sind. Weiter wird unser Herr genannt "der Erstgeborne aus den Toten", weil Er sowohl unter den Brüdern als auch im ganzen Weltall den ersten Platz einnimmt. Nun sandte Gott - so lehrt uns Paulus hier - den Erstgebornen, welcher der vollkommene Ausdruck von Gottes Rechten und Herrlichkeit ist, in diese Welt. Er kam zwar nicht nur als Davids Sohn, als Haupt Seines Volkes auf diese Erde, auch nicht nur als Sohn Gottes, wie man Ihn nach Psalm 2 erkennt, sondern als der Erstgeborne, als das Haupt des ganzen Weltalls, so dass die heiligen Engel, die Werkzeuge von Gottes Macht und Gewalt, den Sohn in dieser Seiner Würde anbeten müssen.

Aber diese Anbetung wäre ganz unpassend, ja, unerlaubt, wenn die Herrlichkeit, die Christus besitzt, Ihm nicht persönlich eigen wäre und eine notwendige Folge Seiner göttlichen Natur. Darum wird durch die folgenden Anführungen aus den Psalmen gezeigt, dass Gott den Messias als Gott anerkennt, und das nicht nur im gewöhnlichen Sinn, gleichwie die Richter und Obrigkeiten in Israel als Gottes Vertreter auf Erden, Götter genannt werden, sondern in dem ganz besonderen Sinn des Wortes, als Jehova des Alten Bundes, der Ewigbleibende und Unveränderliche.

Der Gegensatz ist treffend. "Und in Bezug auf die Engel zwar spricht Er: "Der Seine Engel zu Winden macht und Seine Diener zu einer Feuerflamme in Bezug auf den Sohn aber: "Dein Thron, o Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit und ein Zepter der Aufrichtigkeit ist das Zepter Deines Reiches, Du hast Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit gehasst, darum hat Gott Dein Gott Dich gesalbt mit Freudenöl über Deine Genossen" (Verse 7-9). Die Engel macht Gott zu Winden und Seine Diener zu einer Feuerflamme; doch den Sohn macht Er nicht zu etwas, sondern erkennt Ihn in Seiner eigenen, göttlichen Würde an. Denn in der Gestalt Gottes hat Er es nicht für einen Raub geachtet, Gott gleich zu sein. Er sagte selbst: "Ich und der Vater sind eins."

"Dein Thron, o Gott, ist von Ewigkeit zu Ewigkeit und ein Zepter der Aufrichtigkeit ist das Zepter Deines Reiches." Der Messias hat einen irdischen Thron und ein Königreich auf Erden. Dieses Königreich wird ebenso durch Ihn in die Hände des Vaters übergeben, wie Er es aus den Händen des Vaters empfangen hat [1], und hört also auf zu bestehen (siehe 1. Kor. 15, 24-28), um dem ewigen Königreich des Sohnes Platz zu machen, von dem hier die Rede ist. "Dein Thron, o Gott, ist von Ewigkeit zu Ewigkeit." Herrliches Zeugnis für die Gottheit des Christus!

Beachten wir, wie wunderbar die Verbindung ist. Er, der als Gott einen Thron hat von Ewigkeit zu Ewigkeit, ist Mensch geworden. Auf Erden wandelnd, hat Er Gerechtigkeit geliebt und Ungerechtigkeit gehasst, und ist darum von Gott mit Freudenöl gesalbt worden für Seine Genossen. Als Gott konnte Er keine Genossen haben, aber als Mensch sind nach Gottes erwählender Gnade der kleine Überrest in Israel - und, wie wir später sehen werden: alle, die glauben - Seine Genossen geworden. Über diese ist Er aber überall und zu allen Zeiten hoch erhaben, so dass Er einen ganz besonderen Platz einnimmt. Wunderbare Gnade Gottes! Er, der als der erniedrigte Mensch, gegen den der Herr Sein Schwert zog, um Ihn zu treffen, von Jehova als Sein Genosse anerkannt wird (siehe Sach. 13), hat hier, wo Seine Gottheit betont wird, in den Gläubigen Seine Genossen.

Doch der Messias ist nicht nur Gott, auch andere werden auf Erden Götter genannt, sondern Er ist Jehova, selber, der ewig treue Bundesgott. Im unvergleichlich schönen Psalm 102 wird dies von Jehova selber gesagt. Dieser Psalm enthält den stärksten Ausdruck für das, was Jesus in Seiner Erniedrigung und in Seinem Elend auf dieser Erde empfand und zeigt uns zugleich Seine tiefe Abhängigkeit von Gott, während Seine Feinde Ihn den ganzen Tag schmähten. Inmitten dieses Elends ist Sein Auge voll Vertrauen auf Jehovas unwandelbare Güte gerichtet, die sich einmal über Zion erbarmen und Seines Volkes in Gnaden gedenken wird, wenn Er als ihr König in ihrer Mitte mit Macht und großer Herrlichkeit erscheinen wird. Der Messias ist jedoch in der Hälfte Seiner Tage hinweggenommen worden; Jehova hat Seine Kraft gebeugt auf dem Wege und Seine Tage verkürzt. Wie kann Er denn in Herrlichkeit erscheinen und den Segen herabkommen lassen? Unlösbares Rätsel für den Israeliten! Die Worte, die Paulus hier anführt, sind die Antwort auf diese brennende Frage. Der Messias, wie erniedrigt Er auch war; dessen Leben abgeschnitten und dessen Stätte auf Erden nicht mehr gefunden wurde, war Jehova selber, der Schöpfer Himmels und der Erde, der Unveränderliche, der Ewige, mit einem Wort, der "Ich bin, der Ich bin". "Du Herr, hast im Anfang die Erde gegründet, und die Himmel sind Werke Deiner Hände, sie werden untergehen, Du aber bleibst, und sie alte werden veralten wie ein Kleid, und wie ein Gewand wirst Du sie zusammenwickeln, und sie werden verwandelt werden. Du aber bist derselbe, und deine Jahre werden nicht vergehen" (Verse 10-12).

Derart ist also das Zeugnis des Messias, gegeben durch die eigenen Schriften der Juden. Er ist Gottes Sohn; in dieser Zeit und dieser Welt von Gott selber gezeugt. Er steht in einer ganz besonderen Beziehung zu Gott, dem Vater. Salomo ist nur Vorbild; der Zimmermannssohn ist der Christus. Von den Engeln wird Er angebetet, von Gott als Gott und von Jehova als Jehova anerkannt. Es fehlte nur noch ein Glied in der wundervollen Kette dieser Herrlichkeiten. Ein Glied, das die göttliche Herrlichkeit des Christus mit dem Platz verbindet, den Er jetzt einnimmt. Christus sitzt zur Rechten Gottes. Gott selber hat Ihm diesen Platz angewiesen. "Zu welchem der Engel aber hat Er je gesagt: "Setze Dich zu Meiner Rechten, bis Ich Deine Feine lege zum Schemel Deiner Füße?" (Vers 13). In Vers 3 wird gesagt, dass der Sohn kraft Seiner Herrlichkeit und Seiner erworbenen Rechte sich gesetzt hat zur Rechten der Majestät in der Höhe; doch hier wegen der göttlichen Herrlichkeit Seiner Person, andrerseits wegen des Werkes, das Er vollbracht hat; wie es später ausführlich bewiesen werden soll.

"Setze Dich zu Meiner Rechten" - so hat Gott zu Ihm gesagt - bis ich Deine Feinde lege zum Schemel Deiner Füße." Dass der Messias jetzt zur Rechten Gottes sitzt, ist der deutlichste Beweis dafür, dass Er von Seinem Volk verworfen ist und dass alle, die Gott fürchten und Ihm dienen wollen, diesem von den Menschen verworfenen, aber von Gott zu Seiner Rechten erhobenen Christus anhangen und folgen müssen. Sie nehmen den gleichen Platz der Schmach und der Verachtung ein, aber den Blick auf das himmlische Vaterland gerichtet, das ihre Hoffnung ist. Er wird solange zur Rechten Gottes sitzen, bis die Stunde der Rache gekommen sein wird, da alle Feinde des Messias von Gott zum Schemel Seiner Füße gelegt sein werden und dann Sein Königreich, ihre Herrlichkeit auf Erden, beginnen wird.

Zu welchem der Engel hat Gott je gesagt: "Setze Dich zu Meiner Rechten?" Zu keinem von ihnen. Ebenso wenig dass Er je zu einem von ihnen gesagt hat: "Du bist Mein Sohn." "Sind sie nicht alle dienstbare Geister ausgesandt zum Dienst um derer willen, welche die Seligkeit ererben sollen?" fragt der Apostel. Gleichwie der Sohn einen Platz der Ehre und Herrlichkeit zur Rechten Gottes einnimmt, sind sie dienende Geister, von Gott ausgesandt, nicht nur, um Seine Pläne auf Erden auszuführen, sondern zum Dienst derer, welche die Seligkeit ererben sollen - der Genossen des Messias. Wunderbare Gnade! Wie die Engel ausgesandt wurden, um dem Sohne Gottes zu dienen und Ihn zu stärken, so werden sie jetzt ausgesandt zum Dienst derer, deren Er sich nicht schämt, sie Seine Brüder zu nennen.

KAPITEL 2

Die ersten vier Verse des zweiten Kapitels schließen unmittelbar an das an, was im ersten Kapitel entwickelt wurde. Sie enthalten die ernste Ermahnung, ja nicht von dem Wort abzuweichen, das die gläubigen Israeliten - und zu diesen rechnet sich Paulus - von Gott durch den Sohn vernommen hatten.

"Deswegen sollen wir umso mehr auf das achten, was wir gehört haben, damit wir nicht etwa abgleiten" (Vers 1). Diese Gefahr war die eigentliche Veranlassung zu diesem Brief. Gott war selber zu ihnen gekommen im Sohn. Dessen Worte waren Gottes eigene Worte. Wenn sie nun ihren Blick auf die Herrlichkeit des Messias richteten, würden sie sicher auf Ihn hören und sich nicht von der Wahrheit abwenden. Zugleich würden sie verstehen, dass die Verwerfung des Sohnes eine noch schwerere Strafe zur Folge haben musste, als der Ungehorsam gegenüber dem Gesetz, das durch die Vermittlung der Engel zu ihnen gekommen war.

"Denn, wenn das durch die Engel geredete Wort fest war und jede Übertretung und jeder Ungehorsam gerechte Vergeltung empfing, wie werden wir entfliehen, wenn wir eine so große Errettung vernachlässigen?" (Verse 2-3). Es ist rührend, wie sich Paulus hier ganz den gläubigen Israeliten gleichstellt, seinen Platz unter ihnen einnimmt und als ihresgleichen mit ihnen redet. Er war der Apostel der Nationen, hatte als solcher eine besondere Berufung und war dazu sowohl vom Volk als auch von den Nationen abgesondert worden (Apg. 26, 17). Der Herr hatte ihm besondere Offenbarungen gegeben; das Geheimnis von dem einen Leibe war ihm anvertraut worden. In diesem Brief stellt er sich, unter der Leitung des Heiligen Geistes, in die Mitte der gläubigen Israeliten und geht in seinen Ausführungen über die Wahrheit der Errettung nicht hinaus, welche, nachdem sie den Anfang der Verkündigung durch den Herrn empfangen hat, uns von denen bestätigt worden ist, die es gehört haben, indem Gott außerdem "mitzeugte, sowohl durch Zeichen als durch Wunder und mancherlei Wunderwerke und Austeilungen des Heiligen Geistes nach Seinem Willen" (Verse 3-4).

Nach dieser ernsten Ermahnung spricht Paulus über einen anderen sehr wichtigen Teil der Herrlichkeit des Christus. Er ist nicht nur der Sohn Gottes, sondern auch der Sohn des Menschen. Beide Eigenschaften sind unbedingt erforderlich, sowohl für die Herrlichkeit Gottes als auch für unsere Erlösung. Wenn Christus in Seiner Gottheit oder in Seiner Menschheit angetastet wird, so ist Gottes Herrlichkeit verdunkelt und unsere Erlösung wäre unmöglich. Nur eine göttliche Person - Gott selber - war imstande, entsprechend der Herrlichkeit Gottes diesen Platz einzunehmen, und das Werk zu vollbringen, das Ihm aufgetragen war. Aber diese göttliche Person musste wahrhaftig Mensch werden, wenn sie imstande sein sollte, nach Gottes Gerechtigkeit und Liebe eine Sühnung und Erlösung für sündige Menschen zu erwirken. Daher hat die Verneinung der wahrhaftigen Menschheit des Menschen Jesus ebenso verhängnisvolle Folgen wie die Verleugnung Seiner Gottheit. Diese wichtige Wahrheit wird den Hebräern durch den inspirierten Schreiber deutlich vor Augen geführt. Jesus war als Mensch ebenso wahrhaftig Gott, wie Er als Gott wahrhaftig Mensch war, und in beidem über die Engel erhaben.

Das Gesetz war durch die Engel in die Hände des Mittlers gelegt; die Engel sind für die Erben des Heils Gottes dienende Geister, sie regieren jedoch nicht; denn nicht Engeln hat Er unterworfen "den zukünftigen Erdkreis, von welchem wir reden" (Vers 5). Wenn die Gemeinde in den Himmel aufgenommen ist, wird ganz Israel errettet werden und Gott wird eine neue Ordnung der Dinge auf dieser Erde aufrichten: der zukünftige, durch die Propheten verheißene Erdkreis wird dann seinen Anfang nehmen. Dieser ist nicht Engeln unterworfen, sondern dem Menschen, und im besonderen dem Sohn des Menschen. Denn, Paulus sagt: "Es hat irgendwo jemand bezeugt und gesagt: ,Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst, oder des Menschen Sohn, dass Du auf Ihn siehst. Du hast Ihn ein wenig unter die Engel erniedrigt, mit Ehre und Herrlichkeit hast Du Ihn gekrönt und Ihn gesetzt über die Werke Deiner Hände; Du hast alles Seinen Füssen unterworfen'" (Verse 6-8).

Diese Worte werden aus dem 8. Psalm angeführt, der uns den Platz und die Herrschaft des Christus in einem weiteren Sinn, als es im 2. Psalm geschieht, darstellt. In Psalm 1 finden wir den Gerechten von Gott angenommen und glückselig gepriesen. In Psalm 2 werden die Ratschlüsse Gottes hinsichtlich Seines Messias entfaltet, zum Leidwesen der Könige und Richter der Erde. Gott salbt Seinen König auf Zion, dem Berg Seiner Heiligkeit, und ruft alle Könige auf, sich vor Dem zu beugen und Ihm zu huldigen, Den Er als Seinen Sohn auf die Erde gesandt hat und anerkennt. In den folgenden Psalmen wird die Verwerfung des Messias geschildert. Der treue Überrest Israels leidet und die Könige der Erde sind im Aufruhr. Im 8. Psalm wird dann gezeigt, dass diese Verwerfung des Messias nur dazu gedient hat, Seine Herrlichkeit größer zu machen. Christus nimmt Seinen Platz als Mensch ein, empfängt den Titel als Sohn des Menschen und genießt seine Rechte und Würden nach den Ratschlüssen Gottes. Ein wenig niedriger gemacht als die Engel, wird Er gekrönt mit Herrlichkeit und Ehre. Es werden nicht nur alle Könige der Erde sondern alle Dinge ohne Ausnahme Seinen Füssen unterworfen sein. Darauf richtet Paulus im besonderen unsere Aufmerksamkeit. Er fügt dem Zitat aus Psalm 8 hinzu: "Denn indem Er Ihm alles unterworfen, hat Er nichts gelassen, das Ihm nicht unterworfen wäre" (Vers 8).

Dennoch sind nicht alle Dinge, die in diesem Psalm angeführt werden, schon in Erfüllung gegangen. "Jetzt aber sehen wir Ihm noch nicht alles unterworfen", sagt Paulus. Christus war verworfen worden und die Aufrichtung Seines Königreichs wurde demzufolge auf später verschoben. Aber ein Teil dieses Psalms war bereits erfüllt und ist für den Gläubigen eine Bürgschaft für die ganze Erfüllung dieser Weissagung: Der Sohn des Menschen, der nur ein wenig unter die Engel erniedrigt wurde, ist von Gott mit Herrlichkeit gekrönt zu Seiner Rechten im Himmel. Im Glauben sehen wir Ihn dort, also nicht auf Erden als König in Herrlichkeit; nicht in Jerusalem auf Davids Thron, wo Er später erscheinen wird, sondern als von Gott in den Himmel aufgenommen. Da Israel und die Welt Ihn verworfen haben, sehen wir Ihn im Glauben, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, sitzend zur Rechten Gottes.

"Jetzt aber sehen wir Ihm noch nicht alles unterworfen, wir sehen aber Jesus, der ein wenig unter die Engel wegen des Leidens des Todes erniedrigt war, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt - so dass Er durch Gottes Gnade für alles den Tod schmeckte" (Vers 9). Es scheint, dass die Worte: "Der ein wenig unter die Engel erniedrigt war" im Zusammenhang stehen mit: "so dass Er durch Gottes Gnade für alles den Tod schmeckte", während die Worte: "Wegen des Leidens des Todes", mit "Herrlichkeit und Ehre gekrönt"" zusammengehören. Das stimmt völlig mit anderen Stellen der Heiligen Schrift überein und vor allem mit dem, was im 14. Vers unseres Kapitels gesagt wird. Gottes Sohn wurde Mensch; dadurch ein wenig niedriger als die Engel, denn die Engel sind erhabenere Geschöpfe als die Menschen. Er wurde Mensch, damit Er durch Gottes Gnade für alles den Tod schmeckte. Ohne Blutvergießen ist keine Vergebung. Ohne, den Tod eines von Gott angenommenen Schlachtopfers keine Versöhnung. Gottes Sohn, der dazu allein fähig war, hat sich als Opfer zur Verfügung gestellt. Aber dazu war es notwendig, dass Er Mensch wurde. Er konnte nicht sterben ohne Mensch zu sein. Doch Er wurde Mensch; Er übergab sich dem Leiden des Todes und wurde von Gott mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Wie Paulus im Brief an die Philipper sagt: "Welcher, da Er in Gestalt Gottes war, es nicht für einen Raub achtete, Gott gleich zu sein, sondern sich selbst zu nichts machte und Knechtsgestalt annahm, indem Er in Gleichheit der Menschen geworden ist, und, in Seiner Gestalt wie ein Mensch erfunden, sich selbst erniedrigte, indem Er gehorsam ward bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuze. Darum hat Gott Ihn auch erhoben und Ihm einen Namen gegeben, der über jeden Namen ist" (Phil. 2,6-9).

Beachten wir, dass Paulus nicht sagt: "damit Er für alle", sondern "damit Er für alles den Tod schmeckte". In "alles" liegt "alle" eingeschlossen; aber "alles" umfasst die ganze Schöpfung, die durch die Sünde unter den Fluch und das Gericht gekommen ist. Sie kann davon nur befreit werden durch denselben Tod, durch den wir, die glauben, mit Gott versöhnt worden sind. In Kolosser 1 sagt der Apostel, dass nicht nur wir, die glauben, durch den Tod des Christus versöhnt sind, sondern dass alle Dinge, die auf der Erde und in den Himmeln sind, durch denselben Tod versöhnt werden. Beachten wir zugleich den merkwürdigen Ausdruck "den Tod schmecken", der uns auf so ergreifende Weise das schreckliche Leiden unseres Herrn und Heilandes vor Augen stellt. Er ist nicht "nur" gestorben, sondern Er hat all das Entsetzliche dieses Sterbens als Lohn der Sünde, als das Gericht Gottes über den Sünder "geschmeckt". Darum war Seine Seele so erschüttert und die Angst Seines Herzens so groß, als der Kelch des Leidens vor Ihn gestellt wurde.

Anbetungswürdiger Erlöser, wie viel hat es Dich gekostet, uns zu erretten! Wie unendlich groß war Deine Liebe, die Dich in den Stand setzte, das große Werk für uns zu vollbringen!

Herrliche Gewissheit für alle, die glauben! Wir sehen Jesus mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt und wissen dadurch nicht nur, dass alle Weissagungen über Seine zukünftige Herrlichkeit als des Menschen Sohn erfüllt werden sollen, sondern auch - und das ist für uns so wichtig -, dass das Leiden des Todes, das Er in Gnaden für uns erduldete, Gott vollkommen verherrlicht und uns für ewig erlöst hat.

In den folgenden Versen wird dies näher erklärt: "Denn es geziemte Ihm, um deswillen alle Dinge und durch Den alle Dinge sind, indem Er viele Söhne zur Herrlichkeit brachte, den Anführer ihrer Errettung durch Leiden vollkommen zu machen" (Vers 10). Wunderbare, herrliche Worte! Christus hat es auf sich genommen, sich der Sache derer anzunehmen, die Gott als Söhne zur Herrlichkeit führen wollte. So musste Er notwendigerweise auch in den Umständen leben, in denen sich diese befanden, die Folgen dieser Stellung tragen und dementsprechend behandelt werden. Es geziemte Gott, um Dessentwillen alle Dinge bestehen, und der alle Dinge erschaffen hat, die Rechte Seiner Herrlichkeit zu behaupten gegenüber denen, die Ihn verunehrt hatten, und Den, der ihre Sache auf sich genommen hat und sich an ihren Platz stellte, so zu behandeln, wie Er jene hätte behandeln müssen. Wollte Gott aus sündigen Menschen viele Söhne zur Herrlichkeit führen, dann musste Er den Anführer ihrer Errettung, d. h. Den, der sie zur Errettung bringen würde, durch Leiden vollkommen machen. Gott konnte uns nicht in unseren Sünden zur Herrlichkeit führen. Darum musste der Anführer unserer Errettung die ganze Verantwortlichkeit auf sich nehmen und alle Folgen des Zustandes, in dem wir waren, erdulden. Er musste leiden und den Tod schmecken, um uns dadurch von den Sünden und dem Tod zu befreien und, auferstanden aus den Toten, eine Ursache ewigen Heils zu werden für alle, die an Ihn glauben.

Es ist wohl nicht möglich, auf bestimmtere und deutlichere Weise über die Notwendigkeit von Jesu Leiden und Sterben zur Verherrlichung Gottes und zur Befriedigung von Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit zu reden, als es in diesen Worten geschieht. Jesus hat gelitten und ist gestorben als Märtyrer für die Gerechtigkeit und aus Liebe zu uns, darum kann Er uns dadurch helfen und ein Vorbild sein in unseren Leiden. Aber wie wichtig und herrlich dieses Leiden in Seinem Leben ist, es konnte uns nicht als Söhne in die Herrlichkeit bringen. Dazu geziemte es Gott, Ihn durch Leiden vollkommen zu machen. Nicht der Mensch, sondern Gott musste Ihn zerschlagen, um unserer Sünden willen. Der heilige und gerechte Richter musste Ihn in den Staub des Todes legen. Gott hat Ihn für unsere Sünden dem Tode übergeben. Gottes Herrlichkeit erforderte das. Der uns zur Herrlichkeit führen sollte, musste unsere Strafe erleiden, unser Gericht tragen, unseren Tod sterben. Wer das nicht annimmt, beweist, dass er weder die Abscheulichkeit der Sünde noch die Heiligkeit Gottes versteht.

Da nun der Anführer unserer Errettung durch Leiden vollkommen gemacht ist, kann gesagt werden: "Denn sowohl Der, welcher heiligt, als auch die, welche geheiligt werden, sind alle von Einem um welcher Ursache willen Er sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen" (Vers 11). "Heiligen" bedeutet absondern. Hier will es sagen: Absondern von der Sünde und von der Welt für Gott. Er, der heiligt, ist der Christus; sie, die geheiligt werden, sind der Überrest, abgesondert für Gott durch den Heiligen Geist. Diese sind alle von Einem. Der Christus, welcher heiligt, und die, die geheiligt werden, sind alle ein und dieselbe Familie, in derselben Stellung vor Gott. Darum schämt Er sich nicht, sie Brüder zu nennen. Welch unaussprechliche Gnade! Wer ist im Stande, diese Herrlichkeit zu begreifen und in Worte zu fassen? Wir können nur bewundern und anbeten.

Aber lasst uns wohl beachten, dass nur von den Geheiligten gesagt wird, dass sie "von Einem" sind mit Christus. Nicht durch Seine Menschwerdung - obschon sie dazu notwendig war - hat Christus sich mit uns vereinigt, wie eine allgemein verbreitete Irrlehre behauptet; sondern indem Er uns von der Sünde und der Welt absonderte und zu Gott brachte, dazu musste Er als der Anführer unserer Errettung durch Leiden vollkommen gemacht werden. Wenn die Vereinigung durch Seine Menschwerdung geschehen wäre, dann müsste Er alle Menschen Seine Brüder nennen. Doch das tut Er nicht. Er schämt sich nicht, die Kinder, die Gott Ihm gegeben hat, die Geheiligten, Seine Brüder zu nennen.

Und wiewohl diese Kinder Ihm schon vorher gegeben waren, so waren sie doch nicht in dieser Stellung, und Er hat sie erst Brüder genannt, nachdem Er das Werk der Versöhnung und Erlösung vollbracht hatte und von den Toten auferstanden war. Wohl hat Er während Seines Wandels auf Erden und vor allem in den letzten Tagen Seines Lebens den Namen des Vaters Seinen Jüngern offenbart; aber das Band zwischen ihnen und dem Vater konnte nicht geknüpft werden, und Er konnte sie dem Vater nicht als Kinder vorstellen, solange das Weizenkorn nicht in die Erde gefallen und gestorben war. Solange blieb Er allein. Aber sobald das Werk vollbracht und Er von den Toten auferstanden war, sagte Er zu Maria Magdalena: "Gehe aber hin zu Meinen Brüdern und sprich zu ihnen: Ich fahre auf zu Meinem Vater, und zu eurem Vater, und zu Meinem Gott und zu eurem Gott" (Joh. 20, 17).

Um dies alles zu beweisen, führt Paulus drei Stellen aus dem Alten Testament an. In Psalm 22 sagt der Herr nach den drei leidensvollen Stunden der Finsternis und des Verlassenseins von Gott: "Ja, Du hast Mich erhört von den Hörnern der Büffel. Verkündigen will Ich Deinen Namen Meinen Brüdern; inmitten der Versammlung will Ich Dich loben." Nach dem vollbrachten Versöhnungswerk tritt in der Auferstehung die eine Familie in Erscheinung, an deren Spitze der Anführer unserer Errettung steht. Die Geheiligten sind Seine Brüder; sie bilden die Gemeinde. In ihrer Mitte weilt Er, um Gott für Seine unaussprechliche Gnade zu loben und zu preisen. Lasst uns wohl daran denken, dass unsere Lobgesänge deshalb mit den Seinen in Übereinstimmung sein müssen, wenn sie zur Verherrlichung Gottes dienen und von Ihm angenommen werden sollen. Ungewissheit und Zweifel, an Stelle von Freude und Dankbarkeit für die vollbrachte Erlösung, wären nicht in Harmonie, sondern im Widerspruch mit dem Himmel.

Die zweite Stelle, die Paulus erwähnt, finden wir in, Psalm 16. Unser anbetungswürdiger Herr wird als Gottes Knecht hier auf Erden dargestellt, der zu Jehova sagt: "Meine Güte reicht nicht hinauf zu Dir", und zu den Heiligen, die auf der Erde sind, und zu den Herrlichen: "An ihnen ist alle Meine Lust." Inmitten dieser Herrlichen setzt Er "Sein Vertrauen auf den Herrn". Wiewohl Er der Sohn ist, der Schöpfer, der Allmächtige, hat Er sie in der Auferstehung mit sich verbunden und schämt sich nicht, sie Seine Brüder zu nennen.

Abschließend werden die Worte aus Jesaja 8,18 angeführt: "Siehe, Ich und die Kinder, die Jehova Mir gegeben hat." Es sind Gottes Kinder, die Gott Ihm gegeben hat, mit denen Er sich eins erklärt: eine Familie, ein Ganzes. Gleichwie Jesus zum Vater sagte: "Ich habe Deinen Namen geoffenbart den Menschen, die Du Mir aus der Welt gegeben hast, denn sie sind Dein, und Ich bin in ihnen verherrlicht" (Joh. 17, 6. 9. 10).

Wenn nun der Herr diesen Platz an der Spitze der Familie der Auserwählten, nach Gottes Ratschluss, einnehmen wollte, musste Er ihnen gleich werden, und der Herr ist es geworden. Die Kinder, die Gott Ihm gegeben hatte, waren des Blutes und Fleisches teilhaftig, und Er hat auch daran teilgenommen. "Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch Er in gleicher Weise an denselben teilgenommen", sagt Paulus in Vers 14. Er ist wahrhaft Mensch geworden, jedoch ein Mensch ohne Sünde, der von Anfang an "das Heilige" war, und der die Sünde weder kannte noch tat. Er war durch die Kraft des Allerhöchsten gezeugt, aber doch ein wahrer Mensch, geboren von einer Jungfrau und unter Gesetz. Er war nicht eine Erscheinung, wie wir solche manchmal im Alten Testament finden, sondern ein wirklicher Mensch, in der gleichen Art, wie die Kinder, die Gott Ihm gegeben hatte. Und Er hat daran teilgenommen, "dass Er durch den Tod den zunichte machte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und alle die befreite, welche durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren" (Vers 14-15).

Um sterben zu können musste Er Mensch werden. Wenn Er den Menschen, der dem Tod unterworfen war, von dem Tod erlösen, dann musste Er sterben. Nur durch den Tod konnte Er den, der die Macht des Todes hatte, zunichte machen und die, welche der Knechtschaft unterworfen waren, erlösen. Die Sünde ist durch den Teufel in die Welt gekommen, und durch die Sünde der Tod; darum hat der Teufel die Macht des Todes und deswegen sind alle Menschen ihr Leben lang durch die Todesfurcht der Knechtschaft unterworfen. Aber Jesus war dem Tod nicht unterworfen, weil in Ihm keine Sünde wohnte. Er hat sich für die Kinder, die Gott Ihm gegeben hat, in den Tod gegeben, hat ihren Platz im Gericht eingenommen, für sie Genüge geleistet und sie dadurch auf rechtmäßige Weise, in Übereinstimmung mit Gottes Gerechtigkeit, von der Sklaverei des Teufels und des Todes erlöst. Indem Er den Tod schmeckte für die, welche durch die Todesfurcht ihr ganzes Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren, hat Er den Teufel, der durch den Tod über die Menschen herrscht, überwunden. Er hat ihm seine Macht genommen und ihn zunichte gemacht. Indem Er die Fürstentümer und Gewalten ausgezogen hat, hat Er sie öffentlich zur Schau gestellt und durch das Kreuz über sie triumphiert. (Siehe Kol. 2, 13-15.)

Merkwürdig ist der Ausdruck: "Welche durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren". Das ist der Zustand des Menschen. Darin besteht sein Elend schon jetzt. Sein ganzes Leben hindurch ist er in der Todesfurcht gefangen. Wie ungläubig er sich auch gebärden mag und welche großen Worte auch über seine Lippen kommen mögen: sein Herz zittert beim Gedanken an den Tod; denn bewusst oder unbewusst sagt ihm die Stimme des Gewissens, dass auf den Tod das Gericht folgt. Lass dich nie durch die Kühnheit des Unglaubens aus dem Felde schlagen, sondern gebrauche Gottes Wort als das zweischneidige Schwert, mit dem das Gewissen getroffen und in Gottes Licht gebracht wird.

"Denn Er nimmt sich fürwahr" ­- so fährt Paulus fort - "nicht der Engel an, sondern des Samens Abrahams nimmt Er sich an" (Vers 16). Christus ist nicht gekommen, um das Heil der Engel, sondern um das Heil des Samens Abrahams zu erwirken; und dazu "musste er in allem den Brüdern gleich werden" und sich selber in den Zustand und die Umstände versetzen, in denen diese sich befanden. Es ist stets dieselbe, von Gott anerkannte Familie, die der Gegenstand der Zuneigung und der Sorge des Erlösers ist. Die Kinder, die Gott Ihm gegeben hat, sind die Kinder Abrahams, sowohl nach dem Fleisch, wenn sie dem Zustand entsprechen, in dem der wahre Same Abrahams sich befinden sollte, wie ihn der Herr selber beschreibt in Johannes 8, 37 und 39, als auch nach dem Geist, wenn sie durch die Gnade diesen Titel "Kinder Abrahams" erhalten haben, wie es der Apostel in Galater 3 zeigt.

Diese Wahrheiten bringen uns von selber zur Priesterschaft. Als Sohn des Menschen ist Jesus ein wenig niedriger geworden als die Engel. Jetzt ist Er schon mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Später werden alle Dinge Seinen Füssen unterworfen sein. Dies wird erst in der zukünftigen Welt geschehen. Aber Er hat diesen Platz der Erniedrigung eingenommen, um für die ganze Schöpfung, die sich von Gott entfernt hat, den Tod zu schmecken, und um sich die Rechte des zweiten Adams zu erwerben, indem Er Gott da verherrlichte, wo Ihn der Mensch entehrt hatte. Zu­gleich hatte er die bestimmte Absicht, die Kinder, die Gott zur Herrlichkeit führen wollte, zu erlösen und, indem Er ihre Natur annahm, sie als Geheiligte um sich zu vereinigen, indem Er sich nicht schämte, sie Seine Brüder zu nennen. Wollte Er sie jedoch zur Herrlichkeit führen, musste Er sie nach der Allgenug­samkeit des Werkes, das Er für sie vollbrachte, vor Gott als Hoherpriester vertreten. "Daher musste Er in allem den Brüdern gleich werden, dass Er in den Sachen mit Gott ein barmherziger und treuer Hoherpriester werden möchte, um die Sünden des Volkes zu sühnen, denn worin Er selbst gelitten hat, als Er versucht wurde, vermag Er denen zu helfen, die versucht werden" (Verse 17-18).

Gleichwie der Hohepriester in Israel einmal im Jahr in das Allerheiligste hineinging, um für die Sünden des Volkes das Versöhnungswerk zu vollbringen, so ist Christus für immer in das himmlische Heiligtum hineingegangen, vor Gottes Angesicht, um für die Sünden Seines Volkes das Werk der Sühnung zu vollbringen. Nun können alle, die an Ihn glauben, mit Freimütigkeit in Gottes Gegenwart erscheinen. Dies wird im Verlauf dieses Briefes ausführlich behandelt und bewiesen. Hier wird nur die wichtige Wahrheit hinzugefügt, dass Er, der unser Hoherpriester bei Gott ist, mit uns zu fühlen vermag in all unserem Kampf und allen unseren Mühsalen. Er wurde versucht wie wir und hat gelitten, und kann denen, die versucht werden, zu Hilfe kommen. Bedenken wir wohl, dass das Fleisch, durch die Begierden geleitet, niemals leidet. Im Gegenteil, wenn es versucht wird, hat es Genuss an den Dingen, durch die es versucht wird. Aber wenn der Geist dem Lichte Gottes entsprechend in Treue und Gehorsam den Angriffen des Feindes die Stirne bietet, dann leidet man. Der Herr hat gelitten, als Er versucht wurde. Er hat nie anders als gelitten, denn in Ihm war kein Fleisch. Er war das "Heilige". Er hat keine Sünde "gekannt". Der Teufel fand nichts in Ihm. Darum war jede Versuchung, sowohl von Seiten der Menschen als auch von Seiten des Teufels für Ihn ein Leiden. Jede Versuchung war ganz im Widerspruch mit allem, was in Ihm war, mit Seiner Heiligkeit, Treue und Liebe und ließ Ihn seufzen über all die Ungerechtigkeit, die in der Welt war, und über die Bosheit Satans, der die Menschen in seiner schrecklichen Macht gefangen hielt. Diese Leiden sind auch uns beschieden. Wir gehören zu Gottes Familie; wir sind Kinder, die zur Herrlichkeit geführt werden, wir sind neue Menschen. Aber wir sind noch auf der Erde und in uns ist das Fleisch. Darum haben wir Hilfe nötig. Nicht das Fleisch braucht Hilfe, sondern der neue Mensch gegen das Fleisch, um die Glieder des alten Menschen zu töten - Hilfe bei den vielen Schwierigkeiten, denen wir begegnen, wenn wir in Treue und Aufrichtigkeit des Herzens den Willen des Herrn zu vollbringen wünschen. Jesus ist es, der in der Versuchung auf dieser Erde gelitten hat, und der also mit einem menschlichen Herzen alle die Gefühle unserer Seele teilen kann und uns zu Hilfe kommt, wenn wir versucht werden.

