Das Evangelium nach Matthäus
Bibelkommentar von F B Hole
Überarbeitete Fassung
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- Matthäus 8
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- Matthäus 10
- Matthäus 11
- Matthäus 12
- Matthäus 13
- Matthäus 14
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- Matthäus 16
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- Matthäus 18
- Matthäus 19
- Matthäus 20
- Matthäus 21
- Matthäus 22
- Matthäus 23
- Matthäus 24
- Matthäus 25
- Matthäus 26
- Matthäus 27
- Matthäus 28
Kapitel 1
Der Wortlaut des ersten Verses im Neuen Testament lenkt unsere Gedanken zurück zum ersten Buch des Alten Testaments, dem 1. Buch Mose oder Genesis, insofern als "Geschlecht" die griechische Übersetzung des Wortes Genesis ist. Matthäus im besonderen und das ganze Neue Testament im allgemeinen ist das "Buch des Geschlechts Jesu Christi". Wenn wir im 1. Buch Mose nachschlagen, finden wir dort eine Aufgliederung in sieben Abschnitte, und jeder von ihnen beginnt mit einer Aussage über "Geschlechter". Der dritte Abschnitt beginnt: "Dies ist das Buch von Adams Geschlechtern" (5,1); und das ganze Alte Testament entfaltet uns die traurige Geschichte Adams und seines Geschlechts, um dann mit dem "Bann" (Mal 4,6) schrecklich und doch völlig angemessen zu enden. Wie tröstlich, dass wir uns von den Geschlechtern Adams zu dem "Geschlecht Jesu Christi" wenden dürfen, denn hier wird die Gnade eingeführt, und in ihrem Zeichen endet das Neue Testament (Offb 22,21).
Jesus wird sogleich in einer zweifachen Weise vorgestellt. Er ist der Sohn Davids, und deshalb gehört Ihm die königliche Krone, die Gott zuerst dem David verlieh. Er ist auch der Sohn Abrahams, von daher hat Er das Anrecht auf das Land, und aller verheißene Segen ist Ihm übertragen. Nachdem dies festgestellt ist, wird Sein Geschlechtsregister aufgeführt, von Abraham bis Joseph, dem Mann der Maria. Dies ist wohl das "offizielle" Geschlechtsregister, entsprechend der jüdischen Darstellungsweise. Auffällig an dieser Liste sind ihre Auslassungen, da drei Könige, deren Namen in engem Zusammenhang mit der schändlichen Athalja stehen, in Vers 8 weggelassen sind; und die Zusammenfassung von dreimal "vierzehn Geschlechtern", wie sie Vers 17 gibt, zeigt, dass sie nicht zufällig weggelassen sind, sondern dass Gott sie verleugnet und sich weigert, die Könige zu zählen, die unmittelbar von dieser Baals Anbeterin abstammten.
Weiterhin ist bemerkenswert, dass die Namen von nur vier Frauen aufgeführt sind, und es sind durchaus nicht solche, die wir erwartet hätten. Zwei von den vieren waren Heidinnen, jüdischem Stolz wenig zuträglich; doch bewiesen beide einen auffallenden Glauben, obwohl eine von ihnen einen unmoralischen Lebenswandel geführt hatte, wie er für die heidnische Welt bezeichnend war. Die beiden anderen waren israelitischer Abstammung, doch von ungutem Ruf, und von keiner ist uns etwas Ehrenvolles bekannt. Der Name Bathsebas wird nicht einmal erwähnt; sie ist lediglich die "Frau des Urias", womit mindere Anerkennung ausgedrückt wird. Und wiederum musste all das den jüdischen Stolz verletzen. Das Geschlechtsregister unseres Herrn fügt Ihm wahrlich nichts hinzu. Doch verbürgte es Seine echte Menschheit und die Tatsache, dass die Rechte, die David und Abraham gegeben waren, legalerweise auf Ihn übergingen.
Wenn nun die ersten 17 Verse sicherstellen, dass Jesus wirklich ein Mensch war, so geben uns die folgenden Verse des Kapitels die Gewissheit, dass Er noch weit mehr als ein Mensch war, nämlich Gott selbst, unter uns gegenwärtig. Durch einen Engel wird dem Joseph als dem Verlobten der Maria mitgeteilt, dass das von ihr erwartete Kind vom Heiligen Geist gezeugt war und dass es nach Seiner Geburt den Namen Jesus tragen sollte. Er wird Sein Volk erretten von ihren Sünden, und darum wird Sein Name Jesus (d.i. Jehova ist Rettung) sein. Nur Gott kann im Blick auf Dinge, die sich in der Zukunft erfüllen, den rechten Namen bestimmen. Wie völlig ist dieser große Name bestätigt worden! Was für eine Ernte an erretteten Menschen wird in künftigen Tagen eingebracht werden, und sie alle werden von ihren Sünden errettet sein, und nicht nur von dem Gericht, das ihre Sünden verdiente! Nur "sein Volk" wird in dieser Weise an dieser Errettung teilhaben. Um diese Errettung zu kennen, muss man durch den Glauben an Ihn unter ihnen eingeschrieben sein.
So wurde die Weissagung in Jesaja 7,14 erfüllt, wo die Größe und Macht des kommenden Erretters so klar angezeigt worden war. Sein prophetischer Name, Emmanuel, kündigte an, dass Er Gott sein würde, offenbart im Fleisch – Gott mitten unter uns in einer weit wunderbareren Weise, als Er je in der Mitte Israels in den Tagen Moses offenbart war, auch weit wunderbarer im Vergleich zu Seiner Gegenwart, wie Adam sie erlebte in der Zeit, bevor die Sünde in die Welt kam. Die beiden Namen sind innig miteinander verbunden. Dass Gott bei uns ist, ohne dass wir von unseren Sünden errettet sind, wäre unmöglich: Seine Gegenwart würde uns im Gericht verzehren. Dass wir von unseren Sünden gerettet sind, ohne dass Gott uns nahe gebracht ist, wäre möglich gewesen, aber dann hätte das Werk der Gnade seine höchste Herrlichkeit eingebüßt. Durch das Kommen Jesu fällt uns beides zu. Gott ist uns nahe gebracht, unsere Sünden sind entfernt, und wir sind zu Ihm gebracht worden.
