Der Brief an die Epheser
Von H. C. Voorhoeve
In der durch Handel, Kunst und Wissenschaft geprägten und durch den Götzendienst der Diana weltberühmten Hauptstadt von Kleinasien war durch die Bemühungen des Apostels Paulus eine Gemeinde entstanden. Der beinahe dreijährige Aufenthalt des Apostels dort hatte das innige, vertrauliche Verhältnis zwischen ihm und der Gemeinde entstehen lassen, das durch seinen rührenden Abschied von ihren Ältesten (siehe Apg. 20) sehr schön belegt ist.
So verwundern wir uns nicht darüber, dass der Apostel im Gefängnis, wahrscheinlich in Rom, an die Epheser dachte und ihnen einen Brief schrieb. Darin wird seine innige Liebe zu ihnen deutlich, und zugleich gibt dieser Brief den Beweis dafür, in welch gutem Zustand sie sich befanden. Es war nicht nötig, ihnen, wie den Römern, die ersten Anfänge der Lehre der Erlösung kundzutun; sie konnten die vollkommene Offenbarung von Gottes Ratschlüssen erhalten und verstehen. Der Ratschluss Gottes über Seinen Sohn, Seine Gedanken über alle Dinge, sowohl himmlische als irdische, konnten ihnen mitgeteilt werden. Und was ihren sittlichen Zustand betraf, mussten sie nicht, wie die Korinther, ermahnt oder wegen Zank und Spaltungen getadelt werden; im Gegenteil, ihr Zustand war so vorbildlich, dass der Apostel ihnen nicht schreiben kann, ohne Gott zu loben und zu danken.
Der Inhalt dieses Briefes entspricht ganz dem Zustand derjenigen, an die er gerichtet ist. Der Apostel hatte durch den Heiligen Geist die Offenbarung des Ratschlusses Gottes über die Herrlichkeit des Christus und der Versammlung [Anmerkung: Das gewöhnlich mit "Gemeinde" übersetzte griechische Wort "Ekklesia" bedeutet eigentlich nichts anderes als "Versammlung" (Vergl. Apostelgeschichte 19, 41.)] in Verbindung mit Ihm empfangen. Er teilt hier diese Offenbarung den Ephesern und mit ihnen den Gläubigen aus den Nationen mit. Es ist dies die Offenbarung des Geheimnisses, das von allen Zeitaltern her in Gott verborgen war, das nun aber durch den Heiligen Geist Seinen Aposteln und Propheten kundgemacht wird. In keinem der andern Briefe des Apostels Paulus wird auf so vollständige Weise über dieses nun geoffenbarte Geheimnis gesprochen, und dies macht den Brief an die Epheser zu einem der belangreichsten Briefe für die Versammlung Gottes. Es ist natürlich, dass bei solch einem erhabenen Gegenstand der Ausgangspunkt ein ganz anderer sein muss als in andern Briefen. Anstatt, wie im Römerbrief, mit der Beschreibung des verdorbenen und unverbesserlichen Zustandes, worin der Mensch sich befindet, zu beginnen, redet der Apostel hier zuerst von Gott, von den Himmeln. Nicht der Zustand des Menschen und die Art, wie er zu Gott gebracht wird, ist der Ausgangspunkt, sondern Gott selbst. der Seine Segnungen über Sein Volk ausgießt. Gott offenbart hier die Wege Seiner Gnade und die Gedanken Seines Herzens, die da waren, ehe die Welt gegründet und bevor die Rede von Juden und Heiden sein konnte. Er wird uns hier geoffenbart, wie Er sich einen Plan von Herrlichkeit und Segnung zum Preise Seines heiligen Namens zurechtlegt, wie Er sich freut des überschwänglichen Reichtums Seiner Gnade, in Güte kundzutun, mit dem Ziel, uns der höchsten Segnungen teilhaftig werden zu lassen.
Im ersten Teil des ersten Kapitels wird uns die Beziehung geoffenbart, in der die Heiligen zu Gott dem Vater und zu Christus, verherrlicht in den höchsten Himmeln, stehen. Der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus ist unser Gott und Vater; als Seine Kinder werden wir mit all Seinen Plänen bekannt gemacht. In denselben ist Christus das Haupt über alle Dinge, und hier erhalten wir Kenntnis von unserer Erbschaft und von unserer Stellung als Erben, indem wir durch den Heiligen Geist versiegelt wurden, der das Unterpfand unseres Erbes ist auf den Tag der Erlösung dieser Erbschaft hin (Verse 1–14). Dann betet der Apostel zu dem Gott unseres Herrn Jesus Christus, dass die Heiligen Verständnis empfangen möchten über die göttliche Berufung, über die Erbschaft und über die Kraft, die in ihnen wirkt. Diese ist geoffenbart worden in Christus, als Ihn Gott aus den Toten auferweckte und zu Seiner Rechten setzte, um Ihn als Haupt über alle Dinge der Gemeinde zu geben, die Sein Leib ist, die Fülle Dessen, der alles in allem erfüllt (Verse 15–23). Hierauf zeigt der Apostel, wie die Heiligen durch die Gnade Gottes lebendig gemacht, auferweckt und in Christo in die himmlischen Örter versetzt worden sind, um dadurch den überschwänglichen Reichtum Seiner Gnade in Güte in Christus gegen uns zu erweisen (Kap. 2, 1– 8). Der Heide, der fern, und der Jude, der nahe war, werden beide aus ihrer besonderen Stellung genommen, um gemeinsam einen neuen Menschen in Christus zu bilden und so durch den Geist die Wohnstätte Gottes auf Erden zu werden (Verse 11 bis 22). Deshalb finden wir die Gemeinde im Himmel mit Christus vereinigt als Sein Leib und auf Erden als die Behausung Gottes im Geiste. Das 3. Kapitel offenbart uns das Geheimnis, das von allen Zeitaltern her in Gott verborgen gewesen war und das in der Einheit der Heiligen, sowohl aus den Juden wie aus den Heiden, mit dem verherrlichten Christus besteht. Und diese Offenbarung lässt den Apostel seine Knie beugen vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, damit ihre volle Segnung genossen werde durch die Innewohnung des Christus in unsern Herzen durch den Glauben; so dass wir, gewurzelt und gegründet in der Liebe, die unendliche Ausdehnung von Gottes Herrlichkeit begreifen und die Liebe des Christus erkennen möchten, um so erfüllt zu werden zu der ganzen Fülle Gottes.
In Verbindung mit dem letzten Teil von Kapitel 2 ermahnt der Apostel in Kapitel 4 zu einem Wandel, würdig der Berufung, durch welche wir berufen sind. Wir möchten in aller Demut und Sanftmut die Einheit des Geistes durch das Band des Friedens bewahren, welche Einheit von einem dreifachen Gesichtspunkt aus betrachtet wird. Dann redet er von den Gaben, die zur Gründung und Auferbauung der Gemeinde notwendig sind. Diese Gaben, die das verherrlichte Haupt der Versammlung schenkt, müssen dazu dienen, alle Heiligen zu einem erwachsenen Mann, zu dem Maße des vollen Wuchses der Fülle des Christus zu bringen (Verse 1–16).
Nach dieser Darstellung des Standpunktes und der Berufung der Gemeinde kommt der praktische Teil des Briefes (Kapitel 4, 17 bis Kapitel 6). Als solche, die den neuen Menschen angezogen haben, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit, werden wir zu einem heiligen Wandel ermahnt. Wir sollen als Nachahmer Gottes in der Liebe wandeln, gleichwie Christus dies tat. Dies schließt alles in sich und gibt uns den rechten Maßstab, um alle Dinge zu beurteilen und in allen Verhältnissen unseres Lebens hienieden nach Gottes Willen zu handeln. – Indern er über die Beziehung zwischen Mann und Frau spricht, bekundet der Apostel nochmals die herrliche Stellung der Versammlung und zeigt uns die Liebe des Christus zu ihr, der sich für sie hingegeben hat, sie reinigt und der sie heilig und untadelig, ohne Flecken oder Runzeln, vor sich stellen wird. Zum Schluss ermahnt er uns, die ganze Waffenrüstung Gottes anzuziehen und in der Kraft Gottes zu streiten, in vollkommener Abhängigkeit von Ihm.
Das ist in wenigen Worten der reiche und herrliche Inhalt dieses Briefes. Der Herr gebe in Seiner Gnade, dass wir ihn verstehen und verwirklichen möchten. Ach, die Gemeinde des Christus hat schon seit Jahrhunderten ihre herrliche Stellung verleugnet und in ihrer Verantwortlichkeit gefehlt; sie hat sich mit der Welt vereinigt und sich in viele Parteien zerspaltet. Sie sollte sein gleich einer Stadt auf einem Berge und einer Lampe auf dem Leuchter; – und was ist aus ihr geworden? Eine Ruine; ihr schöner Bau ist in einen Trümmerhaufen verwandelt; die Lampe ist unter einen Scheffel gestellt. Doch wie traurig dies auch sein mag, Gottes Wahrheit bleibt dieselbe; und jeder, der sie versteht und verwirklicht, wird den Segen davon erfahren und die Liebe des Herrn preisen lernen, die sich auf solch herrliche Weise geoffenbart hat. Lasst uns darum mit heiliger Aufmerksamkeit die Betrachtung dieses Briefes beginnen, damit auch wir den unausforschlichen Reichtum des Christus verstehen lernen und Aufschluss darüber erhalten, welches die Haushaltung des Geheimnisses sei, das von allen Zeitaltern her in Gott verborgen war, der alle Dinge geschaffen hat.
Nach einer sehr kurzen Einleitung, worin Paulus, als Apostel von Jesus Christus durch Gottes Willen, den Heiligen und Treuen in Christus Jesus, die in Ephesus sind, "Gnade und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus" wünscht, beginnt er sofort mit dem herrlichen Gegenstand, der seine ganze Seele beschäftigt. "Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus" (Vers 3). Unaussprechlich herrliche Worte! Wie treffend wird uns hier die innige Beziehung, in der wir zu Gott stehen, geoffenbart. Christus steht in einer doppelten Beziehung zu Gott, Seinem Vater, sowohl als vollkommener Mensch zu Seinem Gott, wie auch als Sohn zu Seinem Vater. An diesen beiden Beziehungen haben wir, die Gläubigen, teil. Der Herr selbst hat dies Seinen Jüngern gesagt, bevor Er gen Himmel fuhr. "Ich fahre auf zu Meinem Vater und eurem Vater und zu Meinem Gott und zu eurem Gott." Diese herrliche, kostbare Wahrheit ist die Grundlage der Unterweisung des Apostels in diesem Brief. Das Geheimnis aller Segnungen der Gemeinde ist, dass sie gesegnet ist mit Christus selber und gesegnet wie Er; denn die Versammlung ist Sein Leib und genießt in und durch Christus alles, was der Vater Ihm gegeben hat.
Der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus hat uns, in Seinem Charakter als Gott und Vater, gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus. Wiewohl ich hier auf Erden wandle, weiß ich, dass ich dort gesegnet bin, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Und wir sind nicht mit einigen, sondern mit allen geistlichen Segnungen gesegnet. Es gibt keine geistliche Segnung, mit der uns Gott nicht gesegnet hätte. Und diese Segnungen sind nicht zeitlich, wie die, welche den Juden verheißen waren. Gott hat Seinen Kindern die höchsten Segnungen gegeben; Er hat sie gesegnet nach der Fülle Seines Herzens. Alles, was herrlich und schön, alles, was unvergänglich ist, hat Er uns mitgeteilt; den ganzen Schatz Seiner Gaben hat Er über uns ausgeschüttet! Diese Segnungen hat Er uns nicht auf der Erde, sondern in den himmlischen Örtern geschenkt. Die Israeliten sind auf der Erde gesegnet; ihre Wohnung war und wird sein das Land Kanaan. "Und ihr werdet in dem Lande wohnen, das Ich euren Tätern gegeben habe, und ihr werdet Mein Volk, und Ich werde euer Gott sein", sagt der Herr zu ihnen (Hes. 36, 28). Und obschon Gott ihnen auch geistlichen Segen geben wird, sind ihre Segnungen doch hauptsächlich zeitlich. "Und Ich werde die Frucht des Baumes und den Ertrag des Feldes mehren, auf dass ihr nicht mehr den Schimpf einer Hungersnot traget unter den Nationen" (Hes. 36, 30). Welch ein Unterschied ist also zwischen uns und den Israeliten! Ihr Vaterland ist auf der Erde, und hier sollen sie alles bekommen, was zu einem angenehmen Leben nötig ist; unser Vaterland ist im Himmel, unsere Segnungen sind geistlich, und obschon wir noch auf Erden wandeln, sind wir bereits mit den Segnungen in den himmlischen Örtern gesegnet. Aber das Herrlichste von allem ist, dass diese geistlichen Segnungen in den himmlischen Örtern uns in Christus geschenkt sind. Er allein kennt Gott und ist der Gegenstand der Liebe Gottes; Er allein kennt die volle Bedeutung des Wortes "Mein Vater". Und durch die Erlösung und die Gabe des Geistes hat Er uns, die glauben, fähig gemacht, dasselbe Vorrecht mit Ihm zu genießen. Wir sind in der Auferstehung mit Ihm eins geworden und gehören deshalb nicht mehr zu dieser Welt. Wohl ist es wahr, dass wir hienieden wandeln und unser Leib von der Erde ist, aber was uns zu Gotteskindern macht, steht in keiner Beziehung zur Welt oder zu den Umständen hienieden; und darum wandeln wir hier als Unbekannte und Fremdlinge. Ganz anders wird es sein, wenn Gott wieder Seine Beziehungen mit Israel anknüpfen wird. Der Tag wird bald anbrechen, an dem es seinen verworfen Messias erkennen wird. Dann wird es mit allen irdischen Segnungen gesegnet werden. Alle Völker der Erde werden sich vor Israel beugen; und Gott wird sich an Seinem Volk offenbaren als der Herr, Gott, der Allmächtige, der Allerhöchste, doch nicht als der "Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus". Auf diese Weise offenbart sich Gott den Gläubigen der Gegenwart. Sie sind gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus. Ein Israelit kann unmöglich begreifen, was das ist, nicht allein durch Christus gesegnet zu werden, sondern auch Erbe mit Ihm zu sein. Ihr Teil wird sein unter ihrem Messias, gesegnet durch Ihn als ein irdisches Volk. Aber wir, die wir jetzt an Christus glauben, sollen derselben Segnungen teilhaftig werden, die Gott Christus schenkt. Alle Dinge hat Er Seinen Füßen unterworfen; doch dies alles wird Er nicht allein, sondern mit uns besitzen.
"Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet bat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus." Herrliche Gnade! Unsere Segnungen sind von der höchsten Art, sie sind geistlich; sie werden uns nicht in Kanaan oder im Lande Immanuels, sondern in den himmlischen Örtern geschenkt; und sie werden uns gegeben auf die vorzüglichste Weise, nämlich in Christus. O möchten wir alle diese herrliche Wahrheit mit ganzem Herzen erfassen!
Diese Gnade nun strömt aus dem Herzen Gottes und hat ihren Ursprung in einem Vorsatz Gottes, der über alle Umstände erhaben ist. Vor Grundlegung der Welt hatten wir diesen gesegneten Platz im Herzen Gottes; Er wollte uns einen Ort in Christus geben; Er hat uns auserwählt in Ihm. Welch ein Quell der Freude, welch eine Gnade, so der Gegenstand der Gunst Gottes zu sein! Es ist sehr bemerkenswert, dass der Heilige Geist uns stets vor Augen hält, wie alles in Christus ist. Wir sind gesegnet in den himmlischen Örtern in Christus; "Er hat uns auserwählt in Ihm"; "Er hat uns zuvor bestimmt zur Sohnschaft durch Jesus Christus"; "Er hat uns angenehm gemacht in dem Geliebten." Das ist einer der Hauptgrundsätze in diesem Brief, dass alles in Christus ist und dass Gott selber der Ursprung und Urheber der Segnung ist. Christus allein entsprach dem Herzen Gottes und an Ihm konnte Gott die ganze Fülle Seiner Liebe offenbaren; und darum, wiewohl die Segnung von Gott selber kommt, besitzen wir sie in Christus.
Das ist die Gnade in ihren großen Grundzügen. Wir kommen nun zur nähern Beschreibung dieser Gnade und finden an erster Stelle den Platz, den wir vor Gott (Vers 4) und vor dem Vater (Vers 5) einnehmen dürfen. "Wie Er uns auserwählt hat in Ihm vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und tadellos seien vor Ihm in Liebe" (Vers 4). Wenn Gott uns in Seiner Gegenwart haben wollte, dann musste Er uns heilig und untadelig vor Ihm in Liebe darstellen. Gott kann allein an solchen, die Ihm sittlich gleichen, ein Wohlgefallen haben. Gott ist heilig in Seinem Wesen, vollkommen in Seinen Wegen, Liebe, was Seine Natur betrifft; und darum müssen wir, uni vor Ihm stehen zu können, heilig und tadellos in Liebe sein. In Christus nun sind Liebe, Heiligkeit, Vollkommenheit in jeder Weise vereinigt; Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes– darum sind wir auserwählt in Ihm. Welch einen herrlichen Platz hat uns Gott bereitet! Wir sind in Seine Gegenwart gebracht; wir sind in Christus gepflanzt, so dass Gott Sein Wohlgefallen an uns finden kann; Er hat uns Seiner Natur teilhaftig gemacht und so sind wir imstande, Ihn vollkommen zu genießen.
Doch in Vers 5 finden wir noch mehr. Um vor Gott sein zu können, war es notwendig, dass wir heilig und untadelig in Liebe seien. Es war jedoch nicht notwendig, dass wir Kinder würden; wir hätten als Dienstknechte im Himmel sein können. Doch diese Stellung befriedigte das Herz Gottes nicht; sie war nach Seinen Gedanken nicht hoch genug für uns. Er wollte nicht, dass zwischen Ihm und uns ein Abstand sein sollte, und wäre er noch so gering; Er wollte uns so nahe als möglich haben. "Der uns zuvor bestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesus Christus für sich selbst nach dem Wohlgefallen Seines Willens." Eine innigere Vereinigung mit Gott als durch die Kindesstellung gibt es nicht. Und in dieser innigen Beziehung stehen wir zu Ihm. Was nicht notwendig war, wenn wir Dienstknechte geworden wären, hat Er in Seiner unergründlichen Liebe getan; und darum wird hier beigefügt "nach dem 'Wohlgefallen Seines Willens", was wir in Vers 4 nicht finden. Der Vater wollte uns als Seine Kinder besitzen; Er wollte die ganze Liebe, die Sein Herz erfüllt, über uns ausgießen. Er wollte uns für sich selber haben, Er verlangte nach solch einem innigen Verhältnis; nur dies konnte Sein Herz befriedigen. Welch eine unaussprechliche Liebe! Und was diese Liebe noch herrlicher leuchten lässt, ist, dass wir Kinder sind durch Jesus Christus, Er, der Sohn Gottes, an welchem der Vater all Sein Wohlgefallen hat, hat uns nach Seiner Auferstehung Seine Brüder genannt. Wir teilen so mit Ihm den Platz, den Er im Herzen des Vaters einnimmt– wir werden vom Vater geliebt, gleichwie Er Ihn liebt.
Wir, die Gläubigen in Christus, sind also vor Grundlegung der Welt auserwählt, damit wir heilig und untadelig vor Gott in Liebe sein sollten; wir sind zuvor bestimmt zur Sohnschaft durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen Seines Willens. Welch ein Trost für das gläubige Herz! Diese herrliche Wahrheit lehrt uns, wie ganz unabhängig die Gnade Gottes von allen unsern Wegen und Werken ist. Sie bewirkt, dass wir uns selbst aus dem Auge verlieren und sie stellt uns Gott in Seiner unendlichen Liebe vor Augen. Hier ist nicht die Frage, wer wir gewesen sind, noch was wir von Natur sind; sondern allein, was Gott ist und was Er für uns ist. Nun, Er hat nicht erst dann an uns gedacht, als wir in Reue über unsere Sünden zu Jesus kamen; nicht erst damals, als Christus vor mehr als neunzehnhundert Jahren für uns starb; o nein! bevor noch ein Mensch auf der Erde war, ja, ehe die Welt bestand, hat Er an uns gedacht, uns geliebt und auserwählt. 0, das gibt meinem Herzen einen unbeschreiblichen Frieden; das macht mich los von allen Umständen, ja von allem, was besteht. In solch einer Liebe kann ich vollkommen ruhen und mich ewig freuen.
Das ist denn auch die herrliche Absicht, die Gott mit dieser kostbaren Offenbarung hat. Er will unser Herz trösten und erfreuen und uns einen völligeren Begriff Seiner Liebe geben. Er will uns mit sich selber beschäftigen, damit wir ganz in Ihm und in Seiner Liebe ruhen möchten. Was kann uns einen umfassenderen Begriff geben von Gottes Liebe als die herrliche Wahrheit, dass Er uns zu Seinen Kindern verordnet hat, ehe die Welt bestand, dass das erste, was Er mit Bezug auf diese Welt getan hat, unsere Auserwählung ist. So betrachtet, ist die, Auserwählung eine der kostbarsten Wahrheiten von Gottes Wort; sie verbindet das Herz mit Gott und lässt uns in Anbetung zu Seinen Füßen niederknien. O geliebte Brüder! möge diese Wahrheit doch den rechten Platz in unsern Herzen einnehmen; möge sie dazu dienen, unser Herz enger mit Gott zu verbinden und Ihn in Seiner Liebe besser zu verstehen und mehr zu genießen. [Anmerkung: Wir müssen hier kurz auf den großen Missbrauch hinweisen, der von vielen mit der Lehre der Auserwählung getrieben wird. Indem sie törichterweise diese Wahrheit mit der Predigt des Evangeliums verbinden machen sie diese Wahrheit, die ein reicher Quell des Trostes und der Freude ist, zu einem Stein des Anstoßes für viele. Die Apostel haben nie der Welt die Auserwählung verkündigt; das wäre auch völlig zwecklos gewesen, da man nicht durch den Glauben an die Auserwählung, sondern durch den Glauben an Christus errettet wird. Der Welt verkündigten sie die frohe Botschaft von der Seligkeit, dass in Christus Jesus Vergebung der Sünden ist für alle, die glauben. Aber sobald einer an den Herrn Jesus als seinen Heiland glaubt, sagten sie ihm: "Gott hat nicht erst jetzt an dich gedacht, sondern schon vor Grundlegung der Welt; Er hat dich in Christus auserwählt!" Nichts ist denn auch gefährlicher, als vor der Welt von der Auserwählung zu reden. Ach, wie viele warten auf ein Gefühl, dass sie auserwählt sind, anstatt an Christus zu glauben; wie viele sagen, dass sie nicht glauben können, weil sie nicht auserwählt seien und werfen so die Schuld ihres Unglaubens auf Gott. Wie traurig ist solch ein Zustand; wie ganz gegen die Schrift eine solche Ansicht! Wie kann man denn die Gewissheit haben, auserwählt zu sein, wenn man nicht an Christus glaubt? Der Herr sagt: "Wer an Mich glaubt, hat ewiges Leben." Die Gabe des ewigen Lebens ist also abhängig vom Glauben; und solange einer das Leben nicht hat, ist bei ihm auch das Bewusstsein der Auserwählung unmöglich. Ach, möchten doch jene, die vor Unbekehrten von der Auserwählung reden, bedenken, welch unberechenbaren Schaden sie vielen Seelen zufügen. Gewiss, soweit es die menschliche Verantwortung betrifft, wird Gott einmal die Seelen von ihrer Hand fordern. Er wird zu ihnen sagen: Warum habt ihr ihnen die Auserwählung anstatt des Evangeliums verkündigt? Warum habt ihr ihnen Hindernisse in den Weg gelegt, anstatt sie zu veranlassen, zu Christus zu kommen?] Lassen wir uns den Glauben an diese wunderbare Wahrheit nicht nehmen, weil wir sie scheinbar nicht mit der andern Wahrheit in Einklang bringen können, die uns ebenso deutlich in Gottes Wort gelehrt wird, dass Gott will, dass alle Menschen errettet werden. Der Herr verlangt von Seinen Kindern, dass sie glauben und nicht, dass sie begreifen. Lasst uns einfältig Gottes Wort glauben, und was uns jetzt dunkel erscheint, wird uns einmal in voller Klarheit dargestellt werden!
Diese Auserwählung nun ist "zum Preise der Herrlichkeit Seiner Gnade, worin Er uns begnadigt hat in dem Geliebten" (Vers 6). Gott hat uns zum Gegenstand Seiner Gunst gemacht, und um diese Gunst ganz über uns auszugießen, hat Er uns angenehm gemacht in dem "Geliebten". Der Heilige Geist braucht hier nicht den Ausdruck "in Christus", sondern in dem Geliebten". Nur ein Gegenstand befriedigt Gottes Herz, und das ist Christus, der Geliebte. Um uns vollkommen zu segnen, hat uns Gott zu Gegenständen Seiner Gunst in diesem Geliebten gemacht, "zum Preise der Herrlichkeit Seiner Gnade". An uns, den Gegenständen Seiner Gunst, hat sich die Herrlichkeit Seiner Gnade entfaltet. Sie wird gesehen und gepriesen. Weiter konnte Gott nicht gehen. Die Höhe und die Tiefe Seiner Gnade sind hier vereinigt. Wie herrlich, dass unsere Herzen sich in der Gnade erfreuen können, dass auch wir "zum Preise der Herrlichkeit Seiner Gnade" gesetzt sind!
Aber wie fand uns Gott, als Er uns in diese herrliche Stellung bringen wollte? Ach, wir waren Sünder nichts als Sünder, ganz und gar das Gegenteil dessen, wozu Er uns auserwählt hatte. Was musste Gott nun tun? Wie sollte es möglich sein, uns heilig und untadelig vor Ihn zu stellen? Hier ist die Antwort: In demselben Christus, in dem wir vor Grundlegung der Welt auserwählt sind, "haben wir die Erlösung durch Sein Blut, die Vergebung der Vergehungen" (Vers 7). Welch ein Trost für unsere Seelen! Wenn wir an unsere Sünden denken, dann empfangen wir die tröstliche Versicherung, dass sie vor dem Angesichte Gottes hinweg getan sind. Das Blut Seines Sohnes ist geflossen und hat alle unsere Sünden aus dem Buch des Gedächtnisses Gottes ausgetilgt. Aber wie konnte Gott Seinen Sohn geben für die, die gegen Ihn in Feindschaft waren, für die, von denen nichts anderes gesagt werden konnte, als dass sie Ihn durch ihre Sünden ermüdet hatten? Der Apostel antwortet: "Wir haben die Erlösung durch Sein Blut, die Vergebung der Vergehungen nach dem Reichtum Seiner Gnade." ja, nach dem Reichtum Seiner Gnade! Anstatt uns, die wir von Ihm abgeirrt waren und uns dem Teufel übergeben hatten, ins ewige Verderben gehen zu lassen, führt Er Seinen Plan aus. Er schenkt Seinen geliebten Sohn, um uns aus dem Zustand zu ziehen, in den wir durch die Sünde gekommen waren. Er wollte und hat uns heilig und tadellos vor sich in Liebe gestellt und uns zu Seinen Kindern gemacht.
Der folgende Vers geht jedoch noch weiter. "Welche Er gegen uns hat überströmen lassen in aller `Weisheit und Einsicht" (Vers 8). Die Ratschlüsse Gottes in Bezug auf Seinen Sohn werden uns geoffenbart. Mit andern Worten wird hier gesagt: Ihr seid fähig, Meine Gedanken zu verstehen, ihr seid erlöst von der Angst wegen eurer Sünden und könnt nun Meine Ratschlüsse begreifen. "Indem Er uns kundgetan hat das Geheimnis Seines Willens nach Seinem 'Wohlgefallen, das Er sich vorgesetzt bat in sich selbst für die 'Verwaltung der Fülle der Zeiten" (Vers 9). Und dieses Geheimnis Seines Willens ist: "Alles unter ein Haupt zusammenzubringen in dem Christus, das was in den Himmeln und das was auf der Erde ist" (Vers 10). Wir sind also fähig gemacht, zu hören, was Gott uns über alle anderen Dinge zu sagen hat. Er teilt uns nicht nur mit, was für einen Plan Er auf Erden auszuführen gedenkt, wie Er es bei Abraham tat, sondern Er ist überströmend gegen uns in aller Weisheit und Einsicht. Unser Verhältnis zu Gott ist viel inniger. Er behandelt uns als Seine Kinder. Er teilt uns die Absichten mit, die Er in Betreff Seines Sohnes Jesus Christus hat. Welch eine Gnade! Wie treffend wird hierdurch unsere vollkommene Erlösung bewiesen. Von Natur unfähig, die Dinge des Geistes Gottes zu verstehen, können uns jetzt nicht nur die Gedanken Gottes über uns selbst, sondern auch Seine Absichten in Christus mitgeteilt werden. Dass doch niemand sage, kein Interesse zu haben an Geheimnissen! Seid ihr zufrieden mit der Sicherheit eurer Errettung? Seid ihr so gleichgültig, dass ihr kein Interesse an dem habt, was Gott euch mitteilen will? O wie traurig! Denkt doch nicht, dass ihr dieses Geheimnis nicht verstehen könnt! Das Wort "Geheimnis" Seines Willens bedeutet das, was Gott gut gefunden hat, früher nicht zu offenbaren; wir aber können es jetzt verstehen, weil es geoffenbart ist. Es sind viele Geheimnisse im Alten Testament, die im Neuen erklärt werden. Wenn Gott uns unterweisen will, sollten wir dann nicht begierig sein, zu lauschen. O, dass das Wort Jesu in unser aller Ohr erschalle: "Wer Ohren hat, zu hören, der höre!"