KAPITEL 3

Beim Lesen und Betrachten dieses Teils des Briefs an die Hebräer ist es von großer Wichtigkeit, im Auge zu behalten, an wen dieser Brief geschrieben wurde, da wir sonst die Beweisführung des Schreibers nicht verstehen können und von dem, was er lehrt, einen falschen Gebrauch machen würden. Paulus schreibt an den Überrest der Juden, der an Christus geglaubt und sich dadurch vom übrigen Volk abgesondert hatte, und von diesem Volk gehasst und verfolgt wurde. Dieser Überrest wird als das von Gott gesegnete Volk auf Erden betrachtet, obschon sie durch die Erhöhung des Messias zur Rechten Gottes Genossen einer himmlischen Berufung sind. Demzufolge werden die Ermahnungen und Tröstungen in diesem Brief auch den gläubigen Israeliten in den Tagen des Antichrists dienen. Wir aus den Nationen, die als wilde Zweige in den Ölbaum eingepfropft sind, haben teil an den Vorrechten und Segnungen, von denen hier geredet wird.

"Daher, heilige Brüder, Genossen der himmlischen Berufung, betrachtet den Apostel und Hohenpriester unseres Bekenntnisses, Jesus, der treu ist dem, der Ihn gesetzt hat, wie es auch Mose war in seinem ganzen Hause" (Verse 1-2). Diese Worte als Abschluss der bis jetzt behandelten Themas zeigen noch eine neue Würde des Christus, der nicht nur Apostel und Hoherpriester ist, sondern auch "Sohn über Sein Haus".

Die an Christus gläubig gewordenen Israeliten waren heilige Brüder, d. h. Brüder, die als Gottes Familie von den anderen Israeliten abgesondert waren, also die Kinder, die Gott Jesus gegeben hat: der wahre Samen Abrahams. Aber als solche waren sie dann auch Genossen der himmlischen Berufung. Von dieser Erde hatten sie nichts mehr zu erwarten. Ihr Vaterland war nicht auf dieser Erde, sondern droben. Nicht nach Jerusalem und Kanaan, sondern nach dem Himmel waren sie auf der Reise. Gott wollte sie als Söhne zur Herrlichkeit führen; und der Anführer ihrer Errettung war durch Leiden vollkommen gemacht und saß nun, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, zur Rechten Gottes, wohin Er ihnen vorausgegangen war und wohin sie Ihm bald folgen würden.

Zu diesen heiligen Brüdern, die Genossen der himmlischen Berufung waren, sagt Paulus: "Betrachtet den Apostel und Hohenpriester unseres Bekenntnisses, Jesus." Als Apostel ist Jesus von Gott zu uns gesandt, und als Hoherpriester ist Er für uns zu Gott gegangen. Beides hatten wir nötig. Um Gott kennen zu lernen in Seiner Liebe und Gnade nach der Herrlichkeit Seiner Natur und um Seine Gedanken des Friedens und der Seligkeit über uns zu vernehmen, musste der Sohn von Gott auf die Erde gesandt werden. Sollten aber wir schuldige Sünder mit diesem Gott Gemeinschaft haben können, dann musste dieser Apostel das große Werk der Versöhnung vollbringen und als unser Hoherpriester vor Gottes Angesicht treten, Sein Blut ins Heiligtum bringen und von Gott als solcher angenommen werden. Im ersten Kapitel wird Jesus als Apostel und im zweiten als Hoherpriester dargestellt. Welch ein Apostel! Welch ein Hoherpriester! Gottes eigener Sohn, der Schöpfer Himmels und der Erde, Herr und König der Engel, von Gott als Gott anerkannt und begrüßt, teilte uns Gottes Gedanken mit, offenbarte uns Gottes liebreiches Herz und sprach zu uns von den Dingen, die Er bei Seinem Vater gesehen und gehört hatte. Und unser Hoherpriester ist Er, der, nachdem Er durch Seine eigene Macht die Reinigung von den Sünden bewirkt hatte, sich kraft Seiner erworbenen Rechte zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt hat - Er, der für die Sünden des Volkes das Sühnungswerk vollbracht hat und von Gott mit Herrlichkeit und Ehre zu Seiner Rechten gekrönt ist. "Betrachtet Ihn", sagt Paulus, dann werdet ihr sehen, wie unendlich weit erhaben Er über Mose ist, und ihr werdet nicht daran denken, den Hohenpriester der alten Haushaltung dem Apostel und Hohenpriester unseres Bekenntnisses vorzuziehen.

"Sohn über Sein Haus", das ist die dritte Würde des Christus. Mose ist als Diener treu gewesen im ganzen Hause Gottes und zwar als prophetisches Zeugnis; Christus hingegen steht über Seinem eigenen Haus, und darum nicht als Diener, sondern als Sohn. Gott selbst hat Ihn in diese Stellung gestellt. Er hat selber das Haus gebaut: Er ist Gott. Mose hat sich zwar im Glauben mit diesem Haus einsgemacht und war in dieser Stellung in allem treu; aber Christus ist vortrefflicher als Mose, insofern größere Ehre als das Haus der hat, der es bereitet hat. Der aber alles bereitet hat, ist Gott (Verse 3-5).

Das Haus, die Stiftshütte in der Wüste, war wirklich ein Abbild des Weltalls. Der Vorhof stellte die Erde, das Heilige die Himmel und das Allerheiligste den dritten Himmel oder die Wohnung Gottes dar. Christus ist, gleichwie der Hohepriester durch den Vorhof und das Heilige in das Allerheiligste ging, durch die Himmel gegangen, um in Gottes Gegenwart zu erscheinen. Diese Stiftshütte mit allem, was sie enthielt, war durch das Blut gereinigt, gleichwie Gott alle Dinge im Himmel und auf der Erde durch Christus versöhnen wird. In gewissem Sinn ist dieses Weltall das Haus Gottes; Gott lässt sich herab, darin zu wohnen, und Christus hat es geschaffen. Aber es gibt ein Haus, das noch in besonderer Weise Christus angehört, und dieses Haus sind wir, sagt Paulus; wir, die an Christus glauben, die als "heilige Brüder" Genossen der himmlischen Berufung sind.

"Wenn wir anders" - fügt er hinzu - "die Freimütigkeit und den Ruhm der Hoffnung bis zum Ende standhaft festhalten" (Vers 6). Es gab viele Schwierigkeiten für diese Gläubigen aus Israel. Sie waren dadurch der Versuchung ausgesetzt, nachdem sie die Wahrheit mit Freude angenommen hatten, die Freimütigkeit zu Gott und den Ruhm der Hoffnung preiszugeben. Es war für einen Juden keine leichte Sache zu verstehen, dass der Messias gekommen und in die Herrlichkeit aufgenommen war, und dass dennoch das Volk, das diesem Messias anhing und zugehörte, in Verachtung, Leiden und Schmach umherirren musste. Dazu mussten sie aus Glauben leben, der ihren Blick von den sichtbaren Dingen ablenkte, um ihn auf das Unsichtbare und Himmlische zu richten.

Diese gläubigen Israeliten nun standen in Gefahr wie wir bereits früher bemerkten - ihre Freimütigkeit und den Ruhm der Hoffnung fahren zu lassen. Darum stellt ihnen Paulus die Folgen hievon vor Augen, und benutzt dazu Davids Worte aus dem 95. Psalm: "Heute, wenn ihr Seine Stimme höret, verhärtet eure Herzen nicht, wie in der Erbitterung, an dem Tage der Versuchung in der Wüste, wo Mich eure Väter versuchten, indem sie Mich prüften, und sie sahen doch Meine Werke, vierzig Jahre. Deshalb zürnte Ich diesem Geschlecht und sprach: Allezeit gehen sie irre mit dem Herzen; aber sie haben Meine Wege nicht erkannt. So schwur Ich in Meinem Zorn: Wenn sie in Meine Ruhe eingehen werden" (Hebr. 3, 7-11; Psalm 95, 7-11). Gottes Volk war jetzt auf dem Pfad des Glaubens, gleichwie ihre Väter darauf wandelten, bevor sie über den Jordan zogen. Dieser Pfad des Glaubens brachte ihnen viele Mühsale; sie wurden verfolgt und unterdrückt; doch sie sollten ausharren, um der Ruhe Gottes teilhaftig zu werden. Ihre Väter hatten jedoch in der Erbitterung, am Tage der Versuchung in der Wüste, Gott versucht. Und was war die Folge gewesen? Gott zürnte über sie, so dass sie nicht in Seine Ruhe eingehen konnten. Darin mussten sie die Folgen erkennen, welche ein Verlassen des Christus und die Preisgabe des christlichen Glaubens mit sich bringen würden. Darum sagt Paulus: "Sehet zu, Brüder, dass nicht etwa in jemandem von euch ein böses Herz des Unglaubens sei in dem Abfallen vom lebendigen Gott, sondern ermuntert euch selbst jeden Tag, so lange es heute heißt, dass niemand von euch verhärtet werde durch Betrug der Sünde" (Verse 12-13).

Christus den Rücken kehren, um Mose anzuhangen, war jetzt dasselbe, was von den Vätern in der Wüste getan wurde, die mit einem bösen, ungläubigen Herzen sich gegen Jehova aufgelehnt hatten. Das wäre nichts anderes als Abfall vom lebendigen Gott; von Dem, der von Seinem Sohn Jesus Christus auf dem Berg der Verklärung, als Mose und Elias verschwanden, gesagt hatte: "Höret Ihn!" Bemerkenswerter Ausspruch! Wie anderswo, zieht Paulus auch hier die Konsequenzen aus der Lehre, die gepredigt wurde.

"Ermuntert euch selbst..., dass niemand von euch verhärtet werde durch Betrug der Sünde", ruft Paulus ihnen zu. Die Sünde löst die Gemeinschaft mit Gott; wir haben nicht mehr dasselbe Bewusstsein von Seiner Liebe und Macht und dem Interesse, das Er an uns hat. Das Vertrauen schwindet; die Hoffnung und der Wert der unsichtbaren Dinge vermindern sich und die sichtbaren Dinge beginnen das Herz zu füllen. So wird das Gewissen befleckt; die Ruhe in Christus geht verloren, der Weg erscheint hart und mühsam. Der Eigenwille erhebt sich und so wird man allmählich dem Herrn entfremdet, endlich verhärtet und ist schließlich imstande, vom lebendigen Gott völlig abzufallen.

Es ist klar, dass wir hier nur über unsere Verantwortlichkeit reden und über die Gefahr, in die wir uns begeben, wenn wir auf irgendeine Weise von Gott abweichen. Es ist keineswegs die Rede von Gottes Treue. Diese bleibt beständig und wird nie zulassen, dass auch nur einer der Seinen umkomme. Wer Leben aus Gott besitzt, wird durch die Ermahnungen, die in diesem Brief enthalten sind und durch Züchtigungen zurückgebracht, wenn er abgewichen ist. Ist die Gemeinschaft bloß äußerlich, ohne Leben und wahren Glauben, dann wird das Gewissen nicht getroffen und man wendet sich von Gott ab.

Paulus denkt jedoch nicht daran, dass diese Gläubigen wirklich vom lebendigen Gott abfallen würden, aber er lässt sie verstehen, welch schreckliche Folgen das Hören auf die Versuchungen Satans hätte. Er ermuntert sie, jeden Tag einander zu ermahnen, damit ja nicht einer von ihnen diesen verkehrten Weg einschlagen würde. Er ruft ihnen zu: "Denn wir sind Genossen des Christus geworden", als wollte er sagen: Wie sollten wir, da solch ein unaussprechliches Heil unser Teil geworden ist, uns davon abwenden, um zu den Schatten zurückzukehren!

Wir sind Genossen von Christus. Von welchen Christus? Von dem Christus, wie Er hier auf Erden wandelte? Von Christus, hängend am Kreuz? Nein wir sind Genossen des auferweckten und verherrlichten Christus. Darum sind wir Teilhaber der himmlischen Berufung. Nicht auf der Erde, sondern im Himmel, nicht in Kanaan, sondern in Gottes Haus. Droben ist unser Vaterland, unser Heim, unsere Ruhe. Auf merkwürdige Art wird dies im folgenden Kapitel gezeigt und beschrieben.

Aber wir müssen auch bis zum Ende ausharren. Nur wer ausharrt bis ans Ende wird errettet werden. Wir müssen in der Laufbahn bis ans Ende verharren, um den Preis zu erringen. Niemand, der das Ziel erreichen will, bleibt unterwegs sitzen oder kehrt zurück. Die Gewissheit, auf dem rechten Weg zu sein, lässt uns bis ans Ende diesen Weg weitergehen. Sobald Unsicherheit unsere Seele verdunkelt, hören wir auf mit Weitergehen. Durch Unglauben waren die Israeliten, die mit Mose aus Ägypten ausgezogen waren, in der Wüste umgekommen, anstatt nach Kanaan hineinzugehen. Darin müssen wir uns prüfen, damit wir den Anfang des Vertrauens, als wir durch unsere Übergabe an Christus den Weg nach dem himmlischen Kanaan betraten, bis ans Ende unerschütterlich festhalten, da gesagt wird: "Heute, wenn ihr Seine Stimme höret, verhärtet eure Herzen nicht, wie in der Erbitterung."

Beachtenswert ist das Wort "heute", das mehrmals in diesem Teil unseres Briefes vorkommt. Es ist der Ausdruck der Langmut und Gnade Gottes gegenüber Seinem Volk bis zum Ende. Dieses "heute" umfasst die ganze Zeit, in der wir leben, von der Verwerfung des Christus durch Israel und Seiner Erhöhung zur Rechten Gottes bis zu Seiner Wiederkunft - für uns, wenn wir in den Himmel aufgenommen werden; für den gläubigen Überrest in den letzten Tagen, wenn Jesus auf Erde erscheint mit großer Macht und Herrlichkeit. Israel war als Volk ungläubig. Es verhärtete sich und wird sich verhärten bis zum Gericht. Dennoch, fährt Gott fort zu rufen: "Heute, wenn ihr Meine Stimme höret, verhärtet eure Herzen nicht!" Gottes Geduld und Langmut sind groß. Schon zwei Jahrtausende hat Er Seine Stimme hören lassen und gerufen: "Heute, wenn ihr Meine Stimme höret, verhärtet eure Herzen nicht." Wer ist Ihm gleich? Möchten wir Seine Nachfolger sein und vollkommen sein gleichwie unser Vater, der in den Himmeln wohnt, vollkommen ist! Lasst uns zugleich, solange es "heute" heißt, jeden Tag einander ermahnen, dass niemand von uns verhärtet werde durch Betrug der Sünde und dadurch vom lebendigen Gott abfalle!

KAPITEL 4

Im vierten Kapitel wird das Thema von der Ruhe Gottes weiter behandelt. Als die Israeliten in der Wüste an den Grenzen des verheißenen Landes angekommen und im Unglauben sichweigerten, in Kanaan einzuziehen, schwurGott in Seinem Zorn: "Wenn sie in meine Ruhe eingehen werden", und sie fielen alle in der Wüste. "Fürchten wir uns nun", sagt Paulus in Vers 1, "dass nicht etwa, da eine Verheißung in Seine Ruhe einzugeben, hinterlassen ist, jemand von euch scheine zurückgeblieben zu sein."

In diesem Zusammenhang ist es deutlich, welche Ruhe hier gemeint ist. Nicht von der Ruhe, die unser Gewissen durch das Blut des Christus gefunden hat, ist hier die Rede. Es wird auch nicht von der Ruhe gesprochen, die unser Teil ist während unserem Lebensweg durch unser Vertrauen auf Gottes Liebe und Macht. Sondern es ist von der Ruhe die Rede, in die der verherrlichte Christus eingegangen ist und die am Ende unserer Wüstenreise in den himmlischen Wohnungen auf uns wartet. Wir sind von Ägypten (der Welt) erlöst und befinden uns auf der Reise nach Kanaan (dem Himmel). Die Gefahr besteht nicht darin, dass das Blut nicht vor dem Gnadenthron wäre (und diese Tatsache gibt unserem Gewissen Ruhe in Gottes Gegenwart); sondern darin, dass wir auf dem Weg umkommen, gleichwie viele durch Unglauben in der Wüste umkamen. "Das Wort der Verkündigung nützte jenen nicht, weil es bei denen, die es hörten, nicht mit dem Glauben vermischt war" (Vers 2). Allein "wir, die wir geglaubt haben, gehen in die Ruhe ein" (Vers 3). Denn auch uns ist eine gute Botschaft verkündigt worden, gleichwie auch jenen. Die gute Botschaft ist hier nicht die Botschaft von der Vergebung unserer Sünden durch das Blut des Christus, sondern die Predigt von dem verherrlichten Christus, durch Den wir Teilhaber der himmlischen Berufung und Dessen Genossen geworden sind. Es wird deshalb nicht gesprochen von der Ruhe, die wir für unser Gewissen durch den Glauben an Christus und durch unser Vertrauen auf Sein Opfer und Sein Blut gefunden haben, sondern von der Ruhe, die unser wartet, wenn wir am Ende unserer Reise durch die Wüste ins himmlische Kanaan eingehen.

Treffend und schön wird uns diese Ruhe vorgestellt. Gott bereitet sich selber nach Vollendung des Schöpfungswerkes eine Ruhe. Und nachdem Er Sein Volk durch die Wüste geführt hatte, verhieß Er ihm eine Ruhe in Kanaan. Aber was ist geschehen? Ach, der Mensch störte diese Ruhe. Sollte der Schöpfer ruhen können, wenn das, was Er geschaffen, durch die Sünde verdorben wurde? Gewiss nicht! Von diesem Augenblick an begann Sein Wirken aufs neue. Welche Gnade! "Mein Vater wirkt bis jetzt, und Ich wirke", sagte unser Heiland. Und Israel störte durch seinen Unglauben, seine Sünde und Hartnäckigkeit die Ruhe in Kanaan. Denn, so sagt Paulus, wenn Josua das Volk in die Ruhe gebracht hätte, dann würde David nach so langer Zeit nicht von einer anderen Ruhe geredet haben. "Also bleibt noch eine Sabbathruhe dem Volke Gottes übrig", das heißt für die, welche glauben und bis ans Ende ausharren" (Verse 6-9).

Und welches ist diese Ruhe? Es ist die Ruhe Gottes selber. "Wenn sie, die ungehorsam sind, in Meine Ruhe eingehen werden", sagt der Herr. Unaussprechlich herrlicher Gedanke! Adam störte die Ruhe Gottes nach der Schöpfung. Israel störte die Ruhe im Gelobten Land. Bleibt nun keine Ruhe mehr übrig? Doch, Gott hat sie gefunden in Christus. Christus hat die Sünde zunichte gemacht und eine ewige Sühnung zustande gebracht. Er wird alle Seine Feinde zum Schemel Seiner Füße legen. Alle Dinge im Himmel und auf Erden werden durch Ihn versöhnt und gereinigt werden. Es wird ein neuer Himmel und eine neue Erde sein, in denen Gerechtigkeit wohnt, und wo alles nach Gottes ewigem Vorsatz zu Seiner Verherrlichung in Ordnung gebracht ist. Es wird nichts mehr zu reinigen und zu versöhnen übrig bleiben; und kein Feind sich mehr gegen Gott erheben. Er wird sich an den Werken Seiner Hände erfreuen können mit einer Freude, die nie mehr zerstört werden kann, sondern in Ewigkeit bleibt. An dieser Ruhe Gottes dürfen wir, die wir glauben, einmal teilnehmen. "Denn wer in Seine Ruhe eingegangen ist, der ist auch zur Ruhe gelangt von seinen Werken, gleichwie Gott von Seinen eigenen" (Vers 10).

Welch ein Glück wird es sein, an dieser Ruhe Gottes teilzuhaben! Es ist eine vollkommene Ruhe. Jede Arbeit, alle Übungen des Glaubens in der Wüste, jeder Kampf, alle Werke, die wir auf dieser Erde verrichten, werden aufhören. Wir werden nicht nur erlöst sein von der Macht der in uns wohnenden Sünde und von jeder Versuchung, auch jede Arbeit, jede Mühe und aller Kampf des neuen Menschen werden aufhören. Gott ruht von Seinen Werken, und fürwahr, sie sind gut. So werden auch wir dann mit Ihm ruhen. Jetzt sind wir in der Wüste mit allen ihren Sorgen, ihrer Mühe und ihren Widerwärtigkeiten; wir haben auch mit den geistlichen Bosheiten in den himmlischen Örtern zu kämpfen, aber dann werden wir ruhen von unserer Arbeit, ruhen am Herzen Gottes, ruhen in Seinen ewigen Hütten, und nichts wird je mehr diese Ruhe stören. Sowohl die Ruhe der ersten Schöpfung, als auch die Ruhe in Kanaan wurden gestört. Aber diese Ruhe, die Ruhe der neuen Schöpfung dauert ungestört fort bis in Ewigkeit. Unaussprechlich herrliche Aussicht!

Lasst uns nun allen Fleiß anwenden, in jene Ruhe einzugehen, dass nicht jemand nach demselben Beispiel des Ungehorsams falle, dessen sich die Israeliten in der Wüste schuldig machten. Richten wir unseren Blick auf das Ende unserer Reise, auf die himmlische Wohnung, auf das Land der ewigen Ruhe, wo Fülle von Freude sein wird vor dem Angesicht des Herrn. Wir gehen dann unseren Weg mutig vorwärts, bis der Herr kommt, um uns in die vielen Wohnungen des Vaterhauses zu führen. Am Ende der vierzigjährigen Wanderung durch die Wüste konnte Kaleb, dessen Auge stets auf das herrliche Land gerichtet blieb, bezeugen, dass seine Kraft noch dieselbe war, wie beim Auszug aus Ägypten; und Paulus konnte am Ende seiner Laufbahn voll Freude ausrufen: "Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe den Glauben bewahrt; fortan liegt mir bereit die Krone der Gerechtigkeit, welche der Herr, der gerechte Richter, mir an jenem Tage geben wird!"

Merkwürdigerweise wird hier nicht erwähnt, dass für uns Christen die Ruhe im Himmel ist. Dadurch bleibt die Tür offen für eine irdische Ruhe, für Gottes irdisches Volk, in Übereinstimmung mit den Verheißungen, die diesem Volke gegeben waren.

Am Schluss unseres Kapitels gibt Paulus die beiden Mittel an, die Gott gegeben hat und gebraucht, um uns auf dem Weg zu bewahren und zu trösten, damit wir am Ende der Reise sicher ans Ziel kommen und in das Land der ewigen Ruhe eingehen können. Diese beiden Mittel sind das Wort Gottes und das Hohepriestertum des Christus.

Das Wort Gottes, als Offenbarung Gottes und Ausdruck Seines Wesens und Willens, inmitten der Umstände, in denen wir uns befinden, richtet alles, was in unserem Herzen nicht in Übereinstimmung ist mit Ihm. Es ist "lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes". Es scheidet alles, wie fest es auch in unseren Gedanken verbunden sein mag. Wo die Natur (die Seele) und ihre Gefühle sich vermengen mit dem, was geistlich ist, scheidet und trennt es als das zweischneidige Schwert der göttlichen Wahrheit das, was von uns und was von Gott ist. Er ist "ein Beurteiler der Gedanken und Gesinnung des Herzens". Aber als von Gott kommend hat es noch einen anderen Charakter. Es ist Sein Auge, das über unserem Gewissen geöffnet ist; es stellt uns in die Gegenwart Gottes und macht alle Dinge in uns offenbar. "Kein Geschöpf ist vor Ihm unsichtbar, sondern alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben" (Verse 12-13).

Derart ist das mächtige Werkzeug, das Gott gebraucht, um alles in uns zu richten, was uns hindern könnte, freudig, mit glücklichen Herzen, gestärkt durch den Glauben und durch das Vertrauen auf Gott, unsere Reise durch die Wüste fortzusetzen. Alles was im Widerspruch ist mit Gottes Willen, alles was vom Fleisch ist und uns zu Unglauben oder Mutlosigkeit verführen könnte, ist ein Hindernis auf unserem Weg und könnte uns zum Straucheln und Fallen, zum Stillstehen oder Zurückweichen verleiten. In Seiner Treue wirkt Gott durch Sein Wort in uns und beurteilt die Gedanken und Gesinnungen des Herzens. Ein aufrichtiges Herz erkennt darin eine unaussprechliche Gnade. Wohl ist es ernst und mitunter peinlich in seiner Wirkung, aber es liegt ein unschätzbarer und unendlicher Segen darin. Wer am Ende der Reise in die himmlische Ruhe einzugehen wünscht, freut sich, wenn ihm die Hindernisse auf dem Weg gezeigt werden. Ist der eigene Wille gebrochen, so werden die Begierden des Fleisches und der Natur beherrscht und die damit verbundenen Versuchungen und Gefahren gebannt. Wer in Gottes Licht sich selber richtet, empfängt Kraft und Energie, um mit Freudigkeit seinen Weg zu wandeln und am Ende in die ewige Ruhe einzugehen.

Doch wir haben nicht bloß die fortdauernde Beurteilung unser selbst durch Gottes Wort nötig, wir brauchen in dieser mühevollen, versuchungsreichen Welt auch einen Trost. Den finden wir im Hohenpriestertum des Christus, worüber Paulus hier und in den folgenden Kapiteln spricht.

"Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der durch die Himmel gegangen ist, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns das Bekenntnis festhalten; denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid zu haben vermag mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem versucht worden ist in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde. Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zu dem Thron der Gnade, dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe" (Verse 14-16).

Wir haben einen Hohenpriester, der durch die Himmel gegangen ist. Gleichwie Aaron aus dem israelitischen Lager durch den Vorhof und das Heilige in das Allerheiligste hineinging, so ist auch Jesus, der Sohn Gottes, von dieser Erde aufgefahren und durch den Wolkenhimmel hindurchgegangen, um in dem dritten Himmel, im himmlischen Heiligtum, der Wohnung Gottes, Seinen Platz zur Rechten Gottes einzunehmen. Er ist dort in der Herrlichkeit; kein Leid kann Ihn mehr treffen, keine Versuchung mehr an Ihn kommen; Er ist über alles erhaben. Aber Er war hier unten in allen Dingen versucht gleichwie wir. Darum kann Er mit unseren Schwachheiten Mitleid und Mitgefühl haben. Um Mitleid haben zu können, muss man in denselben Verhältnissen gewesen sein. Unser großer Hoherpriester Jesus, der Sohn Gottes, ist als Mensch in den Himmel eingegangen und kann also mit uns Menschen fühlen; und da Er, als Er hier unten war, die Erfahrung aller Mühsale und Schmerzen, die auf Erden unser Teil sind, gemacht hat, kann Er mit uns Mitleid haben und sich in alle Umstände, in denen wir uns auf dieser Erde befinden, versetzen.

Wir müssen hierbei bedenken, dass von Schwachheiten die Rede ist, und keineswegs von Sünden. Die Worte des Paulus werden oft falsch erklärt und dadurch falsch angewandt. Sobald man Sünden Schwachheiten nennt, verliert die Sünde ihre Hässlichkeit und Abscheulichkeit. Werden andererseits Schwachheiten Sünden genannt, dann berauben wir uns des Trostes, den der Herr Jesus als der wahre Hohepriester uns geben kann und möchte.. Es ist klar, dass der Herr kein Mitleid mit den Sünden haben kann. Mitleid, wie das Wort hier gemeint ist, ist nicht Barmherzigkeit, sondern Mitgefühl, Sympathie. Der Herr kann wohl mit Erbarmen auf einen Sünder herabschauen, aber mit der Sünde kann Er niemals Mitgefühl haben. Im Gegenteil, Er verurteilt die Sünde, hat einen Abscheu davor und hat sie am Kreuz zunichte gemacht. Darum sagt Paulus, dass Jesus in allen Dingen versucht worden ist gleichwie wir, ausgenommen die Sünde. Christus hat keine Sünde gekannt; Er hatte keine Begierden; in allen Seinen Versuchungen war die Sünde ganz ausgeschlossen. "Der Fürst dieser Weit kommt", sagt der Herr, "und hat nichts an Mir." Satan fand keinen einzigen Anknüpfungspunkt. Es ist Gotteslästerung, auf Christus anzuwenden, was Paulus und jeder von uns von sich selber bezeugen muss: "Ich weiß, dass in Mir, das ist in Meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt."

Aber unser Herr wurde auf dieser Erde in allen Dingen versucht. Er war arm; Er litt Hunger und Durst; Er wurde verachtet, verspottet, verworfen; Er wurde von Seinen Feinden verfolgt und misshandelt, von Seinen Freunden verkannt, von Seinen Jüngern enttäuscht. Er musste alle Folgen der Sünde erdulden. Er war nie krank, (das konnte nicht sein, denn in Ihm war keine Sünde und also hatte Er keinen sterblichen und verderblichen Leib, wiewohl Er sterben konnte und auch gestorben ist); aber als Er die Leidenden heilte, nahm Er ihre Krankheiten auf sich und fühlte ihre Schmerzen, wie wir in Matthäus 8, 17 lesen; so wie eine Mutter an der Wiege ihres kranken Kindes mehr leidet als das Kind selber. Es gibt kein menschliches Leid, das Er nicht erlebte, keinen Schmerz, der von Ihm nicht gefühlt wurde, keinen Kampf, den Er nicht kämpfte, keine Enttäuschung, die nicht Sein Teil war. In diesem allem kann Er also mit uns fühlen. Er kann zu uns sagen: Ich weiß, was ihr leidet; ich kenne eure Schmerzen, ich habe sie selber erfahren und gefühlt. Wir alle wissen es aus Erfahrung, welch ein Trost es ist, wenn wir unser Leid einem Freund klagen können, von dem wir wissen, dass er im selben Leiden war und dieselben Schmerzen ertrug. Solch ein Freund ist Jesus. Er ist unser mitleidiger Hoherpriester. Er war in allem versucht, gleichwie wir und kann darum mit allen unseren Schwachheiten Mitgefühl haben.

Da wir nun einen solchen Hohenpriester im Himmel haben, der sich mit allen unseren Mühsalen und Schwachheiten beschäftigt, nach der Kenntnis, die Er selber davon hat und nach der Macht der Gnade, können wir mit Freimütigkeit zum Thron der Gnade hinzutreten. Kraft Seines Hohenpriestertums steht der Thron der Gnade für uns offen. Nichts steht uns im Weg oder hindert uns, mit Freimütigkeit hinzugehen, damit wir in allen unseren Schwachheiten Barmherzigkeit erlangen und in jedem Kampf Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe. Jesus, der Sohn Gottes, hat als unser Hoherpriester nicht nur den Zugang zu Gottes Thron für uns geöffnet, sondern Er beschäftigt sich dort mit uns, hat Mitgefühl mit uns in allen unseren Schwachheiten auf dieser Erde und ist die Ursache, dass Gott uns Seine Barmherzigkeit und Gnade erfahren lässt, so dass wir dadurch fähig gemacht werden, das Bekenntnis festzuhalten und bis ans Ende auszuharren.

KAPITEL 5

Nachdem uns Paulus am Schluss des zweiten Kapitels Christus als unseren Hohenpriester dargestellt hat, der gemäß Gottes Heiligkeit für die Sünden des Volkes das Sühnungswerk vollbrachte und am Schluss des vierten Kapitels als unseren mitleidvollen Hohenpriester, der den Weg zum Thron der Gnade für uns öffnete, geht er jetzt dazu über, dieses Hohepriestertum des Christus näher zu beschreiben. Er vergleicht es mit dem Hohenpriestertum Aarons, das in vieler Hinsicht ein Vorbild des Hohenpriestertums des Christus war, obschon Paulus mehr den Gegensatz als die Übereinstimmung der beiden zeigt. Dieser Vergleich beginnt mit dem fünften Kapitel, wird dort jedoch im 11. Vers durch verschiedene Ermahnungen, die in Beziehung stehen zu dem Zustand, in dem die Gläubigen Hebräer sich befanden, abgebrochen. Im 7. Kapitel wird dieser Vergleich fortgesetzt und im 10. Kapitel zum Abschluss gebracht.

Im Anfang des fünften Kapitels finden wir einen Gegensatz. "Denn jeder aus Menschen genommene Hohepriester wird für Menschen bestellt in den Sachen mit Gott, auf dass er sowohl Gaben als auch Schlachtopfer für Sünden darbringe, der Nachsicht zu haben vermag mit den Unwissenden und Irrenden, da auch er selbst mit Schwachheit umgeben ist, und um dieser willen muss er, wie für das Volk, so auch für sich selbst opfern für die Sünden" (Verse 1-3). Auf Aaron trifft dies zu, aber nicht auf Christus. Er war nicht von Schwachheit umgeben und brauchte darum nicht für sich selbst zu opfern. Er kannte keine Sünde und konnte deshalb sich selbst hingeben zu einer Sühnung für die Sünden Seines Volkes. Wenn Er, gleichwie Aaron, von Schwachheit umgeben gewesen wäre, hätte Er für sich selbst opfern müssen. Aber dann hätte Er auch nicht für die Sünden von anderen leiden können und es wäre keine Versöhnung zustande gekommen. Es ist von größter Wichtigkeit, dies recht zu verstehen, denn unsere Erlösung und Seligkeit steht und fällt damit.

Doch wiewohl Christus in dieser Hinsicht im Gegensatz stand zu Aaron, so war letzterer in anderer Hinsicht das Vorbild von Christus. Aaron hatte sich nicht selbst zum Hohenpriester gemacht, sondern wurde von Gott dazu berufen. Auch Christus hat nicht sich selbst verherrlicht, um Hohepriester zu werden, sondern Gott setzte Ihn als Hoherpriester ein (Verse 4-6). In den Psalmen legt Gott Zeugnis sowohl von der Herrlichkeit Seiner Person, als auch von der Erhabenheit Seines Amtes ab. Von Seiner Person sagt Gott: "Du bist Mein Sohn, heute habe Ich Dich gezeugt"; und von Seinem Amt: "Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks" (Siehe Psalm 2, 7und 110, 4). Solcherart war der Hohepriester, der für uns in den Himmel eingegangen ist und eine ewige Sühnung zustande gebracht hat. In Seiner persönlichen Herrlichkeit war Er der Sohn Gottes, der einen Platz über den Engeln erhalten hat; und in der Herrlichkeit Seines Amtes ist Er Hoherpriester bis in Ewigkeit, ohne Anfang der Tage noch Ende des Lebens. Dadurch war Er imstande, die Interessen Seines Volkes wahrzunehmen, für sie einzutreten und sie in Gemeinschaft mit Gott zu bringen, so dass sie durch Ihn ins himmlische Heiligtum hineingehen können.

Die Lebensgeschichte unseres Hohenpriesters auf Erden zeigt deutlich, wie sehr Er befähigt ist, an allen unseren Schwachheiten teilzunehmen. Er kam auf die Erde, um den Willen Seines himmlischen Vaters zu tun. Seine Menschwerdung war das Aufgeben Seiner Herrlichkeit, die Er beim Vater hatte, ehe die Welt war. Da Er Gott selber war, brauchte Er die Gottheit nicht zu erben, sondern Er erniedrigte sich selber. Als Mensch auf Erden erniedrigte Er sich nochmals. Anstatt ein König in Macht und Herrlichkeit zu sein, wurde Er ein Knecht, der arm und elend und in allem gehorsam war, selbst bis in den Tod am Kreuz. (Siehe Phil. 2, 7. 8). Dieser Platz der Abhängigkeit als Knecht Gottes war für Ihn - der alle Macht im Himmel und auf Erden hatte, und der als der ewige Sohn und als der Schöpfer des Weltalls der Gebieter über alles und der Herr und König der Engel war - ein ganz neuer Zustand. Er musste erst noch lernen, sich in eine solch niedrige Stellung einzufinden und sich als Diener ihm zu unterwerfen. Darum sagt Paulus, dass Er, wiewohl Er Sohn war, Gehorsam lernte aus dem, was Er gelitten hat. Gehorchen war für Ihn, welcher der Gebieter war, eine fremde Sache; und was jemand nie getan hat, muss er lernen. Jeden Tag hatte Er eine neue Lektion zu lernen, denn jeden Tag gab es neue Verhältnisse, durch die Er gehen musste, und die Er vorher nicht gekannt hatte. Er lag als ein Kindlein in der Krippe; Er war als Jüngling Seinen Eltern untertan; mit eigener Hand verdiente Er Sein täglich Brot; als ein vergessener Bürger lebte Er viele Jahre in dem unansehnlichen, verachteten Nazareth; als Lehrer in Israel wurde Er verkannt, verachtet, verspottet, verworfen; und in all diesen Lebensverhältnissen war Er der vollkommen gehorsame Knecht Gottes. Seine Menschwerdung selber war schon Gehorsam; und vom ersten Augenblick Seines Lebens auf Erden an bis zu Seinem Tod am Kreuz war alles Selbstverleugnung, Aufopferung und völliger Gehorsam. Nie tat Er Seinen eigenen Willen, sondern stets in allem den Willen Dessen, der Ihn gesandt hatte.