Kapitel 2
Die Verse, die dieses Kapitel einleiten, werfen ein helles und durchdringendes Licht auf die Verhältnisse, die in jenen Tagen unter den Juden in Jerusalem vorherrschten. S le waren die Nachkommen der Juden, die unter Serubbabel, Esra und Nehemia zurückgekehrt waren. Der König der Juden war in Bethlehem geboren, und doch wussten sie über Wochen hin nichts von Ihm. Dass der König Herodes in Unwissenheit sein würde, überrascht eigentlich nicht, denn er war kein Israelit, sondern ein Idumäer. Aber von allem Volk hätten doch die Hohenpriester von diesem großen Ereignis unterrichtet sein müssen, denn sie hatten angeblich darauf gewartet – auf die Geburt des Messias. In Lukas 2 finden wir, dass das Ereignis innerhalb weniger Stunden vom Himmel her einfachen, demütigen Menschen, die Gott fürchteten, mitgeteilt wurde. Der Psalmist hat uns gesagt, dass "das Geheimnis Jehovas" für die ist, die "ihn fürchten" (25,14), und Beispiele dafür sind die Hirten und andere; aber die religiösen Führer in Jerusalem gehörten nicht zu diesen, statt dessen aber zu den "Übermütigen", die die Menschen "glücklich preisen" (siehe Mal 3,15.16). Sie waren folglich ebenso in der Finsternis wie der böse Herodes.
Aber es gibt Schlimmeres als das. Es überrascht, wie gesagt, nicht, dass Herodes beunruhigt wurde, als er die Nachricht hörte, denn für ihn handelte es sich offensichtlich uni einen Rivalen, der Ansprüche an seinen Thron stellte. Doch wir lesen, dass nicht nur er bestürzt war, sondern "ganz– Jerusalem mit ihm". So bedeutet die Ankunft des Erretters nicht Jubel, sondern Bestürzung inmitten eben dieses Volkes, das Ihn zu erwarten bekannte! Offensichtlich lag hier etwas gänzlich verkehrt, denn bis jetzt war all ihre instinktive Reaktion nichts als Abwehr. Sie hatten Ihn nicht gesehen. Er hatte bis jetzt nichts getan, und doch fühlten sie, dass Sein Kommen ihnen wohl eher ihr Vergnügen stören statt ihre Hoffnungen erfüllen würde.
Doch diese Leute waren in ihren Schriften durchaus bewandert. Sie waren in der Lage, die Anfrage des Herodes unverzüglich und richtig Zu beantworten, indem sie Micha 5,1 anführten. Sie hatten das Wissen, das aufbläht, und so hatten sie nicht erkannt, wie sie erkennen sollten (siehe 1. Kor 8,1.2), und was sie wussten, stellten sie in den Dienst des Widersachers. Der "große, feuerrote Drache" (Offb 12,3–5) des Römischen Weltreichs, dessen Macht im örtlichen Bereich dem Herodes verliehen war, bereitete sich vor, das "männliche Kind" zu verschlingen, und sie waren bereit, ihm dabei zu helfen. Sie verfügten über die falsche Art von Schriftkenntnis und dienen als Zeichen der Warnung für uns.
Die von ihnen zitierte Schriftstelle stellt uns den Herrn als "Herrscher" vor, der regieren sollte. Der Prophet Micha hat dabei allein Israel vor Augen, aber wir wissen, dass Seine Herrschaft weltweit sein wird; und das ist die dritte Weise, in der Er uns vorgestellt wird. In JESUS sehen wir Gott kommen, um zu retten. In EMMANUEL sehen wir Gott kommen, um zu wohnen. Als HERRSCHER sehen wir Gott kommen, um zu regieren. Es war immer Sein Gedanke, bei den Menschen zu wohnen, alles nach Seinem Wohlgefallen zu lenken und zu erfüllen, dass Er kommen musste, um zu erretten.
Wenn das Kindlein in Bethlehem gefunden wurde, so lag darin ein Beweis dafür, dass alle drei Dinge geschehen würden, und wenn Jerusalem auch unwissend war und sich feindlich zeigte, so waren da doch Helden aus dem Osten, die es zu Seinem "Aufgang aus der Höhe" zog und die in Ihm den König der Juden erkannten. Erfassen wir, wie sehr sie die religiösen Führer in Jerusalem verurteilten'? Die Hirten in Lukas 2 wussten von Seiner Geburt innerhalb weniger Stunden, diese östlichen Sternkundigen innerhalb weniger Tage oder höchstens einiger Wochen. Es müssen jedoch mehrere Monate vergangen sein, bevor den Priestern und Schriftgelehrten eine schwache Ahnung davon aufging, was geschehen war. Zuerst durch einen Stern und dann durch einen Traum sprach Gott zu den weisen Männern, aber zu den Religiösen in Jerusalem sprach Er überhaupt nicht, und doch hatte es Tage gegeben, wo die Hohenpriester in ihrer Mitte durch die Urim und Thummim mit Gott in Verbindung gestanden hatten. Jetzt schwieg Gott ihnen gegenüber. Ihr Zustand war, wie wir ihn in Maleachi beschrieben finden, Lind wahrscheinlich noch schlimmer.
