Das Evangelium nach Matthäus
Bibelkommentar von F B Hole
Überarbeitete Fassung
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- Matthäus 8
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- Matthäus 10
- Matthäus 11
- Matthäus 12
- Matthäus 13
- Matthäus 14
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- Matthäus 16
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- Matthäus 18
- Matthäus 19
- Matthäus 20
- Matthäus 21
- Matthäus 22
- Matthäus 23
- Matthäus 24
- Matthäus 25
- Matthäus 26
- Matthäus 27
- Matthäus 28
Kapitel 1
Der Wortlaut des ersten Verses im Neuen Testament lenkt unsere Gedanken zurück zum ersten Buch des Alten Testaments, dem 1. Buch Mose oder Genesis, insofern als "Geschlecht" die griechische Übersetzung des Wortes Genesis ist. Matthäus im besonderen und das ganze Neue Testament im allgemeinen ist das "Buch des Geschlechts Jesu Christi". Wenn wir im 1. Buch Mose nachschlagen, finden wir dort eine Aufgliederung in sieben Abschnitte, und jeder von ihnen beginnt mit einer Aussage über "Geschlechter". Der dritte Abschnitt beginnt: "Dies ist das Buch von Adams Geschlechtern" (5,1); und das ganze Alte Testament entfaltet uns die traurige Geschichte Adams und seines Geschlechts, um dann mit dem "Bann" (Mal 4,6) schrecklich und doch völlig angemessen zu enden. Wie tröstlich, dass wir uns von den Geschlechtern Adams zu dem "Geschlecht Jesu Christi" wenden dürfen, denn hier wird die Gnade eingeführt, und in ihrem Zeichen endet das Neue Testament (Offb 22,21).
Jesus wird sogleich in einer zweifachen Weise vorgestellt. Er ist der Sohn Davids, und deshalb gehört Ihm die königliche Krone, die Gott zuerst dem David verlieh. Er ist auch der Sohn Abrahams, von daher hat Er das Anrecht auf das Land, und aller verheißene Segen ist Ihm übertragen. Nachdem dies festgestellt ist, wird Sein Geschlechtsregister aufgeführt, von Abraham bis Joseph, dem Mann der Maria. Dies ist wohl das "offizielle" Geschlechtsregister, entsprechend der jüdischen Darstellungsweise. Auffällig an dieser Liste sind ihre Auslassungen, da drei Könige, deren Namen in engem Zusammenhang mit der schändlichen Athalja stehen, in Vers 8 weggelassen sind; und die Zusammenfassung von dreimal "vierzehn Geschlechtern", wie sie Vers 17 gibt, zeigt, dass sie nicht zufällig weggelassen sind, sondern dass Gott sie verleugnet und sich weigert, die Könige zu zählen, die unmittelbar von dieser Baals Anbeterin abstammten.
Weiterhin ist bemerkenswert, dass die Namen von nur vier Frauen aufgeführt sind, und es sind durchaus nicht solche, die wir erwartet hätten. Zwei von den vieren waren Heidinnen, jüdischem Stolz wenig zuträglich; doch bewiesen beide einen auffallenden Glauben, obwohl eine von ihnen einen unmoralischen Lebenswandel geführt hatte, wie er für die heidnische Welt bezeichnend war. Die beiden anderen waren israelitischer Abstammung, doch von ungutem Ruf, und von keiner ist uns etwas Ehrenvolles bekannt. Der Name Bathsebas wird nicht einmal erwähnt; sie ist lediglich die "Frau des Urias", womit mindere Anerkennung ausgedrückt wird. Und wiederum musste all das den jüdischen Stolz verletzen. Das Geschlechtsregister unseres Herrn fügt Ihm wahrlich nichts hinzu. Doch verbürgte es Seine echte Menschheit und die Tatsache, dass die Rechte, die David und Abraham gegeben waren, legalerweise auf Ihn übergingen.
Wenn nun die ersten 17 Verse sicherstellen, dass Jesus wirklich ein Mensch war, so geben uns die folgenden Verse des Kapitels die Gewissheit, dass Er noch weit mehr als ein Mensch war, nämlich Gott selbst, unter uns gegenwärtig. Durch einen Engel wird dem Joseph als dem Verlobten der Maria mitgeteilt, dass das von ihr erwartete Kind vom Heiligen Geist gezeugt war und dass es nach Seiner Geburt den Namen Jesus tragen sollte. Er wird Sein Volk erretten von ihren Sünden, und darum wird Sein Name Jesus (d.i. Jehova ist Rettung) sein. Nur Gott kann im Blick auf Dinge, die sich in der Zukunft erfüllen, den rechten Namen bestimmen. Wie völlig ist dieser große Name bestätigt worden! Was für eine Ernte an erretteten Menschen wird in künftigen Tagen eingebracht werden, und sie alle werden von ihren Sünden errettet sein, und nicht nur von dem Gericht, das ihre Sünden verdiente! Nur "sein Volk" wird in dieser Weise an dieser Errettung teilhaben. Um diese Errettung zu kennen, muss man durch den Glauben an Ihn unter ihnen eingeschrieben sein.
So wurde die Weissagung in Jesaja 7,14 erfüllt, wo die Größe und Macht des kommenden Erretters so klar angezeigt worden war. Sein prophetischer Name, Emmanuel, kündigte an, dass Er Gott sein würde, offenbart im Fleisch – Gott mitten unter uns in einer weit wunderbareren Weise, als Er je in der Mitte Israels in den Tagen Moses offenbart war, auch weit wunderbarer im Vergleich zu Seiner Gegenwart, wie Adam sie erlebte in der Zeit, bevor die Sünde in die Welt kam. Die beiden Namen sind innig miteinander verbunden. Dass Gott bei uns ist, ohne dass wir von unseren Sünden errettet sind, wäre unmöglich: Seine Gegenwart würde uns im Gericht verzehren. Dass wir von unseren Sünden gerettet sind, ohne dass Gott uns nahe gebracht ist, wäre möglich gewesen, aber dann hätte das Werk der Gnade seine höchste Herrlichkeit eingebüßt. Durch das Kommen Jesu fällt uns beides zu. Gott ist uns nahe gebracht, unsere Sünden sind entfernt, und wir sind zu Ihm gebracht worden.
Kapitel 2
Die Verse, die dieses Kapitel einleiten, werfen ein helles und durchdringendes Licht auf die Verhältnisse, die in jenen Tagen unter den Juden in Jerusalem vorherrschten. S le waren die Nachkommen der Juden, die unter Serubbabel, Esra und Nehemia zurückgekehrt waren. Der König der Juden war in Bethlehem geboren, und doch wussten sie über Wochen hin nichts von Ihm. Dass der König Herodes in Unwissenheit sein würde, überrascht eigentlich nicht, denn er war kein Israelit, sondern ein Idumäer. Aber von allem Volk hätten doch die Hohenpriester von diesem großen Ereignis unterrichtet sein müssen, denn sie hatten angeblich darauf gewartet – auf die Geburt des Messias. In Lukas 2 finden wir, dass das Ereignis innerhalb weniger Stunden vom Himmel her einfachen, demütigen Menschen, die Gott fürchteten, mitgeteilt wurde. Der Psalmist hat uns gesagt, dass "das Geheimnis Jehovas" für die ist, die "ihn fürchten" (25,14), und Beispiele dafür sind die Hirten und andere; aber die religiösen Führer in Jerusalem gehörten nicht zu diesen, statt dessen aber zu den "Übermütigen", die die Menschen "glücklich preisen" (siehe Mal 3,15.16). Sie waren folglich ebenso in der Finsternis wie der böse Herodes.
Aber es gibt Schlimmeres als das. Es überrascht, wie gesagt, nicht, dass Herodes beunruhigt wurde, als er die Nachricht hörte, denn für ihn handelte es sich offensichtlich uni einen Rivalen, der Ansprüche an seinen Thron stellte. Doch wir lesen, dass nicht nur er bestürzt war, sondern "ganz– Jerusalem mit ihm". So bedeutet die Ankunft des Erretters nicht Jubel, sondern Bestürzung inmitten eben dieses Volkes, das Ihn zu erwarten bekannte! Offensichtlich lag hier etwas gänzlich verkehrt, denn bis jetzt war all ihre instinktive Reaktion nichts als Abwehr. Sie hatten Ihn nicht gesehen. Er hatte bis jetzt nichts getan, und doch fühlten sie, dass Sein Kommen ihnen wohl eher ihr Vergnügen stören statt ihre Hoffnungen erfüllen würde.
Doch diese Leute waren in ihren Schriften durchaus bewandert. Sie waren in der Lage, die Anfrage des Herodes unverzüglich und richtig Zu beantworten, indem sie Micha 5,1 anführten. Sie hatten das Wissen, das aufbläht, und so hatten sie nicht erkannt, wie sie erkennen sollten (siehe 1. Kor 8,1.2), und was sie wussten, stellten sie in den Dienst des Widersachers. Der "große, feuerrote Drache" (Offb 12,3–5) des Römischen Weltreichs, dessen Macht im örtlichen Bereich dem Herodes verliehen war, bereitete sich vor, das "männliche Kind" zu verschlingen, und sie waren bereit, ihm dabei zu helfen. Sie verfügten über die falsche Art von Schriftkenntnis und dienen als Zeichen der Warnung für uns.
Die von ihnen zitierte Schriftstelle stellt uns den Herrn als "Herrscher" vor, der regieren sollte. Der Prophet Micha hat dabei allein Israel vor Augen, aber wir wissen, dass Seine Herrschaft weltweit sein wird; und das ist die dritte Weise, in der Er uns vorgestellt wird. In JESUS sehen wir Gott kommen, um zu retten. In EMMANUEL sehen wir Gott kommen, um zu wohnen. Als HERRSCHER sehen wir Gott kommen, um zu regieren. Es war immer Sein Gedanke, bei den Menschen zu wohnen, alles nach Seinem Wohlgefallen zu lenken und zu erfüllen, dass Er kommen musste, um zu erretten.
Wenn das Kindlein in Bethlehem gefunden wurde, so lag darin ein Beweis dafür, dass alle drei Dinge geschehen würden, und wenn Jerusalem auch unwissend war und sich feindlich zeigte, so waren da doch Helden aus dem Osten, die es zu Seinem "Aufgang aus der Höhe" zog und die in Ihm den König der Juden erkannten. Erfassen wir, wie sehr sie die religiösen Führer in Jerusalem verurteilten'? Die Hirten in Lukas 2 wussten von Seiner Geburt innerhalb weniger Stunden, diese östlichen Sternkundigen innerhalb weniger Tage oder höchstens einiger Wochen. Es müssen jedoch mehrere Monate vergangen sein, bevor den Priestern und Schriftgelehrten eine schwache Ahnung davon aufging, was geschehen war. Zuerst durch einen Stern und dann durch einen Traum sprach Gott zu den weisen Männern, aber zu den Religiösen in Jerusalem sprach Er überhaupt nicht, und doch hatte es Tage gegeben, wo die Hohenpriester in ihrer Mitte durch die Urim und Thummim mit Gott in Verbindung gestanden hatten. Jetzt schwieg Gott ihnen gegenüber. Ihr Zustand war, wie wir ihn in Maleachi beschrieben finden, Lind wahrscheinlich noch schlimmer.
In Herodes sehen wir skrupellose Macht und Verschlagenheit. Nachdem seine Absichten von dem Verhalten der Weisen durchkreuzt waren, meinte er durch den Befehl zur Ermordung der bethlehemitischen Knaben jede ihm drohende Gefahr abwenden zu können. Die Tatsache, dass er ein Lebensalter von bis zu zwei Jahren festsetzte, lässt erkennen, dass die Zeit zwischen der Erscheinung des Sterns und der Ankunft der Weisen in Jerusalem jedenfalls Monate umfasste. Sein erbarmungsloses, boshaftes Handeln erfüllte Jeremia 31,15. Wenn wir diesen Vers in seinem Zusammenhang lesen, sehen wir, dass seine endgültige und vollständige Erfüllung in den letzten Tagen geschehen wird, wenn Gott die Tränen der Rahel für immer trocknen wird, indem Er ihre Kinder aus dem Land des Feindes zurückführt. Was damals in Bethlehem geschah, war die gleiche Sache, nur in kleinerem Ausmaß.
Herodes kämpfte jedoch gegen Gott, der seine Absicht vereitelte, indem Er Seinen Engel zum zweiten Mal in einem Traum zu Joseph sandte. Das Kindlein wurde nach Ägypten gebracht, und so fand Hosea 11, 1 eine denkwürdige Erfüllung, und Jesus begann, den Weg Israels in der Geschichte noch einmal zu gehen. Gott war es ein Leichtes, den von Herodes verfolgten Plan zu zerschlagen, und ebenso leicht handelte Er wenig später mit Herodes selbst. Matthäus verschwendet keine Worte, um sein Ende zu beschreiben. Er berichtet uns einfach, dass, als Herodes gestorben war", der Engel zum dritten Mal dem Joseph im Traum erschien, um ihn zur Rückkehr in das Land zu veranlassen, denn der Tod hatte die weggenommen, die dem Kindlein nach dem Leben trachteten.
Joseph dachte zuerst offensichtlich daran, nach Judäa zurückzukehren; aber als ihn Nachrichten von Archelaus, dem Nachfolger seines Vaters Herodes, erreichten, fürchtete er sich und zögerte. Zum vierten mal gab ihm Gott Anweisung durch einen Traum. So wurden er, Maria und das Kindlein nach Nazareth zurückgeführt, woher er ursprünglich gekommen war, wie uns Lukas berichtet. Es ist lehrreich zu sehen, wie Gott bei all diesen frühen Wanderungen die Führung übernahm, teils durch Umstände wie die Verordnung des Augustus und die Nachrichten über Archelaus, teils durch Träume. So wurden die Pläne des Widersachers durchkreuzt. Der "Türhüter" hielt die Tür zum "Schafhof" offen, damit der wahre Hirte eintreten könnte, trotz allem, was der Feind zu tun vermochte. So wurden die Schriften erfüllt: Jesus wurde nicht nur aus Ägypten zurückgeführt, sondern Er wurde auch als der Nazarener bekannt.
Kein Prophet des Alten Testaments sagte voraus, dass Er "ein Nazarener" sein würde, trotz vieler Schriftstellen, die Ihn betrafen, aber mehr als einer sprach davon, dass Er verachtet und geschmäht werden würde. Deshalb heißt es in Vers 23 "die Propheten", und nicht ein besonderer Prophet. Sie hatten mitgeteilt, dass Er verachtet sein würde, was zur Zeit des Herrn in dem Beinamen "Nazarener" ausgedrückt wurde.
"Nazarener" ist der vierte Name, der unserem Herrn zu Beginn dieses Evangeliums gegeben wird. Er ist, wie wir gesehen haben, Jesus, Emmanuel, Herrscher; aber Er ist auch der Nazarener. Gott kann zu den Menschen kommen, um zu retten, zu wohnen, zu herrschen; doch ach! Er wird "verachtet und verlassen von den Menschen" sein.
Kapitel 3
Das dritte Kapitel stellt Johannes den Täufer vor, und zwar ohne irgendwelche Vorbemerkungen hinsichtlich seiner Geburt und Herkunft. Er erfüllte die Weissagung Jesajas. Er predigte in der Wüste, abseits der Wohngebiete der Menschen. Ungewöhnlich waren auch seine Kleidung und Nahrung. Sein Thema war die Buße angesichts der Nähe des Reiches der Himmel. Es war ein ganz einzigartiger Dienst. Welcher andere Prediger hat sich die Wüste als den geographischen Bereich seines Dienstes ausgesucht? Der Evangelist Philippus suchte in der Tat eine Gegend der südlichen Wüste auf, um dort einem einzelnen besonderen Menschen zu begegnen. Doch die Kraft Gottes war mit Johannes in einer Weise, dass die Volksmengen ihm zuströmten und zu seiner Taufe geführt wurden, indem sie ihre Sünden bekannten.
In diesem Evangelium wird häufig der Ausdruck "Reich der Himmel" erwähnt, und hier ist das erste Beispiel. Matthäus bietet dazu keine Erklärung, noch berichtet er eine Erläuterung, die Johannes gegeben hätte. Der Grund liegt zweifellos darin, dass die Ankunft eines Tages, an dem "der Gott des Himmels" ein Reich aufrichten würde und alle sehen würden, dass "die Himmel herrschen", im Buch Daniel vorausgesagt worden war. Daher konnte der Begriff seinen Hörern oder einem jüdischen Leser nicht fremd sein. Derselbe Prophet hatte ein Gesicht von dem Sohn des Menschen, wie Er mit den Wolken des Himmels kommt und das Reich übernimmt, das auch die Heiligen mit Ihm besitzen werden. Nun war das Reich nahe gekommen, da Jesus Christus, der Sohn Davids, sich unter den Menschen aufhielt.
Wenn wirklich ein echtes und machtvolles Werk Gottes geschieht, möchten die Menschen nicht abseits stehen, insbesondere wenn sie religiöse Führer sind. Deshalb kommen auch Pharisäer und Sadduzäer zu der Taufe des Johannes. Er durchschaute sie allerdings mit prophetischem Scharfblick. Er riss ihnen die Maske ab als solchen, die die Kennzeichen der Schlange aufwiesen, und warnte sie vor dem über sie kommenden Zorn. Er wusste, dass sie sich rühmten, echte Nachkommen Abrahams zu sein, und so zog er ihnen diese Stütze weg und zeigte ihnen, dass sie vor Gott wertlos war. Nichts außer wahrer Buße könne etwas ausrichten, und seine Taufe war eine Taufe zur Buße. Sie musste echt sein und angemessene Früchte hervorbringen. Jakobus beharrt in seinem Brief darauf, dass der Glaube, wenn er wirklich und lebendig ist, sich in entsprechenden Werken zeigen muss. Dasselbe fordert hier Johannes im Blick auf die Buße.
Diese Verse in der Mitte von Kapitel 3 vermitteln uns einen flüchtigen Eindruck von dem, was bei ihnen so verkehrt lag. Nachdem der wahre Sohn Davids und Abrahams gekommen war, war auch das Reich der Himmel nahe herbeigekommen, aber eine Verbindung mit Abraham durch bloße Abstammung würde nichts mehr nützen. Moses hatte ihnen das Gesetz gegeben. Elia hatte sie zu dem Gesetz zurückgerufen, nachdem sie es verlassen hatten. Johannes rief schlicht zur Buße auf und sagte gleichsam: "Auf dem Boden des Gesetzes seid ihr verloren, und euch bleibt nichts anderes übrig, als das ehrlich und mit Trauer des Herzens anzuerkennen." Die große Masse des Volkes aber war dazu nicht bereit, und das zu ihrem Verderben.
Johannes kündigte auch das Kommen des Starken an, dessen Vorläufer er war. Zwischen ihnen beiden gab es keinen Vergleich. Johannes fühlte das und bekannte, dass er nicht würdig sei, die Sandalen Seiner Füße zu tragen. Auch hob er den Gegensatz seiner eigenen Taufe mit Wasser zu der Taufe mit Heiligem Geist und Feuer hervor. Der nach ihm Kommende würde in Seiner Größe mit vollkommenem Urteilsvermögen den Weizen von der Spreu scheiden. Diese wird Er mit Heiligem Geist taufen und jene mit der Feuertaufe des Gerichts, und das mit ewigen Folgen, denn das Feuer wird unauslöschlich sein.
Diese Worte des Johannes müssen eine ungeheuer erforschende Wirkung gehabt haben, und sie werden erfüllt werden zu Beginn des Tausendjährigen Reiches. Dann wird der Geist auf alles Fleisch ausgegossen werden, nicht auf die Juden allein, sondern auf alle, die erlöst worden sind. Andererseits werden die Bösen in das ewige Feuer verbannt werden, wie es der Schluss von Kapitel 25 dieses Evangeliums zeigen wird. In der Zwischenzeit hat eine vorwegnehmende Erfüllung der Taufe mit dem Geist stattgefunden, und zwar in der Gründung der Versammlung, wie Apostelgeschichte 2 zeigt. Der Zusammenhang hier enthüllt sehr klar, dass "Feuer" auf Gericht anspielt, nicht auf Zungen wie von Feuer am Pfingsttag oder irgendeinen ähnlichen Vorgang mit gesegneter Auswirkung.
Als Jesus hervortrat, um Seinen Dienst zu beginnen, war es Seine erste Tat, sich von Johannes taufen zu lassen, und das trotz der Einwendung des Täufers. Der Einwand stellte den Grundsatz, nach dem der Herr handelte, ans Licht. Er erfüllte alle Gerechtigkeit. Er hatte keine Sünden zu bekennen, doch da Er den Platz des Menschen eingenommen hatte, war es recht, dass Er selbst sich einsmachte mit den Frommen, die in dieser Weise ihren Platz vor Gott einnahmen. Dem Grundsatz nach hatten das auch Gottesmänner früherer Zeiten getan – Esra und Daniel zum Beispiel, die die Sünde des Volkes als ihre eigene bekannten, an der sie selbst nur geringen Anteil hatten, obwohl sie in sich selbst auch Sünder waren. Hier war der Sündlose, und Er tat es in vollkommener Weise. Damit aber nicht ein Missverständnis aufkäme, öffneten sich im gleichen Augenblick, als Er es tat, die Himmel über Ihm – die erste große Offenbarung der Dreieinheit –, und die Stimme aus dem Himmel verkündete, dass Er der geliebte Sohn ist, an dem der Vater all Sein Wohlgefallen gefunden hat, und in Gestalt einer Taube kam der Geist auf den hernieder, der später andere mit demselben Geist taufen sollte.
Kapitel 4
Jesus nahm nicht nur den Platz des Menschen ein, sondern Er trat in besonderer Weise an die Stelle Israels. Israel wurde einst aus Ägypten gerufen, dann wurden sie in der Wolke und in dem Meer auf Moses getauft, und danach begann die Wüstenreise. Wir haben vorher gesehen, dass Jesus als der Sohn Gottes aus Ägypten gerufen wurde, und jetzt wird Er getauft; dann finden wir zu Beginn von Kapitel 4 den Geist, der auf Ihn gekommen war und der Ihn jetzt geradewegs in die Wüste führt, damit Er vom Teufel versucht würde. Hier tut sich ein Gegensatz auf: Israel versuchte Gott in der Wüste und versagte in allem. Jesus wurde selbst versucht und triumphierte in allem.
Doch die Versuchungen, die der Teufel über Ihn brachte, ähneln den Erprobungen Israels in der Wüste, denn in der Taktik des Feindes gibt es nichts Neues. Israel wurde durch Hunger erprobt und durch ihre bevorrechtigte Stellung in Bezug auf göttliche Dinge – wir sehen das am deutlichsten im Zusammenhang mit Korah, Dathan und Abiram – und schließlich durch Verlockungen, andere Götter anzubeten und ihnen zu dienen außer Jehova, und sie fielen, indem sie das goldene Kalb anbeteten. Der Herr Jesus begegnete jeder Versuchung mit dem Wort Gottes. Bei jeder Gelegenheit zitierte Er aus einem kurzen Abschnitt des 5. Buches Mose, das Israel an seine Verantwortung erinnert. Darin versagten sie, während Jesus dieser Verantwortung in jeder Einzelheit vollkommen entsprach.
Der Teufel sät immer Zweifel an Gottes Wort. Vergleiche Kapitel 3,17 mit 4,3 und 4,6, und beachte, wie deutlich diese Tatsache sich hier zeigt. Kaum hat Gott gesagt: "Dieser ist mein geliebter Sohn", so sagt der Teufel zweimal hintereinander: ,Nenn du Gottes Sohn bist." Das kleine Wort "wenn" wird von dem Teufel besonders bevorzugt! Der Herr antwortet ihm in treffender Weise mit Gottes Wort. Dieses Wort ist im geistlichen Leben des Menschen unverzichtbar, ebenso wie Brot in seinem natürlichen Leben. Und der Mensch hat jedes Wort nötig, das Gott gesprochen hat, und nicht etwa nur ein paar besondere Stellen der Schrift.
Finden wir wohl alle unser geistliches Leben in "jedem Wort, das aus dem Mund Gottes hervorgeht"?
Die Versuchung Jesu macht es unstreitig klar, dass ein personhafter Teufel existiert. Von den Tagen des Sündenfalls an (l. Mo 3) ist er gewohnt, Menschen zu verführen, indem er ihre Lüste und ihren Stolz anspricht. In Jesus trat er jemand gegenüber, in dem sich weder Lust noch Stolz fand und der jeden Anlauf mit dem Wort Gottes zurückwies. Aus dem Versucher wurde ein Geschlagener, der weichen musste. Sein Besieger
war ein wahrhaftiger Mensch, der vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte und dem die Engel dienten. Nie hatten sie ihrem Gott einen Dienst so erstaunlicher Art geleistet.
Die Einkerkerung des Johannes, wie Vers 12 uns zeigt, war das Ereignis, das den Herrn veranlasste, in vollem Umfang Seinen öffentlichen Dienst aufzunehmen. Er verließ Nazareth und wohnte in Kapernaum. Damit fand die Weissagung Jesajas ihre Erfüllung, soweit sie sich auf die Begebenheiten Seines ersten Kommens bezog. Wenn wir Jesaja 9,1–7 lesen, wird uns auffallen, dass die beiden Kommen Christi im Blickfeld stehen, wie es oft der Fall ist. Seine Ankunft erstrahlte gleich einem Stern in den Gesichten der Propheten, aber bis dahin wussten sie noch nicht, dass es ein Doppelstern war. Galiläa wird noch das große Licht Seiner Herrlichkeit sehen, wie es damals das große Licht Seiner Gnade sah. Da die Stimme des Vorläufers durch seine Gefangennahme verstummt war, nahm der Herr verstärkt Seine Predigt zur Buße auf im Blick auf das nahe gekommene Reich. Durch das Evangelium des Johannes erfahren wir, dass der Herr schon vor dieser Zeit mit Eifer Seinen Dienst erfüllte. Er hatte Jünger, und Er besuchte Judäa, als Johannes "noch nicht ins Gefängnis geworfen" war (3,24).
Die Berufung des Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes war nicht der Anfang ihrer Bekanntschaft mit Ihm, wie wir aus Johannes 1 erfahren. Offensichtlich gab es auch eine Zeit, wo sie oder andere Jünger mit Ihm umherzogen, bevor sie endgültig berufen wurden, ihre irdischen Beschäftigungen zu verlassen und all ihre Zeit Ihm zu widmen. In Seiner Nachfolge würde Er diese Fischer zu Menschenfischern machen. Durch Fleiß und Studium mögen Menschen sich zu guten Predigern ausbilden, aber Menschenfischer werden von Ihm zubereitet. Er selbst nahm auch in dieser Hinsicht den höchsten Platz ein, und indem sie in Seiner Gesellschaft mit Ihm gingen, lernten sie von Ihm und nahmen Seinen Geist in sich auf.
In den drei letzten Versen von Kapitel 4 fasst Matthäus die vorangegangenen Tage Seines Dienstes zusammen. Seine Botschaft war "das Evangelium des Reiches". Es ist zu unterscheiden von "dem Evangelium der Gnade Gottes", das heute gepredigt wird; darin sind Tod und Auferstehung Christi das große Thema. Es verkündet Vergebung als d le Frucht der durch Ihn vollbrachten Sühnung. Im Evangelium des Reiches bestand die frohe Botschaft darin, dass das von den Propheten vorhergesagte Reich ihnen nun in Ihm gebracht war. Wenn sie sich der göttlichen Autorität, die Ihn bekleidete, unterwarfen, dann konnte die Macht des Reiches zu ihren Gunsten wirksam werden. Als Beweis dafür zeigte Er die Macht des Reiches Gottes in der Heilung von Menschen. Alle Arten körperlicher Krankheiten und Leiden verschwanden, der Beweis dafür, dass Er auch alte geistlichen Übel zu hellen vermochte. Diese Entfaltung der Macht des Reiches, gepaart mit der Predigt des Reiches, bewies eine starke Anziehungskraft, und große Volksmengen folgten Ihm.
Kapitel 5
Der Herr begann nun, zu Seinen Jüngern zu sprechen, wenn auch in Gegenwart der Volksmenge, um sie über die Grundsätze des Reiches zu belehren. Zunächst einmal zeigt Er auf, welche Art von Menschen in dieses Reich eingehen, um es zu besitzen und seine Vorteile zu genießen. In Reichen der Menschen braucht jemand heutzutage sehr viel Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen, wenn er erfolgreich sein soll; Im Reich der Himmel dagegen trifft das Gegenteil zu. Schon im Alten Testament war darauf hingewiesen worden: Psalm 37,11 bringt das beispielsweise sehr deutlich zum Ausdruck. Hier jedoch stellt der Herr diese Tatsache noch weit umfassender vor unsere Augen. Er skizziert uns ein moralisches Bild des gottesfürchtigen Überrests, der schließlich in das Reich eingehen wird. Acht Dinge erwähnt Er, indem Er mit der Armut im Geist beginnt und mit Verfolgungen endet. In dieser Anordnung lässt sich eine bestimmte Reihenfolge erkennen. Buße erzeugt Armut im Geist, und da muss alles seinen Anfang haben. Es folgen Trauer und Sanftmut, die aus wahrer Einsicht in das eigene Selbst hervorkommen, dann ein Durst nach Gerechtigkeit, wie sie nur in Gott gefunden wird. Dann, wenn diese Tugenden den Gläubigen erfüllen, offenbart sich in ihm Gottes eigener Charakter – Barmherzigkeit, Reinheit, Friede. Doch die Welt verlangt nicht nach Gott und Seinen Wesenszügen. So kommt es zu Verfolgungen, mit denen diese Aufzählung endet.
Der Segen, der in den Versen 3– 10 betrachtet wird, geht seiner völligen Verwirklichung entgegen, wenn das Reich der Himmel auf der Erde errichtet wird. In jeder Glückseligpreisung außer der letzten werden die Gottesfürchtigen in unpersönlicher Weise beschrieben, aber In den Versen 11 und 12 spricht der Herr Seine Jünger persönlich an. Das "die" von Vers 10 wechselt zum "ihr" in Vers 11, und nun, indem Er das Wort an Seine Jünger richtet, wird ihnen Lohn in den Himmeln verheißen. Er wusste, dass Seine Jünger in eine neue und himmlische Ordnung der Dinge übergehen sollten, und während Er die alten Dinge in klarerem Licht bestätigt, beginnt Er schon, einige der neuen Dinge mitzuteilen, die bald kommen würden. Der Wechsel in diesen beiden Versen ist auffallend und hilfreich, um den Charakter der "Bergpredigt" Zu verstehen, in der der Herr Seine Unterweisung zusammenfasst und sie zu den alten Dingen, wie Moses sie gab, in Beziehung setzt. In Johannes 13 – 16 (wir könnten hier von der "Obersaalpredigt" sprechen) erweitert Er Seine Unterweisung und setzt sie in Beziehung zu dem vollen Licht, das Er geben würde, wenn der Heilige Geist gekommen wäre.
In Verfolgungen um Seines Namens willen würde Sein Segen auf Seinen Jüngern ruhen, und das sollten sie erkennen und sich darüber freuen. Natürlicherweise schrecken wir vor Verfolgungen zurück, doch die Geschichte beweist die Wahrheit dieser Worte. Solche Gläubige, die dem Herrn sehr ähnlich und in ihrem Zeugnis mutig sind, haben zu leiden, aber sie werden gestärkt und belohnt werden. Dagegen werden solche, die durch Kompromisse einer Verfolgung aus dem Weg gehen, ins Elend kommen und all ihrer Belohnung verlustig gehen. Darüber hinaus ist ein Jünger, der von der Welt verfolgt wird, ganz sicherlich "das Salz der Erde" und "das Licht der Welt". Salz erhält, und Licht erleuchtet. Wir können nicht wie gesunderhaltendes Salz in der Erde sein, wenn wir von der Erde sind. Und wir können nicht als ein Licht von erhöhter Stelle in der Welt scheinen, wenn wir von der Welt sind. Und damit wir uns von der Erde und der Welt unterschieden und abgesondert halten, hilft uns nichts mehr als Verfolgung seitens der Welt, wobei die Art der Verfolgung unwichtig ist. Wenn ein Jünger um Christi willen verfolgt wird, dann ist er wirklich salziges Salz, und auch strahlt er ein Höchstmaß an Licht aus. Enthüllt uns dieses Wort nicht das Geheimnis von so vieler Schwachheit unsererseits?
Beachten wir, dass das Licht nicht bloß in lehrmäßigen Fragen, sondern vor allem im praktischen Verhalten leuchten sollte. Es ,geht nicht darum, dass die Menschen es in unseren klaren, vielleicht originellen Belehrungen mit Worten erkennen, sondern in unseren Handlungen und Werken. Sicher sollten sie auch unsere guten Worte hören, doch müssen sie unsere guten Werke sehen, wenn wir ihnen ein Licht sein sollen. Das Wort für "gut" bedeutet hier nicht genau wohltätig, sondern mehr aufrichtig oder ehrbar. Solche Handlungen haben ihre Quelle in dem Vater im Himmel; sie verbreiten Sein Licht und verherrlichen Ihn.
Von Vers 17 an bis zum Ende von Kapitel 5 spricht der Herr von dem Verhältnis zwischen dem, was Er lehrte, und dem, was durch Mose gegeben war. Er war nicht gekommen, um aufzulösen oder ungültig zu machen, was früher gegeben worden war, sondern gerade. um dessen Erfüllung oder Fülle zu bringen, denn das ist hier der Sinn des Wortes "erfüllen". Er bestätigte und verstärkte alles, was früher gesagt worden war, wie die Verse 18 und 19 zeigen, und auch nicht ein Wort von dem, was Gott gesprochen hatte, sollte gebrochen werden. Außerdem macht Vers 20 deutlich, dass Er fest darauf bestand, dass die Gerechtigkeit, die vom Gesetz gefordert wurde, eine Fülle umfasste, die weit über die oberflächliche Auslegung der Schriftgelehrten und Pharisäer Seiner Tage hinausging. Sie beobachteten wohl einen formellen Gehorsam in den zeremoniellen Vorschriften, kannten aber den wahren Geist des Gesetzes und die darin von Gott verfolgte Absicht nicht. Ihre Gerechtigkeit führte nicht in das Reich.