Er hat Gehorsam gelernt an dem, was Er gelitten hat; denn alles auf dieser Erde war für Ihn Leiden. Seine Menschwerdung selber war Leiden; Sein Wohnen inmitten der Sünder, Sein Unterworfensein unter den Folgen der Sünde, die in die Welt gekommen waren, Sein Erleben der Feindschaft der Menschen, die Ihn verwarfen und ans Kreuz nagelten, waren eine beständige Quelle von Leiden für Ihn, der von Ewigkeit her in der Gegenwart des Vaters dessen Herrlichkeit geteilt und genossen hatte. Dennoch war ein Unterschied in diesem Leiden. Das eine war schwerer und peinlicher als das andere. Doch über alles schwer war das Leiden des Kreuzes, nicht bloß wegen des damit verbundenen Schrecklichen und Schändlichen, sondern weil es einen ganz anderen Charakter trug als die anderen Leiden. Gehörte es, von einem Gesichtspunkt aus gesehen, zum Leiden für die Gerechtigkeit, weil Jesus durch die gottlosen Menschen verworfen und zu Tode gebracht wurde, so war es auf der anderen Seite Leiden von Seiten Gottes, weil Er für uns zur Sünde gemacht war und unsere Sünden an Seinem Leib auf das Holz trug. Darum nahm das Seufzen von Jesus zu, in dem Masse wie dieses Leiden sich näherte. In den letzten Tagen Seines Lebens kam eine tiefe Erschütterung über Seine Seele (siehe Joh. 11, 33), und endlich, als der Teufel, der durch Ihn in der Wüste geschlagen worden war und für eine Zeit von Ihm wich, mit den Schrecken des Todes zurückkam, überfiel Ihn eine solche Angst, dass Sein Schweiß wie große Blutstropfen auf die Erde fiel. Der Heilige Geist schildert dies uns hier in den wunderbaren Worten: "Der in den Tagen Seines Fleisches, da Er sowohl Bitten als Flehen Dem, der Ihn aus dem Tode zu erretten vermochte, mit starkem Geschrei und Tränen dargebracht hat (und um Seiner Frömmigkeit willen erhört worden ist), obwohl Er Sohn war, an dem, was Er litt, den Gehorsam lernte und, vollendet worden, ist Er allen, die Ihm gehorchen der Urheber ewigen Heils geworden, von Gott begrüßt als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks" (Verse 7-10).

Wie schon bemerkt, sehen wir in Gethsemane den Höhepunkt dieses Leidens. Unser teurer Herr erduldete dort in Seiner Seele alle Ängste und Schmerzen des Todes, die um der Sünde willen am Kreuz zur Verherrlichung Gottes und zur Genugtuung Seiner Gerechtigkeit über Ihn kommen sollten. Der Becher des Zornes Gottes über die Sünde wurde vor Ihn gestellt; und von diesem Kelch ruft Er aus, was Er von keinem anderen Becher je gesagt hat: "Vater, wenn es möglich ist, so lass diesen Kelch an Mir vorübergehen." Doch Er war gehorsam in allem, gehorsam bis zum Tod, ja, bis zum Tod am Kreuz. "Nicht Mein Wille, sondern Dein Wille geschehe." Jesu Wille war nicht, zu sterben. Dies konnte nicht anders sein. Sterben bedeutete für Ihn, von Gott verlassen und dem Gericht preisgegeben zu werden. Aber in völligem Gehorsam nahm Er den Kelch des Zornes Gottes aus den Händen Seines Vaters an. Das war Seine Gottesfurcht. Um dieser Gottesfurcht willen wurde Er erhört. Ein Engel kam, um Ihn zu stärken. In göttlicher Macht und Majestät tritt Er den Häschern entgegen, lässt sie zur Erde fallen und gibt sich freiwillig hin, um zum Kreuz geschleppt zu werden. Und nachdem Er den Willen des Vaters getan und das Werk vollbracht hatte, wurde Er "von den Hörnern der Büffel erhört" (Psalm 22, 21), von Gott aus den Toten auferweckt und zu Seiner Rechten in den Himmel aufgenommen. So "vollendet worden, ist Er allen, die Ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden, von Gott begrüßt als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks".

Paulus bricht hier seine Beweisführung ab. Wo er über Melchisedek zu reden anfängt, über den Er viel zu sagen hatte, was schwer zu erklären ist, denkt er an die Erschlaffung und Zweifelsucht, in welche die gläubigen Hebräer gefallen waren. Der Zeit nach, seitdem sie bekehrt waren, hätten sie Lehrer sein sollen, da sie nun aber im Hören träge geworden waren, mussten sie wieder unterwiesen werden, welches die Grundsätze des Anfangs der Aussprüche Gottes sind; und sie, die als Erwachsene mit fester Speise hätten genährt werden sollen, hatten nun wieder wie kleine Kinder Milch nötig (Vers 11-12). Welch eine Beschämung! "Denn jeder, der noch Milch genießt, ist unerfahren im Worte der Gerechtigkeit, denn er ist ein Unmündiger; die feste Speise aber ist für Erwachsene, welche vermöge der Gewohnheit geübte Sinne haben zur Unterscheidung des Guten sowohl als auch des Bösen" (Verse 13-14).

KAPITEL 6

Aus dem Anfang dieses Kapitels geht hervor, was Paulus unter den Unmündigen versteht, die mit Milch ernährt werden mussten, und unter den Erwachsenen, die feste Speise vertragen konnten. Die Unmündigen waren solche, die sich unter den Satzungen und Zeremonien des Gesetzes befanden (siehe Gal. 4); während die Erwachsenen die christliche Stellung nach der vollen Offenbarung der Herrlichkeit des Christus, gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe, begriffen und eingenommen hatten. Das Wort vom Anfang des Christus war die Lehre, die jener Zeit angehörte, da Christus noch nicht erschienen war. "Einen Grund legen mit der Busse von toten Werken und dem Glauben an Gott, der Lehre von Waschungen und dem Hände-Auflegen und der Toten-Auferstehung und dem ewigen Gericht", wovon Vers 1 und 2 spricht, sind Lehrsätze, die schon vor der Ankunft des Christus bekannt waren und geglaubt wurden. Darüber wollte er reden, wenn Gott es zulassen würde (Vers 3), aber durch Christus waren andere und erhabenere Wahrheiten ans Licht gebracht worden. Darum war es Rückgang, diese erhabeneren Wahrheiten aus dem Auge zu verlieren und zu den ersten Grundsätzen zurückzukehren.

Die Hebräer standen in Gefahr, dies zu tun. Die schweren und andauernden Verfolgungen von Seiten der Juden, denen sie ausgesetzt waren, gaben dem Teufel Anlass, sie zu versuchen. Er stellte ihnen vor, dass, wenn sie nicht so streng an ihrer Absonderung festhielten, sondern die jüdischen Gebräuche und Satzungen wieder annähmen und beobachteten, sie von der Verfolgung erlöst würden und ein ruhigeres Leben führen könnten. Für solche, die in den Zeremonien des Gesetzes mit Recht die Einsetzungen des Herrn erkannten, war diese Versuchung gefährlich und verführerisch. Hörten sie darauf, dann würden sie allmählich zum Judentum zurückkehren und so von selber zur Verwerfung des Christentums kommen. Dies würde dann die schrecklichsten Folgen nach sich ziehen. Um sie davor zu bewahren, spricht Paulus ernst zu ihnen und stellt ihnen die Folgen des Horchens auf die Versuchung Satans deutlich und scharf vor Augen. "Denn es ist unmöglich, diejenigen, welche einmal erleuchtet waren und geschmeckt haben die himmlische Gabe und teilhaftig geworden sind des Heiligen Geistes und geschmeckt haben das gute Wort Gottes und, die Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters, und abgefallen sind, wiederum zur Busse zu erneuern, indem sie den Sohn Gottes für sich selbst kreuzigen und Ihn zur Schau stellen" (Verse 4-6). 

Diese Worte sind, durch Missverständnis, für viele aufrichtige Seelen ein Hindernis geworden, und es ist unsere Berufung, laut der Schrift, dieses Hindernis wegzunehmen. Die Lösung der Schwierigkeit liegt in den Worten "abgefallen sind". Paulus sagt nicht, "sie, die gefallen sind", sondern "sie, die abgefallen sind", nicht wiederum zur Busse erneuert werden können. Das ist ein himmelweiter Unterschied, wie jeder Leser bei einigem Nachdenken selbst erkennen kann. Fallen heißt, sich der einen oder anderen Sünde schuldig machen; abfallen heißt, den christlichen Glauben verwerfen und Christus den Abschied geben. Hätte Paulus gesagt, dass, wer gefallen ist, nicht mehr zur Busse erneuert werden kann, dann sähe es für jeden von uns traurig aus, denn wer von uns, wer von den Gläubigen auf Erden, durch alle Zeiten hindurch, ist nicht in die eine oder andere Sünde (bei Gott ist sie weder groß noch klein) gefallen? Aber das hat Paulus glücklicherweise nicht gesagt, sondern ausdrücklich, dass, wer abgefallen ist, wer Christum verwirft und das Christentum abschwört, nicht zur Busse erneuert werden kann. Dadurch, liebe bekümmerte Seele, ist diese große Verlegenheit von deinem Angesicht weggenommen. Denn wessen du dich auch beschuldigst und anklagst, an das Verwerfen von Christus und das Verleugnen des Christentums denkst du nicht im Entferntesten; im Gegenteil, du sehnst dich nach mehr Gemeinschaft mit Christus; dich verlangt nach mehr Glauben und Liebe; du betrauerst deine Sünden und rufst nach Vergebung. Bedenke auch, dass sie, die abgefallen sind und darum nicht mehr zur Busse erneuert werden können, ganz verhärtet sind und bei ihnen also keine Rede mehr sein kann von Unruhe über ihre Sünde, von Angst über ihren Unglauben und von Selbstvorwürfen über ihre Untreue. Das Gericht des Herrn über ihren Abfall ist gerecht, keine Wirkungen des Heiligen Geistes können mehr in ihrer Seele stattfinden.

Ferner ist es wichtig zu beachten, dass alles, was von denen gesagt wird, die abfallen können, vorhanden sein kann, ohne dass jemand aus Gott geboren und des Lebens teilhaftig ist. Man denke nur an Judas und an Simon, den Zauberer, um zu wissen, dass ein Mensch, ohne aus Gott geboren und des ewigen Lebens teilhaftig zu sein, erleuchtet sein, die himmlische Gabe, das gute Wort Gottes und die Kräfte des zukünftigen Zeitalters geschmeckt haben kann. Judas z. B. verkündigte das Evangelium, tat Wunder und trieb sogar Teufel aus. So geben also die Worte des Paulus gar keinen Grund zu der Irrlehre, dass es einen Abfall der Heiligen gibt, wenn wenigstens unter Heiligen Kinder Gottes, aus Gott Geborene,  verstanden wird. Die Worte des Herrn in Joh. 10, 27-30 sind übrigens in dieser Hinsicht entscheidend. "Meine Schafe hören Meine Stimme, und Ich kenne sie, und sie folgen Mir; und Ich gebe ihnen ewiges Leben; und sie gehen nicht verloren ewiglich, und niemand wird sie aus Meiner Hand rauben. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alles; und niemand kann sie aus der Hand Meines Vaters rauben. Ich und der Vater sind eins."

Das Beispiel, das Paulus hier gebraucht, um seine Meinung deutlich zu machen, lässt uns sehen, dass er nicht an solche denkt, die durch den Heiligen Geist wiedergeboren und durch den Glauben an Chri­stus des ewigen Lebens teilhaftig sind, sondern ausschließlich an die, welche solche Vorrechte vom Chri­stentum empfangen haben, die das Teil jemandes sein können, der  Christus angenommen hat ohne das Leben Gottes empfangen zu haben. Er sagt ja: "Denn das Land, welches den häufig über dasselbe kommenden Regen trinkt und nützliches Kraut hervorbringt für diejenigen, um derentwillen es auch bebaut wird, empfängt Segen von Gott; wenn es aber Dornen und Disteln hervorbringt, so ist es unbewährt und dem Fluche nahe, und sein Ende ist die Verbrennung" (Verse 7-8). Die Ursache, dass das eine Land nützliches Kraut und das andere Dornen und Disteln hervorbringt, liegt im Zustand des Bodens. Das eine Land ist fruchtbar, und das andere ist unfruchtbar. Obschon beide Regen empfangen, bringt das eine nützliches Kraut und das andere Dornen und Disteln hervor. So können auch zwei Menschen unter das Evangelium kommen, der Vorrechte des Christentums teilhaftig werden und eine Zeitlang äußerlich nicht voneinander zu unterscheiden sein; aber der eine, der aus Gott geboren ist, trägt Frucht, während der andere, keine Frucht tragend, zum Abfall kommen kann.

Die Hebräer nun, an die Paulus schreibt, gehörten zu den ersten. Sie waren aus Gott geboren, denn sie hatten Frucht getragen. Paulus ist dessen gewiss. Er sagt zu ihnen: "Wir sind in Bezug auf euch, Geliebte, von bessern und mit der Seligkeit verbundenen Dingen überzeugt, wenn wir auch also reden. Denn Gott ist nicht ungerecht, eures Werkes zu vergessen und der Liebe, die ihr gegen Seinen Namen bewiesen, da ihr den Heiligen gedient habt und dienet" (Verse9-10). Die ernsten Ermahnungen, die er an sie richtete, sollten nicht dazu dienen, seinen Zweifel an ihrer Gemeinschaft mit Christus auszudrücken, sondern, um sie auf die schrecklichen Folgen des Horchens auf die Versuchung Satans hinzuweisen und sie zurückzuhalten vom Begehen eines Pfades, dessen Ende Abfall und ewiges Verderben sein würde.

Man könnte nun noch die Frage stellen, ob es auch jetzt noch solche Abgefallene gibt, von denen Paulus redet. Wenn wir seine Worte buchstäblich nehmen, dann sicher nicht. Der Apostel redet doch von Hebräern, die das Judentum verlassen und Christus als ihren Heiland und Herrn angenommen hatten, und die, wenn sie abfielen, für sich den Sohn Gottes kreuzigten und der Schmach preisgaben (Vers 6). Indem sie das Judentum verließen und das Christentum annahmen, hatten sie sich an der Verwerfung und dem Tode des Christus schuldig erklärt. Indem sie das Christentum abschwuren und zum Judentum zurückkehrten, würden sie den Tod des Christus als gerechtfertigt erklären und deshalb den Sohn Gottes für sich kreuzigen und zur Schau stellen, da sie Ihn dann für einen Gotteslästerer und Betrüger halten würden. Obschon dies auf unsere gegenwärtigen Zustände nicht zutrifft, so ist doch jeder, der das Christentum abschwört und Christus öffentlich verwirft, im Grund des Abfalls schuldig; und in den letzten Tagen der christlichen Kirche auf Erden werden Tausende, indem sie sich in die Arme des Antichrists werfen, sich dieser schrecklichen Sünde schuldig machen, über die dann das Gericht der Verhärtung und schließlich Gottes Rache kommen wird. (Siehe 2. Thess. 2, 11. 12; 1, 7-9.) Die gläubigen Hebräer hatten durch ihren Dienst an den Heiligen und durch ihre guten Werke ihre Liebe für den Namen Jesu bewiesen; Paulus ermahnt sie deshalb, nicht nachzulassen, sondern auf demselben Weg bis ans Ende auszuharren. "Wir wünschen aber sehr, dass ein jeder von euch denselben Fleiß beweise zur vollen Gewissheit der Hoffnung bis ans Ende, dass ihr nicht träge werdet, sondern Nachahmer derer, welche durch Glauben und Ausharren die Verheißungen ererben" (Vers 11-12). Dies führt ihn von selber zur Erinnerung an die Grundsätze, nach welchen der Vater der Gläubigen und des jüdischen Volkes gewandelt war, und an die unaussprechliche Barmherzigkeit Gottes, der seinen Glauben auf wunderbare Weise gestärkt hatte. Gott hatte Abraham die  Verheißung gegeben und in Seiner herablassenden Güte Seine  Verheißung auch mit einem Eid bekräftigt. Und Abraham hatte der  Verheißung geglaubt, obschon er 25 Jahre auf die Erfüllung warten musste und indem er so viel Langmut bewies, hat er die  Verheißung erhalten. Die Hebräer befanden sich hinsichtlich der himmlischen Ruhe und der himmlischen Herrlichkeit im gleichen Zustand. "Gott ist, da Er den Erben der  Verheißung die Unwandelbarkeit Seines Ratschlusses überschwänglich beweisen wollte, mit einem Eide ins Mittel getreten, dass wir durch zwei unveränderliche, Dinge, wobei es unmöglich war, dass Gott lügen sollte, einen starken Trost hätten" (Verse 17-18).

Diese zwei unveränderlichen Dinge sind: die  Verheißung und der Eidschwur. Wenn Gott, der nicht lügen kann, etwas  Verheißt, dann muss das für den Glauben genügend sein; aber Gott, der Herr, der die Schwäche des Glaubens kennt, hat in Seiner herablassenden Güte Seine  Verheißung mit einem  Eid bekräftigt, da schon zwischen den Menschen der Eid ein Ende alles Widerspruchs ist zur Bestätigung. Diese Güte Gottes ist also für uns, die Erben der  Verheißung sind, ein starker Trost. Gottes  Verheißungen, wie lange sie auch hinausgeschoben scheinen, scheitern nicht. Wir können mit ihrer Erfüllung rechnen, da ja Gott bei sich selber geschworen hat, dass Seine  Verheißungen bestimmt in Erfüllung gehen werden. Tun wir wie Abraham, dann zweifeln wir nicht an Gottes  Verheißungen durch Unglauben und werden durch Glauben und Ausharren die  Verheißungen ererben.

Doch diese Gewissheit der Gläubigen über die Unfehlbarkeit der  Verheißungen Gottes hat noch eine viel größere Bestätigung erhalten. Wir, die Erben der  Verheißung, haben "Zuflucht genommen zum Ergreifen der vor uns liegenden Hoffnung, welche wir als einen sichern und festen Anker der Seele haben, der auch in das Innere des Vorhangs hineingeht, wohin Jesus als Vorläufer für uns eingegangen ist, welcher Hoherpriester geworden in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks" (Verse 18-20). Jesus ist in das Innere des Vorhangs, in das himmlische Heiligtum eingegangen als unser Vorläufer. Hieraus folgt, dass das himmlische Heiligtum der Ort unserer Bestimmung ist. Denn wo ein Vorläufer ist, da müssen auch welche sein, die folgen. Ist Jesus unser Vorläufer in das himmlische Heiligtum geworden, dann folgen wir Ihm dorthin. Das ist die vor uns liegende Hoffnung, die wir ergriffen haben. Diese Hoffnung ist wie ein Anker der Seele. Ein Schiff, das im Strom liegt, wird durch den Anker festgehalten. Dieser Anker muss sicher und fest im Boden liegen, nicht im Triebsand, sonst werden Anker und Schiff vom Strom mitgerissen. Unser Anker, die vor uns liegende Hoffnung, liegt sicher und fest im Innern des Vorhangs, im himmlischen Heiligtum. Die vor uns liegende Hoffnung ist der Anker unserer Seele; unsere Seele geht ins Innere des Vorhangs und schaut dort Jesus als unseren Vorläufer. Unser Glaube hat also nicht nur Gottes  Verheißung und Gottes Eid, sondern überdies in Jesus einen Bürgen für die Erfüllung dieser  Verheißungen.

Lasst uns zugleich beachten, dass der doppelte Charakter des Segens, auf den dieser Brief hinweist, hier dargestellt wird in Verbindung mit dem Messias. Jesus ist als Vorläufer für uns in den Himmel eingegangen, und Er ist dort, für die gegenwärtige Zeit, unser Hohepriester. Wir gehören also zum Himmel und haben dort einen Hohenpriester. Aber es ist ein Hohepriestertum nach der Ordnung Melchisedeks, wodurch das aaronitische Priestertum ganz auf die Seite gestellt ist, das aber zugleich unseren Blick auf die Zukunft Israels richtet und auf das Königtum des Christus, das noch nicht geoffenbart ist. Die himmlischen Segnungen der Erben der  Verheißung, die eine himmlische Berufung haben, und die irdischen Segnungen für das Volk Israel, von den Propheten  Verheißen, sind beide mit dem Glauben an Jesus, den Messias und Sohn Gottes, verbunden.

KAPITEL 7

Am Schluss des sechsten Kapitels ist Paulus zu dem Gegenstand zurückgekehrt, den er im fünften zu besprechen anfing, dessen Behandlung er aber abgebrochen hatte, weil der traurige Zustand, in dem die gläubigen Hebräer sich befanden, ihm vor Augen stand. Gott hat Christus, der in das himmlische Heiligtum eingegangen ist, als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks begrüßt. In Bezug auf diesen Melchisedek hatte Paulus vieles zu sagen und zu erklären. Es war aber schwierig bei solchen Gläubigen, die träge zum Hören geworden waren; aber er geht doch dazu über, nachdem er sie vor der Gefahr, der sie ausgesetzt waren, eindringlich gewarnt und ihren Blick auf Gottes herrliche und unwandelbare  Verheißung gerichtet hatte.

Nach Psalm 110 sollte ein anderer Priester aufstehen, der nicht "nach der Ordnung Aarons" genannt würde, sondern der Priester wäre "nach der Ordnung Melchisedeks". Dieser Priester ist unser Herr Jesus Christus. Zu Ihm hat Gott nicht nur gesagt: "Du bist Mein Sohn, heute habe Ich Dich gezeugt"; sondern auch: "Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks." Schon mehrmals hatte Paulus darauf hingewiesen. Aber jetzt war es nötig, die Vortrefflichkeit des Priestertums nach der Ordnung Melchisedeks gegenüber dem Priestertum Aarons zu beweisen.

Dazu führt Paulus seine Leser zurück zu dem bekannten Bericht in 1. Mose 14. Abraham, der sich ganz von der Welt abgesondert hatte und Seine Segnungen allein von Gott, dem Allmächtigen, erwartete, der sich hier auf der Erde als Fremdling aufhielt und seinen Blick auf das himmlische Vaterland gerichtet hatte, kommt dort siegreich zurück von der Schlacht der Könige, die den gerechten, aber weltlich gesinnten Lot mitgenommen hatten. Er begegnet Melchisedek, dem König von Salem, Priester des höchsten Gottes, der den müden Streitern nach dem errungenen Sieg Brot und Wein brachte und ihr Auge auf Gott, den Höchsten, richtete, der Himmel und Erde besitzt. Treffendes Vorbild von dem, was bald stattfinden wird, wenn der Messias, der Priester-König, unser Herr Jesus Christus, kommen wird auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit, um nach dem Willen und durch die Macht Gottes alle Seine Feinde zum Schemel Seiner Füße zu legen. Sein Ihn erwartendes Volk wird Er dann segnen und erquicken mit dem, was stärkt und das Herz erfreut, wovon Brot und Wein die Symbole sind.

Doch es ist nicht das, worauf Paulus vornehmlich die Aufmerksamkeit seiner Leser richtet, wiewohl wir daran durch die Art seiner Darstellung erinnert werden. Vor allem geht es ihm hier um das Priestertum des Christus, wie es in Psalm 110 angekündigt wird, und demzufolge stellt er uns die Herrlichkeit, Schönheit und Vortrefflichkeit von Christus als Priester vor.

Melchisedek ist das Vorbild von Christus. Melchisedek war nicht der Sohn Gottes selber, wie es von vielen vermutet und gelehrt wurde, die sich zum Beweis für ihre Ansicht auf die geheimnisvolle Art berufen, in der er plötzlich in der Geschichte auftritt, um ebenso schnell wieder zu verschwinden und nie mehr genannt zu werden. Paulus widerspricht dieser Ansicht aufs Bestimmteste, indem er sagt, "dass dieser Melchisedek dem Sohne Gottes verglichen ist" (Vers 3). Melchisedek war also nicht eine Erscheinung des Sohnes Gottes, wie wir das im Alten Testament mehrmals antreffen, sondern er war eine wirklich auf Erden lebende Person, die dem Sohn Gottes verglichen ist. Gott hat ihm seinen Platz angewiesen und seinen Dienst geschenkt und ließ ihn nach der Schlacht der Könige dem Abraham entgegengehen, damit er ein Vorbild Seines Sohnes, des Königs von Israel, unseres großen Hohenpriesters, würde. Merkwürdiger Beweis für die Absicht, die Gott nicht nur hatte bei der Mitteilung der Begebenheit im Alten Testament, sondern auch bei der Lenkung der Ereignisse. Von der ganzen alttestamentlichen Verwaltung - sowohl der Zeremonien und Schatten, als auch der Geschichte - ist der Herr, Christus Selbst, der Gegenstand. Im Blick auf Ihn, um Ihn darzustellen, abzubilden, zu verherrlichen, Seine vielseitige Schönheit und Vortrefflichkeit aufzuzeigen, hat Gott alles so stattfinden lassen.

"Denn dieser Melchisedek, König von Salem, Priester Gottes, des Höchsten, der Abraham entgegenging, als er von der Schlacht der Könige zurückkehrte, und ihn segnete, welchem auch Abraham den Zehnten zuteilte von allem; der erstlich verdolmetscht König der Gerechtigkeit heißt, sodann aber auch König von Salem, das ist König des Friedens, ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlechtsregister, weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens habend, aber dem Sohne Gottes verglichen, bleibt Priester auf immerdar" (Verse 1-3).

Welch ein schönes, herrliches Vorbild unseres Herrn Jesus Christus! Melchisedeks Name bedeutet: "König der Gerechtigkeit", und er war König der Stadt Salem (später Jerusalem), welches "Friede" bedeutet; so war er also König der Gerechtigkeit und König des Friedens. Aber zugleich war er Priester Gottes, des Höchsten, von Abraham anerkannt und geehrt; und als solcher war er ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlechtsregister, weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens habend. Als Mensch hatte er Vater und Mutter, ein Geschlechtsregister, Beginn und Ende des Lebens, aber als Priester nicht. In seinem Geschlecht war er der einzige Priester. Sein Vater war kein Priester und seine Nachkommen auch nicht, so dass er in seinem Geschlecht stets der einzige Priester blieb. In diesem allem ist er dem Sohne Gottes zu vergleichen. Der Sohn Gottes ist König und Priester - König der Gerechtigkeit und König des Friedens, und Priester des höchsten Gottes. Wiewohl Er als Mensch eine Mutter und ein Geschlechtsregister hatte, so stand Er als Priester allein in Seinem Geschlecht. Als Priester weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens habend, bleibt Er nach der Ordnung Melchisedeks Priester auf immerdar.

Merkwürdig ist der Name Gottes, der durch Melchisedek dem Abraham bekannt gemacht wird. Abraham kannte Gott als "den Allmächtigen", El-Schaddai, und hatte auf Ihn sein ganzes Vertrauen gesetzt. Doch nachdem er den Sieg über die Könige errungen hatte, wird ihm Gott als der Höchste geoffenbart, der Himmel und Erde besitzt. Als den Höchsten hat Nebukadnezar, dessen Macht erniedrigt worden war, Gott anerkannt und angebetet. Und als der Höchste wird Gott sich offenbaren in dem herrlichen Königreich des Christus, wenn die Macht der Völker zerbrochen und die Throne der Fürsten dieser Erde gestürzt sein werden. Daher wird in den Psalmen, in denen die Herrlichkeit des Königreichs des Christus besungen wird, Gott meistens der Höchste genannt, wobei auch beachtet zu werden verdient, dass der Erbe von Gottes  Verheißungen der große Sieger über alle Feinde ist (siehe Psalm 91), da nach Gottes Ratschluss in der Fülle der Zeiten alles, was im Himmel und was auf der Erde ist, unter ein Haupt zusammengebracht werden muss. (Siehe Eph. 1.)

"Schauet aber, wie groß dieser war!" Selbst Abraham, der Erzvater, gab den Zehnten der Beute an Melchisedek. In Abrahams Lenden nun war Levi. So hat denn Levi, der nach dem Gesetz vom Volk den Zehnten empfing, durch Abraham den Zehnten gegeben. Und Melchisedek, der kein Geschlechtsregister aus Levi hatte, hat von Abraham den Zehnten genommen, und überdies als Priester des Höchsten den Abraham, der doch die  Verheißung hatte, gesegnet. Ohne allen Widerspruch aber wird das Geringere vom Besseren gesegnet. Und so hat Abraham in zweierlei Hinsicht die Überlegenheit Melchisedeks anerkannt. Da nun Christus von Gott als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks begrüßt worden ist, so ist dadurch die Vortrefflichkeit und Überlegenheit Seines Priestertums gegenüber demjenigen Aarons aufs deutlichste bewiesen.

Es ist also eine Änderung des Priestertums, und dadurch tritt die Unvollkommenheit des levitischen Priestertums ans Licht; denn, sagt Paulus, "wenn nun die Vollkommenheit durch das levitische Priestertum wäre, welches Bedürfnis war noch vorhanden, dass ein anderer Priester nach der Ordnung Melchisedeks aufstehe und nicht nach der Ordnung Aarons genannt werde?" (Vers 11). Und da das Volk das Gesetz empfangen hat in Verbindung mit dem levitischen Priestertum, so findet notwendig auch eine Änderung des Gesetzes statt, wenn das Priestertum geändert wird (Vers 12). Dies ergibt sich erstens daraus, dass unser Herr aus Juda entsprossen ist, zu welchem Stamme Mose nicht in Bezug auf Priester geredet hat, und aus welchem niemand des Altars gewartet hat. Und zweitens ist es noch weit augenscheinlicher, wenn, nach der Gleichheit Melchisedeks, ein anderer Priester aufsteht, der es nicht nach dem Gesetz eines fleischlichen Gebots geworden ist -, wie Aaron, dessen Söhne Priester waren und dazu in ununterbrochener Abstammung -, sondern nach der Kraft eines unauflöslichen Lebens. Denn von Ihm wird in Psalm 110 gesagt: "Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks" (Verse 13-17). Bei dieser Beweisführung denke man daran, dass Paulus an Christen schreibt, die Christus als den wahren Messias erkannt und angenommen hatten, aber in Gefahr standen, zu den jüdischen Einrichtungen zurückzukehren.

Was würden sie doch verlieren, wenn sie das täten! Die Abschaffung des vorhergehenden Gebotes war geschehen wegen seiner Schwachheit und Nutzlosigkeit denn obschon das Gesetz gut und der Ausdruck von Gottes Willen für den Menschen hier auf Erden war, so hatte dieses Gesetz nichts zur Vollendung gebracht. Die Kluft zwischen Gott und dem Menschen blieb bestehen. Gott war immer vollkommen; Sein Handeln als Mensch war vollkommen, und Er handelte auch stets nach der göttlicher Vollkommenheit. Das konnte nicht anders sein. Hätte Er anders gehandelt, würde Er aufgehört haben, Gott zu sein. Da aber die Sünde gegenwärtig war, konnte das Gesetz keine Hilfe bringen, sondern nur verurteilen. Die Satzungen und Zeremonien des Gesetzes waren entweder Schatten der zukünftigen Güter oder ein schweres Joch, das weder unsere Väter noch wir haben tragen können, wie Petrus an der Synode zu Jerusalem sagte. Durch das Priestertum des Christus haben wir "die Einführung einer bessern Hoffnung, durch welche wir Gott nahen" (Verse 18-19). Unter dem Gesetz blieb der Mensch stets fern von Gott und das Gewissen wurde vor Gott nie vollkommen. Unter der Gnade aber wird die Seele zu Gott gebracht, der in Liebe und Gerechtigkeit sich geoffenbart hat. Es ist eine vollkommene Sühnung geschehen. Der Vorhang ist zerrissen und unser Hoherpriester ist im Himmel. Und wenn Er kommt, dann kommen wir mit Ihm.

Doch es war nicht nur eine bessere Hoffnung, durch die wir jetzt schon Gott nahen, sondern es sollte auch ein besserer Bund kommen als der, den Israels Sünde gebrochen hatte. Das Priestertum Aarons war nicht mit Eidschwur; das Priestertum des Christus hingegen wohl. Das wird in Psalm 110 ausdrücklich gesagt. Es geht daraus klar hervor, dass der Bund, den Gott in den letzten Tagen mit Seinem Volk machen wird, ein besserer Bund ist. "Und inwiefern dies nicht ohne Eidschwur geschah, insofern ist Jesus eines besseren Bundes Bürge geworden" (Verse 20-22). Jesus, nach der Ordnung Melchisedeks Priester in Ewigkeit, ist Bürge geworden eines besseren Bundes. Als Hoherpriester im Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, bürgt Er dafür, dass der bessere Bund, den Gott Israel  Verheißen hat und über den Paulus im folgenden Kapitel ausführlich schreibt, kommen wird.

Das griechische Wort, das mit "Bürge" übersetzt ist, kommt nur hier vor, und zwar in Verbindung mit dem besseren Bund, den Gott Israel  Verheißen hat. Die Meinung der Worte des Paulus ist hier keineswegs, dass Christus unser Bürge vor Gott geworden ist, weil Er die Schuld, die wir hätten bezahlen müssen, stellvertretend auf sich genommen hat (wie wahr dies auch ist); sondern die Meinung ist, dass Christus, der das Sühnungswerk vollbracht hat und als Hoherpriester zur Rechten Gottes im himmlischen Heiligtum weilt, uns dafür bürgt, dass der Neue Bund mit Israel einmal aufgerichtet werden wird.

Doch noch in anderer Hinsicht war das Priestertum des Christus vortrefflicher als das Priestertum Aarons. Es war unveränderlich. "Und jener sind mehrere Priester geworden, weil sie durch den Tod verhindert waren zu bleiben, dieser aber, weil Er in Ewigkeit bleibt, hat ein unveränderliches Priestertum" (Verse 23-24). Aaron starb, Jesus stirbt nicht mehr; Er lebt in Ewigkeit. Aaron hatte Nachfolger; Jesus war nach der Ordnung Melchisedeks ohne Anfang der Tage und Ende des Lebens. "Daher vermag Er auch völlig zu erretten, die durch Ihn Gott nahen, indem Er immerdar lebt, um sich für sie zu verwenden" (Vers 25). Da unser Hoherpriester immerdar im himmlischen Heiligtum lebt, um uns bei Gott zu vertreten, so kann Er alle, die durch Ihn, durch Sein Opfer und Priestertum, Gott nahen, die mit Freimütigkeit in Gottes Gegenwart erscheinen und mit Gott Gemeinschaft haben, völlig bewahren bis ans Ende ihrer Laufbahn, durch alle Schwierigkeiten, Gefahren und Versuchungen hindurch.

Nach dieser Darlegung der Vortrefflichkeit des Hohenpriestertums des Christus ruft Paulus voll Bewunderung und Freude aus: "Denn ein solcher Hoherpriester geziemte uns: heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern und höher als die Himmel geworden, der nicht Tag für Tag nötig hat, wie die Hohenpriester, zuerst für die eigenen Sünden Schlachtopfer darzubringen, sodann für die des Volkes, denn dieses hat Er ein für allemal getan, als Er sich selbst geopfert hat" (Verse 26-27).