In Herodes sehen wir skrupellose Macht und Verschlagenheit. Nachdem seine Absichten von dem Verhalten der Weisen durchkreuzt waren, meinte er durch den Befehl zur Ermordung der bethlehemitischen Knaben jede ihm drohende Gefahr abwenden zu können. Die Tatsache, dass er ein Lebensalter von bis zu zwei Jahren festsetzte, lässt erkennen, dass die Zeit zwischen der Erscheinung des Sterns und der Ankunft der Weisen in Jerusalem jedenfalls Monate umfasste. Sein erbarmungsloses, boshaftes Handeln erfüllte Jeremia 31,15. Wenn wir diesen Vers in seinem Zusammenhang lesen, sehen wir, dass seine endgültige und vollständige Erfüllung in den letzten Tagen geschehen wird, wenn Gott die Tränen der Rahel für immer trocknen wird, indem Er ihre Kinder aus dem Land des Feindes zurückführt. Was damals in Bethlehem geschah, war die gleiche Sache, nur in kleinerem Ausmaß.
Herodes kämpfte jedoch gegen Gott, der seine Absicht vereitelte, indem Er Seinen Engel zum zweiten Mal in einem Traum zu Joseph sandte. Das Kindlein wurde nach Ägypten gebracht, und so fand Hosea 11, 1 eine denkwürdige Erfüllung, und Jesus begann, den Weg Israels in der Geschichte noch einmal zu gehen. Gott war es ein Leichtes, den von Herodes verfolgten Plan zu zerschlagen, und ebenso leicht handelte Er wenig später mit Herodes selbst. Matthäus verschwendet keine Worte, um sein Ende zu beschreiben. Er berichtet uns einfach, dass, als Herodes gestorben war", der Engel zum dritten Mal dem Joseph im Traum erschien, um ihn zur Rückkehr in das Land zu veranlassen, denn der Tod hatte die weggenommen, die dem Kindlein nach dem Leben trachteten.
Joseph dachte zuerst offensichtlich daran, nach Judäa zurückzukehren; aber als ihn Nachrichten von Archelaus, dem Nachfolger seines Vaters Herodes, erreichten, fürchtete er sich und zögerte. Zum vierten mal gab ihm Gott Anweisung durch einen Traum. So wurden er, Maria und das Kindlein nach Nazareth zurückgeführt, woher er ursprünglich gekommen war, wie uns Lukas berichtet. Es ist lehrreich zu sehen, wie Gott bei all diesen frühen Wanderungen die Führung übernahm, teils durch Umstände wie die Verordnung des Augustus und die Nachrichten über Archelaus, teils durch Träume. So wurden die Pläne des Widersachers durchkreuzt. Der "Türhüter" hielt die Tür zum "Schafhof" offen, damit der wahre Hirte eintreten könnte, trotz allem, was der Feind zu tun vermochte. So wurden die Schriften erfüllt: Jesus wurde nicht nur aus Ägypten zurückgeführt, sondern Er wurde auch als der Nazarener bekannt.
Kein Prophet des Alten Testaments sagte voraus, dass Er "ein Nazarener" sein würde, trotz vieler Schriftstellen, die Ihn betrafen, aber mehr als einer sprach davon, dass Er verachtet und geschmäht werden würde. Deshalb heißt es in Vers 23 "die Propheten", und nicht ein besonderer Prophet. Sie hatten mitgeteilt, dass Er verachtet sein würde, was zur Zeit des Herrn in dem Beinamen "Nazarener" ausgedrückt wurde.
"Nazarener" ist der vierte Name, der unserem Herrn zu Beginn dieses Evangeliums gegeben wird. Er ist, wie wir gesehen haben, Jesus, Emmanuel, Herrscher; aber Er ist auch der Nazarener. Gott kann zu den Menschen kommen, um zu retten, zu wohnen, zu herrschen; doch ach! Er wird "verachtet und verlassen von den Menschen" sein.
Kapitel 3
Das dritte Kapitel stellt Johannes den Täufer vor, und zwar ohne irgendwelche Vorbemerkungen hinsichtlich seiner Geburt und Herkunft. Er erfüllte die Weissagung Jesajas. Er predigte in der Wüste, abseits der Wohngebiete der Menschen. Ungewöhnlich waren auch seine Kleidung und Nahrung. Sein Thema war die Buße angesichts der Nähe des Reiches der Himmel. Es war ein ganz einzigartiger Dienst. Welcher andere Prediger hat sich die Wüste als den geographischen Bereich seines Dienstes ausgesucht? Der Evangelist Philippus suchte in der Tat eine Gegend der südlichen Wüste auf, um dort einem einzelnen besonderen Menschen zu begegnen. Doch die Kraft Gottes war mit Johannes in einer Weise, dass die Volksmengen ihm zuströmten und zu seiner Taufe geführt wurden, indem sie ihre Sünden bekannten.
In diesem Evangelium wird häufig der Ausdruck "Reich der Himmel" erwähnt, und hier ist das erste Beispiel. Matthäus bietet dazu keine Erklärung, noch berichtet er eine Erläuterung, die Johannes gegeben hätte. Der Grund liegt zweifellos darin, dass die Ankunft eines Tages, an dem "der Gott des Himmels" ein Reich aufrichten würde und alle sehen würden, dass "die Himmel herrschen", im Buch Daniel vorausgesagt worden war. Daher konnte der Begriff seinen Hörern oder einem jüdischen Leser nicht fremd sein. Derselbe Prophet hatte ein Gesicht von dem Sohn des Menschen, wie Er mit den Wolken des Himmels kommt und das Reich übernimmt, das auch die Heiligen mit Ihm besitzen werden. Nun war das Reich nahe gekommen, da Jesus Christus, der Sohn Davids, sich unter den Menschen aufhielt.
Wenn wirklich ein echtes und machtvolles Werk Gottes geschieht, möchten die Menschen nicht abseits stehen, insbesondere wenn sie religiöse Führer sind. Deshalb kommen auch Pharisäer und Sadduzäer zu der Taufe des Johannes. Er durchschaute sie allerdings mit prophetischem Scharfblick. Er riss ihnen die Maske ab als solchen, die die Kennzeichen der Schlange aufwiesen, und warnte sie vor dem über sie kommenden Zorn. Er wusste, dass sie sich rühmten, echte Nachkommen Abrahams zu sein, und so zog er ihnen diese Stütze weg und zeigte ihnen, dass sie vor Gott wertlos war. Nichts außer wahrer Buße könne etwas ausrichten, und seine Taufe war eine Taufe zur Buße. Sie musste echt sein und angemessene Früchte hervorbringen. Jakobus beharrt in seinem Brief darauf, dass der Glaube, wenn er wirklich und lebendig ist, sich in entsprechenden Werken zeigen muss. Dasselbe fordert hier Johannes im Blick auf die Buße.