Deshalb fuhr Er fort, ihnen die tiefere, eigentliche Bedeutung der Forderungen des Gesetzes aufzuzeigen, die sie darin nicht vermutet hatten, und stellte ihnen nicht weniger als sechs Punkte vor, um Seinen Gedankengang zu veranschaulichen. Er sprach über das sechste und siebte Gebot; dann über die Anweisung des Gesetzes im Fall einer Scheidung in 5. Mose 24,1, weiter im Fall von Schwören nach 3. Mose 19,12 und weiter über das Gesetz der Vergeltung nach 2. Mose 21,24 und anderen Stellen, schließlich über die Zulässigkeit von Feindeshass, vgl. 5. Mose 23,6.
In Bezug auf die beiden zitierten Gebote geht die Unterweisung des Herrn dahin, dass es Gott nicht nur um die offenkundige Tat geht, sondern ebenso um den Herzenszustand. Nicht nur Mord und Ehebruch werden verboten, sondern auch der Hass und die böse Lust, die solchen schweren Sünden zugrunde liegen. Wenn nach diesem Maßstab gerichtet wird, wer kann dann vor den heiligen Forderungen des Sinai bestehen? Die "Gerechtigkeit" des Pharisäers und des Schriftgelehrten bricht vollständig zusammen. Nachdem Er in beiden Fällen diesen Sachverhalt klargestellt hat, lässt Er weitere Belehrungen folgen.
Auf zwei bedeutungsvolle Punkte macht der Herr in den Versen 23–26 aufmerksam: Erstens ist vor Gott kein Opfer angenehm, das auf Seiten des Darbringenden mit Ungerechtigkeit gegenüber Menschen verbunden ist. Wir können nicht ein Unrecht gegenüber einem Mitmenschen stillschweigend gutheißen, indem wir gegenüber Gott öffentlich Frömmigkeit demonstrieren. Erst nach der Aussöhnung kann man Gott nahen.
Zweitens muss das Gesetz ohne Barmherzigkeit zur Anwendung kommen, wenn die Ursache der Entfremdung einmal vor das Gericht gebracht ist. Die Worte des Herrn haben hier zweifellos eine prophetische Bedeutung. Die jüdische Nation war im Begriff, Ihn zu ihrer "Gegenpartei– zu erklären und in ihrer Streitsache gegen Ihn Anklage zu erheben, doch ihre eigene Verdammung wird die Folge sein. Noch haben sie den letzten Pfennig nicht bezahlt.
Hiermit verwandt ist das nächste Beispiel: Der Herr zeigt darin, dass jedes Opfer sich lohnt, wenn es zur Befreiung von der Hölle verhilft, die am Ende eines bösen Weges steht.
In dem dritten und vierten Punkt (31–37) zeigt uns der Herr wiederum, dass die Anordnungen, die durch Moses gegeben waren, noch nicht den ganzen Willen Gottes ausdrücken. Sowohl eine Scheidung als auch das Schwören waren erlaubt, so dass die Norm, zu der die Menschen verpflichtet wurden, nicht zu streng war. Beide Punkte werden nun hier in ein klareres Licht gerückt, und wir sehen, dass lediglich eine Sache erlaubtermaßen das eheliche Band zu lösen vermag. Weiterhin sollte das von Menschen gesprochene Wort so unwiderruflich und bindend sein, dass kraftvolle Schwüre in dieser oder jener Form sich erübrigten. Ein Mensch, der fast jede Behauptung durch einen Schwur bekräftigt, dessen einfache Rede ist nicht vertrauenswürdig.
Wiederum setzte das Gesetz gerechte Vergeltung für zugefügtes Unrecht fest. Es folgte der Richtschnur des Ausspruchs "Wie du mir, so ich dir." Und während es einerseits zur Nächstenliebe aufrief, erlaubte es aber auch, einen Feind zu hassen. Das letztere drehte der Herr um. Er lehrte Geduld und die Gnade, die gibt, statt auf seinen eigenen Rechten zu bestehen. Und Er lehrte die Liebe, die den Feind segnet und ihn mit Gutem bedenkt. Und das alles, damit Seine Jünger sich deutlich von den Sündern der Welt unterscheiden und den Charakter Gottes selbst darstellen möchten.
Gott wird Ihnen vorgestellt, nicht als Jehova, der Gesetzgeber, sondern als ..euer Vater, der in den Himmeln ist". Gott wird so in neuem Licht gesehen. Das beherrscht hier die Unterweisungen des Herrn. Denn wenn wir Gott in dieser neuen Weise kennen lernen, entdecken wir, dass Ihn Wohlwollen auch gegen Ungerechte und Böse auszeichnet, und das sollte auch uns in unserem Maße kennzeichnen. Im Dienst Jesu brach eine neue Offenbarung Gottes an, und sie setzte einen neuen Maßstab für Vollkommenheit. Wir sollten uns praktischerweise als Söhne unseres Vaters in den Himmeln erweisen, denn ein Sohn ist dann vollkommen, wenn er so ist wie der Vater.
Achtmal sagt der Herr in diesem Kapitel: "Ich ... sage euch", und sechsmal, wenn Er diese Worte spricht, leitet Er sie mit –.. aber" ein, um Seine Aussage in Gegensatz zu dem zu stellen, was das Gesetz früher gesagt hatte. Da mögen wir wohl fragen: "Wer ist dieser, der das heilige Gesetz Gottes anführt und dann ruhig spricht: Ich aber sage euch ... !'?" Tatsächlich verändert und erweitert Er das Gesetz. Das zu tun, hatte kein Prophet jemals gewagt! Läuft das nicht auf schreckliche Anmaßung hinaus, die gar an Gotteslästerung grenzt? Ja, gewiss, und es gibt nur eine Erklärung, die diese Beschuldigung von Ihm wegnehmen kann: Wir haben hier den ursprünglichen Gesetzgeber, der einst vom Sinai aus sprach. Gott ist als Mensch, als Emmanuel, hervorgetreten. Emmanuel ist auf einen anderen Berg gestiegen, und jetzt spricht Er nicht zu einer Nation sondern zu Seinen Jüngern. Er verfügt über alle Rechte, Sein eigenes Gesetz zu erweitern oder abzuändern.
Kapitel 6
Nachdem Er am Ende von Kapitel 5 Seine Jünger in diesem neuen Licht mit Gott bekannt gemacht hat, fällt uns auf, dass sich all die Belehrungen in Kapitel 6 darauf beziehen. Der Ausdruck "euer Vater" wird, bei geringfügigen Veränderungen, nicht weniger als zwölfmal gebraucht. Es lassen sich vier Abschnitte unterscheiden: das Geben von Almosen (1–4), das Gebet (5–15), das Fasten (16–18), irdischer Besitz und notwendige Dinge des Lebens (19–34). Alle vier Dinge berührten das praktische Leben des Juden in vieler Hinsicht; ihre Neigung und Gewohnheit gingen dahin, sich mit den ersten dreien auf eine mechanische und oberflächliche Weise zu befassen, dann aber den Nachdruck und die ganze Aufmerksamkeit auf den vierten Punkt zu richten. Der Herr Jesus rückt sie alle in das Licht, das Seine vorangegangenen Worte verbreitet haben. In Kapitel 5 hatte Er ihnen einen Gott gezeigt, der sich mit den inneren Beweggründen des Herzens ebenso beschäftigt wie mit den äußeren Handlungen, und dennoch soll dieser Gott als himmlischer Vater erkannt werden. Immer noch fällt auf, wie Er die Worte "Ich sage euch" wiederholt. Er lehrte nicht wie die Schriftgelehrten, die sich bei ihren Behauptungen auf die Überlieferung der Ältesten stützten, doch wir haben anzunehmen, was Er sagt, eben weil Er es sagt.
Wenn die Überlieferung uns beherrscht, kommen wir leicht zu der gleichen Haltung, die wir bei den Juden im Blick auf ihr Geben von Almosen, ihre Gebete und ihr Fasten finden. Alles war für sie eine Sache der äußerlichen Beobachtung geworden, um dadurch die Aufmerksamkeit der Augen und Ohren der Menschen auf sich zu lenken. Wenn wir andererseits unsere Gedanken zu dem Vater im Himmel erheben, der innigen Anteil an unserem Ergehen nimmt, muss alles lebendige Wirklichkeit werden und vor Seinen Ohren und Augen getan sein. Dreimal sagt der Herr von den bloßen Formalisten: "Sie haben ihren Lohn dahin." Ihr Lohn besteht in dem Beifall und Lob ihrer Mitmenschen. Das haben sie, und zwar sofort und gegenwärtig–, ein künftiger Lohn ist da nicht mehr zu erwarten. Wer aber vor Gott seine Spende gibt, betet oder fastet, ohne dass die Menschen darum wissen, wird an dem künftigen Tag öffentlich
belohnt werden.
In Bezug auf das Gebet lehrt Er, dass es nicht nur in Zurückgezogenheit geschehen, sondern auch kurz sein soll, dadurch erweist sich die Echtheit. Ein Mensch, der wirklich und ernst um etwas bittet, kommt unweigerlich mit den wenigsten Worten und geradewegs auf den Kein der Sache. Er kann sich unmöglich in einer Wirrnis von Weitschweifigkeit ergehen. Die Verse 9–13 geben uns ein Mustergebet, wie es den Umständen, in denen sich die Jünger derzeit befanden, genau angemessen war. Es enthält sechs Bitten. Die ersten drei haben mit Gott zu tun, mit Seinem Namen, Seinem Reich und Seinem Willen. Die zweiten drei beziehen sich auf uns, unser Brot, unsere Schulden und unsere Errettung. Der himmlische Vater Lind Seine Ansprüche stehen an erster Stelle, unsere Bedürfnisse an der zweiten. Die Segnung der Menschen auf der Erde hängt davon ab, dass Sein Wille auf der Erde geschieht, und dieser Wille wird sich erst dann durchsetzen, wenn Sein Reich aufgerichtet ist.
Die Vergebung, von der die Verse 14 und 15 sprechen, ist mit den Schulden in Vers 12 verknüpft. In der heiligen Regierung, die unser himmlischer Vater über Seine Kinder ausübt, kommt ein unversöhnlicher Geist unter Seine Züchtigung. Wenn jemand uns beleidigt, und wir verweigern ihm Verzeihung, können auch wir in den Regierungswegen Gottes nicht auf Vergebung rechnen. Das ist dann nicht eine Frage der ewigen Vergebung, denn es waren Jünger, zu denen der Herr sprach, und bei ihnen war die Frage der ewigen Vergebung längst geordnet.
Dann folgen gewissenserforschende Worte über irdischen Besitz. Keine Neigung ist tiefer in allen Menschen verwurzelt als die, den Schätzen de r Erde nachzujagen, sie zu erhaschen und aufzuhäufen, obwohl sie unter der Einwirkung der Naturkräfte ebenso vergehen, wie sie durch gewalttätige Menschen geraubt werden. Wenn wir den Vater im Himmel wirklich erkennen, dann haben wir unseren Schatz im Himmel gefunden, und dann ist unser Herz auch da. Was wir brauchen, ist ein einfältiges Auge, um das zu sehen und damit auch alles andere klar zu sehen. Unsere Leiber werden licht sein, das heißt, wir werden selbst strahlend. Entweder regiert uns Gott oder der Mammon, denn wir können nicht zwei Herren dienen. In dieser Hinsicht sind Gott und der Mammon einander vollständig entgegengesetzt.
Indem wir Gott dienen, der uns ein himmlischer Vater ist, unterstehen wir Seiner wachsamen und freundlichen Fürsorge. Er kennt alle unsere Bedürfnisse und nimmt sich ihrer an. Wir sind kraftlos und unvermögend., unserer Größe eine Elle hinzuzufügen oder uns gleich dem Gras des Feldes zu schmücken. Unser Vater hat unendliche Weisheit und Macht und ist besorgt um die geringsten Geschöpfe Seiner Hand; deshalb sollten wir in Seine liebende Fürsorge um uns ein unbedingtes Vertrauen setzen. Von ängstlichen Sorgen sollten wir uns gänzlich frei fühlen. Die Menschen dieser Weit greifen nach deren Schätzen, die so rasch ihren Wert verlieren, und sie sind voller Sorge, diese Schätze zu bewahren und zu nutzen. Wir sollten in unseres Vaters Fürsorge und Liebe ruhen und uns nicht fürchten.
Das ist die negative Seite. Wir brauchen keine ängstliche Vorsorge zu betreiben, wovon die Herzen vieler erfüllt sind. Das aber soll dem Zweck dienen, dass wir frei sind, um das Reich Gottes zu suchen, und das zuerst. Statt besorgt immer schon an morgen zu denken, sollten wir heute von den Dingen des Reiches Gottes erfüllt sein, des Reiches, das uns auf den Wegen der Gerechtigkeit leitet.
Diese Freude gewährt Gott den Jüngern, die dem Herrn in Seinen Erdentagen folgten–, nicht weniger ist es Seine Freude für uns, die wir dem Herrn jetzt folgen, um all Sein Werk zu tun, während Er im Himmel weilt. Der Geist, den der Herr Seinen Jüngern einschärfte, war der Religion der Pharisäer Seiner Tage fremd, ebenso wie der äußerlichen und weltlichen Religion unserer Tage.
Kapitel 7
Die Belehrungen des Herrn, die in Kapitel 6 aufgezeichnet sind, waren dazu bestimmt, Seine Jünger in die Beziehungen zu ihrem Vater im Himmel einzuführen, so dass Er all ihr Denken ausfüllte, se es 1 m Spenden von Almosen, in den Gebeten, bei ihrem Fasten oder auch ihrem Verhältnis zu den Besitztümern und aller Notdurft dieses Lebens. Kapitel 7 führt uns in Belehrungen ein, die ihr Verhalten gegenüber ihren Brüdern, ja sogar gegenüber gottlosen Menschen regeln.
Den Bruder zu richten, entspricht einer tief eingewurzelten Neigung unserer Herzen. Dass wir Sachverhalte oder Lehren beurteilen, ist uns nicht untersagt, dazu werden wir aufgefordert, wie wir das z.B. in 1. Korinther 2,15 und 10,15 sehen, aber Personen zu richten, ist verboten. Wohl ist die Versammlung gehalten, in gewissen Fällen solche zu richten, die "drinnen" sind, wie aus 1. Korinther 5 und 6 hervorgeht, aber außerhalb solcher Fälle ist die Beurteilung von Personen dem Herrn vorbehalten. Sollten wir es uns trotz des Verbots des Herrn dennoch erlauben, so hat das zweierlei Strafe zur Folge, wie der Herr hier darlegt. Erstens werden wir uns selbst unter Gericht bringen, und das Maß, mit dem wir andere gemessen haben, wird auch an uns gelegt werden. Zweitens werden wir zu Heuchlern. In dem Augenblick, wo wir andere richten, werden wir blind für unsere eigenen Fehler. Ein geringer Fehler bei unserem Bruder vergrößert sich uns, ohne dass wir wahrnehmen, dass uns ein weit schlimmerer Fehler anhaftet, der unsere geistliche Sehkraft trübt. Die nützlichste Art des Gerichts für einen jeden von uns ist das Selbstgericht.
In Vers 6 geht es um Gottlose, die gefühllos gegenüber allem Guten und in ihren Neigungen unrein sind. Für sie sind heilige und kostbare Dinge nicht bestimmt. Wenn wir sie ihnen törichterweise vorlegen, so treiben sie Spott damit, und es kann sein, dass wir unter ihrer Gewalttätigkeit zu leiden haben. Es ist schon richtig, dass wir die heiligen Dinge Gottes weitergeben sollen, jedoch nicht solchen Menschen.
Aber wenn wir weitergeben möchten, müssen wir zuerst empfangen. Davon sprechen die Verse 7–11. Um zu empfangen, müssen wir Gott nahen: bittend, suchend und anklopfend. Es ist sicher, dass unser Vater antworten wird. Wenn wir um lebensnotwendige Dinge bitten, werden wir sie bekommen, denn Er wird uns doch nicht etwas Wertloses wie einen Stein geben oder etwas, das uns schaden könnte wie eine Schlange. Wir dürfen ganz ruhig und sicher sein, dass Er uns "gute Gaben" zukommen lässt, denn Er handelt als ein himmlischer Vater. Deshalb wird Sein Maßstab nicht hinter dem eines irdischen Vaters zurückbleiben. Wir dürfen hier Jesaja 55,9 anwenden und sagen, dass, wie der Himmel höher ist als die Erde, Seine väterlichen Gedanken höher sind als unsere Gedanken. Wir können nicht zu Seiner erhabenen Höhe aufsteigen. Deshalb verlangte der Herr damals in Vers 12 von Seinen Jüngern auch kein Verhalten, das über das Gesetz und die Propheten hinausgeht.
In den Versen 13 und 14 geht der Blick des Herrn offensichtlich über die Jünger hinweg zu der Volksmenge hin. Ihr bot sich die Wahl zwischen dem breiten und dem schmalen Weg, dem Verlorensein und dem Leben. Dass Gottes Gnade eng ist, können wir nicht sagen, denn sie ist für alle Menschen erschienen. Eng ist aber der Weg des Selbstgerichts und der Buße. Es sind wenige, die diesen Weg finden, und noch weniger, die ihn öffentlich verkünden. Die Mehrheit der Prediger zieht es vor, über angenehmere Dinge zu sprechen.
Es folgen Warnungen vor falschen Propheten. Sie werden nicht an ihren schönen Worten, sondern an ihren Früchten erkannt. Frucht ist das Ergebnis und der krönende Ausdruck von Leben, und sie enthüllt den Charakter des Lebens, das in ihr zur Vollendung kommt. Der falsche Prophet hat ein falsches Leben, das sich in falschen Früchten kundtun muss.
Doch es gibt nicht nur falsche Propheten, sondern auch falsche Jünger, solche, die ihre Treue zum Herrn wohl laut bekunden, aber keine lebendige Glaubensverbindung mit Ihm haben. Lebendiger Glaube muss sich, wie der Apostel Jakobus sagt, in Werken ausdrücken. Jeder, der sich wirklich der Herrschaft Christi im Glauben unterstellt, muss notwendigerweise sehr gern den Willen des Vaters im Himmel tun, den Christus darstellte. Judas Iskariot liefert uns ein schreckliches Beispiel für die Verse 22 und 23. Offenbar führte er zusammen mit den anderen Jüngern kraftvolle Werke aus, aber schließlich erwies sich, dass bei ihm das Bindeglied echten Glaubens nie vorhanden und er somit ein ungerechter Arbeiter war.
Daher beschließt der Herr Seine Worte mit dem Gleichnis von den beiden Häusern. Beide Bauenden, der kluge wie der törichte, hatten die Worte Jesu gehört, aber nur einer tat danach –und das war der kluge Mann. Das Gleichnis lehrt nicht eine Errettung aus Werken, sondern Errettung durch jenen lebendigen Glauben, der zu den Werken führt. Wenn wir unsere Gedanken zur Bergpredigt zurückkehren lassen, werden wir sehr schnell erkennen, dass nichts als lebendiger Glaube an Ihn einen Menschen dazu bringen kann, die Dinge, wie Er sie lehrte, zu tun. Wir werden auch feststellen, wie sehr Seine Belehrungen Sein eigenes Wort in Kapitel 5,17 bestätigten. Er hat uns die Fülle des Gesetzes und der Propheten gegeben und zugleich neues Licht im Blick auf den Vater im Himmel hinzugefügt. Er bereitete dadurch den Weg für das noch hellere Licht der Gnade, das als Frucht Seines Todes und Seiner Auferstehung anbrechen sollte. Die Autorität, mit der Er diese Dinge ankündigte, setzte die Volksmengen in größtes Erstaunen. Die Schriftgelehrten stützten sich auf die früheren Auslegungen der Rabbiner, während Er über die Dinge redete, die Er von Gott und bei Gott kannte.
Kapitel 8
Nach diesen drei Kapiteln, die von Belehrungen des Herrn angefüllt sind, schließt Matthäus zwei Kapitel an, die sich mit Werken Seiner Macht beschäftigen. Es genügte Ihm nicht, die Grundsätze des Reiches zu verkünden, Er stellte auch die Macht dieses Reiches auf mannigfaltige Weise eindrucksvoll dar. Kapitel 8 enthält in der Hauptsache fünf Illustrationen dieser Macht und Kapitel 9 ebenfalls. In allen diesen Fällen lässt sich feststellen, dass die Wunder, die der Herr an Menschen oder an sichtbaren und berührbaren Dingen vollbrachte, ein Beweis dafür waren, wie Er die tiefer liegenden Dinge der Seele zu behandeln vermochte.
Der erste Fall ist der des Aussätzigen, ein Bild der Sünde in ihrer befleckenden, verderblichen Macht. Der arme Mann war überzeugt von der Macht Jesu, aber Seiner Gnade war er sich nicht so sicher. Doch der Herr hellte ihn augenblicklich, indem Er ihn berührte und ein Wort Seiner Macht sprach. Mit nur vier Worten – "Ich will, sei gereinigt!" – war dem Mann geholfen; ein Zeugnis für die Priester – wenn der Mann tat, wie ihm befohlen war –, dass die Kraft Gottes unter ihnen war!
Der zweite Fall ist der des heidnischen Hauptmanns und seines Dieners. Ein Fall, der die durch die Sünde eingeführte Unfähigkeit illustriert. Der Nachdruck liegt hier wiederum auf der Macht Seines Wortes. Der Hauptmann selbst hob das hervor, denn er kannte die Vollmacht eines gebietenden Wortes, wie er an dem Beispiel der römischen Militärordnung zeigt. Der Rang eines Hauptmanns war nicht hoch, doch seine Untergebenen gehorchten seinen Anweisungen sofort, und sein Glaube hatte Jesus dafür erkannt, dass Sein Wort das Wunderbare vollbringen konnte. Der Herr anerkannte diesen Glauben als groß. In Israel hatte Er solchen Glauben nicht gefunden. Er sprach das erforderliche Wort, und der Knecht war geheilt. Auch prophezeite Er, dass mancher Heide von Osten und Westen mit den Vätern Israels in das Reich eingehen würde, während solche, die es aufgrund von Tradition als das ihre betrachteten, in die äußere Finsternis hinausgeworfen werden würden.
Im dritten Fall geht es um die Schwiegermutter des Petrus. Der Herr berührt sie, was ihre sofortige Heilung bewirkt–, es wird nicht berichtet, dass Er ein Wort gesprochen hat. Es kann eine Berührung und ein Wort sein wie bei dein Aussätzigen, oder nur ein Wort wie bei dem Knecht des Hauptmanns, oder bloß ein Anrühren wie Im letzteren Fall. Das Ergebnis ist immer dasselbe: augenblickliche Befreiung. Eine Genesung von den Folgen des Fiebers war nicht nötig; sogleich stand sie auf und diente anderen. Sünde versetzt Geist und Seele in einen fiebrigen Zustand, aber Seine Berührung vertreibt ihn.
In den Versen 16 und 17 werden zunächst die Werke Seiner Macht und Seines Erbarmens, die Er noch am Abend tat, zusammengefasst; zweitens wird Jesaja 53 angeführt, um uns zu zeigen, wie und in welchem Geist Er diese Heilungen vollbrachte. Die zitierten Worte sind von einigen irrigerweise benutzt worden, als bedeuteten sie, der Herr habe auf dem Kreuz unsere Krankheiten getragen, so dass ein Gläubiger nie krank sein sollte. Doch die rechte Anwendung ist hier vor uns. Indem Er den Menschen half, fühlte Er alle ihre Nöte und Krankheiten zutiefst mit. Er trug die Last dieser Übel in Seinem Geist, während Er sie durch Seine Macht hinwegtat.
Die in den Versen 18–22 berichteten Begebenheiten zeigen uns, dass nicht nur unsere Errettung, sondern auch unsere Jüngerschaft in die Berufung durch Sein gebietendes Wort eingeschlossen sein müssen. Ein gewisser Schriftgelehrter erbot sich freiwillig, Ihm nachzufolgen, ohne berufen zu sein. Der Herr zeigte ihm sogleich, was eine Nachfolge in sich schließen würde, denn Er war der heimatlose Sohn des Menschen. Umgekehrt aber genügt Seine Berufung. Da war einer, der bereits Sein Jünger war, der aber noch einer irdischen Verpflichtung Vorrang zu geben wünschte. Die Berufung und der Anspruch des Meisters mussten aber unbedingt an erster Stelle stehen. Und Er hatte Jünger, die Seinen Anspruch anerkannten und Ihm folgten, wie Vers 23 zeigt, und in ihrem Schiff hatten sie einen Platz für Ihn, wo Er Sein Haupt hinlegen konnte. Doch selbst da, als sie Ihm folgten, gerieten sie in Bedrängnis.
Das führt uns zu dem vierten dieser eindrucksvollen Ereignisse, dem Sturm auf dem See. Das ist ein Bild dafür, wie die Macht Satans das ruhelose Völkermeer zu wildem Ungestüm aufpeitscht. Für Ihn bedeutete das nichts, und Er schlief friedvoll. Erst als die Jünger zu Ihm schrieen, stand Er auf und unterwarf diese mächtigen Naturgewalten Seinem Gebot, und Wind und See legten sich auf das Wort *Ihres Schöpfers.
Als Er am Jenseitigen Ufer angekommen war, begegneten Ihm zwei Männer, die von dämonischen Dienern des Teufels beherrscht waren. Einer von ihnen war geradezu die Hochburg einer ganzen Legion von Dämonen, wie Markus und Lukas uns berichten; jedenfalls waren sie zu zweien und so ein ausreichendes Zeugnis für die Macht des Herrn über den Feind. Die Dämonen kannten Ihn und wussten auch, dass sie selbst keine Macht hatten, Seinem Wort zu widerstehen. Deshalb baten sie, in die Herde unreiner Schweine fahren zu dürfen, die es dort nicht gegeben hätte, wenn Israel auf dem Pfad des Gesetzes gewandelt hätte. Soweit berichtet 1 st, sprach Jesus nur: "Geht hin!" Das Wort hatte zur Folge, dass die Männer gerettet wurden und die Schweine umkamen.
Bis hierher haben wir die Macht des Herrn betrachtet. Bevor wir das Kapitel abschließen, lasst uns noch sehen, welche Reaktion sie bei den Menschen auslöste. Ein auffallender Gegensatz besteht zwischen dem "großen Glauben" des Hauptmanns und dem "kleinen Glauben" der Jünger in dem Sturm. Den großen Glauben kennzeichneten zwei Dinge, die wir in Vers 8 erkennen. Der Hauptmann sagte: "Ich bin nicht würdig". Dadurch verurteilte er sich und schloss sich selbst aus der Angelegenheit aus. Und er wandte sich an den Herrn und sagte: "Sprich nur ein Wort!" Von sich selbst hatte er keine Meinung, wohl aber eine große Meinung vom Herrn – so groß, dass er bereit war, Seinem Wort ohne jede äußere Stütze Glauben zu schenken. Es gibt Leute, die möchten das Wort des Herrn, durch Gefühle gestützt, erfahren, andere wieder durch Vernunft oder eigenes Erleben. Großer Glaube jedoch hat seine Quelle darin, dass wir die Größe der Person des Herrn Jesus entdecken, dann genügt uns ein bloßes Wort von Ihm.
Bei den Jüngern verhielt es sich genau umgekehrt. Sie dachten nur an sich: "Herr, rette UNS. WIR kommen um!" Als Jesus den Sturm beruhigt hatte, verwunderten sie sich und sagten:
"Was für einer ist dieser?" Ja, in der Tat: Was für einer? Hätten sie Ihn wirklich gekannt, wären sie überrascht gewesen, wenn Er Seine Macht nicht unter Beweis gestellt hätte. Tatsache war, daj3 sie hohe Gedanken Über sich selbst hatten, aber geringe über Ihn, und eben das ist Kleinglaube. Deshalb ihr Erstaunen, als Er handelte, wohingegen im Fall des Hauptmanns Jesus über dessen Glauben erstaunte. Trotz ihres kleinen Glaubens jedoch liebten sie Ihn und folgten Ihm.
Am Anfang des Kapitels sahen wir einen mangelhaften Glauben bei dem Aussätzigen. Die Macht des Herrn Jesus hatte er vor Augen, doch Seiner Bereitwilligkeit, ihm zu helfen, war er nicht gewiss. Am Ende des Kapitels sehen wir Menschen, die überhaupt keinen Glauben haben.
Für sie bedeutete es nichts, dass Dämonen ausgetrieben worden waren, so wenig lag ihnen an einer geistlichen Befreiung. Was für sie zählte, war der Verlust ihrer Schweine. Jesus verstanden sie nicht, aber Schweine verstanden sie! Ein treffendes Bild der Weltmenschen, die ein Auge haben für *Irgendeinen materiellen Gewinn, aber kein Herz für Christus. Offensichtlich empfingen sie nichts, im Gegensatz zu allen anderen. Übersehen wir nicht die herrliche Tatsache, dass sowohl mangelhafter Glaube als auch Kleinglaube den Segen ebenso wirklich und völlig empfingen wie großer Glaube. Der Segen hängt nicht ab von der Qualität oder Quantität des Glaubens, sondern von Seinem Herzen voller Gnade.
Kapitel 9
Da die Gergesener Seine Gegenwart nicht wünschten, setzte Er wiederum über den See, und sofort beschäftigten Ihn weitere Fälle menschlicher Not. Wir erfahren in Kapitel 9, wie Er den Gelähmten heilte, dann die blutflüssige Frau, die Tochter des Jairus, die beiden Blinden und den stummen und zugleich besessenen Menschen – eine fünffache Entfaltung der Macht des Reiches, das durch Seine Gegenwart herbeigekommen war.
Im ersten dieser Fälle zeigt der Herr sehr deutlich die Verbindung auf, die zwischen dem am Leib gewirkten Wunder und der entsprechenden geistlichen Segnung besteht. Das eine ist leicht zu beobachten, das andere ist unsichtbar. Als Antwort auf den Glauben der Männer, die den Gelähmten brachten, deckte der Herr ohne Umschweife die Wurzel des Übels auf und sprach die Vergebung der Sünden aus. Als das in Frage gestellt wurde, bewies Er Seine Macht, Sünden zu vergeben, durch die Macht, auch den leiblichen Zustand des Mannes umzuwandeln. Seine Kritiker konnten weder Sünden vergeben, noch die Lähmung hellen, Er konnte beides. Die Volksmenge sah es und verherrlichte Gott.
In den Versen 9–17 wird uns die Begebenheit beschrieben, die Matthäus selbst angeht. Der Wechsel in seinem Leben, den Vers 9 berichtet, mag von Menschen, die um die fesselnde Macht des Geldes über den menschlichen Geist wissen, nahezu ein Wunder genannt werden. Matthäus saß am Zollhaus, beschäftigt mit der angenehmen Aufgabe, das Geld einzunehmen, als er von den Lippen des Herrn Jesus die Worte hörte: "Folge mir nach!" Das "MIR" wurde so groß in seinen Augen, dass es das Geld verdrängte und seinen Zauber brach – wahrlich eine wunderbare Sache! Er stand auf und folgte Jesus nach.
Und in seinem Haus setzte Jesus sich zum Mahl mit Zöllnern und Sündern und Seinen Jüngern. So gab Matthäus jetzt Geld aus, statt es einzunehmen. Dies erzählen uns die anderen Evangelisten, während Matthäus es in geziemender Bescheidenheit nicht erwähnt. All das versetzte die Pharisäer in helle Aufregung, was jedoch dem Herrn Gelegenheit gab, sich über die Art Seines Dienstes sehr deutlich auszusprechen. Die Pharisäer hatten das Wort des Herrn durch Hosea übersehen, dass Ihm die Ausübung von Barmherzigkeit angenehmer sei als zeremonielle Schlachtopfer – ein Wort, das auch mancher moderne Pharisäer übersieht –, und sie waren unwissend über Seinen Auftrag an den geistlicherweise Kranken, indem Er Sünder zur Buße rief. Wenn Er gekommen wäre, um "Gerechte" zu rufen, dann wären ohne Zweifel die Pharisäer scharenweise gekommen, nur um bis auf den letzten Mann zurückgewiesen zu werden, denn nach göttlich vollkommenen Maßstäben gibt es die "Gerechten" nicht.
Die Frage, die die Jünger des Johannes an den Herrn richteten, veranlasste Ihn zu einer Erklärung, die das ergänzt. Wenn Er Sünder zur Buße gerufen hatte, dann verband Er sie mit sich selbst als "die Söhne des Brautgemachs" und versetzte sie in eine Stellung der Freiheit im Gegensatz zur Beachtung gesetzlicher Vorschriften. In künftigen Tagen Seiner Abwesenheit würde es ein Fasten anderer Art geben. Aber eine echte Vermischung des Neuen, das der Herr brachte, mit dem alten, gesetzlichen System konnte nicht stattfinden. Der neue Wein des Reiches musste in neue Schläuche getan werden. Der Versuch, die überquellende Gnade des Reiches in gesetzliche Formen zu pressen, zieht verheerende Folgen nach sich. Die Gnade ist verloren und die Formen werden zerstört.
Noch während Er über diese Dinge sprach, traten weitere Ereignisse ein, die in gewissem Maß dazu dienten, Seine Worte zu illustrieren. Auf Seinem Weg, die Tochter des Jairus aufzuerwecken, kommt Ihm die kranke Frau entgegen, die in ihrem starken Glauben Ihn zu berühren wagt. Sie war eine der Kranken, die den Arzt brauchten. Ihre Glaubenstat brachte den Zug zum Anhalten, aber was bedeutete das für Ihn, der Seine Lust hatte an Barmherzigkeit und nicht an Opfern? Der Herr belohnte ihren Glauben, und sie wurde auf der Stelle gesund. Als dann der Zug sich wieder in Bewegung setzte und man das Haus des Jairus erreichte, gab Jesus dem vorschriftsmäßigen üblichen Gang des Geschehens eine jähe Wendung. Durch die Macht Seiner Gnade wurde jüdisches Brauchtum völlig beiseite gesetzt. "Geht fort", sagte Er, und in der Tat musste alles der Macht des Lebens, die Er ausübte, weichen: das tote Kind wurde zum Leben zurückgebracht.