Merkwürdige und herrliche Worte! Um so merk­würdiger, weil Paulus am Anfang dieses Briefes ge­sagt hat, dass es Gott geziemte, Christus leiden zu lassen, während er hier sagt, dass es uns geziemte, einen solchen Hohenpriester zu haben. Es geziemte Gott, dass Christus herabstieg in die untersten Teile der Erde; es geziemte uns, dass Christus höher als die Himmel erhoben wurde. Warum? Weil Christen ein himmlisches Volk sind und kein Geringerer als ein himmlischer Priester sie vertreten konnte. Es geziemte Gott, wollte Er uns erlösen, Christus in den Tod zu geben; denn durch die Sünde lagen wir im Tode, und nur der Sühnetod des Herrn konnte uns erlösen. Aber nachdem das Erlösungswerk vollbracht war, wollte Er uns einen Platz im himmlischen Heiligtum geben, und darum mussten wir dort einen Hohenpriester haben. Im vollen Sinn des Wortes heiligte sich Jesus selber für uns, als Er in den Himmel fuhr (Joh. 17, 19). Anstatt eines Priesters, der sich mit uns hier auf Erden verbindet, wo die Sünde und ihre Folgen gefunden werden, haben wir in Christus einen Priester, der unsere Herzen aus dieser gegenwärtigen, bösen Welt ins himmlische Heiligtum erhebt, wo Er zur Rechten Gottes sitzt.

Auf Erden konnte Er sich nicht mit uns verbinden, denn Er war heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern. Der heilige Mensch Christus Jesus konnte sich wohl über die Sünder erbarmen und sie vom Verderben erretten; aber sich mit den Sündern zu vereinigen, war für Ihn unmöglich. Zwischen Ihm und uns sündigen Menschen konnte keine Gemeinschaft bestehen. Zu denken, dass durch Seine Menschwerdung eine Vereinigung des Christus mit der Menschheit stattgefunden hätte, ist ein grober Irrtum, durch den die Verdorbenheit und Verlorenheit des Menschen verkannt und die Herrlichkeit des Christus verdunkelt wird. Nachdem Er aber unsere Sünden getragen und am Kreuz gesühnt hat, und von den Toten auferstanden und höher als die Himmel geworden ist, konnte Er uns zu sich ziehen. (Siehe Joh. 12, 32.) Der Vorhang ist zerrissen, der Himmel offen. Ein für allemal hat unser Hoherpriester, indem Er sich selber opferte, die Sünden Seines Volkes gesühnt und zunichte gemacht.

Es ist also keine Rede von einer Erneuerung des Opfers und einer wiederholten Anwendung des Blutes. Das wahre Kennzeichen des Priestertums des Christus ist, dass es ein solches für immer ist. Das Opfer kann nicht mehr wiederholt werden und braucht es auch nicht, denn es ist allgenugsam; es hat allen heiligen Forderungen Gottes Genüge geleistet; es hat Gott in jeder Hinsicht verherrlicht und eine vollkommene und ewige Sühnung zustande gebracht. Durch dieses Opfer sind alle unsere Sünden gesühnt. Wäre es nicht so, dann könnten sie nicht mehr hinweg getan werden, denn Er opfert sich nicht ein zweites Mal. Er stirbt nicht mehr, sondern Er lebt immerdar, um sich für uns bei Gott zu verwenden. Wer von einer Wiederholung des Opfers spricht, oder von einer fortdauernden Anwendung des Blutes, der verkennt die Vollgültigkeit des Opfers, das Christus gebracht und Gott angenommen hat, und die allgenugsame Kraft Seines Blutes. Kein Wunder, dass ein solcher unruhig und unglücklich seinen Weg geht und keine Freimütigkeit hat, um in Gottes Gegenwart zu erscheinen. Auf dieses Opfer vertrauend und uns stützend auf dieses Blut, wandeln wir im Licht, gleichwie Gott im Licht ist. Und bald werden auch wir dort wohnen, wo der Hohepriester als unser Vorläufer eingegangen ist.

"Denn das Gesetz bestellt Menschen zu Hohenpriestern, die Schwachheit haben; das Wort des Eidschwurs aber, der nach dem Gesetz gekommen ist, einen Sohn, vollendet in Ewigkeit" (Vers 28). Christus war hier auf der Erde wahrer Mensch, aber heilig und vollkommen. Er konnte den Aussätzigen anrühren und heilen, ohne selbst aussätzig zu werden. Dennoch konnte Er als heiliger Mensch sich nicht mit uns Sündern verbinden; alle Gemeinschaft kann nur von dem Boden des Sühnungswerkes aus geschehen. Jetzt nach vollendetem Werke kann Christus alle zu sich ziehen. Er ist jetzt unser Hohepriester - nach den Vorbildern des Alten Testaments droben im himmlischen Heiligtum. Nur der Sohn konnte Hoherpriester werden; das Wort des Eidschwurs hat Ihn für uns eingesetzt. Ist das nicht eine kostbare Bürgschaft für uns, dass wir ewiglich im Genuss all der herrlichen Vorrechte bleiben sollen, die uns durch Christus geworden sind?

KAPITEL 8

Der unumstößliche Beweis ist nach dem Vorhergesagten gegeben, dass Jesus als Hoherpriester zur Rechten Gottes sitzt. Darum lässt Paulus als Resultat all des Gesagten jetzt folgen: "Die Summe dessen aber, was wir sagen, ist: Wir haben einen solchen Hohenpriester, der sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones der Majestät in den Himmeln, ein Diener des Heiligtums und der wahrhaftigen Hütte, welche der Herr errichtet hat, nicht der Mensch" (Verse 1-2).

Die Sache, um die es geht und worauf unser Friede beruht, ist, dass unser Hoherpriester zur Rechten des Thrones der Majestät in den Himmeln sitzt. Es ist nichts mehr übrig geblieben, was wir tun müssten. Das Werk der Sühnung und Erlösung von Sünden ist vollbracht. Die Sünden sind gesühnt. Die Sünde ist zunichte gemacht. Am Kreuz war unser Herr das Opfer für unsere Sünde. Dort trug Er unsere Sünden, und dort wurde Er zur Sünde gemacht. Er opferte sich selbst Gott und übergab sich Ihm, um an unserer Statt gestraft und gerichtet zu werden. Er wurde demzufolge von Gott verlassen und erlitt den Tod als Lohn der Sünde. Gott wurde durch Ihn völlig verherrlicht und Seiner Gerechtigkeit wurde in jeder Hinsicht Genüge getan. Darum erweckte Ihn Gott aus den Toten. Wir wurden mit Ihm lebendig gemacht. Aber dann musste Er unser Hoherpriester werden. Auf Erden konnte Er das nicht sein, denn dort gab es Priester nach dem Gesetz. Er fuhr auf in den Himmel, trug das Blut der Sühnung, Sein eigenes Blut - bildlich gesprochen - in das himmlische Heiligtum vor den Thron des gerechten Gottes. Gott nahm es an und gab unserem Hohenpriester einen Platz zu Seiner Rechten. Dort sitzt Er, bis Seine Feinde zum Schemel Seiner Füße gelegt sein werden.

Beachten wir den Unterschied zwischen den Worten hier und denen im ersten Kapitel: "Nachdem Er durch sich selbst die Reinigung der Sünden bewirkt, sich gesetzt hat zur Rechten der Majestät in der Höhe", so lesen wir dort in Vers 3. Einem solchen geziemte kein anderer Platz. Er, der durch Seine eigene Kraft die Reinigung von den Sünden vollbracht hatte, konnte sich kraft Seiner Rechte und Seiner Herrlichkeit zur Rechten Gottes setzen. Aber im vorliegenden Kapitel sehen wir Jesus nicht zur Rechten Gottes sitzen zum Beweis Seiner persönlichen Vollkommenheit und Herrlichkeit, sondern als unseren Hohenpriester; und darum wird nicht gesagt: "in der Höhe", sondern "in den Himmeln". Er war als göttliche Person erwiesen und der wahre König-Priester, von dem nicht Aaron, sondern Melchisedek das Vorbild war. Darum sitzt Er zur Rechten des Thrones der Majestät in den Himmeln. Unser Hoherpriester befindet sich im Heiligtum, so dass wir Gewissheit haben, dass alles durch Ihn in Ordnung gebracht ist, da Sein Werk zu unserer Versöhnung vollendet ist. Und dieses Heiligtum ist nicht auf Erden sondern in den Himmeln, wohin wir nun freien Zugang haben. Welch ein Vorrecht! Welch eine erhabene Stellung! Wer von den Heiligen des Alten Bundes hätte solches für möglich gehalten? Sie durften nicht einmal in das irdische Heiligtum hineingehen; der Vorhang verhinderte das; wir aber dürfen das himmlische Heiligtum, Gottes eigene Wohnung, betreten. Mose und Elias gingen auf dem Berg der Verklärung in die Wolke, in der Gott, der Herr, wohnte, denn aus der Wolke kam die Stimme: "Dies ist Mein geliebter Sohn, Ihn höret!", und die Jünger fürchteten sich, als sie Mose und Elias in die Wolke hineingehen sahen. Das ist der Unterschied zwischen dem Zustand unter dem Gesetz und jetzt, nachdem die Erlösung vollbracht ist.

Hast du das verstanden, lieber Leser? Ruht dein Herz in diesem allgenugsamen Opfer? Siehst du deinen Hohenpriester im himmlischen Heiligtum zur Rechten Gottes? Erfüllt es deine Seele mit Friede und Freude, dass du ohne Furcht vor Gottes Angesicht erscheinen kannst? Was sage ich: ohne Furcht? nein, mit Freude und Dankbarkeit. Denn hohes Glück und Dank muss unsere Herzen erfüllen, da wir mit aller Freimütigkeit vor Ihn treten können, der als Richter uns hätte verurteilen und uns für immer von Seinem heiligen Angesicht hätte entfernen müssen, der jedoch Seinen Sohn für uns dahingab, damit Er durch das Erdulden der Strafe eine vollkommene Sühnung zustande brächte und uns in Seine Gemeinschaft aufnehmen könnte.

Wir haben also einen Hohenpriester, der zur Rechten des Thrones der Majestät in den Himmeln sitzt; und Er ist dort ein Diener des Heiligtums und der wahrhaftigen Hütte. Die Stiftshütte in der Wüste war nicht die wahre Hütte; sie war wohl nach dem Vorbild gemacht, das Mose von Gott, dem Herrn, auf dem Berg gezeigt worden war, aber sie war doch von Menschen verfertigt und errichtet. Die wahre Hütte ist im Himmel, und die Priester, die nach dem Gesetz die Gaben opferten, dienten als Vorbild und Schatten der himmlischen Dinge (Verse 3-5). Diese Hütte hat der Herr errichtet, nicht ein Mensch. In ihr ist unser Hoherpriester zur Rechten des Thrones der Majestät gesetzt, und in diesem himmlischen Heiligtum ist Er der Diener, der dort immerdar lebt, um sich für uns zu verwenden, uns auf Seiner Brust und Seinen Schultern zu tragen, für uns betend einzustehen und uns in all unseren Schwachheiten zu Hilfe zu kommen.

Anstelle eines Hohenpriesters von den Menschen nach der Ordnung Aarons haben wir hier einen Hohenpriester nach der Ordnung Melchisedeks, den Sohn Gottes. An Stelle eines Priesters, der alljährlich aufs neue opfern musste, haben wir einen Hohenpriester, der einmal ins Heiligtum eingegangen ist. Da Er eine ewige und vollkommene Sühnung zustande gebracht hat, sitzt Er jetzt zur Rechten Gottes. Anstatt der irdischen Hütte haben wir das himmlische Heiligtum, in das wir mit aller Freimütigkeit hineingehen können. Und ebenso, sagt Paulus, wird an Stelle des Alten Bundes ein neuer Bund errichtet werden. Mose, "der eine göttliche Weisung empfing, die Hütte aufzurichten", war der Mittler des Alten Bundes; aber Christus, der als Diener des himmlischen Heiligtums einen vortrefflicheren Dienst erlangt hat, ist ",Mittler eines bessern Bundes geworden, der auf Grund besserer  Verheißungen gestiftet ist" (Vers 6). In Jeremia 31, 31-34, welche Verse hier von Paulus vollständig angeführt werden, wird dieser bessere Bund  Verheißen, woraus folgt, dass der erste Bund verschwinden musste; denn wenn der erste Bund tadellos gewesen wäre, so wäre für einen zweiten keinen Raum gesucht worden (Vers 7). Auf Grund der von Gott an Israel gegebenen eigenen Weissagungen und  Verheißungen, musste der erste Bund mit all seinen Schatten und Zeremonien weichen, um einem Neuen Bund Platz zu machen, von dem unser himmlischer Hoherpriester der Mittler ist.

Die Lehre über den Bund wird von vielen nicht recht verstanden; es ist darum nötig, hier ein wenig still zu stehen. Wiewohl in der Schrift von verschiedenen Bündnissen die Rede ist, wie unter anderem vom Bund mit Noah und Abraham, so haben wir es doch bei der Lehre bezüglich des Bundes nur mit dem Bund zu tun, den Gott mit Israel in der Wüste machte, und mit dem Bund, der in den letzten Tagen mit dem israelitischen Volk aufgerichtet werden wird. Denn wo vom ersten oder alten Bund geredet wird, da wird der Bund gemeint, den Gott, der Herr, mit Israel in der Wüste machte; und wo die Rede ist vom zweiten oder neuen Bund, da gilt dies dem Bund, der nach der Weissagung Jeremias in den letzten Tagen mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda vollzogen werden wird. Die Worte Jeremias lassen hierüber keinen Zweifel. "Siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, da werde Ich in Bezug auf das Haus Israel und in Bezug auf das Haus Juda einen neuen Bund vollziehen, nicht nach dem Bunde, den Ich mit ihren Vätern machte an dem Tage, da Ich ihre Hand ergriff, um sie aus dem Lande Ägypten herauszuführen; denn sie blieben nicht in Meinem Bunde, und Ich kümmerte mich nicht um sie, spricht der Herr" (Verse 8-9).

Deutlich steht hier der Bund, den Gott mit Israel in der Wüste machte, dem Bund gegenüber, den Er Israel in den letzten Tagen zu vollziehen verhieß. Beim ersten Bund waren sie nicht geblieben, und der Herr hatte sie demzufolge verworfen; der zweite Bund muss noch aufgerichtet werden, denn, so fährt Gott bei Jeremia fort, "dies ist der Bund, den Ich dem Hause Israel errichten werde nach jenen Tagen: Indem Ich Meine Gesetze in ihren Sinn gebe, werde Ich sie auch auf ihre Herzen schreiben, und Ich werde ihnen zum Gott, und sie werden Mir zum Volke sein. Und sie werden nicht ein jeder seinen Mitbürger und ein jeder seinen Bruder lehren und sagen. Erkenne den Herrn! denn alle werden Mich erkennen vom Kleinen bis zum Grossen unter ihnen. Denn Ich werde ihren Ungerechtigkeiten gnädig sein, und ihrer Sünden und ihrer Gesetzlosigkeiten werde Ich nie mehr gedenken " (Verse 10-12). Wir wissen, dass diese  Verheißung noch nicht in Erfüllung gegangen ist. Das israelitische Volk verharrt bis auf den heutigen Tag in seinem Unglauben; es hat noch immer eine Decke auf seinem Herzen und befindet sich noch unter dem Gericht des Herrn. Erst wenn die Fülle der Völker, d. h. die Vollzahl der Auserwählten Gottes aus den Nationen in die himmlische Wohnung eingegangen sein wird, erst dann soll ganz Israel errettet werden (Römer 11, 25. 26). In ihr Land zurückgebracht, werden sie alle zum Herrn bekehrt sein, und in Seinen Wegen wandeln.

Wohl wird dagegen angeführt, dass wir nicht an das israelitische Volk, sondern an das geistliche Israel denken müssen, worüber im Brief an die Galater gesprochen wird; doch dem steht die Weissagung Jeremias entgegen. Erstens sagt Er: "Siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, da werde Ich in Bezug auf das Haus Israel und in Bezug auf das Haus Juda einen Bund vollziehen." Wenn wir nun unter dem Haus Israel das geistliche Israel verstehen müssen, was ist dann das Haus Juda? Diese Erklärung stimmt also nicht. Der Prophet macht einen deutlichen Unterschied zwischen den zehn und den zwei Stämmen, die Jahrhunderte hindurch getrennt waren, doch wieder vereinigt werden sollen, und mit denen der Herr einen neuen Bund aufrichten wird. Zweitens wird ausdrücklich gesagt, dass Jehova mit demselben Volk, mit dem Er einen Bund machte, als Er es aus Ägypten geführt hatte, einen neuen Bund aufrichten wird. Und drittens ergibt sich deutlich aus den Worten: "Und sie werden nicht ein jeder seinen Mitbürger und ein jeder seinen Bruder lehren und sagen: Erkenne den Herrn! denn alle werden Mich erkennen vom Kleinen bis zum Grossen unter ihnen", dass hier vom israelitischen Volk und keineswegs vom geistlichen Israel gesprochen wird. Für ein "geistliches Israel" hätten diese Worte ganz und gar keinen Sinn. Ferner ergibt sich aus der Beweisführung des Paulus, dass er über den Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten, zwischen dem alten und dem neuen Bund spricht, den Gott mit Israel aufgerichtet hat und aufrichten wird. Dafür ist der verherrlichte Jesus Bürge geworden (Kapitel 7, 22). Sobald eine Schuld bezahlt ist, verfällt die Bürgschaft. Da nun Jesus für einen besseren Bund Bürge geworden ist, so ist dadurch bewiesen, dass dieser Bund noch nicht aufgerichtet ist.

Aber welches ist der Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Bund? Um diese Frage gut beantworten zu können, müssen wir erst feststellen, was ein Bund überhaupt ist. Ein Bund ist eine Übereinkunft zwischen zwei Parteien auf Grund von Bedingungen, die von beiden Partnern gestellt und angenommen werden. Solch ein Bund war es, den Gott mit Seinem Volke machte, an dem Tag, als Er sie mit starker Hand aus Ägypten herausführte. Der Herr sagte zu Israel: "Wenn ihr fleißig auf Meine Stimme hören und Meinen Bund halten werdet, so sollt ihr Mein Eigentum sein aus allen Völkern." Unter den Zeichen Seiner Majestät und Heiligkeit - Donner, Blitz, Posaunenschall und Feuer - gab Er ihnen das Gesetz, die zehn Gebote; und obschon das Volk sich fürchtete und glaubte, sterben zu müssen, so sagten sie doch drei Mal: "Alles, was Jehova geredet hat, wollen wir tun." (Siehe 2. Mose 19, 20 und 24.) Siehe da, ein Bund in der wahren Bedeutung des Wortes. Gott verhieß Seine Segnungen unter der Bedingung des Haltens Seiner Gebote; und Israel versprach Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes, um dadurch in Gottes Gunst zu stehen und Seiner Segnungen teilhaftig zu werden. Die Bedingungen waren gestellt und angenommen und also der Bund geschlossen. Aber dieser Bund wurde von Israel gebrochen. Sollte der Mensch, der tot ist in Sünden und Vergehungen und nicht imstande ist, etwas Gutes zu tun, sich durch das Halten von Gottes Geboten das Leben erwerben und sich der Gunst Gottes würdig machen können? Unmöglich. Bevor denn auch das Gesetz, das auf den steinernen Tafeln von Gottes Finger geschrieben war, in das Lager gebracht wurde, war dieses Gesetz bereits durch Israel in seinem vornehmsten Gebot übertreten worden. "Sie blieben nicht in Meinem Bund, und Ich kümmerte Mich nicht um sie, spricht der Herr." Aber wusste denn Gott nicht, dass dies die notwendige Folge des Abschlusses eines Bundes mit Israel sein musste? Gewiss! Und warum schloss Er denn diesen Bund? Warum gab Er das Gesetz? Um dem Menschen, der sich imstande wähnte, Gottes Gebote halten zu können, den Beweis zu liefern, dass es ihm nicht möglich ist. "Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde. Das Gesetz kam daneben ein, damit die Übertretung überströmend würde. Wo ein Gesetz ist, wird die Sünde nicht als Übertretung zugerechnet." (Siehe Römer 3, 20; 5, 13 und 20.)

Durch das, was mit Israel in der Wüste vom Sinai geschah, ist also deutlich bewiesen, dass kein Mensch in einem derartigen Bund mit Gott bestehen kann. Mit welchem Volk oder mit welchem Menschen der Herr einen solchen "Bund der Werke", wie wir es nennen können, aufgerichtet hätte, dieser Bund wäre stets gebrochen worden. Der Herr Seinerseits bleibt treu, der Mensch aber erweist sich als untreu und kommt dadurch unter das Gericht und den Fluch. "Verflucht ist jeder, der nicht bleibt in allem, was im Buche des Gesetzes geschrieben ist."

Aber der Herr ist gnädig und von großer Güte. Er  Verheißt in Jeremia, dass Er mit Seinem Volk einen neuen Bund aufrichten wird. Das ist ein Bund ganz anderer Art. Er ist, so sagt der Herr selbst, "nicht nach dem Bund, den Ich mit, ihren Vätern in der Wüste machte; denn in diesem Bund sind sie nicht geblieben, und Ich kümmerte Mich nicht um sie." Wenn der Herr mit ihnen einen neuen Bund nach den gleichen Grundsätzen und auf dieselbe Weise wie der erste Bund aufrichten würde, dann würde derselbe aufs neue gebrochen werden. Aber gegenüber dem Bund der Werke, in dem sie nicht geblieben sind und nicht bleiben konnten, richtet Er einen Bund der Gnade auf, in dem von Bedingungen keine Rede ist, in dem vom Menschen nichts erwartet und verlangt wird, sondern wo alles von Gott kommt. Dieser Bund bleibt für immer bestehen, weil der Herr bis in Ewigkeit Treue hält. Ihren Vergehungen unter dem ersten Bund wird der Herr gnädig sein, ihrer Sünden und Gesetzlosigkeiten wird Er nicht weiter gedenken. Durch das Blut des Christus, durch das "Blut des ewigen Bundes", wie es im dreizehnten Kapitel dieses Briefes genannt wird, hat Er sie alle gesühnt und für immer weggetan, so dass sie als ein gereinigtes Volk vor Seinem Angesicht stehen und in Seiner Gegenwart, also ohne Vorhang, erscheinen können. Und sie werden, gänzlich erneuert, durch Ihn selbst in den Stand versetzt werden, in Seinen Wegen zu wandeln; denn der Herr wird Seine Gesetze in ihren Sinn geben und sie auf ihre Herzen schreiben. Er wird ihnen zum Gott, und sie werden Ihm zum Volke sein. Alle ohne Unterschied, vom Geringen bis zum Grossen unter ihnen, werden Ihn erkennen.

Dieser Bund, den Gott, der Herr, in den letzten Tagen mit Israel aufrichten wird, ist deshalb ein ganz anderer Bund als der am Sinai geschlossene. In der wahren Bedeutung des Wortes ist es kein Bund, da es keine Übereinkunft zwischen zwei Parteien ist, sondern das Zuströmen der Gnade Gottes zu denen, die außerstande gewesen waren, die Bedingungen, die sie auf sich genommen hatten, zu erfüllen. Nur des Gegensatzes wegen wird er darum ein Bund genannt. Es verhält sich damit wie mit dem Bund, den Gott mit Abraham machte, der auch keine Übereinkunft war zwischen Gott und Abraham, sondern die  Verheißung von Segen und Rechtfertigung von Gottes Seite ohne jede Bedingung, weshalb Paulus im Brief an die Galater, wenn er davon redet, von  Verheißung spricht anstatt von Bund. (Siehe Galater 3.) Bund im allgemeinen Sinn ist also in der Schrift jede Verbindung, in die es Gott gefällt, sich selbst zu stellen, alles, wozu Er sich selbst verpflichtet.

Ein bewährter Bruder sagte: "Nach dem Buchstaben wird dieser Bund mit dem Haus Israel und dem Haus Juda gemacht, aber es ist Gnade." Gott sagt nicht: "Ich werde ihrer nicht mehr gedenken", sondern "ihrer Sünden und ihrer Gesetzlosigkeiten werde Ich nie mehr gedenken." Diese sind vor Seinem Angesicht hinweg getan. Das ist unser Platz. Ein Bund mit dem Menschen als Mensch gemacht läuft notwendig auf die Verurteilung des Menschen hinaus, weil von ihm Gerechtigkeit gefordert wird. Aber hier sagt Gott: "Ich werde Meine Gesetze in ihren Sinn geben." Steht der Mensch unter dem Alten Bund, dann steht er unter einem "wenn". Ist er unter dem neuen, dann gibt es kein "wenn". Dieser Bund nach dem Buchstaben wird mit Israel aufgerichtet, nicht mit uns. Und doch empfangen wir die Segnungen des neuen Bundes: "Dies ist Mein Blut, das Blut des Neuen Bundes, das für viele (nicht nur für Israel) vergossen wird zur Vergebung der Sünden." Da Israel den Segen nicht angenommen hat, hat Gott die Versammlung berufen, und der Mittler des Neuen Bundes ist in den Himmel eingegangen. Wir sind mit diesem Mittler vereinigt. In den letzten Tagen wird der Bund mit Israel geschlossen werden. Paulus war ein Diener des Neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Israel hat keinen Diener des Neuen Bundes nötig, weil alle es erkennen werden, da Gott selbst seine Gesetze in ihre Herzen schreiben wird. Wir haben das Gesetz nicht nach dem Buchstaben, sondern im Geist. Alle geistlichen Segnungen des Neuen Bundes sind unser Teil, da der Mittler unser Leben geworden ist und wir mit Ihm vereinigt sind. Wir haben die Vergebung unserer Sünden, und wir gehen ins Innere des Heiligtums hinein. Wir genießen alle geistlichen Segnungen dieses Neuen Bundes, weil er noch nicht aufgerichtet ist mit dem Volk, für das er bestimmt ist.

Nach der Aufführung der Weissagung Jeremias sagt Paulus: "Indem Er sagt: "einen neuen", hat Er den ersten alt gemacht; was aber alt wird und veraltet, ist dem Verschwinden nahe."  Durch ihre Verwerfung von Christus hielten die Juden noch am ersten Bund fest und die Einsetzungen des Gesetzes und die Zeremonien des Opferdienstes blieben bestehen; aber Gott hatte den ersten Bund für veraltet erklärt, und darum würde bald der Tempel mit seinem Gottesdienst verschwinden und Israel ohne Priester und ohne Altar, von Gott verworfen, auf der Erde umherirren. Wer geistliches Verständnis hatte, trennte sich vom Judentum, verließ die Zeremonien des Gesetzes und kehrte sich zum Mittler des Neuen Bundes im himmlischen Heiligtum, zum großen Hohenpriester, sitzend zur Rechten der Majestät Gottes.

KAPITEL 9

Wäre die Vollkommenheit durch das levitische Priestertum gekommen, dann wäre kein anderes Priestertum nach der Ordnung Melchisedeks nötig gewesen; wäre der erste Bund gehalten worden, dann brauchte kein zweiter, kein neuer Bund zu kommen; so hatte Paulus gesagt. Gab es ein Priestertum nach der Ordnung Melchisedeks, dann verfiel das levitische, und es kam ein neuer Bund, dann ist der erste veraltet und dem Verschwinden nahe. Das war klar und deutlich; doch jetzt muss gezeigt zu werden, warum die alte Haushaltung nicht bleiben konnte. Dies ist es, was nun der Schreiber des Briefes in diesem neunten Kapitel ausführt. Er zeigt, dass unter dem ersten Bund niemand Zugang in die Gegenwart Gottes hatte, da Gott hinter dem Vorhang verborgen war; dass von einem gereinigten Gewissen keine Rede war, weil das Blut von Stieren und Böcken die Sünden nicht wegnehmen konnte, und dass keine vollkommene Erlösung geschaffen war.

Bevor er aber dazu übergeht, verweilt Paulus in ehrfürchtiger Schilderung bei der Stiftshütte und ihrer Einrichtung. Wohl sagt er, dass er über diese Dinge jetzt nicht im einzelnen zu reden wünschte; aber es ist doch merkwürdig, dass er dies alles hier anführt. Es ist, als ob er die Schönheit und Herrlichkeit der Stiftshütte, als von Gott selbst gegeben und eingerichtet, seinen Lesern vor Augen führen wollte, um ihnen dann hernach einen um so tieferen Eindruck über die Schönheit und Herrlichkeit der himmlischen Dinge zu vermitteln, von denen diese Einrichtungen die Sinnbilder waren. Und zugleich will er seine Leser davon durchdringen, dass, wie schön diese Stiftshütte war und welch herrliche Dinge darin auch gefunden wurden, sie nun keine Bedeutung mehr hatte, nachdem die Wirklichkeit von diesem allem in Christus gekommen war, und dass, wer dabei stehen blieb und daran festhielt, kein von Gott gewolltes und gegebenes Heiligtum mehr hatte, sondern ein weltliches Heiligtum. Denn wenn Gott das von Ihm gegebene Heiligtum als veraltet erklärt hat und dem Verschwinden preisgibt, unterscheidet es sich in nichts mehr von den Heiligtümern, die Menschen erstellt haben. In derselben Weise redet Paulus auch im Brief an die Kolosser, über das Gesetz ­­- die Elemente (Grundsätze) der Welt - das, von Gott gegeben, aber von Christus aus der Mitte weggenommen ist.

Bemerkenswert ist, dass hier, obschon im vorhergehenden Kapitel an den Tempel gedacht wird, der bald verschwinden würde, Paulus nicht vom Tempel, sondern von der Stiftshütte spricht. Der Grund ist, dass der Tempel Salomos uns an die tausendjährige Herrlichkeit erinnert, während die Stiftshütte uns an den Zug Israels durch die Wüste denken lässt. Und die Stellung der Christen ist der von Israel in der Wüste gleich. Gottes Volk ist noch nicht in das Land der  Verheißung eingegangen, sondern wandelt noch als Pilgrim und Fremdling auf der Erde; und der Brief an die Hebräer betrachtet, wie wir schon mehrere Male bemerkten, das Volk Gottes ausschließlich als Pilgrime durch diese Welt und Wüste nach dem himmlischen Kanaan. Obschon die Stiftshütte schon lange verschwunden war und Paulus sogar Dinge nennt, die zum Tempel gehören, spricht er doch vorsätzlich über die Stiftshütte, weil sonst das Ziel, das der Heilige Geist in diesem Brief vor Augen hat, verloren ginge, da wir als Christen nicht gleich sind dem Israel im Land, sondern dem Israel in der Wüste.

Nach der Beschreibung der Schönheit und Vortrefflichkeit der Stiftshütte und dessen, was sie enthielt (Verse 1-5), legt Paulus zuerst dar, dass, solange die vordere Hütte bestand, der Weg zum Heiligtum noch nicht offen war. Niemand durfte ins Allerheiligste hineingehen. In die vordere Hütte, nämlich ins Heilige, gingen die Priester zu jeder Zeit, um den Dienst zu vollbringen (Vers 6); aber das Allerheiligste durfte niemand betreten. Nur der Hohepriester musste einmal im Jahr, am großen Versöhnungstag, ins Allerheiligste gehen, aber nicht um Gott zu verehren, sondern um mit dem Blut von Tieren, die er für sich selbst und für die Irrungen des Volkes opferte, Sühnung zu tun. Das Volk durfte nicht weiter gehen als in den Vorhof; die Priester durften nur das Heilige betreten, und der Hohepriester nicht mehr als einmal im Jahr das Allerheiligste (Vers 7). Kein Mensch auf Erden hatte also Zugang zu Gott. Solange nicht die Sünde zunichte gemacht und die Sünden gesühnt waren, konnte niemand vor Gott bestehen. Sogar der Hohepriester musste, sollte er nicht sterben, mit Wolken von Weihrauch die Bundeslade, wo Gott zwischen den Cherubinen Seinen Thron hatte, bedecken. "Wodurch", so sagt Paulus, "der Heilige Geist anzeigt, dass der Weg zum Heiligtum noch nicht geoffenbart ist, solange die vordere Hütte noch Bestand hat" (Vers 8).

Aber jetzt ist der Weg zum Heiligtum geöffnet, der Vorhang zerrissen, der Himmel offen. "Christus aber, gekommen als Hoherpriester der zukünftigen Güter, in Verbindung mit der größeren und vollkommeneren Hütte, die nicht mit Händen gemacht (d. h. nicht von dieser Schöpfung ist), auch nicht mit Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit Seinem eigenen Blute, ist ein für allemal in das Heiligtum eingegangen, als Er eine ewige Erlösung erfunden hatte" (Verse 1-12). Jedes Hindernis ist weggenommen und jeder Gläubige in die Gegenwart Gottes zugelassen. Er hat Zugang zu Ihm in dem Lichte, in dem Er selbst ist. Vollkommene Erlösung! Denn wie könnten wir in Gottes heilige Gegenwart treten, wenn nicht alles, was uns von Ihm trennte, vollkommen weggenommen wäre? Obschon uns hier nicht, wie im Brief an die Epheser, gelehrt wird, dass wir mitversetzt sind in Christus in die himmlischen Örter und unsere Vereinigung mit Christus im vorliegenden Brief nicht behandelt wird, so wird doch die herrliche Tatsache festgestellt, dass wir Zugang haben zu Gott im Heiligtum und mit Freimütigkeit in Gottes heilige Wohnung eingehen können, wo nichts hineinkommen kann, was mit Ihm in Widerspruch wäre.

Doch noch mehr. Wir haben nicht nur Zugang zum himmlischen Heiligtum, sondern wir sind auch, kraft des vollbrachten Werkes des Christus, in eine Stellung gebracht, die uns befähigt, mit Freude von diesem unserem Vorrecht Gebrauch zu machen. Christus hat uns nach dem Gewissen vollkommen gemacht, so dass wir ohne jede Furcht, ohne irgend etwas, das uns hemmt oder beschwert, in das Heiligtum hineingehen können. Bedenken wir wohl, dass ein vollkommenes Gewissen etwas ganz anderes ist als ein unschuldiges Gewissen, das, glücklich in seiner Unschuld, das Böse nicht kennt, aber ebenso wenig weiß, was Gott ist in Seiner Heiligkeit. Ein vollkommenes Gewissen kennt Gott; es ist gereinigt; es hat die Erkenntnis von Gut und Böse in Übereinstimmung mit Gottes Licht und weiß, dass es nach der Heiligkeit Gottes selbst von allen Sünden gereinigt ist. Das Blut von Böcken und Kälbern konnte die, die den Dienst verrichteten, hinsichtlich des Gewissens nicht vollkommen machen; ebenso wenig waren dazu alle die Zeremonien und Vorschriften des Gesetzes und die verschiedenen Waschungen imstande; diese konnten nur das Fleisch reinigen, so dass man äußerlich sich Gott nahen konnte. Eine wirkliche Reinigung von der Sünde, wodurch die Seele in Gottes Gegenwart im Lichte sein kann, mit einem Gewissen, das nicht verklagt, da die Sünde zunichte gemacht ist, konnte durch diese Opfer und Waschungen nicht erwirkt werden (Verse 9-10). Doch, Dank sei Gottes Gnade! Christus hat das Werk vollbracht. Er ist, nachdem Er für uns in das himmlische und ewige Heiligtum eingegangen, dort der Zeuge für die Wegnahme der Sünde, so dass das Gewissen von Sünde befreit ist. Wir wissen, dass Er unsere Sünden getragen hat und in Gottes Gegenwart weilt, nachdem Er eine vollkommene Sühnung für die Sünde zustande gebracht hatte. Deshalb haben wir nicht nur Reinigung von unseren Sünden, sondern Reinigung unseres Gewissens, so dass wir in völliger Freiheit und Freude des Herzens vor Ihm erscheinen können, der uns so unaussprechlich liebt.

Doch nicht nur das, Christus, der ein für allemal in den Himmel eingegangen ist, bleibt dort für immer; Er ist in das himmlische Heiligtum eingegangen kraft einer ewigen Erlösung, kraft Seines Blutes, das für immer seinen Wert und seine Wirksamkeit behält. Das Werk ist völlig getan und verliert seine ewige Gültigkeit nie. Wenn die Sünde hinweg getan ist, wenn Gott verherrlicht und Seine Gerechtigkeit befriedigt ist, so kann sich der Wert dieses Werkes und seine Kraft nie verändern. Die Erlösung ist keine zeitliche oder vorübergehende, sondern eine ewige.

Drei Folgen des vollbrachten Werkes des Christus werden uns hier vorgestellt: ein freier Zugang in die Gegenwart Gottes, ein gereinigtes Gewissen und eine ewige Erlösung.