Diese Verse in der Mitte von Kapitel 3 vermitteln uns einen flüchtigen Eindruck von dem, was bei ihnen so verkehrt lag. Nachdem der wahre Sohn Davids und Abrahams gekommen war, war auch das Reich der Himmel nahe herbeigekommen, aber eine Verbindung mit Abraham durch bloße Abstammung würde nichts mehr nützen. Moses hatte ihnen das Gesetz gegeben. Elia hatte sie zu dem Gesetz zurückgerufen, nachdem sie es verlassen hatten. Johannes rief schlicht zur Buße auf und sagte gleichsam: "Auf dem Boden des Gesetzes seid ihr verloren, und euch bleibt nichts anderes übrig, als das ehrlich und mit Trauer des Herzens anzuerkennen." Die große Masse des Volkes aber war dazu nicht bereit, und das zu ihrem Verderben.
Johannes kündigte auch das Kommen des Starken an, dessen Vorläufer er war. Zwischen ihnen beiden gab es keinen Vergleich. Johannes fühlte das und bekannte, dass er nicht würdig sei, die Sandalen Seiner Füße zu tragen. Auch hob er den Gegensatz seiner eigenen Taufe mit Wasser zu der Taufe mit Heiligem Geist und Feuer hervor. Der nach ihm Kommende würde in Seiner Größe mit vollkommenem Urteilsvermögen den Weizen von der Spreu scheiden. Diese wird Er mit Heiligem Geist taufen und jene mit der Feuertaufe des Gerichts, und das mit ewigen Folgen, denn das Feuer wird unauslöschlich sein.
Diese Worte des Johannes müssen eine ungeheuer erforschende Wirkung gehabt haben, und sie werden erfüllt werden zu Beginn des Tausendjährigen Reiches. Dann wird der Geist auf alles Fleisch ausgegossen werden, nicht auf die Juden allein, sondern auf alle, die erlöst worden sind. Andererseits werden die Bösen in das ewige Feuer verbannt werden, wie es der Schluss von Kapitel 25 dieses Evangeliums zeigen wird. In der Zwischenzeit hat eine vorwegnehmende Erfüllung der Taufe mit dem Geist stattgefunden, und zwar in der Gründung der Versammlung, wie Apostelgeschichte 2 zeigt. Der Zusammenhang hier enthüllt sehr klar, dass "Feuer" auf Gericht anspielt, nicht auf Zungen wie von Feuer am Pfingsttag oder irgendeinen ähnlichen Vorgang mit gesegneter Auswirkung.
Als Jesus hervortrat, um Seinen Dienst zu beginnen, war es Seine erste Tat, sich von Johannes taufen zu lassen, und das trotz der Einwendung des Täufers. Der Einwand stellte den Grundsatz, nach dem der Herr handelte, ans Licht. Er erfüllte alle Gerechtigkeit. Er hatte keine Sünden zu bekennen, doch da Er den Platz des Menschen eingenommen hatte, war es recht, dass Er selbst sich einsmachte mit den Frommen, die in dieser Weise ihren Platz vor Gott einnahmen. Dem Grundsatz nach hatten das auch Gottesmänner früherer Zeiten getan – Esra und Daniel zum Beispiel, die die Sünde des Volkes als ihre eigene bekannten, an der sie selbst nur geringen Anteil hatten, obwohl sie in sich selbst auch Sünder waren. Hier war der Sündlose, und Er tat es in vollkommener Weise. Damit aber nicht ein Missverständnis aufkäme, öffneten sich im gleichen Augenblick, als Er es tat, die Himmel über Ihm – die erste große Offenbarung der Dreieinheit –, und die Stimme aus dem Himmel verkündete, dass Er der geliebte Sohn ist, an dem der Vater all Sein Wohlgefallen gefunden hat, und in Gestalt einer Taube kam der Geist auf den hernieder, der später andere mit demselben Geist taufen sollte.
Kapitel 4
Jesus nahm nicht nur den Platz des Menschen ein, sondern Er trat in besonderer Weise an die Stelle Israels. Israel wurde einst aus Ägypten gerufen, dann wurden sie in der Wolke und in dem Meer auf Moses getauft, und danach begann die Wüstenreise. Wir haben vorher gesehen, dass Jesus als der Sohn Gottes aus Ägypten gerufen wurde, und jetzt wird Er getauft; dann finden wir zu Beginn von Kapitel 4 den Geist, der auf Ihn gekommen war und der Ihn jetzt geradewegs in die Wüste führt, damit Er vom Teufel versucht würde. Hier tut sich ein Gegensatz auf: Israel versuchte Gott in der Wüste und versagte in allem. Jesus wurde selbst versucht und triumphierte in allem.
Doch die Versuchungen, die der Teufel über Ihn brachte, ähneln den Erprobungen Israels in der Wüste, denn in der Taktik des Feindes gibt es nichts Neues. Israel wurde durch Hunger erprobt und durch ihre bevorrechtigte Stellung in Bezug auf göttliche Dinge – wir sehen das am deutlichsten im Zusammenhang mit Korah, Dathan und Abiram – und schließlich durch Verlockungen, andere Götter anzubeten und ihnen zu dienen außer Jehova, und sie fielen, indem sie das goldene Kalb anbeteten. Der Herr Jesus begegnete jeder Versuchung mit dem Wort Gottes. Bei jeder Gelegenheit zitierte Er aus einem kurzen Abschnitt des 5. Buches Mose, das Israel an seine Verantwortung erinnert. Darin versagten sie, während Jesus dieser Verantwortung in jeder Einzelheit vollkommen entsprach.