Das Geheimnis Seines Willens, das was Gott für den Haushalt der Fülle der Zeiten sich vorgenommen hat, ist, dass Er alle Dinge im Himmel und auf Erden unter ein Haupt zusammenbringt. [Anmerkung: Der erste Mensch, Adam, war nach den Gedanken Gottes dazu bestimmt, das Haupt über alle Werke der Hand Gottes auf dieser Erde zu sein. In Christus, als dem Menschensohn, wird dieser Vorsatz Gottes seine Erfüllung finden. Diese Seine Herrlichkeit beschreibt uns der 8. Psalm. Sie umfasst dann nicht nur Israel und das Land Kanaan, sondern die ganze Erde und übertrifft die Machtfülle eines Salomons oder eines Nebukadnezars. – Adam hätte aber, auch wenn er nicht gefallen wäre, nie über die Engelscharen und über die Dinge in den Himmeln etwas zu gebieten gehabt. Unser Herr wird aber auch über diesen sehr bedeutenden, wenn auch für uns bisher noch unsichtbaren Teil der Schöpfung Gottes als Haupt gesetzt sein. Wir finden dies auch im 21. Vers unseres Kapitels: "über jedes Fürstentum und jede Gewalt und Kraft und Herrschaft".] Wenn alle Zeiten, die Gott für die Welt bestimmt hat, erfüllt sein werden, wenn also der Haushalt der Fülle der Zeiten gekommen sein wird, dann wird das herrliche Friedensreich beginnen. Die Blindheit Israels ist dann verschwunden; die Heiden erfreuen sich der Segnungen Israels; alle Feinde des Christus sind zum Schemel Seiner Füße gelegt. Christus herrscht über die gereinigte Erde. Himmel und Erde sind vereinigt worden. Welch ein herrlicher Zustand! Aber vor allem, welch eine Gnade für uns! Christus empfängt alle Herrlichkeit im Himmel und auf Erden, und wir, Glieder Seines Leibes, sind Erben Gottes und Seine Miterben. "In welchem wir au& zu Erben gemacht worden sind, die wir zuvor bestimmt sind nach dem 'Vorsatz Dessen, der alles wirkt na& dem Rate Seines 'Willens, damit wir zum Preise Seiner Herrlichkeit seien" (Verse 11. 12). Wir werden mit Ihm die Herrlichkeit teilen, mit Ihm herrschen, mit Ihm die Engel richten. So wie Ihm wird auch uns alles unterworfen sein. Das ist mehr als die Herrlichkeit und Ehre eines Salomo.
Alle, die an Christus glauben, sowohl die aus den Nationen (Heiden), als auch die aus den Juden, sind Erben Gottes. Darauf weist der Apostel hin in Vers 12 und 13. In Vers 12 wird von den Juden gesagt: "Damit wir zum Preise Seiner Herrlichkeit seien, die wir zuvor auf den Christus gehofft haben." Paulus und seine Mitgläubigen hatten an Christus geglaubt, während die Masse des jüdischen Volkes im Unglauben lag, in dem es heute noch verharrt. Doch auch die Heiden hatten geglaubt, weil die Umzäunung abgebrochen war. "Auf welchen au& ihr gehofft, nachdem ihr gehört habt das 'Wort der Wahrheit, das Evangelium eures Heils" (Vers 13). Das Evangelium kann nun auch den Heiden verkündet werden. Die Epheser waren Heiden gewesen und hatten das Evangelium angenommen– und "nachdem sie geglaubt hatten, waren sie versiegelt worden mit dem Heiligen Geiste der Verheißung" (Vers 13).
Es besteht unter vielen Christen große Verwirrung über die Frage der Wirksamkeit und der Versiegelung des Heiligen Geistes. Das erste, was der Heilige Geist bei einem Sünder bewirkt, ist, ihn aus dem Schlaf der Sünde aufwachen zu lassen. Er lässt ihn seine Sünde einsehen und das Verlangen nach einem Erlöser in ihm entstehen. Dann predigt Er ihm das Evangelium, verkündigt ihm einen Erlöser, der ein Werk für Sünder vollbracht hat, so dass jeder, der an Ihn glaubt, errettet werden kann. Dies alles ist die Wirksamkeit des Heiligen Geistes, um den Sünder zu Jesus zu bringen, aber keineswegs die Versiegelung. Sobald der Sünder an Jesus glaubt, empfängt er das ewige Leben; auch dies ist die Wirksamkeit des Geistes und nicht die Versiegelung mit dem Geiste. Nachdem er nun an Christus geglaubt hat, wird er versiegelt mit dem Heiligen Geist der Verheißung. Der Heilige Geist kommt und macht Wohnung bei ihm, macht also seinen Leib zu Seinem Tempel. Derselbe Geist, der so lange an ihm arbeitete, um ihn zu Christus zu bringen, kommt, sobald er an Christus glaubt, um in ihm zu wohnen.
Seit der Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten sind alle, die an Christus glauben, durch diesen Geist versiegelt. Vor Pfingsten wohnte der Heilige Geist nicht in den Gläubigen. Wohl wirkte Er in ihnen, wohl befähigte Er sie für viele Dinge, doch Er wohnte nicht in ihnen. Jesus sagt: "Wer an Mich glaubt, gleichwie die Schrift gesagt hat aus dessen Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen", und Johannes fügt bei: "Dies aber sagte Er von dem Geiste, welchen die an Ihn Glaubenden empfangen sollten, denn noch war der Geist nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war" (Joh. 7, 38. 39). Bevor Jesus Sein Erlösungswerk vollbracht hatte und verherrlicht war, konnte der Heilige Geist niemanden versiegeln und in keinem Menschen wohnen. Seit Seiner Ausgießung am Tage der Pfingsten aber wohnt Er in der Versammlung als solcher und in jedem, der glaubt. Können wir da noch um den Heiligen Geist bitten, wenn Er in uns wohnt? Es wäre wirklich handgreiflicher Unglaube und eine große Torheit der jünger gewesen, wenn sie, als Christus in ihrer Mitte war, Gott gebeten hätten, Ihn zu senden. Und nachdem nun der Heilige Geist vom Himmel gesandt und uns gegeben ist, um in uns eine Quelle des Wassers zu werden, das ins ewige Leben quillt, ist es eine Verleugnung Seiner Niederkunft vom Himmel und Seiner Innewohnung in uns, wenn man heute noch um den Heiligen Geist bittet. Es ist sehr notwendig, zu bitten, durch den Geist nach dem inwendigen Menschen gestärkt zu werden, um Ihn nicht zu betrüben oder Ihm zu widerstehen; doch ganz und gar verkehrt wäre es, ein einziges Wort auszusprechen, wodurch wir die Gegenwart des Heiligen Geistes leugnen. Ebenso verkehrt ist es, um eine Ausgießung des Heiligen Geistes zu bitten. Sicherlich ist es dem Herrn wohlgefällig, wenn wir für die Wirksamkeit des Geistes zur Bekehrung der Ungläubigen beten; jedoch um die Ausgießung des Geistes zu bitten zeigt den Unglauben der Wahrheit gegenüber, dass Er schon ausgegossen ist. Gott bat der Gemeinde den Geist gegeben und Er kann dieser Gabe nichts hinzufügen.
Der Geist Gottes wohnt in uns. Welch eine herrliche Wahrheit! Durch Ihn sind wir in Gemeinschaft mit Gott, durch Ihn rufen wir "Abba, Vater!" - durch Ihn verstehen wir das Erlösungswerk, durch Ihn haben wir die Kraft, Gott zu verherrlichen. Er ist "das Unterpfand unseres Erbes, bis zur Erlösung des erworbenen Besitzes, zum Preise Seiner Herrlichkeit" (Vers 14). Der Heilige Geist ist für jeden Gläubigen das Unterpfand seines Erbes, bis das Eigentum, das Christus sich erworben hat, Ihm gegeben wird, und Seine Macht keinen einzigen Widersacher bestehen lassen wird. Und wenn Christus das alles in Besitz nehmen wird, werden wir mit Ihm als Miterben daran teilhaben. Der Geist nun ist das Unterpfand, dass wir das Erbe erhalten sollen, und durch Ihn genießen wir bereits heute schon die Freude der zukünftigen Herrlichkeit. Man verliert den Genuss dieser herrlichen Dinge, wenn man nicht an die Innewohnung des Geistes glaubt. Welch ein unaussprechlicher Verlust! Aber zugleich welch ernster Gedanke, dass Gottes Geist, Gott selber in uns wohnt. Welch hoher Gast! Wie behandeln wir diesen Gast? Stellen wir uns ganz zu Seiner Verfügung? Unterwerfen wir uns Seiner Wirksamkeit oder betrüben wir Ihn durch Unachtsamkeit oder gar Untreue? Und werden wir durch Ihn stets weiter in die Wahrheit Gottes eingeführt? Die Wiedergeburt ist der Anfang des Weges, und wir dürfen uns keineswegs damit begnügen. Wenn wir gläubig geworden sind, müssen wir andere Wahrheiten und vor allem Christus selber kennen lernen. Möchten wir alle, geleitet durch den Heiligen Geist, wachsen in der Erkenntnis und Gnade Dessen der uns so unaussprechlich liebt!
Der erste Teil dieses Kapitels hat uns also die Gnade gezeigt, als die einzige Ursache der Stellung, in die Gott Seine Kinder gebracht hat – die Ratschlüsse Gottes betreffs der Herrlichkeit des Christus als Haupt über alles – die Tatsache, dass wir in Christus Erben sind – und endlich die Gabe des Heiligen Geistes an die Gläubigen als Unterpfand des Erbes und als Bewahrung der Erben, bis sie mit Christus in den Besitz des Erbes gesetzt werden. Von Vers 15 bis an den Schluss des Kapitels finden wir ein Gebet des Apostels für die Gläubigen. Er wendet sich hier an den "Gott" unseres Herrn Jesus Christus. [Anmerkung: In Kapitel 3, 14 wendet sich der Apostel an den "Vater" unseres Herrn Jesus Christus.] Gott wird "der Vater der Herrlichkeit" genannt, weil Er die Quelle und der Urheber aller Herrlichkeit ist. Und Christus wird uns vorgestellt als Mensch. Gott hat Ihn aus den Toten auferweckt und Ihn zu Seiner Rechten gesetzt; alles, was mit Christus geschah, wird hier betrachtet als der Ausfluss von Gottes Macht. Christus konnte sagen: "Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde Ich ihn aufrichten" -denn Er war Gott; aber hier wird Er uns als Mensch vorgestellt, und Gott hat Ihn auferweckt.
Bevor der Apostel sein Gebet spricht, gibt er der Gemeinde in Ephesus ein herrliches Zeugnis. "Nachdem ich gehört habe von dem Glauben an den Herrn Jesus, der in euch ist, und von der Liebe, die ihr zu allen Heiligen habt" (Vers 15). Das Letztere war die Folge des Ersten. Der Glaube an den Herrn Jesus – nicht an diese oder jene Wahrheit, sondern an Seine Person – erweckt die Liebe zu allen Heiligen. Wenn Christus für uns der Mittelpunkt ist, wenn Er uns teuer ist, dann werden alle Heiligen, weil sie die Seinen sind, uns auch teuer sein. Er liebt sie alle, die schwächsten wie die stärksten, die unerfahrensten wie die tüchtigsten, mit derselben Liebe. Er erkaufte sie mit Seinem Blut und machte sie zu Gotteskindern, und sie werden einmal alle an Seiner Herrlichkeit teilhaben. Und hierin wollen wir Ihm nachfolgen. Sollen wir einander lieb haben, weil wir dieselben Gedanken und Gewohnheiten, denselben Charakter haben? Oder sollen wir nur mit solchen Gemeinschaft haben wollen, die uns angenehm im Umgang sind, oder bei denen wir uns wenig zu verleugnen haben? Ach, dies wird unter Christen, vor allem in unsern Tagen, oft gefunden; aber das ist keine Liebe zu allen Heiligen. In solchen Zuneigungen liegt nur Liebe zu uns selber. Unser Fleisch liebt das, was ihm angenehm ist und gibt jenen den Vorzug, die sich, durch unsern Charakter zu uns hingezogen fühlen. Wir müssen einander betrachten, wie Gott uns in Christus angenehm gemacht hat vor Ihm; tun wir das nicht, dann ist keine Gemeinschaft möglich, dann kann keine Liebe zu allen Heiligen bestehen.
Man muss das richtig verstehen. Gottes Wort tadelt es keineswegs, Freunde zu haben. Unser Herr selber ging mit einigen Seiner Jünger vertraulicher um als mit andern; als die Seinen aber waren sie Ihm alle gleich lieb. So muss es auch bei uns sein. Wir sollen Liebe haben zu allen Heiligen; doch ist es natürlich, dass wir nicht jedem, weil er ein Heiliger ist, alles mitteilen können. Ich werde nicht jedem meine Schwierigkeiten und Beschwerden offenbaren, da nicht jeder sie verstehen und mir raten könnte; meine Liebe aber soll für alle die gleiche sein. jemand mag sehr unwissend sein, er mag viele verurteilen und wenig Mitgefühl haben; er mag nicht imstande sein, nur einen Rat zu erteilen – wenn aber seine Seele Christus liebt und er Ihn über alles schätzt, soll ich ihn dann nicht lieb haben können und ihn höher achten als mich selbst? Sicherlich, denn das, womit er meine Seele erfrischen und erbauen kann, ist mehr, als wenn ich in ihm nur einen treuen Freund und Berater hätte. In einem jeden der Heiligen findet man das, was das Herz entzückt und erquickt. Wir sollen eine wahre, ungeheuchelte Liebe zu allen Kindern Gottes pflegen. Gott ist für sie, und Christus wohnt in ihnen; und das sollen wir bedenken, wenn wir die Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohne wertschätzen. O lasst uns doch nach diesem göttlichen Grundsatz handeln! Wie betrübend ist die Entzweiung, die Geringschätzung, die Zwietracht unter Christen! Und das traurigste von allem ist, dass man das Schmerzliche dieses Zustandes vielerorts nicht fühlt, ja zuweilen verteidigt. Lasst uns da nicht mitmachen, sondern, soweit es in unserer Macht steht, die Liebe zu allen Heiligen pflegen und üben!
Da der Apostel von dem Glauben der Epheser an den Herrn Jesus, der in ihnen war, und von der Liebe zu allen Heiligen vernommen hatte, hörte er nicht auf, für sie zu danken, aber zugleich vergaß er nicht, ihrer beständig in seinen Gebeten zu gedenken. Obschon ihr Zustand so gut war, bittet er für sie: "Dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und Offenbarung in der Erkenntnis Seiner selbst" (Vers 17). Die Epheser kannten Gott als ihren Vater in Christus, doch dies war dem Apostel nicht genug; er wollte, dass sie in der Erkenntnis zunähmen und Väter in Christus würden, und dazu hatten sie den Geist der Weisheit und der Offenbarung nötig, um das, was folgen würde, verstehen zu können. Viele sind zufrieden mit dem Bewusstsein, dass sie bekehrt sind und einmal in den Himmel kommen werden. Sie genießen wenig von Christus und von der Liebe Gottes und sind darum nicht imstande, Gott zu verherrlichen. Sie sind selbstsüchtig; denn obwohl sie die Gewissheit haben, errettet zu sein, kümmern sie sich wenig darum Gott zu verherrlichen und die Segnungen kennen zu lernen, die in Christus sind. Wir sehen hier, dass der Heilige Geist das Gegenteil will. Er bewirkte in Paulus das Verlangen für die Gemeinde in Ephesus, dass sie mehr und mehr in der Gnade und Erkenntnis des Herrn Jesus zunehme.
Und um welche Dinge bittet der Apostel? "Da mit ihr, erleuchtet an den Augen eures Herzens, wisset, welches die Hoffnung Seiner Berufung ist, und welches der Reichtum der Herrlichkeit Seines Erbes in den Heiligen, und welches die überschwängliche Größe Seiner Kraft an uns, den Glaubenden" (Verse 18. 19). Wir finden da drei Dinge, die mit den ersten vierzehn Versen dieses Kapitels im Zusammenhang stehen. Der Herr will, dass das, was uns hier mitgeteilt wird, von uns erkannt und genossen werde. An erster Stelle finden wir "die Hoffnung Seiner Berufung". Offenbar denkt der Apostel an die Verse 4 und 5. Wir sind auserwählt, um heilig und tadellos zu sein vor Gott in Liebe, verordnet zur Sohnschaft nach dem Wohlgefallen Seines Willens. Das ist unsere Berufung, die wir jetzt in Hoffnung besitzen; wir werden alles, was in Christus ist, besitzen. Seliges Bewusstsein, einmal in Übereinstimmung mit der heiligen, liebenden Wesenheit Gottes vor Ihm zu stehen!
An zweiter Stelle wünscht der Apostel, dass wir wissen, welches der Reichtum der Herrlichkeit Seines Erbes ist. Er gebraucht dazu sehr merkwürdige Worte – "den Reichtum der Herrlichkeit Seines Erbes in den Heiligen". Wir müssen uns vor der unrichtigen Auslegung hüten, dass die Heiligen das Erbe seien. Im Alten Testament finden wir wohl, dass Israel das Erbe Gottes genannt wird, doch im Neuen Testament finden wir, dass die Heiligen "Erben Gottes und Miterben des Christus sind. Nicht die Versammlung als solche, vielmehr das Weltall ist das Erbe Gottes. Christus selbst ist der rechtmäßige Erbe, und diese Erbschaft wird die Gemeinde mit Ihm in Besitz nehmen, wenn Er kommen wird, um auf Erden zu herrschen. Gott nimmt also alles, was im Himmel und auf Erden ist, in den Heiligen in Besitz; und darum wird für uns gebetet, dass wir verstehen sollten "den Reichtum der Herrlichkeit Seines Erbes in den Heiligen". Welch eine unaussprechliche Gnade! Wir sollen das Erbe Gottes besitzen und Gott nimmt es in uns in Besitz. Endlich bittet der Apostel, dass die Epheser verstehen sollten, "welches die überschwängliche Größe Seiner Kraft an uns ist, den glaubenden, nach der Wirksamkeit der Macht Seiner Stärke, in welcher Er gewirkt bat in dem Christus, indem Er Ihn aus den Toten auferweckte; (und Er setzte Ihn zu Seiner Rechten in den himmlischen Örtern)" (Verse 19. 20). Das Kreuz, obschon das notwendigste von allem für die Verherrlichung Gottes und für unser Bedürfnis, offenbart uns Gottes Macht nicht. Es zeigt uns, was Gott Seine Schwachheit nennt; "Christus ist gekreuzigt worden in Schwachheit (2.Kor. 13, 4). Aber wenn wir die Auferstehung anschauen, dann ist jede Spur von Schwachheit für immer verschwunden, und wir sehen nichts als die triumphierende Macht Gottes. Gott war so vollkommen verherrlicht in Bezug auf unsere Sünden, dass Er den verachteten, verworfenen und verlassenen Menschen aus dem Grab auferweckte und ihn zu Seiner Rechten im Himmel setzte. Wir sehen hier den bewunderungswürdigen Gegensatz zwischen dem Grab, in welchem Christus lag, und der Herrlichkeit, mit der Er nun bekleidet ist – bekleidet als Mensch, weit über allen Geschöpfen, selbst über denen, die in gewissem Sinn über dem Menschen waren und keine Sünde oder Fall kannten; "über jedem Fürstentum und jeder Gewalt und Kraft und Herrschaft und jedem Namen, der genannt wird, nicht allein in diesem Zeitalter, sondern auch in dem zukünftigen" (Vers 21). Wohl wird der Sohn des Menschen kommen mit allen heiligen Engeln, doch Er ist über sie erhaben. Als Gott war Er immer über ihnen, aber hier wird vom Menschen Christus Jesus geredet. Er hat durch die Auferstehung die Menschheit über die Engel gestellt. Das ist nicht allein die überschwängliche Größe Seiner Kraft an Christus, sondern an uns in Christus. Welch eine Gnade! Kann es noch eine Schwierigkeit geben? Würden wir nicht lachen über Unmöglichkeiten, wenn wir wüssten, dass wir über die Macht verfügen könnten, welche die Welt ins Dasein rief? Nun, hier ist eine größere Macht – die Macht, die Christus aus den Toten auferweckte. Das Wort Gottes versichert es uns. Warum sind wir so schwach? Weil wir so wenig glauben. Der größte Teil der Kinder Gottes hat nie davon gehört. Aber selbst die, die es hörten – wie wenig leben sie darin! Ach, wir vergessen das Gebet des Apostels für uns, wenn wir in schwierigen Verhältnissen sind, wenn Versuchungen oder Anfechtungen von unsichtbaren Feinden an uns herankommen. 0, welche Kraft, welchen Mut, welche Standhaftigkeit und Ausdauer hätten wir, würden wir Gebrauch machen von der Kraft Gottes, die Christus aus den Toten auferweckt hat! Keine noch so schwierige Sache würde uns erliegen lassen, kein Feind uns überwinden. Die Kraft, die Christus aus den Toten auferweckte, vermag alles.
Gott hat Christus auferweckt, Ihn zu Seiner Rechten gesetzt und alles Seinen Füßen unterworfen. Er ist der Erbe von allem. Und wir, die wir an Ihn glauben, sind eins mit Ihm; darum wird hinzugefügt, dass Christus, dessen Füßen alles unterworfen ist, der Versammlung gegeben ist als das Haupt über alle Dinge (Vers 22). Es wird nicht gesagt "als Haupt über die Versammlung", sondern "der Versammlung als Haupt über alles gegeben". Die Gemeinde teilt mit Christus Seine Macht als Haupt über alle Dinge, wohl als Sein Leib, aber doch in unverbrüchlicher Einheit mit Ihm. Der Gläubige ist ein Glied des Leibes des Christus, er hat nicht allein das Leben, sondern ist eins mit Dem, der das Haupt über alles ist. Wiewohl Eva nicht direkt die Herrschaft empfing, hatte sie doch teil daran. Sie war eins mit Adam, der die Herrschaft empfangen hatte. So empfängt auch die Gemeinde die Herrschaft, als die Eva des himmlischen Menschen, des letzten Adam. Sie ist "die Tülle Dessen, der alles in allem erfüllt". Sie ist die Fülle von Christus, die Christus als Mensch, auferstanden aus den Toten, vollendet. Er wäre ebenso wenig vollendet als Mensch in Seiner Herrlichkeit ohne die Gemeinde, wie Adam es ohne Eva gewesen wäre. Unaussprechlich herrlicher Gedanke! So untrennbar, wie unser Leib mit dem Haupt vereinigt ist, so innig sind wir mit Christus vereinigt. Nichts vermag uns von Ihm zu scheiden. Er hat uns lieb und fühlt sich untrennbar mit uns verbunden. So war es der Wille Gottes vor Grundlegung der Welt. Er hat die Versammlung auserwählt, die Braut, das Weib Seines Sohnes zu sein; und bald wird sie mit Ihm in Herrlichkeit und Ehre geoffenbart werden!
Nachdem uns der Apostel im ersten Kapitel die herrlichen Ratschlüsse Gottes in Christus mitgeteilt hat, spricht er in diesem Kapitel über die Weise, in welcher diese Ratschlüsse zur Ausführung gebracht werden. Er zeigt uns die Wirksamkeit der Macht Gottes auf Erden, die zum Ziel hat, die Seelen in den Besitz der himmlischen Segnungen zu bringen und so die Gemeinde hienieden zu bilden. Hier redet Paulus nicht über die Ratschlüsse selber, sondern über die Gnade und Macht, die zu ihrer Erfüllung wirksam sind, indem sie die Seelen aus dem Verderben zur Erkenntnis der Erlösung bringen. Um dies zu zeigen, war es notwendig, den Zustand derer zu beschreiben, für die Gott eine unergründliche Liebe hat.
Im ersten Kapitel wird hauptsächlich von den Gedanken gesprochen, die schon vor Grundlegung der Welt das Herz Gottes erfüllten und die sich einmal in voller Herrlichkeit erfüllen werden. Hier im zweiten Kapitel finden wir die Antwort auf die Frage: Wer sind diejenigen, mit welchen Gott so handeln wird und welches ist der Zustand, in welchem Er sie vorfindet? In keinem andern Brief wird uns solch eine demütigende und entsetzliche Schilderung des verzweifelten Zustandes gegeben, in welchem sich die befanden, die Gott zu Miterben des Christus bestimmt hat. Im Brief an die Römer wird die sittliche Verdorbenheit von Juden und Heiden beschrieben: Hier wird der Mensch als vollkommen tot betrachtet, darum ist es hier überflüssig, den Beweis seiner Schuld zu erbringen.
"Auch euch, die ihr tot wart in euren Vergehungen und Sünden" (Vers 1). Der Mensch ist tot in Sünden und Missetaten. Das ist sein Zustand, wie rechtschaffen sein Betragen und Wandel auch äußerlich sein mögen. Was der praktische Zustand des Menschen betrifft, so besteht ein großer Unterschied zwischen dem einen und dem andern. Der eine ist ein Trinker oder ein Hurer, der andere mag ein guter und braver Mensch sein; dennoch sind sie beide vor Gott "tot" weil sie des Lebens aus Gott ermangeln. Das ist keine Verneinung der Unsterblichkeit der Seele; denn was die Schrift "Leben", nennt, ist nicht ein bloßes Fortbestehen, sondern eine geistliche Natur, die Natur Gottes selber. Dieses Leben besitzt nur der, welcher durch Gott lebendig gemacht worden ist. Darum ist der natürliche Mensch schlechterdings "tot"; er ist geschieden von Gott und deshalb auch vom Leben.
Doch ist dies nicht alles. Der Apostel sagt den Ephesern, dass sie in den Vergehungen und Sünden, in denen sie tot waren, vormals wandelten "nach dem Zeitlauf dieser Welt" ; aber nicht allein das, sondern auch "nach dem Fürsten der Gewalt der Luft des Geistes, der jetzt wirksam ist in den Söhnen des Ungehorsams" (Vers 2). Sie waren also früher unter der Herrschaft des Teufels. Die unbekehrten Menschen stehen alle unter dessen Gewalt und werden hier Söhne des Ungehorsams genannt, und zeigen dies auch durch ihren Ungehorsam.
Bis hierher hat der Apostel über den Zustand, in dem sich die Heiden befinden, gesprochen. Sie sind unter der Macht Satans; ihr Götzendienst ist der Dienst der Teufel. Von den Juden konnte dies jedoch nicht gesagt werden. Ihr Dienst war von Gott selbst eingesetzt worden. Dadurch waren sie von den Heiden (Nationen) abgesondert. Waren sie deshalb besser als die Heiden? O nein; von Natur waren sie in demselben Zustand. Dieselben Gottlosigkeiten, die von den Heiden verübt wurden, fand man bei Israel. "Unter welchen" – nämlich unter den Kindern des Ungehorsams – auch wir alle" – die Juden – "einst unseren Verkehr hatten in den Lüsten unseres Fleisches indem wir den Willen des Fleisches und der Gedanken taten." Es bestand also kein Unterschied. Sobald Gott den Zustand des Menschen beschreibt, ist der Jude sowohl wie der Heide "tot"; beide leben nach dem was ihr Fleisch, begehrt. Noch mehr; "wir waren von Natur Kinder des Zorns, wie auch die übrigen" (Vers 3). Welch ein Wort! Sogar die Juden, die, äußerlich betrachtet, göttliches Licht hatten, waren "Kinder des Zorns", ebenso wie die tief gesunkenen, vor Holz und Stein sich beugenden Heiden. Fürwahr, es ist nicht möglich, alle religiösen Vorrechte des Menschen entschiedener zu verwerfen, als durch dieses schreckliche Urteil. Alle sind von Natur Kinder des Zorns. Der Mensch wählte den Weg des Ungehorsams; er gab Gott für Satan preis; und nun ruht der Zorn Gottes auf ihm. Gott ist heilig und muss deshalb Seinen Zorn auf den ungehorsamen, sündigen Menschen ausgießen.