Das Schreien der beiden Blinden (Vers 27) bezeugte entschiedenen Glauben. Sie anerkannten Ihn als den verheißenen Sohn Davids. Er erkannte ihren Glauben und forderte ihn heraus. Sie bekundeten, dass sie Seiner Macht, ihnen helfen zu können, völlig gewiss waren. Deshalb gewährte Er in ihrem Fall ihre Bitte nach ihrem Glauben. Er wusste, dass ihr Glaube echt war, und auch wir wissen, dass es so war, denn sofort wurden ihre Augen aufgetan. Möge jeder von uns sich selbst fragen: Wenn meine Bitten nach meinem Glauben erhört werden sollen, was werde ich dann empfangen?
Die Sünde hat den Menschen hilflos gemacht. Er ist durch sie geistlich krank, tot und blind–, Gott gegenüber ist er verstummt. Durch den Teufel gebunden, vermag er nicht zu sprechen. Als der Mann in Vers 32 zu Jesus gebracht wurde, hatte es der Herr mit der dämonischen Macht zu tun, die seine Verstummung verursacht hatte. Als die Ursache beseitigt war, verschwand auch die krankhafte Folge. Der Mann sprach, und die Volksmenge wunderte sich. Nie zuvor hatten sie von solchen Befreiungen gehört, wie sie hier durch die Macht des Reiches Gottes in Gnade gewirkt worden waren. Nur die Pharisäer hatten dafür keine Empfindungen, und nicht nur das. Da sie die hier wirksame Macht nicht zu leugnen vermochten, wichen sie absichtlich ihrer Wirkung aus, indem sie sie boshafterweise dem Teufel selbst zuschrieben.
Diese böswillige Zurückweisung Seiner Gnade konnte aber Sein tiefes Mitgefühl nicht zurückhalten, eine wunderbare Tatsache, die uns der Schluss des Kapitels zeigt. Er fuhr fort, das Evangelium des Reiches zu predigen und dessen Kraft durch Heilungswunder in allen Städten und Dörfern zu entfalten. Der Anblick der verschmachtenden Volksmenge bewegte Ihn innerlich zu tiefem Mitleid – Mitleid des Herzens Gottes. Sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben, und eine große Ernte war noch einzubringen. Er schickte sich an, Arbeiter zu diesem Werk auszusenden.
Kapitel 10
Am Ende des vorhergehenden Kapitels sagte der Herr Seinen Jüngern, dass sie für die Aussendung von Arbeitern beten sollten. Dieses Kapitel beginnt damit, dass Er die Zwölf beruft und aussendet. Sie selbst sollten die Antwort auf ihre Gebete sein! Nicht selten ist dies der Fall. Wenn wir dafür beten, dass dies oder das im Dienst des Herrn getan werde, so lautet Seine Antwort für uns oft tatsächlich: "Dann tut ihr es!" Für jeden erfolgreichen Auftrag gilt nun aber, dass die Leute dazu ausgewählt, die Vollmacht übertragen und das rechte Vorgehen angezeigt werden.
Mit genau diesen drei Dingen befasst sich dieses Kapitel. In den Versen 2–4 erfahren wir die Namen der zwölf erwählten Jünger. Und in Vers 1 lesen wir, wie Jesus ihnen die erforderliche Vollmacht übertrug. Diese Macht konnten sie in geistlicher wie in physischer Hinsicht anwenden. Unreine Geister mussten ihnen gehorchen, und alle Arten körperlicher Gebrechen verschwanden auf ihr Wort hin. Von Vers 5 an bis zum Schluss des Kapitels werden die Belehrungen festgehalten, die der Herr gab, damit sie ihren Auftrag in der richtigen Weise erfüllen könnten.
Die erste Anweisung betraf den Bereich ihres Dienstes – nicht unter Heiden oder unter den Samaritern, sondern allein unter den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Dies macht sofort entscheidend klar, dass das Evangelium unserer Zeit nicht unter diesem Auftrag verkündigt wird. Um eine falsche Auslegung zu stützen, ist Vers 6 zu der Bedeutung verdreht worden, dass sie unter die unter die Nationen zerstreuten Israeliten hätten gehen sollen. Das Wort "verloren" ist jedoch in geistlichem Sinn zu verstehen. Wenn wir Jeremia 50 nachschlagen und die Verse 6 und 17 zu Rate ziehen, sieht man, dass beides, "verloren" und "zerstreut", auf Israel zutrifft. Sie waren verloren, weil ihre Hirten sie irreführten, geistlicherweise verloren. Sie waren zerstreut oder versprengt durch die Maßnahmen der Könige von Assyrien und Babylon – im geographischen Sinn
zerstreut. Diese Unterscheidung beim Gebrauch der beiden Wörter scheint durch die ganze Schrift hin beachtet zu werden. Die Jünger gingen nie außerhalb des Landes, während Christus auf der Erde war, sondern sie predigten den geistlicherweise verlorenen Juden in ihrer Umgebung.
In Vers 7 wird ihre Botschaft in sieben Worten zusammengefasst. Sie stimmt genau mit der Predigt Johannes' des Täufers (3,2) und der des Herrn selbst (4,17) überein, mit der Ausnahme, dass hier das Wort "Buße tun" ausgelassen ist. Es war eine sehr einfache Botschaft, die sich kaum näher erklären oder variieren ließ. Sie konnten nicht Dinge predigen, die noch nicht erfüllt waren, aber der verheißene König war anwesend in Seinem eigenen Land, und deshalb war das Reich nahe gekommen. Das war ihre Verkündigung, die frohe Botschaft des Reiches. Sie hatten das Gesagte dadurch zu bestätigen, dass sie die Macht des Reiches bekundeten, indem sie unentgeltlich Heilungen und Befreiungen vollbrachten.
Außerdem sollten sie um die übliche Vorsorge eines umsichtigen Reisenden durchaus nicht bemüht sein, um so ganz offensichtlich im Blick auf alle Notdurft von ihrem Meister abhängig zu sein. Wenn sie irgendeinen Ort betraten, sollten sie dort nach "Würdigen" ausschauen, d.h. nach solchen, die den Herrn fürchteten und die Ihn dadurch annahmen, dass sie auch Seine Diener aufnahmen. Sie sollten gegen solche zeugen, die Ihn nicht aufnahmen und daher auch sie und ihre Worte zurückwiesen. Die Verantwortung solcher Menschen würde weitaus größer sein als die der Bewohner von Sodom und Gomorra.
Als nächstes warnte Er sie, dass sie Widerstand, Ablehnung und Verfolgung begegnen würden, und Er gibt ihnen Anweisung hinsichtlich ihres Verhaltens im Blick darauf (Verse 16–39). Indem sie ausgingen unter die Menschen, würden sie wie Schafe inmitten von Wölfen sein, das heißt, sie würden in der gleichen Stellung wie ihr Meister sein und sollten darin auch die gleichen Charakterzüge entfalten – Klugheit und Einfalt. Wenn man sie vor Statthaltern anklagen würde, sollten sie in Gott als ihrem Vater ruhen und sich um Vorbereitungen zu
ihrer Verteidigung nicht kümmern, weil in solchen notvollen Stunden der Geist ihres Vaters in ihnen und durch sie reden würde. In einigen Fällen würden sie auch den Märtyrertod erleiden, und in allen Fällen würden sie Hass begegnen, der selbst die Bande natürlicher Zuneigung zerbrechen würde. Die dem Märtyrertod entgingen, würden, wenn sie bis zum Ende ausharrten, errettet werden.
Was hier "Ende" bedeutet, zeigt der nächste Vers (23) – die Ankunft des Sohnes des Menschen. In Kapitel 24,3.6.13.14 spricht der Herr wiederum vom "Ende", und zwar in ähnlicher Bedeutung. Dort ist es "das Ende des Zeitalters". Mithin ist dieser Auftrag, den der Herr erteilte, bis zu Seinem zweiten Kommen auszudehnen, und er wird selbst dann kaum abgeschlossen sein. Aus Vers 6 ging hervor, dass die Städte Israels das Arbeitsfeld sein sollten, wo ihnen Verfolgung begegnen und ihr Ausharren von Errettung bei Seiner Ankunft gekrönt sein würde. Wenn wir zurückblicken, sieht es so aus, als ob in dieser Vorhersage etwas nicht gestimmt hat. Wie können wir uns das erklären?
Die Erklärung liegt offensichtlich darin, dass dieses Zeugnis über die Nähe des Reiches unterbrochen worden ist und zur Zeit des Endes wiederaufgenommen werden wird. Die Jünger werden hier als Repräsentanten gesehen, und was gesagt wird, war damals für sie zutreffend und wird für andere zutreffen, die sich zur Zeit des Endes in ähnlicher Lage befinden. Das Reich, das damals in Person in Christus dargestellt wurde, wurde verworfen. Folglich wurde das Zeugnis 7ui–ückge7ogen, wie wir in Kapitel 16,20 sehen. Es wird fortgesetzt werden, wenn die Sammlung der Kirche aus den Völkern vollendet ist, und es wird gerade zu seinem Abschluss gekommen sein, wenn der Sohn des Menschen kommt, um das Reich zu empfangen und aufzurichten, wie es in Daniel 7 prophezeit worden war.
In der Zwischenzeit muss der Jünger damit rechnen, wie sein Meister behandelt zu werden, doch er braucht sich nicht zu fürchten. Er wird von Menschen verleumdet, geschmäht und sogar getötet werden; doch in den Versen 26–33 begründet der Herr eine dreifache Ermutigung. Erstens wird alles ans Licht kommen, und die boshaften Verleumdungen der Menschen werden zerstreut werden. Die Aufgabe des Jüngers ist es, das Licht jetzt scheinen zu lassen. Zweitens ist da Gottes innige Fürsorge, die sich zu den kleinsten Dingen herablässt. Drittens gibt es Lohn: Der Herr wird sie öffentlich vor Seinem Vater in den Himmeln bekennen. Doch nichts als Glaube wird jeden von uns befähigen, das Licht wertzuschätzen und willkommen zu heißen, sich auf die Fürsorge zu stützen und die Anerkennung Gottes höher zu achten als den Ruhm der Menschen.
Vers 28 ist besonderer Beachtung wert, denn er lehrt klar, dass die Seele nicht wie der Körper dem Tod unterworfen ist. Gott vermag sowohl Seele als Leib in der Hölle zu verderben. Doch das Wort für "verderben" ist ein anderes als das für "töten" und hat etwa den Sinn von "umkommen" oder "zerstören", doch der Gedanke an Auslöschung ist darin nicht enthalten. Dem genauen Wortlaut nach kommt "die Unsterblichkeit der Seele" in der Schrift nicht vor, aber hier sind Worte unseres Herrn, die diese ernste Tatsache beweisen. Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als ob die Worte in Vers 34 mit anderen Aussagen, wie wir sie in Lukas 1,79; 2,14 oder Apostelgeschichte 10,36 finden, *In Gegensatz stehen. Doch eine wirkliche Unstimmigkeit besteht nicht. Durch Christus kam Gott den Menschen nahe mit einer Botschaft des Friedens, aber Christus wurde verworfen. Im Matthäusevangelium wird an dieser Stelle Seine Verwertung sichtbar, daraus erklärt Er die ernste Tatsache, dass die unmittelbare Auswirkung Seines Kommens Kampf und Krieg sein wird. Den Frieden auf der Erde wird Er bei Seiner zweiten Ankunft begründen, und das sahen die Engel bei Seiner ersten Ankunft voraus und lobpriesen Gott. In der Tat kommt der Friede zuletzt, aber das Kreuz stand unmittelbar bevor. Und wenn Er im Begriff stand, das Kreuz aufzunehmen, so mussten Seine Jünger bereit sein, ihrerseits dem Schwert zu begegnen und um Seinetwillen das Leben zu verlieren. Ein solcher Verlust würde der größte Gewinn sein.
Die Schlussverse zeigen, dass die Aufnahme der unpopulären Jünger der Aufnahme des unpopulären Meisters, ja, der Aufnahme Gottes selbst gleichkommen würde. Jeder erfüllte Dienst dieser Art, und bestünde er nur darin, einen Becher kalten Wassers zu reichen, wird seinen Lohn an dem künftigen Tag nicht verlieren.
Kapitel 11
Die Aussendung der Zwölf bedeutete nicht, dass der Herr in Seinem persönlichen Dienst nachließ, wie der erste Vers zeigt. All diese Tätigkeit erregte die Aufmerksamkeit des Johannes in seinem Gefängnis. Wir können uns wohl vorstellen, dass er erwartete, dass die große Persönlichkeit, die er angekündigt hatte, seinetwegen etwas unternehmen möchte. Doch Er war da, befreite alle möglichen unwürdigen Leute von ihren Krankheiten und Plagen, aber übersah offenbar Seinen Vorläufer. Eine solche Prüfung des Johannes ließ seinen Glauben ein wenig wanken. Die Antwort des Herrn an Johannes war in ihrer Form ein weiteres Zeugnis Seiner eigenen gnadenvollen Bemühungen und zeigte, dass Er die Prophezeiung aus Jesaja 61,1 tatsächlich erfüllte. Und glückselig war, wer an Seiner Erniedrigung und dem Fehlen jeder äußeren Herrlichkeit, die Seine zweite Ankunft kennzeichnen wird, keinen Anstoß nahm.
Dann legte Jesus Zeugnis ab über Johannes. Er war kein schwankendes Rohr und kein Mann, der in Üppigkeit lebte, sondern er war mehr als ein Prophet, nämlich der Bote, den Maleachi vorausgesagt hatte, der den Weg des Herrn bereiten würde. Zudem war Johannes der "Elia" des ersten Kommens des Herrn, und er markierte das Ende einer Epoche. Die Haushaltung des Gesetzes und der Propheten reichte bis zu ihm, und von seinen Tagen an war das Reich der Himmel geöffnet, doch war "Gewalt" oder Kraft des Glaubens nötig, um darin einzugehen. Wenn das Reich sichtbar kommt, wird nicht die gleiche Kraft des Glaubens erforderlich sein. Dies alles zeigte, wie groß Johannes war. Trotzdem würde der Kleinste im Reich der Himmel eine bei weitem höhere Stellung einnehmen als dieser große Mann, der den Weg bereitete, aber selbst nicht einging. Die moralische Größe des Johannes war unübertroffen, obwohl mancher von geringerer moralischer Bedeutung in Bezug auf seine äußere Stellung größer sein würde.
Nachdem der Herr über Johannes gesprochen hatte, über dessen Größe und die Stellung, die ihm im Blick auf seinen Dienst verliehen war, leitet Er über und behandelte die Gleichgültigkeit des Volkes. Sie hatten die gewaltige Predigt des Johannes vernommen und nun auch den Herrn gehört und Seine machtvollen Werke gesehen, doch weder das eine noch das andere hatte sie wirklich ergriffen.
Sie waren launischen Kindern gleich, die man nicht dafür gewinnen kann, beim Spiel wirklich mitzumachen. Der Dienst des Johannes war von großem Ernst gekennzeichnet gewesen, aber an ihnen war kein Wehklagen in Reue bemerkt worden. Jesus war gekommen in Gnade und in der Freude der Befreiung, doch Zeichen von Fröhlichkeit darüber gaben sie nicht zu erkennen. Statt dessen machten sie Gründe ausfindig, um beiden nicht zu glauben.
Die Verhöhnung, die sie auf Johannes schleuderten, war eine schamlose Lüge, während ihr übles Gerede über den Herrn ein Element der Wahrheit barg, denn Er war im höchsten Sinn "ein Freund der Zöllner und Sünder". Sie meinten es jedoch im denkbar niedrigsten Sinn; denn wenn ein Widersacher mit verunglimpfenden Anklagen um sich wirft, dann scheint ihm zu diesem Zweck vielfach die halbe Wahrheit dienlicher als eine plumpe Lüge. Solange wir im Gehorsam mit gutem Gewissen unseren Weg gehen, brauchen wir den Schlamm, den Gegner auf uns werfen, nicht zu fürchten. Johannes, zusammen mit den größten Propheten, und auch der Sohn des Menschen selbst hatten das zu ertragen. Solche, die Kinder der Weisheit waren, ließen sich von diesen Verleumdungen nicht beeindrucken. Sie rechtfertigten die Weisheit und verurteilten dadurch die Widersacher. Dieselbe Tatsache drückt sich aus in anderen Worten, die Jesus sprach: "Ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen ... Meine Schafe hören meine Stimme" (Joh 10,26.27).
An dieser Stelle finden wir den Herrn die Tatsache hinnehmen, dass die Städte Galiläas, wo Seine meisten Wunderwerke geschehen waren, Ihn völlig abgewiesen hatten. Sie hatten solch ein Zeugnis empfangen, wie es in Tyrus und Sidon und auch im Land Sodom niemals geschehen war. Nun, je größer das Vorrecht, um so größer die Verantwortlichkeit und um so schwerer das Gericht, wenn das Vorrecht verachtet und der Verantwortlichkeit nicht entsprochen wird. Ein schlimmes Verhängnis stand den Städten Chorazin, Bethsaida und Kapernaum bevor. Ihre Bewohner jener Tage haben den Tag des Gerichts zu erwarten, und die Städte selbst sind so stark zerstört worden, dass man heute noch darüber streitet, wo sie überhaupt gelegen haben. Sie hatten "Jesus Christus, den Sohn Davids, den Sohn Abrahams" (1, 1) verworfen und folglich auch das Reich, das in Ihm gegenwärtig war.
Doch in diesem krisenhaften Augenblick stützte sich Jesus auf den Vorsatz des Vaters und auf die Vollkommenheit Seiner Wege, der Wege, auf denen Er Seinen Vorsatz ausführt. Die Menschen, deren Gleichgültigkeit der Herr beklagt hatte, waren gerade nach weltlichen Maßstäben "Weise und Verständige". Aber es gab auch die "Unmündigen", und diesen, nicht jenen, hatte der Vater Dinge von größter Bedeutung in diesem Augenblick offenbart. Dies war der Weg, den der Vater erwählte und der vor Ihm wohlgefällig war. Der Herr machte sich völlig damit eins und sprach einen Lobpreis aus. Dies ist immer Gottes Weg gewesen und ist es auch heute, wie wir in 1. Korinther 1,21–31 sehen. Gottes Vorsatz wird nicht scheitern. Das Reich, wie es sich in Christus darstellte, war im Begriff, zurückgewiesen zu werden: Gott wird das Reich in völlig anderer Weise errichten, sogar während wir auf seine Errichtung in offenbarer Macht und Herrlichkeit warten. Es werden solche gefunden werden, die das Joch des Sohnes auf sich nehmen und die so schon die Ruhe des Reiches in ihrer Seele genießen werden.
Es ist der Vorsatz Gottes, dass alle Dinge einmal in den Händen des Sohnes des Menschen ruhen werden. Zu diesem Zweck sind Ihm alle Dinge bereits übergeben worden. An dem künftigen Tag werden wir sehen, wie Er über alle Dinge in machtvollern, scharf unterscheidendem Gericht verfügt, während Er in der jetzigen Zeit die Erkenntnis des Vaters ausbreitet. Der Sohn ist so wahrhaftig Gott, dass es in Ihm unergründliche Tiefen gibt, die nur dem Vater bekannt sind. Der Vater ist über aller menschlichen Erkenntnis, aber der Sohn erkennt Ihn und ist erschienen als Sein großer Offenbarer. Als solcher kann Er sagen: "Kommet her zu mir .... und ich werde euch Ruhe geben." Er selbst ruhte in der Erkenntnis des Vaters, Seiner Liebe, Seines Vorsatzes, Seiner Wege. Zu dieser Ruhe führt Er die, die zu Ihm kommen.
Seine Einladung richtete sich besonders an alle Mühseligen und Beladenen, d.h. solche, die aufrichtig und fromm das Gesetz zu halten versuchten, das doch, Wie Petrus sagte, ein Joch ist, "das weder unsere Väter noch wir zu tragen vermochten" (Apg 15,10); je aufrichtiger sie waren, desto schwerer mussten sie unter diesem Joch beladen gewesen sein. So galten die Worte des Herrn den "Kindern der Weisheit", den "Unmündigen", mit anderen Worten dem gottesfürchtigen Überrest inmitten der ungläubigen Gesamtheit des Volkes. Jetzt konnten sie das drückende Gesetzesjoch gegen das leichte Joch Christi austauschen. Bei Ihm konnten sie Dinge lernen, die das Gesetz ihnen niemals vermitteln konnte.
Hinzu kam, dass Er sie in einer neuen Weise lehrte. Er gab Beispiele zu Seinen Belehrungen. Sanftmut und Demut des Herzens sind nötig, wenn ein Platz der Abhängigkeit einzunehmen und zu bewahren ist. In Ihm wurde beides in vollkommener Weise gesehen. Er war der Sohn, und doch lernte Er den Gehorsam, und nachdem dieser Gehorsam Ihn zum Tod geführt hatte, ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden" (Hebr 5,8.9). In unserem Evangelium sehen wir, wie Er als der Gehorsame uns zu Seinem Gehorsam beruft, zu einem Gehorsam, der nicht niederdrückt und der zur Ruhe bringt. "Ruhe für eure Seelen" wurde als Ergebnis eines treuen Wandels auf "den Pfaden der Vorzeit" dem Gesetz entsprechend (Jer 6,16) in Aussicht gestellt, aber in jene Ruhe waren Menschen nie eingegangen. Der einzige Weg, auf dem sie erreicht werden kann, wurde durch den Sohn kundgemacht, der gekommen war, den Vater zu offenbaren. Der Vater muss erkannt werden, wenn Sein Vorsatz zur Vollendung kommen soll.
Kapitel 12
Von den Höhen, die uns im letzten Kapitel beschäftigten, steigen wir wieder hinab in die Tiefen menschlicher Torheit und Blindheit, wie sie in dem Pharisäer zutage treten. In diesem Kapitel finden wir, dass die jüdischen Führer Ihn endgültig verworfen haben, nun sind es nicht mehr nur die Städte Galiläas. In den ersten beiden Fällen entflammt der Streit um den Sabbat. Der Herr verteidigte die Handlungsweise Seiner Jünger aus wenigstens vier Gründen (Verse 3–8).
Als David, der von Gott gesalbte König, verworfen war, hatten seine Bedürfnisse Vorrang vor einer Frage, die die Ordnung des Heiligtums betraf, und seine Begleiter waren ihm darin verbunden. Jetzt verwarf man den großen Sohn Davids, aber musste dem Bedürfnis Seiner Jünger nicht entsprochen werden, selbst wenn das ihre Sabbatvorschriften verletzte? Zweitens hatte der Tempel Vorrang vor dem Sabbat, denn immer hatten die Priester an den Sabbaten ihre Arbeit verrichtet. Jesus nahm nun für sich in Anspruch, größer als der Tempel zu sein. Tatsächlich wohnte Gott in Christus in weit größerem Maß als jemals im Tempel. Drittens stand in Hosea 6 ein Wort über Barmherzigkeit, auf das Er sich schon früher bezogen hatte, und jetzt traf es auf diesen Fall zu. Viertens beanspruchte Jesus, als Sohn des Menschen Herr des Sabbats zu sein; mit anderen Worten, der Sabbat hatte für Ihn keine bindende Kraft. Er war sein Meister und konnte über ihn verfügen, wie Er es für gut hielt.
Im zweiten Fall beantwortet der Herr ihre spitzfindige Frage mit einem Hinweis auf ihre eigene Praxis. Sie hatten keine Gewissensbisse, am Sabbat Hand anzulegen, wenn es darum ging, sich eines Schafs zu erbarmen. Wer waren sie denn, dass sie etwas einzuwenden hatten, wenn Er am Sabbat einem Menschen Barmherzigkeit erwies? Und solche Barmherzigkeit übte Er unverzüglich. Doch dann zeigt sich die maßlose Verstockung ihrer Herzen, indem Sein Mitgefühl in ihnen Mordgedanken hervorrief. Sein Tod war von diesem Augenblick an für sie eine entschiedene Sache.
Weil es so stand, begann Jesus das Zeugnis zurückzuziehen, das sie mit Seinem Tod auszutilgen sich anschickten. Er wies die an, denen Er Sein Erbarmen noch zuwandte, Ihn nicht offenbar zu machen. Matthäus führt die schöne Prophezeiung aus Jesaja 42 an und zeigt, wie sie in Ihm ihre Erfüllung fand. Teilweise wartet sie noch auf ihre Erfüllung bei Seinem zweiten Kommen, denn noch hat Er das Gericht nicht zum Sieg geführt. Dem erbitterten Hass und der Verwertung, denen Er sich bei Seinem ersten Kommen gegenübersah, begegnete Er, ohne dass Er widerstand, Gegenreden erhob oder gar Seine Feinde zerschmetterte. Nichts ist wertloser als ein geknicktes Rohr und nichts unserer Nase widerwärtiger als ein glimmender Docht. Beiden glichen die Pharisäer, aber Er wird sie nicht zerbrechen und sie nicht auslöschen bis zur Zeit des Gerichts. Bis dahin lernen die Heiden, auf Seinen Namen zu vertrauen.
In Jesaja 32 werden die beiden Kommen des Herrn – wie oft in den Schriften des Alten Testaments – nicht unterschieden, aber hier lässt sich deutlich erkennen, wie beide in die Weissagung eingeschlossen sind. Zu dieser Zeit kam Jesus als Gefäß der Barmherzigkeit und nicht, um Gericht zu üben. Nachdem Er von den Obersten des Volkes abgewiesen sein würde, würde Er sich zu den Heiden wenden und ihnen Seine Barmherzigkeit zuströmen lassen. Das wird in dieser Stelle klar angekündigt.
Ist das für uns nicht von unermesslichem Wert, wenn wir sehen dürfen, dass wir unter jenen Heiden sind, die auf Seinen Namen gehofft haben?
Bei den Pharisäern haben wir einen Hass gesehen, der zu morden bereit war. Doch bei Jesus haben wir eine Sanftmut und Demut des Herzens gefunden, die Ihn dahin leitete, jede Gerichtshandlung aufzuschieben und ihre Bosheit ohne Widerspruch und Streit hinzunehmen. Matthäus berichtet jetzt den Fall eines Menschen, der von einem Dämon besessen und dadurch blind und stumm geworden war. Jesus gab ihm das Augenlicht und die Sprache wieder, indem Er den Dämon austrieb. Darüber erstaunten die Volksmengen sehr und fingen an, Ihn für den wahren Sohn Davids zu halten. Als die Pharisäer das sahen, gerieten sie in eine verzweifelte Erregung und wiederholten noch ausdrücklicher die lästerliche Behauptung, dass Er in der Kraft Satans wirke. Zu ihrer früheren Lästerung (9,34) hatte der Herr geschwiegen, aber diesmal trat Er ihrer Herausforderung entgegen.
Zuerst widerlegt Er sie von der Vernunft her. Ihre Beschuldigung war insofern widersinnig, als der Satan, durch Satan ausgetrieben, sein eigenes Reich zerstören würde. Zugleich verleumdeten sie ihre eigenen Söhne, die sich zur Austreibung von Dämonen bekannten. Zweitens gab Er *Ihnen die wahre Erklärung: Er war hier in Seiner Menschheit und handelte durch den Geist Gottes, und so hatte Er Satan, den Starken, gebunden und war nun dabei, seiner Macht die zu entreißen, die nichts als sein "Hausrat" waren. Darin lag ein weiterer klarer Beweis, dass das Reich Gottes in ihrer Mitte war.
Damit klärte sich auch unzweifelhaft, dass, wer nicht entschieden für Christus war und mit Ihm sammelte, gegen Ihn war und zerstreute. Das brachte den Herrn dazu, den wahren Charakter ihrer Sünde zu entlarven, die sie außerhalb des Bereichs der Vergebung brachte – trotz der Tatsache, dass jede Art von Sünde vergeben werden kann. Im Sohn des Menschen stellte Gott sich ihnen sichtbar dar: Sie mochten Ihm widersprechen und trotzdem durch ein Werk des Geistes zur Buße gebracht werden und dadurch Vergebung erlangen. Aber den Heiligen Geist zu lästern, durch den allein Buße und Glauben in der Seele gewirkt werden kann, das bedeutet, sich in eine hoffnungslose Lage zu bringen. Es heißt, Buße und Glauben von sich zu weisen und damit die einzige Tür zur Errettung zu verriegeln und zu schließen.
Es war eine traurige Tatsache, dass diese Pharisäer völlig verdorbenen Bäumen glichen, ja, einer Schlangenbrut, und ihre bösen Worte waren gerade der Ausdruck der Bosheit ihrer Herzen. In den Versen 33–37 reißt der Herr durch einen solchen Vergleich die Maske von ihren Herzen und erklärt, dass sie nach ihren Worten gerichtet werden würden. Wenn die Menschen einmal am Tag des Gerichts sogar von jedem unnützen Wort Rechenschaft geben müssen, was verdienen dann ihre soeben gesprochenen bösen Worte? An jenem Tag werden sie aus ihren Worten verdammt werden.
Durch ihr Verlangen, wie es Vers 38 berichtet, zeigten die Pharisäer an, dass sie in moralischer Hinsicht ebenso blind und gefühllos wie verdorben und böse waren. Indem sie alle Zeichen, die geschehen waren, nicht beachteten, ob in Unwissenheit oder aus Absicht, forderten sie ein neues Zeichen. Wir haben fünf Zeichen in Kapitel 8 und fünf in Kapitel 9 außer denen, die in unserem Kapitel berichtet werden. In ihrem boshaften und ehebrecherischen Sinn konnten sie das klarste Zeichen nicht wahrnehmen; so würde ihnen auch kein Zeichen mehr gegeben werden außer dem größten aller Zeichen – Seinem eigenen Tod und Seiner Auferstehung, wofür in der bemerkenswerten Geschichte Jonas bereits ein Vorbild gegeben worden war. Das Geschlecht, das den Herrn verwarf, war von Wundern umgeben gewesen, mehr als alle, die vor ihm waren. Jona und seine Predigt waren den Niniviten ein Zeichen gewesen, und zu einer früheren Zeit war Salomo mit seiner Weisheit ein Zeichen für die Königin des Südens gewesen, und wie eindrucksvoll waren die Auswirkungen. Doch Jesus wurde verworfen.
Dennoch steht Jesus unendlich über ihnen allen. In unserem Kapitel nennt Er sich selbst "größer als der Tempel", "mehr als Jonas", "mehr als Salomon". Der Hinweis ist beachtenswert, dass sowohl Jona als Salomo Zeichen für die Nationen waren. Obwohl sie Diener Gottes in Israel waren, drang ihr Ruhm bis zu dem nördlichen Ninive bzw. dem südlichen Scheba. Diese Heiden hatten Ohren zu hören und Herzen, die der Anerkennung Raum gaben, aber diese pharisäischen Juden, die unseren Herrn umgaben, waren verblendete und erbitterte Widersacher bis zu dem Punkt, wo sie diese unvergebbare Sünde begingen.
Was würde das Ende dieses ungläubigen Geschlechts sein? Der Herr sagt es uns in den Versen 43–45. Der böse Geist des Götzendienstes, der sie in ihrer früheren Geschichte beherrscht hatte, war in der Tat von ihnen ausgefahren. Christus, der ihnen den wahren Gott offenbart hatte, hätte das Haus in Besitz nehmen sollen; aber Ihn verwarfen sie. Die Folge davon würde die Rückkehr jenes bösen Geistes sein, und zwar mit noch sieben anderen Geistern, böser als er selbst. Dieses Wort unseres Herrn wird in den letzten Tagen unter dem Antichristen in Erfüllung gehen. Das ungläubige Geschlecht der Juden wird das Bild des Tieres anbeten und von der furchtbaren Gewalt satanischer Mächte unterjocht werden. Wenn das Gericht hereinbricht, werden diese abtrünnigen Juden, auf die es fallen wird, schlimmer sein als alle, die ihnen vorangingen. Gleiches wird, so glauben wir, auch auf die heidnischen Nationen zutreffen.
Das Kapitel schließt mit der bezeichnenden Begebenheit, die die Mutter Jesu und Seine Brüder angeht. Tatsächlich kamen sie in einer verkehrten Gesinnung, wie wir aus Markus 3,21.31 sehen können. Doch darum geht es hier nicht. Vielmehr nimmt der Herr ihr Kommen zum Anlass, um eine rein natürliche Beziehung nicht mehr anzuerkennen und zu zeigen, dass künftig nur noch eine Beziehung geistlicher Art zählen wird. In dieser bildlichen Weise setzte Er für den Augenblick die alte Verbindung, die dadurch bestand, dass Er als Sohn Abrahams und als Sohn Davids gekommen war, beiseite und zeigte, dass die jetzt anzuerkennende Verbindung nur im gehorsamen Tun des Willens Gottes besteht. Als Volk hatten die Juden Ihn verworfen, und jetzt verleugnet Er sie. Er anerkennt Seine Jünger als solche, die in einer wahren Beziehung zu Ihm stehen; denn, obwohl sie schwach waren, hatten sie doch angefangen, den Willen Seines Vaters in den Himmeln zu tun.