Der Teufel sät immer Zweifel an Gottes Wort. Vergleiche Kapitel 3,17 mit 4,3 und 4,6, und beachte, wie deutlich diese Tatsache sich hier zeigt. Kaum hat Gott gesagt: "Dieser ist mein geliebter Sohn", so sagt der Teufel zweimal hintereinander: ,Nenn du Gottes Sohn bist." Das kleine Wort "wenn" wird von dem Teufel besonders bevorzugt! Der Herr antwortet ihm in treffender Weise mit Gottes Wort. Dieses Wort ist im geistlichen Leben des Menschen unverzichtbar, ebenso wie Brot in seinem natürlichen Leben. Und der Mensch hat jedes Wort nötig, das Gott gesprochen hat, und nicht etwa nur ein paar besondere Stellen der Schrift.
Finden wir wohl alle unser geistliches Leben in "jedem Wort, das aus dem Mund Gottes hervorgeht"?
Die Versuchung Jesu macht es unstreitig klar, dass ein personhafter Teufel existiert. Von den Tagen des Sündenfalls an (l. Mo 3) ist er gewohnt, Menschen zu verführen, indem er ihre Lüste und ihren Stolz anspricht. In Jesus trat er jemand gegenüber, in dem sich weder Lust noch Stolz fand und der jeden Anlauf mit dem Wort Gottes zurückwies. Aus dem Versucher wurde ein Geschlagener, der weichen musste. Sein Besieger
war ein wahrhaftiger Mensch, der vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte und dem die Engel dienten. Nie hatten sie ihrem Gott einen Dienst so erstaunlicher Art geleistet.
Die Einkerkerung des Johannes, wie Vers 12 uns zeigt, war das Ereignis, das den Herrn veranlasste, in vollem Umfang Seinen öffentlichen Dienst aufzunehmen. Er verließ Nazareth und wohnte in Kapernaum. Damit fand die Weissagung Jesajas ihre Erfüllung, soweit sie sich auf die Begebenheiten Seines ersten Kommens bezog. Wenn wir Jesaja 9,1–7 lesen, wird uns auffallen, dass die beiden Kommen Christi im Blickfeld stehen, wie es oft der Fall ist. Seine Ankunft erstrahlte gleich einem Stern in den Gesichten der Propheten, aber bis dahin wussten sie noch nicht, dass es ein Doppelstern war. Galiläa wird noch das große Licht Seiner Herrlichkeit sehen, wie es damals das große Licht Seiner Gnade sah. Da die Stimme des Vorläufers durch seine Gefangennahme verstummt war, nahm der Herr verstärkt Seine Predigt zur Buße auf im Blick auf das nahe gekommene Reich. Durch das Evangelium des Johannes erfahren wir, dass der Herr schon vor dieser Zeit mit Eifer Seinen Dienst erfüllte. Er hatte Jünger, und Er besuchte Judäa, als Johannes "noch nicht ins Gefängnis geworfen" war (3,24).
Die Berufung des Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes war nicht der Anfang ihrer Bekanntschaft mit Ihm, wie wir aus Johannes 1 erfahren. Offensichtlich gab es auch eine Zeit, wo sie oder andere Jünger mit Ihm umherzogen, bevor sie endgültig berufen wurden, ihre irdischen Beschäftigungen zu verlassen und all ihre Zeit Ihm zu widmen. In Seiner Nachfolge würde Er diese Fischer zu Menschenfischern machen. Durch Fleiß und Studium mögen Menschen sich zu guten Predigern ausbilden, aber Menschenfischer werden von Ihm zubereitet. Er selbst nahm auch in dieser Hinsicht den höchsten Platz ein, und indem sie in Seiner Gesellschaft mit Ihm gingen, lernten sie von Ihm und nahmen Seinen Geist in sich auf.
In den drei letzten Versen von Kapitel 4 fasst Matthäus die vorangegangenen Tage Seines Dienstes zusammen. Seine Botschaft war "das Evangelium des Reiches". Es ist zu unterscheiden von "dem Evangelium der Gnade Gottes", das heute gepredigt wird; darin sind Tod und Auferstehung Christi das große Thema. Es verkündet Vergebung als d le Frucht der durch Ihn vollbrachten Sühnung. Im Evangelium des Reiches bestand die frohe Botschaft darin, dass das von den Propheten vorhergesagte Reich ihnen nun in Ihm gebracht war. Wenn sie sich der göttlichen Autorität, die Ihn bekleidete, unterwarfen, dann konnte die Macht des Reiches zu ihren Gunsten wirksam werden. Als Beweis dafür zeigte Er die Macht des Reiches Gottes in der Heilung von Menschen. Alle Arten körperlicher Krankheiten und Leiden verschwanden, der Beweis dafür, dass Er auch alte geistlichen Übel zu hellen vermochte. Diese Entfaltung der Macht des Reiches, gepaart mit der Predigt des Reiches, bewies eine starke Anziehungskraft, und große Volksmengen folgten Ihm.