Welch eine Darstellung des Zustandes des Menschen! Tot in Vergehungen und Sünden, unter der Herrschaft des Teufels, wandelnd nach den Begierden des Fleisches, ein Kind des Zorns. Wie beschämend für den menschlichen Hochmut! Wer kann diesen Zustand ändern? Was helfen hier alle Verbesserungsmethoden und Erziehungstheorien? Wer kann einen Toten lebendig machen, wer die Macht des Teufels vernichten, wer den Zorn Gottes stillen? Hier ist die menschliche Weisheit Torheit. Doch was bei den Menschen unmöglich ist, ist bei Gott möglich. Gott ist über allem erhaben; Er kann Tote lebendig machen; Er vermag die Macht Satans zu brechen. Da wo der schuldige Mensch Seinen Zorn verdient, kann Gott reich sein an Barmherzigkeit, weil Er Liebe ist. Welch eine unaussprechliche Gnade, dass der Apostel nach der schrecklichen Schilderung des hoffnungslosen Zustandes des Menschen ausrufen kann: "Gott aber, der reich ist an Barmherzigkeit, wegen Seiner vielen Liebe, womit Er uns geliebt bat, als auch wir in den Vergebungen tot waren, hat uns mit dem Christus lebendig gemacht – durch Gnade seid ihr errettet und bat uns mit auferweckt und mitsitzen lassen in den himmlischen Örtern in Christus Jesus!" (Verse 4–6).
Gott hat uns lebendig gemacht, als wir tot waren; Er hat uns lebendig gemacht mit Christus. Christus ist das Leben, "das ewige £eben, welches bei dem Vater war". Dieses Leben ist uns geoffenbart; wir haben es, sagt Johannes, mit unsern Augen gesehen, mit unsern Händen betastet. Doch dieses Leben konnte uns nicht mitgeteilt, konnte nicht unser Leben werden, wenn Christus nicht starb. – "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht" (Joh. 12, 24). Es war keine Vereinigung zwischen uns und Christus möglich, bevor Er unsere Sünden weggenommen, uns mit Gott versöhnt hatte. Gott konnte uns nicht freisprechen, ohne dass ein anderer an unserer Statt den Platz der Strafe einnahm und den Zorn Gottes trug. Darum wurde Er von Gott verlassen. Alles, was auf uns war, lag auf Ihm, und Er starb den Tod als Lohn der Sünde. Am Kreuz behandelte Ihn Gott so, wie Er uns hätte behandeln müssen. Der Zorn Gottes ruhte dort auf Ihm. Doch als alles vollbracht, die Strafe der Sünde getragen war, wurde Er "erhört von den Hörnern der Büffel" (Psalm 22, 21). Gott hat Ihn auferweckt. Er war das Leben, und darum konnte Ihn der Tod nicht halten. Er starb zu dem einen und einzigen Zweck, das Leben andern mitteilen zu können. "Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben" (Joh. 3, 36), er ist mit Christus lebendig gemacht – ja, was mehr sagt, ist mit Ihm auferweckt. Christus ist auferstanden aus den Toten, und wir sind es mit Ihm; wir sind eins mit Ihm. Er hat alle Sünden, alles, was mit dem alten Menschen in Beziehung steht, am Kreuz getragen und im Grabe zurückgelassen. Wir besitzen nicht allein das Leben, sondern wir sind als aus den Toten auferstanden, in denselben Zustand gebracht, worin Christus ist.
Doch Gott hat uns nicht allein mit Christus lebendig gemacht und auferweckt, sondern uns auch in die himmlischen Örter versetzt in Christus Jesus. Gott hat Christus in den Himmel aufgenommen; Er hat Ihn zu Seiner Rechten verherrlicht. Nachdem Er das große Werk der Erlösung vollbracht hatte, hat Gott Ihm als dem Menschensohn den Platz gegeben, den Er als Sohn Gottes von Ewigkeit her hatte. Durch dieses Werk der Erlösung sind wir, die an Ihn glauben, mit Ihm vereinigt. Wir sind mit Ihm gestorben, auferstanden und in Ihm in den Himmel versetzt. Gott sieht uns alle in Christus, so wie Er Ihn sieht. Er kann uns nicht mehr von Christus scheiden. Da nun Christus im Himmel verherrlicht ist, so sieht uns Gott in Ihm im Himmel. "Welche Er berufen hat, diese hat Er auch gerechtfertigt; welche Er aber gerechtfertigt hat, diese bat Er auch verherrlicht" (Römer 8, 30). Alles wird hier als vollendet betrachtet; allein persönlich und dem Leibe nach sind wir noch nicht im Himmel; darum wird hier gesagt: "Er bat uns mitsitzen lassen in den himmlischen Örtern in Christus Jesus". Heute sind wir in Christus Jesus in die himmlischen Örter versetzt - bald werden wir mit Ihm dort sein.
Und was ist der Zweck dieses herrlichen Erlösungswerkes? "Dass Er in den kommenden Zeitaltern den überschwänglichen Reichtum Seiner Gnade in Güte gegen uns erwiese in Christus Jesus" (Vers 7). Ja, der überschwängliche Reichtum der Gnade Gottes, die in Güte über uns kommt in Christus Jesus, soll vor der Welt und den Engeln offenbar werden, wenn sie in den kommenden Zeitaltern uns, die wir tot in Sünden und Vergehungen und Kinder des Zorns waren, als Gotteskinder, als Miterben des Christus sehen werden. Welch ein Anblick wird das sein: der Räuber am Kreuz, Maria Magdalene, die Frau von Samaria, du und ich, bekleidet mit dem weißen Kleid der göttlichen Gerechtigkeit, gekrönt mit der Krone der Herrlichkeit, gleichförmig dem Richter, der kommt, um die Welt zu richten! Dann wird die überschwängliche Gnade Gottes von allen gepriesen werden, denn alle werden zur Verherrlichung Gottes erkennen müssen, dass Seine Gnade allein imstande war, der Schar von Zöllnern und Sündern einen solchen Platz zu bereiten.
Gott hat uns mit dem Christus lebendig gemacht; Er hat uns mit auferweckt und mitversetzt in die himmlischen Örter in Christus Jesus. Er hat dies getan, als wir tot waren in Sünden und Vergehungen. Der Beweggrund hierzu war also nicht in uns, sondern in Ihm selber. Wir hatten für Gott nichts Anziehendes, denn wir waren tot, es war nichts in uns, das Gott hätte bewegen können, sich unser anzunehmen. Er hatte uns lieb, weil Er Liebe ist. Welch ein Trost für uns! Unsere Seligkeit hängt allein von Gott ab und ist gegründet auf Seine Liebe. Gott selbst hat alles getan und zwar, als wir tot waren. Wir haben nichts getan. "Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittelst des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, dass niemand sieh rühme" (Verse 8, 9). Aus Gnade sind wir errettet worden durch den Glauben. Bei dieser herrlichen Wahrheit wollen wir einen Augenblick verweilen. Im Brief an die Philipper wird die Seligkeit als zukünftig betrachtet, weil wir noch in unser sterblichen Leibern und nicht mit Christus in der Herrlichkeit sind. Wir sind in dieser Welt, und obwohl wir das Bewusstsein in uns tragen, dass wir den Kampfpreis der Berufung Gottes empfangen werden, durchlaufen wir dennoch die Laufbahn des Glaubens, um ihn zu bekommen. Im Brief an die Hebräer werden wir als Fremdlinge betrachtet, welche die Welt verlassen haben und auf dem Wege sind, dem Himmel zu. Aber hier ist alles geschehen – "durch die Gnade seid ihr errettet". Wir sind lebendig gemacht, mit auferweckt, mitversetzt in die himmlischen Örter in Christus. Darum wird auch im Epheserbrief das Kommen Jesu gar nicht erwähnt. Wir werden hier bereits im Himmel gesehen. Es ist klar, dass jede dieser verschiedenen Betrachtungen ihre besondere Anwendung hat. Im Epheserbrief wird unsere Stellung vor Gott beschrieben; im Brief an die Philipper und in dem an die Hebräer das Ziel unseres Wandels, im ersten mit Bezug auf das Gleichförmigwerden mit Christus, im letztern in Verbindung mit den Mühseligkeiten unserer Pilgerreise.
Aus Gnade sind wir errettet worden durch den Glauben. Der Glaube ist das Mittel, wodurch man die Seligkeit empfängt. Fürwahr, das Werk der Versöhnung und Erlösung ist vollbracht. Christus ist gestorben und auferstanden und sitzt zur Rechten Gottes. Alles, was ein Sünder nötig hat, um gereinigt, gerechtfertigt und vollkommen glücklich zu sein, ist vorhanden. Trotzdem kann niemand sagen, daran teilzuhaben, der nicht persönlich aus Gnade errettet ist. Das Werk des Christus, die Versöhnung und Erlösung, die Er zu Stande gebracht, nützen uns nichts, solange wir nicht mit Christus vereinigt worden sind. So lange wir nicht in Christus sind, betrachtet uns die Schrift als tote, verlorene Sünder, als Kinder des Zorns. Wir müssen persönlich an Christus glauben, um die Seligkeit aus Gnaden zu empfangen. Aber was ist Glaube? Erkennst du, dass du ganz und gar verloren und darum untüchtig bist, deine Seligkeit zu erwirken? Hast du alles eigene Bemühen aufgegeben, um dich vor Gott angenehm zu machen? Und bist du als ein elender Sünder zu Christus gekommen, um dich selber Ihm anzuvertrauen und dich Seiner Gnade zu übergeben? Das ist Glaube. Die Sünderin bei Simon, dem Pharisäer, und der Räuber am Kreuz glaubten an Christus, denn sie legten sich in Seine Hand und übergaben sich Ihm. Durch diesen Glauben wird man mit Christus vereinigt. Als armer. verlorener Sünder kommt man zu Ihm, und Er macht uns reich, da Er uns an allem Anteil nehmen lässt, was Er getan hat. In Christus ist alles zu finden, was ein Sünder nötig hat; Er allein kann uns retten, darum müssen wir zu Ihm kommen. Und dieses Kommen zu Ihm ist der Glaube. Die Errettung ist gänzlich ein Werk der Gnade Gottes, und das Mittel, um dieser Errettung teilhaftig zu werden, ist wie gesagt der Glaube. Niemand kann sich also rühmen, denn es ist nicht aus uns, dass wir errettet sind; die Errettung aus Gnaden durch den Glauben ist die Gabe Gottes. Wir haben nichts hinzu gebracht; alles ist die Frucht dieser Gnadengabe. Und anstatt dass unsere Werke etwas ausgerichtet hätten, sind wir selber "Sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, welche Gott zuvor bereitet hat, dass wir in ihnen wandeln sollen" (Vers 10).
Wir sind Gottes Werk; von Gott selbst bereitet. Es ist wahr, dass Gott ein Werk für uns vollbracht hat; aber hier werden wir einen Schritt weiter geführt; wir selber sind Gottes Werk. Und dieses Werk ist vollkommen; es ist kein einziger Mangel daran, und es kann nie verdorben werden; denn wir sind Gottes Werk. Adam, das erste Werk Gottes, wurde durch die Sünde verdorben; und darum musste Gott den ersten Menschen dem Gericht und dem Tod preisgeben. Er konnte es nicht mehr als Sein Werk anerkennen. Doch dies kann bei uns nicht der Fall sein, denn wir sind in Christus Jesus geschaffen. Christus kann Seinen Platz nie verlieren und darum auch wir nicht. Wir sind eins mit Ihm. Welch eine unaussprechliche Gnade liegt in dieser Wahrheit! Welch eine Ruhe gibt sie dem Herzen! Es ist keine Verurteilung mehr möglich, denn Gott würde sich ja selber verurteilen. Keine Furcht kann uns mehr beschleichen, denn selbst dann, wenn wir vor Gottes Angesicht erscheinen werden, sind wir in voller Sicherheit. Wir kommen dort als Gottes eigenes Werk vor unsern Schöpfer, und Sein durchdringendes Licht, das früher nur unser Elend offenbaren konnte, wird dann die Schönheit, Reinheit, Fleckenlosigkeit und Vollkommenheit dieses, Seines Werkes offenbaren.
Nun könnte man aber fragen: Wird diese Sicherheit, ein vollkommenes Werk Gottes zu sein, keine Sorglosigkeit bewirken? Der behandelte Vers beantwortet diese Frage genügend: "Wir sind Sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, welche Gott zuvor bereitet hat, auf dass wir in Ihnen wandeln sollen." Der Zweck unserer Erlösung ist, dass Gott durch uns verherrlicht werde. Um diesen Zweck bei uns zu erreichen, hat Gott die guten Werke für uns zuvor bereitet. Obschon wir durch die Sünde die Kenntnis von Gut und Böse bekommen haben, waren uns wirklich gute Werke gleichwohl unbekannt. In allen Umständen des Lebens, in allen Gefahren und Schwierigkeiten, in allen Versuchungen wohlgefällig vor Gott zu wandeln, davon hatten wir nicht den leisesten Begriff. Wohl war das Gesetz die Regel für die Gerechtigkeit des Menschen hier auf Erden, doch keineswegs die Offenbarung des vollkommenen Willens Gottes und vor allem nicht der himmlischen Grundsätze, die Gott durch uns zur Anwendung bringen wollte. Darum hat uns Gott im Wandel des Menschen Jesus Christus ein Vorbild gegeben. In den Evangelien finden wir in Ihm das getreue Bild eines heiligen, gerechten und Gott wohlgefälligen Wandels, das uns auf alle Fragen eine vollkommene Antwort gibt. Hierdurch wissen wir, was Gott gute Werke nennt, und in Ihm, der unser Vorbild ist, finden wir auch die Kraft, sie zu vollbringen. Wir finden die guten Werke in Christus zuvor bereitet und wir haben in diesen zuvor bereiteten Werken zu wandeln. Wir werden berufen, in die Fußstapfen Jesu zu treten. Auch hierin finden wir also die Gnade Gottes, die für alles gesorgt hat– wir brauchen nur zu folgen und den für uns geöffneten Weg zu gehen.
Der Apostel hat in diesen ersten zehn Versen den Zustand, in dem sich der Mensch befindet und den Weg, den Gott zu seiner Erlösung einschlug, beschrieben. Er geht im zweiten Teil dieses Kapitels dazu über, uns die Erfüllung der Pläne Gottes auf Erden mitzuteilen. Es gibt verschiedene "Haushaltungen" Gottes auf Erden. Nach der Sündflut wandte sich das ganze Menschengeschlecht von Gott ab. Es geriet in die Gefolgschaft dämonischer Mächte und fing an falsche Götter anzubeten. Der Götzendienst, das Heidentum war nun entstanden. Da berief sich Gott einen Mann, um ihn von allen anderen abzusondern und durch ihn die Kenntnis Seines Namens auf Erden zu bewahren. Abraham wurde das Haupt des irdischen Volkes Gottes. Gott gab diesem Volk das Land Kanaan zum ewigen Besitztum. Das Alte Testament ist voll der herrlichsten Verheißungen für die Israeliten, deren sie unter ihrem Messias teilhaftig werden sollten. Doch es waren alles Verheißungen für die Erde. Nachdem aber Israel seinen Messias verworfen hat, hat Gott Sein Volk für eine Zeit verlassen. Es ist jetzt "Lo–Ammi" - "Nicht–Sein-Volk". Später wird Gott Sein Volk wieder annehmen, doch jetzt hat Er Sein Angesicht für eine Zeit lang von ihm abgewandt.
Während dieser Zeit der Verwerfung Israels offenbart Gott eine ganz neue Sache. Die Gemeinde des Christus, die Ekklesia, der Gegenstand der ewigen Ratschlüsse Gottes, tritt in Erscheinung Das irdische Volk Gottes ist verworfen, und während der Zeit seiner Verwerfung sammelt Gott ein himmlisches Volk, genommen aus allen Völkern der Erde. Darüber beginnt nun der Apostel zu sprechen. Er zeigt uns zuerst den früheren Zustand der Menschen aus welchen die Versammlung Gottes gebildet ist. "Deshalb seid eingedenk, dass ihr einst die Nationen im Fleische, welche Vor haut genannt werden von der so genannten Beschneidung, die im Fleische mit Händen geschieht, dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart" (Verse 11, 12). Wir befinden uns hier auf einem ganz andern Boden. Paulus spricht nicht mehr von "Kindern des Zorns" von Menschen, die von Natur alle gleich schlecht sind; er macht hier einen Unterschied, indem er auf die Beschneidung einerseits und auf die Vorhaut andrerseits hinweist. Gott hat einen Teil der Menschheit vom andern geschieden, nicht, weil der eine besser als der andere gewesen wäre, sondern zu einem Zeugnis der Herrlichkeit und der Allgenugsamkeit Seines Namens. Darum sagt der Apostel: "ihr, die ihr aus den Nationen im Fleische wart" und zu jenem Teil der Menschheit gehörtet, welcher nicht durch Gott berufen und nicht, wie Abraham, abgesondert war, um Sein Zeugnis zu bewahren, "seid eingedenk, dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, entfremdet dem Bürgerrecht Israels, und Fremdlinge betreffs der Bündnisse der Verheißung" (Vers 12). Die Heiden durften mit Israel keine Gemeinschaft haben; sie waren nicht in den Bund aufgenommen, den Gott mit diesem Volk gemacht hatte; sie hatten kein Teil an den Verheißungen, die Gott Israel geschenkt hatte und die unter der Regierung des Christus auf Erden erfüllt werden sollten. Sie hatten "keine Hoffnung"; ja, sie waren "ohne Gott in der Welt". Nicht nur waren sie tot in Sünden und Vergehungen, sondern sie hatten zugleich jede Beziehung zum wahren lebendigen Gott aufgegeben und nicht mehr die mindeste äußerliche Kenntnis von Ihm.
"Jetzt aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst ferne wart durch das Blut des Christus nahe geworden" (Vers 13). Der gottlose, dem wahren Gottesdienst völlig entfremdete Heide wird durch das Blut des Christus von der Sünde gereinigt und Gott. nahe gebracht. Nun ist er nicht mehr fern von Gott, sondern in Gemeinschaft mit Ihm. Das Blut des Christus hat seine Sünden weggenommen, und er kann in der Gegenwart Gottes erscheinen. Und auch der Jude ist durch dasselbe Blut gereinigt. "Denn Er ist unser Friede, der aus beiden – Juden und Heiden – eines gemacht hat." Der Abstand zwischen Juden und Heiden wird durch die Versöhnung aufgehoben. Die Vorrechte der Juden nützen nichts mehr und die Sünden und Unreinheiten der Heiden sind kein Hindernis mehr, denn alle werden umsonst gerechtfertigt durch Seine Gnade. Christus hat durch die Versöhnung aus Juden und Heiden eins gemacht; beide können mit aller Freimütigkeit Gott nahen und ins Heiligtum eintreten.
Doch Gott wollte nicht allein, dass sich die Juden und die Heiden Ihm auf demselben Weg sollten nahen können; Er wollte sie beide in Christus zu einem neuen Menschen schaffen. Und dazu war mehr nötig als die Vergebung der Sünden und die Versöhnung mit Gott. Denn es bestand eine Zwischenwand der Umzäunung, welche die Juden von den Heiden trennte, und diese Zwischenwand war das Gesetz der Gebote in Satzungen. Durch dieses Gesetz hatte Gott Israel von den Heiden abgesondert denn ihm zufolge durfte der Jude keine Gemeinschaft mit dem Heiden haben. Diese Zwischenwand nun musste entfernt werden, sollten Juden und Heiden zu einem neuen Menschen geschaffen werden können. Gott allein hatte das Recht die Zwischenwand wegzunehmen. Es wäre eine große Sünde gewesen, wenn ein anderer dies versucht hätte. Nun hat es Gott getan; Er hat in Christus das Gesetz hinweg getan. "Denn Er ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht und abgebrochen bat die Zwischenwand der Umzäunung, nachdem Er in Seinem Fleische die Feindschaft, das Gesetz der Gebote in Satzungen, hinweg getan hatte, auf dass Er die zwei, Frieden stiftend, in sich selbst zu einem neuen Menschen schüfe, und die beiden in einem Leibe mit Gott versöhnte durch das Kreuz, nachdem Er durch dasselbe die Feindschaft getötet hatte" (Verse 14–16). Durch Seinen Tod am Kreuz hat Christus das Gesetz hinweg getan und dadurch die Scheidewand zwischen Juden und Nationen weggenommen. Und dies hat Er getan, um Juden und Heiden in sich selber zu einem neuen Menschen zu schaffen und sie beide in einem Leibe mit Gott zu versöhnen durch das Kreuz, da Er die Feindschaft, die zwischen beiden bestand, zunichte gemacht hat.
Siehe, eine ganz neue Offenbarung! Im Alten Testament war das Gesetz der Gebote in Satzungen die Scheidewand zwischen den Juden und den andern Völkern. Sie waren damals voneinander getrennt; der Jude wurde bestraft, wenn er mit dem Heiden in Gemeinschaft trat. Auch der Herr Jesus behielt diesen Unterschied sehr entschieden im Auge. Er befahl Seinen Jüngern, in keine Stadt der Heiden zu gehen. Er sagte zu der syro–phönizischen Frau, dass Er nur gesandt sei zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie kam zu Ihm auf Grund der Israel gegebenen Verheißungen, und auf diesem Grund konnte ihr der Herr nicht helfen; doch als sie sich auf Seine Gnade als der Gnade des Herrn berief, erhörte Er sie, Gott hatte die Juden von den Heiden abgesondert, und dies blieb so, bis Christus Sein Werk vollbracht hatte. Da verband Er Juden und Heiden und schuf aus ihnen beiden einen neuen Menschen. Und dieser neue Mensch, ist Christus und die Versammlung, Er das Haupt und sie Sein Leib. Diese Gemeinde (Ekklesia) bestand also im Alten Testament und auch während des Lebens Jesu auf Erden nicht. Sie konnte damals nicht bestehen, weil die Zwischenwand der Umzäunung, das Gesetz der Gebote, noch nicht abgebrochen war. Im folgenden Kapitel werden wir darauf zurückkommen. Hier weisen wir nur darauf hin, dass die Gemeinde, welche den neuen Menschen, geschaffen in Christus, bildet, unmöglich bestehen konnte, bevor das Gesetz durch den Tod des Christus hinweg getan war.
Gott hat das Gesetz hinweg getan– das lesen wir hier ausdrücklich. Die Zwischenwand der Umzäunung ist für immer abgebrochen. Ach, wie wenige verstehen diese herrliche Wahrheit! Die christliche Kirche hat das Gesetz wieder aus dem Grabe des Christus ausgegraben und es zu einer Lebensregel für den Christen gemacht. Und was ist die Folge davon? Finsternis und Unruhe, Zweifel und Furcht. Nein, der Christ ist nicht unter dem Gesetz, er ist mit Christus gestorben und auferstanden, er ist nicht vereinigt mit Christus auf Erden, sondern mit Christus im Himmel. Und was hat Christus im Himmel mit dem Gesetz zu tun? Doch nichts. Der Christ ist unter der Gnade und keineswegs unter dem Gesetz, denn Gott selbst hat das Gesetz hinweg getan. Viele denken, dass die Dinge, die Gott einst befohlen hat, von Ihm immer aufrecht erhalten werden. Sie zeigen dadurch, wie wenig sie die verschiedenen Haushaltungen Gottes begriffen haben. Wir wollen ein Beispiel anführen, um darzutun, welch ein großer Unterschied zwischen der alten und der neuen Haushaltung besteht. Gott hat Israel befohlen, seine Feinde zu vertilgen, während Er uns just das Gegenteil gebietet, denn wir sollen unsere Feinde lieben und sie segnen. Gott hat Israel das Gesetz gegeben. Der Herr Jesus hat es am Kreuze auch in seinen letzten Forderungen erfüllt. Denn der Herr Jesus erlitt am Kreuze, an unserer Stelle, den Fluch, den das Gesetz über den Übertreter aussprach. So ist das Gesetz einerseits bestätigt, für uns aber erfüllt und hinweg getan. Es ist für uns weder der Weg zu unserer Rechtfertigung, noch der Maßstab oder die Richtschnur unseres Lebens. Beides besitzen wir nun in Christus–Jesus. So hat Gott uns in eine ganz andere neue Stellung gebracht, nämlich unter die Gnade.
Nachdem Christus Frieden gemacht hat durch das Blut Seines Kreuzes, "hat Er Frieden verkündigt euch, den Fernen und Frieden den Nahen" (Vers 17). Derselbe Christus, der Frieden gemacht hat, der selber unser Friede ist, verkündigt nun durch den Heiligen Geist diesen Frieden Heiden und Juden, denen, die ferne und denen, die nahe sind. "Denn durch Ihn haben wir beide den Zugang durch einen Geist zu dem Vater" (Vers 18). An die Stelle des Gesetzes, das die Juden von den Heiden trennte, ist der Heilige Geist gekommen, der sie beide auf derselben Grundlage vereinigt und sie in das Verhältnis von Söhnen zum Vater stellt. Durch Christus, der alles weggenommen hat, was zwischen uns und Gott war, und der unser Leben geworden ist, haben alle, Juden und Heiden, den Zugang zum Vater durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt. Wir kennen Gott als unsern Vater und wir rufen Ihn als Vater an. Wir können Ihm "in Geist und 'Wahrheit" (Joh. 4, 23) dienen. Alle jüdischen Formen, heilige Orte und Tage, die Priesterschaft und die Opfer, sind verschwunden. Das Kreuz des Christus hat diesem allem ein Ende gemacht. Gott wirkt nicht mehr durch einen sichtbaren Kultus auf die Menschen ein oder lediglich durch Musik und Gesang auf die Sinne. Der Heilige Geist, vom Himmel gesandt, bringt die Kinder Gottes in die unmittelbare Nähe des Vaters. Auch in dieser Hinsicht ist alles Alte vorüber und alles neu geworden. Wir Kinder Gottes sind alle Christen und keine Juden und keine Heiden mehr. Gott will, dass wir alle menschlichen Anordnungen, alle nur äußerlichen "Gottesdienste" verlassen, um Ihn, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, "in Geist und Wahrheit" anzubeten.