Kapitel 13
Am Anfang des Kapitels fällt auf, wie der Herr damit fortfährt, Seinen Worten Taten folgen zu lassen. Er verlässt die Enge des Hauses und geht hinaus ins Freie und an den See, der symbolisch die Nationen abbildet. Dort beginnt Er die Volksmenge von einem Schiff aus zu lehren, indem Er in Gleichnissen zu ihnen spricht. Dieses Kapitel enthält sieben Gleichnisse. Beginnen wir damit, dass wir einen Ausdruck beachten, den Er in Vers 52 gebraucht, "Neues und Altes". Das wird uns helfen, dem Gedankengang der Gleichnisse zu folgen. Altes wird erwähnt, das Reich der Himmel zum Beispiel, das im Buch Daniel vorausgesagt war, doch Neues ist vorherrschend. Wir wollen auf vier neue Dinge hinweisen, bevor wir die Gleichnisse Punkt für Punkt betrachten. Erstens bedient Er sich einer neuen, und zwar der gleichnishaften Form der Unterweisung. Diese neue Methode fiel den Jüngern auf, wie Vers 10 zeigt. Zweitens zeigte Er in dem ersten Gleichnis eine neue Art göttlichen Wirkens an. Statt nach Frucht auszuschauen, durch Gesetz und Propheten auf dem Ackerfeld Gottes gewirkt, schickte Er sich an, das Wort zu säen, um dadurch Frucht hervorzubringen. Drittens macht Er Entwicklungen deutlich, die dem Ausdruck "Reich der Himmel" eine neue Bedeutung geben. Viertens verkündet Er neue Offenbarungen, indem Er Seinen Mund öffnet, um auszusprechen, "was von Grundlegung der Welt an verborgen war wie es Vers 35 sagt.
Das erste Gleichnis steht für sich, und wenn wir dies nicht verstehen, werden wir die anderen auch nicht verstehen. Das große Werk war nun, das "Wort vom Reich" in die Herzen der Menschen zu säen. Dabei wird dem Juden keine besondere Stellung mehr eingeräumt. Jesus sagt in Vers 19: "So oft ,jemand ... hört" – das öffnete die Tür für jeden Hörer des Wortes, wer er auch sein mochte. Doch es war nötig, mit Verständnis zu hören. Sich dagegenstellen – dahinter stehen die Rührigkeit des Teufels, die Wankelmütigkeit des Fleisches und die Sorgen und Reichtümer der Welt. Doch von einigen Menschen wird das Wort aufgenommen, und sie bringen in unterschiedlichem Maße Frucht. Diese Art göttlichen Wirkens dauert noch an. Sie kennzeichnet die Zeit, in der wir leben. Das Christentum ist nicht gegründet auf das, was im Menschen ist, sondern auf das, was es durch Gottes Kraft hervorbringt.
Den Jüngern gab der Übergang zu einem Gleichnis zu denken. Auf ihre Frage hin erklärte Er, dass Er diese Form der Unterweisung gewählt habe, um die Geheimnisse des Reiches der Himmel vor der Masse der Ungläubigen zu verbergen und sie allein denjenigen zu offenbaren, die glaubten. Solche, die den Herrn im Unglauben verwarfen, hatten ihre Augen vor der Wahrheit verschlossen. Nun sprach Er in Gleichnissen zu ihnen und überließ sie ihrem Unglauben. So sollte die Weissagung Jesajas an ihnen erfüllt werden, eine Weissagung, die auch Johannes in seinem Evangelium (12,40) erwähnt und die ein drittes und letztes Mal von Paulus im letzten Kapitel der Apostelgeschichte angeführt wird. Sie bezeugt das Walten Gottes in Seinen Regierungswegen. Für Gläubige sind die Gleichnisse überaus lehrreich und, wie Vers 17 sagt, machten sie die Jünger mit Dingen bekannt, die von Propheten und gerechten Männern früherer Tage längst ersehnt, aber nie gesehen worden waren.
Doch selbst die Jünger bedurften einer Erklärung, wie sie der Herr ihnen auch gab, damit sie das Gleichnis vom Säemann verstünden. Danach verkündete Er vor den Ohren der Volksmenge drei weitere Gleichnisse. Erst nachdem die Volksmenge entlassen war und Er sich mit Seinen Jüngern in ein Haus zurückgezogen hatte, erläuterte Er auch das zweite Gleichnis. Es ist deshalb offensichtlich, dass die ersten vier Gleichnisse öffentlich gesprochen wurden und dass sie sich mit der äußeren Offenbarung des Reiches befassen, wogegen die letzten drei Gleichnisse in vertraulichem Kreis mitgeteilt wurden und von seiner inneren und mehr verborgenen Wirklichkeit handeln.
Wie schon gesagt, gibt uns das erste Gleichnis den Schlüssel zu allen übrigen. Es zeigt uns, dass das Reich aufgerichtet werden wird als Ergebnis davon, dass das "Wort vom Reich" gesät wird, es ist nicht die Frucht des Gehorsams dem noch bestehenden Gesetz Moses gegenüber. Nachdem diese Tatsache bewiesen ist, sprechen alle anderen Gleichnisse davon, wem das Reich der Himmel gleich ist, und jedes der sechs Ebenbilder stellt Merkmale vor, die im Licht der alttestamentlichen Schriften nicht hatten vorausgesehen werden können. Dort war das Reich in seiner Herrlichkeit geschaut worden, aber hier finden wir, dass es einen neuen Charakter annehmen soll, in dem es zunächst bestehen wird, bevor es zu seiner Herrlichkeit kommt.
Das zweite Gleichnis handelt vom Unkraut unter dem Weizen. Während das Reich dadurch besteht, dass der Sohn des Menschen den guten Samen sät, tritt auch der Teufel als ein Säemann auf, und seine Söhne werden mitten unter den Söhnen des Reiches gefunden. Damit wird die Tatsache deutlich, dass bis zur Stunde des Gerichts, wenn der Herr alles Böse aus dem Reich verbannen wird, eine Vermischung besteht, um es mit einem Wort zu sagen. Es sei daran erinnert, dass in diesem Gleichnis der Acker "die Welt" (V. 38) ist. So ist hier durchaus nicht an die Kirche zu denken, als wäre sie ein Bereich, wo die Söhne des Bösen notwendigerweise geduldet werden müssten. "Das Reich" bezeichnet einen Bereich, der umfassender ist als "die Kirche", und es ist nicht möglich, die Dinge in der Welt zu entwirren, bis der Herr kommt. Dann, in der Vollendung des Zeitalters, werden durch den Dienst von Engeln die Bösen verbrannt werden.
Der Weizen soll in die Scheune gesammelt werden. In Seiner Erklärung geht der Herr weiter und sagt von den Gerechten, dass sie im Reich ihres Vaters leuchten werden wie die Sonne. Indem der Herr dieses Bild benutzt, versetzt Er die Heiligen in eine himmlische Stellung, und so sind wir nicht überrascht, wenn wir später die himmlische Berufung völlig offenbart finden. Es ist interessant zu beachten, dass der Herr in diesem Gleichnis vom "Reich der Himmel", vom "Reich des Sohnes des Menschen" und vom "Reich ihres Vaters" spricht; Er zeigt dadurch, dass es sich um ein und dasselbe Reich handelt, wie immer es auch bezeichnet werden mag. Es bietet indessen verschiedene Seiten, wenn wir so sagen dürfen, die darum auch unterschiedlich betrachtet werden können.
Das dritte Gleichnis handelt vom Senfkorn und stellt vor, dass das Reich durch eine Entwicklung gekennzeichnet ist. Es wird wachsen und vor den Augen der Menschen eindrucksvoll in Erscheinung treten, aber auch bösen Werkzeugen Unterschlupf gewähren – denn wenn der Herr "die Vögel" aus dem ersten Gleichnis erklärt, sagt Er, "dann kommt der Böse", und wir wissen, wie Satan durch menschliche Werkzeuge wirkt.
Das vierte Gleichnis ist in einem Vers (33) zusammengefasst und zeigt – wir hätten es nach dem vorangegangenen erwarten können –, dass das Reich nach und nach von Verderben durchdrungen werden wird. Der Sauerteig wird in der Schrift durchweg als ein Bild für etwas gebraucht, das eine verderbliche Wirkung hat. Hier ist die einzige Stelle, wo einige Ausleger möchten, dass er etwas Gutes bedeutet. Nun, das kommt daher, weil sie ein Auslegungssystem vertreten, das eine solche Sinngebung erfordert. Sie glauben nämlich, dass das Evangelium die Welt allmählich mit dem Guten durchsetzen wird. Dass sie hier der Bedeutung von Sauerteig plötzlich Gewalt antun, hätte sie dahingehend warnen sollen, dass ihre Gedanken, die das verlangen, falsch sind.
Der Herr belehrt uns hier also, dass das Reich, vom Menschen aus betrachtet, eine Form annehmen wird, deren Merkmale Vermischung und Entwicklung sind, bis zu einer eindrucksvollen Institution auf der Erde, in der böse Werkzeuge zu Hause sind, und als Folge davon wird es in einem fortschreitenden Prozess vom Bösen völlig durchsetzt werden. Er sprach in der Tat als Prophet, denn genau das, was Er voraussagte, ist in jenem Teilgebiet der Erde geschehen, wo dem Bekenntnis nach anerkannt ,wird, dass die Himmel herrschen.
In der Zurückgezogenheit des Hauses teilt der Herr den Jüngern drei weitere Gleichnisse mit. Darin haben wir das Reich, wie es von göttlicher Warte aus gesehen wird, und wenn unsere Augen gesalbt sind, werden auch wir darin sehen, was Gott sieht. Zuerst werden wir sehen, dass es da etwas von verborgenem Wert gibt. Der "Acker" ist auch hier noch die Welt, und der Herr hat ihn gekauft in der Absicht, den darin verborgenen Schatz zu erlangen. Dieser Kauf ist nicht dasselbe wie Erlösung, denn böse Menschen mögen so weit gehen, dass sie "den Gebieter verleugnen, der sie ei–kauft hat" (2. Petr 2,1). Sie waren erkauft, aber nicht erlöst, sonst würden sie sich nicht "schnelles Verderben" zuziehen. Das Reich wird aufgerichtet, um den in der Welt verborgenen Schatz sicherzustellen.
Es folgt das Gleichnis von der einen sehr kostbaren Perle. In dem Reich, wie es heute existiert, kann sie gefunden und gekauft werden, und in den Augen Gottes besitzt sie eine einzigartige Vollkommenheit. Ohne Zweifel haben wir hier in einem Bild das, wovon der Herr in Kapitel 16 als von "meiner Versammlung" sprechen wird. Es ist wahr, Er hat den Acker gekauft, aber Er hat auch die Perle gekauft, und um das zu tun, stellt Er sich selbst in beiden Fällen als der vor, der alles verkaufte, was Er hatte. Im Geist von 2. Korinther 8,9 gab Er alles auf, um Sein Ziel zu erreichen. Wir können Christus nicht kaufen, indem wir "alles" verkaufen, denn unser "alles" hat keinen Wert. Aber es geht um das, was Er für uns getan hat, was Er erringen wird in dem Reich der Himmel in seiner gegenwärtigen geheimnisvollen Form.
Schließlich ist das Reich gleich einem Netz, in dem Fische aus dem Meer der Nationen gesammelt werden. Von jeder Gattung werden sie zusammengebracht, aber dann findet eine sorgfältige Auswahl statt. Es besteht eine Ähnlichkeit mit dem Gleichnis vom Weizen und dem Unkraut, insofern, als Aussonderung ein Werk der Engel in der Vollendung des Zeitalters ist. Die Bösen werden von den Gerechten getrennt und in den Feuerofen geworden. Aber es besteht auch ein auffälliger Unterschied, denn in dem früheren Gleichnis waren die Bösen in der Welt, weil der Feind dort gesät hatte, während hier das "Wort vom Reich", einem Netz gleich, unter die Nationen ausgeht, und Menschen aller Art bekennen, es angenommen zu haben. Doch am Ende des Zeitalters wird eine Unterscheidung durchgeführt werden. Die wahrhaft Auserwählten Gottes werden eingebracht und die Bösen verworfen werden.
Es ist wichtig, und wir sollten es uns immer vor Augen halten, wie das Reich in göttlicher Sicht erscheint. Als Ergebnis der Verwerfung des wahren Sohnes Davids und Seiner darauf folgenden Abwesenheit, indem Er im Himmel ist, hat es diesen besonderen Charakter angenommen. Trotz der Vermischung und des Verderbens, die es äußerlich kennzeichnen werden, geht das eigentliche Werk Gottes weiter und wird dazu führen, dass dem Herrn der verborgene Schatz, die sehr kostbare Perle und all die guten Fische aus dem Netz gehören werden. Haben wir das alles begriffen? Die Jünger meinten, dass sie gut verstanden hätten; doch später, als sie den Geist empfangen hatten, mögen sie entdeckt haben, wie wenig es anfänglich war. Auch wir merken zweifellos, wie wenig wir verstanden haben, denn das Reich in seiner gegenwärtigen Form wird nicht so leicht erfasst, wie es einmal bei seiner unverhüllten, öffentlichen Darstellung der Fall sein wird. Es herrschen jene Dinge vor, die in alttestamentlicher Sicht gänzlich neu sind, deshalb lesen wir "Neues und Altes", nicht "Altes und Neues". Der Nachdruck liegt auf dem "Neuen'.
Am Schluss des Kapitels finden wir Jesus zurückgekehrt in Seine Vaterstadt in Galiläa, aber Er fand dort zu der Zeit keinen Glauben. Sie sahen in Ihm weder Emmanuel noch den Sohn Abrahams, noch den Sohn Davids. Für sie war Er nur der Sohn des Zimmermanns, dessen Verwandten sie so gut kannten. Ihr ungläubiges Bekanntsein mit Ihm ließ sie sich an Ihm ärgern. Seine Macht war unvermindert, doch ihr Unglaube schränkte ihre Ausübung ein, ebenso wie der Unglaube Joas', des Königs von Israel, seine Siege begrenzte (siehe 2. Kön 13,14–19).
Kapitel 14
Zu jener Zeit, so berichtet uns der erste Vers, "hörte Herodes ... das Gerücht von Jesu". Während Er in Nazareth keine Anerkennung findet, dringt Sein Ruhm bis zu den Ohren jenes gottlosen Mannes und trifft, wie es scheint, sein abgestumpftes Gewissen. Es ist bemerkenswert, dass er dachte, Johannes wäre von den Toten auferstanden, weil wir ein Wort des Paulus an einen späteren Herodes haben: "Warum wird es bei euch für etwas Unglaubliches gehalten, wenn Gott Tote auferweckt?" (Apg 26,8). Von einem schuldbeladenen Gewissen wurde hier beschworen, was sie nicht glauben konnten, als es geschehen war.
Dies veranlasst Matthäus, uns die Geschichte vom Märtyrertum des Johannes zu erzählen, die nur kurze Zeit zurücklag. Das treue Zeugnis des Johannes hatte den Zorn des Herodes und die Rache der Herodias geschürt, und der Vorläufer unseres Herrn starb als Folge eines gottlosen Eides. Herodes verletzte das Gesetz Gottes, um die Glaubwürdigkeit seines eigenen Wortes aufrechtzuerhalten. Ein solcher Mann regierte über einen großen Teil des jüdischen Volkes – wahrlich eine Züchtigung wegen ihrer überströmenden Sünde.
Nun hatte Johannes immer treu auf Jesus hingewiesen, und das Volk bestätigte, dass alles, "was Johannes von diesem gesagt hat, wahr war (Joh 10,41), obwohl er kein Zeichen tat. Weil Johannes Jesus gegenüber so treu war, wussten seine Jünger, was sie zu tun hatten, als er so plötzlich abtreten musste. Sein Leib wurde ihnen überlassen, und nachdem sie ihn begraben hatten, kamen sie und "verkündeten es Jesus". Johannes war die brennende und scheinende Lampe, während Jesus das Licht war, das, in die Welt kommend, jeden Menschen erleuchtet. Die Lampe erlosch, und so wandten sie sich zu dem großen Licht und fanden dort Trost.
Als Jesus es hörte, zog Er sich an einen öden Ort zurück. Markus zeigt uns, dass gerade um diese Zeit Seine Jünger von ihrem Missionsauftrag zu Ihm zurückgekehrt waren. Eine Zeit der Einsamkeit und der Ruhe war zu diesem Zeitpunkt sowohl für den Meister, für Seine Jünger wie auch für die traurigen Jünger des Johannes angebracht, falls sie, was wahrscheinlich ist, Ihn begleiteten.
Die Volksmengen jedoch folgten Ihm nach wie vor, und Er stillte ihre Bedürfnisse. Wie immer war Er ihrethalben innerlich bewegt. Die Gleichgültigkeit Nazareths und die Bosheit des Herodes hatten Ihn nicht verändert. Lasst uns tief und lange nachsinnen über das unwandelbare Mitleiden im Herzen Christi. Gepriesen sei Sein Name!
Nicht der Herr, sondern die Jünger schlugen vor, dass die Volksmengen entlassen würden, um für sich zu sorgen. Sein Mitgefühl hielt sie zurück, und Er befahl den Jüngern, ihnen zu essen zu geben. Das war eine Prüfung für die Jünger, die ans Licht brachte, wie wenig sie sich der Kraft ihres Meisters bewusst waren. Sie sollten noch entdecken, dass es Seine Weise war, die winzigen Hilfsquellen, die sie in Händen hatten, zu benutzen und sie zu vermehren, bis davon übrig blieb. Der Prophet hatte angekündigt, dass Jehova Seine Ruhe in Zion finden würde und dass dann Sein Wort eintreffen würde: "Seine Speise will ich reichlich segnen, seine Armen mit Brot sättigen" (Ps 132,15). Jehova war jetzt in der Person Jesu unter Seinem Volk, und obwohl es zu jener Zeit für Ihn noch keine Ruhe in Zion gab, stellte Er doch unter Beweis, was Er diesen fünftausend Menschen, die Frauen und Kinder nicht mitgerechnet, tun konnte. Er spendete himmlische Gaben, daher blickte Er zum Himmel auf, als Er sie segnete.
An diesem Punkt lasst uns die Lage überdenken, wie dieses Evangelium sie darstellt. Er war von der Nation endgültig verworfen, ihre Führer waren soweit gegangen, die unvergebbare Sünde zu begehen, Seine Werke der Macht des Teufels zuzuschreiben. Als Folge davon hatte Er symbolisch Seine Beziehung zu ihnen abgebrochen. So haben wir es in den Kapiteln 11 und 12 gesehen. Dann sprach Er in Kapitel 13 die Gleichnisse, die neue Entwicklungen hinsichtlich des Reiches der Himmel enthüllen. Am Schluss des Kapitels finden wir, dass die Leute Seiner eigenen Vaterstadt in Ihm nichts erkannten, außer dass Er der Sohn des Zimmermanns war. Kapitel 14 begann damit, dass Herodes Seinen Vorläufer tötete, so dass Seine Zurückweisung von allen Seiten kaum vollständiger sein konnte. Trotz alledem erleben wir bis zum Ende des Kapitels zwei gewaltige Tatsachen: Erstens beweist Er mein– als ausreichende Hilfe angesichts menschlicher Not, seien es die Bedürfnisse einer Volksmenge oder die Schwachheit der Jünger. Zweitens zeigt Er sich mehr als ei–haben über die Macht des Widersachers. Er wandelt nicht nur selbst auf sturmbewegten Wassern, sondern befähigt auch einen schwachen Jünger, es Ihm nachzutun.
Während der Nacht war Er im Gebet auf dem Berg gewesen, und die Jünger hatten sich im Kampf mit widrigen Umständen abgemüht. Gegen Morgen näherte Er sich ihnen, wandelnd auf den Wogen. In dem früheren Ereignis auf dem See (Kap. 8) hatte Er sich mächtig erwiesen, den Sturm zu stillen, weil Seine Macht allem teuflischen Wüten überlegen war. Jetzt zeigt Er Seine absolute Obergewalt. Der Sturm bedeutete Ihm einfach nichts. Er brachte die Jünger in höchste Bedrängnis, doch hier war der, von dem gesagt worden war: "Im Meere ist dein Weg, und deine Pfade in großen Wassern, und deine Fußstapfen sind nicht bekannt" (Ps 77,19). Seine Gegenwart brachte ihnen guten Mut, selbst als der Sturm noch tobte. Als Er ins Boot stieg, legte sich der Wind.
Doch der Herr vermochte noch mehr, als ihnen guten Mut zuzusprechen, und es war Petrus, der es zuerst erkannte: Er kann andere sich ähnlich machen. Das hatte für Petrus zur Folge, dass er aus dem Schiff stieg, jedoch nur auf das gebietende Wort hin "Komm!" Es verbürgte zugleich die Tatsache, dass wirklich der Herr selbst nahe gekommen war. In der vollen Gewissheit, dass Er es sei, stieg Petrus kraft Seines Wortes aus und wandelte auf dem See. Wir können darin ein Bild sehen von dem, was sich bald ereignen sollte. Das Jüdische System, das zu einem großen Teil aus dem "Gesetz der Gebote in Satzungen" (Eph 2,15) bestand, glich einem Schiff, das Menschen "nach dem Fleisch" angemessen war. Als Ergebnis Seines Kommens sollten die Jünger aus jenem "Schiff" aussteigen und einen Pfad reinen Glaubens betreten. Deshalb anbefahl Paulus, als er von den Ältesten von Ephesus Abschied nahm, sie nicht einer Sammlung von Gesetzen, noch einer Institution oder Organisation, sondern "Gott und dem Wort seiner Gnade". Daher auch die Aufforderung in Hebräer 13, "außerhalb des Lagers" hinauszugehen. Petrus befand sich "außerhalb des Schiffes", Christus war sein Ziel, und Sein Wort war für ihn Autorität. Die christliche Stellung ist außerhalb des Lagers mit Gott und dem Wort Seiner Gnade.
Doch der Glaube des Petrus war schwach, und als er von seinem Meister weg auf den heftigen Wind sah, fürchtete er sich und begann zu sinken. Trotzdem, er hatte Glauben, denn in der höchsten Not rief er auf einmal den Herrn an und wurde so aufrecht gehalten. Beide zusammen erreichten das Schiff, und sofort legte sich der Wind. Aus dem Johannesevangelium erfahren wir, dass das Schiff sogleich das Land erreichte. Petrus war völlig unlogisch in seinen Ängsten, denn es ist für uns genauso unmöglich, auf ruhiger Wasserfläche zu gehen wie auf sturmbewegter. Doch wir alle sind ihm ähnlich, wenn Kleinglaube unsere Herzen erfüllt. Ein Glaube, der allein auf Christus blickt, ist stark. Ein Glaube, der mit den Umständen beschäftigt ist, ist schwach.
Über das Versagen des Petrus wird manchmal zuviel gesprochen und zu wenig über das, wozu die Kraft des Christus ihn trotz geringen Glaubens befähigte. Schließlich ist er nicht versunken. Er begann nur zu sinken, und dann erreichte er, nicht aus eigener Kraft, den Herrn und kam mit Ihm zu dem Schiff zurück. Kein anderer Mensch hat dergleichen getan, und sein kurzes Versagen machte nur offenbar, dass es die Kraft seines Herrn war, die ihn hielt, so dass alle übrigen Jünger Ihn als den Sohn Gottes anbeteten. Sie empfingen einen flüchtigen, aber doch starken Eindruck Seiner Herrlichkeit, und nach ihrer Ankunft im Land Genezareth anerkannten die Leute sowohl Seine Gnade als auch Seine Macht. Die Leidenden kamen in Scharen zu Ihm, und ihre glaubensvollen Erwartungen waren berechtigt, denn so viele Ihn berührten, wurden völlig geheilt. Wahre göttliche Heilung ist hundertprozentig in hundert Prozent aller Fälle! Wirklich, ein wunderbarer Stand der Dinge!
Kapitel 15
In diese liebliche Szene brachen Schriftgelehrte und Pharisäer aus Jerusalem ein, um sich zu beklagen und die Frage zu stellen, warum die Jünger ihre Hände nicht waschen und somit gegen die Überlieferung der Ältesten verstoßen. Vergegenwärtigen wir uns diese Situation! Hier ist der Sohn Gottes, der in der Fülle göttlicher Gnade allenthalben Heilungen gewährt, und da kommen diese Männer, die völlig blind sind gegenüber all dem, was geschieht, und wollen eine Frage der äußeren Ordnung geklärt haben. Verblendet durch gesetzliches Formenwesen, haben sie jede Wahrnehmung für das mächtige Wirken göttlicher Gnade verloren. Eine solche Geistesverfassung könnte uns unglaublich erscheinen, wenn wir nicht auch heute dieselben Merkmale einer pharisäischen Haltung beobachteten, die sich nach wie vor mit Streitpunkten dieser Art beschäftigt, die auf Überlieferung und allgemeinem Brauch beruhen, aber nicht auf das klare und deutliche Wort Gottes gegründet sind.
Die Antwort, die der Herr diesen Männern gibt, betont den Unterschied zwischen "dem Gebot Gottes" und "eurer Überlieferung" (V. 3). Diese Überlieferungen der Ältesten waren Erklärungen, ausführliche Erläuterungen und Folgerungen, die durch verehrte Lehrer früherer Zeit vom Gesetz abgeleitet worden waren. Sie beherrschten das Denken der Pharisäer, verdunkelten jedoch das eigentliche Gesetz Gottes, und das so weitgehend, dass man das Gesetz übertrat, um die Überlieferung zu halten. Der Herr legte ihnen das zur Last und illustrierte es anhand des fünften Gebotes. Ihre Überlieferung bezüglich der Gaben, die angeblich für Gott bestimmt waren, machte jenes Gebot völlig zunichte. Der "fromme" und "orthodoxe" Jude unserer Tage füllt seinen Geist mit dem Talmud, der aus diesen Traditionen zusammengestellt ist. Er ist wie ein Schleier, der ihnen den Sinn des wahren Wortes Gottes verhüllt.
Lasst uns Acht haben, dass wir nicht in denselben Fallstrick geraten. Wir können uns dankbar der Belehrungen von Dienern Gottes bedienen, und wenn wir sie recht nutzen, führen sie uns zum Urquell zurück, und das ist die Schrift selbst. Es würde nicht schwer sein, die Belehrungen der besten Diener Gottes in eine Art Talmud umzuwandeln. Aber dann würden sie für uns gleichsam eine Nebelwand sein, hinter der das reine Wort Gottes verborgen wäre, gleichwie der Talmud vor dem jüdischen Verständnis die wahre Bedeutung des Alten Testaments verbirgt.
Diese unheilvolle Verkehrung, die ohnehin von den Pharisäern bis zum äußersten getrieben wurde, erfuhr durch den Herrn eine schonungslose Entlarvung. Sie waren Heuchler, und Er sagte es ihnen geradeheraus. Sie fielen unter das vernichtende Urteil Jesajas, denn dieser Typ von religiöser Bosheit ist immer bei Menschen zu finden, deren Herz weit von Gott entfernt ist und die Ihn dennoch mit ihren Lippen ehren, während sie eigene Regeln und Gebote an die Stelle Seines Wortes setzen. Alle solche vorgebliche Anbetung ist leer und vergeblich. Doch kann auch heutzutage ein wahrer Gläubiger leicht darin verstrickt werden.
Nachdem der Herr den Pharisäern den Spiegel vorgehalten hatte, wandte Er sich zu dem Volk, um sie vor dem Irrtum zu warnen, der dieser Heuchelei zugrunde lag – der Annahme, dass eine Verunreinigung des Menschen von außen her erfolgt, als ob sie physikalischer Art wäre. Vielmehr entsteht sie im Innern und ist geistlicher Art. Was den Menschen verunreinigt, kommt aus seinem Mund und tut kund, was in seinem Herzen ist. Das menschliche Herz ist die eigentliche Quelle alter Verunreinigung. Eine ernste Tatsache! Die Pharisäer ärgerten sich natürlich über eine solche Unterweisung, die alle ihre zeremoniellen Regeln an der Wurzel traf, aber das zeigte nur, dass sie keine Pflanzen der Pflanzung Gottes waren. Sie würden ausgerottet werden, das würde ihr Ende sein. Sie waren blind für sich selbst und führten noch andere, die auch blind waren, in die Irre. In Seinen Regierungswegen würde Gott mit ihnen handeln. Die Jünger sollten ihnen nichts erwidern, sondern sie in Ruhe lassen.
Doch was der Herr soeben gesagt hatte, befremdete sogar die Jünger. Petrus meinte, dass es sich um ein Gleichnis handele, und erbat eine Erklärung. Daraufhin musste der Herr sie rügen, tat es aber in einer milden Form. Es war eine Tatsache, dass keiner von ihnen, selbst nicht der beste, über den Buchstaben des Gesetzes mit seinen Opfern und zeremoniellen Vorschriften weit hinaussah, weshalb sie auch nur ein sehr geringes Verständnis für seine überführende Kraft hatten. Auch ihr Augenmerk ging auf das, was in ihren Mund einging, um sich nach der Gesetzesvorschrift rein zu halten. Wenn man aber das Gesetz geistlich versteht, dann zielt es auf den Zustand des Herzens, wie der Herr in Seiner Rede auf dem Berg gezeigt hatte. Die bösen Dinge in Vers 19 gehen aus dem Herzen hervor, und es ist bezeichnend, dass böse Gedanken diese Auflistung anführen, denn damit beginnt alles. So entlarvte der Herr das Böse, das sich im Herzen des Menschen vorfindet.
Im Fall der kanaanäischen Frau fuhr der Herr fort, die Güte im Herzen Gottes zu offenbaren. Göttliche Gnade war bereit, sich uneingeschränkt zu ergießen, und das ohne Ansehen von Personen, so dass der Heide ebenso wie der Jude sie empfangen konnte. Nur eins war nötig bei dem Empfänger: ein aufrichtiges Herz! Die Frau nun sprach Jesus als Sohn Davids an, um ihre Bitte um Erbarmen vorzubringen. Sie kam, als ob sie dem Volk Israel angehörte. Vielleicht dachte sie, dass dann ihre Aussicht auf Erhörung größer sei. Aber darin lag eine Spur von Unaufrichtigkeit, und deshalb antwortete er ihr "nicht ein Wort".
Aber wenn sie auch nicht ganz aufrichtig war, bewies sie doch einen so ernsten, beharrlichen Glauben, dass die Jünger wegen ihres Schreiens für sie eintraten und daraufhin der Herr die Worte von Vers 24 sprach, die ihren Fehler deutlich machten. Jetzt bat sie nur noch aus ihrer Not heraus und sagte: "Herr, hilf mir!" Und das ergab noch eindringlichere Worte des Herrn. Er war zu dem Haus Israel gesandt, das geistlicherweise verloren war, dennoch waren sie in der Stellung von Kindern, während die Heiden in der Stellung von Hündlein waren, unrein und außerhalb des Bereichs, mit dem Gott in Verbindung stand. In der Tat, das war ein Prüfstein! Würde sie die letzte Spur einer Verstellung fallenlassen und demütig diesen Platz einnehmen?
Genau das tat sie in eindrucksvoller Weise. Ihre Antwort in Vers 27 besagte eigentlich: "Gewiss bin ich nur eine Heidin, doch unter den Menschen ist genügend Überfluss, dass auch die Hündlein fressen können, und ich bin sicher, dass Gottes Herz nicht enger ist als das der Menschen." In dieser Antwort entdeckte der Herr sogleich einen großen Glauben, den Er anerkannte, und erfüllte ihren Wunsch. Zum zweiten Mal nahm der Herr großen Glauben wahr und stellte ihn heraus. In beiden Fällen – bei dem Hauptmann in Kapitel 8 und hier – waren es Heiden, die ihn bewiesen, und bei beiden war er eng verbunden mit Selbstverurteilung. "Ich bin nicht würdig", sagte der Hauptmann. "Ich bin nur ein Hündlein", sagte die Frau hier eigentlich. So ist das immer: Eine hohe Meinung von sich selbst ist gepaart mit schwachem Glauben und eine demütige Gesinnung mit starkem Glauben. Lasst uns untersuchen und sehen, ob das geringe Maß unseres Glaubens sich nicht aus der gleichen Ursache erklärt.
Das Herz Gottes war in der Tat größer, als die Frau es sich vorstellte. Obwohl sie nur ein Hündlein war, empfing sie doch eine große Krume von dem Tisch, doch in Kürze würde das ganze Festmahl den Hündlein angeboten werden. Nichts anderes besagt die Mitteilung des Apostels Paulus in Apostelgeschichte 28,28. Doch es musste sich noch viel ereignen, bevor diese Mitteilung gegeben werden konnte. In unserem Evangelium sehen wir die Anfänge dieses wunderbaren Übergangs. Bis zum Ende unseres Kapitels werden wir noch weitere eindrucksvolle Kundgebungen des Herzens Gottes sehen. Das Erbarmen, das eine heidnische Frau segnete, war gleicherweise den leidenden Volksmengen Israels zugewandt. Sie brauchten Ihm nur ihre Notleidenden zu bringen und sie Ihm zu Füßen zu werfen, und Er heilte sie in einer Weise, dass ihre Gedanken auf den Gott Israels gelenkt wurden und sie Ihn verherrlichten.
Diese Machtentfaltung, die in göttlichem Erbarmen geschah, war so anziehend, dass die Volksmengen viel länger bei Ihm blieben, als mitgebrachte Verpflegung ausreichte, und im Blick auf ihre Notdurft offenbarte Jesus wiederum das Mitgefühl des Herzens Gottes. Es ergab sich eine ähnliche Situation, wie sie noch im vorigen Kapitel berichtet wurde, doch offensichtlich hegten die Jünger keinerlei Erwartung, dass der Herr ebenso handeln würde, wie Er zuvor getan hatte. Sie veranschaulichen uns unseren eigenen Mangel an Glauben. Es ist ziemlich leicht, sich zu erinnern, wie der Herr in vergangenen Tagen geholfen hat; aber es ist etwas anderes, heute auf Sein Handeln zu rechnen in der Gewissheit, dass Er immer derselbe ist. Doch Mangel an Glauben auf unserer Seite ist kein unüberwindliches Hindernis zum Handeln auf Seiner Seite. Und wieder knüpfte Er an ihre geringfügigen Vorräte an und vermehrte sie über alle ihre Bedürfnisse hinaus. Wieder war für alle Speise da, und das im Überfluss. Von der Art ist das Mitgefühl des Herzens Gottes.