Kapitel 5
Der Herr begann nun, zu Seinen Jüngern zu sprechen, wenn auch in Gegenwart der Volksmenge, um sie über die Grundsätze des Reiches zu belehren. Zunächst einmal zeigt Er auf, welche Art von Menschen in dieses Reich eingehen, um es zu besitzen und seine Vorteile zu genießen. In Reichen der Menschen braucht jemand heutzutage sehr viel Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen, wenn er erfolgreich sein soll; Im Reich der Himmel dagegen trifft das Gegenteil zu. Schon im Alten Testament war darauf hingewiesen worden: Psalm 37,11 bringt das beispielsweise sehr deutlich zum Ausdruck. Hier jedoch stellt der Herr diese Tatsache noch weit umfassender vor unsere Augen. Er skizziert uns ein moralisches Bild des gottesfürchtigen Überrests, der schließlich in das Reich eingehen wird. Acht Dinge erwähnt Er, indem Er mit der Armut im Geist beginnt und mit Verfolgungen endet. In dieser Anordnung lässt sich eine bestimmte Reihenfolge erkennen. Buße erzeugt Armut im Geist, und da muss alles seinen Anfang haben. Es folgen Trauer und Sanftmut, die aus wahrer Einsicht in das eigene Selbst hervorkommen, dann ein Durst nach Gerechtigkeit, wie sie nur in Gott gefunden wird. Dann, wenn diese Tugenden den Gläubigen erfüllen, offenbart sich in ihm Gottes eigener Charakter – Barmherzigkeit, Reinheit, Friede. Doch die Welt verlangt nicht nach Gott und Seinen Wesenszügen. So kommt es zu Verfolgungen, mit denen diese Aufzählung endet.
Der Segen, der in den Versen 3– 10 betrachtet wird, geht seiner völligen Verwirklichung entgegen, wenn das Reich der Himmel auf der Erde errichtet wird. In jeder Glückseligpreisung außer der letzten werden die Gottesfürchtigen in unpersönlicher Weise beschrieben, aber In den Versen 11 und 12 spricht der Herr Seine Jünger persönlich an. Das "die" von Vers 10 wechselt zum "ihr" in Vers 11, und nun, indem Er das Wort an Seine Jünger richtet, wird ihnen Lohn in den Himmeln verheißen. Er wusste, dass Seine Jünger in eine neue und himmlische Ordnung der Dinge übergehen sollten, und während Er die alten Dinge in klarerem Licht bestätigt, beginnt Er schon, einige der neuen Dinge mitzuteilen, die bald kommen würden. Der Wechsel in diesen beiden Versen ist auffallend und hilfreich, um den Charakter der "Bergpredigt" Zu verstehen, in der der Herr Seine Unterweisung zusammenfasst und sie zu den alten Dingen, wie Moses sie gab, in Beziehung setzt. In Johannes 13 – 16 (wir könnten hier von der "Obersaalpredigt" sprechen) erweitert Er Seine Unterweisung und setzt sie in Beziehung zu dem vollen Licht, das Er geben würde, wenn der Heilige Geist gekommen wäre.
In Verfolgungen um Seines Namens willen würde Sein Segen auf Seinen Jüngern ruhen, und das sollten sie erkennen und sich darüber freuen. Natürlicherweise schrecken wir vor Verfolgungen zurück, doch die Geschichte beweist die Wahrheit dieser Worte. Solche Gläubige, die dem Herrn sehr ähnlich und in ihrem Zeugnis mutig sind, haben zu leiden, aber sie werden gestärkt und belohnt werden. Dagegen werden solche, die durch Kompromisse einer Verfolgung aus dem Weg gehen, ins Elend kommen und all ihrer Belohnung verlustig gehen. Darüber hinaus ist ein Jünger, der von der Welt verfolgt wird, ganz sicherlich "das Salz der Erde" und "das Licht der Welt". Salz erhält, und Licht erleuchtet. Wir können nicht wie gesunderhaltendes Salz in der Erde sein, wenn wir von der Erde sind. Und wir können nicht als ein Licht von erhöhter Stelle in der Welt scheinen, wenn wir von der Welt sind. Und damit wir uns von der Erde und der Welt unterschieden und abgesondert halten, hilft uns nichts mehr als Verfolgung seitens der Welt, wobei die Art der Verfolgung unwichtig ist. Wenn ein Jünger um Christi willen verfolgt wird, dann ist er wirklich salziges Salz, und auch strahlt er ein Höchstmaß an Licht aus. Enthüllt uns dieses Wort nicht das Geheimnis von so vieler Schwachheit unsererseits?
Beachten wir, dass das Licht nicht bloß in lehrmäßigen Fragen, sondern vor allem im praktischen Verhalten leuchten sollte. Es ,geht nicht darum, dass die Menschen es in unseren klaren, vielleicht originellen Belehrungen mit Worten erkennen, sondern in unseren Handlungen und Werken. Sicher sollten sie auch unsere guten Worte hören, doch müssen sie unsere guten Werke sehen, wenn wir ihnen ein Licht sein sollen. Das Wort für "gut" bedeutet hier nicht genau wohltätig, sondern mehr aufrichtig oder ehrbar. Solche Handlungen haben ihre Quelle in dem Vater im Himmel; sie verbreiten Sein Licht und verherrlichen Ihn.
Von Vers 17 an bis zum Ende von Kapitel 5 spricht der Herr von dem Verhältnis zwischen dem, was Er lehrte, und dem, was durch Mose gegeben war. Er war nicht gekommen, um aufzulösen oder ungültig zu machen, was früher gegeben worden war, sondern gerade. um dessen Erfüllung oder Fülle zu bringen, denn das ist hier der Sinn des Wortes "erfüllen". Er bestätigte und verstärkte alles, was früher gesagt worden war, wie die Verse 18 und 19 zeigen, und auch nicht ein Wort von dem, was Gott gesprochen hatte, sollte gebrochen werden. Außerdem macht Vers 20 deutlich, dass Er fest darauf bestand, dass die Gerechtigkeit, die vom Gesetz gefordert wurde, eine Fülle umfasste, die weit über die oberflächliche Auslegung der Schriftgelehrten und Pharisäer Seiner Tage hinausging. Sie beobachteten wohl einen formellen Gehorsam in den zeremoniellen Vorschriften, kannten aber den wahren Geist des Gesetzes und die darin von Gott verfolgte Absicht nicht. Ihre Gerechtigkeit führte nicht in das Reich.