Am Schluss dieses Kapitels redet der Apostel über die Versammlung nicht als vom Leibe des Christus, wie am Ende des vorhergehenden Kapitels, sondern als vom Haus Gottes auf dieser Erde. [Anmerkung: Die Gemeinde (Versammlung) wird in diesem Brief von einem zweifachen Gesichtspunkt aus betrachtet; in Kapitel 1 als der Leib des Christus, hier als das Haus Gottes auf Erden. Die Gemeinde als der Leib des Christus ist eine Frucht des Ratschlusses Gottes; die Gemeinde als Haus Gottes eine Frucht der Wirksamkeit Gottes auf Erden. Hier im Epheserbrief wird der Bau als das Werk Gottes betrachtet. Alles ist hier vortrefflich: Wir finden hier Jesus–Christus der Eckstein, dann die Grundlage der Apostel und Propheten. Der ganze Bau wächst wohl zusammengefügt zu einem heiligen Tempel im Herrn. Wir werden mit aufgebaut zu einer Behausung Gottes im Geiste]. "Also seid ihr denn nicht mehr Fremdlinge und ohne Bürgerrecht, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes" (Vers 19). Die Heiden standen nicht mehr fern, sondern gehörten zur Familie Gottes. Sie sind "aufgebaut auf die Grundlage der Apostel und Propheten" (Vers 20). Hier sind nicht die Propheten des Alten, sondern allein die des Neuen Testamentes gemeint. Gott nahm nicht ein altes Fundament, sondern Er legte ein neues; und dieses neue beginnt Er in Jesus Christus, gestorben und auferstanden aus den Toten. Dies ist das Fundament, nicht zuerst die Propheten und dann die Apostel, sondern umgekehrt: "der Apostel und Propheten Sie waren miteinander beschäftigt, dieses Fundament zu legen. In Kapitel 3, 5 lesen wir von dem Geheimnis des Christus, "welches in anderen Geschlechtern den Söhnen der Menschen nicht kundgetan worden, wie es jetzt geoffenbart worden ist Seinen heiligen Aposteln und Propheten im Geiste". Diese Worte machen allen Widerspruch unmöglich. So lesen wir auch in Kapitel 4, 11 – "Und Er hat die einen gegeben als Apostel und andere als Propheten". Wir sind deshalb "aufgebaut auf die Grundlage der Apostel und Propheten, indem Jesus Christus selbst Eckstein ist". Christus Jesus selbst ist der Eckstein. Der Herr sagte dies schon zu Petrus: "Auf diesem Felsen werde Ich Meine Versammlung bauen!" das ist auf Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes, wie von Ihm hier das Bekenntnis abgelegt wird. Die Apostel und Propheten des Neuen Testamentes legen also das Fundament des Hauses Gottes auf Erden; und von diesem Fundament ist Jesus Christus der Eckstein. Auf Ihm ruht alles; ohne Ihn würde der Bau einstürzen. Vergessen dürfen wir allerdings nicht, dass in dieser Stelle die Apostel und Propheten mit zu diesem Fundament gehören, von welchem Jesus Christus selbst der Eckstein ist. (Vgl. Off. 21, 14.) "In welchem der ganze Bau wohl zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn" (Vers 21). [Anmerkung: Im Gegensatz hierzu wird uns im 1. Korintherbrief, besonders Kapitel 3, 11–17 die Arbeit im Hause Gottes von einem andern Gesichtspunkte aus beschrieben. Das Werk wird dort betrachtet als dem Menschen anvertraut. Sie können dort sowohl als Arbeit wie als Material gut oder schlecht sein, und das Ergebnis wird einst geprüft und offenbar werden.] Das Haus Gottes, die Versammlung auf Erden, ist der Tempel des Herrn, in welchem Er durch den Heiligen Geist wohnt. "In welchem auch ihr mit aufgebaut werdet zu einer Behausung Gottes im Geistes Vers 22). Gott hatte früher eine Wohnstätte auf Erden, nämlich den Tempel zu Jerusalem; da wohnte Er aber nicht durch den Geist, denn Seine Gegenwart war dort in anderer Weise bekundet. jetzt wohnt Gott auf Erden auf eine viel herrlichere Weise, durch den Heiligen Geist. Der Heilige Geist wohnt in der Gemeinde und macht sie zum Tempel des lebendigen Gottes. Es wird hier nicht von der Innewohnung des Heiligen Geistes im einzelnen Gläubigen geredet, sondern in der Versammlung der Christen auf der Erde. Diese Versammlung, durch den Heiligen Geist gebildet, ist die Wohnung, der Tempel Gottes auf Erden. Welch ernste und herrliche Wahrheit, welches Vorrecht! Welch eine Quelle unaussprechlicher Segnungen! [Anmerkung: Es ist klar, dass niemand ein Glied am Leibe des Christus sein kann, der nicht wiedergeboren ist. Es ist jedoch möglich, im Sinne des 1. Korintherbriefes zum Hause Gottes auf Erden zu gehören ohne wiedergeboren zu sein. Gott wünscht, dass die Gemeinde, so wie sie nach Seinem Ratschluss im Himmel gesehen wird, auch also auf Erden betrachtet werden kann, und dass keine Gefäße zur Unehre darin gefunden werden möchten. Im Anfang war dies so. Denn gleich wie jedes Werk, das Gott dem Menschen anvertraute, durch diesen verdorben wurde, so ist es auch jetzt wieder geschehen. Schon zur Zeit der Apostel hatten sich Ungläubige eingeschlichen; doch der eigentliche Verfall begann später, als die Gemeinde freiwillig Unbekehrte aufnahm. Dadurch ist sie geworden, was sie jetzt ist, eine Vereinigung von Gläubigen und Ungläubigen. Anstatt ein heiliger, reiner Tempel Gottes zu sein, ist sie ein großes Haus mit Gefäßen zur Ehre und zur Unehre geworden, und einmal wird sie, nachdem die wahren Gläubigen in den Himmel aufgenommen sind, durch den Herrn gerichtet und aus Seinem Munde ausgespieen werden.]
Das ganze dritte Kapitel, das wir nun betrachten wollen, ist ein Zwischensatz zwischen der Unterweisung am Ende des zweiten Kapitels und der Ermahnung am Anfang des vierten. Der Apostel redet hier ausschließlich und ausführlich von dem Geheimnis, worüber er bereits mit einigen Worten im vorhergehenden Kapitel gesprochen hat. Er sagt im dritten und vierten Vers: "Wie ich es zuvor in kurzem beschrieben habe, woran ihr im Lesen merken könnt mein Verständnis in dem Geheimnis des Christus Der
Heilige Geist hält diesen Gegenstand für so wichtig, dass Er ihm ein ganzes Kapitel widmet; deshalb ist es notwendig, dass auch wir ihm besondere Aufmerksamkeit schenken.
An erster Stelle sagt Paulus, dass dieses Geheimnis ihm durch Offenbarung kundgemacht worden sei. "Wenn ihr anders gehört habt von der Verwaltung der Gnade Gottes, die mir in Bezug auf euch gegeben ist, dass mir durch Offenbarung das Geheimnis kundgetan worden" (Verse 2 und 3). Nicht Petrus, dem Apostel der Beschneidung, sondern Paulus wurde dieses Geheimnis geoffenbart. Gott hatte Paulus auserwählt, um durch ihn der Versammlung dasselbe kundzutun. Die andern Apostel empfingen die Kenntnis dieses Geheimnisses durch Paulus. Schon hieraus sehen wir, dass dieses eine ganz neue Sache war. Die Vergebung der Sünden durch den Glauben an Jesus Christus wurde bereits vor der Bekehrung des Paulus durch die andern Apostel gepredigt, und sie wurde auch durch ihn verkündigt doch gab ihm Gott außerdem eine besondere Offenbarung von einer Sache, die Er bis dahin noch verborgen gehalten hatte: die Offenbarung des Geheimnisses, welches in anderen Geschlechtern den Söhnen der Menschen nicht kundgetan worden, wie es jetzt geoffenbart worden ist Seinen heiligen Aposteln und Propheten im Geiste" (Vers 5). Und die Predigt dieses Geheimnisses ist es, die der Apostel meint, wenn er sagt "nach meinem Evangelium" (Römer 2, 16; 16. 25– 2. Tim. 2, 8).
Worin besteht nun dieses Geheimnis? Im Prinzip war zu allen Zeiten für den Glauben eine gute Botschaft da, sei es in der Form einer Verheißung, sei es als eine Offenbarung von Gnade, die jedoch noch nicht erfüllt war. Es war kein Geheimnis, dass ein Erretter gegeben würde; dies war im Gegenteil die erste Offenbarung von Gnade nach dem Fall des Menschen: "Der Same des Weibes wird der Schlange den Kopf zermalmen". Und im Verlauf der Zeiten wird diese Gnade stets deutlicher geoffenbart in Verbindung mit der Vergebung der Sünden und der durch Glauben erlangten Gerechtigkeit Gottes. Das Lesen des Alten Testamentes wird jeden davon überzeugen. Der Apostel erklärt aber ausdrücklich, dass das Geheimnis des Christus in anderen Geschlechtern den Söhnen der Menschen nicht kundgetan worden sei. Er sagt nicht, dass es teilweise kundgemacht oder nicht verstanden worden wäre, sondern dass es überhaupt nicht geoffenbart worden sei.
Aber worin besteht denn dieses Geheimnis? Es besteht in erster Linie in der Kundgabe der gegenwärtigen Herrlichkeit des Christus. Anstatt nach den Weissagungen des Alten Testamentes Sein Königreich aufzurichten, hat Er für eine Zeit den Schauplatz dieser Erde verlassen. Ihn, den die Menschen verworfen und gekreuzigt haben, Ihn hat Gott auferweckt und zu Seiner Rechten gesetzt in den himmlischen Örtern. Er ist dort gesetzt über alle Fürstentümer und Gewalt und Macht und Herrschaft und jeglichen Namen der genannt wird, nicht allein in diesem Zeitalter, sondern auch in dem zukünftigen. Er ist nach dem Willen Gottes gesetzt als Haupt über alle Dinge, sowohl über das was in den Himmeln als über das, was auf der Erde ist, somit als Haupt über das ganze Weltall. Das ist der erste und wichtigste Teil des Geheimnisses. Der zweite, als eine Folge des ersten ist die innige Verbindung der Versammlung mit Christus als Sein Leib, gleichsam als ein Bestandteil Seiner selbst, als Seine Fülle. Im Alten Testament finden wir Christus dargestellt als Sohn Davids, als des Menschen Sohn, als Gottes Sohn, als König, aber nirgends finden wir dort eine Offenbarung über den Umfang Seiner gegenwärtigen Herrlichkeit und über die Fülle der Ihm von Gott übertragenen Herrschaft über alle Dinge. In dieser Herrschaft teilt sich die Gemeinde mit Ihm. Nicht Christus oder die Gemeinde allein, sondern Christus und die Gemeinde, vereinigt in himmlischer Herrlichkeit und herrschend über alle Dinge: das ist das Geheimnis. "Dieses Geheimnis ist groß, ich aber sage es in Bezug auf Christus und auf die Versammlung" (Eph. 5, 32). Darum, wie wir im ersten Kapitel sahen, als Gott Ihn aus den Toten auferweckt und Ihn zu Seiner Rechten in den himmlischen Örtern gesetzt hatte, weit über jede Obrigkeit, Gewalt, Macht, Herrschaft und jeden Namen, der genannt wird, nicht allein in diesem Zeitalter, sondern auch in dem zukünftigen, und alles Seinen Füßen unterworfen hatte, hat Er Ihn der Versammlung als Haupt über alles gegeben.
Es ist darum von größter Wichtigkeit, die Natur und den Charakter der Versammlung zu kennen. Sie ist, wie wir bereits in Kapitel 2 bemerkten, der Leib des verherrlichten Christus. Die Meinung vieler, dass alle Gläubigen, von Adam bis zum Ende, die Gemeinde des Christus ausmachen, ist ganz im Widerspruch zu Gottes Wort. Das Wort Gottes versteht unter der Ekklesia alle die, welche mit Christus, nachdem Er zur Rechten Gottes gesetzt war, vereinigt sind und die durch den Heiligen Geist zu einem Leibe getauft sind. Die Versammlung des Christus ist die Vereinigung von allen, die durch den Glauben an den gestorbenen und auferstandenen Erlöser und die Macht des Heiligen Geistes mit Christus völlig eins geworden sind. Dergleichen gab es vor Pfingsten nicht. Die Versammlung ist also etwas ganz neues, unbekannt im Alten Testament, wo kein Wort über eine Vereinigung mit einem von Menschen verherrlichten und in die himmlischen Örter erhöhten Christus gesagt wird.
Ein anderes Merkmal der Versammlung lässt uns dies noch deutlicher erkennen. Bei der Behandlung des vorhergehenden Kapitels sahen wir bereits, dass Gott durch den Tod des Christus die Zwischenwand der Umzäunung, die zwischen Juden und Heiden bestand, abgebrochen hat. Und hier erklärt der Apostel ausdrücklich, dass ihm durch Offenbarung kundgetan wurde das Geheimnis, "dass die aus den Nationen Miterben seien und Miteinverleibte und Mitteilhaber Seiner Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium" (Vers 6). Wohl wird im Alten Testament von der Segnung gesprochen, die über die Völker kommen soll; aber immer bleibt Israel dabei das auserwählte Volk. Jerusalem ist der Mittelpunkt, von wo aus die Segnungen über die Völker fließen sollen. Aber nie werden die Völker mit Israel auf dieselbe Linie gestellt, und noch viel weniger wird über eine Vereinigung von Juden und Heiden zu einem Leib geredet. Das ist dem Alten Testament völlig unbekannt und wurde erst dem Apostel Paulus geoffenbart. Da die Gemeinde aus Juden und Menschen aus den Nationen gebildet ist, die durch den Glauben an den auferstandenen Christus mit Ihm vereinigt worden sind, so konnte sie vor dem Tode und der Auferstehung des Christus nicht entstehen, weil ja die Zwischenwand der Umzäunung erst durch Seinen Tod beseitigt worden ist.
Wird denn im Alten Testament mit keinem einzigen Wort über die Ekklesia gesprochen? Unsere Antwort muss unbedingt verneinend sein. Weder in den geschichtlichen Büchern, noch in den Psalmen, noch in den Propheten wird der Versammlung Erwähnung getan, und ein Hauptgrund, warum so Wenige das Alte Testament richtig verstehen, ist die Meinung, die Gemeinde habe schon damals bestanden. Allerdings, wenn man durch das Licht des Neuen Testamentes die Natur und den Charakter der Versammlung kennt, wird man im Alten Testament Vorbilder der Gemeinde finden. Solche Vorbilder sind u. a. Adam und Eva, Rebekka, Joseph und Asnath, Boas und Ruth. Doch darf man nie vergessen, dass diese Vorbilder nur von dem gefunden und begriffen werden können, der die Briefe des Paulus gelesen und verstanden hat. Die Personen selber, die als Vorbilder dienten, hatten nicht die leiseste Ahnung von der Sache, die sie darstellten. Gott aber wusste es, und Er hat zu unserer Belehrung und unserm Trost diese Begebenheiten so mitteilen lassen, dass durch sie herrliche Vorbilder der Versammlung dargestellt wurden.
Menschen aus den Nationen sind also Miterben und Miteinverleibte und Mitteilhaber Seiner Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium. Der irdische Teil der Verheißungen Gottes an Abraham und die Verheißung Gottes in Christus sind nicht nur verschieden, sondern stehen einander gegenüber. Abraham wurde gesagt: "Ich will dich zu einer großen Nation machen" (1.Mose 12). Ist das die Erwartung der Ekklesia? Keineswegs; denn wiewohl die Gemeinde sich noch auf Erden befindet, ist es gegen ihre Berufung, nach Größe und Ansehen in dieser Welt zu trachten. Sie wird nie ein großes und mächtiges Volk auf Erden sein; sie wird es durch die Gnade Gottes mit Christus im Himmel sein. Israel hingegen wird die Tore seiner Feinde besitzen (i. Mose 22) und über alle Völker der Erde erhoben werden, Unsere Segnungen sind in Christus mit den himmlischen Örtern, die von Israel mit dieser Erde verbunden. Gott wird einmal alle Seine Verheißungen an Israel erfüllen und dieses Volk reichlich segn en; und durch dasselbe werden die Segnungen über alle Völker kommen. jetzt aber, zur Zeit der Verwerfung Israels, werden die Völker nicht durch Israel gesegnet; die Gläubigen aus den Nationen sind Miterben und Miteinverleibte. Miterben mit wem? Mit Christus und mit den Juden in Christus. Jeglicher Unterschied ist verschwunden; der ärmste Sünder aus den Nationen wie der tiefstgefallene aus den Juden wird von Gott angenommen, aus seinem sündigen Zustand erlöst, zu einem Glied am Leibe des Christus und zu einem Teilhaber Seiner Verheißung in Christus gemacht.
Paulus nun war ein Diener dieses Evangeliums geworden, welches die Vereinigung von Juden und Heiden zu einem Leib, der Versammlung, zum Gegenstand hatte; er war ein Diener geworden "nach der Gabe der Gnade Gottes, die ihm gegeben war", und diese Gnade war ihm verliehen "nach der Wirksamkeit Seiner Kraft" (Vers 7). Und welches war die Wirkung dieser Wahrheit auf den Apostel? Er sagt: "Mir, dem allergeringsten von allen Heiligen ist diese Gnade gegeben worden, unter den Nationen den unausforschlichen Reichtum des Christus zu verkündigen" (Vers 8). Die Kenntnis des unergründlichen Reichtums des Christus hatte bei dem Apostel solch eine Demut bewirkt, dass er, der mehr getan hatte als alle andern Apostel, sich den allergeringsten unter allen Heiligen nennt. Diese Kenntnis erfüllte ihn zugleich mit einem brennenden Verlangen, denn er sagt weiter: "alle zu erleuchten, welches die Verwaltung des Geheimnisses sei, das von den Zeitaltern her verborgen war in Gott, der alle Dinge geschaffen bat" (Vers 9). Durch diese Worte erklärt der Apostel nochmals ausdrücklich, dass dieses Geheimnis im Alten Testament nicht bekannt war; es war noch verborgen in Gott und keineswegs in den Schriften geoffenbart. Und Paulus wünschte hier, dass alle dieses Geheimnis kennen lernen möchten. Sein ganzes Herz ist davon erfüllt, sein ganzes Leben ihm geweiht. Und fürwahr! was ist herrlicher als die Einheit der Versammlung mit Christus! Worin wird die Gnade Gottes mehr geoffenbart, als dass die verlorenen Sünder aus den Juden und den Nationen Glieder am Leibe des Christus werden? O möchten wir es doch alle verstehen! Viele geben sich, ach, mit dem Zustand zufrieden, in dem die Gläubigen des Alten Testamentes sich befanden; viele begreifen nichts von den wahren Kennzeichen des Christentums und von der Natur Lind dem Charakter der Versammlung. Daher kommt es, dass so wenige die wahre Freude schmecken und die himmlischen Segnungen in Christus genießen; daher soviel Seufzen und Klagen, daher soviel irdische und weltliche Gesinnung. Ach, geben wir uns doch nicht mit weniger Segnungen zufrieden als Gott uns gibt. Wenn der Herr uns sagt, dass unsere Stellung viel herrlicher ist als die der Gläubigen im Alten Testament, dann ist es Hochmut und keineswegs Bescheidenheit, wenn wir uns weigern, dies anzunehmen. Der Herr öffne die Augen aller für den unausforschlichen Reichtum des Christus.
Aber was ist die Absicht Gottes in der Offenbarung dieses Geheimnisses? Der Apostel sagt es, uns: "Auf dass jetzt den Fürstentümern und den Gewalten in den himmlischen Örtern durch die Versammlung kundgetan werde die gar mannigfaltig Weisheit Gottes, nach dem ewigen Vorsatz. den Er gefasst hat in Christus Jesus, unserem Herrn" (Verse 10, 11). Welch eine herrliche Stellung nimmt also die Versammlung ein! Sie macht, auf dieser Erde weilend, den erhabensten aller geschaffenen Wesen die Weisheit Gottes bekannt. Die Engel hatten die erste Schöpfung geschaut; sie hatten die Regierung Gottes, Seine Vorsehung, Seine Gnade, Sein Gericht gesehen; aber hier ist etwas Neues, etwas, das vor Grundlegung der Welt in Gott verborgen gewesen war. Es ist die Ekklesia, eins mit Christus, mit Ihm an die Spitze der ganzen Schöpfung gesetzt. Wenn die himmlischen Wesen die völlige Liebe und die mannigfaltige Weisheit Gottes anschauen wollen, müssen sie ihren Blick auf diese Erde richten und uns betrachten. Welch unaussprechliche Gnade! Aber zugleich welch ernste Verantwortlichkeit! Ach, die Gemeinde hat ihrer Berufung nicht entsprochen; anstatt sich als ein Ganzes zu offenbaren, hat sie sich– auseinander reißen lassen und sich mit der Welt vereinigt, und sicher schauen die Engel mit Betrübnis hernieder auf diese zerstörte Einheit. Doch wie groß auch die Irrungen und Fehler der Christen sein mögen, Gott wird den ewigen Vorsatz, den Er in Christus Jesus, unserm Herrn, gefasst hat, zur Ausführung bringen; Er wird einmal die Versammlung als eine reine Jungfrau zur Bewunderung darstellen. Gott wird sie die Macht und Herrschaft des Christus teilen lassen.
In diesem Christus "haben wir die Freimütigkeit und den Zugang in Zuversicht durch den Glauben an Ihn" (Vers 12). Wir sehen hier, wie der Apostel, erfüllt mit der herrlichen Offenbarung über die Ekklesia von den erhabensten Ratschlüssen Gottes zu den einfachsten Anfängen des Christentums übergehen kann. Dies lehrt uns, wie alles, was uns mitgeteilt wird, all die erhabenen Offenbarungen Gottes dazu dienen müssen, uns mehr mit Ihm zu verbinden und von unserm großen Vorrecht Gebrauch zu machen, mit Ihm Gemeinschaft zu haben. Wir haben nicht nur Frieden, sondern auch "die Freimütigkeit", mit Gott zu reden und Ihm alles zu sagen, und wir haben "den Zugang in Zuversicht durch den Glauben an Ihn" ; wir können vertraulich mit Gott umgehen, gleichwie ein Sohn mit seinem Vater verkehrt. "Deshalb bitte ich, nicht mutlos zu werden durch meine Drangsale für euch, welche eure Ehre sind" (Vers 13). Das ist eine andere Frucht dieser wunderbaren Wahrheit. Während der Apostel in den Händen der Ungläubigen im Gefängnis war, schrieb er unter der Leitung des Geistes Gottes über die Herrlichkeit der Gemeinde, die Gott ihm geoffenbart hatte. Darum sollten die Epheser nicht nachlassen, als sie seine Bedrängnis sahen , sondern im Gegenteil, gestärkt werden. Und der Heilige Geist hat die Heiligen so innig verbunden, nicht allein mit Christus, sondern auch miteinander, dass das Leiden des Paulus auch ihre Ehre und nicht nur die des Paulus war. Glieder desselben Leibes, waren sie auch in der Gemeinschaft der Leiden aufs innigste verbunden.
Wie im ersten Kapitel, so schließt der Apostel auch hier diesen Teil seiner Ausführungen mit einem Gebet von sehr herrlichem Inhalt. Im ersteren betete er zu dem Gott unseres Herrn Jesus Christus; hier betet er zu dem Vater. "Dieserhalb beuge ich meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus" (Vers 14). Gott hat Seinen Sohn zum Mittelpunkt aller Seiner Ratschlüsse gemacht, Ihn in die höchsten Himmel erhoben und alles Seinen Füßen unterworfen. Doch es ist klar, dass die Liebe des Vaters zu Christus größer ist, als alle Herrlichkeit und Macht. So ist es auch mit uns. Wir werden an der Herrlichkeit des Christus teilhaben, wir werden mit Ihm über alles herrschen. Das ist ein unaussprechliches Vorrecht; aber dennoch - dies alles befriedigt das Herz nicht. Es gibt etwas, das herrlicher ist als alle Macht, und das ist die Liebe des Vaters. Die Absicht des ersten Gebets ist, unsere Augen auf die unbeschränkte Macht zu richten, die Christus gegeben ist und die wir mit Ihm teilen sollen; und der Zweck des zweiten ist, dass wir die Liebe genießen, die das Geheimnis der Herrlichkeit ist. Darum sagt der Herr in Johannes 17, wo Er für die Heiligen betet: "Die Herrlichkeit, die Du Mir gegeben hast, habe Ich ihnen gegeben", und weiter: "dass die Welt erkenne, dass Du Mich gesandt und sie geliebt hast, gleichwie Du Mich geliebt hast". Die Welt wird wissen, dass der Vater uns lieb hat. Darum ist die Herrlichkeit, die geoffenbart werden soll, nicht das Ende von allem. Die Liebe bestand vor der Herrlichkeit sie lässt die Herrlichkeit entstehen und erhält sie. Die Liebe hat uns diese Herrlichkeit geschenkt. Unter all den Gedanken Gottes ist nichts so wunderbar, als dass Gott solche Geschöpfe, wie wir sind, mit derselben Liebe lieben kann, mit der Er Seinen Sohn liebt. Diese Liebe nun ist der Gegenstand dieses Gebetes. Der Heilige Geist will, dass wir sie kennen, uns in ihr erfreuen und uns in sie vertiefen.
Der Apostel beugt seine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, "von welchem jede Familie in den Himmeln und auf Erden benannt wird" (Vers 15). Im Alten Testament, wo Gott geoffenbart wird als Jehova und Israel als Sein auserwähltes Volk, stand der Herr lediglich mit einem Geschlecht in Verbindung. "Nur euch habe geh von allen Geschlechtern der Erde erkannt; darum werde Ich alle eure Missetaten an euch heimsuchen" (Amos 3, 2). Doch als der Vater unseres Herrn Jesus Christus steht Er in Beziehung zu jeder Familie in den Himmeln und auf der Erde, weil der Herr Jesus alles geschaffen hat und alles zu Seiner Herrlichkeit gemacht ist. Darum kommt jede Familie in den Himmeln und auf der Erde – Obrigkeiten, Gewalten, Engel, Juden und Nationen, wie auch die Versammlung Gottes – unter den "Vater unseres Herrn Jesus Christus". Dies stellt die Versammlung auf einen sehr bemerkenswerten Standpunkt, über alles, was örtlich oder zeitlich ist. Wir mögen den höchsten Platz einnehmen in dieser Entfaltung göttlicher Herrlichkeit, gleichwohl haben wir es mit einem Gott und Vater zu tun, der die Quelle aller andern Dinge ist. Alle Geschlechter stehen zu dem Vater unseres Herrn Jesus Christus in Beziehung, weil sie durch Ihn bestimmt sind, gemäß ihrer Stellung dem Sohne Gottes Lob und Ehre zu bringen. Und wir, die wir den Leib des Christus bilden, sind mit Ihm, welcher der Mittelpunkt der Ratschlüsse Gottes ist, aufs innigste verbunden; wir nehmen einen Platz ein, den kein Engel teilen kann und sind auf die engste Weise mit dem Vater vereinigt, nach welchem jede Familie in den Himmeln und auf der Erde benannt wird.
Der Apostel betet nun zu dem Vater unseres Herrn Jesus Christus: "Dass Er euch gebe, nach dem Reichtum Seiner Herrlichkeit mit Kraft gestärkt zu werden durch Seinen Geist an dem innern Menschen: dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne, indem ihr in Liebe gewurzelt und gegründet seid, dass ihr völlig zu erfassen vermöget mit allen Heiligen welches die Breite und Länge und Tiefe und Höhe sei, und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, dass ihr erfüllet sein möget zu der ganzen Fülle Gottes" (Vers 16–19). Die Absicht des Geistes ist, dass die Heiligen zuerst begreifen sollten, welches die Breite und Länge und Tiefe und Höhe sei, um darnach die Liebe des Christus zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt. Um dieses doppelte Ziel zu erreichen, mussten sie durch den Geist mit Kraft gestärkt werden am inwendigen Menschen; dann würde Christus, welcher der Mittelpunkt der Herrlichkeit ist, durch den Glauben in ihren Herzen wohnen, und als notwendige Folge würden sie in der Liebe gewurzelt und gegründet sein. Christus, der alles mit Seiner Herrlichkeit erfüllt, erfüllt das Herz mit einer Liebe, mächtiger als die Herrlichkeit, womit Er selbst umgeben ist, und Er stärkt uns nach dem Reichtum dieser Herrlichkeit, die Er vor unseren Augen entfaltet.
"Auf dass ihr völlig zu erfassen vermöget, welches die Breite und Länge und Tiefe und Höhe sei." Die Breite, Länge, Tiefe und Höhe wovon? Nicht von der Liebe des Christus; von dieser spricht Paulus im folgenden Vers besonders. Aber wovon denn? Ich glaube, dass das, was uns hier der Apostel in solch erhabenen Worten vor Augen stellt, das Geheimnis ist, von dem er eben gesprochen hat. Er hat gezeigt, dass jede Familie in den Himmeln und auf der Erde nach dem Vater unseres Herrn Jesus Christus benannt wird. Hiermit steht sein Gebet in Verbindung. Es steht in Beziehung zu den himmlischen Ratschlüssen Gottes, des Vaters, früher verborgen, doch jetzt geoffenbart. Alle Dinge sind zur Herrlichkeit Seines Sohnes, und die Heiligen teilen mit Christus den höchsten Platz und sind mit Ihm über alle diese Dinge gesetzt.
Aber es gibt etwas, das noch herrlicher ist als dieses; und darum fügt Paulus hier bei: "... und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, dass ihr erfüllt sein möget zu der ganzen Fülle Gottes." Wie herrlich unsere Zukunft auch sein mag, so ist doch die Liebe herrlicher als dies alles; der beste Wein wird bis zuletzt aufbewahrt. "Die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus zu erkennen.", Das mag widersprechend erscheinen, aber es ist herrliche Tatsache. Es will nicht sagen, dass wir die Liebe jemals völlig erkennen würden, sondern dass wir mehr und mehr erkennen, was alle Erkenntnis übertrifft. In vollen Zügen trinken wir von der Liebe Gottes und sind immer mehr erstaunt, dass wir sie bisher so wenig ergründet und daraus geschöpft haben. Allerdings, ebenso wenig wie wir Gott ergründen können, vermögen wir Seine Liebe zu ermessen. Sie ist unendlich, gleichwie Gott unendlich ist, Und in diese unendliche, unergründliche und deshalb nicht zu umfassende Liebe dürfen wir uns versenken. "Und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, dass ihr erfüllt sein möget zu der ganzen Fülle Gottes." Wie wunderbar herrlich! Wir sollen in alle Ewigkeit diese Liebe genießen und werden nach Millionen von Jahren noch ebenso fern vom Ende sein, als da wir begannen.