Außerdem werden noch drei andere wichtige Punkte in diesen Versen behandelt. Erstens: Christus ist Hoherpriester der zukünftigen Güter. Wenn der Heilige Geist hier von den "zukünftigen Gütern" spricht (Vers 11), dann ist der Ausgangspunkt Israel unter dem Gesetz vor dem Kommen des Christus.

Diese zukünftigen Güter werden Israel geschenkt, wenn der Messias in Seinem Königreich kommen wird. Hätten wir diese Güter schon, dann könnte nicht mehr die Rede sein von zukünftigen Gütern, sondern dann müssten wir sagen: wir besitzen sie. Unser gegenwärtiges Verhältnis zu Christus ist jedoch ein himmlisches; Er ist Hoherpriester in einer besseren und vollkommeneren Hütte, die nicht mit Händen gemacht ist, d. h. nicht zu dieser Schöpfung gehört; Er ist im Himmel, und wir haben dort unseren Platz.

Wichtiger und von weitreichender Folge ist der zweite Punkt. Christus hat sich selbst durch den ewigen Geist ohne Flecken Gott geopfert. "Denn wenn das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer jungen Kuh, auf die Unreinen gesprengt, zur Reinigkeit des Fleisches heiligt, wie viel mehr wird das Blut des Christus, der durch den ewigen Geist sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, um dem lebendigen Gott zu dienen" (Verse 13-14). Welch eine herrliche Offenbarung in Bezug auf das kostbare Opfer des Christus. Er hat sich selbst freiwillig Gott geopfert. Gewiss, Gott hat Ihn in diese Welt gesandt, um für uns am Kreuz erhöht zu werden. Gott hat Ihn zur Sünde gemacht und unsere Sünden auf Ihn kommen lassen. Gott hat Ihn gestraft, verurteilt und verlassen, in den Staub des Todes gelegt und zerschmettert. Gott hat Seinen einzigen, vielgeliebten Sohn nicht verschont, sondern Ihn für uns in den Tod gegeben. Da Christus am Kreuz unseren Platz des verantwortlichen Sünders einnahm, musste die Strafe und das Gericht Gottes Über Ihn kommen; Er musste sterben. Sobald Er zur Sünde gemacht war, musste der Heilige Gott nach Seiner Gerechtigkeit Ihn verurteilen. Hierin hat Gott Seine unaussprechliche Liebe gegen Sünder geoffenbart. Doch von dieser Seite wird das Opfer des Christus hier nicht betrachtet. Er wird uns hier nicht als Sünd- und Schuldopfer, sondern als Brandopfer vorgestellt. Das Brandopfer war ein freiwilliges Opfer. So opferte Er sich selbst. Gott hat Ihn gesandt; aber Er ist auch im eigenen Entschluss Seines Herzens, in Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters, auf diese Erde gekommen. Gott hat Ihn gestraft, verurteilt, sterben lassen; aber Er gab sich mit Seinem eigenen, freien Willen dazu hin. Er hat sich selbst durch den ewigen Geist ohne Flecken Gott geopfert.

Von Geburt an war der Herr Jesus von der Sünde völlig geschieden. Er hat nicht nur durch die Kraft des Heiligen Geistes keine Sünde gekannt oder getan, so dass Er in allem heilig und tadellos war, sondern Er hat sich auch vollkommen hingegeben, um den Willen Seines Vaters zu tun. Er war gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Weil es der Vater wollte und keine andere Möglichkeit bestand, um uns zu retten, trank Er den Kelch des Zornes Gottes und gab sich hin, um zur Sünde gemacht zu werden und für uns ein Fluch zu sein. Ohne Vorbehalt, ohne sich dem Schrecklichsten, was es für Ihn gab ­­- von Gott verlassen zu werden und zu sterben - zu entziehen, gab Er sich hin. Jede Regung Seines Willens war rein; in allen Seinen Gedanken, wie auch in Seinen Taten war Er ohne Tadel. Der Vater konnte Ihn in- und auswendig durchforschen; Er fand in Ihm alles in völliger Übereinstimmung mit Seiner Heiligkeit und Liebe, mit Seiner Gerechtigkeit und Gnade. All Sein Tun und Seine Beweggründe waren göttlich vollkommen. Er gab sich selbst hin, um zur Sünde gemacht zu werden und unsere Sünden zu tragen. Gewiss, Er wurde von Gott zur Sünde gemacht; aber Er gab auch sich selbst freiwillig dazu hin. Es war eine Tat Seines freien Willens. "Nicht Mein Wille, sondern Dein Wille geschehe", so sprach Er in Gethsemane. Er nahm den Becher des Zornes Gottes aus der Hand Seines Vaters an, ließ sich wie ein Lamm zur Schlachtbank führen, übergab sich der Strafe und dem Gericht über unsere Sünde und opferte sich Gott. Darum war Sein Opfer ein lieblicher Wohlgeruch vor Gott.

Wie wundervoll ist das Kreuz! Seine Tiefe zu ergründen und seine Herrlichkeit zu fassen ist für uns ganz und gar unmöglich. Was dort zwischen unserem teuren Heiland und Gott geschah, geht weit über unsere Erkenntnis hinaus. In den Stunden der Dunkelheit und in Seinem Sterben war Er ein Sünd.- ­und Schuldopfer, das für die Sünder dargebracht und außerhalb des Lagers geschlachtet werden musste. Aber zugleich war Er in denselben Stunden und in demselben Sterben ein Brandopfer, das als ein lieblicher Wohlgeruch zum Throne Gottes emporstieg. Von Gott verlassen, weil für uns zur Sünde gemacht, war Er zu gleicher Zeit das Wohlgefallen Gottes, weil Er sich selbst durch den ewigen Geist Gott ohne Flecken opferte.

Durch dieses Opfer ist Gott vollkommen verherrlicht. Es war ein vollkommenes Opfer, makellos, Gott wohlgefällig. Darum wird das Gewissen desjenigen, der durch dieses Opfer sich Gott naht, gereinigt von toten Werken, um dem lebendigen Gott zu dienen. Wo das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer jungen Kuh, auf die Unreinen gesprengt, nicht mehr bewirken konnte als zu heiligen zur Reinheit des Fleisches, hat das Blut des Christus, der sich selbst durch den ewigen Geist ohne Flecken Gott geopfert hat, unser Gewissen gereinigt, weil die toten Werke ausgetilgt und vor Gott weggetan sind.

Merkwürdig ist die Erinnerung an die Vorbilder des Alten Bundes, von denen hier zwei erwähnt werden: der große Versöhnungstag, an dem Böcke und Stiere geopfert wurden und die rote Kuh, deren Asche zur täglichen Reinigung diente, um mit Gott Gemeinschaft haben zu können. Einmal im Jahr wurde das Blut des Schlachtopfers in das Heiligtum getragen und der Leib außerhalb des Lagers verbrannt. Das geschah Jahr für Jahr. Die Sühnung war nicht vollbracht, das Gewissen nicht gereinigt. Die Sünden waren nicht weggetan. Aber durch das Blut des Christus ist eine ewige Erlösung und eine vollkommene Sühnung von Sünden zustande gebracht, so dass alle, die an Ihn glauben, mit einem gereinigten Gewissen innerhalb des Vorhangs in Gottes Gegenwart treten können. Die rote Kuh aber diente dazu, die Unreinen zu besprengen, nicht mit Blut, sondern mit Wasser, das mit der Asche dieser Kuh vermengt war. In 4. Mose, wo uns Israels Reise durch die Wüste erzählt wird, finden wir in Kapitel 19 das Gesetz betreffs der roten Kuh. Eine rote Kuh, jung, ohne Fehler, die noch kein Joch getragen hatte, musste außerhalb des Lagers geschlachtet und von ihrem Blute siebenmal gegen die Vorderseite des Zeltes der Zusammenkunft gesprengt werden, so dass ihr Blut stets in der Gegenwart Gottes war. Nachdem die junge Kuh verbrannt war, musste die Asche gesammelt und für das Reinigungswasser aufbewahrt werden, und jeder, der unrein geworden war durch das Berühren eines Toten usw., musste mit diesem Wasser der Reinigung besprengt werden. Schönes und treffendes Vorbild von unserer praktischen Reinigung! Christus ist einmal für die Sünde gestorben, und Sein Blut hat einen ewigen Wert in der Gegenwart Gottes. Alle, die an Ihn glauben, sind durch Sein Blut für immer gereinigt und versöhnt und stehen in Gemeinschaft mit Gott. Wenn sie jedoch gesündigt haben, bringt der Heilige Geist die ernste Wahrheit vor das Gewissen, dass die Sünde, die begangen wurde, Christus ans Kreuz gebracht hat und Ihm dieses schreckliche Leiden und Sterben unter dem Gericht Gottes verursachte. Das führt zu wahrer Beugung und Schuldbekenntnis und lässt uns erkennen, dass durch Sein Opfer alles hinsichtlich der Sünde in Ordnung gebracht ist.

Der dritte Punkt, der in diesen Versen behandelt wird, betrifft unsere Stellung, die uns fähig macht, dem lebendigen Gott zu dienen. Wir sind völlig gereinigt in unserem Gewissen von allem, was der Mensch in seiner sündigen Natur hervorbringt. So sind wir in Gottes Licht gebracht und können dem lebendigen Gott dienen. Das war im Judentum nicht möglich. Es gab dort wohl Verordnungen und Satzungen, durch die das Verhältnis zu Gott äußerlich erhalten wurde, aber von einem vollkommenen Gewissen und von einem Dienst für Gott durch die Liebe nach Seinem Willen war unter dem Gesetz keine Rede. Dies ist das herrliche und glückliche Vorrecht des Christen. Durch Christus hat er ein vollkommenes Gewissen, übereinstimmend mit Gottes eigener Natur. Er dient Gott in der Freiheit der Liebe. Das Blut des Christus reinigt uns von aller Sünde. Christus hat die Reinigung von unseren Sünden durch die Hingabe Seiner selbst zustande gebracht, und Er hat Gott damit verherrlicht, so dass wir in Christus die Gerechtigkeit Gottes geworden sind und dadurch fähig, gemäß dieser Natur Gott zu dienen und Ihn zu verherrlichen.

Wenn wir zusammenfassen, was uns in diesen Versen gelehrt wird, dann finden wir, dass Christus selbst als Hoherpriester der zukünftigen Güter in das himmlische Heiligtum eingegangen ist, um allen, die sich Ihm anvertrauen, den Besitz dieser Güter zu sichern. Wir haben jetzt den Zugang zu Gott in dem Licht, kraft der Gegenwart des Christus zur Rechten Gottes. Wir haben für immer ein gereinigtes Gewissen, so dass wir mit aller Freimütigkeit in Gottes Gegenwart erscheinen können, um dem lebendigen Gott in der wahren Freiheit der Liebe dienen können.

"Und darum ist Er Mittler eines Neuen Bundes" so fährt Paulus fort - "damit, da der Tod stattgefunden hat zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bunde, die Berufenen die  Verheißung des ewigen Erbes empfingen" (Vers 15).

Wir werden jetzt nicht auf die Lehre über die Bündnisse zurückkommen, da wir darüber im vorhergehenden Kapitel ausführlich gesprochen haben. Aber beachten wir wohl, wie der inspirierte Schreiber auch hier jede direkte Anwendung des Neuen Bundes vermeidet. Christus ist der Mittler eines Neuen Bundes, damit die Berufenen die  Verheißung des ewigen Erbes empfingen. Dadurch ist sowohl für Israel und Juda Raum gelassen, mit denen einmal dieser Neue Bund buchstäblich aufgerichtet werden wird, als auch für uns, die der geistlichen Segnungen und Vorrechte dieses Bundes teilhaftig werden sollen und sind.

Die Hauptsache, um die es hier geht, ist, dass der Neue Bund, dessen Mittler Christus ist, sich auf Sein Blut gründet. Der Tod des Mittlers war notwendig. Ohne Blutvergießung gibt es keine Vergebung. Solange die Übertretungen, die unter dem ersten Bund geschehen waren, nicht vergeben und gesühnt waren, konnte vom Aufrichten eines Neuen Bundes keine Rede sein. Doch durch den Tod des Christus erfolgte die Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund. Beachten wir, dass hier von Übertretungen gesprochen wird und nicht von Sünden. Vor dem Gesetz war die Sünde in der Welt, aber durch das Gesetz ist die Sünde zur Übertretung von Gottes Gebot geworden. Von Adam bis Mose waren die Menschen wohl Sünder, aber keine Übertreter (siehe Römer 5, 14); doch als das Gesetz kam, wurden die Menschen Übertreter von Gottes Gebot, wodurch die Sünde größer wurde und der Zustand des Menschen um so mehr zutage trat.

Die Notwendigkeit des Sterbens des Christus wird von Paulus an einem Beispiel gezeigt. Die Berufenen, so hatte er gesagt, empfangen die  Verheißung des ewigen Erbes. Nun, fährt er fort, wenn es sich um ein Erbe handelt, dann muss es auch so gehen, wie es mit allen Erbschaften geht. "Wo ein Testament ist, da muss notwendig der Tod dessen eintreten, der das Testament gemacht hat. Denn ein Testament ist gültig, wenn der Tod eingetreten ist, weil es niemals Kraft hat, solange der lebt, der das Testament gemacht hat" (Vers 16-17). Ebenso notwendig wie ein Testator gestorben sein muss, um das von ihm errichtete Testament in Kraft treten zu lassen, musste Christus sterben, damit die Berufenen das  Verheißene ewige Erbe empfangen konnten. Der Tod ist der Lohn der Sünde. Durch die Sünde ist das Gericht des Todes gekommen; darum musste Christus, wollte Er uns von diesem Gericht befreien und uns die  Verheißung des ewigen Erbes schenken, an unserer Statt sterben. Gottes Gerechtigkeit erforderte das. Christus ist gestorben. Durch Sein Sterben hat Er die Sühnung unserer Sünden vollbracht, übereinstimmend mit Gottes Gerechtigkeit. Er hat nun einen von der Sünde ganz und gar getrennten Platz eingenommen, so dass alle, die an Ihn glauben, von der  Sünde erlöst, vom Tode befreit und des ewigen Erbes teilhaftig werden können.

Es ist noch wichtig zu beachten, dass es in der Ursprache für "Bund" und "Testament" nur ein Wort gibt, das in unserer Übersetzung überall mit "Bund" wiedergegeben ist, und nur in den Versen 16 und 17 ist es mit "Testament" übersetzt. Das griechische Wort hat beide Bedeutungen. Im ersten Fall wird darunter eine Verbindung zwischen zwei Parteien auf Grund von Bedingungen verstanden, die von beiden Parteien gestellt und angenommen worden sind. Im zweiten Fall bedeutet es eine Verfügung durch den, der das Recht hat, etwas zu testieren.

Der Neue Bund, dessen Mittler Christus ist, ist also auf Sein Blut gegründet. Die Notwendigkeit nun, eine Bundschließung auf das Blut des Schlachtopfers zu gründen, ergibt sich klar unter dem ersten Bund. In den Vorbildern des mosaischen Gottesdienstes hat Gott dies deutlich dargestellt. "Daher ist auch der erste Bund nicht ohne Blut eingeweiht worden. Denn als jedes Gebot nach dem Gesetz von Mose zu dem ganzen Volke geredet war, nahm er das Blut der Kälber und Böcke mit Wasser und Purpurwolle und Ysop und besprengte sowohl das Buch selbst, als auch das ganze Volk und sprach: "Dies ist das Blut des Bundes, den Gott für euch geboten hat." Und auch die Hütte und alle Gefäße des Dienstes besprengte er gleicherweise mit dem Blute, und fast alle Dinge werden mit Blut gereinigt nach dem Gesetz, und ohne Blutvergießung gibt es keine Vergebung" (Verse 18-22).

In diesen Versen werden uns drei Anwendungen des Blutes vor Augen gestellt: 1. Der Bund ist gegründet auf das Blut; 2. Die Reinigung von Sünden geschieht durch das Blut; 3. Die Schuld ist weggenommen durch die Vergebung, die auf Grund des vergossenen Blutes erlangt ist.

Diese drei Dinge sind notwendig, um in Beziehungen zu Gott treten zu können.

1. Gottes Wege zu unserem Heil und unserem Segen müssen in Beziehung stehen zu Seiner Gerechtigkeit. Denn Gott kann nicht einen neuen und ewigen Bund mit Seinem Volke schließen, wenn die Übertretungen unter dem ersten Bund nicht getilgt sind. Und das kann auf keine andere Weise geschehen als durch das Blut des Christus.

2. Die Reinigung von den Sünden, durch die wir befleckt waren und durch die sogar alle Dinge, die an sich mit Sünde nichts zu tun hatten, angesteckt waren, findet statt durch das Opfer des Christus. Paulus sagt: mit Blut werden fast alle Dinge gereinigt nach dem Gesetz; denn es gibt auch eine Reinigung durch Wasser. Die Reinigung mit Wasser ist ein Bild der sittlichen und praktischen Reinigung unserer Seelen, die durch die Anwendung des Wortes Gottes auf Gewissen und Herz geschieht -, des göttlichen Wortes, welches das Böse verurteilt und das Gute uns offenbart. Aber diese Reinigung durch Wasser ist ebenso sehr eine Folge des Todes des Christus wie die Reinigung durch das Blut. Aus der Seite des heiligen Schlachtopfers, das wirklich gestorben war, kam Blut und Wasser. Der Apostel Johannes, der uns das Leben in seinem Ursprung und in seinen Folgen darstellt, weist sowohl in seinem Evangelium als auch in seinem ersten Brief mit besonderem Nachdruck auf diese wichtige Tatsache hin. Ohne den Tod des Christus war weder Tilgung der Schuld noch Reinigung des Herzens möglich und konnte also niemandem das Leben geschenkt werden, noch das Leben sich offenbaren.

3. Vergebung von Sünden ist nicht möglich ohne Blutvergießen. Beachten wir, dass es nicht heißt ohne Anwendung von Blut, sondern ausdrücklich: ohne Vergießen von Blut. Und unter Blutvergießung versteht die Schrift Sterben. Das Blut, das vom Haupt unseres teuren Heilandes geflossen ist, als Ihm die Dornenkrone aufgedrückt, oder als Er durch Geißelhiebe gepeinigt wurde, konnte unsere Sünden nicht wegnehmen. Es musste ein Leben an Stelle unseres Lebens dargebracht werden. Wie in der letzten Nacht Israels in Ägypten das Blut eines geschlachteten Lammes an die Türpfosten gestrichen wurde und Israel vor dem Gericht bewahrte. So können unsere Sünden nur vergeben und das Gericht Gottes nur von unserem Haupt weggenommen werden durch den Tod des Christus, dessen Blut als von einem Lamm, das geschlachtet ist, von allen Sünden reinigt. Die Worte Jesajas: "und durch Seine Striemen ist uns Heilung geworden", werden wir, wenn wir diese Wahrheit richtig erfassen, nicht mehr auf die Geißelung anwenden, sondern auf die Schläge, die am Kreuze dem schuldlosen Opferlamm an unserer Statt durch Gott versetzt worden sind. Beim aufmerksamen Lesen jener Stelle wird man sehen, dass nichts anderes gemeint sein kann. Die Worte: "durch Seine Striemen ist uns Heilung geworden" folgen auf die Worte . "Um unserer Übertretungen willen war Er verwundet, um unserer Missetaten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf Ihm." Auf die Geißelung bezogen, hätten diese Worte vorausgehen müssen. Allem Zweifel wird ein Ende gemacht durch die Anwendung dieser Worte in 1. Petr. 2, 24, wo wir lesen: "Welcher selbst unsere Sünden an Seinem Leibe auf dem Holze getragen hat, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben, durch dessen Striemen ihr heil geworden seid."

Diese Wahrheiten haben zwei Folgen. Es war ein besseres Schlachtopfer, ein vortrefflicheres Opfer nötig als die Schlachtopfer, die unter der alten Haushaltung dargebracht wurden. Es ging nicht um die Reinigung der Sinnbilder von Dingen, die in den Himmeln sind, sondern um die Reinigung der himmlischen Dinge selber. Christus ist eingegangen in Gottes Gegenwart, um dort für uns zu erscheinen (Verse 23-24). Der Teufel und seine Engel sind noch in den himmlischen Örtern, und deshalb müssen diese Dinge gereinigt werden. Durch das Blut Seines Kreuzes werden sowohl die Dinge, die auf Erden, als auch die Dinge, die in den Himmeln sind, versöhnt (siehe Kolosser 1); und wenn einmal der Teufel und seine Engel aus dem Himmel auf die Erde geworfen werden, dann bezeugen die Heiligen im Himmel: "Der Verkläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unserem Gott verklagte, ist hinab geworfen. Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut" (Offb. 12).

Aber zweitens: "Christus musste sich nicht oftmals opfern, wie der Hohepriester alljährlich in das Heiligtum hineingeht mit fremdem Blut, sonst hätte Er oftmals leiden müssen von Grundlegung der Welt an" (Verse 25-26). Am großen Versöhnungstag wurden die Sünden des Volkes auf den weggejagten Bock gelegt. Das ist Stellvertretung. Christus hat alle unsere Sünden an Seinem Leib auf das Holz getragen. Er hat die Strafe erlitten, die wir verdient hätten. Gottes Zorn wurde über Ihn ausgegossen. In der Angst Seiner Seele rief Er aus: "Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du Mich verlassen?" Das war schrecklicher als die Trennung von Leib und Seele im Tod. Aber der Tod war der Lohn der Sünde; und darum war der Tod des Christus nicht ein Hingang aus dem Leibe in die Herrlichkeit des Paradieses, sondern das Gericht Gottes über die Sünde. Das kann nicht ein zweites Mal geschehen, und braucht es auch nicht, denn Er hat einmal gelitten und ist einmal gestorben für die Sünde. "Dieser aber, nachdem Er ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht, hat sich auf immerdar gesetzt zur Rechten Gottes." Durch Sein Opfer ist eine ewige und vollkommene Sühnung zustande gebracht. Von einer Wiederholung dieses Opfers kann keine Rede sein. Wäre es so, dann hätte Er oftmals leiden müssen seit Grundlegung der Welt. Nun aber, da Er durch das Opfer Seiner selbst die Sünde zunichte gemacht hat, übereinstimmend mit der Herrlichkeit Gottes, braucht Er nie mehr zu leiden und nie mehr zu sterben. Für immer ist Er in das himmlische Heiligtum eingegangen, wo Er in Ewigkeit zur Rechten Gottes als unser großer Hoherpriester sitzt.

"Jetzt aber ist Er einmal in der Vollendung der Zeitalter geoffenbart worden zur Abschaffung der Sünde durch Sein Opfer" (Vers 26). Diese Erklärung mag uns sonderbar erscheinen, da die Weltgeschichte nach dem Kommen des Christus wie vorher weiter gegangen ist. Doch bedenken wir wohl, dass es nicht der Zeitrechnung gemäß gemeint ist, sondern dass die verschiedenen Haushaltungen Gottes, in denen Er den Menschen auf allerlei Weise auf die Probe gestellt hat, durch die Offenbarung des Christus zu einem Ende gekommen sind. In den verflossenen Jahrhunderten hat der Mensch Zeit gehabt zu zeigen, was er ist. Alle Proben Gottes haben ans Licht gebracht, dass der Mensch völlig verdorben und unverbesserlich ist in seiner Natur und in seinem Willen. Ohne Gesetz, unter dem Gesetz, durch die  Verheißungen, durch das Kommen und die Gegenwart des Sohnes Gottes auf Erden hat sich mehr und mehr gezeigt, dass der Mensch ein Feind Gottes ist. Alles, was Gott getan hat, um den Menschen zu bewegen, seine Feindschaft aufzugeben, hat nur dazu gedient, die Feindschaft noch mehr offenbar werden zu lassen, da der Mensch die Bemühungen Gottes, ihn zu sich zu bringen, abgewiesen hat. "Sie werden sich vor Meinem Sohne scheuen", sagte Gott; doch, als sie den Sohn sahen, sagten sie: "Lasst uns Ihn töten." "Wir wollen nicht, dass dieser über uns König sei, kreuzige, kreuzige Ihn!" so riefen sie in ihrer Blindheit und Feindschaft. Darum sagt der Herr vom Feigenbaum, der die jüdische Nation darstellt, in welcher Gott den Menschen in die günstigsten Umstände versetzt hat: "Nimmermehr komme von dir Frucht in Ewigkeit." Der Mensch hat sich als schuldig, verloren, feindselig, hoffnungslos verdorben erwiesen. Aber die Geschichte des alten Menschen ist durch Christus in Seinem Tod am Kreuz abgeschlossen.

Doch was der Mensch zum Bösen erdachte, hat Gott zum Guten gewendet. Die ewigen Ratschlüsse Gottes werden in der Verwerfung des Christus erfüllt. "Diesen, übergeben nach dem bestimmten Ratschluss und nach Vorkenntnis Gottes, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geheftet und umgebracht." Christus, der von den Menschen verworfen wurde, war gekommen, um die Sünde zunichte zu machen durch das Opfer Seiner selbst. Die Ergebnisse dieses Werkes und der Macht Gottes sind wohl noch nicht offenbar geworden; sie werden geoffenbart, wenn die Sünde aus dem Himmel und von der Erde verschwinden wird und alle Dinge versöhnt sein werden. Für den Glauben aber ist alles schon geschehen. Christus hat durch Sein Opfer die Sünde zunichte gemacht; unser gereinigtes Gewissen gibt davon Zeugnis, und der Glaube sagt: "Siehe, das Lamm Gottes, welches die Sünde der Welt wegnimmt!"

Das Resultat dieser Abschaffung der Sünde durch das Opfer Christi für den Gläubigen, für die, welche die Wiederkunft des Herrn erwarten, wird in den zwei letzten Versen unseres Kapitels auf wunderschöne Weise angekündigt. "Und ebenso wie es den Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, also wird auch der Christus, nachdem Er einmal geopfert worden ist, um vieler Sünden zu tragen, zum zweiten Male denen, die Ihn erwarten, ohne Sünde erscheinen zur Seligkeit" (Vers 27-28). Das Los aller Menschen, als Kinder Adams, die Sünder sind, ist der Tod und das Gericht. Aber für uns, die Gläubigen, ist die Sünde zunichte gemacht, und unsere Sünden sind vergeben. Das erste Mal, als Christus für uns erschien, kam Er, um zur Sünde gemacht zu werden und unsere Sünden zu tragen. Am Kreuz war Er mit diesen Sünden beladen, und da Er das Gericht erduldet hat, sind die Sünden für alle, die Ihn erwarten, gänzlich hinweg getan. Wenn Christus zum zweiten Male erscheinen wird, dann hat Er hinsichtlich derer, die glauben, nichts mehr mit der Sünde zu tun, denn Er hat bei Seinem Kommen die Sünde zunichte gemacht. Das zweite Mal wird Er kommen, um die Seinigen von allen Folgen der Sünde zu erlösen. Er wird nicht zum Gericht erscheinen, sondern zu ihrer vollkommenen Errettung. Die Sünde ist so vollkommen zunichte gemacht, die Sünden der Gläubigen sind so ganz gesühnt und vergeben, dass der Herr bei Seiner Wiederkunft nichts mehr mit der Sünde zu tun hat. Er wird "ohne Sünde" erscheinen. Das will hier nicht nur heißen, dass Er ohne Sünde in Seiner eigenen Person sein wird, denn das war Er immer, auch als Er auf dieser Erde lebte, wie von Ihm bezeugt wird: "Er hat keine Sünde gekannt oder getan". Sondern es sagt uns, dass, nachdem Er am Kreuz zur Sünde gemacht war und dort unsere Sünden an Seinem Leibe trug und demzufolge an unserer Stelle von Gott gerichtet worden ist und dadurch Gottes Gerechtigkeit befriedigt und einen völligen Sieg errungen hat, Er das zweite Mal erscheinen wird, ohne etwas mit der Sünde zu tun zu haben hinsichtlich derer, die Ihn erwarten.

Unaussprechliche Gnade! Wunderbare Stellung, die uns von Gott angewiesen ist! Wir erwarten keineswegs den Tag des Gerichts, so gewiss es auch ist, dass dieser kommen wird; sondern wir erwarten zu unserer Seligkeit Ihn, der einmal geopfert wurde, um unsere Sünden wegzunehmen. Von Gericht ist für uns keine Rede mehr, da Christus an unserer Statt das Gericht erduldet hat. Durch Christus sind wir jetzt schon in Gottes Gegenwart. Weil Er durch Sein Opfer die Sünde zunichte gemacht und unsere Sünden getragen hat, können wir mit aller Freimütigkeit vor Gottes Angesicht erscheinen; und wir werden gleich bei der Wiederkunft des Herrn alle herrlichen Folgen Seines vollbrachten Werkes erfahren und genießen.

Auf zwei wichtige Punkte in diesen Versen müssen wir noch unsere Aufmerksamkeit richten:

Erstens auf die Worte: "Einmal geopfert, um vieler Sünden zu tragen." Paulus sagt nicht: geopfert, um die Sünden, sondern, um vieler Sünden zu tragen. Es handelt sich um die Sünden der Gläubigen. So sagt auch Petrus. "Welcher selbst unsere Sünden an Seinem Leibe auf das Holz getragen hat." Nirgends in der ganzen Schrift heißt es, dass Christus für die Sünden im allgemeinen gelitten habe. Hätte Christus die Sünden aller Menschen getragen, dann würden alle Menschen errettet. Aber diese Verse lehren das Gegenteil: "Es ist den Menschen gesetzt, einmal zu sterben, danach aber das Gericht."  Über alle, die Christus verwerfen, kommt einmal das Gericht.

Zweitens müssen wir unser Augenmerk auf die Worte richten: "die Ihn erwarten." Das ist das Kennzeichen der wahren Christen. Sie erwarten ihren Herrn und Heiland aus dem Himmel zu ihrer völligen Errettung. Nicht zur Errettung ihrer Seele, sondern zur Erlösung ihres Leibes. Christus kehrte nicht in den Himmel zurück, bevor die Sünde von Gottes Angesicht hinweg getan und unsere Seele gerettet war. Im Himmel tut Er nichts, um die Sünde zu vernichten. Und wenn Er wiederkommt, wird Er sich nicht mehr mit der Frage der Sünde befassen, weil sie abgeschafft ist. Er kommt dann, um uns von allen Folgen der Sünde zu befreien und uns einen Leib ohne Sünde zu geben, ähnlich dem Leibe Seiner Herrlichkeit. Dazu erwarten wir Ihn. Von der Welt, von dieser Erde erwarten wir nichts; hier sind wir nur Fremdlinge auf der Durchreise. Unsere Zukunft liegt im Himmel, wohin uns Christus vorangegangen ist. 

KAPITEL 10

In diesem Kapitel legt Paulus den von ihm behandelten Gegenstand – die Allgenugsamkeit und den Wert des einmaligen Opfers Jesus Christus – im Hinblick auf den gegenwärtigen Zustand der Gläubigen dar. Er hat uns das Werk des Christus dargestellt und hat von Seiner Wiederkunft und Herrlichkeit gesprochen. Aber was geschieht in dieser Zwischenzeit? Es ist die Zeit des Christentums, in der das Opfer des Christus angewendet wird. Der Christ befindet sich zwischen dem Kreuz und der Wiederkunft des Christus in Herrlichkeit. Er ruht voll Vertrauen unter dem Kreuz; dort allein findet er den festen, sittlichen Grund, um vor Gott stehen zu können und die Herrlichkeit zu erwarten, die geoffenbart werden soll.

"Denn da das Gesetz einen Schatten der zukünftigen Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst hat, so kann es nimmer mit denselben Schlachtopfern, welche sie ununterbrochen darbringen, die Hinzunahenden vollkommen machen. Denn würde sonst nicht ihre Darbringung aufgehört haben, weil die den Gottesdienst Übenden, einmal gereinigt, kein Gewissen mehr von Sünden gehabt hätten?" (Vers 1–2).

Das Gesetz mit seinen vielen Schlachtopfern brachte die Anbeter nicht zur Vollkommenheit; denn wären sie zur Vollkommenheit gekommen, so hätten nicht immer wieder neue Schlachtopfer gebracht werden müssen. Die Wiederholung der Opfer beweist, dass die, welche hinzunahten, d. h. die Anbeter, nicht vollkommen waren. Weit entfernt davon, vollkommen zu machen, waren die Schlachtopfer im Gegenteil eine Erinnerung an die Sünde. Das jährlich wiederholte Schlachtopfer zeigte dem Volk, dass die Sünde noch da war; es veranschaulichte klar und deutlich, dass sie vor dem Angesicht Gottes noch bestand. Christus jedoch hat nur ein Schlachtopfer für die Sünde dargebracht. Dieses Opfer hat Gott angenommen. Es wird nicht wiederholt. Durch dieses Opfer sind die Sünden hinweg getan und die Anbeter haben in Gottes Gegenwart ein reines Gewissen.

Das Gesetz war wohl ein Schatten, aber keineswegs ein Ebenbild der zukünftigen Güter. Unter dem Gesetz gab es Schlachtopfer, die wiederholt wurden – jetzt haben wir ein einziges Schlachtopfer, das allgenugsam ist. Unter dem Gesetz gab es einen Hohenpriester, der sterblich war und sein Amt auf einen anderen übertrug, einen Hohenpriester, der einmal im Jahr in das Allerheiligste hineinging, es aber jedes Mal wieder verlassen musste, während Gott durch den Vorhang vor dem Auge des Anbeters verborgen blieb, weil das Werk nicht vollbracht war – jetzt ist der Vorhang zerrissen und der Hohepriester sitzt für immer zur Rechten Gottes. Jede Handlung unter dem Gesetz ließ erkennen, dass die Versöhnung nicht vollkommen war; jetzt aber beweist der Zustand des Hohenpriesters und der Anbeter, dass das Werk vollbracht und die Anbeter vor Gott für immer vollkommen gemacht sind. Die Wiederholung der Schlachtopfer zeigte klar, dass unter dem Gesetz die Sünde noch vorhanden war, und die Tatsache, dass das Opfer des Christus nur einmal dargebracht wurde, offenbart deutlich seine ewige Gültigkeit.

Nun, nachdem die Sünde gesühnt und das Gewissen gereinigt ist, nahen sich die Anbeter, ermächtigt durch das Opfer, mit Freimütigkeit. Die Bedeutung des jüdischen Gottesdienstes lag darin, dass die Sünden nicht hinweg getan waren; die Bedeutung des christlichen Gottesdienstes dagegen liegt darin, dass die Sünden weggenommen sind. Darum haben die Anbeter jetzt kein von Sünden beschwertes Gewissen mehr. Beachten wir wohl, dass hier keine Rede ist von unserer Stellung als Kinder Gottes und von unserem Wandel als solchen. Wenn wir als Kinder gesündigt haben, bedürfen wir der Vergebung unseres Vaters und können, solange wir sie nicht bekommen haben, unmöglich in Seiner Gegenwart glücklich sein. Hier ist die Rede von unserer Stellung als Sünder, und als solche haben wir durch das Opfer des Christus vollkommene Vergebung aller unserer Sünden empfangen. So können wir mit reinem und freiem Gewissen, gereinigt durch das Blut des Christus, in Gottes heilige Gegenwart, ins innerste Heiligtum treten. Wäre eine einzige Sünde ungesühnt geblieben, dann könnten wir in Gottes Gegenwart nicht bestehen, denn Seine Augen sind zu rein, als dass Er das Böse anschauen könnte.

Unter dem Gesetz wurde fortwährend an die Sünden erinnert, denn das Blut der Stiere und Böcke war nicht imstande, sie wegzunehmen (Verse 3–4). Und doch war es der Wille Gottes, die Sünden wegzunehmen. In Seinem ewigen Ratschluss hatte Er dies beschlossen und in Seiner Verheißung schon unmittelbar nach dem Sündenfall angekündigt. Damit dieser Ratschluss und diese Verheißung in Erfüllung gehen konnten, musste ein Opfer geschlachtet werden, dessen Blut von allen Sünden zu reinigen vermochte und das alle heiligen Forderungen Gottes erfüllen konnte. Zu diesem Opfer hat Gottes eigener Sohn sich freiwillig hingegeben.