Deshalb fuhr Er fort, ihnen die tiefere, eigentliche Bedeutung der Forderungen des Gesetzes aufzuzeigen, die sie darin nicht vermutet hatten, und stellte ihnen nicht weniger als sechs Punkte vor, um Seinen Gedankengang zu veranschaulichen. Er sprach über das sechste und siebte Gebot; dann über die Anweisung des Gesetzes im Fall einer Scheidung in 5. Mose 24,1, weiter im Fall von Schwören nach 3. Mose 19,12 und weiter über das Gesetz der Vergeltung nach 2. Mose 21,24 und anderen Stellen, schließlich über die Zulässigkeit von Feindeshass, vgl. 5. Mose 23,6.
In Bezug auf die beiden zitierten Gebote geht die Unterweisung des Herrn dahin, dass es Gott nicht nur um die offenkundige Tat geht, sondern ebenso um den Herzenszustand. Nicht nur Mord und Ehebruch werden verboten, sondern auch der Hass und die böse Lust, die solchen schweren Sünden zugrunde liegen. Wenn nach diesem Maßstab gerichtet wird, wer kann dann vor den heiligen Forderungen des Sinai bestehen? Die "Gerechtigkeit" des Pharisäers und des Schriftgelehrten bricht vollständig zusammen. Nachdem Er in beiden Fällen diesen Sachverhalt klargestellt hat, lässt Er weitere Belehrungen folgen.
Auf zwei bedeutungsvolle Punkte macht der Herr in den Versen 23–26 aufmerksam: Erstens ist vor Gott kein Opfer angenehm, das auf Seiten des Darbringenden mit Ungerechtigkeit gegenüber Menschen verbunden ist. Wir können nicht ein Unrecht gegenüber einem Mitmenschen stillschweigend gutheißen, indem wir gegenüber Gott öffentlich Frömmigkeit demonstrieren. Erst nach der Aussöhnung kann man Gott nahen.
Zweitens muss das Gesetz ohne Barmherzigkeit zur Anwendung kommen, wenn die Ursache der Entfremdung einmal vor das Gericht gebracht ist. Die Worte des Herrn haben hier zweifellos eine prophetische Bedeutung. Die jüdische Nation war im Begriff, Ihn zu ihrer "Gegenpartei– zu erklären und in ihrer Streitsache gegen Ihn Anklage zu erheben, doch ihre eigene Verdammung wird die Folge sein. Noch haben sie den letzten Pfennig nicht bezahlt.
Hiermit verwandt ist das nächste Beispiel: Der Herr zeigt darin, dass jedes Opfer sich lohnt, wenn es zur Befreiung von der Hölle verhilft, die am Ende eines bösen Weges steht.
In dem dritten und vierten Punkt (31–37) zeigt uns der Herr wiederum, dass die Anordnungen, die durch Moses gegeben waren, noch nicht den ganzen Willen Gottes ausdrücken. Sowohl eine Scheidung als auch das Schwören waren erlaubt, so dass die Norm, zu der die Menschen verpflichtet wurden, nicht zu streng war. Beide Punkte werden nun hier in ein klareres Licht gerückt, und wir sehen, dass lediglich eine Sache erlaubtermaßen das eheliche Band zu lösen vermag. Weiterhin sollte das von Menschen gesprochene Wort so unwiderruflich und bindend sein, dass kraftvolle Schwüre in dieser oder jener Form sich erübrigten. Ein Mensch, der fast jede Behauptung durch einen Schwur bekräftigt, dessen einfache Rede ist nicht vertrauenswürdig.
Wiederum setzte das Gesetz gerechte Vergeltung für zugefügtes Unrecht fest. Es folgte der Richtschnur des Ausspruchs "Wie du mir, so ich dir." Und während es einerseits zur Nächstenliebe aufrief, erlaubte es aber auch, einen Feind zu hassen. Das letztere drehte der Herr um. Er lehrte Geduld und die Gnade, die gibt, statt auf seinen eigenen Rechten zu bestehen. Und Er lehrte die Liebe, die den Feind segnet und ihn mit Gutem bedenkt. Und das alles, damit Seine Jünger sich deutlich von den Sündern der Welt unterscheiden und den Charakter Gottes selbst darstellen möchten.
Gott wird Ihnen vorgestellt, nicht als Jehova, der Gesetzgeber, sondern als ..euer Vater, der in den Himmeln ist". Gott wird so in neuem Licht gesehen. Das beherrscht hier die Unterweisungen des Herrn. Denn wenn wir Gott in dieser neuen Weise kennen lernen, entdecken wir, dass Ihn Wohlwollen auch gegen Ungerechte und Böse auszeichnet, und das sollte auch uns in unserem Maße kennzeichnen. Im Dienst Jesu brach eine neue Offenbarung Gottes an, und sie setzte einen neuen Maßstab für Vollkommenheit. Wir sollten uns praktischerweise als Söhne unseres Vaters in den Himmeln erweisen, denn ein Sohn ist dann vollkommen, wenn er so ist wie der Vater.
Achtmal sagt der Herr in diesem Kapitel: "Ich ... sage euch", und sechsmal, wenn Er diese Worte spricht, leitet Er sie mit –.. aber" ein, um Seine Aussage in Gegensatz zu dem zu stellen, was das Gesetz früher gesagt hatte. Da mögen wir wohl fragen: "Wer ist dieser, der das heilige Gesetz Gottes anführt und dann ruhig spricht: Ich aber sage euch ... !'?" Tatsächlich verändert und erweitert Er das Gesetz. Das zu tun, hatte kein Prophet jemals gewagt! Läuft das nicht auf schreckliche Anmaßung hinaus, die gar an Gotteslästerung grenzt? Ja, gewiss, und es gibt nur eine Erklärung, die diese Beschuldigung von Ihm wegnehmen kann: Wir haben hier den ursprünglichen Gesetzgeber, der einst vom Sinai aus sprach. Gott ist als Mensch, als Emmanuel, hervorgetreten. Emmanuel ist auf einen anderen Berg gestiegen, und jetzt spricht Er nicht zu einer Nation sondern zu Seinen Jüngern. Er verfügt über alle Rechte, Sein eigenes Gesetz zu erweitern oder abzuändern.