So ist es denn auch kein Wunder, dass dieses herrliche Gebet mit Lob und Anbetung Dessen schließt, in dem die Liebe wohnt. Wir sind Sein Tempel. Seine Kraft wirkt in uns (Kapitel 1, 19) und vermag über alles hinaus zu tun, über die Maßen mehr als was wir erbitten oder erdenken. "Dem aber, der über alles hinaus zu tun vermag, über die Maßen mehr, als wir erbitten oder erdenken, nach der Kraft, die in uns wirkt, Ihm sei die Herrlichkeit in der Versammlung in Christus Jesus, auf alle Geschlechter des Zeitalters der Zeitalter bin! Amen" (Verse 20, 21). Die Gemeinde des Christus wird verherrlicht im Himmel, in alle Ewigkeit dem Vater unseres Herrn Jesus Christus Lob und Danksagung darbringen. Es wird also nie eine Zeit kommen, wo sie nicht ihren besonderen Platz einnehmen wird. Die Versammlung wird nicht nur auf wunderbare Weise in die Liebe des Christus und in die Fülle Gottes eingeführt, sondern sie wird auch in allen kommenden Zeitaltern eine ganz einzigartige und gesegnete Gemeinschaft zwischen ihr und Gott genießen; mit andern Worten, die Ekklesia wird in alle Ewigkeit als Gemeinde bestehen bleiben und ihren besondern Platz unter den Seligen einnehmen. In Übereinstimmung damit haben wir in Offenbarung 21 in den ersten vier Versen eine kurze, aber herrliche Beschreibung des Zustandes im neuen Himmel und auf der neuen Erde. Vom neunten Vers von Kapitel 21 bis zum fünften Vers von Kapitel 22 finden wir die Beschreibung der Gemeinde während des Tausendjährigen Reiches dann werden die Nationen, die errettet werden, in ihrem Lichte wandeln, die Könige der Erde werden ihre Herrlichkeit und Ehre zu ihr bringen, und die Völker werden durch die Blätter des Baumes genesen. Dies kann im neuen Himmel und auf der neuen Erde nicht mehr geschehen; dort sind keine Nationen und keine Könige mehr, dort sind nur Selige. Beim genauen Lesen der ersten Verse von Kapitel 21 sehen wir deutlich, dass hier von dem ewigen Zustand und keineswegs von dem des Tausendjährigen Reiches gesprochen wird. "Und Gott wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen." Dies kann sich unmöglich auf das Tausendjährige Reich beziehen, wo doch noch Spuren von Tod und Trauer und Geschrei und Schmerz sein werden, wo noch nicht alle Dinge neu gemacht worden sind. Und welches ist nun in der Beschreibung des ewigen Zustandes die Stellung der Gemeinde? Das neue Jerusalem kommt aus dem Himmel hernieder von Gott, bereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut; und von ihr wird gesagt: "Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen Und Er wird bei Ihnen wohnen, und sie werden Sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott." Die Versammlung ist die Hütte, die Wohnung Gottes bei den Menschen. Wenn also das Tausendjährige Reich beendet sein wird, wenn die Gottlosen vor dem großen weißen Thron gerichtet, der Tod und der Hades in den Feuersee geworfen, der Himmel und die Erde vergangen sein werden, dann wird die Hütte Gottes, die Ekklesia, bei den Menschen sein. Sie wird bis in alle Ewigkeit das herrliche und bewunderungswürdige Vorrecht genießen, Gottes Wohnung zu sein. Ja, Ihm, der über alles hinaus zu tun vermag, über die Maßen mehr, als was wir erbitten oder erdenken, nach der Kraft, die in uns wirkt, Ihm sei die Herrlichkeit in der Versammlung in Christus Jesus "auf alle Geschlechter des Zeitalters der Zeitalter hin! Amen!"
Nach der ausführlichen Behandlung des Geheimnisses und des Charakters der Versammlung im dritten Kapitel kommt der Apostel zu dem zurück, was er am Ende des zweiten Kapitels gesagt hat. Die Gemeinde ist das Haus Gottes, aufgebaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten, sie ist ein heiliger Tempel im Herrn, eine Wohnstätte Gottes im Geiste. Sowohl die Gläubigen aus den Juden als auch die aus den Nationen sind zu einem Leibe vereinigt. Nun will der Heilige Geist, dass sie dieser hohen Berufung entsprechend, würdig wandeln. "Ich ermahne euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, dass ihr würdig wandelt der Berufung, mit welcher ihr berufen worden seid" (Vers 1). Wie wir bereits beim zweiten Kapitel bemerkten, ist es der Wille Gottes, dass die Gläubigen, durch den Heiligen Geist zu einem Leibe vereinigt, zum Leibe des Christus gebildet, sich als solche auf Erden offenbaren. Die Versammlung ist ein heiliger Tempel im Herrn. In den Tempel zu Jerusalem durfte kein Unheiliger hineinkommen; so auch nicht in die Versammlung. Sie ist die Wohnstätte Gottes im Geist, so dass in ihr alles in Übereinstimmung mit Dem sein muss, der in ihr wohnt. Und obschon sie jetzt von ihrer Berufung abgewichen ist und sich mit der Welt vereinigt hat, bleibt dies doch der Wille Gottes, wonach jeder Gläubige sich zu richten hat. Die Umstände verändern den Willen Gottes nicht, und ein jeder, der mit kindlichem Herzen Gott dienen will, wird nicht fragen: wie sind die Umstände, sondern: was ist der Wille Gottes.
Das erste Erfordernis aber, um dieser Berufung würdig zu wandeln, ist Demut und Sanftmut; und darum sagt der Apostel: "Mit alter Demut und Sanftmut, mit Langmut einander ertragend in Liebe" (Vers 2). Wo diese Dinge nicht vorhanden sind, können wir unmöglich unserer Berufung entsprechen. Hochmut wirkt Verblendung und Unfähigkeit, die Dinge Gottes zu beurteilen und sich selber und andere zu prüfen. Wer sich davon überzeugen will, lese nur die Kirchengeschichte. Geistlicher Hochmut hat die Kirche dazu gebracht, von der Einfachheit des göttlichen Wortes abzuweichen und die Welt in ihrer Mitte aufzunehmen; Härte, Unduldsamkeit und Unverträglichkeit haben sie in die vielen Sekten zerspalten. Wo Demut wohnt, da ist man Gottes Wort unterworfen und fragt nach, Seinem Willen; wo Sanftmut, Langmut und Verträglichkeit in Liebe ist, da nennt man das Verkehrte nicht gut, aber da trachtet man darnach, die Irrenden mit Liebe zurecht zu bringen.
Doch die Ermahnung des Apostels geht weiter: "Euch befleißigend, die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Bande des Friedens" (Vers 3). Der Heilige Geist ermahnt sie nicht, die Einheit des Geistes herzustellen, sondern zu bewahren. Die Einheit, die wir zu bewahren haben, ist durch den Geist bereits geschaffen. Das bedeutet nicht nur, dass wir für alle Gläubige Liebe haben sollen; denn wie vollkommen wir dies auch tun mögen, es ist noch nicht das Bewahren der Einheit des Geistes. Es will auch, nicht sagen, dass wir in allen Dingen miteinander übereinstimmen sollen; denn wiewohl wir darnach streben müssen, so wird dies auf Erden doch nie völlig der Fall sein. Wir erkennen ja nur stückweise, und es gibt Kinder, Jünglinge und Väter sowohl in der Erkenntnis, als auch im Glauben. Was ist denn hier gemeint? Die Einheit des Geistes ist wie wir bereits feststellten, hergestellt. Sie umfasst alle Glieder des Christus. Alle, die an Christus glauben, die durch den Heiligen Geist wiedergeboren sind, gehören, wo sie sich auch befinden mögen, zu einem und demselben Leib; sie sind alle in einem Geiste zu einem Leibe getauft (l. Kor. 12, 13). Die Frage ist nun nicht, ob sie schwach oder stark, wenig oder mehr gefördert sind, ob sie geringe oder hohe Erkenntnis haben, sondern allein, ob sie wahrhaftig gemäß der Botschaft des Evangeliums an Christus glauben. Trifft dieses zu, dann bilden sie zusammen einen Leib. Diese Einheit des Geistes nun sollen wir bewahren. Es ist nicht genug, dass wir erkennen, dass alle Gläubigen eins sind, auch, nicht, dass wir mit allen umgehen wollen, sondern wir sollen die Einheit des Geistes bewahren; wir müssen sie offenbaren, sie muss gesehen werden; so dass wir nicht in viele Parteien zerteilt, sondern als ein Leib der Welt gegenüberstehen.
Dies ist der Hauptgrundsatz von Gottes Wort in Bezug auf die Gemeinde des Christus. Gott kennt auf der Erde nur eine Versammlung, nur einen Leib; und diese eine Gemeinde, dieser eine Leib ist die Versammlung aller, die an Christus glauben. Und Er will, dass diese alle sich als ein Leib offenbaren. Dies finden wir in den Tagen der Apostel. Damals war an jedem Ort nur eine Gemeinde, und alle diese Gemeinden an den verschiedenen Orten bildeten zusammen die Versammlung, den Leib des Christus auf Erden. Verschiedene Parteien, nach besondern Personen oder Lehrsätzen benannt, kannte man damals nicht. Alle die da glaubten, waren "an einem Orte beisammen" (Apg. 2, 1). Wohl waren auch in jenen Tagen in einigen Gemeinden Anfänge von Spaltungen vorhanden. Der erste Brief an die Korinther zeigt aber klar, mit welchem Ernst der Heilige Geist vor diesem verderblichen Anfang warnt (l. Kor. 1, 11–13; 3, 1–6 und Kapitel 11). Der Apostel verurteilt die Benennungen nach verschiedenen Personen und das Bilden von Parteien als "fleischlich". Doch stand dieses Übel in Korinth erst im Anfangsstadium. Man hatte sich noch nicht äußerlich von einander getrennt, und der zweite Brief zeigt, dass die Korinther auf die Mahnungen des Apostels gehört hatten. In der heutigen Zeit sehen wir überall die volle Entfaltung der bösen Keime, die der Apostel damals strafend aufdeckte. Die Gemeinde ist in viele Parteien zerteilt. Der eine Gläubige gehört zu dieser, der andere zu jener Kirchgenossenschaft. Wie konnte es so weit kommen? Weil man aufhörte, Christus als den alleinigen Mittelpunkt der Versammlung anzuerkennen. An Seiner Stelle oder neben Ihn stellt man Lehrsätze, die man angenommen hat, und die man glauben muss, ehe man zu der einen oder andern Kirchgenossenschaft zugelassen werden kann. Man fragt nicht nur, ob jemand an den Herrn Jesus Christus glaubt und wiedergeboren ist, sondern ob er mit der Lehre dieser Kirchgenossenschaft, ausgedrückt in Formen, Zeremonien, Vorschriften und Bestimmungen, entspricht. Die eine Partei schließt die andere aus, weil sie nicht dasselbe glaubt und weil nicht in allen Punkten Übereinstimmung besteht. Ach, die Gemeinde des Christus ist sehr weit vom Wort Gottes abgewichen. Sie ist den verderblichen, fleischlichen Einflüssen, vor denen der Heilige Geist so ernstlich warnt, erlegen und es sind viele, die dieses Abweichen sogar verteidigen.
Was sollen wir angesichts dieses Zustandes tun? O, wenn wir fühlen, wie sehr die Gemeinde, wie sehr wir von Gottes Wort abgewichen sind, müssen wir uns in erster Linie vor Gott demütigen. Schuldbekenntnis ist das erste, was der Herr bei uns sehen will, und dann gibt uns Seine Gnade die Kraft, uns vom Bösen abzusondern und nach den Grundsätzen Seines Wortes zu handeln. Wiewohl Schuldbekenntnis das erste sein muss, ist es doch nicht das einzige, was wir zu tun haben. Wie könnte unser Bekenntnis aufrichtig sein, wenn wir weiter auf dem verkehrten Wege blieben. Wir müssen jede menschliche Organisation verlassen und uns einfach im Namen Jesu versammeln. Gemeinschaft mit Unbekehrten ist gegen den Willen Gottes (2. Kor. 6, 14–18); ebenso das Aufstellen von Satzungen, durch welche andere Christen verhindert werden, mit uns zusammenzukommen (l. Kor. 1,11–13; 3, 1-6). Darum müssen wir uns von jeder Partei trennen. Wir sollen nach Gottes Wort Gott dienen und Ihn verherrlichen mit allen, "die unsern Herrn Jesus Christus lieben in Unverderblichkeit" (Eph. 5, 24). Wir haben auch die klare Ermahnung: "Die jugendlichen Lüste aber fliehe; strebe aber nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe, Frieden mit denen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen" (2. Tim. 2, 22). Gott will, dass wir mit allen, von denen wir überzeugt sind, dass sie wiedergeboren sind und im Lichte Seines Wortes wandeln, den Tod des Herrn verkündigen und in Gemeinschaft mit ihnen leben.
Die so handeln, bilden keine Sekte, sondern sie stehen auf dem Boden des Wortes Gottes und bewahren die Einheit des Geistes. Sie trachten auch darnach einerlei gesinnt zu sein, einmütig, eines Sinnes (Phil. 2, 2). Woaber zwei Brüder nach langem Zwiegespräch in gewissen Punkten geteilter Meinung sind, ist doch keine Rede davon, dass sie sich voneinander trennen müssten. O nein! sie bleiben vereinigt, weil sie Glieder desselben Leibes sind. Wären auch, nur zwei oder drei Kinder Gottes also versammelt, ihr Weg entspricht der Wahrheit, und der Heilige Geist wirkt in ihrer Mitte. Alles mag schwach sein; vielleicht ist keine Gabe zum Reden vorhanden; doch wir kommen nicht zusammen, um eine Rede zu hören, sondern um den Willen Gottes zu tun, des Todes des Christus zu gedenken und miteinander Gemeinschaft zu haben. Und wenn Zwanzigtausend um uns her nach menschlichen Grundsätzen zusammenkommen – welcher Gläubige kann bestreiten, dass der Herr sich doch in der Mitte der zwei oder drei befindet, die in Seinem Namen versammelt sind?
Aber, wird man sagen, es ist doch nicht ausgeschlossen, dass auch Unbekehrte dazu kommen. Das ist wohl möglich, war aber auch in den Tagen der Apostel der Fall. Wir können uns über die Bekehrung eines Menschen irren und durch die Heuchelei einiger getäuscht werden, doch Gott ist getreu; Er wird solche früher oder später offenbar machen und aus unserer Mitte entfernen. Johannes sagt: "Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns (1. Joh. 2, 19). Simon, der Zauberer, dachte, dass die Gabe Gottes für Geld zu haben wäre. Hierdurch bewies er, dass er kein Leben aus Gott hatte, und darum wurde er, obschon getauft, nicht als ein Glied der Gemeinde des Christus aufgenommen (Apg. 8, 9–23). So ist es auch jetzt. Es können sich Heuchler und solche, die sich selbst betrügen, in unsere Mitte schleichen; doch wird sie Gott offenbar machen, so dass sie selber uns verlassen, oder dass wir sie entfernen müssen. Das letztere hat auch mit jedem zu geschehen, der in der Sünde wandelt, denn Christus und die Sünde können nicht zusammengehen. Der Glaube an den Sohn Gottes ist unvereinbar mit einem Wandel in der Finsternis. Auch hierüber spricht sich Gottes Wort deutlich aus. In 1. Korinther 5 finden wir die Grundsätze, nach denen wir den Ausschluss vollziehen sollen. Und was hat man mit solchen zu tun, die eine Irrlehre verkündigen? Auch diese Frage wird durch Gottes Wort beantwortet. In seinem zweiten Brief sagt Johannes: "Jeder, der weitergeht und nicht bleibt in der Lehre des Christus, bat Gott nicht; wer in der Lehre bleibt, dieser bat sowohl den Vater als auch den Sohn. Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre nicht bringt, so nehmet ihn nicht ins Haus auf und grüßet ihn nicht. Denn wer ihn grüßt, nimmt teil an seinen bösen Werken" (2. Joh. 9–11). Wir wollen also niemanden in unserer Mitte aufnehmen, der eine der Hauptwahrheiten des Christentums leugnet, der über die Person des Christus oder über das durch Ihn vollbrachte Werk eine verkehrte Lehre bringt; und wenn jemand, der bereits in unserer Mitte ist, solch eine Lehre verkündigt, müssen wir ihn aus unserer Mitte entfernen. Alles ist sehr einfach, sobald wir Gottes Wort als Richtschnur unseres ganzen Verhaltens nehmen und ohne Ansehen das Wort zur Anwendung bringen. Denken wir etwa vollkommen zu sein, wenn wir so handeln? O nein ! aber wir suchen die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Bande des Friedens; und wir trachten darnach, uns in allem nach dem Willen Gottes zu verhalten. Tust du es? Das ist eine ernste Frage für jedes, Gotteskind: Bewahre ich die Einheit des Geistes? Handle ich nach, dein Willen Gottes oder nach meinen eigenen Gedanken? Übergebe ich mich selber ganz Seinem Willen? Der Herr gebe, dass wir zunehmen in Einfalt und Glauben; dann werden unsere Herzen bei allen Gebrechen und aller Schwachheit wahrhaft glücklich sein!
Nach der Ermahnung, die Einheit des Geistes in dein Bande des Friedens zu bewahren, betrachtet der Apostel diese Einheit von einem dreifachen Gesichtspunkte aus. Zuerst sagt er: " Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid in einer Hoffnung eurer Berufung" (Vers 4). Alle, die wiedergeboren sind, gehören zu dem einen Leibe des Christus, sie sind Fleisch von Seinem Fleische und Gebein von Seinem Gebein. Sie sind des Einen Geistes teilhaftig, der in ihnen wohnt und der sie mit dem Herrn droben und unter sich zu diesem einen Leibe verbindet. Sie haben alle eine Hoffnung, nämlich die der kommenden Herrlichkeit. In diesem innersten Kreis unserer christlichen Beziehungen können sich nur Kinder Gottes befinden, nur Menschen die wiedergeboren und mit dem Heiligen Geiste getauft worden sind.
Es gibt aber auch eine mehr äußere Einheit, eine Einheit des Bekenntnisses. "Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe" (Vers 5). Alle, die den einen Herrn bekennen, die einen Glauben haben, nämlich den christlichen Glauben im Gegensatz zum heidnischen oder jüdischen, und die mit der einen Taufe getauft sind, sind eins. Mit der einen Taufe ist hier die christliche Taufe gemeint, die Taufe im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, im Gegensatz z. B. zu der Taufe des Johannes. Diese Einheit erstreckt sich, also viel weiter als die in Vers 4. Nur wer wiedergeboren ist, kann zum Leibe des Christus gehören; aber hier ist es eine Einheit des Bekenntnisses. ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. In diesem zweiten Kreis befinden sich natürlich alle Kinder Gottes, aber mit ihnen auch viele Menschen, die sich nur rein äußerlich zum Christentum bekennen. Viele von diesen werden am Tage des Gerichts sagen: "Herr, Herr, haben wir nicht in Deinem Namen geweissagt usw." und werden doch verworfen werden.
Das dritte Band der Einheit geht noch weiter. "Ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in uns allen" (Vers 6). Wir bekennen uns zu einem Gott, nicht zu vielen Göttern, wie die Heiden; ein Gott und Vater von allen, der über allen und durch alle und in uns allen ist. Unser Gott und Vater in Christus Jesus ist tatsächlich auch der Herr der ganzen Erde. So sehr viele Menschen dies vergessen mögen, Er gibt Seine Rechte als Schöpfer niemals preis. (Siehe Offbg. 4, 11 u. a. Stellen.) Er ist aber nicht "in allen", sondern "in uns allen", nämlich in uns, den Gläubigen. Welch ein herrliches Band!
Die Belehrung der Verse 4-6 zeigt uns ausführlich, dass all die Beziehungen, in welchen wir Kinder Gottes stehen, auch all unsern Mitgeschwistern in Christus gemeinsam sind. Es gibt keine, in welche nur ein Kreis von Gläubigen eingeführt worden wäre. Die Ausführungen der Verse 4–6 sind für uns ein kräftiger Ansporn, die Einheit des Glaubens zu bewahren in dem Bande des Friedens. Der Herr gebe uns, Seine Wahrheit zu verstehen und Seinen Willen zu tun. Der Apostel gibt uns nun Belehrungen über den christlichen Dienst. Sie stehen in engster Verbindung mit der Einheit des Geistes. Sie fließen gleichsam ganz natürlich aus dem hohen, in unserm Briefe geoffenbarten göttlichen Geheimnis heraus, dass die Heiligen der gegenwärtigen Gnadenzeit mit dem Christus, ihrem Haupte zu' einem Leibe verbunden worden sind. "Jedem einzelnen aber von uns ist die Gnade gegeben worden nach dem Maße der Gabe des Christus" (Vers 7). Christus selbst ist die Quelle des Dienstes, und zwar nicht Christus, wie Er hier auf Erden wandelte, sondern Christus, verherrlicht zur Rechten Gottes. Darum sagt er: "Hinaufgestiegen in die Höhe, bat Er die Gefangenschaft gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben" (Vers 8). Nachdem Christus den Teufel, die Sünde, den Tod und alles überwunden hatte, ist Er aufgefahren in den Himmel und hat von dort, als das verherrlichte Haupt der Gemeinde, den Menschen Gaben gegeben. Derjenige nun, der aufgefahren ist, ist Derselbe, der in die untersten Teile der Erde hinab gestiegen ist. Vor Seiner Menschwerdung war Er der Höchste beim Vater. Sein Weg zu unserer Erlösung führte Ihn als Mensch zu uns auf diese arme fluchbeladene Erde und bis in den Tod des Kreuzes. Sein heiliger Leib wurde in die, in den Felsen ausgehauene neue Gruft gelegt. Nachdem das Werk der Erlösung vollbracht war, ist Er am dritten Tage auferstanden und nach den vierzig Tagen in den Himmel aufgefahren. Der verherrlichte Christus ist also die Quelle des Dienstes. Er ist es, der die Gaben gibt. Im ersten Brief an die Korinther wird der Heilige Geist als der Geber der Gaben genannt. Scheinbar wäre das mit dem hier Gesagten in Widerspruch, doch bei einigem Nachdenken wird man entdecken, dass alles in vollkommener Übereinstimmung ist, da Christus die Gaben durch den Heiligen Geist austeilt. Der Heilige Geist, in der Gemeinde auf Erden wohnend, kann also als der Geber der Gaben betrachtet werden, während Christus als das Haupt der Versammlung immer die Quelle bleibt, aus welcher durch den Heiligen Geist die Gaben fließen. Ebenso besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen diesem Brief und dem an die Korinther. Dort werden Wunder und Reden in den fremden Sprachen als Offenbarungen des Geistes erwähnt; hier wird nur von den Gaben gesprochen, die zur Bildung und Auferbauung der Gemeinde nötig sind und die mehr mit Christus direkt in Verbindung stehen.
Christus gibt also die Gaben und den Dienst. Wer eine Gabe empfangen hat, besitzt dadurch das Amt oder besser den Dienst. Wenn z. B. ein Glied der Versammlung die Gabe zu lehren empfangen hat, ist es zum Dienst als Lehrer berufen; es ist vor dem Herrn verpflichtet, mit der ihm verliehenen Gabe zu dienen. Die Gemeinde empfängt die Gaben, die zu ihrer Auferbauung und Unterweisung nötig sind, vom Herrn. Der Herr im Himmel beruft die Gefäße Seiner Gnade und gibt ihnen die Kraft, in ihrem Dienste treu zu sein. Die Folge dieses Dienstes ist, dass die Gemeinde aus der Welt gesammelt und, wenn sie versammelt ist, genährt, gelehrt und auferbaut wird. Der Dienst des Wortes kommt also nicht aus der Gemeinde, sondern vom Herrn. Die Gemeinde ist außerstande, jemanden zum Dienst anzustellen; dies wäre ebenso verkehrt, wie wenn die Kinder ihren eigenen Lehrer wählen wollten. Die Versammlung muss in Abhängigkeit vom Herrn die ihr nötigen Gaben erwarten und, wenn der Herr sie gibt, die Diener des Wortes anerkennen, sich durch sie unterweisen lassen und sie mit ihren zeitlichen Gütern unterstützen. Denn ebenso sehr, als es gegen Gottes Wort ist, Lehrer und Evangelisten anzustellen, ist es gegen Gottes Wort, die Gaben, die der Herr gibt, zu verkennen und die Diener des Wortes bei Seite zu setzen.
Die christliche Kirche ist von diesen einfachen Grundsätzen abgewichen. Ihre ganze Einrichtung ist menschliche Erfindung und eine Nachahmung des jüdischen Kultus. Was ist doch der so genannte geistliche Stand anders als eine Nachahmung der jüdischen Priesterschaft? Beim Volke Israel war das Haus Aarons zur Priesterschaft und der ganze Stamm Levi zum Dienst am Heiligtum berufen. Die christliche Kirche hat sich selbst Priester angestellt. Wo findet man eine solche Lehre oder Anweisung im Neuen Testament? Zwar ist dort auch von Priestern die Rede. Aber wer sind diese Priester? Ist es ein Teil der Gemeinde, sind es einige Auserwählte, die den Dienst tun müssen? O nein! alle Gläubigen sind Priester und sollen Gott "geistliche Opfer" darbringen (Hebr. 13, 15; 1. Petrus 2, 5). Dieses allgemeine Priestertum hat die Kirche bei Seite gestellt und aus den Dienern des Wortes hat sie einen geistlichen Stand gemacht. Dadurch ist alles in Verwirrung geraten. Der Dienst, wie er im Neuen Testament beschrieben wird, wo jeder Bruder, weil er Priester ist, das Vorrecht hat, Gott zu loben und zu danken, entsprechend der empfangenen Gabe ein Wort zur Erbauung und Ermahnung zu sprechen, ist nicht mehr zu finden. In vielen Kirchen sind die Einrichtung und der ganze Dienst zu einer schlechten Kopie der Zustände des alten Bundes ausgeartet.
Und nicht allein das, sondern der Dienst selbst hat seinen Charakter völlig verloren. Der Herr gibt die Gaben, d. h. die Diener des Wortes, Seiner Gemeinde und nicht einem Teil der Seinen. Ist jemand Lehrer, dann ist er dies in der ganzen Gemeinde des Christus und ist berufen, überall, wohin er kommt und Gläubige antrifft, mit seiner Gabe zu dienen. Wo ist in der Heiligen Schrift die Rede vom Lehrer einer Gemeinde an einem bestimmten Ort? Gott kennt nur Lehrer und Hirten nicht einer, sondern der Gemeinde des Christus. Und wo findet man in Gottes Wort, dass die, welche Gaben empfangen haben, der Versammlung Rechenschaft ablegen und von ihr abhängig sein müssen? Gewiss hat die Gemeinde in sittlichen Dingen und wenn Irrlehrer auftreten, nach dem Willen Gottes bezüglich, der Zucht zu handeln; aber im übrigen hat sie kein Recht, sich in den Dienst des Predigers des Wortes zu mischen und ihn durch Bestimmungen in seinem Werk zu hindern. Ein Diener des Wortes soll allein vom Herrn abhängig sein und sich frei bewegen können. Wenn er es gleichwie Paulus für notwendig erachtet, zwei Jahre an einem Ort zu bleiben, oder wenn er bald hier, bald dort ist, so sollte ihn niemand auf seinem Weg hindern. Sicherlich hat er auf die Ermahnung der Brüder zu hören und sie vor dem Herrn wohl zu erwägen, doch ist er allein Gott Rechenschaft schuldig und er hat, wenn er treu ist, so zu handeln, wie er glaubt, dass es des Herrn Wille ist.
Der Apostel nennt nun im elften Vers die Gaben, die durch den Herrn der Ekklesia gegeben sind. Es handelt sich nicht um eine vollständige Liste aller Gaben, denn in andern Briefen werden noch verschiedene andere aufgezählt; jedoch finden wir hier die Gaben, welche zur Auferbauung und Belehrung der Versammlung unbedingt notwendig sind und ohne die wir alle nicht zu dem Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus gelangen könnten. Obschon die andern Gaben –Wunderkräfte, Arten von Sprachen usw. – eine Offenbarung der Kraft des Geistes sind, sind sie zur Auferbauung der Gemeinde nicht notwendig. Wir brauchen uns, da sie jetzt infolge des Verfalls der Gemeinde nicht mehr gegeben werden können, nicht zu beunruhigen, als würde uns zu unserer Vervollkommnung etwas mangeln.