"Darum, als Er in die Welt kommt, spricht Er: Schlachtopfer und Speisopfer hast Du nicht gewollt, einen Leib aber hast Du Mir bereitet; an Brandopfern und Opfern für die Sünde hast Du kein Wohlgefallen gefunden. Da sprach Ich: Siehe, Ich komme, (in der Rolle des Buches steht von Mir geschrieben), um Deinen Willen, o Gott, zu tun." Indem Er vorher sagt: "Schlachtopfer und Speisopfer und Brandopfer und Opfer für die Sünde hast Du nicht gewollt, noch Wohlgefallen daran gefunden" (die nach dem Gesetz dargebracht werden), sprach Er dann: "Siehe, Ich komme, um Deinen Willen zu tun" (Verse 5–9).

Durch diese herrlichen und feierlichen Worte sind wir gewürdigt zu vernehmen, was zwischen Vater und Sohn vorgegangen ist, als der Sohn es auf sich nahm, den Willen des Vaters zu vollbringen. Wir hören, was Er damals gesagt hat und welches die ewigen Ratschlüsse Gottes waren, die Er ausführen würde. Bevor Er Mensch wurde, an dem Ort, wo die ewigen Ratschlüsse und Gedanken unter den Personen der Gottheit allein verhandelt wurden, bot sich das Wort an, so wie es sich in der Zeit uns offenbart hat, das Werk zu vollbringen, das in diesen Ratschlüssen beschlossen war. Und in dem prophetischen Wort, das uns mitgeteilt wird, ist es, als ob der Vorhang ein wenig geöffnet würde, hinter dem das große Geheimnis der göttlichen Gedanken verborgen ist. Unaussprechlich herrliches Vorrecht, das uns Gottes Gnade schenkt!

Schon als der Heilige Geist diese Worte des Sohnes Gottes durch die Feder des Propheten niederschreiben ließ, erklärte Er damit alle Opfer des Alten Bundes als verwerflich vor Gott. Jede Art von Opfer wird hier aufgezählt – Schlachtopfer, Speisopfer, Brandopfer und Sündopfer. Und diese alle hat Gott nicht gewollt, sie haben Ihm auch nicht gefallen. Keines von ihnen und auch nicht alle zusammen konnten ein einziges Gewissen reinigen oder eine einzige Sünde sühnen. Darum sagt der Sohn, als Er in die Welt kommt: "Schlachtopfer und Speisopfer hast Du nicht gewollt, einen Leib aber hast Du Mir bereitet." Im hebräischen Text von Psalm 40 steht: "Du hast Mir die Ohren durchbohrt." Doch in der griechischen Übersetzung des Alten Testamentes lesen wir: "Du hast Mir einen Leib zubereitet." Und Paulus hat, durch den Heiligen Geist geleitet, diese Übersetzung angeführt, weil durch sie die wahre Bedeutung dieser Worte zum Ausdruck kommt. Das Wort Ohr, auf diese Weise gebraucht, hat stets den Sinn von Annahme von Geboten und von der Verpflichtung zum Gehorsam. "Er weckt mir das Ohr jeden Morgen, damit ich höre gleich solchen, die belehrt werden", lesen wir in Jesaja 50. Nach der Verordnung, die wir in 2. Mose 21 finden, wurde das Ohr durchbohrt oder durch eine Pfrieme an der Tür befestigt, zum Zeichen, dass dieser Israelit als Sklave an das Haus gebunden war, um für immer seinem Meister zu dienen und ihm zu gehorchen. Nun, durch die Annahme eines menschlichen Leibes hat unser Herr die Gestalt eines Sklaven angenommen; Er hat Seine Ohren vor Gott durchbohren lassen, d. h. Er hat sich in den Zustand versetzt, in dem Er den Willen Seines Meisters vollbringen musste, welches dieser Wille auch sein mochte.

Dies tat Er freiwillig. Er selbst ist es, der sagt: "Einen Leib aber hast Du Mir bereitet. Siehe, Ich komme, um Deinen Willen, o Gott, zu tun." Er gibt sich selbst hin, um den Willen Gottes zu vollbringen. Aus freier Liebe, für die Herrlichkeit des Vaters, ganz freiwillig bringt Er sich selbst dar als jemand, der imstande war und das Recht hatte, solches zu tun. Es war der Wille Gottes. In der Rolle des Buches, in Gottes ewigen Ratschlüssen war das schon bestimmt; aber Er gibt sich freiwillig hin, um diesen Willen zu vollbringen. Gehorsam dem Ratschluss, der für Ihn gefasst war, opfert Er sich vollkommen freiwillig, um ihn zu vollführen; und indem Er sich hingibt, unterwirft Er sich vollkommen und nimmt es auf sich, alles zu tun, was Gott verlangt. Bemerkenswerte Offenbarung der Wahrheit, die Jesus einmal ausgesprochen hat: "Ich und der Vater sind eins." Eins in Gedanken und Willen, weil sie eins im Wesen sind; denn niemand anders als eine göttliche Person war imstande und hatte das Recht, den Platz zu verlassen, den Er einnahm. In der Tat, selbst in Seiner Erniedrigung war unser Heiland notwendigerweise Gott, denn Gott allein konnte das Werk unternehmen, das Er sich vorgesetzt hatte; aber zugleich war Er Gott stets und völlig gehorsam und von Ihm abhängig. In Seinem Dasein auf Erden wurde offenbar, was in den ewigen Wohnungen beschlossen ist.

Beachten wir auch, dass unser Herr zu Gott sagt. "Du hast Mir einen Leib bereitet." Obwohl von einer Jungfrau geboren, war Er gezeugt von der Kraft des Allerhöchsten in der Überschattung durch den Heiligen Geist. Er hatte einen wahrhaft menschlichen Leib, aber einen Leib ohne Sünde und darum unsterblich, obschon er ihn angenommen hat, um sterben zu können – einen Leib, von Gott für Ihn bereitet.

Die Folgen der Erniedrigung und Selbstaufopferung von Gottes Sohn werden nun von Paulus aufgeführt. Es sind derer drei. 1. Unsere Heiligung durch den Willen Gottes; 2. unsere Heiligung und Vollkommenmachung durch das Opfer des Leibes Jesus Christus, ein für allemal geschehen; und 3. das Zeugnis des Heiligen Geistes in uns, der dies bestätigt.

1. Unsere Heiligung ist nach dem Willen Gottes. "Durch welchen Willen wir geheiligt sind" (Vers 10). Gottes Wille ist der Grund und die Ursache unserer Heiligung. Wer das verstanden hat, steht auf einem unerschütterlichen Boden. Durch den Willen Dessen, der nach Seiner ewigen Weisheit Seinem Sohn einen Leib bereitet hat, damit dieser sich für uns aufopfern könnte, sind wir für Gott abgesondert (geheiligt) und deshalb errettet worden. Und was sich nun auch ändern mag, Gottes Wille verändert sich nicht. Was in Seinem ewigen Ratschluss festgelegt ist, hat Er in der Zeit ausgeführt, und nichts ist imstande, daran etwas zu ändern. Welch eine feste und unverrückbare Grundlage für unseren Glauben!

Beachten wir, dass in unserem Brief nicht die Mitteilung des Lebens behandelt wird, noch die praktische Heiligung, gewirkt durch den Heiligen Geist. Wohl wird im zwölften Kapitel in den Ermahnungen über die praktische Heiligung gesprochen, aber nicht im lehrhaften Teil des Briefes. Die Heiligung, von der hier gesprochen wird, ist die Absonderung eines Menschen für Gott, damit er durch Gottes Willen Ihm angehöre; diese Absonderung wird bewirkt durch das Opfer von Jesus Christus und Seine Verherrlichung zur Rechten Gottes.

2. Unsere Heiligung und Vollkommenmachung ist durch das Opfer des Leibes Jesus Christus einmal für immer geschehen. "Durch welchen Willen wir geheiligt sind durch das ein für allemal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi" (Vers 10). Gottes Wille ist der Grund und das Opfer von Jesus Christus das Mittel zu unserer Heiligung. Auf die Erde gekommen, um den Willen Gottes zu vollbringen, hat unser Herr sich durch den ewigen Geist unbefleckt Gott geopfert. Durch dieses Opfer sind wir für Gott abgesondert und Gott geweiht worden. Dieses Opfer hat eine ewige Kraft; es ist ein für allemal geschehen; es wird nicht wiederholt; und deshalb ist unsere Heiligung von ewiger Art und braucht nicht wiederholt zu werden. Durch die allgenugsame Kraft dieses Opfers sind wir für immer Gott geweiht, so dass unsere Heiligung, unsere Absonderung für Gott die Festigkeit des Willens Gottes hat. Sie ist die Folge der Gnade, die in der Hingabe des Christus sichtbar geworden ist. Die Heiligung ist vollkommen, gleich wie dies Werk vollkommen ist, durch das sie möglich wurde, und sie hat daher auch die Dauer und die Kraft der Allgenugsamkeit des herrlichen Werkes des Christus.

Dass das Opfer Jesus Christus ein für allemal geschehen ist, erkennen wir daran, dass Er zur Rechten Gottes sitzt. Der Priester in der alten Haushaltung stand, weil seine Sünden fortwährend weggetan werden mussten; er musste täglich den Dienst verrichten und oft dieselben Schlachtopfer darbringen, weil das Blut von Stieren und Böcken die Sünden nicht wegnehmen konnte. Christus, "aber nachdem Er ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht hat sich auf immerdar gesetzt zur Rechten Gottes" (Vers 12). Das Werk ist vollbracht; das Blut der Versöhnung ist vergossen; ein allgenugsames Opfer ist dargebracht; als unser großer Hoherpriester ist Christus mit Seinem eigenen Blut durch die Himmel ins Heiligtum hineingegangen und hat sich dort, kraft Seines empfangenen Rechts, zur Rechten Gottes gesetzt, "fortan wartend, bis Seine Feinde gelegt sind zum Schemel Seiner Füße".

Denn Christus, der für immer unser Hoherpriester ist, wird sich zwar erheben und in Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels erscheinen, doch nicht, um sich mit unseren Sünden zu befassen, sondern um den Sieg über alle Seine Feinde davonzutragen. Der Thron Gottes, zu dessen Rechten Er sich gesetzt hat, ist für uns der Thron der Gnade, aber für alle Feinde Gottes der Thron des Gerichts.

Aus welchem Grund hat sich Christus auf immerdar zur Rechten Gottes gesetzt? Der Heilige Geist erklärt es uns, wenn Er sagt: "Denn mit einem Opfer hat Er auf immerdar vollkommen gemacht die geheiligt werden" (Vers 14). Welche Gnade! Wir sind für immer vollkommen gemacht. Wir sind vollkommen gemacht durch Sein Werk, nach Seiner Gerechtigkeit. Daraufhin hat Er sich zur Rechten Gottes gesetzt und ist nun persönlich dort. Gott hat Ihn angenommen. Sein Blut hat die Sünde zunichte gemacht. Durch Sein Werk ist eine vollkommene und ewige Versöhnung zustande gekommen. Alle, die geheiligt werden, sind durch Sein Opfer für immer vollkommen gemacht.

Das sind merkwürdige Worte. Es steht nicht: Die geheiligt wurden, sondern: die geheiligt werden. Alle, die geheiligt werden, gleichgültig wann, während der verflossenen Jahrhunderte oder jetzt, sind durch ein Opfer auf immer vollkommen gemacht.[2] Alle, die glauben, haben teil an derselben Versöhnung, werden mit demselben Werk in Verbindung gebracht und sind durch ein und dasselbe Opfer vollkommen gemacht vor Gottes heiligem Angesicht.

3. Das Zeugnis des Heiligen Geistes, der unsere Heiligung und unser Vollkommengemachtsein bestätigt. "Das bezeugt aber auch der Heilige Geist; denn nachdem Er gesagt hat: Dies ist der Bund, den Ich ihnen errichten werde nach jenen Tagen, spricht der Herr: Indem Ich Meine Gesetze in ihre Herzen gebe, werde Ich sie auch auf ihre Sinne schreiben"; und: "Ihrer Sünden und ihrer Gesetzlosigkeiten werde Ich nie mehr gedenken" (Verse 15–17).

Um die Absicht des Schreibers gut zu verstehen, müssen wir an den Zeremoniendienst in Israel denken. Wenn der Hohepriester am großen Versöhnungstag das Blut hinter den Vorhang trug, um es auf und vor den Sühnedeckel der Bundeslade zu sprengen, dann konnte das Volk nicht eher wissen, dass das Opfer von Gott angenommen war, als bis der Hohepriester aus dem Heiligtum heraustrat und sich dem Volk zeigte. Christus, unser Hoherpriester, ist ins himmlische Heiligtum eingegangen und sitzt dort zur Rechten Gottes. Wie sollen wir wissen, dass das Opfer von Gott im Himmel angenommen ist? Das israelitische Volk wird es erst wissen, wenn Jesus den Himmel verlassen und sich Seinem Volk zeigen wird. Darum haben die gläubigen Juden in der großen Drangsalszeit unter dem Antichrist wohl eine gewisse Hoffnung, aber nicht die Sicherheit der Vergebung ihrer Sünden. Aber wie sollen wir es wissen? Nun, durch den Heiligen Geist. Nachdem Jesus in den Himmel eingegangen und von Gott verherrlicht worden ist, hat Er den Heiligen Geist aus dem Himmel auf die Erde gesandt und den Gläubigen geschenkt. Dieser Geist bezeugt uns, dass Gott das Blut der Sühnung angenommen hat; dieser Geist redet zu uns von dem verherrlichten Christus, der als unser Hoherpriester zur Rechten Gottes gesetzt ist. Er gibt die Zusicherung, dass Er unserer Sünden und Gesetzlosigkeiten nimmermehr gedenkt, da sie durch das Blut Jesu, das von Ihm als allgenugsam angenommen worden ist, hinweg getan sind. Darum mussten die Apostel des Herrn in Jerusalem warten, bis der Heilige Geist gekommen war, weil sie erst dann von der Vergebung der Sünden Zeugnis ablegen konnten. Und im Johannesevangelium, wo der Herr sagt: "Ströme lebendigen Wassers werden aus seinem Leibe fließen", wird gesagt "Dies aber sagte Er von dem Geiste, welchen die an Ihn Glaubenden empfangen sollten, denn noch war der Geist nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war."

Der wunderbare und herrliche Zustand, in dem die Gläubigen sich befinden, hat deshalb seinen Ursprung im Willen Gottes, der sowohl die Gnade als auch den Ratschluss Gottes in sich vereinigt; er hat seinen Grund und seine Festigkeit in dem vollbrachten Werk des Christus, dessen Vollkommenheit bewiesen ist durch das Sitzen Jesu zur Rechten Gottes; und er wird bestätigt durch das Zeugnis des Heiligen Geistes, der in uns Wohnung genommen hat und uns die Zusicherung gibt, dass das Opfer von Gott angenommen und das Blut, das von allen Sünden reinigt, vor Seinem Throne ist.

"Wo aber eine Vergebung derselben ist, da ist nicht mehr ein Opfer für die Sünde" (Vers 18), so schließt Paulus seine Beweisführung. Wenn durch das eine Opfer des Christus eine vollkommene Vergebung zu Stande gekommen ist, dann ist kein Opfer mehr nötig, um diese Vergebung zu empfangen. Wohl kann an dieses Opfer dauernd erinnert werden, aber die Darbringung eines neuen Opfers ist unmöglich. Wir befinden uns auf einem ganz neuen Terrain. Durch das Opfer des Christus ist die Sünde zunichte gemacht und wir, die wir glauben, sind geheiligt. Für uns Teilhaber der himmlischen Berufung ist die Reinigung von unseren Sünden völlig und für immer getan. Wir haben die vollkommene Vergebung unserer Missetaten erworben und uns ist eine ewige Erlösung geschenkt. So sind wir in den Augen Gottes ohne Sünde und können dort wohnen, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt.

Auf die herrlichen Wahrheiten, die in diesem Brief dargelegt sind, gründen sich die Ermahnungen, die jetzt folgen. Es sind deren vier. Die erste ist, dass wir Gebrauch machen sollen von unserem herrlichen Vorrecht, als Priester in das himmlische Heiligtum einzugehen.

"Da wir nun, Brüder, Freimütigkeit haben zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Jesu, auf dem neuen und lebendigen Wege, welchen Er uns eingeweiht hat durch den Vorhang hin, das ist Sein Fleisch, und einen großen Priester über das Haus Gottes, so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in voller Gewissheit des Glaubens, die Herzen besprengt und also gereinigt vom bösen Gewissen,  und den Leib gewaschen mit reinem Wasser" (Verse 19–22).

Die Ermahnung ist: Lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in voller Gewissheit des Glaubens. Als Grund für die Möglichkeit eines solchen Zuganges zu Gottes Heiligtum wird noch einmal in kurzen, aber bemerkenswerten und herrlichen Worten die Ursache der Freimütigkeit, die wir haben, angegeben. Solange die erste Hütte noch stand, war der Weg zum Heiligtum nicht geöffnet; niemand konnte in Gottes Gegenwart erscheinen; aber durch das Blut des Christus ist ein neuer und lebendiger Weg geschaffen, der uns in das himmlische Heiligtum vor den Thron Gottes bringt. Dieser neue und lebendige Weg ist eingeweiht durch den Vorhang hin, das ist Sein Fleisch. Als Jesus starb, zerriss der Vorhang des Tempels von oben bis unten. Der Himmel war geöffnet, der Thron Gottes zugänglich für den Gläubigen; mit einem gereinigten Gewissen konnte er in Gottes Gegenwart hineingehen.

Aber nicht nur das. Jesus ist in den Himmel gefahren und als unser Hoherpriester zur Rechten Gottes gesetzt. Wir können nicht nur in das himmlische Heiligtum hineingehen durch das Blut Jesu; sondern, wenn wir dort ankommen, finden wir "einen großen Priester über das Haus Gottes, der auf der Grundlage des Werkes, das Er vollbracht hat, dort immerdar lebt, um sich für uns ins Mittel zu legen und uns vor Gott zu vertreten, so dass unsere Opfer, seien sie auch unvollkommen und befleckt, dennoch "Gott wohlannehmlich durch Jesus Christus" sind. (Siehe 1. Petrus 2, 5.)

Wir dürfen deshalb in das himmlische Heiligtum hineingehen. Doch wir dürfen nicht bloß, sondern wir können hineingehen. Wir haben nicht nur die Freiheit, sondern auch die Freimütigkeit, hineinzugehen. Der Himmel ist nicht nur für uns geöffnet, so dass wir frei hineingehen können, sondern wir sind auch für das Heiligtum tauglich gemacht. Wir sind Gottes Priester geworden. Die Söhne Aarons wurden bei ihrer Weihung als Priester mit dem Wasser des kupfernen Waschbeckens ganz gewaschen, mit dem priesterlichen Gewand bekleidet und mit Blut besprengt. So sind auch unsere Herzen besprengt mit dem Blute Jesu und also gereinigt vom bösen Gewissen; während wir durch den Geist Gottes durch das Wort ganz gereinigt sind. Und die Waschung mit Wasser wird ebenso wenig wiederholt wie die Besprengung mit dem Blute des Christus. "Wer gebadet ist, hat nicht nötig, sich zu waschen, ausgenommen die Füße, sondern er ist ganz rein", hat der Herr zu Petrus gesagt; so dass wir in einen Zustand gebracht sind, der uns tüchtig macht, ins himmlische Heiligtum hineinzugehen – jetzt noch im Glauben, aber bei der Wiederkunft des Christus, wenn jede Spur der Sünde aus unserem Leib verschwunden sein wird, in Wirklichkeit.

Diese Freimütigkeit haben alle Gläubigen, denn sie haben alle teil am Werke des Christus, sie sind alle gewaschen mit Wasser und besprengt mit Blut. Ob sie nun alle von diesem herrlichen Vorrecht Gebrauch machen, ist eine andere Frage. "Lasst uns hinzutreten", sagt Paulus; lasst uns als Priester in das himmlische Heiligtum treten, um dort unsere Opfer darzubringen. Aber lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in voller Gewissheit des Glaubens. Unser Herz muss wahr, aufrichtig sein vor Gott, und wir müssen in des Herrn Wegen wandeln und ruhen im Opfer des Christus, durch das jede Kluft zwischen uns und Gott weggenommen ist und wir tauglich gemacht sind für Gottes heilige Gegenwart. Ein Gläubiger jedoch, der die Erlösung durch Christus nicht verstanden hat, fühlt sich nicht fähig, ins himmlische Heiligtum hineinzugehen; und ein Gläubiger, der nicht aufrichtig vor Gott wandelt, wird kein Bedürfnis fühlen, Gott anzubeten, zu loben und zu preisen. Aber haben wir ein aufrichtiges Herz und stehen wir in der vollen Gewissheit des Glaubens, lasst uns dann auch von unserem herrlichen und heiligen Vorrecht fortwährend Gebrauch machen.

Die zweite Ermahnung ist: "Lasst uns das Bekenntnis der Hoffnung unbeweglich festhalten, denn treu ist Er, der die Verheißung gegeben hat" (Vers 23). Wird die Erfüllung der Verheißung auch noch so lang hinausgeschoben, so ist der Herr doch treu; Er vergisst Seine Verheißungen nicht; zu Seiner Zeit wird Er sie in Erfüllung gehen lassen. Darum müssen wir das Bekenntnis der Hoffnung unbeweglich festhalten, wonach wir an der himmlischen Berufung teilhaben und dorthin kommen werden, wohin Jesus als unser Vorläufer eingegangen ist.

Und das müssen wir nicht nur jeder für sich selbst tun, sondern, als zu einer Familie gehörend, miteinander. Wir wandern zusammen nach dem himmlischen Vaterland, darum sollen wir uns auch zusammenschließen und einander erbauen und stärken. Daher die folgenden Ermahnungen. "Lasst uns aufeinander Acht haben zur Anreizung zur Liebe und zu guten Werken" (Vers 24). Wenn einer der Heiligen in Gefahr sein sollte, abzuweichen, so lasst uns ihn warnen, mit Liebe umgeben, stützen und stärken, damit die Liebe nicht erkalte und die guten Werke nicht aufhören. "Und lasst uns ... unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es bei etlichen Sitte ist, sondern einander ermuntern", dieser Zusammenkunft treu beizuwohnen, "und das um so mehr, je mehr ihr den Tag" des Christus, den Tag Seiner Herrlichkeit, "herannahen sehet" (Vers 25).

Unser Zusammenkommen, das ist die Versammlung der Kinder Gottes. Es gibt nur eine Familie Gottes, und darum auch nur eine Zusammenkunft. Dieser beizuwohnen ist unser heiliges Vorrecht und unsere teure Berufung. Dort werden wir gestärkt durch den gegenseitigen Glauben und die gegenseitige Gemeinschaft; dort verherrlichen wir gemeinsam unseren Gott und Vater und beugen uns vor dem Lamm, das geschlachtet ist; und dort freuen wir uns zusammen der herrlichen Zukunft, die unser wartet.

Diese Ermahnungen waren für die gläubigen Hebräer, an die Paulus schrieb, höchst notwendig. Einige von ihnen hatten bereits die Gewohnheit, das Zusammenkommen zu unterlassen und standen so in Gefahr, das Bekenntnis der Hoffnung preiszugeben und zum Judentum zurückzukehren. Darum folgen jetzt die ernsten Worte: "Denn wenn wir mit Willen sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, so bleibt kein Schlachtopfer für Sünden mehr übrig, sondern ein gewisses furchtvolles Erwarten des Gerichts und der Eifer eines Feuers, das die Widersacher verschlingen wird" (Verse 26–27).

Die Absicht des Paulus ist deutlich. Wie im sechsten Kapitel redet er hier über die schrecklichen Folgen des Weggehens vom christlichen Glauben und des Zurückkehrens zum Judentum. Das versteht er hier unter "mit Willen sündigen". Wer die Erkenntnis der Wahrheit empfangen und das Judentum verlassen hat, um Christus als seinen Erlöser und Hohenpriester anzunehmen, sündigt mit Willen, wenn er den christlichen Glauben verwirft und zum jüdischen Gottesdienst zurückkehrt; und weil er dann das einzige Opfer, das vor Gott gilt, verwirft, bleibt kein Schlachtopfer mehr für seine Sünden übrig; und es bleibt nichts anderes zu erwarten als das Gericht und die Glut des Feuers, das die Feinde des Christus verzehren wird.

Das ist nicht anders möglich; denn wenn "jemand, der das Gesetz Mose' verworfen hat, ohne Barmherzigkeit stirbt auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen, wie viel ärgerer Strafe, meinet ihr, wird der wert geachtet werden, der den Sohn Gottes mit Füssen getreten und das Blut des Bundes, durch welches er geheiligt worden ist, für gemein geachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat?" (Verse28–29). Den Sohn Gottes mit Füssen treten ist schlimmer als das Gesetz Mose' verwerfen; denn das letztere ist Ungehorsam, aber das erstere ist Verachtung der Gnade Gottes und dessen, was Gott in Christus Jesus getan hat, um uns von den Folgen dieses Ungehorsams zu erlösen. Wer zum Judentum zurückkehrte und den christlichen Glauben verleugnete, trat den Sohn Gottes mit Füssen, achtete das Blut des Bundes, durch das er geheiligt worden war, als er den Platz der für Gott Abgesonderten eingenommen hatte, für gemein und schmähte den Geist der Gnade, der ihm die Augen für die Wahrheit geöffnet und ihm Christus als seinen Herrn und Erlöser gezeigt hatte.

Paulus hatte jedoch eine bessere Meinung von den Hebräern, an die er schrieb; denn sie hatten durch ihren Glauben und ihre Hingabe bewiesen, dass sie wahre Christen waren. Nachdem sie durch das Evangelium erleuchtet worden waren, hatten sie viel Kampf und Leiden erduldet. Sie waren auf allerlei Weise verfolgt worden, so dass sie durch Schmähungen und Drangsal vor der Welt zur Schau gestellt worden waren; und sie hatten Gemeinschaft bewahrt mit anderen, die so behandelt wurden. Sie hatten denen, die um des Herrn Namens willen gefangen waren, Teilnahme bewiesen; ja, sie hatten den Raub ihrer Güter mit Freuden aufgenommen, weil ihr Blick auf die herrliche Zukunft gerichtet war, die unser wartet. Von dem vergänglichen Gut dieser Welt schauten sie weg auf ihre bessere und bleibende Habe in den Himmeln (Verse 32 –34).

Doch sie mussten ausharren; denn nur der, welcher ausharrt bis ans Ende, wird selig werden. Die Verheißung Gottes kann nur der davontragen, der ausharrt und den Willen Gottes tut. Darum ruft Paulus ihnen zu: "Werfet nun eure Zuversicht nicht weg, die eine große Belohnung hat" (Vers 35).[3] Lasst euch deshalb nicht entmutigen; bleibt dem Glauben treu; haltet euch fest an Gottes Verheißung; bedenkt, dass der Gerechte aus Glauben leben wird, und dass Gott an einem jeden, der sich zurückzieht, der den Glauben preisgibt, kein Wohlgefallen hat (Vers 38). "Wir aber", so schließt Paulus – ihr und ich – "sind nicht von denen, die sich zurückziehen zum Verderben, sondern von denen, die da glauben zur Errettung der Seele" (Vers 39).

KAPITEL 11

Diese Erwägungen führen den Schreiber des Briefes zur Darstellung dessen, was der Glaube ist und vermag, und was auf Erden das Teil der Gläubigen ist. Ein Leben im Glauben war für diese bekehrten Hebräer etwas ganz neues. Sie konnten nicht begreifen, dass sie sich in größeren Schwierigkeiten befanden als früher und Erniedrigungen und Demütigungen erdulden mussten, die sie nie gekannt hatten. Es schien, als ob alles gegen sie wäre. Sie hatten Frieden, Glück und Wohlfahrt erwartet, wurden aber geschmäht, verachtet und verworfen. Paulus zeigt ihnen, dass der Glaube hienieden nie etwas anderes zu erwarten und nie etwas anderes erfahren hat. Die Heiligen der alten Haushaltung, die im Glauben gewandelt sind und herrliche Glaubenstaten vollbracht haben, waren Fremdlinge hienieden, fanden hier keinen Ort der Ruhe, sondern wurden geschmäht, verfolgt, misshandelt und getötet. Aber sie blieben beim Glauben; sie harrten aus; sie ließen sich weder zurückschrecken noch entmutigen; und, obwohl sie die Erfüllung der Verheißung nicht sahen, hielten sie sich an den Unsichtbaren, als sähen sie Ihn. Ihr Blick war auf die herrliche Zukunft gerichtet, auf den kommenden Sieg über alle Feinde des Herrn.

Dieses herrliche Kapitel soll uns also zeigen, was der Glaube ist und vermag, und was der Gläubige hier unten findet. Eine Wolke von Zeugen wird uns vorgestellt, vom Anfang der Schöpfung an bis auf die Tage Jesu Christi. Sie alle haben im Glauben ausgeharrt, ohne die Verheißung zu erlangen. Unter den schwierigsten Umständen und in den schwersten Leiden standen sie fest und gewannen den Sieg. Sie werden uns als Vorbilder hingestellt, damit wir Mut fassen, um ebenso wie sie, bis zum Ende auszuharren.

Beachten wir wohl, dass uns keine vollständige Liste der Gläubigen des Alten Bundes gegeben wird, sondern die Folge derjenigen Glaubenshelden oder Glaubensmänner, die ihren Glauben auf besondere Weise bewiesen haben. Ist man sich dessen bewusst, so wundert man sich nicht, hier Namen zu vermissen, die man sonst unbedingt erwarten müsste, weil sie zu den Gläubigen der alten Haushaltung gehören.

Wer dieses Kapitel mit Aufmerksamkeit gelesen und überdacht hat, wird beachtet haben, dass der Heilige Geist in der Reihenfolge der Personen und Ereignisse einen bestimmten Plan verfolgt, durch welchen uns verschiedene Wahrheiten und Charakterzüge des Glaubens dargestellt werden.

Nach der Beschreibung vom Wesen des Glaubens in Vers 1 und vom Zustand der Heiligen des Alten Bundes in Vers 2 finden wir in den Versen 3–7 eine Darstellung der großen Hauptwahrheiten des Christentums. Dann zeigen die Verse 8–16, wie der Glaube uns hienieden Fremdlinge sein lässt, und die Verse 17–22, wie dieser Glaube ein vollkommenes Vertrauen ist auf die Erfüllung der Verheißungen, selbst in irdischen Dingen. Und endlich von Vers 22 bis zum Schluss finden wir die Kraft des Glaubens beschrieben, durch welche Schwierigkeiten, die sich auf dem Weg der Männer Gottes befinden, überwunden werden. Stehen wir bei jedem dieser Abschnitte ein wenig still.

Das Kapitel beginnt mit einer Beschreibung vom Wesen des Glaubens. "Der Glaube aber ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft, eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht." Wir hoffen, die Herrlichkeit zu erlangen und den Sieg des Herrn über alle Seine Feinde zu schauen; der Glaube ist die Gewissheit davon, denn durch den Glauben wissen wir, dass die Herrlichkeit unser Teil sein und der Sieg kommen wird. Niemand von uns hat Gott oder Jesus gesehen; wir haben im Glauben die Überzeugung, dass sie sind. Der Glaube ist daher das Zuverlässigste, das es für uns gibt.

Durch den Glauben "haben die Alten Zeugnis erlangt". Das wird am Anfang und am Schluss unseres Kapitels gesagt (siehe Vers 39) und zudem bei einigen, wie bei Abel, noch besonders erwähnt. Alle Alten haben durch den Glauben das Zeugnis erhalten, dass sie Gott gefielen. Der Glaube ist die Gabe Gottes und die göttliche Grundlage für das Leben unserer Seele. Diesen Glauben hatten sie alle, ebenso gut wie wir ihn haben. In dieser Hinsicht besteht kein Unterschied. Ohne Glauben kann niemand Gott gefallen; durch den Glauben erhalten wir das Zeugnis, dass wir Gott nahen, Ihm vertrauen und mit Ihm Gemeinschaft haben können.

Hierauf folgen die großen Grundwahrheiten des Christentums – die Schöpfung der Welt, die Versöhnung, die Himmelfahrt und das Gericht über die Gottlosen.

"Durch Glauben verstehen wir, dass die Welten durch Gottes Wort bereitet worden sind, so dass das, was man sieht, nicht aus Erscheinendem geworden ist" (Vers 3).

Wir werden hier zurückgeführt zu dem, was wir in 1. Mose 1, 1 lesen: "Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde." Was geschehen ist zwischen dieser Schöpfung des Weltalls und der Entstehung des Chaos, von dem in Vers 2 die Rede ist, wird uns in der Schrift nicht offenbart, wohl aber, was Gott hernach getan hat, um die Erde in den Zustand zu bringen, in dem sie sich jetzt befindet. In der so genannten Sechstageschöpfung wird die Erde nur in Verbindung mit dem Menschen erwähnt, während im ersten Vers gesagt wird, dass Gott aus nichts das ganze Weltall ins Dasein gerufen hat. Der Glaube versteht das. Wir glauben nicht nur, dass es so ist, sondern wir verstehen, dass es nicht anders sein kann. Glauben wir an Gott, den Allmächtigen, dann gibt es nichts Vernünftigeres als zu glauben, dass Er alles hervorgebracht hat. Wir begreifen natürlich nicht, wie das geschehen ist und wie das möglich war, denn dazu müssten wir Gott selbst sein, aber wir verstehen durch den Glauben, dass es nicht anders möglich ist. Für den Glauben ist das Rätsel der Schöpfung gelöst. Was die größten Gelehrten nicht begreifen können, was sie zu den verschiedensten Theorien veranlasst, die einander widersprechen und von denen die eine törichter und unmöglicher ist als die andere, das ist für das kleinste Kind, das an den allmächtigen Gott glaubt, vollkommen verständlich. Gott zu erkennen als den Schöpfer, der das ganze Weltall, alles was besteht, die Erde und den Himmel mit allen Himmelskörpern aus nichts hervorgebracht hat, befriedigt uns voll und ganz, während all die Systeme der alten und modernen Philosophen uns im Dunkeln lassen.

Nach der Schöpfung kommt die Versöhnung. Vom Fall des Menschen wird hier nicht gesprochen, denn das war das Gegenteil einer Tat des Glaubens; es war der Ungehorsam des Unglaubens. Durch diesen Fall war die Sünde in die Welt gekommen und der Mensch hatte sich von Gott gelöst; wie konnte da der Mensch vor Ihm bestehen? Die Antwort auf diese Frage erhalten wir in dem, was uns von Abel berichtet wird.

"Durch Glauben brachte Abel ein vorzüglicheres Opfer dar als Kain, durch welches er Zeugnis erlangte, dass er gerecht war, indem Gott Zeugnis gab zu seinen Gaben; und durch diesen, obgleich er gestorben ist, redet er noch" (Vers 4).

Unterwiesen durch die Worte und Taten des Herrn, der sogleich nach dem Fall einen Erlöser verheißen und für Adam und Eva Röcke von Fellen gemacht hatte, durch die allein ihre Nacktheit bedeckt werden konnte, hatte Abel im Glauben erkannt, dass er ohne blutiges Opfer vor Gott nicht bestehen und angenehm sein konnte. Während Kain meinte, dass er als Sünder sich Gott nahen und Ihm ein wohlgefälliges Opfer bringen könne, bekannte Abel, dass er den Tod und das Gericht verdient habe und es nur eine Möglichkeit gebe, sich  Gott zu nahen, nämlich, dass Gott sein Opfer, an seiner Stelle geschlachtet, annehme. Er stellte sein Schlachtopfer zwischen sich und Gott. Er anerkannte dadurch Gottes Gerechtigkeit und bewies sein Vertrauen auf Gottes Gnade. Gott nahm Abels Opfer an. Dadurch erhielt Abel das Zeugnis, dass er gerechtfertigt war.