Kapitel 16
Die Pharisäer erneuerten jetzt ihren Angriff und verbanden sich zu diesem Zweck mit ihren alten Feinden, den Sadduzäern. Das "Zeichen aus dem Himmel" war bloß eine Finte, da das etwas war, dem die Sadduzäer bei ihrer materialistischen Geisteshaltung nie zustimmen würden. Als Antwort wies der Herr darauf hin, dass sie die sichtbaren Wettererscheinungen des Himmels ganz gut beurteilen könnten, doch blind seien für die "Zeichen der Zeiten", die zu ihrem Verständnis eine geistliche Unterscheidungsfähigkeit voraussetzten. Weil sie "böse und ehebrecherisch" waren, hatten sie kein geistliches Wahmehmungsvermögen, und deshalb blieben solche von Gott gegebenen Zeichen für sie ohne Nutzen. Und wie Er zuvor gesagt hatte (12,39), würde nur "das Zeichen des Propheten Jonas" übrig bleiben, nämlich Sein eigener Tod und Seine Auferstehung. Und mit diesem Wort verließ Er sie. Als dieses große Zeichen geschah, gebrauchten sie all ihren Scharfsinn und ihr Geld, um es wirkungslos zu machen, wie wir im letzten Kapitel dieses Evangeliums sehen.
Der Herr wandte sich von diesen Menschen ab und richtete sich mit wärmenden Worten an Seine Jünger. Sie sollten sich vor deren "Sauerteig" hüten. Die Jünger verstanden diese Warnung zuerst in materiellem Sinn. Dieses Missverständnis kam auf, weil sie keine Brote mitgenommen hatten. Doch im Licht der Speisung der Fünftausend und der Viertausend hätten sie keinen Gedanken in dieser Richtung haben sollen. Schließlich ging ihnen auf, dass der Herr mit dem "Sauerteig" die "Lehre" meinte. Daher ist offensichtlich, dass, obwohl ein wahrer Jünger niemals Pharisäer oder Sadduzäer sein konnte, er doch von ihren Lehren durchsäuert werden kann, von einer oder auch von beiden.
Der Sauerteig der Pharisäer war jener Typ religiöser Heuchelei, der alles Gewicht auf äußerliche und zeremonielle Verrichtungen legt. Der Sauerteig der Sadduzäer war intellektueller Stolz, der die menschliche Vernunft auf den Stuhl des alleinigen Richters erhebt und die Offenbarung Gottes und den Glauben mit einer Handbewegung abtut. Wie sehr das Christentum von diesen beiden Dingen durchsäuert worden ist, ist heute leider offensichtlich. Der Ritualismus wuchert auf der einen Seite und der Rationalismus oder "Modernismus" auf der anderen, und nicht selten vermischen sich beide, und das Ergebnis ist der rationalistische Ritualist. Die Warnung des Herrn vor beiden wird von dem Apostel Paulus in Kolosser 2 ergänzt. In Vers 8 jenes Kapitels warnt er vor dem Rationalismus, und in den Versen 16.18.20–22 vor dem Ritualismus verschiedenster Formen, und es wird uns gezeigt, wie diese Dinge uns von Christus ablenken und uns daran hindern, "das Haupt festzuhalten".
Es ist bezeichnend, dass in unserem Kapitel die Warnung des Herrn vor beidem unmittelbar vor dem Bericht über Seinen Besuch in Cäsarea Philippi steht und damit auch der Frage, die Er Seinen Jüngern dort stellte, vorausgeht. Dort befand Er sich an der äußersten nördlichen Grenze des Landes, so weit wie möglich von den Aufenthaltsorten der Pharisäer und Sadduzäer entfernt. Wer war Er? Das war die entscheidende Frage. Die Antworten der Menschen waren verschieden und verworren, und es fehlte an Interesse zu einer nüchternen Prüfung. Aber als Er dann die Jünger selbst direkter mit der Frage konfrontierte, war Petrus in der Lage, von Gott gelehrt, eine klare Antwort zu geben, die den Felsen ins Licht rückte, auf dem die Versammlung erbaut werden sollte. Kolosser 2 zeigt uns, wie der Sauerteig sowohl der Pharisäer wie der Sadduzäer die Stellung der Kirche und den Glauben untergräbt. In Matthäus 16 warnte der Herr Seine Jünger vor beidem, bevor Er zum ersten Mal die Versammlung ankündigt, die Er bauen würde.
Simon Petrus war ein gesegneter Mann. Gott selbst im Himmel, von dem Jesus als "mein Vater" sprach, hatte ihm eine Offenbarung gegeben, die niemals von einem Menschen hätte kommen können. Seine Augen waren aufgetan worden, um in Jesus den Christus zu sehen. Das war Seine offizielle Stellung als der Gesalbte Gottes. Aber wer war dieser Gesalbte? Petrus erkannte, dass Er "der Sohn des lebendigen Gottes" war. Wahrlich, ein erstaunliches Bekenntnis. Gott ist der lebendige Gott, unendlich erhaben über die Macht des Todes. Jesus ist der Sohn in der ewigen Gottheit und steht gleicherweise über der ganzen Macht des Todes. Blitzartig war diese Erleuchtung als göttliche Offenbarung über Petrus gekommen. Er war noch nicht fest gegründet in dieser Einsicht, wie wir wenige Verse später erkennen. Doch er sah, dass es so war, und er bekannte es.
Bekennen wir das ebenfalls? Und verstehen wir wirklich seine Bedeutung? Wenn ja, so haben wir einen unerschütterlichen Felsen gefunden, und auch wir sind gesegnet, wie Petrus es war.
In Seinem Wort an Petrus (Vers 18) bestätigte der Herr ihm den Namen, den Er ihm bei ihrer ersten Begegnung gegeben hatte (Joh 1,42), und enthüllte ihm noch etwas mehr von dessen Bedeutung. Die Bedeutung des Namens "Petrus" ist "Stein", aber was ist der tiefere Sinn? Der Name steht im Zusammenhang mit der Versammlung, die Christus als der Sohn des lebendigen Gottes zu bauen im Begriff stand. So war der "Fels" Christus selbst, und auf diesen Felsen ist die Versammlung gegründet. Petrus war kein Fels. Tatsächlich scheint er der impulsivste und am leichtesten zu beeinflussende Jünger gewesen zu sein –siehe Galater 2,11–13. Er war nur ein Stein, und es gibt keine Entschuldigung für den Irrtum, ihn mit dem Felsen zu verwechseln, denn in der Art, wie der Herr die Worte gebrauchte, war eine Unterscheidung angedeutet, indem Er sagte: "Du bist Petros, und auf diesen petra will Ich meine Versammlung bauen."
Das Bauen der Versammlung lag damals noch in der Zukunft, denn der Fels war nicht völlig enthüllt, bis der Sohn des lebendigen Gottes Seinen Triumph durch Tod und Auferstehung bestätigt hatte und zum Himmel aufgefahren war. Dann begann die ekklesia oder die "herausgerufene Gemeinschaft" des Christus, und hier wurde einer der Steine gefunden, der dann auf dem Felsen mit aufgebaut werden sollte. In seinem ersten Brief zeigt uns Petrus, dass sich das nicht ausschließlich auf ihn selbst beschränkte, denn alle, die zu dem lebendigen Stein kommen, sind lebendige Steine, die auf diesem Fundament aufgebaut werden sollen.
In dieser großen Ankündigung sprach der Herr über Seine Versammlung als Seine eigene Schöpfung, die keine Klugheit und Macht des Feindes überwältigen könnten. Nichts vermag anzutasten, was in der Kraft göttlichen Lebens gewirkt wird. Andere Schriftstellen sprechen von der Kirche als der Gemeinschaft derer, die sich als Untertanen zu Christus bekennen und die als Frucht der Bemühungen von Dienern Gottes zu Stande gekommen ist. Unter diesem Gesichtspunkt war jene Gemeinschaft von Anfang an von Versagen gekennzeichnet, und sie verschmilzt mit dem Reich der Himmel, über das wir in Kapitel 13 viel erfahren haben und das der Herr in Vers 19 unseres Kapitels erwähnt. Die Schlüssel dieses Reiches wurden dem Petrus übergeben, nicht etwa die Schlüssel der Versammlung.
Alle, die sich als Untertanen des Königs bekennen, sind im Reich der Himmel, und in Verbindung damit wurde dem Petrus eine besondere Verwaltungsstellung verliehen. Wir sehen ihn bei der Handlung des "Lösens", wie sie die Juden in Apostelgeschichte 2,37–40 und später die Heiden in Apostelgeschichte 10,44–48 betraf; eine Handlung des "Bindens" nimmt er in Apostelgeschichte 8,20–23 vor. In diesen Fällen werden seine Handlungen ganz klar auch im Himmel anerkannt. Simon der Zauberer jedoch wurde nie vom Herrn Seiner Versammlung als ein Baustein hinzugefügt, obwohl er als ein bekennender Untertan des Reiches getauft worden war.
Das Reich der Himmel war in den Schriften des Alten Testaments offenbart worden, nicht jedoch seine gegenwärtige, geheimnisvolle Form. Andererseits finden wir hinsichtlich der Versammlung dort keine Mitteilungen, und dieses Wort Jesu enthüllt sie vorbereitend. Nachdem Er die Ankündigung gemacht hatte, zog Er sogleich das besondere Zeugnis zurück, das Seine Jünger gegeben hatten, dass Er der Christus sei, auf die Erde gekommen, um die den Vätern gegebenen Verheißungen zu bestätigen (Röm 15,8). Seine Verwerfung war gewiss, und Sein Tod stand bevor. Nur so würde der eigentliche Grund für die Erfüllung der Verheißungen an Israel gelegt werden und ebenso für die Segnung der Heiden, damit sie Gott verherrlichen möchten für Seine Barmherzigkeit, sie zu Seiner Versammlung gebracht zu haben. Deshalb lenkte Jesus von da an die Gedanken Seiner Jünger auf Seinen Tod und Seine Auferstehung – den großartigen Höhepunkt Seiner irdischen Laufbahn. Das Ziel vor ihnen war die Herrlichkeit Christi in Seiner Auferstehung und nicht so sehr Seine irdische Herrlichkeit.
Petrus verrät hier seinen schwachen und durchaus nicht felsenhaften Charakter und zieht sich einen Tadel zu. Es ist beeindruckend, wie wir ihn in diesen wenigen Versen sehen: erleuchtet von göttlichem Licht, mit dem Vorrecht einer Verwaltungsaufgabe betraut und dann doch in einer Weise sprechend, die den Herrn an Satan und die gefallenen Menschen erinnert! Ein solcher war Petrus, und wir sind nicht besser als er. Seine Erwartung und die Erwartungen der anderen Jünger waren auf Segnungen gerichtet, die auf dieser Erde wahr werden sollten. Der Herr wusste das und fuhr fort, davon zu sprechen, wie sich durch Seinen Tod alles für sie verändern würde: es wurde ihnen klar, dass auch sie ihr Leben in dieser Weit verlieren würden.
Dieser Ausspruch des Herrn (Vers 25) kommt nicht weniger als sechsmal in den vier Evangelien vor, von geringen Abweichungen im Wortlaut abgesehen:. zweimal in diesem Evangelium, zweimal in Lukas und je einmal in Markus und Johannes. Die sechsmalige Erwähnung nimmt, wie wir glauben, Bezug auf vier verschiedene Gelegenheiten. Offensichtlich war es auf den Lippen des Herrn ein häufiger Ausspruch, und darum ist er so bedeutsam. Jeder von uns hat seine Mühe damit, doch er fasst ein erhabenes Prinzip geistlichen Lebens ganz kurz zusammen, das weiter bestehen wird, solange Christus von dieser Welt verworfen und abwesend ist. Erst wenn Er wiederkommt, werden Heilige das Leben auf der Erde in vollem, eigentlichem Sinn genießen. Wer danach strebt, jetzt die Weit zu gewinnen, wird seine Seele verlieren.
Nachdem der Herr Seinen Jüngern gezeigt hat, was vor Ihm und in naher Zukunft auch vor ihnen liegt, stellt Er Sein Kommen in Herrlichkeit vor. Er wird dann das Reich von Seinem Vater empfangen, und die Zeit der Belohnung wird gekommen sein. Einige von ihnen sollten das Vorrecht haben, das Reich in einer Vorausschau zu sehen als ein Muster seiner künftigen Erscheinung. Das war ein Ausdruck Seiner rücksichtsvollen Gnade zu ihnen, damit sie nicht ganz entmutigt würden durch das, was Er ihnen soeben gesagt hatte.
Kapitel 17
Die Verklärung, mit der dieses Kapitel beginnt, gewährte einen Blick auf das Reich, da ja Jesus selbst, wie die Sonne leuchtend, die zentrale Gestalt war; und bei Ihm unter himmlischen Bedingungen waren Moses und Elias, während die drei Jünger unter irdischen Bedingungen an der Szene teilhatten. Die "lichte Wolke", die sie überschattete, war offenbar ein Wiedererscheinen der Wolke, die einst über der Stiftshütte lagerte, und jetzt wurde aus ihr die Stimme Gottes, des Vaters, gehört in der Erklärung, dass Jesus der geliebte Sohn und das Wohlgefallen Seines Herzens sei. Petrus hatte in seiner ungestümen Art gesprochen und erkennen lassen, dass er sich bis dahin wenig der einzigartigen und höchsten Herrlichkeit seines Meisters bewusst war. Nicht Petrus, sondern Christus ist es, auf den wir hören sollen. Unsere Ohren sollen erfüllt sein mit Seiner Stimme und unsere Augen mit Seiner Gegenwart, so dass auch wir, wie die Jünger, nachdem die himmlische Szene entschwunden war, "niemand sehen als Jesus allein".
Obwohl Petrus in diesem Augenblick nur ein geringes Verständnis davon hatte, was das alles bedeutete, begriff er es später, nachdem der Geist gegeben war, wie wir in seinem zweiten Brief sehen. Da war ihm aufgegangen, dass es sich um eine Bestätigung des prophetischen Wortes von "der Macht und Ankunft unseres Herrn Jesus Christus" handelte, denn sie waren "Augenzeugen seiner herrlichen Größe" (1,16-19). Erst nachdem der Sohn des Menschen aus den Toten auferstanden und als Folge der Heilige Geist gegeben worden war, würde die volle Bedeutung der Verklärung verstanden werden. Von daher erklärt sich die Aufforderung des Herrn an die Jünger in Vers 9 dieses Kapitels. Das Gesicht erweckte jedoch Fragen in den Herzen der Jünger betreffs der Prophezeiung über das Kommen des Elias. Die Antwort des Herrn zeigte, dass im Blick auf Sein erstes Kommen diese Prophezeiung in Johannes dem Täufer, der getötet wurde, ihre Erfüllung gefunden hatte, und Er benutzte die Gelegenheit, wiederum Seinen eigenen Tod vorherzusagen.
Auf dem Gipfel des hohen Berges hatten die Jünger am Ort himmlischen Friedens und himmlischer Gemeinschaft geweilt. Sie stiegen mit Jesus wieder an den Fuß des Berges hinab und fanden dort Not und Versagen - Not bei dem leidenden Knaben und seinem Vater und das Versagen der Jünger, dieser Lage zu begegnen. Indem Jesus hinzu trat, änderte sich alles in einem Augenblick. So wird auch Sein nahendes Kommen in Herrlichkeit für die dann bestehende irdische Situation eine völlige Umwandlung bewirken. Er wird nicht nur der Macht des Teufels in der Welt entgegentreten, sondern sich auch all des Versagens der Seinen annehmen.
Nachdem der Herr den mondsüchtigen und besessenen Knaben geheilt hatte, baten Ihn Seine Jünger, ihnen ihr Versagen zu erklären, und so standen sie vor Seinem Richterstuhl, wie wir alle am Tag Seiner Erscheinung dort stehen werden. "Wegen eures Unglaubens" ist die allgemeine Erklärung des Herrn für ihr Unvermögen, doch Er fügte hinzu, dass in diesem Fall der beteiligte Dämon von einer besonderen "Art" gewesen sei, der nur ausfahre durch "Gebet und Fasten". Wie es sich bei unserem Versagen oft ergibt, sind da mehrere Ursachen, die zusammenwirken. Hier waren es drei. Erstens mangelnder Glaube, wenig oder gar kein Vertrauen auf Gott. Zweitens fehlendes Gebet und dadurch keine Abhängigkeit von Gott. Drittens kein Fasten und deshalb keine Absonderung zu Gott, selbst von Dingen, die unter gewöhnlichen Umständen an sich völlig gut sein mögen. Wir glauben, dass der Herr mit diesen Worten die Wurzeln all unseres Versagens bei unserem Begehren, Ihm zu dienen, aufgedeckt hat. Es fehlt bei uns an dem einen oder anderen oder an allen dreien. Prüfen und erforschen wir unser Herz und unsere Wege, um zu sehen, ob es nicht so ist.
Zum dritten Mal warnt Jesus, während Er noch in Galiläa weilt, Seine Jünger in Bezug auf Seinen Tod und spricht zugleich von Seiner Auferstehung. Matthäus bemerkt dazu: "Sie wurden sehr betrübt." Man sieht daran, dass sie von der Ankündigung Seines Todes mehr bewegt waren als von der Seiner Auferstehung. Letztere liegt gänzlich außerhalb der natürlichen Erfahrung des Menschen, und sie vermochten sie nicht zu verstehen. Die Begebenheit am Schluss des Kapitels zeigt, dass Petrus seinen Meister nur als einen guten Juden vor Augen hatte, der alle Seine Abgaben entrichtete, und er war besorgt, dass auch alle anderen Ihn dafür hielten. Noch ehe Petrus ein Gespräch hierüber begann, kam der Herr ihm mit einer Frage zuvor, die deutlich machte, dass ein Jünger wie Petrus zu den Söhnen des Reiches zählte, und deshalb würden sie zu gegebener Zeit von dieser Abgabe für den Tempeldienst frei sein. Doch der Zeitpunkt dazu war noch nicht gekommen, und es sollte kein Anlass zu einem Ärgernis gegeben werden, deshalb stellte der Herr durch ein denkwürdiges Wunder den genauen Betrag zur Bezahlung bereit, und in bewunderungswürdiger Gnade verband Er Petrus mit sich selbst! Die Münze sollte er übergeben für mich und dich". Gewiss war das ein Zeichen für die Art, wie Gläubige als Söhne des Reiches gegenwärtig mit Ihm verbunden sein sollten.
Kapitel 18
Die Frage der Jünger "Wer ist denn der Größte im Reich der Himmel?" zeigt, dass ihre Gedanken in jenem Augenblick lebhaft mit dem Reich beschäftigt waren. Die Antwort machte es sehr klar, dass der einzige Weg, auf dem man in das Reich eingehen konnte, der war, dass man klein wurde, nicht groß. Eine Bekehrung führt zu dem Resultat, dass ein Mensch sich erniedrigt und einem kleinen Kind gleich wird. Anders kann man Überhaupt nicht in dem Reich sein. Und wie wir darin eingehen, so schreiten wir fort. Der Demütigste ist folglich der Größte im Reich der Himmel. Die Vorstellungen der Jünger zu diesem Thema bedurften da einer radikalen Veränderung, und bei uns ist das allzu oft auch nicht anders. Offensichtlich spricht der Herr hier von dem Reich nicht als einem Bereich des Bekenntnisses, aus dem das Böse hinausgetan werden muss, wie in Kapitel 13, sondern von einem Bereich, den lebendige Wirklichkeit kennzeichnet.
Um die Frage zu beantworten, hatte Jesus ein kleines Kind herzugerufen und es zum Anschauungsunterricht in die Mitte gestellt. Er legt weiter dar, dass ein solches Kind, wenn es in Seinem Namen vor uns tritt, eine Person von großer Bedeutung wird. Es aufzunehmen ist gleichbedeutend damit, den Herrn selbst aufzunehmen. In den Versen 2–5 geht es um ein "Kindlein"; in Vers 6 ist es eines dieser Kleinen, "die an mich glauben". Eines von ihnen zu ärgern, verdient das schwerste Gericht. Das führt den Herrn dazu, Seine Jünger in das Licht ewiger Dinge zu stellen. Es gibt ein "ewiges Feuer", und es ist besser, einen Verzicht zu leisten, als diesem Feuer anheim zu fallen.
Bis zu Vers 14 sind wir noch mit den Kindlein beschäftigt. Sie dürfen aus drei Gründen nicht verachtet werden. Erstens, weil Engel ihnen beständig dienen und sie vor dem Angesicht ihres Vaters in den Himmeln sind. Zweitens ist ihnen die errettende Gnade des Heilandes zugewandt. Drittens waltet des Vaters Wille zum Segen über ihnen. Er möchte nicht, dass eines dieser Kleinen verloren gehe. Für solche, die ihre Kinder früh verloren haben, sind das süße Worte des Trostes, die deren Segnung völlig sicherstellen. Es ist nützlich, Vers 11 mit Lukas 19, 10 zu vergleichen. Es handelt sich dort um einen erwachsenen Mann, der viel Zeit hatte, irrezugehen. Deshalb steht dort das Wort "suchen". Hier, wo von einem Kindlein die Rede ist, finden wir dieses Wort nicht. Die Neigung, sich zu verirren, steckt in jedem, wie die Verse 12 und 13 zeigen, aber ihr Weglaufen wird nicht in demselben Maß angerechnet, bis die Jahre der Verantwortlichkeit erreicht sind.
Die Verse 1– 14 befassen sich also mit dem "Kindlein" und dem Reich, die Verse 15–20 mit dem Bruder und der Versammlung. In Kapitel 16,18.19 hatten wir die Versammlung und das Reich, beide kommen hier wieder vor. Wenn es sich um ein Kindlein handelt, so sind wir geneigt, es zu übersehen und zu verachten. Geht es um unseren Bruder, so haben wir einen Hang zu Unstimmigkeiten, und es finden sich Anlässe zur Übertretung. Darum geht es jetzt bei der Belehrung des Herrn. Wie wir damit umzugehen haben, wird uns in ganz klaren Anweisungen mitgeteilt, deren Nichtbeachtung unsagbaren Schaden gestiftet hat. Wenn ein Bruder mir ein Unrecht getan hat, muss es mein erster Schritt sein, ihn allein zu sprechen und ihm sein Unrecht vorzustellen. Tue ich das in rechtem Geist, werde ich ihn wahrscheinlich gewinnen, und die Sache kommt wieder in Ordnung. Andererseits kann sich ergeben, dass ich meine Gedanken berichtigen muss, weil der Fall doch nicht so war, wie es den Anschein hatte.
Aber es kann sein, dass er nicht auf mich hört. Dann habe ich ihn wieder aufzusuchen mit einem oder zwei Brüdern als Zeugen, so dass sein Unrecht ihm noch deutlicher und unparteilich vorgestellt werden kann. Nur wenn er dann verstockt bleibt, ist die Sache der Versammlung zu unterbreiten, damit die Stimme aller von ihm gehört werden kann. Wenn er so weit geht und die Stimme der Versammlung nicht beachtet, dann habe ich ihn als jemanden zu betrachten, mit dem jede Gemeinschaft unmöglich ist.
Es fällt auf, dass der Herr nun weiter nicht davon spricht, was die Versammlung tun sollte. Der Grund dafür liegt zweifellos darin, dass die Übertretungen mannigfacher Art und in ihrer Schwere immer wieder verschieden sind, so dass sich keine Anweisung auf alle Fälle anwenden ließe. Vers 18 schließt jedoch ein, dass Fälle vorkommen würden, wo die Versammlung den Übeltäter zu "binden" hätte, und wiederum andere Fälle, wo ihre Handlung den Charakter des Lösens haben musste. Wir finden hier, dass das Wort vom Binden und Lösen, das zuvor dem Petrus allein gesagt worden war, nun der ganzen Versammlung gesagt wird. Seine rechte Ausführung würde völlige Abhängigkeit von Gott und viel Gebet zu Gott in sich schließen. Der Herr stellt in den Versen 19 und 20 die kleinstmögliche Anzahl vor und zeigt damit, dass die Kraft des Gebets und der Handlung einer Versammlung nicht von Zahlen abhängt, sondern von Seinem Namen. Im Fall des Kindleins und des Reiches war der entscheidende Punkt "in meinem Namen". Im Fall des Bruders und der Versammlung ist auch wieder "in [oder: zu] meinem Namen" die Sache, auf die es ankommt. Dort liegt das ganze Gewicht der Autorität.
Vers 20 wird manchmal angeführt, als ob er eine gewisse Grundlage von Gemeinschaft beschreibe, die für solche, die in Gemeinschaft sind, zu aller Zeit gelte. Aber der Herr sprach nicht einfach davon, gesammelt zu sein, sondern "versammelt" zu sein, das heißt, Er sprach von einem tatsächlichen Zusammenkommen. Sein Name hat einen solchen Wert, dass Er, wenn nur zwei oder drei zu Seinem Namen versammelt sind, Er in ihrer Mitte ist, und diese Tatsache gibt ihren Bitten Kraft und ihren Handlungen Autorität. Er ist persönlich anwesend, zwar nicht sichtbar, aber doch dem Geist nach: eine wunderbare und gnadenvolle Vorsorge für Tage, wo die Versammlung nicht mehr in ihrer Gesamtheit vereint sein kann, weil Zerrissenheit und Trennungen es nicht zulassen. Wie können wir dafür dankbar sein, doch lasst uns wohl Acht haben, wie wir damit umgehen.
Es hat eine Neigung gegeben, aus diesem Zusammenkommen zu Seinem Namen hin eine Art kirchlicher Stellung zu machen und dabei jeden Gedanken an ihren moralischen Zustand auszuschließen. Wir mögen dann leichthin denken, dieses oder jenes müsse im Himmel bestätigt oder gewährt werden, weil wir in Seinem Namen gehandelt oder gebeten haben. Wir würden weit klüger sein, uns vorzusehen und uns zu demütigen und unsere Herzen und Wege zu prüfen, wo wir keine Zeichen des Himmels als Bestätigung oder Zustimmung entdecken, um zu erkennen, worin wir im Blick auf ein wahres Zusammenkommen zu Seinem Namen hin gefehlt haben, ob nicht unser moralischer Zustand schlecht war und wir die ganze Zeit eigentlich uns selbst vor Augen hatten.
In Vers 21 bringt Petrus die andere Seite des Themas zur Sprache. Wie steht es nun um den Beleidigten, nachdem über den Beleidiger gesprochen wurde? Die Antwort des Herrn Jesus besagt: der Geist der Vergebung gegenüber meinem Bruder soll praktisch keiner Einschränkung unterliegen.
Daraufhin sprach der Herr das Gleichnis von dem König und seinen Knechten, womit das Kapitel schließt. Die allgemeine Bedeutung dieses Gleichnisses ist sehr klar. Der einzige Punkt, den wir anmerken möchten, ist der, dass es Bezug nimmt auf Gottes Regierungswege mit solchen, die den Platz als Seine Knechte einnehmen, was deutlich aus Vers 35 hervorgeht, der des Herrn eigene Anwendung mitteilt. Die ewige Vergebung hat eine völlig andere Grundlage, dagegen hängt Vergebung in den göttlichen Regierungswegen sehr oft davon ab, ob der Gläubige einen Geist der Vergebung zeigt. Wenn wir unsere Brüder übel behandeln, werden wir uns früher oder später in den Händen von "Peinigern" finden, die uns eine notvolle Zeit bereiten. Und wenn einer von uns es mit ansehen muss, dass ein Bruder einen anderen Bruder übel behandelt, so werden wir klug sein, nicht zur Selbsthilfe zu greifen und den Übeltäter scharf zu kritisieren, sondern wir sollten nach dem Beispiel der Knechte im Gleichnis alles, was geschehen ist, unserem Herrn sagen und es Ihm überlassen, dem Übeltäter in Seinen heiligen Regierungswegen zu begegnen.
Kapitel 19
Jesus begab sich nun wieder nach Judäa, und die Pharisäer nahmen ihre Angriffe wieder auf. Sie schnitten eine Frage über Ehe und Scheidung an, indem sie hofften, Ihm eine Falle zu stellen. Das misslang ihnen aber gründlich, weil sie es wagten, sich mit göttlicher Weisheit zu messen. Eine vollständige Antwort lag darin, dass Er sie auf das verwies, was Gott am Anfang angeordnet hatte. Was Gott bestimmt hatte, durfte der Mensch nicht ungültig machen. Das brachte sie zu der Frage, warum denn in dem Gesetz Moses eine Scheidung erlaubt worden wäre. Er antwortete, wegen der Herzenshärtigkeit des Menschen hätte Mose es gestattet. Gott kannte ihre Herzen sehr wohl, deshalb hatte Er einen nicht zu strengen Maßstab zugelassen. Das Gesetz enthält die Mindestforderungen Gottes für das Leben in dieser Welt. Und dagegen nur einmal irgendwann zu verstoßen, brachte unter das Urteil des Todes. Wie Gott es sieht, kann nur ein Grund das Band lösen, und das ist der tatsächliche Bruch des Bandes durch einen der beiden Partner.
Erst wenn wir zu Christus kommen, empfangen wir die Gedanken Gottes in ihrer Fülle – in jeder Hinsicht Seine höchsten Forderungen.
Die Belehrung des Herrn zur Ehescheidung war neu und kam selbst für die Jünger überraschend und veranlasste sie zu der Äußerung in Vers 10. Daraufhin erklärte wiederum der Herr, dass die Ehe das Normale für den Menschen und Ehelosigkeit die Ausnahme sei, was wir auch aus den Worten des Paulus in 1. Korinther 7,7 folgern können. Wenn es einem Menschen gegeben ist, dann ist es gut, nicht zu heiraten; doch normalerweise gilt: "Die Ehe sei geehrt in allem" (Hebr 13,4).
Im Anschluss hieran gab der Herr den Kindern ihren wahren Platz. Die Jünger offenbarten den Geist der Welt, als sie ihnen als etwas Bedeutungslosem begegneten, und zwar so sehr, dass ihr Herzubringen für sie eine Störung bedeutete. Damit zeigten sie nur, dass sie Seine Lektion im ersten Teil des 18. Kapitels noch nicht gelernt hatten. Ganz im Gegensatz dazu legte der Herr den Kindern die Hände auf, segnete sie und sprach die denkwürdigen Worte: "Wehrt ihnen nicht, zu mir zu kommen, denn solcher ist das Reich der Himmel."
Als nächstes tritt der reiche Jüngling herzu. Er nahm für sich in Anspruch, das Gesetz gehalten zu haben, soweit es die Gebote bezüglich der Pflichten dem Mitmenschen gegenüber betraf. Der Herr bestritt ihm diesen Anspruch nicht. Allem Anschein nach hatte er sich in der äußerlichen Beobachtung der Gesetzesvorschriften untadelig verhalten. Doch er irrte sehr in der Annahme, dass er im Verrichten irgendeines guten Werkes ewiges Leben haben könne. Da er diesen Boden betreten hatte, nahm ihn der Herr sofort auf den Prüfstand, und da versagte er gänzlich. "Was fehlt mir noch?" war seine Frage, und die Antwort sollte ihm deutlich machen, dass ihm der Glaube fehlte, der die Herrlichkeit des Herrn Jesus wahrnahm und der ihn folglich angetrieben hätte, alles aufzugeben, um Ihm nachzufolgen. Er nahte dem Herrn mit den Worten "Guter Lehrer", doch das Beiwort "gut" mochte der Herr nicht gelten lassen, wenn es nicht in der Anerkennung Seiner Göttlichkeit an Ihn gerichtet war. "Niemand ist gut als nur Einer, Gott", so dass, wenn Jesus nicht Gott war, Er auch nicht gut war. Wenn der Jüngling die Gottheit dessen, der zu ihm sagte "Folge mir nach!", anerkannt hätte, so wären ihm seine "vielen Güter" wie nichts erschienen, und er wäre Jesus gerne nachgefolgt. Empfindet wohl jeder von uns eine solche Wertschätzung der Herrlichkeit Jesu, dass er der Liebe zu den bloß irdischen Dingen völlig enthoben ist?
Der Herr weist nun die Jünger darauf hin, wie zäh irdische Güter das menschliche Herz zu fesseln vermögen. Nur schwerlich kann ein Reicher in das Reich Gottes eingehen. Unter den Juden wurde Reichtum als ein Zeichen göttlicher Gunst betrachtet. Deshalb konnten auch die Jünger der Rede des Herrn nicht folgen und ihre Überraschung nicht verbergen. Sie fühlten, dass wohl niemand errettet werden könnte, wenn es für die Reichen so schwierig war. Das veranlasste den Herrn zu einer noch deutlicheren Feststellung. Die Errettung ist nicht nur schwierig und unwahrscheinlich für den Menschen, sie ist unmöglich. Sie ist nur möglich, wenn göttliche Kraft sie bewirkt.
Von den Versen 10–26 können wir zusammenfassend sagen, dass der Herr Sein Licht auf Ehe, Kinder und Besitztümer fallen lässt, drei Dinge, die einen so großen Bereich unseres Lebens in dieser Welt in Beschlag nehmen. Und in jedem Fall hatte das Licht, das Er verbreitete, die bisherigen Anschauungen der Jünger umgestoßen – siehe die Verse 10. 13.25.
Petrus knüpfte an die Worte des Herrn an und wünschte eine eindeutige Auskunft darüber, welche Belohnung solchen werden würde, die – wie er – dem Herrn nachgefolgt waren. Die Antwort enthüllte, dass "die Wiedergeburt" kommen wird, d.h. eine völlig neue Ordnung der Dinge, und zwar dann, wenn der Herr nicht länger verworfen sein, sondern auf dem Thron Seiner Herrlichkeit sitzen würde, und dass dann auch die Jünger Throne einnehmen und mit Regierungsmacht über die zwölf Stämme Israels bekleidet sein würden. In jenem Zeitalter werden die Heiligen die Welt richten, und hier wird deutlich, dass den Aposteln ein vorrangiger Platz zufallen wird. Ferner erfahren wir, dass alle, die irdische Beziehungen und Freuden um Seines Namens willen preisgegeben haben, hundertfältig empfangen werden und dazu ewiges Leben. Das Leben, das der reiche Jüngling sich wünschte und doch verfehlte, weil er Christus nicht nachfolgte, das wird ihr Leben sein.
Der letzte Vers des Kapitels enthält eine Warnung. Viele der Ersten in dieser Welt werden dort die Letzten sein und umgekehrt, denn Gottes Gedanken sind nicht wie die unseren.