"Und Er hat die einen gegeben als Apostel und andere als Propheten, und andere als Evangelisten, und andere als Hirten und Lehrer" (Vers 11). Die Apostel und Propheten können die grundlegenden Gaben genannt werden, Gott gebrauchte sie, um ein breites und tiefes Fundament zu legen, auf welchem die Gemeinde auferbaut werden sollte. Sie werden zuerst genannt, weil sie als Werkzeuge zur Gründung der Versammlung Gottes dienten. Es gab auch schon Evangelisten und Lehrer; aber die Apostel und Propheten waren die zwei ersten Gaben, die das Fundament der Gemeinde bilden mussten; darum lesen wir in Kapitel 2, dass die Versammlung aufgebaut ist "auf der Grundlage der Apostel und Propheten". Die Apostel empfingen von Gott die Offenbarung betreffs der gesamten Lehre des Evangeliums und hatten zugleich die Macht, alles in der Gemeinde zu regeln. Sie waren mit besonderer Autorität ausgerüstet und gaben Weisungen für die Ordnung in den Versammlungen (l. Kor. 4, 7–17 und Kap. 11). Die Propheten empfingen, wie die Apostel, Offenbarungen von Gott betreffs der Lehre, doch hatten sie nicht die gleiche Machtbefugnis und gaben keine Anordnungen für die Versammlungen. Die Apostel konnten nicht überall sein, und darum gab Gott auch Propheten, um Seine Wahrheit den Gemeinden zu offenbaren. Sie waren ebenso gut inspiriert wie die Apostel, und ihre Schriften haben dieselbe Autorität. Zwei der Evangelien sind nicht von Aposteln verfasst, aber sie sind inspiriert wie die andern. Ebenso war es mit der mündlichen Mitteilung. Wenn die Apostel oder die Propheten in der Versammlung redeten, war das, was sie sagten, von Gott eingegeben; es waren Offenbarungen Gottes. Darum sagt Paulus in 1. Korinther 14, 30: "Wenn aber einem andern, der dasitzt, eine Offenbarung wird, so schweige der erste." Wenn einer der Brüder in der Versammlung sprach und ein anderer von Gott eine neue Offenbarung empfing, dann musste der erste schweigen. Dies kann gegenwärtig nicht mehr stattfinden, da niemand mehr eine neue Offenbarung empfängt, weil die ganze Offenbarung der Wahrheit uns nun im Worte Gottes mitgeteilt ist.
Die Apostel und die Propheten waren also die Organe, durch welche Gott sowohl die Wahrheit als auch die Weisungen über die Ordnung in der Versammlung den Seinigen mitteilte. Und warum haben wir diese Organe jetzt nicht? Weil die Offenbarung vollendet ist; alles, was geoffenbart werden muss und kann, ist geoffenbart. Die ganze Lehre der Seligkeit, die prophetische Mitteilung dessen, was in den kommenden Zeitaltern geschehen wird, bis der Neue Himmel und die Neue Erde sein werden, und die ganze Ordnung der Gemeinde finden wir im Worte Gottes. Es kann nichts mehr hinzugefügt werden. Darum gibt Gott keine Apostel und Propheten mehr. Was die Ekklesia im Anfang durch mündliche Mitteilung der Apostel und Propheten empfing, haben wir auf viel vollkommenere Weise in der Heiligen Schrift.
Die Apostel und Propheten sind also die grundlegenden Gaben; durch sie offenbart Gott die Wahrheit, auf der die Ekklesia gegründet ist; die andern Gaben dienen dazu, auf diesem Fundament weiter zu bauen. Die Gaben sind: Evangelisten, Hirten und Lehrer.
Ein Evangelist ist jemand, der durch die Predigt des Evangeliums Seelen zu Jesus, dem Heiland der Sünder bringt. Er, in erster Linie, ist nach der Art seiner Gabe nicht an einen Ort gebunden. Er hat bald hier, bald dort zu sein, wohin der Herr ihn zur Verkündigung der Heilsbotschaft leitet. Philippus war ein solcher Evangelist. Diese Heilsbotschaft richtet sich sehr oft an Menschen, die sich noch völlig in der Welt, vielleicht sogar im dunkeln Heidentum befinden. So wird sich der Evangelist wohl oft an Orten oder in Gegenden bewegen, in welchen bisher noch keine Versammlung besteht. In diesem Stück unterscheidet er sich von den übrigen hier erwähnten Gaben, deren Wirkungskreis die Versammlung Gottes selbst ist. Nicht desto weniger ist der Evangelist ein Glied am Leibe des Christus (Vers 16). Ein treuer Evangelist wird daran denken und wenn irgend möglich dieser Tatsache auch dem Worte Gottes gemäß Ausdruck geben, indem er mit seinen Brüdern am Tische des Herrn des einen Brotes teilhaftig ist. Ebenso wird er gewiss darüber Sorge tragen, dass da, wo durch seinen Dienst Seelen für den Herrn gewonnen worden sind, diese, sei es durch ihn selbst, sei es durch andere Brüder mit den entsprechenden Gaben, über den Weg unterwiesen werden auf welchem sie dann in der Nachfolge des Herrn zu wandeln haben.
Das Werk eines Lehrers ist nicht das Evangelium den Unbekehrten zu bringen, sondern die Gläubigen über die Wahrheiten des Wortes Gottes eingehend zu belehren, so dass sie dieselben genießen und sich daran erfreuen können.
Ein Hirte hat die Aufgabe die Herde zu weiden. Er wird Seelenspeise darreichen, mit den Einzelnen über den Zustand ihres Herzens reden, ihnen in ihren Schwierigkeiten und Mühseligkeiten beistehen, ihnen aber auch Verkehrtheiten vor Augen führen.
Diese Gaben sind zuweilen in einer Person vereinigt, werden jedoch meistens gesondert gefunden. Ein Lehrer kann zugleich Evangelist und Hirte sein, doch kann auch jemand Lehrer oder Evangelist sein, ohne eine Hirtengabe der Seelsorge zu besitzen.
Es ist wichtig, dass ein jeder darauf bedacht sei, mit der besondern Gabe zu dienen, die der Herr ihm verliehen hat. Alle diese Gaben sind, wie schon erwähnt, nicht einer besondern örtlichen Versammlung, sondern der ganzen Versammlung Gottes und zwar vom Herrn gegeben. Das Wort ermahnt uns aber, bei der Ausübung der Gaben nicht über das Maß des Glaubens zu gehen, die Gott einem jeglichen zugeteilt hat (Römer 12, 3). Dann finden wir noch, dass Gott einem jeden auch ein besonderes Maß des Wirkungskreises zugeteilt hat (2. Kor. 10, 13). Dies alles bestimmt Gott, nicht der Mensch. Der dienende Bruder aber hat darauf zu achten.
Wir bemerkten schon, dass die Gaben dazu dienen, auf dem durch die Apostel und Propheten gelegten Fundament weiter zu bauen. Solange der Herr die Ekklesia auf dieser Erde lässt, wird Er ihr fortdauernd Evangelisten geben, damit die Seelen, die ihr aus der Welt noch zugefügt werden sollen, bekehrt werden. Er wird ihr Hirten und Lehrer geben, damit alle Seelen, aus welchen sie besteht, in der Wahrheit unterwiesen und in der Gnade gefördert werden.
Welche Gnade, dass wir auch inmitten des größten Verfalls der Christenheit auf die Treue des Herrn rechnen dürfen, Der die nötigen Gaben zur Auferbauung des ganzen Leibes geben wird. ja, wir können Ihm vertrauen und von Ihm die Gaben erwarten. Wenn Er sie uns schenkt, sollen wir sie auch dankbar annehmen. [Es dürfte nützlich sein hier über die Ältesten und die Diakonen eine Bemerkung zu machen. Viele Christen verstehen den Unterschied nicht, der zwischen Gaben und Ämtern besteht. Älteste und Diener (siehe 1. Tim. 3, 1–13) sind Ämter, nicht Gaben. Die Ämter waren an einen bestimmten Ort gebunden, Ein Ältester von Jerusalem war es nicht in der Gemeinde zu Ephesus. Wer eine Gabe hatte, konnte und sollte überall, wohin er kam, den Seelen mit seiner Gabe dienen. Älteste und Diakone wurden durch Händeauflegung von den Aposteln oder ihren Beauftragten eingesetzt. (Apostelgeschichte 6, Vers 6; Kap. 14, 23, Titus 1, Verse 5–9.) Wir hörten schon, dass die Gaben vom Herrn und vom Heiligen Geist verliehen werden. Hier, wo die Gaben zur Bildung und Auferbauung der Versammlung genannt werden, hören wir nichts von Ältesten und Diakonen. Haben wir denn jetzt keine Ältesten und Diakonen mehr? Ich will eine andere Frage stellen: Könnt ihr mir die Personen angeben, die von Gott die Befugnis erhalten haben, sie anzustellen und ihnen die Hände aufzulegen? Die Gemeinde hat diese Aufgabe nicht. In der Schrift kann jeder deutlich lesen, dass die Apostel oder ihre Beauftragten allein dies taten. Nein, wir können keine Ältesten anstellen, weil uns die apostolische Macht dazu fehlt. Es ist darum viel besser, in Demut und Bescheidenheit unsern Weg zu gehen, als uns eine Autorität anzumaßen, die niemand gottgemäß mit dem Wort begründen könnte.]
Aber, was ist der Zweck dieser Gaben? Der Apostel sagt uns, dass sie gegeben seien "zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Auferbauung des Leibes des Christus" (Vers 12). Viele Christen sind der Ansicht, dass die Evangelisation der Hauptzweck des Dienstes sei. Wir sehen hier, dass diese Auffassung sich nicht mit dem Worte deckt. Der Evangelist gewinnt Seelen für den Herrn. Er führt die Seelen, gleichsam die Materialien herzu, die zur Aufrichtung des Baues (zur Auferbauung) notwendig sind. Dies ist ein wichtiger, keineswegs aber der ausschließliche Teil des Segens. Die Gaben sind gegeben "zur Vollendung der Heiligen", und diese Vollendung geht viel weiter. Selbstverständlich muss der Mensch, die Seele, zuerst für den Herrn gewonnen werden. Sie muss durch die Wiedergeburt aus der Welt heraus für den Herrn abgesondert, in die Stellung der "Heiligen" gebracht werden. Dann aber arbeitet der Heilige Geist, um die Seele mehr und mehr zur Gleichförmigkeit mit Christus umzugestalten. Die Mittel, die Er dazu gebraucht, sind "das Werk des Dienstes und die Auferbauung des Leibes des Christus". Gott will nicht nur, dass wir aus der Welt genommen und der Ekklesia hinzugefügt werden. Nein! Er will unsere Vervollkommnung. Er will, dass alle Heiligen, alle Glieder des Leibes des Christus, zur Reife eines erwachsenen Mannes gelangen, zu dem Maße des vollen Wuchses der Fülle des Christus: "bis wir alle hingelangen zu der Einheit des Glaubens und zur Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu dem erwachsenen Manne, zu dem Maße des vollen Wuchses der Tülle des Christus" (Vers 13). Christus ist in Seiner ganzen Fülle geoffenbart, und dieser Offenbarung entsprechend müssen Seine Glieder gebildet werden. Was kann herrlicher sein, als Christus zu erkennen, in welchem die Fülle der Gottheit wohnt und an welchem Gott all Sein Wohlgefallen hat? Möchte dies unser einziger Wunsch, unser heißes Verlangen sein. Die Erkenntnis des Christus wird uns Kraft geben in jedem Streit und unser Herz mit seliger Freude erfüllen; wir sollen zum vollen Wuchse des erwachsenen Mannes hingelangen, "dass wir nicht mehr Unmündige seien, bin und her geworfen und umher getrieben von jedem Winde der Lehre durch die Betrügerei der Menschen, durch Verschlagenheit zu listig ersonnenem Irrtum" (Vers 14).
Der Weg, um vor allem Irrtum, vor jedem Wind der Lehre bewahrt zu bleiben, ist also das Hinanwachsen zur Reife eines erwachsenen Mannes, zu dem Maße des vollen Wuchses der Fülle des Christus. Und warum? Weil die Erkenntnis des Christus, das Ihm Gleichförmigwerden uns lehrt, die Wahrheit zu verstehen und dem Irrtum mit tiefer Abscheu auszuweichen. In der Gemeinschaft mit Christus kann man unmöglich von jedem Wind der Lehre umher getrieben und verleitet werden. Der hier im Worte angegebene Weg ist der einzige Weg wirklicher Bewahrung. Das Aufstellen von Glaubensbekenntnissen, wodurch, die Irrtümer verurteilt werden, nützt nichts. Wir wissen, dass schon sehr früh allerlei Ketzereien in der Gemeinde Eingang fanden und dass man Glaubensbekenntnisse aufgestellt und Strafandrohungen erlassen hat ' um ihnen zu wehren. Hat das geholfen? 0 nein! Man hindert vielmehr die Schwachen, den Weg des Glaubens zu finden. Wie oft wurden wahrhaft ernste Gläubige mit Schwärmern und Sektierern auf einen Boden gestellt, gefoltert und getötet. Es gibt nur e i n e Kraft, um uns in der Wahrheit und der Liebe zu erhalten und diese Kraft ist Christus. Wo der Name des Christus wirklich erhoben wird, da mögen Schwachheit und Unwissenheit vorhanden sein, doch Seine Kraft wird in Schwachheit vollbracht werden.
Doch die Erkenntnis des Christus bewahrt uns nicht nur vor Irrtum, sondern sie lässt uns auch die Wahrheit in Liebe festhalten. Sie lehrt uns, einen Unterschied zu machen zwischen wirklichen Irrlehren und Unwissenheit aus Mangel an Licht. Mit Irrlehren kann die Gemeinde nicht streng genug verfahren, aber mit Unwissenden, mit denen, die infolge Mangels an Licht verkehrte Ansichten haben, hat sie mit aller Liebe zu handeln. "Die Wahrheit festhaltend in Liebe", muss sie jene in Liebe und Geduld unterweisen, auf dass alle "heranwachsen zu Ihm bin, der das Haupt ist, der Christus, aus welchem der ganze Leib, wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung, nach Wirksamkeit in dem Maße jedes einzelnen Teiles für sich das Wachstum des Leibes bewirkt zu seiner Selbstauferbauung in Liebe" (Verse 15. 16). Christus ist das Haupt. Lasst uns alle heranwachsen zu Ihm hin. Das Werk des Dienstes soll nach dem Worte Gottes seinen wahren Platz einnehmen, sodass jeder Teil, oder jedes Glied nach seinem Maße an der Auferbauung mitwirkt. Aus dem Haupte wird dann der ganze Leib wohl zusammengefügt und verbunden durch alle helfenden Gelenke sein Wachstum bewirken zu seiner Selbstauferbauung in Liebe.
Der Heilige Geist hat uns deutlich die göttlichen Grundsätze des Dienstes vorgestellt - Hauptwahrheiten, die in der Christenheit leider verleugnet werden. Die Grundsätze, auf die man sich gegenwärtig stützt, sind so ganz und gar menschlich, und leider sind viele Diener des Wortes nicht einmal wahre Christen, ja oft entschiedene Leugner der Hauptwahrheiten des Christentums. Welch ein bemühen der Niedergang, welch ein schrecklicher Verfall! Solch ein Schaden sollte keinen wahrhaft Gläubigen unberührt lassen. Aber ach, viele entschuldigen diesen Zustand, indem sie sagen, dass Umstände und Zeiten alles notwendig verändern. Nichts ist trauriger als diese Gleichgültigkeit Was einmal die Wahrheit für die Gemeinde war, das ist noch heute für sie bindend. Gottes Grundsätze haben sich nicht verändert, und jeder, der nicht nach diesen Grundsätzen handelt, ist dem ausdrücklich geoffenbarten Willen Gottes gegenüber ungehorsam. O, wir bitten euch, liebe Brüder und Schwestern, vergleicht doch den Zustand, in dem ihr euch auf diesem Gebiet befindet, mit Gottes Wort. Tut dies mit Gewissenhaftigkeit und vor allem mit betendem und nach Gottes Licht verlangendem Herzen. Wenn ihr dann überzeugt werdet von der Verkehrtheit der menschlichen, unbiblischen Grundsätze, nach denen alles in den verschiedenen Benennungen und Parteiungen eingerichtet ist, so habt auch den Mut des Glaubens, diese zu verlassen und euch in Einfalt des Herzens nach dem Willen Gottes mit allen denen zu versammeln, die Ihn "aus reinem Herzen anrufen" (2. Tim. 2, 22).
In Verbindung mit der Lehre unseres Briefes wendet sich der Apostel nun dem Wandel des Christen zu. Die Ermahnung am Anfang dieses Kapitels und die Ausführungen der Verse 1 bis 16 stehen im Zusammenhang mit der Lehre von der Einheit der Gemeinde. Sie haben Bezug auf das Verhalten der Kinder Gottes unter sich als Glieder des einen Leibes, dessen Haupt der Christus ist. Sie entfalten auch die gottgemäße Grundlage des christlichen Dienstes. Im 17. Vers beginnt nun der Apostel über die Einzelheiten des christlichen Wandels zu sprechen.
Die erste Ermahnung ist, dass wir, Christen, nicht wie die übrigen Nationen (Heiden) vorangehen sollen, die in der Eitelkeit ihres Sinnes wandeln. Der Heilige Geist warnt uns hier vor einem Wandel in Gleichförmigkeit mit der Welt, die uns umgibt. Im ersten Augenblick mögen uns diese Ermahnungen unnötig und sonderbar erscheinen. Wir müssen aber vor allem bedenken, dass die Epheser, an welche der Apostel schrieb, aus dem finsteren Heidentum herausgerissen worden waren. Zwischen dem Heidentum und der bekennenden Christenheit besteht der Unterschied, dass das erstere sich in dichter Finsternis befindet, während in der Christenheit das Licht des Wortes Gottes leuchtet, wenn es auch von vielen verachtet und gemieden wird. Man tut nicht ohne weiteres im Lichte, was man in der Finsternis täte. Dann müssen wir nie vergessen, dass das natürliche Menschenherz immer und überall dasselbe bleibt. All das Geschehen der hinter uns liegenden Zeit hat dies in erschreckender Weise bestätigt. So erkennen wir die Notwendigkeit der uns hier gegebenen Ermahnungen. Zudem sind auch wir nur allzu sehr geneigt, uns von den Meinungen und Ansichten der Welt fortreißen zu lassen. Sobald wir im Glaubenspfad nachlässig werden, hat die Welt mehr Einfluss auf unsere Herzen.
Wir stehen dann in Gefahr, mehr oder weniger nach ihren Grundsätzen zu handeln. "Dieses nun sage und bezeuge ich im Herrn, dass ihr forthin nicht wandelt, wie auch die übrigen Nationen wandeln, in Eitelkeit ihres Sinnes, verfinstert am Verstande, entfremdet dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verstockung ihres Herzens" (Verse 17, 18). Der Apostel berührt hier die Wurzel des verwerflichen Wandels der Heiden. Ihr Sinnen und Trachten ist eitel, wie es bei jedem der Fall ist, der Gott nicht kennt. Und was war die Frucht? Sie waren "verfinstert am Verstande, entfremdet dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen war, wegen der Verstockung ihres Herzens, und, da sie alle Empfindung verloren, gaben sie sich selbst der Ausschweifung bin, alle Unreinigkeit mit Gier auszuüben" (Vers 18, 19). Kein Wunder, denn sie kannten den Sohn Gottes nicht, in welchem allein das Leben zu finden ist.
"Ihr aber habt den Christus nicht also gelernt" (Vers 20). Obschon wir in Gefahr sind, durch die uns umringende Welt mit fortgerissen zu werden, wissen wir sehr gut, dass wir dort nichts mehr zu tun haben. Wir haben den Christus nicht also kennen gelernt, wenn wir von Ihm gehört haben und in Ihm unterrichtet worden sind. Wir kennen die Wahrheit, die in Jesus ist, und darum wissen wir, dass uns ein heiliger Wandel geziemt. Diese Wahrheit lautet: " Dass ihr, was den frühern Lebenswandel betrifft, abgelegt habt den alten Menschen, der nach den betrügerischen Lüsten verdorben wird, aber erneuert werdet in dem Geiste eurer Gesinnung und angezogen habt den neuen Menschen, der nach Gott geschaffen ist in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit" (Vers 22–24).
Am Kreuz hat Christus unser ganzes Elend auf sich genommen und den alten Menschen zunichte gemacht. Unser alter Mensch ist mit Ihm gekreuzigt; wir sind mit Ihm gestorben (Römer 6). Doch wir sind in der Auferstehung mit Ihm vereinigt und im Geiste unserer Gesinnung erneuert und haben den neuen Menschen angezogen. Christus ist der zweite Mensch, der letzte Adam; Er ist das Haupt der neuen Schöpfung. Nachdem wir mit Ihm gestorben sind, werden wir eins mit Ihm in Seiner Auferstehung, so dass wir sagen können: Das Alte ist vergangen, siehe, alles ist neu geworden. Wir stehen nicht mehr als die alten Menschen, sondern als neue Geschöpfe in Christus Jesus vor Gott. Auf diese Wahrheit stützt sich unser Wandel. Wie herrlich für uns, dies zu verstehen! Es ist nicht mehr das "tue das und du wirst leben"; sondern wir empfangen das Leben, das ewige Leben, Christus selber; wir sind von Sünde und Tod erlöst und neue Geschöpfe in Christus geworden; wir sind der göttlichen Natur teilhaftig; und darum können wir durch die Kraft dieses neuen Lebens Früchte des Lebens hervorbringen. Wir brauchen nichts mehr zu tun; alles ist für uns vollbracht, und wir sind so ,angenehm vor Gott wie Christus selber. Und was den Wandel betrifft, so ist das Leben des Christus unsere Kraft; in Ihm ist uns alles gegeben, was zum Leben und zur Gottseligkeit gehört. Welch ernster Beweggrund, um Gott zu verherrlichen und die weltlichen Grundsätze zu verleugnen! Christus ist für uns gestorben, und wir sollten noch der Sünde dienen? Wir sind mit Christus gestorben; sollten wir dann noch der Welt dienen? Wir sind neue Geschöpfe in Christus Jesus; sollten wir uns nicht als solche offenbaren? Sicherlich gibt es keine mächtigere Triebfeder zu einem heiligen Wandel als das Verstehen unserer Stellung in Christus. Und darum wird überall im Neuen Testament unsere Stellung in Christus zur Grundlage für die Ermahnungen zu einem heiligen Wandel gemacht. So auch hier. Der Apostel sagt, dass die Gläubigen den neuen Menschen angezogen haben, der nach Gott geschaffen ist in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit. Gerechtigkeit ist das, was auf allen Gebieten vor Gott recht und angenehm ist. So sprach der Herr Jesus, als Er kam, um sich von Johannes taufen zu lassen und dieser ihm wehrte: "Lass es jetzt so sein; denn also gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen", d. h. alles zu tun, was vor Gott recht und angenehm war. Die Gerechtigkeit führt uns zum wahren Verständnis und zur Befolgung unserer Verpflichtungen als Kinder Gottes vor Gott.
Heiligkeit ist das Verwerfen in Herz und Wandel alles dessen, was nicht in Übereinstimmung mit der Natur Gottes ist. Was Er hasst, sollen auch wir hassen. In dieser Gerechtigkeit und Heiligkeit ist der neue Mensch nach Gott geschaffen. Der neue Mensch, der Mensch in Christus" ist der göttlichen Natur teilhaftig; und Gott ist heilig und gerecht. Das ist ein Zustand, ganz und gar verschieden von dem Adams vor dem Fall. Adam war rein und unschuldig; er kannte die Sünde nicht; er hatte keinen Begriff vom Unterschied zwischen Gut und Böse. Diese Erkenntnis erhielt er erst nach dem Fall. Gott sagte: "Der Mensch ist geworden wie unser einer, zu erkennen Gutes und Böses." Das ist das Gewissen. Vor dem Fall hatte der Mensch kein Gewissen; nach dem Fall besaß er es als Beweis, dass er gefallen war. Adam war also nicht geschaffen in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit. Obschon Gott in Seine Nase den Odem des Lebens eingehaucht hatte, war er von der Erde vom Staub, also irdisch (l. Kor. 15, 47) und keineswegs der göttlichen Natur teilhaftig. Der Gläubige ist deshalb nicht in den Zustand Adams vor dem Fall zurückgebracht, sondern ist in Christus eine neue Schöpfung geworden. Er hat ein Leben, das nie angetastet werden wird, das er nie verlieren kann; denn er hat das ewige Leben– Christus selber. Damit ist auch der Gläubige der göttlichen Natur teilhaftig; er ist nach Gott geschaffen in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Weil wir den alten Menschen abgelegt und den neuen angezogen haben, hören wir nun die Ermahnung: "Deshalb, da ihr die Lüge abgelegt habt, redet Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, denn wir sind Glieder von einander" (Vers 25). Viele Gläubige denken, die Mitverbundenheit der Kinder Gottes mit dem Herrn als Haupt und unter sich zu einem Leibe sei "eine Lehre oder eine schöne und hehre Tatsache, habe aber wenig oder nichts mit unserm praktischen Wandel zu tun. Unser Vers zeigt uns mit manchen andern, dass sie tief in unser praktisches Leben hineingreift. Wir sind Glieder voneinander, darum müssen wir einander in Aufrichtigkeit begegnen, uns nicht anders zeigen, als wir wirklich sind. Der Herr will, dass wir wahr sind in unsern Handlungen, wahr in unsern Gesprächen, wahr in unserm Verhalten Ihm und den Menschen gegenüber.
In Vers 26 und 27 sagt der Apostel: "Zürnet, und sündiget nicht. Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn, und gebet nicht Raum dem Teufel." Das ist eine sehr wichtige Ermahnung für uns. Wir sehen vor allen Dingen, dass es einen Zorn gibt, der keine Sünde ist. Der Herr Jesus blickte auf die Juden umher mit Zorn (Markus 3, 5). Es darf und soll uns eine heilige Entrüstung sein, wenn wir z. B. den Namen Jesu lästern hören oder jemanden öffentlich gegen Gott sündigen sehen. Es ist sehr traurig, dass es Christen gibt, die alles unbeeindruckt und in Gleichgültigkeit anhören und ansehen können. Solche Dinge müssen sicherlich im Herzen eines jeden Jüngers des Herrn einen gottgemäßen Zorn hervorrufen. Doch, wenn wir rechtmäßig über die Sünde entrüstet sind, dann kommt so leicht Hass gegen den Sünder in unser Herz, und deshalb sagt der Apostel: "Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn!" Wenn der Zorn so lange anhält, ist es ein Beweis, dass die rechtmäßige Entrüstung sich in Bosheit oder Hass verwandelt hat. Und ist dies der Fall, dann hat der Teufel bei uns Raum gefunden; darum folgt hier sogleich die Ermahnung: "Gebet nicht Raum dem Teufel".
Die folgende Ermahnung wird uns vielleicht sonderbar vorkommen. Manche werden fragen, ob es nötig sei, Christen zu sagen: "Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr" ? Ja, Geliebte, Gott kennt uns besser als wir uns selber kennen. Obschon keine Versammlung so gut und in solcher Blüte stand, wie die zu Ephesus, war diese Ermahnung doch notwendig. Das Fleisch bleibt Fleisch, und wenn der Christ die Gemeinschaft mit Gott verlässt, ist er zu allem imstande. Darum müssen wir jeden Tag in Gottes Gemeinschaft handeln, uns in der Gottesfurcht üben. Jeden Tag haben wir aufs neue Glauben nötig. Die Gemeinschaft und der Glaube von gestern können mir heute nichts nützen. "Wer gestohlen bat, stehle nicht mehr, sondern arbeite vielmehr und wirke mit seinen Händen das Gute, dass er dem Dürftigen mitzuteilen habe" (Vers 28). Welch schöne Aufgabe! Welch erhabener Beweggrund für unser tägliches Werk! Der Heilige Geist öffnet vor dem, dessen Hände früher das Gut anderer entwendeten, einen glücklichen Weg, auf dem die Gnade ihre Kraft beweisen kann. Wer ein Dieb war, bevor er den Herrn kannte, kann nun Gemeinschaft haben mit dem Geist und Wandel des großen Apostels (Apg. 20, 33–35), ja, mit dem Meister selber, der gesagt hat: "Geben ist seliger als Nehmen." Der Christ sollte nicht in Selbstsucht arbeiten, sondern auch sein Herz dem Dürftigen zuwenden, und den Wunsch und Willen haben, wohl zu tun und mitzuteilen. Welch herrliche Grundsätze offenbart uns das Evangelium! Möchten wir sie wirklich zur Ausübung bringen!
"Kein faules Wort lebe aus eurem Munde, sondern das irgend gut ist zur notwendigen Erbauung, dass es den Hörenden Gnade darreiche" (Vers 29). Unsere Gespräche müssen das Ziel haben, andere zu erbauen und Gnade darzureichen; wenn wir nichts Rechtes zu sagen haben, ist es besser zu schweigen. Wie viel sündigen wir in dieser Hinsicht. Was ist der Gegenstand unserer Unterhaltung, wenn wir einander besuchen? Reden wir über die Fehler derer, die nicht anwesend sind, oder über die eiteln Dinge dieser Welt? Könnte der Herr Jesus persönlich in unserer Mitte gegenwärtig sein? Ist unser Ziel, zum Nutzen anderer zu leben und ihnen etwas Nützliches zu sagen? Lasst uns bedenken, dass "bei der Menge der Worte Übertretung nicht fehlt" (Sprüche 10, 19), und dass "der Mund des Gerechten ein Born des Lebens ist" (Sprüche 10, 11).