Durch sein Opfer redet Abel noch, obgleich er gestorben ist; denn er zeigt uns den Weg des Glaubens und den einzigen Grund, auf dem ein Sünder vor Gott erscheinen kann. Abels Opfer redet von dem Lamm Gottes, das für unsere Sünden geschlachtet wurde. Wenn wir mit dem Opfer Jesu vor Gott kommen, dann werden wir gerechtfertigt und empfangen durch den Glauben das Zeugnis, dass wir gerecht sind. Gott hat zum Opfer Jesu Zeugnis gegeben; Er hat es angenommen; denn Der, welcher am Kreuz, mit unseren Sünden beladen, gestorben ist, den hat Er auferweckt und zu Seiner Rechten erhöht und verherrlicht. Mit diesem von Gott angenommenen Opfer können wir vor Gott erscheinen. Gerechtfertigt und als Gerechte befinden wir uns in Seiner Gemeinschaft und können, da der Tod und die Sünde zunichte gemacht sind, wenn Gott es für gut findet, sofort in den Himmel eingehen. Es braucht der vollbrachten Versöhnung nichts mehr hinzugefügt zu werden. Von einem Reifwerden für den Himmel, von einem Erzogenwerden für die Herrlichkeit ist keine Rede; denn alles ist in Ordnung, alles ist vollbracht; auf Grund des von Gott angenommenen Opfers Jesu stehen wir ohne Flecken oder Runzel vor des Herrn Angesicht. Darum folgt hier auf die Versöhnung die Himmelfahrt. Wiewohl für die meisten Gläubigen nach ihrer Erlösung eine Wanderung durch die Wüste folgt, ist diese Wanderung durch die Wüste doch nicht nötig, um sie für den Himmel geschickt zu machen. Sie können im selben Augenblick, da sie Jesus und Sein Opfer angenommen haben, in den Himmel eingehen. Der Schächer ging direkt vom Kreuz ins himmlische Paradies. Die, welche gerade vor der Wiederkunft des Herrn bekehrt werden, gehen ohne Wanderung durch die Wüste in das Vaterhaus.

"Durch Glauben ward Henoch entrückt, damit er den Tod nicht sehen sollte, und er wurde nicht gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte, denn vor der Entrückung hat er das Zeugnis gehabt, dass er Gott wohlgefallen habe" (Vers 5).

Henoch ist ein Vorbild der Gemeinde (Ekklesia). Er wandelte mit Gott. Er hatte sich abgesondert von der bösen Welt, die ihn umgab. Er hatte das Zeugnis, dass er Gott wohlgefiel. Er wurde in den Himmel aufgenommen kraft des Sieges über den Tod; und durch den Geist Gottes gibt er Zeugnis vom Gericht, das die Welt treffen wird (Judas 14, 15); aber, ohne durch dieses Gericht zu gehen, wird er vor dieser Zeit hinweg genommen. So wird auch die Gemeinde bei Jesu Wiederkunft sofort, vor der Stunde der Versuchung, die über das ganze Erdreich kommen wird, erlöst werden. Sie wird ohne zu sterben, dem Herrn in der Luft entgegengeführt werden, wohin Er herabsteigen wird, um sie abzuholen und sie in ihre himmlische Wohnung zu bringen (Offb. 3, 10; 1. Thess. 4, 13–18; 1. Kor. 15, 51–54).

Dann wird es sich herausstellen, dass der Tod zunichte gemacht ist. Jetzt schon ist das Sterben für den Gläubigen kein Sterben im gewohnten Sinn des Wortes mehr, denn unser Heiland hat für uns den Tod als Lohn der Sünde erlitten. Sterben ist für uns Gewinn, weil wir, ausheimisch von dem Leibe einheimisch bei dem Herrn sind. Dennoch ist Sterben eine Folge der Sünde, und so lange die Gläubigen noch sterben, ist es nicht ans Licht gebracht, dass der Tod zunichte gemacht ist. Aber wenn Jesus kommt, dann werden die entschlafenen Heiligen auferweckt und dann wird die Gemeinde, die auf Erden lebt, nicht sterben, sondern in einem Nu verwandelt werden, und alsdann wird das Wort sich erfüllen, das geschrieben steht: "Der Tod ist verschlungen in den Sieg."

Merkwürdig und kostbar ist, was uns von Henoch gesagt wird. Vor seiner Entrückung hatte er das Zeugnis, dass er Gott wohlgefiel. Wer mit Gott wandelt, hat das Zeugnis, dass er Gott gefällt; er genießt die Süßigkeit der Gemeinschaft Gottes und hat das Zeugnis des Geistes. Er genießt den Zufluss der Gnade und der Gedanken Gottes im Bewusstsein Seiner Gegenwart und im Bewusstsein, nach Seinem Wort zu wandeln. Ein Kind, das mit einem zärtlich liebenden Vater wandelt, genießt in der Unterhaltung mit seinem Vater das Bewusstsein seiner Gunst. Möchten wir stets die Herrlichkeit und Süße eines solchen Wandels in Seiner Gemeinschaft schmecken.

Nach der Schöpfung die Versöhnung, nach der Versöhnung die Himmelfahrt der Gemeinde, und nach dieser Himmelfahrt das Gericht über die Welt, während welchem die Heiligen, die dann leben, bewahrt werden. Das wird uns durch Noah und die Sündflut dargestellt. "Durch Glauben bereitete Noah, als er einen göttlichen Ausspruch über das, was noch nicht zu sehen war, empfangen hatte, von Furcht bewegt, eine Arche zur Rettung seines Hauses durch welche er die Welt verurteilte und Erbe der Gerechtigkeit wurde, die nach dem Glauben ist" (Vers 7).

Noah befand sich inmitten des Gerichtes, das über die Welt kam. Er kündigte anderen das Gericht an, nicht als einer, der außerhalb stand, sondern als einer, der selbst hindurchgehen musste. Er wurde selbst und vor sich selbst gewarnt; und von Furcht bewegt, baute er eine Arche zur Rettung seines Hauses, wodurch er die Welt verurteilte. Henoch musste keine Arche bauen, um durch die Sündflut hindurch zu können; er kam nicht hinein, denn Gott nahm ihn von dieser Zeit zu sich. Während Henoch in den Himmel ging, wurde Noah für die neue Welt aufgespart. Die Gemeinde wird von der Welt hinweggenommen, bevor die Stunde der Rache kommt; der jüdische Überrest geht durch die Gerichte hindurch und wird das Königreich des Christus ererben. Die gläubigen Juden der letzten Tage gehen durch die Gerichte, aus denen wir, als nicht zur Welt gehörend, erlöst werden; sie werden Erben der Gerechtigkeit sein, die nach dem Glauben ist, und Gottes Zeugen davon in einer neuen Welt, wo die Gerechtigkeit ausgeübt werden wird durch Ihn, der kommen wird und der alle Seine Feinde zum Schemel Seiner Füße legen wird.

Wir haben bemerkt, dass die Wanderung durch die Wüste der Welt keinen Platz einnimmt in der Reihe der Grundwahrheiten des Christentums, wie uns diese in den ersten sieben Versen unseres Kapitels vorgeführt werden. Dennoch ist die Reise durch die Wüste von großer Wichtigkeit. Wiewohl sie nicht nötig ist, um uns für den Himmel tauglich zu machen, die wir durch das Werk des Christus für die Gegenwart Gottes tüchtig gemacht sind, so ist diese Wanderung durch die Wüste doch von großem Belang. Darum folgt ihre Beschreibung jetzt in den Versen 8–16. Die Gläubigen sind hier auf Erden Fremdlinge und Beisassen und haben ihren Blick auf ein besseres Vaterland – das himmlische – gerichtet. Im Leben der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob wird uns das dargestellt.

Es ist wichtig zu beachten, wie zuerst der allgemeine Charakter des Lebens dieser Glaubenshelden angegeben wird (Verse 8–16), während nachher, von Vers 17–22, jede ihrer besonderen Taten des Glaubens erwähnt wird. Was das erste betrifft, so standen sie gleich, hinsichtlich des zweiten hatte jeder seine besondere Tugend.

Durch den Glauben gehorchte Abraham der Berufung Gottes und verließ sein Land und seine Verwandtschaft, um an den Ort zu gehen, den er als Erbteil empfangen sollte, ohne zu wissen, wohin er kommen würde. Und dort hingekommen, hielt er sich als Fremdling im Lande der Verheißung auf, wie in einem fremden Lande und wohnte in Zelten nicht in Häusern oder Städten – mit Isaak und Jakob, die Miterben derselben Verheißung waren (Verse 8–9). Sie hätten Zeit genug gehabt, um in ihr altes Vaterland zurückzukehren, aber sie taten es nicht, denn sie erwarteten die Stadt, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist, und sie waren begierig nach einem bessern, d. h. nach dem himmlischen Vaterland. So blieben sie ihr Leben lang Fremdlinge und Beisassen in dem Land, das Gott ihnen verheißen hatte; und wiewohl sie gestorben sind, ohne die Verheißung empfangen zu haben, hielten sie dennoch an der Verheißung fest, ließen sich durch nichts entmutigen und durften die herrliche Erfahrung machen, dass der Herr ihr Gott ist. Sie vertrauten auf die Erfüllung Seiner Verheißung, die sie im Glauben von ferne schauten (Verse 10–16).

Das ist auch jetzt die Stellung der Gläubigen in dieser Welt. Sie sind nicht von der Welt; sie haben hier keine bleibende Stadt; sie ziehen hier nur durch; als Fremdlinge wandeln sie auf der Erde; ihr Vaterland ist nicht hier unten, sondern dort oben; ihr Auge ist auf den Himmel gerichtet, wo der Herr ihnen eine Stätte bereitet hat. Da sie Erben Gottes und Miterben des Christus sind, warten sie auf die Herrschaft, die ihnen bald über diese Erde gegeben wird, und befinden sich, so lange der Teufel die Erde beherrscht, als Beisassen hier unten, die sich nicht mit der Führung der Welt befassen.

Durch das, was uns hier mitgeteilt wird, erfahren wir zugleich, dass die Heiligen des Alten Bundes durch ihre Gemeinschaft mit Gott viele Dinge kennen und verstehen lernten, die ihnen nicht direkt geoffenbart waren. Im Alten Testament ist keine Rede von der Auferstehung der Toten, von einer Stadt, die Grundlagen hat, von einem himmlischen Vaterland; aber durch ihre Gemeinschaft mit Gott wurden sie in diese wichtigen Wahrheiten eingeführt und erhoben sich dadurch über die Haushaltung, in der sie sich befanden. Es ist das im höchsten Grade merkwürdig. Was wir beim Lesen des Alten Testamentes nicht vermuten können, wird uns hier durch den Heiligen Geist mitgeteilt, der uns zugleich eine Beurteilung von vielen Glaubenstaten zeigt, an die wir beim Lesen der Geschichte nicht denken würden. Sara z. B., die bei der Ankündigung von Isaaks Geburt aus Unglauben lachte, hätten wir sicher nicht in die Reihe der Glaubenshelden aufgenommen; und doch wird sie hier als solche aufgeführt.

Nach dieser treffenden Darstellung des Platzes, den die Gläubigen hier unten einnehmen, wird uns das vollkommene Vertrauen dieser Glaubensmänner auf die Verheißung Gottes als Vorbild gezeigt. Merkwürdig ist, dass Abraham, Isaak und Jakob hier nochmals genannt werden. In den Versen 8–16 werden sie nur als Fremdlinge und Beisassen auf Erden vorgestellt, die in Zelten wohnten und ihr Auge auf das himmlische Vaterland gerichtet hatten; doch nachher, in den Versen 17–22, werden uns ihre besonderen Glaubenstaten berichtet.

"Durch Glauben hat Abraham, als er versucht wurde (von Gott geprüft), den Isaak geopfert und der, welcher die Verheißungen empfangen hatte, brachte den Eingebornen dar, über welchen gesagt worden war: ,In Isaak soll dein Name genannt werden; indem er urteilte, dass Gott auch aus den Toten zu erwecken vermöge, von woher er ihn auch im Gleichnis empfing'" (Verse 17–19).

Zweimal hat Abraham den Beweis geliefert, dass er an die Macht Gottes glaubte, die Toten lebendig zu machen; das erste Mal, als Gott ihm verhieß, er werde von Sara einen Sohn bekommen. Er schaute nicht, sagt Paulus in Römer 4, auf seinen eigenen, schon erstorbenen Leib, noch auf das Absterben des Mutterschosses der Sara. Und das zweite Mal, als der Herr ihm befahl, Isaak zu opfern. Das war eine schwerere Glaubensprüfung als die erste. An Isaak hing die Erfüllung von Gottes Verheißung. Wenn Isaak geschlachtet wurde, konnte die Verheißung nicht erfüllt werden. Was sollte Abraham tun? Isaak opfern? Aber dann konnten in ihm nicht alle Geschlechter der Erde gesegnet werden. Sich weigern? Aber dann hörte er auf, der Freund Gottes zu sein. Was dann? Gehorchen, aber dann glauben, dass Isaak aus den Toten auferweckt würde. Gott wohlgefällige Überlegung! Wunderbarer Glaube! Der Herr wurde dadurch hoch verherrlicht und Abraham wird der Vater der Gläubigen genannt.

in gleicher Weise hat Christus auf Seine messianischen Rechte verzichtet und ist in den Tod gegangen, indem Er sich dem Willen Gottes übergab und Ihm vertraute. in der Auferstehung hat Er alles zurückerhalten. Dasselbe sollten die hebräischen Christen tun hinsichtlich des Messias und der Israel gegebenen Verheißungen. Beachten wir wohl, dass, wenn man Gott vertraut und um Seinetwillen auf alles verzichtet, man immer gewinnt und mehr kennen lernt von den Wegen Seiner Allmacht; als wenn man nach Gottes Willen auf etwas verzichtet, das bereits gegeben ist. Abraham verzichtete auf die Verheißung nach dem Fleisch; er schaute nach der Stadt, die Grundlagen hat, und begehrte ein himmlisches Vaterland; er verzichtete auf Isaak, in dem die Verheißung gegeben war und erkannte die Wahrheit, nämlich die Hoffnung auf die Auferstehung; denn Gott ist der Unwandelbare.

"Durch Glauben segnete Isaak, in Bezug auf zukünftige Dinge, den Jakob und den Esau" (Vers 20). Der Glaube befähigte Isaak, den Anspruch des Volkes Gottes nach der Erwählung von den natürlichen Rechten der Erstgeburt zu unterscheiden. Der jüngste wird von ihm gesegnet; über den Erstgebornen wird das Gericht ausgesprochen. Das war nach Gottes Wort und nach Gottes Gedanken; und Isaak erkannte dies durch den Glauben.

"Durch Glauben segnete Jakob sterbend einen jeden der Söhne Josephs und betete an über der Spitze seines Stabes" (Vers 21). Aus dem langen, bewegten Leben Jakobs, so reich an allerlei Begebenheiten, ist keine einzige Glaubenstat zu melden, mit Ausnahme dessen, was er auf seinem Sterbebett tat. Nachdem er sich durch seine eigenen Wege allerlei Widerwärtigkeiten aufgeladen hatte, und einmal sogar im Begriff war, seinen Platz als Fremdling hienieden zu verlassen, als er sich mit den Leuten von Sichern verbinden wollte, nahm er am Ende seines Lebens, auf seinem Sterbebett, durch den Glauben seine wahre Stellung als Fremdling ein. Indem er sich auf seinen Pilgerstab stützte, mit dem er durch den Jordan gezogen war, segnete er die beiden Söhne Josephs, des durch seine Brüder verworfenen Sohnes, und gab ihm also eine doppelte Erbschaft.

Joseph, der in Ägypten zu höchster Macht, gelangt war, und sich Ehre, Ansehen und Vermögen erworben hatte, erkannte durch den Glauben, dass die Israeliten einmal das Land ihrer Dienstbarkeit verlassen würden, um als freies Volk in das ihnen von Gott verheißene Kanaan einzuziehen, und er gab Befehl, dass man bei diesem Auszug seinen Sarkophag mitnehmen sollte (Vers 22).

Von Vers 23 an folgen die Taten des Glaubens, die im Überwinden von Schwierigkeiten bestehen, wie sie der Mann des Glaubens auf seinem Weg durch diese böse Welt findet. Höchst wichtige Einzelheiten werden erwähnt und wichtige Lehren gegeben.

Der Glaube von Mose Eltern kümmerte sich nicht um den grausamen Befehl des Pharao; sie fürchteten das Gebot des Königs nicht; sondern, "weil sie sahen, dass das Kindlein schön war" und es deshalb für den Erlöser Israels hielten, verbargen sie es drei Monate lang. Der Glaube disputiert nicht, sondern handelt nach Gottes Verheißung und überlässt die Folgen der Hand des Herrn (Vers 23).

Doch die Umstände, die der Herr benutzte, um Mose am Leben zu erhalten, waren gleichzeitig das Mittel, um ihn in die bevorzugteste Stellung zu bringen, die er in Ägypten einnehmen konnte. Alles, was damals einem Menschen Ehre und Ansehen, Reichtum und Macht bringen konnte, wurde Mose zuteil; doch durch den Glauben erkannte er seine Pflicht und seine Berufung. Er weigerte sich, ein Sohn der Tochter Pharaos genannt zu werden; er verließ den Hof und die Schätze Ägyptens, um sich zu dem armen, verachteten und unterdrückten Volk des Herrn zu halten, dem die Verheißungen Gottes gegeben waren. Mit dem Volk Gottes schlecht behandelt zu werden, war ihm lieber als die zeitliche Ergötzung der Sünde. Paulus sagt, Mose habe die Schmach des Christus für größeren Reichtum gehalten, als die Schätze Ägyptens. Denn unser teurer Heiland war auch reich und ist arm geworden, hat sich aller Schmach und allem Hohn der Welt preisgegeben, hat sich zu dem armen, verachteten Überrest der Juden gesellt und sich, als wäre Er einer von ihnen, durch Johannes taufen lassen. Darum nennt Paulus das, was Mose tat, ein Erwählen der Schmach des Christus vor den Schätzen Ägyptens, obwohl Mose nicht an die Schmach des Christus dachte und auch nicht daran denken konnte.

Es ist wichtig, hier zu beachten, dass der Glaube sich durch Beweggründe leiten lässt, die von Gott selbst im Herzen des Menschen gewirkt werden und es leiten, ohne dass ihm die von Gott vorgesehenen Wege bekannt sind. Nie ist das Eingreifen von Gottes Vorsehung so deutlich und so merkwürdig gewesen wie in der Geschichte von Mose. Er wurde auf wunderbare Weise an den Hof Pharaos gebracht und dort vierzig Jahre lang in aller Weisheit der Ägypter unterwiesen. Aber durch den Glauben verließ er den Hof Pharaos und gab seine Vorrechte auf, um sich zum Volk des Herrn zu halten. Hieraus lernen wir, dass Gottes Vorsehung die Umstände leitet, aber dass der Glaube unser Benehmen und unser Herz führt.

Mose war dazu imstande, weil er auf die Belohnung schaute. Die Belohnung, die Gott verheißen hat, ist nicht der Beweggrund für unsere Handlungen, aber sie unterstützt und ermutigt das Herz. Sie entzieht uns dem Einfluss der Welt, dem Einfluss der Dinge, die uns umgeben, sowohl der angenehmen als auch der unangenehmen oder gar erschreckenden und richtet unseren Blick auf die künftige Herrlichkeit. Das Geheimnis der Standhaftigkeit, Bestimmtheit und sittlichen Größe liegt im Hinsteuern auf ein unsichtbares Ziel.

Der Glaube ohne zu sehen, verwirklicht auch das Eingreifen Gottes. Mose "hielt standhaft aus, als sähe er den Unsichtbaren"; und dadurch wurde er erlöst von aller Furcht vor den Feinden Gottes und Seines Volkes. "Durch den Glauben verließ Mose Ägypten und fürchtete die Wut des Königs nicht" (Vers 27). Die Geschichte erzählt uns, mit welcher Würde und Unerschrockenheit Mose dem Zorn Pharaos trotzte und ihm die Gerichte des Herrn ankündigte.

Größer wird die Schwierigkeit für das Herz, wenn Gott nicht eingreift, wenn nämlich das Bewusstsein der Sünde und der Gedanke an das Gericht, das wir verdient haben, uns vor Gott, unserem Richter zittern lässt. Der Glaube aber anerkennt durch das Bestreichen der Türpfosten mit Blut, dass der Israelit gleich wie der Ägypter Gegenstand des Gerichtes Gottes ist; und indem er der Kraft des Blutes vertraut, nimmt er Gottes Zeugnis an und kann mit Ruhe das Gericht Gottes erwarten. In der Nacht, als das Gericht des Herrn über ganz Ägyptenland kam, konnte Mose durch den Glauben das Fest ihrer Erlösung, das Passah feiern (Vers 28).

Hierauf folgt eine andere Reihe von Glaubenstaten. Durch den Glauben gingen die Israeliten durch das Rote Meer; durch den Glauben fielen die Mauern Jerichos; durch den Glauben wurde die Hure Rahab verschont. Merkwürdige Verbindung! Gewiss nicht ohne Absicht durch den Heiligen Geist so gesetzt. Der Durchzug durch das Rote Meer ist ein Vorbild unserer vollkommenen Erlösung von der Macht des Feindes durch den Tod und die Auferstehung des Christus. Die Wasser des Gerichts, in welchen die Ägypter umkamen, waren für die Israeliten der Weg zur Rettung. Durch den Tod gingen sie zum Leben. Dies war das Vorbild für das, was in Christus erfüllt ist. Das Kreuz bedeutet Tod und Gericht, die zwei schrecklichen Folgen der Sünde, das ewige Los des Sünders. Aber für uns ist das Kreuz die Erlösung, weil Christus Gericht und Tod für uns am Kreuz erduldet hat, so dass wir davon befreit sind. Christus ist gestorben und auferstanden, und wir durchgehen im Glauben das, was unsere ewige Verurteilung gewesen wäre, nun aber unsere ewige Erlösung geworden ist. Wir gehen durch das Meer ohne zu ertrinken. Der Tod und das Gericht sind unsere Sicherheit; und durch die Auferstehung von Jesus, Christus aus den Toten kommen wir in einen neuen Zustand.

Die Israeliten mussten nicht nur von der Macht Pharaos befreit werden, sie mussten auch das ihnen verheißene Land Kanaan in Besitz nehmen; dazu mussten die Feinde aus dem Lande vertrieben werden. Durch den Glauben fielen die Mauern Jerichos, nachdem sie sieben Tage umzogen waren und der Glaube sich dadurch in seiner Kraft und Beharrlichkeit geoffenbart hatte. Nun lag das ganze Land offen vor ihnen. Nach unserer Erlösung von Tod und Gericht nehmen wir durch den Glauben unseren Platz in den himmlischen Örtern ein und erobern die himmlischen Segnungen vom Feind unserer Seelen, dem großen Verkläger der Brüder (Offb. 12, 10).

Durch den Glauben kam Rahab, die Hure, nicht mit den Ungläubigen um, weil sie die Kundschafter in Frieden aufgenommen hatte. Sie gesellte sich durch ihren Glauben zum Volk des Herrn und wurde als Fremdling in das Volk aufgenommen und sogar zu dem Geschlecht zugelassen, aus dem, dem Fleisch nach, der Messias gekommen ist. So werden die Heiden an den Segnungen Israels teilhaben; und so sind schon jetzt die Gläubigen aus den Nationen mit den Gläubigen aus Israel ein Leib, Mitgenossen derselben Verheißungen und Hausgenossen Gottes.

Von Vers 32–38 erinnert der Heilige Geist allgemein an die Glaubenstaten der Heiligen des Alten Bundes in verschiedenen Zeiten und unter allerlei Umständen, durch welche die Kraft des Glaubens und seine Ausdauer unter den schrecklichsten Leiden und den schwersten Verfolgungen sich bewährt haben. Wahrscheinlich sind in den Versen 37 und 38 die Gläubigen gemeint, die zur Zeit der Makkabäer unter den furchtbaren Verfolgungen des syrischen Königs Antiochus Epiphanes seufzten. Die Welt war es nicht wert, solche treue Zeugen Gottes in ihrer Mitte zu haben.

Höchst wichtig sind die zwei letzten Verse des Kapitels. "Und diese alle, die durch den Glauben ein Zeugnis erlangten, haben die Verheißung nicht empfangen, da Gott für uns etwas Besseres vorgesehen hat, dass sie nicht ohne uns vollkommen gemacht würden" (Verse 39–40). Wie am Anfang, so wird auch am Ende dieses Kapitels von allen Heiligen des Alten Bundes gesagt, dass sie Gott wohlgefällig waren. Dennoch haben sie die Verheißung nicht empfangen. Sie sind dahingegangen, bevor die Verheißung erfüllt worden ist. Warum haben sie die Erfüllung der Verheißung nicht empfangen? Nun, weil wir erst in die volle und herrliche Offenbarung der neuen Haushaltung, der der Ekklesia, kommen mussten; und Gott für uns etwas Besseres vorgesehen hatte, damit sie nicht ohne uns vollkommen gemacht würden.

Wir werden in diesem Brief in der Wahrheit unterwiesen, dass die himmlischen Dinge die Dinge geworden sind, in denen wir leben durch die Vereinigung des Christus mit der Versammlung (Gemeinde) und durch unser Eintreten mit Freimütigkeit in das himmlische Heiligtum durch Sein Blut. Für uns ist keine Rede von einer Verheißung, durch die wir von ferne den Ort schauen, in den wir noch nicht hineingehen dürfen; denn wir können mit Freimütigkeit in Gottes Gegenwart treten; wir gehören zum himmlischen Heiligtum, wo Gott wohnt; wir haben dort unser Bürgerrecht. Christus ist als der verherrlichte Mensch im Himmel; Er, unser Haupt, ist unser Vorläufer. Abraham wandelte hier auf Erden, den Blick auf die himmlische Stadt gerichtet; aber er stand zum Himmel nicht in Beziehung durch einen Christus, der in der Herrlichkeit eingegangen war. Wir sind in Christus im Himmel. Der Heilige Geist geht hier freilich nicht weiter auf diesen Gegenstand ein, weil es nicht Seine Absicht ist, uns hier die herrliche Stellung, der Ekklesia zu enthüllen (das tut Er im Brief an die Epheser); aber Er zeigt uns doch mit einem einzigen Wort diese herrliche Stellung. Wie gesegnet die Erzväter auch waren, so ist die Stellung des Christen doch eine ganz andere und höhere. Wir haben Vorrechte, die nicht das Teil der Gläubigen des Alten Bundes waren. Wir werden in der Auferstehung zusammen mit ihnen verherrlicht werden, aber wir haben ein Teil, das die Heiligen der Alten Haushaltung nicht hatten. Die Tatsache, dass der Mensch Christus Jesus im Himmel ist, nachdem Er die Erlösung vollbracht hat, und dass der Heilige Geist, durch den wir mit Christus verbunden sind, hier auf Erden ist und in uns wohnt , lässt uns begreifen, dass unsere Vorrechte viel höher und größer sind als die der alttestamentlichen Heiligen. Der Kleinste im Königreich ist größer als der Größte von ihnen, die vor der Ankunft dieses Königreichs lebten.

KAPITEL 12

"Deshalb nun, da wir eine so große Wolke von Zeugen um uns haben, lasst auch uns, indem wir jede Bürde und die leicht umstrickende Sünde ablegen, mit Ausharren laufen den vor uns liegenden Wettlauf, hinschauend auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, welcher, der Schande nicht achtend, für die vor Ihm liegende Freude das Kreuz erduldet und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes" (Verse 1–2).

Das ist das Resultat, zu dem Paulus kommt nach der bewunderungs-würdigen Beschreibung des Glaubenslebens der alttestamentlichen Glaubenshelden. Wir sind von einer großen Wolke von Zeugen umgeben. Was der Glaube vermag, wie er bis ans Ende ausharrt, obgleich die Verheißung noch nicht erlangt ist, wird uns auf beredte Weise aus dem Leben dieser Heiligen gezeigt und soll uns anspornen, mit Ausdauer den Wettlauf zu laufen, der vor uns liegt. Groß waren die Gefahren, in denen die Hebräer sich befanden. Mutlosigkeit kann zum Abfall, Ermatten im Glauben kann zur Verleugnung des Christus führen. Die Erwähnung der Zeugen aus dem Alten Bund sollte ihnen Mut und Vertrauen einflössen. Im Hinblick auf das Ausharren dieser treuen Heiligen mussten die Hebräer sich ihrer Wankelmütigkeit wohl schämen.

Wie unendlich groß sind unsere Vorrechte! Gott hatte für uns etwas Besseres vorgesehen – eine bessere Stellung, einen bessern Ort, eine bessere Hoffnung – aber auch, wie Paulus hier sagt, einen bessern Gegenstand des Glaubens. Von den Heiligen des Alten Bundes hatte jeder etwas von den Schwierigkeiten des Glaubensweges gekostet und dieselben überwunden. Unser Herr und Heiland aber ist den ganzen Weg des Glaubens zu Ende gegangen, von der Krippe bis zum Kreuz, und sitzt jetzt zur Rechten des Thrones Gottes. Er ist allen Versuchungen preisgegeben worden, denen die menschliche Natur ausgesetzt werden kann. Er wurde von den Menschen verfolgt, durch Satan versucht, von Gott verlassen. Seine Jünger flohen, als Ihm Gefahr drohte; Sein vertrauter Freund verriet Ihn; Seine meistgeliebten Jünger vermochten nicht mit Ihm zu leiden, wie sehr Er auch ihr Mitgefühl begehrte. Die Väter, deren Namen hier in Ehren genannt werden, vertrauten auf Gott und wurden erhört; Er aber fand keine Erhörung; Er war ein Wurm und kein Mann (Psalm 22). In völligem Gehorsam ist Er den Weg gegangen. In allem und über alles hat Er den Sieg davongetragen und ist triumphierend in den Himmel eingegangen, um dort als der verherrlichte Mensch zur Rechten des Thrones Gottes Seinen Sitz einzunehmen.

Darum ist Er der Anführer und Vollender des Glaubens. Er ist den Weg des Glaubens vom Anfang bis zum Ende gegangen und thront jetzt mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt zur Rechten Gottes. Auf Ihn im Himmel blickend, sehen wir den Weg des Glaubens, das Ausharren des Glaubens und die Vollendung des Glaubens. In dieser dunkeln Welt sehen wir einen leuchtenden, in der himmlischen Herrlichkeit endenden Pfad, auf dem Jesus als oberster Führer voranging und dessen Ende Er als Vollender des Glaubens erreicht hat. Wiewohl wir eine mächtige Wolke von Zeugen um uns haben, deren herrliche Glaubenstaten uns ermutigen und stärken können, so gibt es für uns doch nur einen Gegenstand des Glaubens, und das ist Jesus, sitzend zur Rechten Gottes, und wir müssen von allen anderen Dingen wegsehen, um unseren Blick ausschließlich auf Ihn zu richten und Ihm dann auf diesem Weg des Glaubens nachzufolgen.

Denn Jesus, der in die Herrlichkeit, die Ihm verheißen war, eingegangen ist, ist uns ein Vorbild in dem Leiden, durch das Er ging, um diese Herrlichkeit zu erreichen. Um der Freude willen, die vor Ihm lag: in die Herrlichkeit einzugehen als Anführer und Vollender des Glaubens, als der Vorläufer der Seinen, hat Er das Kreuz erduldet, indem Er die Schande dieses Kreuzes nicht achtete. Nun, sagt Paulus, "betrachtet Den, der so großen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, dass ihr nicht ermüdet, indem ihr in euren Seelen ermattet" (Vers 3), sondern mit Ausdauer den Lauf vollendet, der vor euch liegt.

Um mit Ausdauer den Wettlauf laufen zu können, müssen wir alle Last der Sünde, die uns leicht umstrickt, ablegen. Wer zuerst am Ziel ankommen will, muss sich von allem befreien, was ihn hindern könnte. So müssen wir uns aller Lasten und Sorgen entledigen, die uns drücken, wie auch der Sünde, die uns so leicht umstrickt. Paulus spricht davon, als ob nichts leichter wäre als dies. Und in der Tat ist es leicht, wenn wir auf Jesus schauen. Sehen wir nicht auf Ihn, dann ist es unmöglich. Zwei Dinge sind es, die uns hindern: die Sorgen und die Sünde. Das menschliche Herz beschäftigt sich mit den Schwierigkeiten und dem Leiden; und je mehr man daran denkt, desto mehr fühlt man sich beschwert. Aber auch die Sünde ist ein Fallstrick; die Begierden des Fleisches streiten gegen die Seele. Sobald wir aber auf Jesus sehen, ist der neue Mensch wirksam. Wir haben einen neuen Gegenstand, der uns entlastet und von jedem anderen Gegenstand löst; es ist das neue Leben, die neue Natur, die uns in Christus geworden, das sich nun entfaltet. In Jesus finden wir, wenn wir den Blick auf Ihn gerichtet haben, die Kraft, die uns erlöst. Halten wir die Dinge dieser Welt für eine Last, was sie wirklich sind, dann ist es leicht, sie von uns zu werfen. Man gibt gerne auf, was im Wege steht und hindert.

Ist unser Blick aber auf die Umstände und das Leiden gerichtet, dann werden wir mutlos und stehen in Gefahr zu erliegen. So erging es den Hebräern, und darum sucht Paulus sie aus ihrer Mutlosigkeit zu erheben und sie mit neuer Zuversicht zu erfüllen. Zuerst, indem er sie auf das Ausharren der Glaubenshelden des Alten Bundes hinweist. Dann, indem er ihren Blick auf den neuen Gegenstand des Glaubens im Himmel richtet. Und endlich, indem er ihnen zeigt, dass die Züchtigung Gottes ein Beweis Seiner Liebe ist und uns klar macht, dass wir keine Bastarde, sondern Söhne sind.

Das Leiden, das die gläubigen Hebräer erduldeten, war ein Leiden um Christus willen. Sie wurden wegen ihres Glaubens verfolgt. Darum konnte Paulus zu ihnen sagen: "Ihr habt noch nicht, wider die Sünde ankämpfend, bis aufs Blut widerstanden" (Vers 4); d. h. in eurem Kampf gegen die Sünde in der Welt ist es mit euch noch nicht so weit gekommen, dass ihr euer Leben habt aufopfern müssen. Dieses Leiden für Christus ist unsere Ehre und unsere Freude. (Siehe Phil. 1, 29; 1. Petrus 2, 19; Jak. 1, 2.) Wer gewürdigt wird, für Christus zu leiden und für Ihn sein Leben zu opfern, empfängt dereinst eine besondere Krone. Aber dieselben Leiden werden zugleich von Gott benutzt, um uns zu üben, zu erziehen und zu heiligen. Wenn von diesem Leiden gesagt werden kann, dass wir es für lauter Freude halten sollen, so wird es uns zugleich als zur Zucht des Vaters über Seine Kinder gehörend dargestellt. Das hängt aber davon ab, von welchem Gesichtspunkt aus wir es betrachten. Was eine besondere Ehre und eine große Freude für uns ist, weil wir, leidend für die Gerechtigkeit, Christus gleichförmig sind, das ist in der Hand unseres Vaters ein Mittel, um uns Seiner Herrlichkeit teilhaftig werden zu lassen.

Von diesem Gesichtspunkt aus wird hier das Leiden von Paulus betrachtet. Treffend und erhaben ist es, was der Apostel darüber sagt. Da die Empfänger seines Briefes wegen der vielen Drangsale, die sie zu ertragen hatten, mutlos waren, tröstet er sie mit dem Hinweis, dass all das Leiden eine Züchtigung war, durch die Hand Gottes, ihres Vaters, und deshalb ein Beweis, dass sie Söhne und keine Bastarde waren. "Ihr habt die Ermahnung vergessen, die zu euch als zu Söhnen spricht: Mein Sohn, achte nicht gering des Herrn Züchtigung, noch ermatte, wenn du von Am gestraft wirst" (Vers 5). Der Nachdruck liegt auf "Söhnen". Nur Söhne werden gezüchtigt. Wenn wir das bedenken, dann werden wir die Züchtigung des Herrn nicht gering achten, noch darunter erliegen. Das könnte seinen Grund nur im Unglauben haben: Wer die Züchtigung des Herrn gering achtet, glaubt auch nicht, dass diese von einem liebenden Vater kommt, darum ist er darüber verzagt. Glauben wir, dass der Herr den züchtigt, den Er liebt, und dass Er jeden Sohn, den, Er aufnimmt, geißelt (Vers 6), dann werden wir verstehen, dass der Herr nichts umsonst tut und nie etwas sendet, was für uns nicht nützlich und notwendig wäre. Wir werden dann unter der Züchtigung nicht seufzen und uns auch nicht so benehmen, als ob die Züchtigung nichts zu bedeuten hätte. Sowohl vor Leichtfertigkeit als auch vor Schwermut werden wir dann bewahrt.