Kapitel 20
Dieses Kapitel beginnt mit dem Gleichnis vom Hausherrn und seinen Arbeitern, das in Vers 16 den letzten Punkt der vorhergehenden Betrachtung von neuem bekräftigt. Auch steht dieses Gleichnis in direktem Bezug zu der Frage des Petrus hinsichtlich einer klaren Zusage von Belohnung, indem es die unterschiedliche Behandlung der Arbeiter durch den Hausherrn einander gegenüberstellt. Da sind solche, denen er den Lohn nach Übereinkunft zumisst, und andere, die ohne Absprache, aber in dem Vertrauen die Arbeit aufnehmen, dass er ihnen geben würde, "was irgend recht ist". Wir alle können die Gefühle der ersten Arbeiter gut verstehen und dass sie sich über eine unfaire Behandlung beklagten, da sie doch des Tages Last und Hitze getragen hatten. Gibt es wohl einen Arbeiter, der anders reagieren würde, als sie es taten? Doch dieser "Hausvater" legte großen Wert auf jenes Vertrauen in seine Redlichkeit und den Glauben an das gegebene Wort, das die später gekommenen Arbeiter kennzeichnete. Er hatte ein Recht, mit seinem Geld zu tun, was er wollte, und er schätzte den Glauben so hoch ein, dass er den letzten gab, was er auch den ersten gegeben hatte. Und er begann mit den letzten, als er das Geld aushändigte. So waren die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten.
Es gibt hier eine Lektion zu lernen, die niemand von uns von heute auf morgen begreift. Der Herr wird keine Arbeit unterbewerten, doch Er wird den einfältigen Glauben an Ihn noch
höher einschätzen – an Seine Gerechtigkeit, Seine Weisheit, Sein Wort –, den Glauben, der im Dienst für Ihn fortfährt, auch noch, wenn der Tag sich neigt, ohne viel an Lohn zu denken oder ein Geschäft machen zu wollen. Der Glaube und die Liebe als die Triebfedern zu einem Dienst für Ihn sind Ihm kostbarer als die eigentliche Arbeit, die getan werden kann. Es wird auch uns zu reichem Gewinn sein, wenn wir dieses Gleichnis beachten, lernen und gründlich überdenken.
Zum letzten Mal war Jesus jetzt auf dem Weg nach Jerusalem, und wiederum kündigte Er den Jüngern nachdrücklich Seinen bevorstehenden Tod und Seine Auferstehung an. Den Berichten dieses Evangeliums zufolge tat Er das zum vierten Mal, seitdem Er in Kapitel 16 das Bauen Seiner Versammlung vorhergesagt hatte. Hier werden mit wenig Worten viele Einzelheiten mitgeteilt. Er prophezeit Seinen Verrat durch Judas, Seine Verurteilung durch den Hohen Rat, Seine Überlieferung an Pilatus und seine Soldaten, die Verspottung, die Geißelung, die Kreuzigung und schließlich Seine Auferstehung – alles in zwei Versen.
Doch die Jünger standen noch ganz in der Erwartung der raschen Aufrichtung des Reiches. Das führte bei der Mutter des Jakobus und des Johannes dazu, dass sie mit ihren Söhnen zu Jesus trat, um für sie herausragende Stellungen in diesem Reich zu erbitten. Er antwortete durch eine Frage, die erkennen ließ, dass Ehre im kommenden Reich im Verhältnis dazu stehen wird, wie weit jemand sich mit Ihm in Seinen Leiden und Seiner Verwertung einsgemacht haben würde. Und gleichzeitig gab Er zu verstehen, dass Belohnungen im Reich vom Urteil des Vaters abhingen. Der Sohn des Menschen selbst wird das Reich von dem Vater empfangen, wie schon in Psalm 8 und in Daniel 7 vorausgesagt worden war, und so werden auch die Heiligen ihren Platz im Reich von dem Vater empfangen. Wenn wir daran denken, wird es uns helfen, zu verstehen, dass Er von der Belohnung sagte, sie "steht nicht bei mir zu vergeben".
Soweit wir uns erinnern, ist dies der einzige Fall, wo Eltern der Kinder wegen eine Bitte zum Herrn hatten und keine Erhörung fanden. Allerdings bat hier die Mutter auch um eine hohe Ehrenstellung als Belohnung, während in allen anderen Fällen die Bitte dahin ging, einen Segen aus Seinen Händen zu empfangen. Solche Bitten waren immer erhört worden. Die Jünger waren offensichtlich nicht frei von Gefühlen der Konkurrenz, und die zehn empfanden, dass die zwei ihnen zuvorgekommen waren, und wurden unwillig. Das führte zu einer weiteren schönen Belehrung über die Demut, wie sie für das Reich von Vorteil ist. Selbst heute fällt es uns schwer, anzuerkennen, dass die im Reich Gottes vorherrschenden Grundsätze das genaue Gegenteil jener Prinzipien darstellen, die die Reiche der Menschen regieren. In der Welt drückt sich Größe in Herrschaft und Autorität aus. Wer größer ist, bestimmt über seine Mitmenschen. Unter Heiligen drückt sich Größe in Dienst und Fürsorge aus. Das Wort für Diener in Vers 26 ist "Diakon" und das Wort für Knecht in Vers 27 "Sklave", ein Wort, das Paulus für Timotheus und sich selbst in der Einleitung zum Philipperbrief gebraucht. Paulus war in hervorragender Weise ein Sklave Jesu Christi, und er wird nicht zu den Geringen gehören, wenn nach den Maßstäben des Reiches der Himmel gemessen wird.
Andererseits gab es in den Tagen des Apostels Paulus Männer, die auf Herrschaft und Autorität bedacht waren, indem sie Gläubige knechteten, sie aufzehrten, von ihnen nahmen, sich selbst überhoben und andere ins Gesicht schlugen. Doch solche waren falsche Apostel und betrügerische Arbeiter – siehe 2. Korinther 11,13–20. Auch heute gibt es Leute, die auf dieselbe Art ihre Machtstellung behaupten, und wir tun gut daran, uns vor ihnen in acht zu nehmen. Der Herr stellt sich selbst als der Sohn des Menschen vor uns, der nicht kam, um bedient zu werden, sondern um zu dienen, obwohl es Sein Recht gewesen wäre, sich bedienen zu lassen. Daniel 7,9–14 zeigt uns dies auf zweifache Weise, denn Jesus kann mit dem "Alten an Tagen" ebenso identifiziert werden wie mit dem Sohn des Menschen. Als dem Alten an Tagen dienten Ihm "tausend mal Tausende", bevor Er zu uns herabstieg. Als dem Sohn des Menschen werden Ihm "alle Völker, Völkerschaften und Sprachen" dienen. Aber dazwischen liegt die Zeit Seiner Erniedrigung, wo Er sich dem Dienst hingab, und das bis an den äußersten Punkt der Hingabe Seines Lebens zum Lösegeld für viele. So stellt der Herr zum fünften Mal seit Kapitel 16 den Jüngern Seinen Tod vor Augen, und diesmal sprach Er von dessen erlösender Kraft. Gott sei Dank, dass wir unter den "vielen" sind.
Die abschließenden Szenen des Evangeliums beginnen mit der Begebenheit der beiden Blinden, die sich ereignete, als Er von Jericho auszog. Markus und Lukas erwähnen nur einen von ihnen mit Namen Bartimäus, doch offensichtlich waren es eigentlich zwei. Die gleiche Besonderheit ergibt sich bei den Berichten über die Austreibung von einer Legion Dämonen, wo Matthäus am Ende von Kapitel 8 von zwei Männern erzählt, während Markus und Lukas nur einen erwähnen. In beiden Fällen gab es zwei Zeugen der Macht und der Gnade Jesu. Matthäus macht diese genaue Angabe, die auf jüdische Leser ihren Eindruck nicht verfehlen würde, weil sie nach dem Gesetz an das gültige Zeugnis zumindest zweier Menschen gewöhnt waren, während ein einzelner Zeuge unbeachtet blieb.
Der Sohn Davids war nun zum letzten Mal auf dem Weg zu Seiner Hauptstadt. Diese Männer hatten genügend Glauben, Ihn anzuerkennen, und sie empfingen durch Ihn physisches Augenlicht, wie sie es ersehnten. Mit sehenden Augen wurden sie Seine Nachfolger. Das war sicherlich symbolisch für die geistliche Not der Volksmengen in Israel. Wenn nur ihre Augen wirklich offen gewesen wären, so würden sie in Jesus ihren Messias am Tag ihrer Heimsuchung erkannt haben. Die heutige Situation ist nicht viel anders. Die Menschen beklagen oft einen Mangel an Licht. Was ihnen aber wirklich fehlt, ist geistliches Wahmehmungsvermögen, d.h. Glauben, der sie befähigen würde, das Licht zu sehen, das in Ihm so klar geleuchtet hat.
Kapitel 21
Der Anfang des Kapitels schildert den Einzug Jesu in Jerusalem entsprechend der Weissagung Sacharjas. Der Herr hatte durch den Propheten gesprochen, und jetzt, etwa fünf Jahrhunderte später, standen die Eselin und ihr Füllen bereit, genau zur richtigen Stunde und in der Obhut von jemand, der sogleich dem Bedürfnis des Herrn entsprechen würde. Ein weiteres Mal wurde der Herr vor ihnen als ihr Messias und König deutlich erwiesen. Er war von der Jungfrau zu Bethlehem geboren worden, aus Ägypten zurückgekommen und als das große Licht in Galiläa aufgegangen, wie die Propheten gesagt hatten. Und jetzt, als die neunundsechzig Jahrwochen Daniels erfüllt waren, zog Er als König in Seine Stadt ein. Ach, das Volk übersah die Tatsache, dass Er sanftmütig sein sollte und dass das Heil, das Er bringen sollte, damit in Einklang stehen musste; es sollte nicht auf siegreiche äußerliche Macht gegründet sein. Die Folge war, dass sie über diesen Stein des Anstoßes strauchelten.
Für einen kurzen Augenblick sah es so aus, als ob sie Ihn annehmen würden. Das Beispiel der Jünger wirkte ansteckend, die Volksmenge erwies Ihm Ehre, indem sie Ihn als den Sohn Davids begrüßten und als den, der Im Namen Jehovas kommen sollte. Doch die Echtheit ihres Glaubens wurde bald auf die Probe gestellt, denn beim Einzug in die Stadt entstand die Frage: "Wer ist dieser?" Die Antwort der Volksmenge verriet überhaupt keinen wirklichen Glauben. Sie sagten: "Dieser ist Jesus, der Prophet, der von Nazareth in Galiläa." Was das betraf, war es natürlich wohl wahr. Doch es ging nicht weiter, als was jeder sehen konnte, auch solche, die keinen Glauben hatten. Schon vor diesem Ereignis waren ziemlich viele Propheten in die Stadt gekommen, und Jerusalem hatte sie getötet.
Soeben hatte Jesus sich ihnen als König dargestellt, und nun, als Er in die Stadt gekommen war, richtete Er Seine Schritte geradewegs zum Tempel, dem Mittelpunkt ihrer Religion, und indem Er ihn reinigte, bewies Er Seine königliche Macht. Er hatte das schon zu Beginn Seines Dienstes getan, wie Johannes 2 berichtet, und jetzt tat Er es auch am Ende. Handelsgeschäfte und Geldumtausch im Tempel hatten ihren Ursprung zweifellos in der vorsorglichen Anordnung des Gesetzes in 5. Mose 14,24–26. Gottlose Menschen hatten ihren Vorteil aus dieser Vorsorge gezogen und den Tempelbezirk in eine Räuberhöhle verwandelt. Gottes Absicht war, dass Sein Tempel das Haus sein sollte, wo Menschen Ihm mit ihren Bitten nahten. Seine Verwalter hatten es jedoch in einen Ort verwandelt, wo Menschen betrogen wurden, und so wurde der Name Gottes verlästert. Den Tempel Gottes beflecken oder verderben ist aber eine ungeheuerliche Sünde. 1. Korinther 3,17 zeigt das in der Anwendung auf den augenblicklichen Tempel Gottes.
Nachdem Jesus diese bösen Menschen fortgetrieben hatte, wandte Er eben den Leuten Barmherzigkeit zu, die jene ausgesperrt haben würden. Nach 3. Mose 21,18 war es Blinden und Lahmen verboten herzuzunahen, und 2. Samuel 5,6–8 berichtet von Davids Urteil über sie, dass er sagte: "Ein Blinder und ein Lahmer darf nicht ins Haus kommen". Jetzt hatte der große Sohn Davids Zion betreten, und Er kehrt die Handlungsweise Davids um. Jene Art von Leuten, "die der Seele Davids verhasst" waren, fand Liebe und Segnung an jenem Tag. Die gemeinen Geldwechsler hatten von Gott, dem das Haus gehörte, ein falsches Bild vermittelt und Menschen dazu gebracht, Seinen Namen zu lästern. Indem Jesus die Notleidenden heilte, offenbarte Er ihnen das Herz Gottes, und ein Lobpreis war die Folge. Sogar die Kinder schrieen: "Hosanna dem Sohn Davids!" Sie hatten den Ausruf von älteren Menschen aufgefangen.
Die religiösen Führer selbst bezeugten Seine wunderbaren Werke der Macht und der Gnade, und doch erregte das Schreien der Kinder ihr starkes Missfallen. Jesus verteidigte sie in ihrer Einfalt und führte den Vers aus Psalm 8 an, den Er in ihnen erfüllt sah. In dem Psalm heißt es –.. hast du Macht gegründet", wohingegen Er eine Anwendung machte, indem Er sagte –.. hast du dir Lob bereitet", doch in beiden Fällen geht es darum, dass Gott es ist, der das vollbringt, was Ihm gefällt, und den Lobpreis empfängt, den Er begehrt, durch Geringes und Schwaches. So tritt es deutlich hervor, dass die Macht und das Lob durch Ihn und von Ihm her kommen. So war es hier. Als die Führer nicht nur schwiegen, sondern sich dagegenstellten, trug Gott Sorge dafür, dass der Ihm gebührende Ruhm von den Lippen der Kinder ausgerufen wurde.
In diesem Augenblick allerdings bestimmten diese ungläubigen Menschen über die Stadt und den Tempel–, so verließ Er sie und die Stadt und ging hinaus nach Bethanien, um dort die Nacht zu verbringen, an dem Ort, wo zumindest eine Familie an Ihn glaubte und Ihn liebte. Bei Seiner Rückkehr am anderen Morgen sprach Er Sein Urteil über den Feigenbaum, der nichts als Blätter trug. Alles äußere Schau, aber keine Frucht, nie wieder sollte Frucht an ihm hervorkommen. Er war für völlig unbrauchbar erklärt, und sogleich verdorrte er. Das Wunder war auch den Jüngern unübersehbar, und sie sprachen davon.
Die Antwort des Herrn richtete ihre Gedanken von dem Feigenbaum weg auf "diesen Berg". Der Feigenbaum stand symbolisch für Israel, im besonderen für jenen Teil der Nation, der aus der Gefangenschaft zurückgekehrt und nun im Land war. Als Nation beurteilt, war nichts in ihnen zu finden, was Gott gebrauchen konnte. So wurden sie verworfen. Und weil sie ein ausgesuchtes Musterbeispiel für das Menschengeschlecht waren, verdeutlichte der unfruchtbare Baum die Tatsache, dass das Geschlecht Adams, der Mensch im Fleisch, unbrauchbar ist und dass niemals Frucht für Gott an ihm gefunden wird. Jerusalem und sein Tempel krönten "diesen Berg", der, wie wir glauben, symbolisch das ganze jüdische System darstellt. Hätten sie Glauben gehabt, wäre ihnen eine Ahnung davon aufgegangen, dass Gott im Begriff stand, diesen Berg aufzuheben und ihn im Meer der Nationen zu versenken. Der Hebräerbrief zeigt, wie das jüdische System beiseite gesetzt und "dieser Berg" schließlich ins Meer geworfen wurde, als Jerusalem im Jahr 70 n. Chr. zerstört wurde.
Was nötig ist, ist Glaube. Der Hebräerbrief betont das nachdrücklich, denn dort finden wir das große Kapitel des Glaubens. Israels System war schließlich nur ein Schatten der zukünftigen Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst. Es war aber Glaube nötig, um das zu unterscheiden, und viele, die an Christus glaubten, waren nicht von den Schatten losgekommen, selbst nicht, als der Hebräerbrief geschrieben war. Nur der Glaube dringt in die Wirklichkeit ein, die Christus eingeführt hat, und nur Menschen des Glaubens können in dem Vertrauen beten, dass sie auch empfangen, was sie erbitten.
Die religiösen Führer fühlten, dass die Ankunft Jesu in Jerusalem und Seine wunderbaren Taten eine Herausforderung an ihre Autorität bedeuteten, und um ihr zu begegnen, beschlossen sie, Seine Autorität anzugreifen und herauszufordern. Indem sie das taten, begannen sie eine Auseinandersetzung, deren Bericht wir bis zum Ende von Kapitel 22 finden. Dabei hören wir von den Lippen des Herrn drei eindrucksvolle Gleichnisse, gefolgt von drei schlau überlegten Fragen seitens der Pharisäer und der Herodianer, seitens der Sadduzäer und seitens eines Gesetzgelehrten. Die Krönung ist dann des Herrn eigene große Frage, die alle Seine Gegner zum Schweigen bringt.
Die Hohenpriester forderten Ihn auf, Seine Autorität nachzuweisen, und hielten sich für zuständig, über deren Gültigkeit zu befinden. Seine Antwort besagte praktisch dies: Wenn sie ihre Zuständigkeit nachwiesen, indem sie die weit weniger bedeutsame Frage nach der Autorität des Täufers beantworteten, dann würde Er Seine Autorität ihrer Prüfung unterstellen. Daraufhin sahen sie sich in großer Verlegenheit. Wenn sie der Taufe des Johannes als vom Himmel kommend beipflichteten, dann verurteilten sie sich selbst, denn sie hatten ihm nicht geglaubt. Wenn sie sie aber als nur menschlich verwarfen, verloren sie ihr Ansehen bei dem Volk, das ihn für einen Propheten hielt. Volkstümliche Beliebtheit war ihnen sehr wichtig, denn "sie liebten die Ehre bei den Menschen" (Joh 12,43). Sie wollten nicht sagen, dass die Taufe des Johannes berechtigt war, und sie wagten nicht zu sagen, dass sie nichtig war, so gaben sie Unwissenheit vor und sagten: "Wir wissen es nicht." Damit untergruben sie ihre eigene Zuständigkeit zur Beurteilung und entzogen jedem möglichen Protest den Boden, wenn Jesus sich weigerte, ihnen Seine Vollmacht zu begründen. Die Kraft Gottes, in der Er wirkte, gab Ihm, abgesehen von allem anderen, reichliche Autorität. Aber sie hatten diese Autorität zurückgewiesen und sie der Kraft des Teufels zugeschrieben, wie wir bereits früher in diesem Evangelium gesehen haben.
Jetzt ergriff der Herr die Initiative durch Seine Gleichnisse. Indem wir sie betrachten, werden wir sehen, dass das erste ihre Verantwortlichkeit unter dem Gesetz betrifft, das zweite ihre Verantwortlichkeit unter der Erprobung durch die Gegenwart des Sohnes auf der Erde; das dritte ist prophetisch und schaut voraus auf die Verantwortlichkeit, die gegenüber dem Evangelium bestehen würde. Die göttliche Reihenfolge ist eingehalten: das Gesetz – der Messias – das Evangelium.
Jesus beginnt das erste mit den Worten: "Was dünkt euch aber?" So unterstellt Er dieses kurze Gleichnis ihrer Beurteilung und gibt ihnen Gelegenheit, sich selbst zu verurteilen. Das Gleichnis von den beiden Söhnen in Lukas 15 ist recht lang, auch das Gleichnis hier handelt von zwei Söhnen, ist aber sehr kurz. Beide bieten ein Bild derselben beiden Klassen von Menschen – einerseits die religiösen Führer, andererseits die Zöllner und Sünder. Im vorliegenden Gleichnis sehen wir jedoch ihre Verantwortlichkeit unter dem Gesetz, während wir in Lukas 15 ihre Annahme in der Gnade des Evangeliums finden.
An mehreren Stellen des Alten Testaments stellt das Bild eines Weinbergs Israel unter dem Gesetz dar; deshalb sind die Worte "Geh heute hin, arbeite in meinem Weinberg", ein sehr passender Ausdruck des Gebotes Jehovas. Oft werden diese Worte angeführt, als ob sie Christen antrieben, dem Herrn im Evangelium zu dienen, doch das ist nicht ihre Bedeutung, wenn man sie im Zusammenhang liest. Das auf uns anzuwendende Bild ist das der Arbeit in der "Ernte" und nicht im "Weinberg", wie wir in Kapitel 9,38, Johannes 4,35–38 und anderswo sehen. Das bedeutsame Wort unter dem Gesetz war tue dieses", und es verpflichtete Menschen dazu, etwas zu tun, aber kein Fleisch ist durch Gesetzeswerke gerechtfertigt worden.
Diese Tatsache kann auch in dem Gleichnis entdeckt werden, denn keiner der beiden Söhne zeichnete sich durch völligen Gehorsam aus. Der eine gab ein schönes Bekenntnis in Worten ab, gehorchte dann aber durchaus nicht. Der andere weigerte sich zunächst in empörender Weise, doch später gereute es ihn, und daraus ging Frucht des Gehorsams hervor. Genauso machten sich auch die Hohenpriester und Ältesten durch ihr religiöses Bekenntnis etwas vor, während Zöllner und Huren Buße taten und in das Reich eingingen. In Vers 32 verbindet der Herr die Belehrung des Gleichnisses ausdrücklich mit dem Dienst des Johannes. Er kam zum Ende der Haushaltung des Gesetzes und rief solche zur Buße, die unter dem Gesetz versagt hatten. So ordnete der Herr selbst dieses Gleichnis dem Gesetz und nicht dem Evangelium zu.
Es folgt das Gleichnis von dem Hausherrn und seinem Weinberg. Es geht immer noch um den Weinberg, wie uns auffällt; und "der Weinberg des Herrn der Heerscharen ist das Haus Israel" (Jes 5,7). Und jetzt haben wir nicht nur ihr Versagen unter dem Gesetz, sondern auch ihre Misshandlung aller Propheten, durch die Gott sich an ihr Gewissen gewandt hatte, und dann schließlich die Sendung des Sohnes, die ihnen zur entscheidenden Prüfung wurde. Die Weingärtner des Gleichnisses stellen offensichtlich die verantwortlichen Führer Israels vor, die jetzt nicht nur ihr Versagen darin wiederholten, dass sie keine Frucht zum Nutzen des Hausherrn hervorbrachten, sondern auch noch ihre Beschäftigung damit krönten, dass sie den Sohn töteten. Sie sannen darauf, das ganze Erbe an sich zu reißen. So fasste der Herr die Anklage gegen Israel in drei Schwerpunkten zusammen: keine Frucht für Gott, Misshandlung Seiner Diener, der Propheten, und die Abweisung und Ermordung des Sohnes.
Nachdem Er ihnen das Gleichnis vorgelegt hatte, sagte Er gleichsam wiederum: "Was dünkt euch?", und Er überließ es ihrem Urteil, über das Schicksal der Weingärtner zu befinden. Doch so scharfsinnig Seine Widersacher auch sein mochten, wenn es um ihre eigenen Interessen ging, so abgestumpft und blind standen sie allen geistlichen Dingen gegenüber. Deshalb blieb ihnen der Sinn des Gleichnisses völlig verborgen; sie gaben eine Antwort, die das gerechte Gericht voraussagte, das sie selbst treffen würde. Was ihnen bevorstand, war in zwei Worten beschrieben: enteignet und umgebracht.
Der Herr ließ ihren Urteilsspruch, den sie über sich selbst gefällt hatten, als richtig gelten und führte zur Bestätigung Psalm 118,22.23 an. Er war der Stein, den sie, die Bauleute, verwarfen. Er passte durchaus nicht in das Gebäude, das sie planten, und so wiesen sie Ihn ab. Aber ein künftiger Tag wir d offenbar machen, dass Er das Fundament des Hauses sein und die Grundsätze des Hauses bestimmen wird, so wie Gott es beabsichtigt. Und dieses wunderbare Ereignis schließt den Untergang der bösen Menschen und die Zerstörung ihres falschen Bauwerks ein.
In Vers 43 und am Anfang von Vers 44 haben wir die gegenwärtigen Auswirkungen Seiner Verwerfung. Er wird zu einem Stein des Anstoßes für die Führer Israels und fast die ganze Nation, und als Folge davon werden sie als Volk zerstreut werden. Das geschah endgültig, als Jerusalem zerstört wurde. Das Reich Gottes war in ihrer Mitte durch Mose errichtet worden, und jetzt wurde es von ihnen weggenommen. In einer anderen Form sollte es einer "Nation" gegeben werden, die seine Früchte bringen würde. In alter Zeit hatten die Propheten die Sünde des Volkes angeprangert und verkündet, dass Gott zum Ersatz eine andere Nation erwecken würde, wie wir es in Schriftstellen wie 5. Mose 32,21–, Jesaja 55,5; 65,1, 66,8 sehen. Jene Nation wird zu Beginn des Tausendjährigen Reiches "mit einem Male geboren" werden, das heißt, sie werden wiedergeboren werden und dann eine Wesensart haben, die sich an dem Willen Gottes erfreut und die sie befähigt, Frucht zu bringen. Wir Christen bringen diese Frucht schon jetzt, wie wir in 1. Petrus 2,9 sehen. Als Erlöste und Wiedergeborene sind wir aus der Finsternis zu Gottes wunderbarem Licht berufen und so befähigt, als "eine heilige Nation" die Tugenden dessen zu verkünden, der uns berufen hat. Sicherlich bedeutet das ein Fruchtbringen, das Ihn befriedigt.
Der zweite Teil von Vers 44 bezieht sich auf das, was den Ungläubigen zu Beginn des Tausendjährigen Reiches widerfahren wird. Die Worte des Herrn scheinen eine Anspielung auf Daniel 2,34.35 zu sein und stellen die zerschmetternde Wirkung Seines zweiten Kommens auf den Menschen heraus, ob es nun Juden oder Helden sind. So umschreiben diese beiden Verse den nationalen Zusammenbruch Israels als Folge ihrer Verwerfung Christi, ihre Ersetzung durch eine neue "Nation" und die endgültige Niederwerfung aller Seiner Gegner, wenn der Herr Jesus in flammendem Feuer offenbart werden wird.
Nachdem die Hohenpriester und Pharisäer diese Gleichnisse gehört hatten, dämmerte es in ihrem verfinsterten Verstand, dass Er von ihnen sprach und dass sie unbeabsichtigt sich selbst verdammt hatten. Wie wird es sie schockiert haben! Unterlegen, dachten sie an Mord, doch die Furcht vor der Meinung des Volkes hielt sie im Augenblick zurück. Diese Furcht vor der Volksmenge zügelte in Vers 26 ihre Zunge und in Vers 46 ihr Handeln.
Kapitel 22
Doch der Herr fuhr ruhig fort in dem, was Er ihnen zu sagen hatte, und so beginnt das neue Kapitel mit dem Gleichnis von dem König, der seinem Sohn Hochzeit machte. Dieses Gleichnis kündigt den Tag des Evangeliums an, der bevorstand. Hier entfällt Seine Frage "Was dünkt euch?", denn dieses Gleichnis erhebt sich hoch über rein menschliches Sinnen und Denken. Schon seine Einleitungsworte "Das Reich der Himmel ist gleich geworden" unterscheiden es von den beiden anderen Gleichnissen. Menschen kommen unter die Rechtshoheit des Himmels, wenn sie die Einladung des Evangeliums annehmen, nachdem der nationale Zusammenbruch stattgefunden hat, der in den vorher mitgeteilten Gleichnissen vorgebildet wurde. Wir werden nun wieder, so wie in Kapitel 13, etwas Neues hören.
In diesem Gleichnis stellt der König an niemand irgendeine Forderung. Statt dass er fordert, gibt er. Auch er hat einen "Sohn", dem er ein Hochzeitsfest bereitet, und er sendet seine Knechte aus, um Menschen hereinzurufen. Wie trefflich bringt der Ruf die Botschaft des Evangeliums zum Ausdruck: –.. habe ich bereitet, ... alles ist bereit; kommt zur Hochzeit!" "Bereitet" durch das Opfer Christi. "Bereit", seit Er Sein Werk vollbracht hat. Deshalb heißt es jetzt nicht "Geht, arbeitet", sondern "Kommt".
Die Einladung erging zunächst einmal an "Geladene", eine Anzahl besonders bevorrechtigter Leute. Die Erfüllung davon sehen wir in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte. Für eine kurze Zeit richtete sich die Botschaft des Evangeliums allein an die Juden, doch in ihrer Gesamtheit nahmen sie es nicht ernst, waren mit weltlichem Gewinnstreben beschäftigt, einige leisteten aktiven Widerstand, verfolgten und erschlugen einige der frühen Boten, wie wir es bei Stephanus sehen. Diese erste Phase endete mit der Zerstörung Jerusalems, wie Vers 7 es voraussagt.
Dann wird die Einladung ausgeweitet, wie wir in den Versen 9 und 10 sehen. In dem Gleichnis in Lukas 14 finden wir nur einen Knecht, der zweifellos ein Bild von dem Heiligen Geist ist. Hier sind es viele Knechte, und wir denken an Menschen, die der Heilige Geist als Werkzeuge gebrauchen mag. Sie gehen hinaus auf die Landstraßen und laden alle ein, die ihnen begegnen, sowohl Böse als Gute. Der Geist kann Menschen "nötigen", hereinzukommen, wie in Lukas 14. Die Knechte sind angewiesen, jeden und alle, die sie treffen, zu laden. Nicht alle werden die Einladung annehmen, dennoch wird die Hochzeit auf diese Weise zur vollen Zahl ihrer Gäste kommen. Ein Evangelist braucht nicht bekümmert zu sein um die Frage nach Gottes Gnadenauswahl. Er hat einfach das Wort an alle zu richten, denen er begegnet, und zu sammeln, die herzukommen, denn Gottes Sache ist es, die Herzen der Menschen aufzuschließen.
Der zweite Teil des Gleichnisses in den Versen 11– 14 zeigt, dass da, wo es um den Dienst von Menschen geht, sich auch Unechtes einzuschleichen und für eine Zeit zu bleiben vermag. Der Mann hatte das Hochzeitskleid nicht angenommen und dadurch dem Sohn des Königs die Ehre verweigert. Als der König hereinkam und ihn sah, wurde er an den ihm gebührenden Platz in der Finsternis draußen gebracht. Gottes Gegenwart wird alles Unechte entlarven und alles entwirren. Wir sahen das schon in Kapitel 13 und werden es wiederum in Kapitel 25 finden.
Dass die Pharisäer allmählich in äußerste Verlegenheit gerieten, lässt sich daran erkennen, dass sie sich mit den Herodianern, die sie sonst verabscheuten, jetzt zusammentaten. Ihre Frage wegen der Steuer war geschickt formuliert in der Absicht, Seinen Namen entweder beim Kaiser oder bei dem Volk in Verruf zu bringen. Sie begannen mit Worten, die schmeichlerisch gemeint waren, aber zugleich nüchtern die Wahrheit aussagten. Er war wahrhaftig. Er lehrte den Weg Gottes in Wahrheit. Er stand weit darüber, die Person der Menschen anzusehen. Er verlangte eine Steuermünze und zeigte ihnen, dass sie offensichtlich dem Kaiser gehörte, denn sie trug sein Bild. Wenn sie ihm gehörte, dann musste sie ihm gegeben werden. Aber dann stellte Er sie in die Gegenwart Gottes. Gaben sie Gott, was Gottes war? Diese gewaltige Antwort verblüffte sie nicht nur, sie traf auch ihre Gewissen, so dass sie fort gingen. Jesus hatte einen wichtigen Grundsatz ausgesprochen, der auch für all unser Tun und Lassen gilt, solange wir der Oberhoheit irgendeiner Art von Regierung unterstehen. Wir müssen dem Kaiser geben, worauf er Anspruch hat. Aber die Dinge Gottes sind weitaus höher und weitreichender als diese.
Die von den Sadduzäern vorgebrachte Frage war ebenso schlau bedacht und zielte darauf ab, einmal Jesus in Verlegenheit zu bringen und zum anderen den Glauben an die Auferstehung lächerlich zu machen. Auferstehung bedeutete ihrer Meinung nach nur eine Wiederherstellung zum Leben unter gewöhnlichen Bedingungen in dieser Welt. Zweifellos waren sie überzeugt, dass sie Jesus mit dieser Frage aus der Fassung bringen und sich selbst in ihrem Unglauben bestärken könnten. Doch Seine Antwort enthüllte, dass Auferstehung in eine andere Welt einführt, wo andere Bedingungen herrschen, und Er führte 2. Mose 3,6 an, um zu zeigen, dass in den Tagen Moses die Patriarchen in jener anderen Welt lebten, obwohl sie noch nicht von den Toten auferweckt waren. Die Tatsache, dass ihre Geister dort waren, verbürgte, dass sie am Ende auch mit auferweckten Leibern dort sein würden.
Auch die Priester waren in jenen Tagen weitgehend der Überzeugung der Sadduzäer. Der Herr schont sie nicht in der Direktheit Seiner Zurechtweisung. "Ihr irret", ist Seine klare Antwort, und Er deckt die Quelle ihres Irrtums auf. Sie kannten weder die Schriften, die auszulegen sie vorgaben, noch die Kraft Gottes, dem sie angeblich dienten. Dieser zweifache Irrtum liegt auch allem modernen religiösen Unglauben zugrunde. Erstens werden die Schriften häufig falsch zitiert und immer missverstanden. Und zweitens ist Gott in ihren Gedanken so sehr all Seiner Macht und Herrlichkeit entkleidet, dass sich endlose Schwierigkeiten einstellen. Mögen sie doch mit Seiner Kraft rechnen, und die Schwierigkeiten hören auf.