Die folgenden Ermahnungen haben eine sehr wichtige und herrliche Wahrheit als Grundlage. Der Heilige Geist wohnt in uns allen. In Kapitel 2,22 hat der Apostel gesagt, dass wir mit aufgebaut werden zu einer Behausung Gottes im Geiste, und darum ermahnt er uns in Kapitel 4, würdig der Berufung zu wandeln, mit der wir berufen worden sind. Aber es gibt auch eine persönliche Innewohnung des Heiligen Geistes. Wir sind durch den Geist versiegelt auf den Tag der Erlösung. Darum wird unser Leib verwandelt werden zur Gleichförmigkeit mit dem Leibe der Herrlichkeit des Christus. Der Geist, der in uns wohnt, ist die Quelle der Kraft, die den Gläubigen fähig macht zu allem, was Gott wohlgefällig ist. Durch, Ihn ist der Gläubige imstande, das Böse zu lassen, und das Gute zu tun. Der Heilige Geist kann aber nur dann in unsern Herzen wirksam sein, wenn wir uns von Ihm leiten lassen und Ihn durch keine Fehler betrüben. Darum sagt der Apostel: "Und betrübet nicht den Heiligen Geist Gottes, durch welchen ihr versiegelt worden seid auf den Tag der Erlösung" (Vers 30). Wenn wir Ihn nicht betrüben, wenn wir Ihn frei in uns wirken lassen, dann wird "alle Bitterkeit und Wut und Zorn und Geschrei und Lästerung von uns weggetan samt aller Bosheit". Dann werden die Früchte des Geistes in uns offenbar; wir werden "gegeneinander gütig und mitleidig sein, einander vergebend, gleichwie auch –Gott in Christus uns vergeben bat" (Vers 31, 32).
Es ist notwendig, hier auf den Unterschied hinzuweisen, der zwischen den Worten des Apostels Paulus hier und denen Davids in Psalm 51 besteht: "Nimm Deinen Heiligen Geist nicht von mir." Selbst wenn der Apostel vor dem Betrüben des Heiligen Geistes warnt, denkt er nicht daran, dass der Geist weggenommen werden könnte; Er versichert uns im Gegenteil, dass wir durch– Ihn versiegelt worden sind auf den Tag der Erlösung. Woher dieser Unterschied? Weil die Beziehung des Geistes zu den Gläubigen, nachdem Jesus gestorben, auferstanden und in den Himmel gefahren ist, eine ganz andere geworden ist. Zu jener Zeit wurde der Geist nicht gegeben, um für immer in den Gläubigen zu wohnen. Er kam nur für eine Zeitlang auf die Gottesmänner, wirkte in ihnen und durch sie. Er segnete sie und erfüllte sie mit Freude und Kraft. Eine Innewohnung, wie der Christ sie jetzt hat und kennt, war es aber nicht und konnte es nicht sein, bevor Christus verherrlicht war. Darum werden wir ermahnt, den Heiligen Geist nicht zu betrüben; aber niemals wird angenommen, dass Er uns verlassen könnte. Die Worte des Apostels zeigen uns auf der einen Seite die Gefahr des Sündigens wider den Heiligen Geist und dass wir Ihn betrüben könnten, und erst auf der anderen Seite die Sicherheit des Gläubigen, selbst unter solch traurigen Umständen. Er ist zu Gott gebracht, versöhnt, gewaschen, geheiligt, gerechtfertigt, er hat das ewige Leben und soll nicht verloren gehen; er ist versiegelt mit dem Heiligen Geist, und wer könnte dieses Siegel brechen? Sicherlich, Gott wird den Gläubigen, wenn er in Sünden fällt, züchtigen, selbst bis zum Tode; denn Er wird es weder mit der Sünde leicht nehmen, noch ihn mit der Welt verdammen. In voller Übereinstimmung mit diesem Wort ermahnt uns Petrus zu einem Wandel in heiligem Gehorsam: "Und wenn ihr Den als Vater anrufet, der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk, so wandelt die Zeit eurer Fremdlingschaft in Furcht". Er ist zugleich, weit davon entfernt, unser Vertrauen zu erschüttern, denn er fährt fort, "indem ihr wisset, dass ihr nicht mit verweslichen Dingen, mit Silber oder Gold, erlöst worden seid . . ., sondern mit dem kostbaren Blute des Christus" (1. Petrus 1, 17–19). Gebe der Herr, dass wir alle diese wichtigen Wahrheiten verstehen.
"Seid nun Nachahmer Gottes, als geliebte Kinder, und wandelt in Liebe, gleichwie auch der Christus uns geliebt und sich selber für uns hingegeben bat als Darbringung und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch" (Vers 1. 2). Welch eine herrliche Einleitung! Wie vollkommen ist das durch Christus vollbrachte Werk! Früher so weit von Gott entfernt, jetzt so nahe gebracht, dass wir berufen sind, als geliebte Kinder Gott nachzufolgen. "Seid vollkommen, gleichwie euer himmlischer Vater vollkommen ist" (Matth. 5, 48). Aber wie ist das möglich? Die Gnade Gottes hat uns dazu fähig gemacht. Wir stehen vor Gott als geliebte Kinder; wir besitzen die göttliche Natur. Es ist der Charakter eines Kindes, dem Vater auf die Augen zu schauen und zu tun, was er tut. Folgen wir nun Gott nach, dann wandeln wir in Liebe, denn Gott ist Liebe. Und diese Liebe offenbarte sich in Christus; sie ließ Ihn den Himmel verlassen und sich selbst verleugnen, um sich für uns hinzugeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch. Darum sagt der Apostel: "Wandelt in Liebe, gleichwie auch der Christus uns geliebt hat", die Liebe des Christus muss in uns wirksam sein und durch uns geoffenbart werden.
Das Wort belehrt uns über unsere herrliche Stellung; es stellt auch die Wahrheit betreffs der Sünde deutlich. dar. Niemand soll sich betrügen und sich mit erhabenen Wahrheiten beschäftigen, während er die praktische Verwirklichung völlig aus dem Auge verliert. Gott ist heilig und gerecht; Er kann die Sünde nicht sehen, am allerwenigsten bei den Seinen. Darum müssen Seine Kinder in Reinheit und Heiligkeit vor Ihm wandeln. Sowohl äußerlich als innerlich muss alles mit Seiner Gegenwart übereinstimmen. Hurerei, Unreinigkeit und Habsucht werden hier zusammen genannt. Habsucht (oder Gier) wird als "Götzendienst" bezeichnet. Der Heilige Geist betont, dass keiner, der in diesen Sünden lebt, ein Erbteil hat in dem Reiche des Christus und Gottes. Für manchen früheren Götzendiener war die so ernste Verurteilung dieser bösen Taten vielleicht neu. Beim unreinen Dienst der Dämonen, beim Götzendienst wurden sie ausgeübt, während sie mit unserer hohen göttlichen Berufung völlig unvereinbar sind. Das Unreine soll unter den Christen nicht einmal genannt werden, denn dieser Dinge wegen kommt der Zorn Gottes über die Söhne des Ungehorsams (Verse 3–7). Wir waren einst Finsternis und zwar Finsternis unserer Natur nach, gerade das Entgegengesetzte von Gott, der Licht ist. Kein Strahl dieses Lichtes war in unserm Willen, unsern Begierden oder unserm Verstand. Nun aber sind wir der göttlichen Natur teilhaftig geworden. Wir wissen, wie Gott ist und wie Er liebt; wir sind Licht in Ihm, wohl arm und schwach in uns selber, aber doch "Licht im Herrn". Die Früchte des Lichts offenbaren und entwickeln sich im Christen. Er soll keine Gemeinschaft haben mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis (Verse 8–12). "Deshalb sagt Er: Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den loten, und der Christus wird dir leuchten" (Vers 14). Das Licht macht alles offenbar; der Schlafende aber hat, obschon er nicht tot ist, keinen Nutzen vom Licht. Ach, wie häufig überfällt uns der Schlaf. Der Apostel versichert uns aber, dass wir, wenn wir aufwachen, das Licht nicht schwach– und unsicher, sondern hell sehen werden. Denn Christus selbst ist das Licht der Seele; wir haben dann die volle Offenbarung dessen, was Gott angenehm ist; in Ihm haben wir göttliche Weisheit– wir wissen von den Gelegenheiten Gebrauch zu machen und können in allen Fällen mit geistlichem Verständnis handeln.
Der Christ soll sich auch "nicht berauschen mit Wein, in welchem Ausschweifung ist. Er soll erfüllt werden mit dem Geiste" (Vers 18). Wenn jemand berauscht ist, so ist sein Verstand verfinstert und seine Gedanken sind in Unordnung. Er ist unfähig, sich von Gott leiten zu lassen. Er steht nicht unter der Einwirkung des Geistes Gottes, sondern unter der Macht Satans. Und weil die spirituösen und starken Getränke die Wirksamkeit des Heiligen Geistes dämpfen, bedient sich der Teufel dieses Mittels, um große Unordnung und großen Schaden anzurichten. Ein jeder Christ soll darum gemäß seiner Berufung diesem Mittel des Teufels mit aller Kraft widerstehen. Wir sollen mit dem Heiligen Geist erfüllt sein; Seine Wirksamkeit in uns soll die Quelle unserer Freude sein. Unser Herz muss nüchtern und unser Kopf klar bleiben, um Seine Stimme vernehmen zu können. Dann werden wir imstande sein, "zueinander zu reden in Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern, singend und spielend dem Herrn in unseren Herzen" (Vers 19). Das ist wahre und heilige Freude. Und die Wirksamkeit des Geistes lässt uns in allem die Liebe Gottes entdecken. Wir nehmen sie wahr, sowohl in Wegen des Glücks als auch des Leids, in Tagen des Sonnenscheins, als auch in Kampf und Trübsal. So sind wir imstande, "allezeit und für alles dem Gott und Vater zu danken im Namen unseres Herrn Jesus Christus" (Vers 20). Das Werk des Heiligen Geistes in mir führt mich zur Abhängigkeit von Gott und zur Unterwürfigkeit vor meinen Brüdern in der Furcht des Christus. Diese Unterwürfigkeit ist nicht nach den Belangen der Menschen. Sie besteht darin, dass ich erkenne, wie nötig ich den Rat, die Weisheit, die Unterstützung, das Licht meiner Mitbrüder habe. Das Werk des Geistes in mir lässt mich das richtige Verhältnis zu meinen Brüdern erkennen in der Furcht des Herrn.
Nach den allgemeinen Ermahnungen kommt der Apostel zu den verschiedenen Beziehungen des täglichen Lebens, in dem er sie den göttlichen Grundsätzen gemäß beleuchtet. Vor Gott ist nichts zu gering; Er bekümmert sich um alle Umstände; Er ist mit uns und teilt uns Seinen Willen mit betreffs der Umstände und all der Lagen in welchen wir uns auch, befinden mögen. Welch ein Trost für uns. Über das Verhalten zwischen Mann und Frau, Vater und Kind, Herr und Knecht vernehmen wir die Gedanken Gottes. Wir brauchen also in keiner Beziehung verlegen zu sein. Gott weist uns den Weg, und Sein Wort ist die Richtschnur für unsern Wandel. Es gibt keine Stellung und keine Lage, in denen Gottes Wort nicht Rat und Helfer sein könnte. Wie herrlich für ein Herz, das begierig ist, den Willen Gottes zu tun. Ich bin nicht mir selber überlassen; es gibt keine Sache, worin ich das Wort nicht zu Rate ziehen könnte. Für alle Verhältnisse hat Gott gesorgt. Und da ich in allen Lagen und Umständen nach dem Willen Gottes handeln kann, stehen auch die geringsten Dinge des irdischen Lebens in Beziehung zum Himmel. O dass wir die Dinge dieser Erde nach himmlischen Grundsätzen verrichten möchten! Lasst uns alle dies wirklich verstehen und unsere diesbezügliche ernste Verantwortlichkeit fühlen!
Am ausführlichsten spricht der Apostel über das Verhältnis zwischen Mann und Frau, weil er dadurch ganz natürlich zur Betrachtung der Beziehungen des Christus zu der Gemeinde geleitet wird. "Ihr Frauen (Weiber), seid unterwürfig euren eileneu Männern, als dem Herrn" (Vers 22). Diese Sprache könnte hart erscheinen, wenn wir daran denken, wie die Männer zuweilen sind; dennoch können wir versichert sein, dass Gott allein weise ist. Eine Schwester hat vielleicht einen Mann, mit welchem nicht leicht umzugehen ist. Sie bringe ihre Angelegenheit vor den Herrn und sie wird die Kraft erfahren, welche die Unterwürfigkeit leicht macht. Ihr Mann mag hart sein, er mag unbillige Dinge von ihr fordern, trotzdem richtet sich das Wort an ihr Herz"Seid unterwürfig euren eigenen Männern, als dem Herrn." Sobald sie anstelle seiner Ungerechtigkeit und seiner Launen den Herrn sieht, ist ihr Weg einfach. Dann unterwirft sie sich ihrem Mann, als dem Herrn; und das wird dann nicht bloß eine Sache der Pflicht, sondern des Vertrauens in den Herrn, in Seine Liebe, Sorge und Leitung sein. In der Unterwürfigkeit gegenüber dem Mann ist sie dem Herrn untertan. Diese ist der Trost für die christliche Frau in ihren vielen Versuchungen; und das weist ihr zugleich den Weg, den sie in jeder Lage zu gehen hat. Die Frau muss dem Mann untertan sein; doch sobald der Mann etwas verlangt, in Widerspruch zum Worte Gottes, ist sie nicht gebunden, weil sie untertan sein muss "in dem Herrn". Der Herr verlangt nie etwas, was Sünde ist. Diese Ermahnung gibt also der Frau Trost und Kraft in jeder Prüfung und zeigt ihr den rechten Weg, um in allen Lagen Gott wohlgefällig zu sein. Ihre Unterwürfigkeit hat aber noch einen andern hohen Beweggrund. "Aber gleichwie die Versammlung dem Christus unterworfen ist, also auch die Frauen ihren Männern in allem" (Vers 24). Warum ist die Gemeinde Christus untertan? Weil sie von Ihm abhängig ist. Nun, derselbe Beweggrund muss die Frau in ihrer Untertänigkeit leiten. Der Mann ist das Haupt der Frau; er ist der starke, sie der schwache Teil. Gott gibt ihr deshalb den Mann als Stütze. Und gleichwie die Gemeinde in ihrer Abhängigkeit von Christus ihre Freude findet, soll auch die Frau ihre Freude finden im Abhängigsein vom Mann.
Der Mann ist das Haupt der Frau, gleichwie Christus das Haupt der Versammlung ist. Doch diese seine Würde wird der Mann missbrauchen, wenn ihm die Liebe fehlt. Der Heilige Geist ermahnt jeden nach der Besonderheit seines Zustandes und der Gefahr, in der er sich befindet. Die Frau wird zur Unterwürfigkeit ermahnt und dem Manne wird gesagt: "Ihr Männer, liebet eure Frauen." Und was ist der Maßstab dieser Liebe? Die Liebe des Christus zur Gemeinde. "Ihr Männer, liebet eure Frauen, gleichwie auch der Christus die Versammlung geliebt bat und sich selbst für sie hingegeben hat, dass Er sie heiligte, sie reinigend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort, dass Er die Versammlung sieh selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern dass sie heilig und tadellos sei" (Verse 25–27).
Welch ein herrlicher Maßstab! Doch stehen wir in erster Linie still bei der hier entfalteten Liebe des Christus. Wir finden da eine herrliche Steigerung in der Liebe. Unser Herr hat sich selbst für die Gemeinde hingegeben; Er reinigt sie und stellt sie verherrlicht vor sich– Christus gab sieh selber hin. Indem Er Sein £eben hingab, gab Er alles, ja sich selbst, denn "alles was ein Mensch hat, gibt er um sein Leben" (Hiob 2,4). Das Leben ist das Höchste, das ein Mensch geben kann. ja, alles, was in Ihm ist: Seine Gnade, Seine Gerechtigkeit, Seine Annahme beim Vater, Seine Weisheit, die Herrlichkeit Seiner Person, die Kraft der göttlichen Liebe, alles ist dem Wohl und der Segnung der Gemeinde gewidmet. Welche Gnade! Wir besitzen Ihn selber; Er hat sich ganz für uns hingegeben.
Aber diese Liebe des Christus ist dadurch nicht erschöpft; sie wandelt sich nie; sie will die Versammlung, für die Christus sich hingegeben hat, rein und untadelig vor sich, sehen nach Seinem Wunsch. Christus hat sich selbst für die Versammlung hingegeben; dies gehört zur Vergangenheit; aber "Er hat sich auch selbst für sie hingegeben, dass Er sie heiligte", das ist gegenwärtig. Seine Liebe bleibt stets für die Gemeinde in Tätigkeit. Er hat die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben; sie ist Sein Eigentum geworden; sie ist mit Ihm gestorben und auferstanden; sie ist eins mit Ihm, den Gott gesetzt hat zu Seiner Rechten in den himmlischen Örtern. Das Werk zu ihrer Versöhnung und Erlösung ist vollbracht. Diesem allem kann nichts mehr hinzugefügt werden. Aber die Gemeinde wandelt jetzt noch auf der Erde und hier verunreinigt sie sich beständig; die Füße werden vom Staub der Wüste beschmutzt. Von dieser Unreinigkeit reinigt sie der Herr fortwährend. Und wie geschieht diese Reinigung? Durch das Blut? O nein, das Blut hat uns in Ewigkeit vollkommen gemacht und kann nicht zum zweiten Mal vergossen werden. Aber wodurch denn? Durch die Waschung mit Wasser durch das Wort. Der Herr wirkt durch den Heiligen Geist und durch das Wort an unserem Gewissen, damit wir unsere Sünden einsehen, sie bereuen und Gott bekennen, dass die unterbrochene Gemeinschaft wieder hergestellt werde. Diese Reinigung wird uns im Vorbild in der Fußwaschung gezeigt. "Wer gebadet oder gewaschen ist, hat nicht nötig, sieh zu waschen, ausgenommen die Füße, sondern ist ganz rein" (Joh. 13, 10).
Doch es gibt noch eine dritte Frucht dieser Liebe: "Dass Er die Versammlung sich selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern dass sie heilig und tadellos sei." Wenn Er sich für die Gemeinde hingegeben hat, so war es, um sie bei sich zu haben, aber, dazu musste Er sie für Seine Gegenwart passend machen. Das hat Er getan und tut es; und bald wird die Kraft des Herrn jede Spur ihres Aufenthalts auf dieser Erde ausgewischt haben, sodass Er sie verherrlicht, ohne Flecken oder Runzel, oder etwas dergleichen, vor sich wird hinstellen können. Das ist das Endresultat Seines Werkes. Doch es ist mehr. Der Geist Gottes erinnert uns in Vers 27 an die Geschichte von Adam und Eva. Als Gott Eva geschaffen hatte, stellte Er sie nach Seinen eigenen göttlichen Gedanken dem Adam vor, und sie war ganz geeignet, die Freude Adams zu sein als eine Hilfe für ihn. Sie entsprach ganz seiner Natur und seinem Stande. Christus ist der zweite Adam in Herrlichkeit. Er hat die Versammlung geschaffen und stellt sie vor sich, so wie Er sie für sich, gebildet hat. Welch eine herrliche Offenbarung! Aber vor allem, welch unendliche Gnade, zu dieser Gemeinde zu gehören und diese unergründliche Liebe zu erkennen!
Diese Liebe des Christus zu der Gemeinde wird nun dem Mann als Vorbild hingestellt. "Ihr Männer, liebet eure Trauen, gleichwie auch der Christus die Versammlung geliebt hat." Die Liebe des Christus offenbarte sich in Seiner Selbstaufopferung; Er lebt nur für Seine Versammlung; so muss die Liebe des Mannes zur Frau sein. Sich selber für sie zu opfern, für sie zu leben, ihre Fehler zu tragen, sie zu leiten und zu bewahren, das ist der Wille Gottes. Und wann wird er das tun können? Wenn seine Liebe dieselbe Grundlage hat wie die Liebe des Christus zur Versammlung. Warum liebte Christus die Gemeinde? Weil sie so anziehend war? 0 nein, sie war durch tausend Sünden entstellt. Aber warum denn? Weil sie eine Gabe Gottes, Seines Vaters, war. Deshalb –. Der Mann, der seine Frau liebt, weil er sie von Gott erhalten hat, wird imstande sein, Nachfolger der Liebe des Christus für die Gemeinde zu sein.
Der Apostel sagt nun weiter: "Also sind auch die Männer schuldig, ihre Trauen zu lieben wie ihre eigenen Leiber. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Denn niemand hat jemals sein eigenes Fleisch gehasst" (Vers 28). Das ist die allgemeine Regel. Doch durch diese Regel kommt der Apostel wieder auf den Gegenstand zurück, der stets sein ganzes Herz erfüllte. "Niemand bat jemals sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und pflegt es, gleichwie auch der Christus die Versammlung" (Vers 29). Das ist die Liebe des Christus für die gegenwärtige Zeit. Er hat nicht allein ein himmlisches Ziel, sondern Er tut zugleich das Werk, das Ihm, sozusagen, natürlich ist: Mit Zärtlichkeit versorgt Er die Gemeinde. hier unten; Er nährt und pflegt sie; ihre Bedürfnisse, Schwachheiten, Mühsale und Sorgen sind für Ihn ebensoviel Gelegenheiten, Seine Liebe zu offenbaren. Die Versammlung muss ernährt werden wie unser Leib, und der Herr ernährt sie; sie ist der Gegenstand Seiner zärtlichen Zuneigung; sie ist hienieden nicht verlassen, obschon das Ziel des göttlichen Werkes der Himmel ist. Gleichwie Eva ein Teil von Adam war, ist die Gemeinde ein Teil von Christus. Gott nahm sie aus der Seite Adams, um sie zu seiner Frau zu machen. In derselben innigen Beziehung stehen wir zu Christus. "Deswegen wird ein Mensch seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Dieses Geheimnis ist groß, ich aber sage es in Bezug auf Christus und auf die Versammlung" (Vers 31. 32). Wir sind ein Teil von Christus, unzertrennlich mit Ihm verbunden, und wir haben unser Dasein von Ihm. Der Herr konnte sagen. "Ich bin Jesus, Den du verfolgst" (Apg. 9,5). Unsere Stellung ist einerseits, dass wir Glieder Seines Leibes sind, andrerseits, dass wir als Christen unser Dasein von Ihm haben. Darum muss ein Mensch Vater und Mutter verlassen, um seiner Frau anzuhangen. Der Herr lasse uns dieses herrliche Geheimnis verstehen!
Der Apostel redet nun über das Verhältnis zwischen Vätern und Kindern, Herren und Knechten. Hier ist Gehorsam die Hauptsache. "Ihr Kinder, gehorchet euren Eltern im Herrn, denn das ist recht" (Vers 1). Wie glücklich ist die Familie, wo die Kinder gehorsam sind "in dem Herrn"! Natürliche Zuneigung ist sehr lieblich, und ihr Fehlen ist ein Zeichen der letzten Tage; aber sie ist nicht vollkommen. Die Kinder müssen ihren Eltern gehorchen "im Herrn". Wie bei der Unterwürfigkeit der Frau ist auch hier alles einfach, sobald dieser Grundsatz befolgt wird. In Jesus finden wir hiervon das treffende Vorbild. Er war Seinen Eltern in allem untertan; doch als Er in den Dingen Seines Vaters sein musste, blieb Er allein in Jerusalem, ohne ihre Einwilligung zu erbitten.
Der Apostel macht noch darauf aufmerksam, welches Gewicht Gott unter dem Gesetz auf den Gehorsam der Kinder den Eltern gegenüber legte, da es das erste Gebot mit einer Verheißung war; wie viel mehr sollte dann das christliche Kind seinen Eltern gehorsam sein! Die hier im zweiten und dritten Vers aus dem Gesetz angeführten Stellen bestätigen den Kindern, die Vater und Mutter ehren, einen besonderen Segen gemäß den Regierungswegen Gottes über sie für diese Erde.
Die Ermahnung an die Väter ist sehr merkwürdig. "Und ihr Väter, reizet eure Kinder nicht zum Zorn, sondern ziehet sie auf in der Zucht und Ermahnung des Herrn" (Vers 4). Welche Kenntnis des menschlichen Herzens! Wie leicht kann der Vater seine Gewalt missbrauchen und seine Kinder ungerecht oder in Launenhaftigkeit zum Zorn reizen! Ach, dass er sie in der Zucht und Ermahnung des Herrn erziehen möchte! Welch ein herrliches Vorrecht für christliche Eltern! Die Kinder, mit denen sie eins sind, sollen sie in der Lehre und Ermahnung des Herrn, also für den Herrn und für den Himmel erziehen. Gott hat sie ihnen anvertraut, damit sie im Weg der Seligkeit unterwiesen und zu Jesu Füßen gebracht würden. O wie wenig entsprechen christliche Eltern oft dieser erhabenen Berufung! Wie viele lassen ihre Kinder ungezügelt aufwachsen, und sagen dann zur Entschuldigung, sie seien machtlos, sie könnten ja die Kinder doch nicht bekehren. Gewiss, ihr könnt euren Kindern das göttliche Leben nicht geben, aber wenn ihr sie ihrem Schicksal überlässt, wenn ihr sie behandelt, als hätten sie mit Gott und mit Jesus nichts zu tun, dann könnt ihr sicher sein, dass ihr, soviel es euch betrifft, ihrer Bekehrung im Wege steht; und Gott wird die Seele eurer Kinder einmal von eurer Hand fordern.
Wie bei dem Verhältnis zwischen Kindern und Eltern, so ist auch zwischen Knechten und Herren der Gehorsam die Hauptsache. "Ihr Knechte, gehorchet euren Herren nach dem Fleische." Gehorsam ist der große Grundsatz des Christentums in einer Welt, wo der Ungehorsam des Menschen die Ursache des Bösen ist. Die Knechte sind ihren Herren vollkommenen Gehorsam schuldig, nicht allein den gütigen und gläubigen, sondern auch den harten und ungläubigen; von dieser Regel duldet Gott keine Abweichung. Aber wo das Wort Gottes Gehorsam predigt, gibt es zugleich den Grund an, weshalb man ihn üben soll. "Gehorchet euren Herren nach dem Fleische mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, als dem Christus, nicht mit Augendienerei, als Menschengefällige, sondern als Knechte des Christus, indem ihr den Willen Gottes von Herzen tut, und mit Gutwilligkeit dienet, als dem Herrn und nicht den Menschen, da ihr wisset, dass, was irgend ein jeder Gutes tun wird, er dies vom Herrn empfangen wird, er sei Sklave oder Freier" (Vers 5–8). Welch herrliche Worte! "Als dem Herrn", so dient man Christus. Das Auge ist auf Christus und nicht auf den Menschen gerichtet, und dadurch fällt alle Mühseligkeit im Erfüllen der Pflichten dahin. Welche Glückseligkeit, solch einem guten und sanftmütigen Herrn, wie es der Herr Jesus ist, dienen zu dürfen! Hat er dann nicht, durch das Wort, die Gewissheit, dass, was irgend einer Gutes tun wird, er dies vom Herrn empfangen wird, er sei Sklave oder Freier? Der Herr stellt hier eine Belohnung in Aussicht. Das Maß derselben wird der Herr bestimmen gemäß der erwiesenen Treue und ohne Ansehen der Person. Zieht ein Knecht Gottes dies alles in Erwägung, wie leicht wird Ihm dann selbst das Mühsamste und Beschwerlichste seines Dienstes!
Und was wird den Herren gesagt? "Und ihr Herren, tut dasselbe legen sie und lasset das Droben, da ihr wisset, dass sowohl ihr als auch euer Herr in den Himmeln ist, und dass bei Ihm kein Ansehen der Person ist" (Vers 9). Welch schöne und treffende Ermahnung! Der Herr (Prinzipal) obwohl über seine Knechte, hat selber einen Herrn in den Himmeln; und bei diesem ist kein Ansehen der Person. Vor Ihm stehen Herr und Knecht gleich. Wenn der Herr dies bedenkt, wird er seinen Knecht so behandeln, wie er gern selbst durch den Herrn, der in den Himmeln ist, behandelt zu werden wünscht. Das Wort Gottes ist in allen Dingen vollkommen; die Beachtung seiner Vorschriften zeitigt die herrlichsten Folgen. Sobald man des Herrn Wort auf die Verhältnisse des Lebens anwendet, ist alles einfach. Wenn sowohl der Herr als auch der Knecht ihre wahre Stellung einnehmen, wird jede Widerwärtigkeit und jeder Zusammenstoß vermieden werden. Der Herr gebe uns Gnade, dass wir, statt zu streiten einander zum Segen sein möchten.