Die Züchtigung ist also ein Beweis, dass wir Söhne sind und dass der Herr uns liebt. Denn "ihr erduldet das Leiden als Züchtigung sagt Paulus, und nicht als Zorn von Seiten Gottes. Leiden sind kein Gericht Gottes, keine Strafe, sondern die Zucht eines liebenden Vaters. "Gott handelt mit euch als mit Söhnen; denn wer ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt?" (Vers 7). Fremden Kindern habe ich nichts zu sagen, ich kümmere mich nicht um sie; meine Kinder aber erziehe ich, halte sie unter Zucht und strafe sie, wenn es nötig ist. In Seiner voraussehenden Führung beschäftigt sich Gott mit allen Menschen, aber nur Seine Kinder unterstehen Seiner Zucht. Darum würde das Fehlen göttlicher Zucht ein Beweis sein, dass wir nicht Kinder Gottes, sondern Bastarde wären (Vers 8). Weit entfernt davon, uns durch die Züchtigung entmutigen zu lassen, soll sie uns zur Freude und zum Trost gereichen, weil wir durch sie erfahren, mit welcher Liebe der Herr uns liebt.

Überdies hat die Züchtigung eine gesegnete Absicht und sie zeitigt herrliche Früchte. "Wir hatten auch die Väter nach dem Fleische zu Züchtigern und scheuten sie, sollten wir dann nicht viel mehr dem Vater der Geister unterwürfig sein und leben?" (Vers 9). Sicherlich; denn unsere Väter nach dem Fleische züchtigten uns für wenige Tage nach ihrem Gutdünken, oft vielleicht willkürlich; Er aber, unser Gott und Vater in Christus, züchtigt uns zu unserem Nutzen, damit wir Seiner Heiligkeit teilhaftig werden (Vers 10). Unser Vater, der uns liebt, wünscht nichts sehnlicher als das. Er ist der heilige Vater und Er will Seine Kinder zu Teilhabern Seiner Heiligkeit machen. Durch die Züchtigung lernen wir uns selbst erkennen, wie wir das bei Hiob sehen; sie bewahrt uns vor Abweichung, wie es mit dem Pfahl im Fleische bei Paulus der Fall war. Züchtigung übt auch das Gewissen, wie es aus der Geschichte von David hervorgeht. Das Böse wird dadurch gerichtet und geheilt, und wir reinigen uns, gleichwie Er rein ist.

Wer das verstanden hat und sich nach Gottes Heiligkeit sehnt (und welcher wahre Christ wünscht das nicht?), wird sich über die Züchtigung freuen, nicht, weil die Züchtigung in sich selbst eine Ursache zur Freude wäre, sondern wegen ihrer gesegneten Absicht und Auswirkung. Denn "alle Züchtigung scheint für die Gegenwart nicht ein Gegenstand der Freude, sondern der Traurigkeit zu sein; hernach aber gibt sie die friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die durch sie geübt sind" (Vers 11). Die Züchtigung kann nie anders als schmerzlich und eine Ursache zur Traurigkeit sein, denn wozu würde sie sonst dienen? –, und wie könnte sie anders ihr Ziel erreichen? Werden wir aber durch sie geübt, dann bringt sie eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit hervor, und dieses Bewusstsein lässt uns in der Drangsal frohlocken und uns in der Trübsal rühmen. Auf Grund dieser erhabenen Betrachtung über die Züchtigung ermahnt Paulus die Hebräer, die erschlafften Hände und die gelähmten Knie wieder aufzurichten und gerade Bahn für ihre Füße zu machen, damit nicht das Lahme vom Wege abgewandt und also noch schwächer, sondern vielmehr geheilt werde (Verse 12–13).

"Jaget dem Frieden nach mit allen und der Heiligkeit, ohne welche niemand den Herrn schauen wird" (Vers 14). Unterwerfet euch darum der Züchtigung des Herrn, die zu eurem Nutzen und zu eurer Heiligung geschieht, und lasst euch nicht von der Gnade Gottes ablenken, der euch zu Seinen Söhnen gemacht hat und euch als Söhne erzieht; lasst nicht irgendeine Wurzel der Bitterkeit über die Wege des Herrn in der Züchtigung in eurer Seele aufsprossen und euch beunruhigen, wodurch ihr nicht allein selbst von der Gnade Gottes abirren, sondern auch andere mitreißen würdet; und macht es nicht wie Esau, der wegen eines augenblicklichen Genusses sein Erstgeburtsrecht verkaufte (Verse 15 bis 16).

Dieser Hinweis auf Esau ist wohl merkwürdig und vor allem für einen Juden treffend und scharf. Wenn ihr von Gottes Gnade abfallen würdet, dann kommt ihr, so warnt Paulus in die Stellung des Mannes, der vor eurem Volke so verachtet und gehasst wird. Es kommt nicht darauf an, was man an Stelle von Christus erwählt; indem man Ihn verlässt, kommt man in den Zustand des ungöttlichen Esau. Esau steht vor uns als der Typus derer, die rufen werden: "Herr, Herr, tu uns auf!" Doch ihre Tränen werden wie die von Esau ohne Wirkung bleiben. Esau kam zu spät. Wiewohl er mit heißen Tränen den Segen seines Vaters suchte, wurde er verworfen (Vers 17). Und ebenso werden jene, die Gottes Gnade verachten und Christus verwerfen, keinen Raum für die Reue finden; die Tür wird geschlossen, und sie sind von jedem Segen ausgeschlossen und abgeschnitten.

In den folgenden Versen finden wir eine bewunderungswürdige Gegenüberstellung von Gesetz und Gnade, der alten und der neuen Haushaltung, der Schrecken des Berges Sinai und der Segnungen des Berges Zion. Es ist eine ganz eigenartige Bibelstelle. Lies sie mit Aufmerksamkeit nach, lieber Leser, und genieße ihre Schönheit und Herrlichkeit (Verse 18–24).

Sinai und Zion – die zwei bedeutungsvollen Berge, werden hier einander gegenübergestellt. Die Schrecken des Gesetzes und die lieblichen Segnungen der Gnade stehen vor uns. Als Gott, der Herr, in Seiner Gerechtigkeit auf den Sinai herabstieg, um Seinem Volk Sein Gesetz zu geben, da umgaben die Zeichen des Gerichts diesen Berg; nicht nur bebte und zitterte das ganze Volk und begab sich auf die Flucht, indem es bat, dass das Wort nicht mehr an sie gerichtet würde, sondern sogar Mose, der Mittler des Alten Bundes, sagte: "Ich bin voll Furcht und Zittern" –, so furchtbar war die Erscheinung. Wie könnte es anders sein? Wo Gott in Seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit an den gefallenen Menschen Seine gerechten Forderungen stellt, da muss Furcht und Schrecken das Herz erfüllen, denn es ist niemand, der Gutes tut, und alle sind deshalb unter dem Fluch und dem Gericht.

Die Wirkung des Offenbarwerdens der Gerechtigkeit Gottes auf den Sünder kann keine andere sein. Aber als Israel alle Gebote Gottes Übertreten hatte und die Bundeslade von ihrem Platz gewichen war; als das Volk gesündigt hatte und gefallen war und dem Gericht hätte übergeben werden müssen, da trat Gott, der Herr, in Gnaden auf, erwählte David aus dem Stamm Juda, und David besiegte die Jebusiter, nahm die Burg Zion ein und gründete auf dem Berge Zion den Tempel. Auf dem Platz, wo der Engel des Verderbens stand, um Jerusalem zu schlagen, wurde von David dem Herrn ein Altar gebaut, und auf diesem Platz erhob sich später das Haus des Herrn, in welchem Er in den Tagen Salomos in Herrlichkeit erschien. Als der Mensch in seiner Verantwortlichkeit vollkommen gescheitert war, kam Gott, der Herr, um in Gnaden ein neues Band zwischen sich und Seinem Volk zu knüpfen. Darum sagt Paulus hier zu den Gläubigen: "Ihr seid nicht gekommen zu dem Berge, der betastet werden konnte.  sondern ihr seid gekommen zum Berge Zion" (Verse 18–22).

Doch wir sind nicht nur vom Gesetz zur Gnade gekommen und stehen jetzt in der Gnade, sondern wir sind auch von der Erde in den Himmel gekommen und haben im Himmel einen besonderen Platz. Wir sind gekommen . "zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem" (Vers 22). Zion war die Stadt des großen Königs, wo die Herrlichkeit Gottes erschien, aber es war nicht die Stadt des lebendigen Gottes. Die Stadt des lebendigen Gottes ist das himmlische Jerusalem, die himmlische Hauptstadt sozusagen im Königreich des lebendigen Gottes, die Stadt, die Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer der Herr selbst ist. Von der Erde gehen wir also in den Himmel – vom irdischen Zion in das himmlische Jerusalem. Gott verherrlicht sich auf eine Weise, an welche selbst Engel nie gedacht haben.

Aber im Himmel angekommen, befinden wir uns inmitten der "Myriaden von Engeln, der allgemeinen Versammlung"; und dort, auf jenem bewunderungswürdigen Schauplatz, wird unser Auge von einem ganz  besonders herrlichen Gegenstand gefesselt, abgesondert und erhaben über den Engeln: der "Versammlung der Erstgeborenen, die in den Himmeln angeschrieben sind (Vers 23).

Diese Erstgeborenen sind nicht im Himmel geboren, sie sind dort nicht einheimisch wie die heiligen Engel, die durch Gott vor dem Fall bewahrt wurden; sondern sie sind die Gegenstände von Gottes ewigem Ratschluss, vor Grundlegung der Welt auserwählt, um heilig und untadelig vor Gottes Angesicht in der Liebe zu sein. Sie sind die verherrlichten Erben und Erstgeborenen Gottes, nach Seinem ewigen Ratschluss in den Himmeln angeschrieben. Sie sind nicht die Gegenstände der Verheißungen, obwohl sie diese –, da die Verheißungen ihnen auf Erden vorenthalten wurden –, im Himmel genießen werden; sondern sie gehören durch die Gnade dem Himmel an. Sie haben kein anderes Teil, kein anderes Vaterland, kein anderes Bürgerrecht als den Himmel. Gott selbst hat dort ihre Namen angeschrieben. Diese Stellung der Erstgeborenen ist die erhabenste, die es gibt. Die Versammlung bekleidet bis in Ewigkeit, nach Gottes ewigem Ratschluss, die höchste Stelle.

Dies führt uns von selbst "zu Gott, dem Richter aller". Das ist unser herrliches und heiliges Vorrecht. Gott, der Richter der ganzen Erde, ist unser Gott, in dessen heiliger Gegenwart wir uns vollkommen glücklich fühlen. Im Buche der Offenbarung umringen die vierundzwanzig Ältesten, die Vertreter der himmlischen Priesterschar, in vollkommener Ruhe den Thron des Allmächtigen, dessen Gerichte die Erde erbeben lassen, und vor dessen Richterstuhl alle, Lebende und Tote, erscheinen.

Hierauf kommen wir zu einer anderen Schar von Glückseligen: "zu den Geistern der vollendeten Gerechten". Das sind die Heiligen des Alten Bundes, die durch den gerechten Richter vor der Offenbarung der Ekklesia als die Seinen anerkannt waren; die ihren Lauf vollendet und im Kampf den Sieg behalten hatten und jetzt die Herrlichkeit erwarten. Aber nicht sie allein werden gesegnet werden; auch die Heiligen auf Erden werden den Segen empfangen. Gott wird mit Seinem Volke Israel einen neuen Bund errichten, nicht nach dem Bund, den Er mit ihren Vätern gemacht hat, denn in diesem Bund waren sie nicht geblieben; sondern Gottes Gesetz würde in ihr Herz geschrieben und ihre Sünden, unter dem ersten Bund getan, würden ihnen vergeben werden. Darum sind wir gekommen "zu Jesus, dem Mittler eines Neuen Bundes", der alles vollbracht hatte, um diesen Neuen Bund zu Stande bringen zu können. Beachten wir wohl, dass es nicht heißt, dass wir gekommen sind zu einem Neuen Bund, sondern zu Jesus, welcher der Mittler dieses Neuen Bundes geworden ist. Und endlich sind wir gekommen "zu dem Blute der Besprengung, das besser redet als Abel". Das Blut des Christus ist auf der Erde vergossen worden, wie das Blut Abels durch Kain. Aber anstatt nach Vergeltung zu schreien, wodurch Kain zu einem Verfluchten und einem Flüchtling auf Erden wurde – treffendes Vorbild der Juden, die des Mordes des Sohnes Gottes schuldig sind – redet die Gnade und ruft das vergossene Blut des Christus nach Frieden und Vergebung für die, welche Ihn zu Tode brachten. In dieser bewunderungswürdigen Reihe von Segnungen kommt das Blut des Christus zuletzt, weil es die Grundlage jedes Segens ist, sowohl des Segens der Versammlung als auch des Segens der alttestamentlichen Heiligen und der Gläubigen aus Israel und den Nationen, welche die Neue Erde bewohnen werden.

Wo nun solch reiche Segnungen den Gläubigen zuteil geworden sind, mögen sie wohl zusehen, dass sie Den nicht abweisen, der zu ihnen redet. Denn wenn jene dem Gericht nicht entgingen, die Den ablehnten, der auf Erden die göttlichen Aussprüche tat, wie viel weniger wir, wenn wir uns von Dem abwenden, der von den Himmeln her redet (Vers 25). In der alten Haushaltung redete der Herr auf Erden, jetzt redet Er vom Himmel her. Damals bewegte Seine Stimme die Erde; nun aber wird Seine Stimme "nicht allein die Erde, sondern auch den Himmel bewegen" (Vers 26). Das ist die Verheißung des Herrn. Deshalb war die Ablehnung des Christentums viel verhängnisvoller als das Übertreten der Gebote des Gesetzes. Wer sich vom Christentum abwendet, wendet sich von dem einzigen ab, das eine neue Ordnung der Dinge hervorrufen kann, von dem Königreich, das nicht verschwinden und nicht vergehen wird, sondern unbeweglich fest steht.

Denn wo alle Quellen, aus denen die Segnungen für die Menschen auf Erden fließen konnten, durch die Sünde vergiftet waren, und wo der Himmel, der Sitz von Gottes Macht, durch den Fall des Teufels verunreinigt war, da würde Gott, der Herr, alles bewegen und vergehen lassen, und es würde eine neue Schöpfung kommen, in welcher Gerechtigkeit wohnt. Das war schon Gottes Absicht, als Er die Erde in den gegenwärtigen Zustand brachte; denn "die Dinge, die erschüttert werden, sind gemacht, dass die, welche nicht erschüttert werden, bleiben" Vers 27). Die "beweglichen Dinge" sind deshalb nicht gemacht in der Absicht, sie immer so bleiben zu lassen, sondern mit dem Ziel, sie wieder verschwinden und an ihre Stelle "die unbeweglichen Dinge" kommen zu lassen. Die erste Schöpfung wurde mit dem bestimmten Plan geschaffen, sie einmal durch die neue Schöpfung zu ersetzen, die unbeweglich ist und ewig bestehen wird.

Im dritten Kapitel des zweiten Briefes von Petrus wird uns mitgeteilt, auf welche Weise diese Veränderung der beweglichen Dinge stattfinden wird. Durch das Wort Gottes waren die Himmel von alters her und eine Erde, bestehend aus Wasser und im Wasser; und diese sind durch Sein Wort aufbewahrt und werden für das Feuer behalten auf den Tag des Gerichts und des Verderbens der gottlosen Menschen. Alsdann werden die Himmel mit gewaltigem Geräusch vergehen und die Elemente im Brande aufgelöst, woraus dann ein Neuer Himmel und eine Neue Erde, wo kein Wasser mehr sein wird, hervorgehen werden. Die Elemente: Wasser, Feuer und Luft vergehen, "und das Meer war nicht mehr", so lesen wir im Buch der Offenbarung (Kap. 21, 1).

Alle Dinge hienieden, alles was uns anzieht und das Herz betört, auch alle Vorrechte nach dem Fleisch vergehen. Wir empfangen ein unerschütterliches Königreich – ein Königreich, das sich nicht ändert, nicht vergeht, nicht wankt, nicht endigt, sondern bis in Ewigkeit besteht. Deshalb so schließt Paulus diese Reihe von Ermahnungen " da wir ein unerschütterliches Reich empfangen, lasst uns Gnade haben, durch welche wir Gott wohlgefällig dienen mögen mit Frömmigkeit und Furcht" (Vers 28). Nur die Gnade setzt uns in den Stand, Gott wohlgefällig zu dienen. Das Gesetz hatte es offenbar gemacht, dass niemand fähig ist, Gottes Gebote zu halten, sondern dass der Mensch unverbesserlich schlecht ist. Die Gnade in Christus Jesus jedoch, die uns vom Fluch des Gesetzes erlöst hat, befähigt uns, das zu tun, was Gott wohlgefällig ist, und Ihm mit Frömmigkeit und Furcht zu dienen. Lasst uns diese Gnade festhalten, denn sonst verlieren wir dieses unerschütterliche Königreich, das wir empfangen haben, da "auch unser Gott ein verzehrendes Feuer ist" (Vers 29), der alle, die Seine Gnade verachten und Seine Liebe verwerfen, dem gerechten Gericht preisgeben wird.

KAPITEL 13

Die Ermahnungen in diesem Kapitel sind sehr wichtig. Sie beziehen sich auf den Weg, den die Heiligen als Fremdlinge in dieser Welt zu gehen haben und erreichen infolgedessen nicht die Höhe der Ermahnungen im Brief an die Epheser, wo uns die himmlische Berufung der Versammlung dargestellt wird.

"Die Bruderliebe bleibe" (Vers 1). Wer aus Gott geboren ist, liebt alle, die aus Gott geboren sind. Aber es kann sich in dieser Welt viel ereignen, was diese Liebe zerstört. Darum mahnt Paulus, dass die Bruderliebe wirksam bleibe trotz aller Hindernisse. Und wenn ein Bruder ein Fremdling ist, "vergesset die Gastfreundschaft nicht";  bedenkt, dass Abraham, indem er Gastfreundschaft übte, Engel beherbergt hat, ohne es zu wissen (Vers 2). Doch nicht nur das. Es gibt auch Brüder, die im Gefängnis schmachten und die misshandelt werden; vergesst sie nicht, sondern gedenkt ihrer, als ob ihr selbst gefangen wäret. Versetzt euch in ihre Lage, leidet mit ihnen und denkt daran, da ihr selbst in einem Leibe seid. Dann empfinden wir in tiefem Mitgefühl, wie es denen zumute sein muss, die schlecht behandelt werden und die oft Hunger, Kälte und Verfolgungen zu ertragen haben (Vers 3.)

Beachtenswert und ernst ist die folgende Ermahnung. "Die Ehe sei geehrt in allem, und das Bett  unbefleckt; Hurer aber und Ehebrecher wird Gott richten" (Vers 4); beachtenswert für jene, die behaupten, dass Paulus im Brief an die Korinther sich gegen die Ehe erklärt habe, oder wenigstens die Ehe als ungeistlich darstelle. Wer 1. Korinther 7 gut liest, wird wohl zu einem ganz anderen Urteil kommen und einsehen, dass Paulus nur um des Herrn willen, um sich ganz dem Dienst des Herrn widmen zu können, von der Ehe abrät, indem er jedoch ausdrücklich hinzufügt, dass ein jeder seine eigene Gabe von Gott empfangen hat, also dementsprechend handeln soll. Und aus der Mahnung in Vers 4 sehen wir hier, dass der Apostel nicht daran denkt, die Ehe in Missachtung zu bringen; im Gegenteil, er will, dass die Ehe als eine Einrichtung Gottes in jeder Hinsicht in Ehren gehalten werden soll, sowohl von den Unverheirateten, als auch von denen, die schon verheiratet sind. Gemeinschaft außerhalb der Ehe und in ehelicher Gemeinschaft mit einer anderen Frau oder einem anderen Mann wird von Gott gerichtet werden. Hurer und Ehebrecher werden im Königreich Gottes keinen Platz haben.

"Der Wandel sei ohne Geldliebe", solautet die folgende Ermahnung, "begnüget euch mit dem, was vorhanden ist". Wir sind Fremdlinge hienieden und wandern nach dem himmlischen Vaterland. Darum brauchen wir weder Reichtum noch Ehre; wenn wir das Nötige für unsere Wanderung erhalten, können wir zufrieden sein. Wohl werden wir Schwierigkeiten und Widerstand erfahren; das kann in dieser Welt nicht anders sein; Kinder Gottes werden verachtet, verspottet und schlecht behandelt; aber keine Angst: Der für uns ist, ist stärker als die gegen uns sind. Der Herr hat gesagt: "Ich will dich nicht versäumen, noch dich verlassen", so dass wir im Glauben kühn sagen dürfen: "Der Herr ist mein Helfer, und ich will mich nicht fürchten; was wird mir ein Mensch tun?" (Verse 5–6).

In den Versen 7 und 17 werden die Hebräer auf ihre Führer hingewiesen. Im ersten Vers redet Paulus von den Führern, die schon heimgegangen waren. "Gedenket eurer Führer, die das Wort Gottes zu euch geredet haben, und, den Ausgang ihres Wandels anschauend, ahmet ihren Glauben nach" (Vers 7). Sie hatten für den Namen Jesu ihr Leben aufgeopfert und in ihrem Sterben ihren Glauben bestätigt und ihre Predigt besiegelt. Wenn wir an Stephanus denken, den ersten Christen–Märtyrer, dann sehen wir, was der Glaube vermag und wie die Betrachtung des Herrn der Herrlichkeit einen Gläubigen, sogar in seinem Sterben, seinem Herrn und Meister gleichförmig macht. Treffendes und herrliches Vorbild! Gedenket ihrer und folgt ihrem Glauben nach. Und wiewohl wir solche treffliche Vorbilder jetzt nicht haben, so kann doch von jedem, der durch sein Wort und Leben von der Gnade des Herrn Zeugnis abgelegt, und der mit Freuden diese Erde verlassen hat, gesagt werden, dass er ein Führer ist, an den wir denken und dessen Glauben wir nachfolgen sollen.

In Vers 17 spricht der Apostel von den Führern, die noch in ihrer Mitte arbeiten.  "Gehorchet euren Führern und seid unterwürfig; denn sie wachen über eure Seelen, als die da Rechenschaft geben sollen, damit sie dies mit Freuden tun und nicht mit Seufzen, denn dies wäre euch nicht nützlich." Höchst wichtige Ermahnung auch für unsere Zeit. Ein Führer ist jeder, der vorausgeht, wer er auch sei. Im letzten Kapitel des Briefes an die Römer wird eine lange Reihe von Führern genannt, und unter diesen befinden sich auch verschiedene Frauen. Hier werden jedoch hauptsächlich solche gemeint, die als Hirten in der Versammlung arbeiten. Dies ergibt sich aus dem Zusammenhang. Sie wachen über die ihnen anvertrauten Seelen, als die da Gott Rechenschaft abzulegen haben von der Arbeit, die sie an den Seelen der Heiligen verrichten. Wenn nun die Gläubigen auf sie hören, sich durch sie warnen, ermahnen und zurechtweisen lassen und ihnen untertan sind, indem sie sich entsprechend ihren Anweisungen verhalten, dann können sie ihr Werk mit Freuden tun. Im entgegen gesetzten Fall würden sie als Seufzende ihr Werk verrichten, dadurch mutlos werden und leicht die Ermahnungen unterlassen, und das wäre für den geistlichen Zustand der Gläubigen sehr nachteilig. Denken wir ernstlich darüber nach, liebe Leser; es ist nicht die Rede von Personen, die ein Amt bekleiden, sondern von jedem, der auf irgendeine Weise im Wort, im Weiden der Herde oder in guten Werken vorangeht. Solche sollen wir ehren und lieben um ihres Werkes willen und ihnen gehorsam sein als solchen, die über unsere Seelen wachen.

In Vers 7 redet Paulus von den Führern, die aus ihrer Mitte hinweg-genommen waren, und lässt darauf in Vers 8 folgen: "Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit." Herrlicher Trost! Wer uns auch verlässt, Jesus bleibt. Aber zugleich: was sich auch ändern mag, welche Irrtümer sich auch einschleichen, welche fremden Lehren auch gepredigt werden mögen, Jesus bleibt stets derselbe. Er verändert sich nicht; Er und nur Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben; von allen menschlichen Lehren und Einsetzungen müssen wir stets zurück zu dem, was von Anfang an war. (Siehe 1. Joh. 2, 18–27.) Darum lässt der Apostel auf diese herrliche Versicherung: Jesus Christus ist gestern und heute und in Ewigkeit derselbe, die ernste Ermahnung folgen: "Lasst euch nicht fortreißen durch mancherlei und fremde Lehren; denn es ist gut, dass das Herz durch Gnade befestigt werde, nicht durch Speisen, von welchen keinen Nutzen hatten, die darin wandelten" (Vers 9). Wer sich durch verschiedene und fremde Lehren abziehen und verführen lässt, zeigt dadurch deutlich, dass er nicht zufrieden ist und an Jesus nicht genug hat. Es ist unmöglich, Ihn zu genießen und dabei nicht zu erfahren, dass Er alles für uns ist, dass Er uns vollkommen befriedigt und wir deshalb nichts anderes brauchen.

Der Schreiber dieses Briefes kommt noch einmal zurück auf den Unterschied zwischen dem jüdischen und dem christlichen Gottesdienst und zeigt in den beachtenswerten Worten, die folgen, dass der wahre Gottesdienst nicht mehr bei den Juden ist, die einen bevorzugten Dienst hatten, zu dem niemand außer ihnen zugelassen wurde, sondern dass die wahre Anbetung jetzt das Vorrecht aller Gläubigen ist. Sie haben einen göttlichen Altar, zu dem sie nahen dürfen.

"Wir haben einen Altar, von welchem kein Recht haben zu essen, die der Hütte dienen. Denn von den Tieren, deren Blut für die Sünde in das Heiligtum hineingetragen wird durch den Hohenpriester, werden die Leiber außerhalb des Lagers verbrannt. Darum hat auch Jesus, um durch Sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten. Deshalb lasst uns zu Ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, Seine Schmach tragend. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir" (Verse 10–14).

Das große und allgenugsame Opfer für die Sünde ist gebracht. Jesus, der außerhalb des Tores gelitten hat, ist in den Himmel eingegangen; Er hat Sein eigenes Blut, das uns von allen Sünden reinigt, ins himmlische Heiligtum gebracht und hat dadurch Sein Volk geheiligt und in den Stand gesetzt, in dieses himmlische Heiligtum mit aller Freimütigkeit hineinzugehen. Ein irdischer Gottesdienst, bei dem es kein Eingehen innerhalb des Vorhangs gibt, wo der Weg zum Heiligtum verschlossen ist und man nicht in Gottes Gegenwart zugelassen wird, kann deshalb nicht mehr länger bestehen. Die wahre, von Gott gewollte und Ihm angenehme Anbetung ist innerhalb des Vorhangs, im himmlischen Heiligtum, wo Jesus als unser Vorläufer eingegangen ist. Der Gottesdienst, der eine irdische Herrlichkeit hatte, der nach den religiösen Elementen der Welt eingerichtet war, und der seinen Platz in dieser Welt hatte, war vergangen und der Dienste im Geist und in der Wahrheit an seine Stelle getreten. Alle, die an Christus glauben, sind Priester Gottes und gehen dort ein, wo kein Priester der alten Haushaltung Zugang hatte. Wichtige Wahrheit! Durch das Blut des Christus geheiligt, von der Sünde und der Welt abgesondert, hat Gottes Volk einen himmlischen Gottesdienst, obschon es noch auf der Erde wandelt. Es kann Gott nur dann wohlgefällig dienen, wenn sein Dienst in Übereinstimmung ist mit dem Platz, den es einnimmt, und der Beziehung, in der es zum Herrn steht.

Aber Jesus, der von Gott im Himmel angenommen ist und dort mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt wurde, ist von der Welt verworfen. Er hat außerhalb des Tores gelitten. Wenn also der Platz des Christen im Heiligtum ist, dann ist er auch außerhalb des Lagerplatzes. Die Welt hat Jesus verworfen; darum sollen wir zu Ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, Seine Schmach tragend. Unter "Lager" ist hier das jüdische System zu verstehen, der Dienst in Zeremonien und Schatten, das von Gott auf die Seite gestellt wurde, weil in und durch Christus nun die Erfüllung gekommen ist. Wenn also der Gottesdienst, von Gott selbst an Israel gegeben, verfallen war und genannt wird: die ersten Elemente (Grundsätze) der Welt, so dass Gott an diesem Gottesdienst kein Wohlgefallen mehr haben konnte, wie viel mehr ist dann jeder Gottesdienst, der nicht von Gott gegeben, sondern nach dem Willen des Menschen und nach den Grundsätzen der Welt eingerichtet ist, im Widerspruch zum Willen und zu den Gedanken des Herrn. Ja, wir können ruhig sagen, dass jeder Gottesdienst, der ein System bildet, das sich mit der Welt eins macht und sich nach den Gedanken der Menschen richtet, eine Verneinung und Zurseitestellung des Christentums ist.

Indem wir diesen weltlichen Kultus verlassen, kann es nicht anders sein, als dass die Schmach, die Jesus hienieden gefunden hat, unser Teil wird. Aber die Heiligen haben hier keine bleibende Stadt; wir suchen die zukünftige. Indem wir hier unten die Schmach unseres Heilandes teilen, empfangen wir, ebenso wie Er, die ewige, himmlische Herrlichkeit. Im Hinblick auf diese Herrlichkeit gehen wir freudig unseren Weg und loben und preisen unseren Gott, der uns aus der Welt erlöst, von unseren Sünden gereinigt und uns den Zugang zum himmlischen Heiligtum geöffnet hat.

Darum sagt Paulus: "Durch Ihn nun lasst uns Gott stets ein Opfer des Lobes darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die Seinen Namen bekennen" (Vers 15). Wir sind Priester, aber geistliche Priester; wir bringen darum keinen Weihrauch und Myrrhe, sondern geistliche Opfer -  Opfer des Lobes dar. Als Priester in Gottes Heiligtum zugelassen, bringen wir dort Gott ein Opfer des anbetenden Lobes. Diese Opfer bringen wir nicht kraft unserer Würdigkeit, sondern durch Christus, in dem wir angenehm gemacht sind vor dem Angesicht Gottes, und der, solange wir hier unten wandeln und unsere Opfer mangelhaft und schwach sind, sie vor Gott wohlgefällig macht, so dass sie als ein lieblicher Geruch zu Ihm aufsteigen.

Es gibt noch andere Opfer - die Opfer der Wohltätigkeit und des Mitteilens. "Des Wohltuns aber und Mitteilens vergesset nicht, denn an solchen Opfern hat Gott Wohlgefallen" (Vers 16). Die Fürsorge für die Armen und das Unterstützen der Diener des Worts wird von Gott ein Opfer genannt, an dem Er Wohlgefallen hat. Wie treffend ist in dieser Hinsicht die Geschichte des Hauptmanns Kornelius, dessen Gebete und Almosen zu Gott als ein lieblicher Geruch emporgestiegen waren, so dass ihn der Herr der reichsten aller geistlichen Segnungen teilhaftig werden ließ. Und wie schön sind die Worte des Apostels Paulus an die Philipper, die ihm ihre Gaben zu seinem Unterhalt gesandt hatten. "Ich habe das von euch Gesandte empfangen, einen duftenden Wohlgeruch, ein angenehmes Opfer, Gott wohlgefällig. Mein Gott aber wird alle eure Notdurft erfüllen nach Seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christus Jesus" (Phil. 4, 18–19).

Nachdem Paulus die Hebräer um ihre Fürbitte ersucht hatte, in dem Bewusstsein, dass er als Diener des Christus mit einem guten Gewissen gewandelt war und darum den Segen des Herrn für seine Arbeit erwarten konnte, schließt er seinen Brief mit den schönen und wichtigen Worten:

"Der Gott des Friedens aber, der aus den Toten wiederbrachte unseren Herrn Jesus, den großen Hirten der Schafe, in dem Blut des ewigen Bundes, vollende euch in jedem guten Werke, um Seinen Willen zu tun in euch schaffend was vor Ihm wohlgefällig ist, durch Jesus Christus, welchem die Herrlichkeit sei von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen." (Verse 20–21). Mehrmals wird Gott, der Herr, von Paulus "der Gott des Friedens" genannt, jedes Mal in anderer Verbindung.[4] Hier hat dieser Titel eine herrliche Bedeutung. Inmitten der Prüfungen, denen die Hebräer ausgesetzt waren, bei all den Bemühungen Satans, sie vom rechten Weg abzubringen, inmitten der Versuchungen und der Entmutigungen war es in Wahrheit tröstlich und stärkend, auf den Gott des Friedens hingewiesen zu werden. Gott ist der Gott, der den Frieden hat und den Frieden macht. Er ist in vollkommener Ruhe, erhaben über all die Umstände, die uns beunruhigen, und Er will uns in Seinen Wegen leiten und im Tun Seines Willens.

Dieser Gott des Friedens hat für uns den Frieden begründet und gesichert durch den Tod des Christus, und Er hat den Beweis dafür erbracht in der Auferweckung des Christus aus den Toten. Er hat unseren Herrn Jesus, welcher der große Hirte der Schafe ist, kraft des Blutes, durch das der Bund ewig gesichert ist, und – weil er nur von Gottes Seite her besteht –, nicht gebrochen oder ungeschehen gemacht werden kann, aus den Toten wiedergebracht. Es waren keine Verheißungen unter der Bedingung des Gehorsams wie am Sinai, sondern Verheißungen auf Grund einer vollbrachten Sühnung, der Austilgung ihrer Schuld und der Tilgung ihrer Ungerechtigkeiten, und darum unveränderlich und ewig dauernd. In diesen Worten wird deshalb noch einmal die Hauptwahrheit, um die es in diesem Briefe geht, den Gläubigen dargelegt, und die Grundlage der neuen Haushaltung, des christlichen Glaubens, wodurch all die Schatten und Nutzlosigkeiten des jüdischen Gottesdienstes dahinfallen, entfaltet und ihre Vortrefflichkeit gepriesen.

Aus den letzen Versen, unseres Briefes kann man wohl zu dem Schluss kommen, dass Paulus es war, der ihn geschrieben hat. Er selbst war bereits früher aus dem Gefängnis entlassen worden, denn er befand sich nicht mehr in Rom. Timotheus wurde vor kurzem frei, und mit diesem hoffte der Apostel die Empfänger des Briefes zu sehen, wenn er nämlich bald zu ihnen kommen würde. Obschon es zur Eingebung durch den Heiligen Geist nichts dazu oder davon tut, wer der Schreiber ist, so ist es doch wichtig, im Brief selbst sowohl in diesen Einzelheiten als auch in der Weise der Darstellung der Wahrheit den Beweis zu finden, dass kein anderer als Paulus der Verfasser sein kann, und damit, wie wir in der Einleitung erwähnten, hier die letzte Perle der kostbaren Schnur haben, die der Apostel durch Gottes Gnade, durch die Kraft und Eingebung des Heiligen Geistes der Ekklesia (Versammlung Gottes) des Herrn hat übergeben dürfen.

"Die Gnade sei mit euch allen! Amen."

H C Voorhoeve

[1]Dies ist das einzige Mal in der Geschichte der Menschheit, dass das von Gott einem Menschen Anvertraute durch diesen Menschen unversehrt, unbefleckt und unverdorben in die Hände Gottes zurückgegeben wurde. Niemand als der Gottmensch, der Heilige und Gerechte, der keine Sünde gekannt und getan hat, war dazu imstande.

[2]Ehe wir glaubten, ja bevor wir geboren waren, war alles vollbracht.

[3]Die Erfüllung der Verheißungen wird nicht mehr lange ausbleiben. "Denn noch über ein gar Kleines, und der Kommende wird kommen und nicht verziehen" (Vers 37).

[4]Außer der vorliegenden Stelle finden wir den Ausdruck "Der Gott des Friedens" noch in Römer 15,33; 16,20; 2.Kor. 13, 11, Phil. 4, 9; 1. Thess. 5, 23 und 2. Thess. 3,16.

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