Die Antwort des Herrn setzte alle, die sie hörten, in Erstaunen. Das war ihnen offensichtlich neu, selbst den Pharisäern, denen es nie gelungen war, die Sadduzäer in solcher Weise zum Schweigen zu bringen. Als die Pharisäer das hörten, versammelten sie sich, und einer von ihnen befragte den Herrn über das Gesetz, indem er einen Punkt zur Sprache brachte, den sie ohne Zweifel oft unter sich diskutiert hatten. Er dachte an die zehn Gebote in 2. Mose 20, doch der Herr kam auf 5. Mose 6,5 zu sprechen und fügte 3. Mose 19,18 hinzu. Was das Gesetz fordert, lässt sich in einem Wort zusammenfassen – Liebe. Zuerst Liebe zu Gott, zweitens Liebe zum Nächsten. Wenn Paulus uns sagt: "So ist nun die Liebe die Summe des Gesetzes" (Röm 13, 10), stellt er nur mit anderen Worten fest, was Jesus hier sagte (Vers 40).
Die drei Gleichnisse hatten sie mit der Gnade des Evangeliums konfrontiert. Die drei Fragen fanden eine Antwort, die ihnen die Liebe als die höchste Forderung des Gesetzes einschärfte. Diese Liebe war ihnen unbekannt. Indem die Pharisäer noch versammelt waren, legte Jesus ihnen Seine wichtige Frage vor: "Was dünkt euch von dem Christus? wessen Sohn ist er?" Sie wussten, dass Er der Sohn Davids sein sollte, aber warum David Ihn dann in Psalm 110 seinen Herrn nannte, das wussten sie nicht. Die einzig mögliche Lösung zu diesem Problem ist im ersten Kapitel unseres Evangeliums gegeben worden: Jesus Christus, der Sohn Davids" ist "Emmanuel, was verdolmetscht ist: Gott mit uns". Wenn der Glaube das einmal ergreift, ist die ganze Lage so klar wie Sonnenlicht. Wenn man das ablehnt, wie es diese armen Pharisäer taten, ist alles dunkel. Sie waren in Finsternis. Kein Wort konnten sie antworten, und ihre Niederlage war so vollständig, dass sie nicht wagten, Ihn ferner zu befragen.
Aber wenn sie auch mit Ihm am Ende waren, so doch Er noch nicht mit ihnen. Die Zeit war jetzt gekommen, diesen Heuchlern die Maske abzureißen, und das in Gegenwart der Volks mengen, die unter ihrem Einfluss standen.
Kapitel 23
Dieses Kapitel berichtet die flammenden Worte des Herrn. In wenigen Tagen würde die Volksmenge, ganz unter dem Einfluss dieser Menschen, ihr "Hinweg, hinweg! Kreuzige ihn!" rufen. Ihre Verantwortung und Schuld wuchsen erheblich durch die warnenden Worte des Herrn, die ihnen den wahren Charakter ihrer Führer bloßstellten.
Er begann damit, dass Er ihnen den Platz einräumte, den sie als Vertreter des mosaischen Gesetzes beanspruchten. Deshalb hielt Er das Volk an, nach dem Gesetz zu tun, wie sie es von ihren Lippen hörten. Aber sie sollten sorgfältig vermeiden, sie selbst als Beispiele anzusehen. Was sie lebten, stand im Widerspruch zu dem Gesetz, das sie verkündigten. Sie erließen Gesetze für andere, ohne dass hinsichtlich ihres eigenen Gehorsams ihr Gewissen im geringsten berührt wurde. So stellt es der Herr in Vers 4 fest, und dieses Ärgernis finden wir durchgehend bei religiösen Eiferern, die anderen Leute gern Anweisungen erteilen, es sich selbst aber bequem machen.
In den Versen 5–12 enthüllt der Herr dann ihre Vorliebe für Beachtung und öffentliches Hervortreten. Nichts als Schau für die Augen der Menschen. Ob bei Festen gesellschaftlicher Art, ob im religiösen Bereich der Synagogen, ob bei Geschäften auf den Märkten – sie liebten die ersten Plätze als Rabbis und Lehrer. Der Jünger Christi soll das genaue Gegenteil von alledem sein, das lasst uns doch gründlich zu Herzen nehmen. Dass solche Menschen erniedrigt werden, ist nur eine Frage der Zeit. Sie mochten als Wegweiser ins Reich gelten, aber in Wahrheit waren sie Hindernisse. Sie gingen selbst nicht hinein, und andere hinderten sie dabei.
Außerdem benutzten sie ihre Stellung, arme und wehrlose Witwen zu berauben, und versteckten eine solche Ungeheuerlichkeit noch hinter der Zurschaustellung langer Gebete; deshalb würden sie ein schwereres Gericht empfangen. Lange Gebete mögen die Menge beeindrucken, aber sie beeindrucken nicht den Herrn! Lasst uns das wohl beherzigen und sie selbst vermeiden. Wir wagen zu behaupten, dass niemand, der ein tiefes Verlangen nach und ein wirkliches Bewusstsein von der Gegenwart Gottes hat, sich in einem Schwall von Worten ergehen kann. In Prediger 5,2 heißt es: "Darum seien deiner Worte wenige."
Ein kennzeichnendes Merkmal pharisäischer Haltung ist der Eifer in der Gewinnung von Proselyten, und die Worte des Herrn in Vers 15 entlarven ein bemerkenswertes Kennzeichen bloßer Proselytenmacherei. Der Charakter der Proselytenmacher tritt verstärkt in denen hervor, die von ihnen zu Proselyten gemacht worden sind. Die Pharisäer waren Söhne der Hölle, und die sie bekehrt hatten, waren es in zweifacher Weise. Das ist deshalb so, weil böse Menschen und Verführer immer dahin neigen, es schlimmer und schlimmer zu treiben, bis alles reif ist zum Gericht.
In den Versen 16–22 verurteilt der Herr ihre phantasievollen Lehren. Sie unterschieden zwischen dem Tempel und dem Gold des Tempels, zwischen dem Altar und der Gabe darauf. Dadurch mochten sie gedankenlose Menschen veranlassen, sie mit Ehrfurcht als im Besitz höherer Einsicht zu betrachten. In Wirklichkeit waren ihre Unterscheidungen reine Einbildung und lediglich ein Beweis ihrer Blindheit und Torheit. In mancher Hinsicht stand es so: peinliche Genauigkeit bei geringfügigen Dingen, und bei wichtigen Dingen viel Nachlässigkeit –sei es positiv in den Dingen, die sie wirklich beobachteten (Vers 23a), oder negativ in den Dingen, die sie verweigerten (Vers 23b). Sie waren tatsächlich blind, und dieser Typ von Blindheit ist auch heute allzu verbreitet.
Die Verse 25–28 werfen Licht auf ein weiteres verderbliches Verhaltensmerkmal. Sie hatten es nur mit äußerlicher Reinheit zu tun, um vor den Augen der Menschen gut zu erscheinen. Es lag ihnen nichts am Innern, auf das das Auge Gottes gerichtet ist. Sie waren übertrieben sorgfältig im Blick auf mögliche Beschmutzung von außen, doch völlig unempfindlich gegenüber innerlichen Befleckungen, die sie selbst von innen hervorbrachten. Das führte dazu, dass sie von Unreinigkeit nur so erfüllt waren. Und weit davon entfernt, dass sie von anderen verunreinigt wurden, waren sie es selbst, von denen die Unreinigkeit zu anderen durchdrang. Dies ist ein höchst heimtückisches Übel, und wir mögen wohl dafür beten, dass wir vor jeglicher Spur davon bewahrt bleiben.
In den Versen 29–33 schließlich klagt der Herr sie an, dass sie die Mörder der Propheten Gottes sind. Sie bauten Grabmäler für die früheren Propheten, da sie den Stachel ihrer Worte nicht mehr fühlten, aber in Wahrheit waren sie die Söhne jener, die sie getötet hatten. Und getreu dem Prinzip in Vers 15 erwiesen sie sich als zweifache Mördersöhne, indem sie das Sündenmaß ihrer Väter voll machten und ohne jeden Zweifel in der Verdammnis der Hölle enden würden.
Diese Stelle enthält die schrecklichste Anklage von den Lippen des Herrn Jesus, die uns berichtet wird. Nie sagte Er dergleichen zu irgendeinem elenden Zöllner oder Sünder. Diese flammenden Worte waren für religiöse Heuchler aufgespart. Er war voller Gnade und Wahrheit. Gnade mit Wahrheit erwies Er Sündern, die sich als solche bekannten. Aber die Heuchler traf der Scheinwerfer der Wahrheit ohne Erwähnung der Gnade.
So geschah es, dass das Blut einer langen Reihe von Märtyrern über jene Generation kommen würde. Und jetzt hatte Jerusalem zum letzten Mal die Gelegenheit, unter den Flügeln Jehovas Zuflucht zu finden, denn Er war mitten unter ihnen in der Person des Herrn Jesus. Wie oft hatte Er sie so beschirmen wollen nach dem Zeugnis der Psalmen, wie oft hatte Jesus sie sammeln wollen, als Er bei ihnen weilte, aber sie hatten nicht gewollt! Daraus folgerte, dass das schöne Haus in Jerusalem, einst anerkannt als das Haus Jehovas, nun als solches verworfen wurde. Jetzt war es ihr Haus und wurde ihnen öde gelassen; und Er, der es erfüllt haben würde, ging von ihnen, dass sie Ihn nicht mehr sahen, bis sie sprechen würden: "Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn." Sie werden es nach Psalm 118 nicht sprechen, bis jener Tag anbricht, "den Jehova gemacht hat", wenn "der Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden ist".
Kapitel 24
Alles, was wir von Kapitel 21,23 an gelesen haben, hatte sich im Bereich des Tempels ereignet. Jetzt, in Kapitel 24, 1, geht Jesus von dort weg. Die Jünger traten herzu, um Seine Aufmerksamkeit auf einige der prächtigen Gebäude zu lenken, doch sie bekamen von Ihm nur die Prophezeiung zu hören, dass dies alles dem Erdboden gleichgemacht werden würde. Sie fragten nun nach der Zeit, wann diese Vorhersage eintreffen würde, und dachten dabei an das Ende des Zeitalters. Die ersten Worte Seiner Antwort zeigen, dass Seine Ankündigungen uns vorwarnen und wappnen und nicht etwa nur unsere Neugierde oder ein Verlangen nach sehr genauer Kenntnis befriedigen sollten. Wir haben auf uns selbst Acht zu haben.
Falsche Christusse zusammen mit Kriegen und Kriegsgerüchten werden vorausgesagt, doch diese Erscheinungen bedeuten noch nicht das Ende. Es wird Hungersnöte, Seuchen, Erdbeben geben, ebenso wie Kriege, aber sie sind erst der Beginn der Wehen. Verbunden damit werden Verfolgung und Märtyrertum der Jünger einsetzen, Abfall einiger, die Jüngerschaft bekannt haben, Hervortreten falscher Propheten, ein Überhandnehmen der Gesetzlosigkeit und Rückfall in den Herzen vieler Bekenner. In jener Stunde werden die Treuen ausharren bis zum Ende, und dann werden sie errettet werden. Außerdem wird Gott zu aller Zeit Sein eigenes Zeugnis unter den Nationen aufrechterhalten, und wenn diese Dinge vollendet sind, wird das Ende kommen.
Dreimal spricht der Herr in diesen Versen vom "Ende", und in jedem Fall meint Er das Ende des Zeitalters, worauf sich auch die Frage der Jünger richtete. Seinen wahren Jüngern, die ausharren, wird das Ende Errettung bringen. Das hebt der Herr ausdrücklich hervor und spricht dann erst davon, dass es Seinen Feinden Gericht bringen wird. Lasst uns beachten, dass es "dieses Evangelium des Reiches" ist, das aller Welt verkündigt werden muss, bevor das Ende kommt. Es ist das Evangelium, das der Herr selbst gepredigt hatte – siehe 4 , 23; 9,35 –, indem Er verkündete, dass das Reich der Himmel nahe gekommen sei. Das Evangelium, das wir heute predigen (siehe 1. Korinther 15,1–14), konnte – das lag in der Natur der Sache –, nicht verkündet werden, bevor Christus gestorben war.
Zu der Zeit des Endes wird der Gräuel der Verwüstung, wovon Daniel 12,11 spricht, an heiliger Stätte gefunden werden, und dabei geht es um Jerusalem, wie Vers 16 unseres Kapitels zeigt. Offensichtlich wird es wieder einen Tempel mit heiliger Stätte zur Zeit des Endes geben, der durch abscheulichen Götzendienst geschändet werden wird. Um diese Zeit wird sich die Prophezeiung aus Kapitel 12,43–45 erfüllen: der böse Geist des Götzendienstes wird sich des Volkes mit siebenfacher Gewalt bemächtigen, und die Masse des Volkes wird diesen Gräuel an heiliger Stätte gutheißen – höchstwahrscheinlich "das Bild des Tieres", wovon Offenbarung 13,14.15 spricht. Weil dadurch die Gesetzlosigkeit ihren Höhepunkt erreicht, wird in den Regierungswegen Gottes Verwüstung über sie hereinbrechen. Die Aufstellung dieses Gräuels nun soll den Gottesfürchtigen das Zeichen sein, dass die prophezeite große Drangsal begonnen hat und dass ihre Sicherheit in der Flucht weg von Jerusalem und Judäa liegt, wo der Ofen der Trübsal am heißesten brennen wird. Der Herr sprach zu Seinen Jüngern, die in diesem Augenblick nur gottesfürchtige Israeliten waren, die ihren Messias auf der Erde umgaben, obwohl sie bald darauf in das Fundament der zukünftigen Kirche eingebaut werden sollten. Deshalb stellten sie zu der Zeit nicht die Kirche, sondern den gottesfürchtigen Überrest Israels dar, der noch sorgfältig das Sabbatgebot beobachtete (Vers 20) und wovon viele sich in Judäa befanden. Unverzügliche Flucht war ihnen geboten. Dies stimmt mit dem überein, was uns in Offenbarung 12,6 in symbolischer Form mitgeteilt wird.
Die große Drangsal übersteigt alles bisher Dagewesene, ist mit nichts zu vergleichen, auch in Zukunft nicht. Das sagt der Herr in Vers 21. Der Grund dafür liegt, wie das Buch der Offenbarung zeigt, in der Tatsache, dass Zorn vom Himmel her – das Ausgießen der Gerichtsschalen – diese Zeit der Gerichte hervorbringen wird. Es wird sich nicht nur darum handeln, dass Menschen sich gegenseitig Not und Leid bereiten oder eine Nation anderen Nationen zur Geißel wird, wie wir es heute in so auffallender Weise erleben, sondern darum, dass Gott die Nationen züchtigt und sie zur Rechenschaft zieht. Es wird "geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her" (Röm 1,18); bisher wird er noch zurückgehalten, doch dann wird er die Nationen treffen. Nationen als solche werden nur in dieser Welt gefunden; sie bestehen nicht jenseits des Grabes, wohl aber die Menschen, die ihnen hier angehören.
Während der Drangsalszeit werden Auserwählte auf der Erde sein, und um ihretwillen wird sie verkürzt werden, wie uns Vers 22 sagt. In Römer 9,28 lesen wir von dieser Zeit, dass der Herr "eine abgekürzte Sache ... auf Erden" tun wird, und zwar zu dem Zweck, dass ein Überrest gerettet wird. Heute gewährt Gott Gnade durch das Evangelium; es ist ein Werk Seiner Langmut, indem Er es auf mehr als neunzehn Jahrhunderte ausgedehnt hat. Wenn Er aber Gericht übt, wird Er ein rasches Werk tun, es abkürzend in Gerechtigkeit. Einen kurzen Zeitraum von dreieinhalb Jahren wird es umfassen, wie andere Schriftstellen zeigen. So wird sich die Güte Gottes sowohl in Barmherzigkeit als auch im Zorn kundtun.
In dieser Zeit wird der Teufel sehr gut wissen, dass die Ankunft Christi bevorsteht; deshalb wird er versuchen, diesem Ereignis durch allgemeine Verwirrung entgegenzuwirken, indem er Betrüger erweckt und sie mit übernatürlichen Kräften ausstattet, in der Hoffnung, die Auserwählten, die Ihn erwarten, zu verführen. Vers 24 zeigt deutlich an, dass nicht alle wunderbaren Zeichen von Gott herrühren. Es gibt zwei Arten - göttliche und teuflische. In den göttlichen Zeichen offenbart sich Gottes Charakter in Gnade und Macht, teuflische Zeichen mögen für unbekehrte Menschen vielfach auffallender, überraschender und verlockender sein. Menschen dieser Tage, die ein brennendes Verlangen nach Übernatürlichem haben, bedürfen großer Vorsicht, um nicht getäuscht zu werden.
Die Ankunft des wahren Christus Gottes wird, einem Blitz gleich, in höchstem Maß öffentlich bekannt sein. Niemand braucht, um Ihn zu sehen, eine entfernte Wüste aufzusuchen oder sich in ein geheimes Gemach zurückzuziehen. Ebenso, wie Adler sich dort aufhalten, wo das Aas ist, wird Sein Gericht gegenwärtig sein, wo immer Menschen sich im faulenden Morast der Sünde und ihren Seuchen verderben.
Der Drangsal folgt die Erschütterung und der Zusammenbruch der bestehenden Mächte in den Himmeln und auf der Erde, und danach wird der Sohn des Menschen in Seiner Herrlichkeit offenbart werden. Zweimal hatte der Herr vorher von dem "Zeichen des Propheten Jonas" (12,39.40; 16,4) gesprochen, dadurch andeutend, dass der Sohn des Menschen drei Tage im Grab sein würde. Hier haben wir das Zeichen des Sohnes des Menschen im Himmel, das Zeichen dafür, dass Gott schließlich Seine Rechte auf dieser rebellischen Erde behaupten und ihnen Geltung verschaffen wird durch den Mann Seiner Ratschlüsse und Seiner Wahl. Beide Zeichen sind gewaltig! Wer will sagen, welches von ihnen das größere ist? Beide sind gleicherweise groß zu ihrer Zeit und gebieten uns ehrfurchtsvolle Anbetung.
Nach Seiner Erscheinung in Herrlichkeit wird der Herr Seine Auserwählten versammeln, um derentwillen die Tage der Drangsal verkürzt worden sind. Durch den Dienst von Engeln und bei starkem Posaunenschall werden sie zusammengebracht. Damit kommt das Fest des Posaunenhalls (3. Mose 23,24.25) zu seiner Erfüllung, genauso wie das Passah im Tod Christi und das Fest der Wochen in der Ausgießung des Geistes und der Bildung der Versammlung erfüllt worden sind. Die Auserwählten werden versammelt angesichts der Segnungen des Tausendjährigen Reiches. Eine Entrückung in den Himmel oder gar eine Auferstehung werden nicht erwähnt, denn es sind auf der Erde lebende Menschen, die hier versammelt werden. In Kapitel 16 hatte der Herr offenbart, dass Er Seine Versammlung bauen würde, aber ihre himmlische Berufung und Bestimmung waren nicht enthüllt worden, deshalb darf die Versammlung auch nicht in den Vers 31 hineingelesen werden.
Mit Vers 32 beginnt eine Reihe von Gleichnissen und gleichnishaften Reden. Der Feigenbaum ist ein Gleichnis der Juden; und wenn wir bei diesem Volk ein Wiedererwachen ihres nationalen Lebens wahrnehmen, sollen wir erkennen, dass der Sommer nahe ist, aber "dieses Geschlecht" wird nicht vergehen, bis all dieses geschehen ist und jener Augenblick kommt. Der Herr hat einige Male von diesem Geschlecht gesprochen - siehe 11,16; 12,39.45, 16,4. Es ist ein sehr altes und hartnäckiges Geschlecht, denn Mose klagte es schon an in 5. Mose 32,5.20 - "Kinder, in denen keine Treue ist". Das ungläubige Geschlecht wird seinen Untergang finden, wenn der Herr Jesus kommt, doch nicht früher. Sie werden vergehen, aber die Worte Christi werden nicht vergehen.
Die genaue Zeit Seiner Ankunft ist ein Geheimnis, das nur dem Vater bekannt ist, der alle Zeiten und Zeitpunkte Seiner eigenen Gewalt unterstellt hat (siehe Apostelgeschichte 1,7); und weil das so ist, wird Sein Kommen eine jähe Überraschung für die sorglose Welt sein. Es wird wie in den Tagen Noahs sein; die Menschen sind nur mit ihren Vergnügungen beschäftigt, bis das Gericht über sie hereinbricht. Eine ewige Trennung für Männer wie für Frauen wird dann stattfinden. Zephanja 3,11-13 wird sich erfüllen. Die Übertreter werden im Gericht weggerafft werden. Das elende und arme Volk, das auf den Namen des Herrn vertraut, wird für die Segnungen des Tausendjährigen Reiches übrig gelassen, und sie sind "der Überrest Israels".
Indem wir Vers 42 erreichen, sehen wir erneut, wie der Herr diese prophetischen Gegebenheiten auf das Verhalten Seiner Jünger anwendet. Da sie die Stunde nicht wussten, sollte Wachsamkeit und treuer Dienst sie auszeichnen. Der Knecht, dem Aufsicht anvertraut ist, muss seiner Verantwortlichkeit nachkommen. Tut er es, wird er gesegnet sein und belohnt werden. Andererseits ist es möglich, dass Menschen die Stelle von Dienern einnehmen und doch böse sind. Sie verleugnen ihre Verantwortung und misshandeln ihre Mitknechte, indem sie in ihren Herzen sprechen: "Mein Herr verzieht zu kommen." Das denkt die Welt immer. Sie hören die Prophezeiung und sagen dann: "Das Gesicht, das dieser schaut, ist auf viele Tage hin; und auf ferne Zeiten hin weissagt er" (Hes 12,27). Der wahre Diener harrt in Bereitschaft der Ankunft Seines Herrn entgegen und ist eifrig um Seine Interessen besorgt, während er wartet.
Die Verse 50 und 51 zeigen, dass der vorgestellte "böse Knecht" nicht ein Mensch ist, der wohl schlimm versagt, im Grunde aber treu ist, nein, er ist durch und durch falsch. Sein Herr wird ihn richten und ihm sein Teil setzen mit den Heuchlern, eben weil er ein Heuchler ist. Das Gericht verbannt ihn zu seinesgleichen. Wenn der Heuchler entlarvt und verdammt wird, so ist sein Los in der Tat Weinen und Zähneknirschen.
Kapitel 25
Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen eröffnet dieses Kapitel. Diese Welt bietet in jeder Hinsicht das Bild einer verworrenen Szene. Das Kommen des Herrn wird eine gründliche Klärung bringen. Wir haben das schon gesehen in den Gleichnissen vom Weizen und dem Unkraut, von dem Netz, das ins Meer geworfen wird (Kapitel 13), und auch in den Versen, die wir soeben am Ende von Kapitel 24 betrachtet haben. Dieselbe bedeutsame Tatsache tritt uns jetzt erneut in dem vorliegenden Gleichnis vom Reich der Himmel entgegen. Der Herr hatte die Kirche schon vorwegnehmend erwähnt, aber hier sagt Er nicht: "Dann wird die Kirche gleich geworden sein ... ", sondern "das Reich der Himmel`, letzteres ist umfassender als die Kirche, obwohl es sie einschließt. Deshalb stellen "die zehn Jungfrauen" nicht ausdrücklich die Kirche dar, obwohl sie im Blickwinkel des Gleichnisses mitgesehen wird.
Deshalb tun wir sicherlich recht daran, wenn wir das Gleichnis auf die Gläubigen der Jetztzeit, auf uns selbst, anwenden. Die Jungfrauen gingen aus, dem Bräutigam entgegen, und auch wir sind aus der Welt herausgerufen, um den Herrn zu erwarten. Doch da ist eine Zeit des Vergessens und des Einschlummerns in der Geschichte der Kirche eingetreten. Aber im Blick auf die Ankunft des Bräutigams ist ein alarmierender Ruf erschollen: "Gehet aus, Ihm entgegen!" Das heißt: Kehrt um zu eurer ursprünglichen Stellung als ein Volk, das aus der Welt herausgerufen ist. Als alle schliefen, war nur ein geringer oder gar kein Unterschied zu sehen zwischen Echten und Falschen, aber im Augenblick des Erwachens und der Umkehr in die ursprüngliche Stellung zeichnet sich eine klare Unterscheidung ab, und solche, die kein Öl haben, werden offenbar. Das Öl ist ein Bild des Heiligen Geistes – "wenn aber jemand Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein" (Röm 8,9).
Man hat das Gleichnis gewaltsam benutzt, um den Gedanken zu stützen, dass nur hingebungsvolle und wachsame Gläubige dem Herrn, wenn Er kommt, entgegengehen werden und dass Gläubige mit geringeren Verdiensten dafür benachteiligt werden. Wir halten das für eine falsche Auslegung. Der in diesem Gleichnis wesentliche Punkt ist die Art und Weise, wie das Kommen des Herr eine vollständige Trennung durchführen wird zwischen solchen, die wirklich Sein sind, und solchen, die es nicht sind. In diesem Gleichnis sehen wir die Trennung, die im Bereich des Bekenntnisses gemacht wird, und das Siegel des Geistes besitzen nur die, die Christus wirklich angehören. Dass die Tür verschlossen wird, besiegelt die Zurückweisung der Falschen. Die Törichten sind nicht ein Bild von Rückfälligen, die den Herrn einst kannten und auch von Ihm gekannt waren. Das Wort lautet nicht: "Einst kannte ich euch, aber jetzt verleugne ich euch", sondern vielmehr: "Ich kenne euch nicht". Der Herr kennt dann nur, die Sein sind, andere aber sind Ihm fremd.
In Vers 13 wendet der Herr das Gleichnis auf Seine Jünger und damit auf uns an. Wir wissen nicht, wann der Sohn des Menschen kommt, und wir haben zu wachen. So lässt Er immer wieder Seine prophetische Belehrung auf unseren Charakter und unser Betragen einwirken. Er gibt uns kein Licht über die kommenden Ereignisse, damit lediglich unsere Neugierde befriedigt wird. Nachdem Er uns so zur Wachsamkeit ermahnt hat, zeigt Er uns in dem folgenden Teil des Kapitels, was Sein Kommen für uns als Knechte bedeutet und was es in der Tat auch für die Welt bedeutet. Alles wird vollständig an seinen rechten Platz gerückt.
Das Gleichnis von den Knechten und den Talenten folgt an dieser Stelle, um die Ermahnung zur Wachsamkeit in Vers 13 noch zu verstärken. Es zeigt, wie das Kommen des Sohnes des Menschen alle Seine Knechte einer Erprobung unterziehen wird, wobei unnütze Knechte hinausgeworfen werden. Die Absicht dieser Worte ist, uns allen Nüchternheit zu vermitteln, um zu verstehen, dass der Herr für die Zeit Seiner Abwesenheit Seinem Volk Seine "Habe" anvertraut hat. Seine Interessen sind in unsere Hände gelegt worden, und wir können dem Kernpunkt des Gleichnisses nicht aus dem Weg gehen, indem wir sagen: "Ich habe keine besondere Gabe, und deshalb trifft das auf mich nicht zu."
Der Meister übergab seine Habe seinen Knechten, "einem jeden" von ihnen, und er wusste die Befähigung eines jeden einzuschätzen, so teilte er "einem jeden nach seiner eigenen Fähigkeit" zu. Deshalb können wir unterscheiden zwischen den Gaben, die uns verliehen sind, und den Fähigkeiten, die wir besitzen mögen, wobei wir immer daran denken dürfen, dass der Herr die beiden Dinge aufeinander abstimmt. Unsere Fähigkeiten umfassen unsere natürlichen Kräfte ebenso wie unsere geistlichen, und wenn diese nicht sehr groß sind, würden fünf Talente, oder auch schon zwei, eine Last für uns sein. Wenn es so ist, weiß der Herr darum, und Er gibt uns nur eins. Wir könnten diesen Gedanken mit den Gaben in Römer 12,6–15 verbinden, die in ihrer Art das ganze Volk Gottes betreffen. Mag die uns anvertraute Gabe nun groß oder klein sein, worauf es ankommt, ist, sie fleißig zu gebrauchen.
Den gleichen Fleiß bewiesen die Knechte, die fünf oder auch zwei Talente empfingen. Jedem gelang es, das anvertraute Gut zu verdoppeln und bei der Rückkehr ihres Herrn seine Zustimmung und Belohnung zu empfangen. Beachten wir, dass auch in diesem Gleichnis der Gegensatz nicht in dem Mehr oder Weniger an Redlichkeit und Fleiß treuer Knechte liegt, sondern zwischen solchen Knechten, die treu waren, obschon verschieden nach dem Maß ihrer Befähigung, und dem einen, der durchaus untreu war. Er verbarg das eine Talent, das er empfangen hatte, in der Erde, anstatt es im Interesse seines Meisters zu verwenden, und er tat dies, weil er seinen Herrn nicht wirklich kannte. Er beanspruchte zu wissen, dass er ein harter Mann wäre, der mehr forderte, als ihm gebührte, einer, der zu fürchten war. Sein Herr nahm ihn beim Wort auf dem Boden der Erkenntnis, die er für sich in Anspruch nahm, und zeigte ihm, dass seine Ausrede seine Schuld nur noch verschlimmerte, denn wäre er ein harter Mann gewesen, hätte der untreue Knecht um so mehr Ursache gehabt, das ihm übertragene Talent fleißig zu gebrauchen.
In Wirklichkeit war der Meister alles andere als ein harter Mann, wie die Behandlung der guten und treuen Knechte bezeugt. Der entscheidende Punkt war, dass dieser Knecht keine wahre Kenntnis seines Herrn und keine wirkliche Verbindung zu ihm hatte. Nun verlor er alles, was ihm anvertraut worden war, und er wurde hinausgeworfen in die äußere Finsternis, wo das Weinen und das Zähneknirschen sein wird, wie wir es auch bei dem heuchlerischen Knecht am Schluss des vorigen Kapitels gefunden haben. In dem ähnlichen Gleichnis in Lukas 19 wird zwischen den verschiedenen Knechten hinsichtlich ihres Eifers und ihrer Treue unterschieden, und danach werden sie belohnt. Der Knecht mit dem einen Pfund erleidet Schaden, aber er wird nicht in die äußere Finsternis hinausgeworfen. Es ist der Beachtung wert, dass in beiden Fällen das Versagen bei dem Mann gesehen wird, der mit dem Wenigsten betraut war. Wenn wir unsere eigenen Herzen untersuchen, werden wir erkennen, dass wir geneigt sind, gar nichts zu tun, wenn wir nur zu kleinen Aufgaben befähigt sind. Der Herr wird den Knecht, der bei geringer Fähigkeit geringe Dinge eifrig und sorgfältig tut, ganz sicher ehren.
Der letzte Abschnitt dieses Kapitels (Verse 31–46) wird nicht als Gleichnis bezeichnet. Die Gleichnisse begannen mit Kapitel 24,32 und sind bis hierher abgeschlossen. Vers 31 nimmt den Faden der prophetischen Darlegung von 24,31 wieder auf. Wenn der Sohn des Menschen kommt, wird Er nicht nur Seine Auserwählten versammeln, sondern auch die Nationen vor sich laden, um über die ganze Erde hin Gute und Böse zu sichten. Alle Völker werden vor Ihm versammelt werden, und zwar auf der Erde. In der letzten Gerichtsszene, die in Offenbarung 20 vorhergesagt wird, wenn Erde und Himmel entflohen sind, erscheinen keine Nationen mehr. Dann sind es "die Toten, die Großen und die Kleinen", denn im Tod sind alle nationalen Unterschiede verschwunden.
Andere Schriftstellen berichten uns von Gerichten, die Christus persönlich über Kriegsheere ausüben wird, wenn die mächtigen Armeen der verschiedenen Könige der Erde bei Harmagedon ihren Untergang finden. Doch von diesen Gerichten wird der große Teil der Zivilbevölkerung nicht betroffen, und diese alle müssen vor dem prüfenden Blick des Sohnes des Menschen vorübergehen, denn nur Er kann nach Seiner unfehlbaren Weisheit unterscheiden und aussondern. Und das wird Er tun dem Hirten gleich, der die Schafe von den Böcken scheidet. Dabei werden Seine richterlichen Entscheidungen von ewiger Tragweite sein, ebenso wie auch die Urteile des Gerichts am großen weißen Thron. Hier wie dort werden Menschen nach ihren Werken gerichtet werden.
Der wahre Zustand eines jeden Herzens ist, auch abgesehen von Werken, Gott völlig bekannt. Doch wenn ein öffentliches Gericht eingesetzt wird, dann wird immer nach den Werken beurteilt, da sie deutlich und unfehlbar den inneren Zustand anzeigen, und so wird die Gerechtigkeit des göttlichen Gerichts allen Betrachtern sichtbar. Diese Boten, die der König "meine Brüder" nennt, waren als Seine Stellvertreter ausgegangen, und die Behandlung, die sie erfuhren, wechselte je nach der Meinung über den Sohn des Menschen, den sie vertraten. Solche, die an Ihn glaubten, machten sich eins mit Seinen Boten und dienten ihnen in ihrer Verwerfung und ihren Trübsalen. Solche aber, die nicht an Ihn glaubten, beachteten Seine Boten überhaupt nicht. Die Glauben hatten, machten ihn durch ihre Werke offenbar. Die, die keinen Glauben hatten, taten das gleicherweise durch ihre Werke kund.
Übersehen wir nicht die Tatsache, dass der König den Verurteilten nicht zur Last legt, dass sie Seine Diener verfolgt und ins Gefängnis gebracht haben, sondern nur, dass sie sie nicht beachtet haben und sie geringschätzig behandelten. Ein solches Verhalten erinnert an die ernste Frage in Hebräer 2: "Wie werden wir entfliehen, wenn wir eine so große Errettung vernachlässigen?" An jenem Tag wird es offenbar sein, dass Menschen, die Christus nachlässig begegnet sind, dadurch, dass sie Seine Diener vernachlässigten, ewiger Verdammnis anheim fallen.