Der Kampf, der hier beschrieben wird, steht in enger Verbindung mit der Stellung, welche die Versammlung einnimmt, somit mit dem ganzen Inhalt des Briefes, den wir betrachten. Er ist nicht zu verwechseln mit dem Selbstgericht, das wir nicht vernachlässigen dürfen. Er hat nicht Bezug auf die Ermahnung, die wir z. B. in Kolosser 3, 5 finden: "Tötet nun eure Glieder, die auf der Erde sind", noch auf das Wort in Galater 5, 17: "Denn das Fleisch gelüstet wider den Geist, der Geist aber wider das Fleisch; diese aber sind einander entgegengesetzt, dass ihr nicht das tuet, was ihr wollt." Der Kampf, der hier beschrieben wird, ist auch nicht zu verwechseln mit der Ermahnung, die wir im 1. Johannes 2, 15 finden: "Liebet nicht die Welt, noch was in der Welt ist" und dem entsprechenden Wort in 1. Johannes 5, 5: "Wer ist es, der die Welt überwindet, wenn nicht der, welcher glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist?"
Das Buch Josua gibt uns den inspirierten Bericht über den Durchgang des Volkes Israels über den Jordan und über den Einzug des Volkes in Kanaan. Dort finden wir zuerst die Anwendung des Gerichtes Gottes über den natürlichen Zustand des Volkes: der Tod, vorgebildet durch die Wasser des Jordan. Zwölf Steine wurden unter die Fluten des Jordans begraben; bildlich gesprochen verschwand das alte Israel. Zwölf Steine wurden aus dem Jordan gehoben und im Lande als Zeugnis aufgestellt: Israel stand als ein erneutes Volk vor seinem Gott. Dann wurde das ganze Volk beschnitten. Die Beschneidung ist im Vorbild die praktische Anwendung des Gerichtes auf unser ganzes Leben, das Urteil, das Gott über das Fleisch, über den natürlichen Zustand des Menschen ausspricht. Das Vorbild der Beschneidung war einmalig. Haben wir es als Kinder Gottes einmal erfasst und angewandt, bedürfen wir der steten Wachsamkeit, damit unser Leben immer diesem Lichte entspricht. Dies geschieht durch das Selbstgericht. Erst nach dem Vollzug dieser wichtigen göttlichen Anordnungen begann für Israel der Kampf mit den bisherigen Besitzern des Landes, das Vorbild des Kampfes, den wir in unserm Kapitel finden. Vorher wäre Israel gar nicht imstande gewesen, diesen Kampf irgendwie führen zu können.
Sobald wir verstanden haben, dass wir mit Christus gestorben und auferstanden und in Ihm in die himmlischen Örter versetzt sind und wir durch den Glauben dies verwirklichen, sodass wir im Himmel wandeln und den Dingen nachsinnen, die droben sind, dann beginnt der Kampf in den himmlischen Örtern. Wir sind dann in demselben Zustand, in dem sich die Israeliten befanden, als sie über den Jordan gezogen waren. Damals begann für sie erst der wahre Krieg. Auch in der Wüste hatten sie Krieg zu führen; aber er hatte einen ganz andern Charakter; Amalek suchte sie auf ihrer Reise nach Kanaan aufzuhalten. Dasselbe finden auch wir in der Wüste; wir werden durch die Umstände versucht, und die Weit sucht uns durch allerlei Dinge in unserer Laufbahn zu hindern. In Kanaan aber mussten die Israeliten das Land, das Gott ihnen verheißen hatte, das aber noch in Feindes Hand war, in Besitz nehmen. So müssen auch wir, nachdem wir durch den Jordan gegangen sind, das will heißen, nachdem wir den Tod und die Auferstehung des Christus verwirklicht und unsern Platz in den himmlischen Örtern eingenommen haben, die geistlichen Segnungen, die uns in Christus geschenkt sind, in Besitz nehmen. Sobald wir aber damit beginnen, ist Kampf die unmittelbare und notwendige Folge. Der Teufel sucht uns den Genuss dieser Segnungen streitig zu machen; er spannt alle seine Kräfte an, um uns mit allerlei andern Dingen zu beschäftigen und sucht die schwachen Stellen aus, wo er uns am leichtesten verletzen kann. Von diesem Kampf redet der Apostel, wenn er sagt: "Denn unser Kampf ist nicht wider Fleisch und Blut, sondern wider die Fürstentümer, wider die Gewalten, wider die Weltbeherrscher dieser Finsternis, wider die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Örtern" (Vers 12).
In erster Linie achte man auf die Worte: "Denn unser Kampf ist nicht wider Fleisch und Blut." Die Kinder Israel hatten mit Menschen von Fleisch und Blut zu kämpfen; unser Kampf aber ist nicht gegen Menschen, gegen Fleisch und Blut; die Feinde, die uns gegenüberstehen, sind viel mächtiger und Schrecken erregender als die in Kanaan; denn wir stehen im Kampf gegen den Teufel und sein Heer. Der Heilige Geist nennt diese Feinde Fürstentümer und Gewalten; sie sind also mächtig und können ihren Willen in ihrem Bereich und solange Gott sie nicht endgültig richtet, zur Ausführung bringen. Überdies beherrschen sie die Finsternis dieser Welt. Das Licht ist die Sphäre, in der Gott wohnt; die bösen Geister dagegen wirken und herrschen in der Finsternis. Nun ist die Welt, da sie Gottes Licht nicht besitzt, gänzlich der Finsternis verfallen und die Teufel beherrschen sie. Schließlich besitzen diese Obrigkeiten oder Gewalten nicht nur die äußere Macht, sondern sie haben ihren Sitz in den himmlischen Örtern. [Es ergibt sich nicht allein aus dieser Stelle, sondern auch aus andern, dass der Teufel mit seinen Engeln seinen Sitz in den himmlischen Örtern hat. (Vgl. Hiob 1, 6; 2, 1.) Dann lesen wir in Offenbarung 12, dass Streit war im Himmel zwischen Michael mit seinen Engeln und dem Teufel mit seinen Engeln, der damit endigte, dass der Teufel und seine Engel aus dem Himmel auf die Erde geworfen wurden. Später lesen wir, in Offenbarung 20, dass er zuerst tausend Jahre gebunden, dann wieder losgelassen und endlich für immer in den Feuersee geworfen wird.] Welch eine entsetzliche und fürchterliche Macht ist es, die uns gegenübersteht und uns den Genuss der himmlischen Segnungen zu rauben trachtet! Satan ist mit seinen Tausenden von Engeln stets zum Angriff bereit. Er wendet seine ganze Macht und Verführungskunst an, um die Oberhand über uns zu bekommen. Kein Mittel lässt er unversucht, uns im geistigen Kampf zu hindern und zu ermüden. Mit großer List und Gewandtheit geht er ans Werk; ja, er nimmt zuweilen die Gestalt eines Engels des Lichts an, um uns zu versuchen Denken wir nur einen Augenblick an die Versuchung des Herrn Jesus in der Wüste, und seine ganze List und Bosheit steht lebendig vor unserm Geist.
Das Wort Gottes lässt uns keineswegs im Unklaren über die Art und das Wesen unserer Feinde. Der Herr selbst kennzeichnete den Teufel trefflich: "Jener war ein Menschenmörder von Anfang und ist in der Wahrheit nicht bestanden, weil keine Wahrheit in ihm ist. Wenn er die Lüge redet, so redet er aus seinem Eigenen, denn er ist ein Lügner und der Vater derselben" (Johannes 8, 44). Und wie er ist, so sind es auch die gesamten geistlichen Mächte der Bosheit, die ihm ergeben sind. Ein sehr bevorstehender Charakter des Teufels und seiner Mächte ist zudem ihre List.
Wären wir dieser wichtigen Tatsachen immer eingedenk, wären wir weniger geneigt nachzugeben, wenn der Feind uns mit ganz feiner List unter dem schönen Gewand "kleine zeitgemäße Abweichungen" vom Worte Gottes, "zeitbedingte" Kompromisse mit dem Geiste der Welt usw. mundgerecht machen will. Wir würden hinter der feinsten List die stets lügnerische mörderische Absicht des Feindes der Seelen erkennen und ihm bestimmt und standhaft mit dem Worte und mit der ganzen Waffenrüstung Gottes kategorisch entgegentreten. Wie viele ungeheuer schädliche Dinge hat der Feind im Laufe der Jahrhunderte teils mit List, teils mit roher Gewalt in die Christenheit hereingebracht! Wie oft schienen vielen Gläubigen die Abweichungen vom Worte Gottes im Anfang "harmlos" und wie schädlich wurde ihre ganze Entfaltung im Laufe der Zeit. Denken wir z. B. an die Beeinflussung durch die judaisierenden falschen Lehrer, gegen welche der Apostel im Galaterbrief so kräftig anstürmt. Sind sie nicht in ihrer späteren Entwicklung zum ausgesprochenen Merkmal eines großen Teiles der Christenheit geworden bis auf unsere Tage? Denken wir an die Verbindung der Kirche mit der Welt wie sie im Sendschreiben an Pergamus gekennzeichnet ist. Welche ungeheuren Folgen hatte sie zum Schaden der Christenheit! Wie harmlos suchen sich selbst in unsern Tagen die fatalsten Irrtümer inmitten der Kinder Gottes einzuschleichen! Welches wird das Ergebnis all dieser Dinge sein? Ist es nicht, dass der Geist Gottes letzten Endes das was einst die Kirche des Herrn war, kennzeichnen muss mit dem Worte: Babylon ist eine Behausung von Dämonen geworden und ein Gewahrsam jedes unreinen Geistes und ein Gewahrsam jedes unreinen und gehassten Vogels (Off. 18,2).
O möchten wir daher nicht nachlassen in der Wachsamkeit und im treuen Bewahren des Wortes Gottes. Es ist klar, dass wir in uns selbst ganz und gar unfähig sind, diesen mächtigen Feinden zu widerstehen. Die listigen Verführungen des Teufels würden uns sehr bald verwirren, wollten wir in eigener Kraft gegen ihn streiten. Da wo der Apostel über den Kampf gegen die geistlichen Mächte der Bosheit zu reden beginnt, ruft er uns darum zu: "Übrigens, Brüder, seid stark in dem Herrn und in der Macht Seiner Stärke" (Vers 10). Um in diesem Kampf den Sieg davonzutragen, müssen wir die Kraft des Herrn besitzen; wir müssen in Seiner Gemeinschaft sein, damit wir uns Seiner Kraft gegen die Listen des Feindes bedienen können. Nur in der Gemeinschaft mit Gott kann man sich für den Kampf stärken. Glücklicherweise können wir uns zu jeder Zeit in dieser Gemeinschaft befinden, und nichts braucht uns zu hindern, stets in Gottes Gegenwart zu sein.
In zweiter Linie brauchen wir die ganze Waffenrüstung; wenn uns eine Waffe fehlt, sind wir den Angriffen Satans preisgegeben. Und diese Waffenrüstung muss die von Gott sein, göttlich in ihrer Natur. Menschliche Waffen könnten den Schlägen des Feindes nicht widerstehen. "Deshalb nehmet die ganze Waffenrüstung Gottes, dass ihr an dem bösen Tage zu widerstehen und, nachdem ihr alles ausgerichtet habt, zu stehen vermöget" (Vers 13). Im allgemeinen kann die Zeit, seitdem der Herr Jesus gekreuzigt wurde und der Teufel den Titel "Fürst dieser 'Welt" erhielt, der "böse Tag" genannt werden dennoch meint der Apostel hier etwas besonderes, wenn er sagt: "Dass ihr an dem bösen Tage zu widerstehen vermöget". Es gibt Zeiten, wo die Macht des Teufels sich besonders bemerkbar macht und die Gefahr größer ist als gewöhnlich; und es sind diese Zeiten, die hier eigens "der böse Tag" genannt werden. Diese Zeiten muss der Christ voraussehen; wenn sie kommen, dann ist es zu spät, die Waffenrüstung anzuziehen; man muss zu jeder Zeit bereit sein, um widerstehen zu können. "Der böse Tag" muss uns gewappnet finden, sollen wir mit Erfolg Widerstand leisten können. Aber das ist nicht genug. Wie oft kommt es vor, dass ein Gläubiger, der lang und tapfer gegen den Feind gestritten und ihn besiegt hat, doch seine Waffen niederlegt, um vom Kampf auszuruhen und so zuletzt doch eine Beute des Feindes wird. Deshalb ist es nicht genug, zu widerstehen, sondern wir müssen "nachdem wir alles ausgerichtet haben, zu stehen vermögen."
Bei der Beschreibung der Waffenrüstung denkt nun der Apostel nicht an die Stellung, wie wir sie vor Gott einnehmen, sondern an unsern wirklichen praktischen Zustand. Es ist hier ja keine Rede von unserm Erscheinen vor Gott, sondern von unserm Widerstand gegen den Teufel. Vor Gott ist unsere Gerechtigkeit vollkommen, denn Christus selber ist unsere Gerechtigkeit; "wir sind die Gerechtigkeit Gottes in Ihm". Wir sind bereits in die himmlischen Örter versetzt in Christus. Was unsere Stellung vor Gott betrifft, ist alles vollkommen; es kann nichts mehr dazugefügt werden, und darum kann in dieser Hinsicht keine Rede sein vom Anziehen der Waffenrüstung.
Wir sind Kinder Gottes, Christen, und leben aber in einer gottfeindlichen Welt, deren Fürst vorläufig noch der Satan ist. Unser Leben, wenn es anders in Übereinstimmung mit unserer hohen himmlischen Berufung ist, steht in völligem Widerspruch zu allen Grundsätzen einer durch Satan beeinflussten und beherrschten Welt. Der Feind wendet jedes Mittel an, um uns in unsern persönlichen und gemeinsamen Wegen als Kinder Gottes von den göttlichen Richtlinien abzuwenden und unser Zeugnis und unsern Einfluss inmitten der Menschen, die uns umgeben, zunichte zu machen. Die Waffenrüstung Gottes und die Anweisungen unseres Kapitels sind die Mittel, die Gott uns gibt, damit wir allen Anstrengungen des Feindes zum Trotz persönlich und gemeinsam unsern Charakter als Christen gottgemäß bewahren, uns inmitten feindlicher Strömungen zu behaupten vermögen, ähnlich einer belagerten Stadt, gegen welche der Feind immer wieder vergeblich anstürmt. So ist der ganze hier beschriebene Kampf "defensiv", d. h. wir haben unter allen Umständen unsere Stellung zu behaupten. Selbst das Schwert des Geistes, wurde vom Herrn "defensiv" gebraucht, als Er bei der Versuchung in der Wüste dem Feinde das "Es steht geschrieben" immer wieder entgegenwarf (Mat. 4,4.7.10).
Um dem Teufel zu widerstehen und ihn zu besiegen, ist es nicht genügend, dass wir Christen sind und dass unsere Stellung vor Gott vollkommen ist; wir müssen außerdem in einem guten praktischen Zustand sein, um dem Teufel keine Angriffsmöglichkeit zu bieten. Es genügt nicht, das Bewusstsein unserer Errettung zu haben, sondern wir müssen in der Gemeinschaft Gottes wandeln; unser Verhalten muss in Übereinstimmung sein mit der Heiligkeit und Liebe Gottes.
Betrachten wir nun die Waffen, mit denen wir ausgerüstet sein müssen. Paulus nahm einen römischen Kriegsknecht, so wie er in seiner vollen Waffenrüstung in den Kampf zieht, zum Vorbild, um uns die geistliche Waffenrüstung zu beschreiben. Sein Leib ist mit einem Brustharnisch bedeckt, seine Lenden sind umgürtet und seine Füße beschuht; auf dem Kopf hat er einen Helm, und alles, was entblößt geblieben ist, wird von einem Schild beschirmt, während sein Schwert sowohl zur Abwehr als zum Angreifen dient. Fehlt ihm eine Waffe, dann ist er dem Feind nicht mehr gewachsen und läuft Gefahr, überwunden zu werden. Ebenso kann der Christ nur dann, wenn er mit der ganzen Waffenrüstung bekleidet ist, den Feind ruhig erwarten und ihm entgegentreten.
"Stehet nun, eure Lenden umgürtet mit Wahrheit." Das ist das erste Erfordernis. Wozu dient ein Gürtel? Uns zu befähigen, unsere Kräfte zusammenzufassen, um im Kampf oder im Wettlauf stark zu sein. Unser Gürtel muss die Wahrheit sein. Und sicher haben wir dies in erster Linie nötig, weil unser Gegner, der Teufel, der Lügner von Anfang ist. Wie könnten wir ihm widerstehen, wenn die Wahrheit nicht in unsern Herzen wohnte? Wie könnten wir in Gottes Gemeinschaft Kraft finden gegenüber seinen Anläufen, wenn wir uns selber nicht in aller Aufrichtigkeit in das Licht Gottes stellten und richteten? ja, wenn die Wahrheit uns ganz erfüllt, bleibt kein Raum für den Eigenwillen; der Teufel findet in unseren Herzen nichts, was seinen Absichten Vorschub leisten könnte. Zugleich lernt man den Willen Gottes kennen, sodass man sofort die List des Feindes erkennen kann.
Die zweite Waffe ist "der Brustharnisch der Gerechtigkeit". Wie wir bereits erwähnten, kann es sich nicht um die Gerechtigkeit handeln, die wir in Christus vor Gott besitzen, sondern um die Gerechtigkeit, die sich im Wandel offenbart; ein Gewissen zu haben, das sich nichts vorzuwerfen hat. Schon der natürliche Mensch weiß, dass ein schlechtes Gewissen ihm die Freimütigkeit vor den Menschen raubt; und wie viel mehr wird der Christ seine Sicherheit und Kraft vor dem Feind einbüßen, wenn sein Gewissen belastet ist. Ist aber das Gewissen rein, geht man ohne Furcht dem Feind entgegen. Das ist die Kraft eines guten Betragens, eines Gewissens ohne Vorwurf. "Darum übe ich mich auch", sagt der Apostel, "allezeit ein Gewissen ohne Anstoß zu haben vor Gott und den Menschen" (Apostelg. 24, 16).
In Verbindung damit steht das Schuhwerk. "Und beschuht an den Füßen mit der Bereitschaft des Evangeliums des Friedens" (Vers 15). Haben wir ein gutes Gewissen, dann wird der Friede Gottes unsere Herzen erfüllen, denn "die Furcht der Gerechtigkeit ist Friede". Wenn aber mein Gewissen beschwert ist, dann bin ich über mich selbst nicht Herr. Genießt aber das Herz den Frieden Gottes und hat sich das Gewissen nichts vorzuwerfen, dann wandelt man im Geist des Friedens mit allen. Und zugleich werden wir nicht beunruhigt durch all die Mühseligkeiten und Sorgen des irdischen Lebens. Wir wandeln in der vollkommensten Ruhe inmitten des heftigsten Kampfes. Nichts stört unsere Gemeinschaft mit Gott, und der Friede Jesu erfüllt unsere Herzen.
Schau auf den Wandel von Jesus und sage mir, woher es kam, dass Er sich überall, selbst inmitten Seiner bittersten Feinde, mit der größten Freimütigkeit bewegte, sag mir, ob du nicht getroffen wirst durch Seinen offenen Blick, Seinen heiligen Ernst, Seine liebreiche Sanftmut; sag mir, woher es kam, dass die Juden vor Ihm so ängstlich waren, obwohl sie Ihn doch so hassten; und wie es möglich war, dass Er selbst im heftigsten Kampf ruhig und gelassen blieb. Woher kam das? Weil er mit Wahrheit und Aufrichtigkeit erfüllt war, weil Er in allem ein unbeflecktes Gewissen vor Gott und den Menschen hatte, und in fortwährender Gemeinschaft mit Seinem Vater wandelte. Nun, lasst uns Ihm nachfolgen, dann wird dieselbe Ruhe und Gelassenheit unser Teil sein, dann werden wir überall und zu allen Zeiten unser Auge freimütig aufheben dürfen, gleichgültig, welchen Feinden wir gegenüberstehen.
"Indem ihr über das alles ergriffen habt den Schild des Glaubens", fährt der Apostel fort, "mit welchem ihr imstande sein werdet, alle feurigen Pfeile des Bösen auszulöschen" (Vers 16). Für einen römischen Soldaten war nichts von größerer Wichtigkeit als sein Schild. Wenn er mit allen andern Waffen ausgerüstet war, aber seinen Schild vergessen hatte, dann war er untüchtig zum Kampf, da die Tausende von Pfeilen, die um ihn herum flogen, zwischen den verschiedenen Teilen seiner Rüstung hindurch dringen und ihn verletzen, gar töten konnten. Und was könnten wir ohne Glauben im Kampf gegen den Teufel ausrichten? Sicherlich nichts. Der Apostel meint hier natürlich nicht den Glauben an den Herrn Jesus, sondern das Vertrauen auf Gott, das Vertrauen sowohl in Seine Liebe und Treue, als auch in Seine Macht. Dieser Glaube setzt uns instand, alle feurigen Pfeile des Bösen auszulöschen. Satan mag die schärfsten und giftigsten Pfeile auf mich, abschießen, die stärksten Versuchungen an mich herankommen lassen, die heftigsten Schläge austeilen wollen, mit dem Schild in der Hand werde ich alle Angriffe abweisen können. Die Schrift selbst gibt uns hiervon viele Beweise. Denken wir nur an David in seinem Kampf mit Goliath, an die Israeliten vor Jericho, an die große Reihe der Glaubenshelden in Hebräer 11, vor allem aber an Jesus Christus selbst, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Folgen wir Ihm nach, und unser Glaube wird den Sieg behalten.
Eine weitere Waffe ist "der Helm des Heils" (Vers 17). Diese Bewehrung haben wir ebenso nötig wie den Brustharnisch der Gerechtigkeit. Unser Haupt muss bedeckt sein, wenn wir imstande sein sollen, frei empor zu blicken. Unser Helm ist der Helm des Heils. Die Gewissheit und der Genuss der in Christus vollbrachten Erlösung muss unser Herz erfüllen; dann sind wir fähig zu sagen: "Wenn Gott für uns ist, wer wider uns?" Inmitten aller Angriffe des Feindes können wir dann unser Haupt emporheben und ausrufen: "Wer wird wider Gottes Auserwählte Anklage erheben?"
So mit allen Waffen zu unserm Schutz und Wehr ausgerüstet, sind wir fähig, uns auch des Schwertes des Geistes zu bedienen. Dieses ist unüberwindlich, wenn wir es zu handhaben wissen; Beweis dafür ist der Kampf des Herrn mit Satan in der Wüste. Dieses Schwert ist das Wort Gottes. In all den Versuchungen des Teufels antwortete Jesus stets und ausschließlich mit dem Wort Gottes; und darin bestand Seine Kraft. Keine Beweisführungen, mögen sie auch noch so richtig erscheinen, können uns etwas nützen; das Wort Gottes allein, das "lebendig und wirksam ist und schärfer als jedes zweischneidige Schwert", kann den Feind zum Schweigen bringen. Ach, wie wenig wird das Wort Gottes von den Christen gebraucht; wie viele gebrauchen ihre eigenen Worte und Beweisführungen an Stelle des Wortes Gottes; ja, sie streiten lieber über die Wahrheit dieses Wortes, anstatt es zu gebrauchen. Die Tauglichkeit eines Schwertes lässt sich nicht beweisen, aber wohl fühlen; und darum sind alle Beweisführungen über das Schwert verlorene Zeit und Mühe. Lasst es uns nur gebrauchen, wir werden sofort die Wirkung sehen!
Doch um dies tun zu können, ist die Kenntnis des Schwertes, des Wortes Gottes, notwendig. Man muss das Wort so kennen, dass man auf jede Versuchung, auf jeden Angriff des Feindes mit demselben antworten kann. O, lasst uns doch Gottes Wort erforschen! Es ist tief bedauerlich, dass viele Christen so wenig mit der Bibel bekannt sind und sich so wenig darauf verlegen, den Inhalt des Buches ihres Vaters kennen zu lernen. Der Feind sieht nichts lieber als das; denn er weiß, dass man dann seinen Angriffen nicht gewachsen ist und ihm keinen Abbruch tun kann. Aber wenn wir des Herrn Wort erforschen, müssen wir wohl bedenken, dass kein menschlicher Verstand oder Geist uns helfen kann, sondern dass der Heilige Geist uns lehren muss es zu verstehen. Es ist das Schwert des Geistes. Unsere Waffen sind nicht fleischlich, sondern geistlich; und darum müssen wir erfüllt sein mit der Erkenntnis des Willens Gottes "in aller Weisheit und geistlichem Verständnis" (Kol. 1, 9).
Das ist die Waffenrüstung, die wir anzuziehen haben, um am bösen Tag widerstehen zu können. Sind wir mit derselben angetan, können wir freimütig den Feind erwarten, ja, ihm entgegengehen. Aber mit dem Anziehen dieser Waffenrüstung muss ein Zustand des Herzens verbunden sein, der uns Kraft gibt, die Waffen zu handhaben, so dass wir als eifrige, tapfere Streiter dem Feinde gegenüberstehen. Es ist die gänzliche Abhängigkeit von Gott, verbunden mit dem Vertrauen, das sich im Gebet ausdrückt. Diese Abhängigkeit muss dauernd sein. Wenn sie wirklich vorhanden ist, dann drückt sie sich aus im Gebet; sie sucht die Kraft, die sie nicht hat, und sie sucht sie bei Dem, dem sie restlos vertrauen kann. "Zu aller Zeit betend mit allem Gebet und Flehen in dem Geiste, und eben hierzu wachend in allem Anliegen und Flehen für alle Heiligen, und für mich, dass mir Rede verliehen werde im Auftun meines Mundes, um mit Freimütigkeit kundzutun das Geheimnis des Evangeliums, für welches ich ein Gesandter bin in Ketten, damit ich in demselben freimütig rede, wie ich reden soll" (Verse 18–20). Dieses Gebet ist der Ausdruck der Bedürfnisse des Menschen, der Wünsche des Herzens, in der Kraft des Heiligen Geistes, der diese Bedürfnisse und Wünsche weckt. Und weil es ein vom Geist gewirktes Gebet ist, umfasst es alle Heiligen. Denn wo die Gegenwart Gottes so verwirklicht wird, da ist das Herz weit geöffnet für alle, da erstrecken sich die Zuneigungen des Herzens auf alle, die von Jesus geliebt werden. Der Geist Gottes kann nicht anders, als diese Gemeinschaft mit allen Heiligen in uns zu erwecken, aber vor allem bewirkt Er in uns das Gebet für die, welche den Namen des Herrn verkündigen, die inmitten vielerlei Beschwerden und Mühseligkeiten das Evangelium predigen und in der Versammlung tätig sind. Sie vor allem bedürfen der Fürbitte der Heiligen; und es ist herrlich, aus dem Munde des Apostels zu hören wie er, der so reich vom Herrn gesegnet war, das Bedürfnis nach dieser Fürbitte empfand. Paulus fühlte seine eigene Schwachheit und zugleich die Kraft des Gebets, und darum dringt er hier so sehr darauf, seiner allezeit zu gedenken. Möchten alle, die wie er im Werk des Herrn arbeiten, mit demselben Bedürfnis erfüllt sein. Und möchten alle, die Jesus lieb haben, ihrer herrlichen Berufung entsprechen, indem sie im Gebet alle Heiligen, vornehmlich die, welche für den Herrn arbeiten, auf betendem Herzen tragen.
Die Ermahnung des Apostels zum Gebet für die Freimütige Verkündigung des Geheimnisses des Evangeliums steht so gut wie die Waffenrüstung in enger Verbindung mit dem Kampf, den wir Christen wider die geistlichen Mächte der Bosheit zu führen haben. Denn die treue Verkündigung der Wahrheit bedeutet an und für sich schon eine wirkliche und tatkräftige Abwehr gegen den Irrtum. Im Reiche der Natur wird ein Feld, das nicht mit gutem Samen besät wird, bald von jedem Unkraut überwuchert werden. Möchte daher ein jeder Bruder, der vom Herrn eine diesbezügliche Gabe empfangen hat, treu sein in der Verkündigung des Wortes.
Als Paulus diesen Brief schrieb, war er im Gefängnis, wahrscheinlich in Rom. Es war darum kein Wunder, dass die Epheser, die so sehr mit ihm verbunden waren, unter denen er so lange Zeit mit soviel Segen gewirkt hatte, danach verlangten, etwas von ihm zu hören. Und es ist ein Beweis der herzlichen Zuneigung und selbstlosen Liebe des Apostels, dass er ihnen den geliebten Bruder und treuen Diener im Herrn, Tychikus, sendet, damit er sie mit seinen Umständen bekannt mache und ihre Herzen getröstet würden (Vers 21, 22).
Der Apostel Paulus hat uns in diesem Briefe durch den Heiligen Geist die himmlische Stellung und die himmlische Berufung der Gemeinde geoffenbart. Die Epheser, an welche er schrieb, waren in einem solch guten Zustand, dass er ihnen keinen einzigen Verweis zu geben brauchte. Er wünschte ihnen "Friede und Liebe mit Glauben von Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!" und schließt dann mit der Bitte:
"Die Gnade mit allen denen, die unsern Herrn Jesus Christus lieben in Unverderblichkeit!"
H C Voorhoeve