Wer sind "diese meine Brüder"? Wenn wir uns die ganze prophetische Rede vor Augen halten, um deren letzten Teil es hier geht, dann kann die Antwort nicht schwer fallen. An ihrem Anfang wandte der Herr sich an Seine Jünger persönlich und sagte ihnen, wie sie gehasst, bedrängt und verraten werden würden, dass aber das Ende erst käme, wenn "dieses Evangelium des Reiches" zu einem Zeugnis für alle Nationen gepredigt worden wäre, und dass solche, die bis ans Ende ausharrten, errettet werden würden. Er sprach so, als ob die Jünger vor Ihm die Zeit des Endes miterleben würden, weil Er sie in einer stellvertretenden Stellung betrachtete. Die "Brüder" im Schlussteil der Rede sind die Jünger der letzten Tage, die aber durch die Jünger der ersten Tage dargestellt wurden, zu denen der Herr sprach. Obwohl sie nun wenig später durch den Geist zu einem Leib getauft wurden, der die Kirche ist, wie Apostelgeschichte 2 berichtet, so waren sie doch in diesem Augenblick einfach ein Überrest Israels. Als solche hatten sie in Jesus den Messias erkannt und sich Ihm angeschlossen. Sie repräsentierten einen ähnlichen Überrest Israels, dessen Augen in den letzten Tagen aufgetan sein werden und der den abgerissenen Faden "dieses Evangeliums des Reiches" wiederaufnehmen wird – abgerissen, als Christus auf Erden verworfen wurde, und wiederaufgenommen und erneuert, kurz bevor Er zur Erde zurückkehrt, um zu regieren.
In dem letzten Abschnitt von Kapitel 25 ist das Ende gekommen. Der Sohn des Menschen ist König, die Jünger, die bis zum Ende ausharrten, sind gerettet, die Nationen werden gerichtet, die Aussonderung der Guten wie der Bösen ist abgeschlossen, die Gerichtsentscheidungen sind von ewiger Dauer. Dreimal kommt das Wort ewig vor. Die Strafe der Verfluchten und das Feuer, zu dem sie hingehen, sind ewig. Das Leben, zu dem die Gesegneten eingehen, ist ewig. Der Gegensatz zu Leben ist nicht ein Aufhören der Existenz, wie es der Fall sein würde, wenn Leben nicht mehr als Existenz aufgrund des Lebensfunkens in uns bedeutete. Es ist Strafe, denn ewiges Leben umfasst die ganze Sphäre gesegneter und ewiger Wahrheiten, die für immer das Teil des Gerechten sind. Es geht hier nicht darum, dass das Leben in ihnen ist, sondern dass sie darin eingehen. Mit diesem schönen Ausklang endete die prophetische Rede des Herrn.
Kapitel 26
Dieses Kapitel führt uns wieder zurück zur Geschichte des Lebens unseres Herrn während Seiner letzten Tage auf der Erde. Die Eingangsverse gewähren uns einen Blick in den Palast des Hohenpriesters. Dort reißen die Beratungen nicht ab, wie man Jesus mit List und möglichst unauffällig töten könne. In den Versen 6–13 wechselt die Szene von der grausamen Bosheit in prunkvollen Räumen zu einer Tat voller Liebe und Hingebung in einem schlichten Heim, wo solche wohnten, die dem gottesfürchtigen Überrest angehörten. Aus Johannes 12 erfahren wir, dass es sich bei der Frau um Maria von Bethanien handelt. Offensichtlich salbte sie sowohl Sein Haupt als Seine Füße, doch Matthäus, indem er Seinen königlichen Charakter betont, erwähnt die Salbung des Hauptes, wie es einem König geziemt. Johannes betont Seine Gottheit und berichtet uns die Salbung Seiner Füße, obwohl ein solch großer Diener wie Johannes der Täufer nicht würdig war, Ihm den Riemen Seiner Sandalen zu lösen.
Die Tat der Liebe fand bei den Jüngern keine Zustimmung, sie hielten es für bloße Verschwendung. Ihre Unwilligkeit war von Judas Iskariot angestiftet worden, wie das Johannesevangelium uns zeigt, doch es kam zum Vorschein, dass sie zuerst an das Geld und dann an die Armen dachten, während sie von Seinem näherkommenden Tod nichts wussten und verwirrt waren. Die Frau dachte nicht an Geld und nicht an die Armen. Sie sah nur Christus, und Er wusste die Aussage ihrer Handlung zu deuten. Sehr wahrscheinlich handelte sie mehr aus einem tiefen Gefühl als aus Einsicht. Aber sie war sich deutlich bewusst, dass die Person ihrer ganzen Zuneigung und Anbetung jetzt vom Tod bedroht war, und der Herr nahm das, was sie tat, als zu Seinem Begräbnis an. Nicht nur, dass Er ihr Tun billigte, Er setzte auch fest, dass eine beständige Erinnerung daran aufbewahrt werden sollte da, wo irgend dieses Evangelium gepredigt würde. Und so ist es geschehen.
Die Hingabe dieser Frau stand in denkbar schärfstem Gegensatz zu dem Hass der religiösen Führer, von dem der vorausgehende Abschnitt berichtete, und zu dem treulosen Verrat des Judas, den der nachfolgende Abschnitt berichtet. Die Gewalttätigkeit erreichte ihren Gipfel in den Führern – sie wollten Ihn ohne irgendwelche Bedenken sofort umbringen. Die Verdorbenheit erreichte ihren Gipfel in Judas – drei Jahre lang hatte er den Herrn begleitet, und jetzt hoffte er durch seinen Verrat auf den schäbigen Profit von dreißig Silberlingen. Ein israelitischer Knecht war mit dreißig Silbersekeln veranschlagt, wie 2. Mose 21,32 zeigt.
Wenn der zweite Abschnitt unseres Kapitels (Verse 6–13) uns die Hingabe einer Jüngerin an ihren Herrn zeigt, sehen wir in dem vierten Abschnitt (Verse 17ff.) wieder die Sorge des Herrn für Seine Jünger und wie Er in der näherkommenden Zeit Seiner Abwesenheit auf ihr Andenken rechnete.
Das Passah wurde an dem Ort gegessen, den der Herr erwählt hatte, und während seines Verlaufs gab Er zu erkennen, wer der Verräter war, und warnte ihn vor seinem Verderben. Dass der Sohn des Menschen durch Verrat zu Tode gebracht werden würde, war in den Heiligen Schriften vorausgesagt worden, aber das mindert nicht im geringsten die Schwere der Handlungsweise des Verräters. Die Tatsache, dass Gott allwissend ist und Handlungen der Menschen im voraus mitteilen kann, enthebt diese nicht der Verantwortung für das, was sie tun. In diesem Akt enthüllte Judas sein wahres Selbst. Jesus schickte sich an, sich durch Seinen Tod völlig zu offenbaren.
Als das Passah sich seinem Ende näherte, setzte der Herr Sein Mahl ein zum Gedächtnis an Seinen Leib, der für uns gegeben wurde, und an Sein Blut, das zur Vergebung der Sünden für uns vergossen wurde. Im Wortlaut der Verse 26–29 findet sich kein bestimmter Hinweis, dass die Mahlfeier bis zu Seiner Wiederkunft zu beobachten ist. Wenn es sich darum handelt, so müssen wir uns 1. Korinther 11 zuwenden. Doch können wir aus Vers 29 diese Tatsache folgern, denn der Kelch spricht von Segen und Freude, und diesen Kelch wird der Herr in einer neuen Weise trinken, wenn das Reich anbricht. In der Zwischenzeit ist der Kelch für uns und nicht für Ihn. An dem Tag des Reiches wird Er an dem Segen und der Freude auf eine völlig neue Art teilnehmen. Er wartet jetzt auf die Errichtung des Reiches mit all seinen nie gekannten Segnungen und seiner Glückseligkeit. Wir haben für diese Zeit das Gedächtnismahl Seines Todes, bei dem Sein Leib und Sein Blut uns nicht verbunden dargestellt werden, als wäre Er ein lebendiger Mensch auf der Erde, sondern getrennt: dieses Brot – Sein Leib, und dieser Kelch – Sein vergossenes Blut, um in dieser Form Seinen Tod abzubilden.
Auf ihrem Weg zum Ölberg sagte Jesus den Jüngern voraus, dass Sein Tod sie zerstreuen würde, wie die Schrift gesagt hatte, doch Er wies sie auf Seine Auferstehung hin und bestimmte einen Ort der Begegnung in Galiläa, wo Er sie sammeln würde. Petrus jedoch, von Selbstvertrauen erfüllt, widersetzte sich zu seinem Unglück dieser Warnung und erfaßte auch nicht die Tatsache und die Bedeutung der Auferstehung. Alle Jünger waren von ähnlichen Gedanken und Empfindungen bewegt, wenn auch nicht in demselben Maß.
In Gethsemane sollten sie sehr bald auf die Probe gestellt werden. Dort trat Jesus in völliger Gemeinschaft mit dem Vater im Geist in die vor Ihm liegenden Todesleiden ein. Eben Seine Vollkommenheit ließ Ihn zurückschrecken vor all dem, was diese Leiden und der Tod als Gericht Gottes beinhaltete, dennoch nahm Er den Kelch aus der Hand des Vaters an. Als vollkommener Mensch durfte Er von den erwählten Jüngern Mitgefühl erwarten, doch es erfüllte sich das prophetische Wort: "Ich habe auf Mitleiden gewartet, und da war keines, und auf Tröster, und ich habe keine gefunden" (Ps 69,20). Petrus und die anderen, die so sicher waren, dass sie Ihn nie verleugnen würden, vermochten nicht eine Stunde mit Ihm zu wachen. Ihr Fleisch war zu schwach, aber bis jetzt wussten sie es nicht. Ebensowenig ahnten sie, dass der Verrat des Judas Früchte trug und der jähe Umschwung ihnen nahe bevorstand.
Dennoch war es so, und bis zum Ende des Kapitels erleben wir den außerordentlichen Gegensatz zwischen dem Christus Gottes und allen anderen, die mit Ihm in Berührung kamen. Jeder von ihnen deckt seine eigene besondere hässliche Missgestaltung auf, während Seine Person ruhig und klar im Mittelpunkt des Geschehens steht.
Zuerst kommt Judas, der Verräter. Er tarnt seine Treulosigkeit hinter solch einer Heuchelei, dass noch neunzehn Jahrhunderte danach "der Judaskuss" sich als ein sprichwörtlicher Ausdruck des Abscheus erhalten hat. In der Sprache von Psalm 41,9 hieß es: "Selbst der Mann meines Friedens, auf den ich vertraute, der mein Brot aß, hat die Ferse wider mich erhoben." Deshalb spricht Jesus ihn mit "Freund" an und stellt ihm dann die durchbohrende Frage: "Wozu bist du gekommen?" Er war gekommen, seinen Meister zu verraten, damit er dreißig erbärmliche Silbermünzen bekäme.
Der Ekel erregenden Heuchelei des falschen Jüngers folgt der fleischliche Eifer eines wahren Jüngers – wir wissen nach dem Johannesevangelium, dass es Petrus war. Der auf sich selbst bauende Mann schläft, wo er wachen, und schlägt zu, wo er sich ruhig verhalten sollte und wo sein Handeln dem Ansehen seines Meisters geschadet hätte, wenn es nicht verhindert worden wäre. Es kommt eine Zeit, wo "die Frommen in Herrlichkeit" jauchzen werden, wo bei "Lobeserhebungen Gottes ... in ihrer Kehle ... ein zweischneidiges Schwert in ihrer Hand" ist, "um Rache auszuüben" (Ps 149,5–7), aber das wird zur Zeit Seiner zweiten Ankunft sein, nicht bei Seinem ersten Kommen. Die Tat des Petrus war hier gänzlich fehl am Platz und forderte fast dazu auf, auch ihn mit einem Schwertstreich zu treffen. Sie war durchaus nicht in Einklang mit der Haltung seines Meisters, dem unüberwindliche Macht zur Verfügung stand und der sich dennoch wie ein Lamm zur Schlachtbank führen ließ, wie es die Schrift angezeigt hatte.
Als Gott die Städte der Ebene unter dem Himmel hinweg vertilgte, sandte Er nur zwei Engel, die den Gerichtsschlag ausführten. Wenn zwölf Legionen sich jetzt auf die rebellische Welt gestürzt hätten, was würde aus ihr geworden sein? Aber eine solche Bitte wurde nicht ausgesprochen, und der Schwertstreich des Petrus, den er ebenso sehr für sich wie für seinen Meister führte, war einfach lächerlich. Wenn wir zufrieden sind, als Christen zu leiden, sind wir geistlicherweise Siegende. Wenn wir nach dem Schwert greifen, verlieren wir im geistlichen Kampf und kommen durch das Schwert im äußersten Fall sogar um. Einer der Hauptgründe, weshalb die Reformation vor vier Jahrhunderten so sehr aufgehalten wurde und zum Stillstand kam, lag darin, dass ihre Hauptbefürworter zu ihrer Verteidigung zum Schwert griffen. Dadurch verlor sie weithin ihren geistlichen Charakter und mündete in eine nationale und politische Strömung ein.
Als nächstes befasst sich der Herr in ruhigen Worten mit dem rohen Pöbel, der, von Judas angeführt, gekommen war, um Ihn gefangen zu nehmen. Er zeigte ihnen, wie unpassend und sogar töricht ihr Unternehmen war. Doch angesichts dieses Pöbels brach die Kraft aller Jünger zusammen, sie ließen ihren Meister im Stich und flohen. Die Besten unter den Menschen sind solche Leute!
Der Pöbel brachte Ihn zu den Führern Israels, und diese Männer, die behaupteten, Gott zu vertreten, ließen jeden Schein fallen, noch Gerechtigkeit walten zu lassen. Es wird uns nicht berichtet, dass sie irregeführt wurden in der Annahme falscher Beweise oder verleitet wurden, unzutreffenden Beschuldigungen Glauben zu schenken. Nein, es heißt, sie "suchten falsches Zeugnis wider Jesum, damit sie ihn zum Tode brächten". Sie SUCHTEN es. Hat es jemals ein Gerichtsverfahren auf dieser Erde gegeben, so fragen wir uns erstaunt, das damit begann, dass die Richter eifrig nach Lügnern suchten, um den Angeklagten verurteilen zu können? Hier war es so, und angesichts dieser Dinge schwieg Jesus. Indem ihr Gericht alle Gerechtigkeit völlig preisgab, stand Er ihnen mit göttlicher Würde gegenüber. Er sprach nur, um zu bestätigen, dass Er der Christus, der Sohn Gottes, sei und dass Er als der Sohn des Menschen in Herrlichkeit wiederkehren würde.
An diesem Punkt sprachen sie das Todesurteil über Ihn, und der Hohepriester brach das Gesetz, indem er seine Kleider zerriss, als er Ihn verurteilte, und sich dadurch nur selbst verurteilte. Doch für sie war es ein Signal, das eine Flut von Beleidigungen auslöste, die unser Heiland und Herr still über sich ergehen ließ. Die ruhige Klarheit Seiner Gegenwart leuchtet um so heller vor dem finsteren Verderben, in das sie versunken waren.
Als letztes in diesem Kapitel erntet Petrus, was er durch sein Selbstvertrauen gesät hatte. Wir lesen in Vers 58, dass er von fern folgte, jetzt finden wir ihn unter den Feinden seines Herrn und unfähig standzuhalten. Er erweist sich genau da schwach, wo er den Anschein von Stärke gehabt hatte. Ungestüm ist nicht dasselbe wie Mut. Kraft des Fleisches hatte ihn in eine Lage gebracht, in die er nie hätte kommen sollen, und so fiel er. Wir können nicht Steine auf ihn werfen. Eher lasst uns dafür beten, dass, sollte es uns je ähnlich ergehen, auch wir, ihm gleich, eine Reue empfinden können, wie sie von ihm im letzten Vers berichtet wird. Es war eine Reue, die bereits in dem Augenblick einsetzte, als der Fall geschehen war.
Kapitel 27
Die letzten Begebenheiten im Leben des Herrn werden von Matthäus in einer Weise berichtet, die die übermäßige Schuld der Führer Israels herausstellt. Dieses Merkmal ist durchgehend zu beobachten, trifft aber besonders auf Kapitel 23 zu. Die einleitenden Verse dieses Kapitels zeigen uns, dass, obwohl Seine offizielle Verurteilung durch Pilatus erfolgen musste, dennoch die Feindseligkeit, die dem Herrn bis zu Seinem Tode entgegenschlug, von diesen jüdischen Führern ausging.
Der Verlauf der Ereignisse wird durch eine Einschaltung unterbrochen, die uns das furchtbare Ende des Judas mitteilt. Anscheinend hatte er erwartet, dass der Herr sich Seinen Gegnern entziehen und aus ihrer Mitte weggehen würde, wie Er es vorher getan hatte, aber jetzt musste er sehen, dass Jesus sich ihren Händen überließ und von ihnen verurteilt wurde. Das erfüllte Judas mit Gewissensbissen und Entsetzen über das, was er getan hatte. Aber es war keine echte, "nie zu bereuende Buße zum Heil", denn die geht mit Glauben Hand in Hand. Nun, dieser Glaube fehlte ihm, denn hätte er ihn gehabt, er würde sich an seinen Meister gewandt haben, wie Petrus, der auch so schmerzlich versagt hatte. Die Augen wurden ihm aufgetan für seine Sünde, und er bekannte sie wie auch zugleich die Unschuld des Herrn, dennoch stürzte er sich aus diesem Leben in den Selbstmord. Derselbe Mann, der das Mittel wurde, um den Heiland an Seine Feinde zu überliefern, musste dessen Unschuld bekennen. Gott bestimmte es so, und wie überaus treffend ist das.
Schon der bloße Name, Judas, ist zu einem Inbegriff für Schlechtigkeit geworden, aber Annas und Kajaphas waren noch schlechter. Vers 4 zeigt es. Judas verriet unschuldiges Blut, aber sie verurteilten es. Er wenigstens fühlte Gewissensnot im Blick auf seine Tat, und sie reichte hin, ihn in die Selbstzerstörung zu treiben. Sie hatten keine Gefühle, welcher Art auch immer. Was bedeutete ihnen unschuldiges Blut? Sie vergossen es ohne Bedenken, und sie hatten auch keine Furcht vor dem Gott, der Böses vergilt. Sie waren bereit, "den Unschuldigen" zu ermorden, in ihren Herzen sprachen sie: "Du wirst nicht nachforschen" (Ps 10,8.13). Hätten sie nur ein wenig Gottesfurcht empfunden, würden sie nie gesagt haben, "sein Blut komme über uns und über unsere Kinder", wie es in diesem Kapitel berichtet wird.
Judas hatte von seinen dreißig Silberlingen keinen Gewinn. Verführt und völlig überwältigt von dem Teufel, warf er sie weg für nichts. Das ist immer das Ende der Geschichte, wenn der törichte kleine Mensch versucht, mit dem mächtigen Geist des Bösen ein Geschäft zu machen. Das Silber war nun wieder in den Händen der Priester und wurde ihnen zu einem Anlass, ihre anderen Sünden mit ärgster Heuchelei zu krönen. Bei peinlicher Gewissenhaftigkeit dem Gesetz gegenüber konnten sie es nicht in den Opferkasten legen, weil es Blutgeld war. Aber wer hatte es dazu gemacht? Jawohl, sie selbst! So erfüllten sie die Schriften, indem sie den Acker des Töpfers kauften. Der Handel wurde bekannt, und von daher bekam das Feld seinen Namen. Die Ironie des Gerichts göttlicher Regierungswege kann in dem Namen wahrgenommen werden, denn dieses Land ist seit diesem Tag ein Blutacker und eine Beerdigungsstätte für Fremde geworden und wird das noch in weit größerem Maß sein bis zu dem Tag, wo schließlich der Erlöser nach Zion kommen wird.
Die religiösen Autoritäten hatten Jesus nun dem Landpfleger übergeben, und die Verse 11–26 berichten, was sich vor ihm zutrug. Als Jesus von Pilatus angesichts der Volksmenge verhört wurde, antwortete Er ihm nur: "Du sagst es", was gleichbedeutend mit "Ja" ist. Er bekannte, dass Er tatsächlich der König der Juden war, und das entsprach der eigentlichen Anklage, die Ihm vor der römischen Macht zur Last gelegt wurde. Die drei synoptischen Evangelien stimmen in diesem Punkt überein. Johannes berichtet über andere Fragen, die in der Zurückgezogenheit des Gerichtssaales von Pilatus gestellt und vom Herrn beantwortet wurden, und dreimal wird erwähnt, dass Pilatus von dort zu dem Volk hinausging. Jesus "antwortete nichts", soweit es das öffentliche Verhör betraf; denn da war nichts zu beantworten, wie auch Pilatus bald erkannte, obwohl er sich sehr verwunderte. Er war wohlvertraut mit den spitzfindigen Gewohnheiten der Juden, und sein scharfer juristischer Verstand entdeckte schnell, dass Neid die Wurzel ihrer Anklage war. Andererseits fürchtete er das Volk und wollte es mit ihm nicht verderben.
So sah sich Pilatus in einen Zwiespalt versetzt, der ihm großes Unbehagen bereitete. Wenn er Jesus verurteilte, vergewaltigte er damit seinen Rechtssinn und missachtete ferner den Traum und die Eingebung seiner Frau. Offensichtlich war er erregt, als sein Plan, sich dem Dilemma zu entziehen, fehlschlug. Die schlauen Priester und Ältesten hatten die anklagende Volksmenge aufgehetzt. Die einzig ruhige Gestalt in dieser entsetzlichen Szene ist die des Gefangenen selbst. Pilatus tritt im Grunde genommen von seinem Auftrag als Richter zurück und schiebt die Verantwortung dem Volk zu. Natürlich sprach er sich nicht wirklich davon los, aber es führte dazu, dass das Volk sich unter die volle Verantwortung der Blutschuld an ihrem Messias stellte. Vers 25 gibt uns die Erklärung der Leiden, die auf dieses Volk fielen und die ihren Kindern gefolgt sind bis auf diesen Tag. Und noch müssen sie der großen Drangsal entgegensehen, bis in den Regierungswegen Gottes die Rechnung endlich beglichen ist.
Barabbas wurde losgelassen und Jesus verurteilt, um gekreuzigt zu werden, und als nächstes sehen wir Jesus in den Händen der römischen Soldaten (Verse 27–37). Sie verspotten Ihn auf gemeinste Weise, verüben an Ihm brutale Grausamkeit, und zuletzt folgt die Kreuzigung. Um an Seiner Demütigung nichts fehlen zu lassen, rechnen sie Ihn zu den Übertretern und rücken die Kreuze von Räubern an Seine Seiten. Da ist keine Gerechtigkeit, kein Erbarmen, kein Mitleid, ob Er sich nun in der Gewalt der religiösen, der zivilen oder der militärischen Machthaber befindet. Juden wie Heiden verurteilten sich gleichermaßen selbst, indem sie Ihn verurteilten.
Die Verse 39–44 zeigen uns alle Klassen des Volkes vereint, den am Kreuz sterbenden Heiland zu schmähen. Verbrecher schlimmster Art bekamen harte Worte zu hören, wenn sie zum Tod verurteilt wurden, aber wir haben nicht vernommen, dass selbst die scheußlichsten und verkommensten Subjekte noch in ihren Todeskämpfen verhöhnt worden wären. Doch genau das geschah, als Er, die Verkörperung sowohl göttlicher als menschlicher Vollkommenheit, dort am Kreuz hing. Es gab keine Unterschiede, außer in der Art der Ausdrucksweise. "Die Vorübergehenden" waren das gewöhnliche Volk, auf Zeitvertreib erpicht. "Die Hohenpriester samt den Schriftgelehrten und Ältesten" waren die oberen Klassen. "... schmähten ihn auch die Räuber." Sie vertraten die niedrigste Klasse, die der Verbrecher und verhielten sich nur nach ihrer rohen und gemeinen Art. Er war der Sohn Gottes und der König Israels: Er hätte Seine Macht da ebenso mühelos erweisen können, wie Er sie im Gericht in naher Zukunft zeigen wird. Damals enthüllte Er göttliche Liebe, indem Er da, wohin die ygewährt. Die Wache der Soldaten zog auf, doch scheint es, als ob ein Anflug von Ironie in seinen Worten lag: "Sichert es, so gut ihr es wisset."
Sie taten alles, was sie konnten, brachten aber im Ergebnis nicht mehr fertig, als dass sie die Tatsache Seiner Auferstehung über jeden vernünftigen Zweifel erhoben, wenn Er einmal auferstanden war, und alle ihre geschäftigen Vorkehrungen erwiesen sich als unsinnig. Gott wandelte ihre Weisheit in Torheit. Er fügte es, dass ihre Pläne ihre Zwecke nicht erreichten, sondern Seinem eigenen Vorsatz dienten.
Kapitel 28
Vers 1 dieses Kapitels berichtet uns, dass die beiden Marias, die bei Seinem Begräbnis zugegen waren, die Gruft unmittelbar nach dem Sabbat erneut aufsuchten. Sie kamen "spät am Sabbat, in der Dämmerung des ersten Wochentages". Der Tag endete nach jüdischer Berechnung bei Sonnenuntergang, und ihre innige Zuneigung ließ ihnen keine Ruhe, so dass sie sich dann sogleich auf den Weg machten, um das Grab zu besehen. Es ist nicht leicht, die von den vier Evangelisten erwähnten Einzelheiten zusammenzustellen, um zu einer zeitlichen Darstellung zu kommen, aber es scheint doch klar zu sein, dass die beiden Marias diesen bestimmten Gang zum Grab gemacht haben und dann bei Tagesanbruch mit Salome und vielleicht noch anderen zurückkehrten, indem sie Spezereien bei sich trugen, um Ihn zu salben. Markus und Lukas berichten uns darüber, und wir können annehmen, dass Vers 5 unseres Kapitels sich auf diese zweite Gelegenheit bezieht. Dann hätte sich das in den Versen 2–4 geschilderte Ereignis zwischen den beiden Grabbesuchen zugetragen. Wie dem auch sei, völlig klar ist, dass Christus bei Sonnenaufgang am ersten Wochentag schon auferweckt war.
Ein Erdbeben zeigte Seinen Tod an und ein großes Erdbeben verkündigte Seine Auferstehung, obwohl letzteres offensichtlich örtlich beschränkt war, denn es war damit verbunden, dass ein Engel des Herrn vom Himmel hernieder kam. Irdische Hoheiten hatten das Grab versiegelt, aber eine weit höhere Autorität zerbrach das Siegel und schleuderte den Stein von dem Eingang hinweg. In ihrer Gegenwart bebten die Hüter und wurden wie Tote. Das versiegelte Grab war die Herausforderung von Menschen, die sich Gott gegenüber unerhört vorwagten. Gott nahm ihre Herausforderung an, zerschmetterte ihre Macht und ließ ihre Vertreter zu nichts werden. Der Herr Jesus war durch die Kraft Gottes auferweckt worden, und das Grab öffnete sich, damit die Menschen sehen konnten, dass Er ohne jeden Zweifel dort nicht war. Der Engel wälzte den Stein nicht nur weg, sondern setzte sich auch darauf. Er machte sich gleichsam selbst zum Siegel des Steines in seiner neuen Lage, dass niemand ihn wegwälzen könnte, bevor nicht eine genügende Anzahl von Zeugen das leere Grab gesehen hätte.
Matthäus erzählt uns von einem Engel, der sich auf den Stein setzte. Markus erwähnt einen Engel, der in der Gruft auf der rechten Seite saß. Lukas und Johannes berichten von zwei Engeln. Doch sie alle zeigen uns, dass die Frauen, obwohl sie sich in Gegenwart der Engel fürchteten, nicht zu Boden gestreckt wurden, wie es den römischen Soldaten geschah. Sie suchten den gekreuzigten Jesus, und ihnen galt ein fürchtet euch nicht!" Seine Auferstehung wurde verkündet, und sie wurden aufgefordert näher zu treten, um die Stätte zu sehen, wo Sein Leib gelegen hatte und wo, wie wir aus der Schilderung des Johannes erfahren, die leinenen Tücher zusammengewickelt und ordentlich an ihrem Ort lagen. Den heiligen Leib umhüllten sie nicht mehr. Nur den Ort, wo Er gelegen hatte, sollte man betrachten, um die Überzeugung zu gewinnen, dass der Körper nicht entwendet oder gestohlen worden war. Ein übernatürliches Ereignis hatte sich zugetragen, und sie sollten als Boten zu den Jüngern gehen und ihnen verkünden, dass sie Ihn in Galiläa sehen würden.
Obwohl die Frauen von stark gegensätzlichen Empfindungen der Furcht und großer Freude bewegt waren, empfingen sie gläubig das Wort des Engels und machten sich gehorsam auf. Dieser Glaubensgehorsam wurde bald durch eine Erscheinung des auferstandenen Herrn selbst belohnt. Sie fielen zu Seinen Füßen nieder als Anbeter und waren nun Boten des Herrn und nicht mehr nur solche der Engel. Bei dem letzten Abendmahl hatte der Herr Galiläa als Ort der Begegnung bestimmt, und hier bestätigte Er es ihnen.
Der eingeschobene Abschnitt der Verse 11 – 15 liefert uns einen denkwürdigen Gegensatz. Wir wechseln von der leuchtenden Szene der Auferstehung mit Freude, Glauben, Anbetung und Zeugnis in dichtes Dunkel von Unglauben mit Hass, Intrigen, Bestechung und Verdorbenheit, die schließlich in einer abscheulichen Lüge gipfelte, deren Falschheit mit Händen zu greifen war. Wenn die Soldaten geschlafen hatten, wie konnten sie wissen, was geschehen war? Geld und Geldliebe spielten bei diesem besonderen Bösen mächtig mit. Die Soldaten wurden bestochen, und wir können vermuten, dass der Landpfleger auf dieselbe Weise beschwichtigt wurde. Alles, um zu verhindern, dass die Wahrheit der Auferstehung herauskäme! Sie begriffen, wie das ihre Sache zum Scheitern bringen würde, während die Seine dadurch bewiesen würde. Und der Teufel, der sie antrieb, sah das alles schon bei weitem schärfer als sie. Sie gaben dem Judas nur dreißig Silberlinge, um den Tod des Herrn herbeizuführen, aber den Soldaten gaben sie viel Geld in der Absicht, die Tatsache Seiner Auferstehung zu verheimlichen.
Der Schluss des Evangeliums handelt von der Begegnung der Jünger mit ihrem auferstandenen Herrn in Galiläa und dem Auftrag, den Er ihnen dort gab. Die verschiedenen Erscheinungen in Jerusalem und Seine Himmelfahrt von Bethanien aus finden hier keine Erwähnung. Während dieses Evangelium bereits deutlich auf die bevorstehende Bildung der Kirche hinwies, ging es ihm aber in der Hauptsache um den Übergang von der Darstellung des mit dem Messias verbundenen Reiches auf der Erde, wie es die Propheten angekündigt hatten, zum Reich der Himmel in seiner jetzigen Form, nämlich einer geheimnisvollen Form, während der König in den Himmeln verborgen ist. Jerusalem war der Ort, wo sie den Geist empfangen und zu einem Leib, der Versammlung, getauft werden sollten nach nicht vielen Tagen. Galiläa war die Gegend, wo sich die große Mehrheit des treuen Überrests aus Israel befand, der Ihn annahm und in das Reich einging, während die Masse des Volkes abseits stand.
So knüpfte der Herr als der Auferstandene von neuem die Verbindung zu Jenem Überrest, zu dem als bedeutendste Glieder die elf Jünger zählten. Und wenn wir an dieser Stelle auch nicht erfahren, dass Er in den Himmel aufgenommen wurde, beauftragt Er sie doch, als ob Er vom Himmel aus spräche, denn Ihm war alle Gewalt gegeben im Himmel und auf der Erde. Noch war die Zeit nicht gekommen, den christlichen Auftrag, ein Volk aus den Nationen für Seinen Namen zu sammeln, völlig zu enthüllen–, deshalb sind die Ausdrücke hier allgemeiner gehalten. Sie sollten gehen und Jünger machen und sie taufen, und ein solcher Auftrag kann von dem gläubigen Überrest Israels wiederaufgenommen werden, nachdem die Kirche entrückt worden ist. Wie Israel auf Mose als den Führer getauft war, so soll der Jünger auf den auferstandenen Christus getauft werden, sich dadurch Seiner Autorität unterstellend, und die Taufe soll im Namen Gottes aufgrund Seiner völligen Offenbarung geschehen. Das Wort wird nicht in der Mehrzahl, sondern in der Einzahl gebraucht – nicht Namen, sondern Name – denn da ist nur eine Gottheit, obschon in den drei Personen offenbart.
Die letzten Worte sind: "Ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters." Damit haben wir das Wörtchen "alle" nicht weniger als viermal in diesem letzten Abschnitt. Unser erhöhter Herr übt in beiden Sphären alle Gewalt aus, so dass es nichts gibt, das Ihm nicht unterworfen wäre. Wenn Seinen Dienern etwas Widriges zustößt, geschieht es unter Seiner Zulassung. Alle Nationen sollen der Wirkungsbereich für ihren Dienst sein, nicht etwa Israel allein, wie es bis jetzt der Fall war. Solche, die aus den Nationen getauft werden, sollen belehrt werden, alle Gebote des Herrn zu beobachten, denn Knechte sollen sich durch Gehorsam auszeichnen und auch wieder andere zum Gehorsam führen. Dann können sie alle Tage bis zum Ende auf den Beistand und die geistliche Gegenwart ihres Meisters rechnen.
Mit diesem Auftrag endet das Evangelium. Wenn wir zur Apostelgeschichte kommen und auch durch die Briefe weitergehen, finden wir, dass Entwicklungen ans Licht kommen, die uns unseren heutigen Auftrag zur Verkündigung des vollen Evangeliums vermitteln. Doch das Licht und der Nutzen der letzten Worte des Herrn hier geht uns nicht verloren. Noch gehen wir hin zu allen Nationen, um sie auf diesen Namen zu taufen. Noch haben wir das ganze Wort des Herrn zu lehren. Noch ist Ihm alle Gewalt gegeben. Und noch ist Er bei uns alle Tage bis zum Ende des Zeitalters, was auch immer geschehen mag.
Frank B. Hole