Kapitel 6
Nachdem Er am Ende von Kapitel 5 Seine Jünger in diesem neuen Licht mit Gott bekannt gemacht hat, fällt uns auf, dass sich all die Belehrungen in Kapitel 6 darauf beziehen. Der Ausdruck "euer Vater" wird, bei geringfügigen Veränderungen, nicht weniger als zwölfmal gebraucht. Es lassen sich vier Abschnitte unterscheiden: das Geben von Almosen (1–4), das Gebet (5–15), das Fasten (16–18), irdischer Besitz und notwendige Dinge des Lebens (19–34). Alle vier Dinge berührten das praktische Leben des Juden in vieler Hinsicht; ihre Neigung und Gewohnheit gingen dahin, sich mit den ersten dreien auf eine mechanische und oberflächliche Weise zu befassen, dann aber den Nachdruck und die ganze Aufmerksamkeit auf den vierten Punkt zu richten. Der Herr Jesus rückt sie alle in das Licht, das Seine vorangegangenen Worte verbreitet haben. In Kapitel 5 hatte Er ihnen einen Gott gezeigt, der sich mit den inneren Beweggründen des Herzens ebenso beschäftigt wie mit den äußeren Handlungen, und dennoch soll dieser Gott als himmlischer Vater erkannt werden. Immer noch fällt auf, wie Er die Worte "Ich sage euch" wiederholt. Er lehrte nicht wie die Schriftgelehrten, die sich bei ihren Behauptungen auf die Überlieferung der Ältesten stützten, doch wir haben anzunehmen, was Er sagt, eben weil Er es sagt.
Wenn die Überlieferung uns beherrscht, kommen wir leicht zu der gleichen Haltung, die wir bei den Juden im Blick auf ihr Geben von Almosen, ihre Gebete und ihr Fasten finden. Alles war für sie eine Sache der äußerlichen Beobachtung geworden, um dadurch die Aufmerksamkeit der Augen und Ohren der Menschen auf sich zu lenken. Wenn wir andererseits unsere Gedanken zu dem Vater im Himmel erheben, der innigen Anteil an unserem Ergehen nimmt, muss alles lebendige Wirklichkeit werden und vor Seinen Ohren und Augen getan sein. Dreimal sagt der Herr von den bloßen Formalisten: "Sie haben ihren Lohn dahin." Ihr Lohn besteht in dem Beifall und Lob ihrer Mitmenschen. Das haben sie, und zwar sofort und gegenwärtig–, ein künftiger Lohn ist da nicht mehr zu erwarten. Wer aber vor Gott seine Spende gibt, betet oder fastet, ohne dass die Menschen darum wissen, wird an dem künftigen Tag öffentlich
belohnt werden.
In Bezug auf das Gebet lehrt Er, dass es nicht nur in Zurückgezogenheit geschehen, sondern auch kurz sein soll, dadurch erweist sich die Echtheit. Ein Mensch, der wirklich und ernst um etwas bittet, kommt unweigerlich mit den wenigsten Worten und geradewegs auf den Kein der Sache. Er kann sich unmöglich in einer Wirrnis von Weitschweifigkeit ergehen. Die Verse 9–13 geben uns ein Mustergebet, wie es den Umständen, in denen sich die Jünger derzeit befanden, genau angemessen war. Es enthält sechs Bitten. Die ersten drei haben mit Gott zu tun, mit Seinem Namen, Seinem Reich und Seinem Willen. Die zweiten drei beziehen sich auf uns, unser Brot, unsere Schulden und unsere Errettung. Der himmlische Vater Lind Seine Ansprüche stehen an erster Stelle, unsere Bedürfnisse an der zweiten. Die Segnung der Menschen auf der Erde hängt davon ab, dass Sein Wille auf der Erde geschieht, und dieser Wille wird sich erst dann durchsetzen, wenn Sein Reich aufgerichtet ist.
Die Vergebung, von der die Verse 14 und 15 sprechen, ist mit den Schulden in Vers 12 verknüpft. In der heiligen Regierung, die unser himmlischer Vater über Seine Kinder ausübt, kommt ein unversöhnlicher Geist unter Seine Züchtigung. Wenn jemand uns beleidigt, und wir verweigern ihm Verzeihung, können auch wir in den Regierungswegen Gottes nicht auf Vergebung rechnen. Das ist dann nicht eine Frage der ewigen Vergebung, denn es waren Jünger, zu denen der Herr sprach, und bei ihnen war die Frage der ewigen Vergebung längst geordnet.
Dann folgen gewissenserforschende Worte über irdischen Besitz. Keine Neigung ist tiefer in allen Menschen verwurzelt als die, den Schätzen de r Erde nachzujagen, sie zu erhaschen und aufzuhäufen, obwohl sie unter der Einwirkung der Naturkräfte ebenso vergehen, wie sie durch gewalttätige Menschen geraubt werden. Wenn wir den Vater im Himmel wirklich erkennen, dann haben wir unseren Schatz im Himmel gefunden, und dann ist unser Herz auch da. Was wir brauchen, ist ein einfältiges Auge, um das zu sehen und damit auch alles andere klar zu sehen. Unsere Leiber werden licht sein, das heißt, wir werden selbst strahlend. Entweder regiert uns Gott oder der Mammon, denn wir können nicht zwei Herren dienen. In dieser Hinsicht sind Gott und der Mammon einander vollständig entgegengesetzt.
Indem wir Gott dienen, der uns ein himmlischer Vater ist, unterstehen wir Seiner wachsamen und freundlichen Fürsorge. Er kennt alle unsere Bedürfnisse und nimmt sich ihrer an. Wir sind kraftlos und unvermögend., unserer Größe eine Elle hinzuzufügen oder uns gleich dem Gras des Feldes zu schmücken. Unser Vater hat unendliche Weisheit und Macht und ist besorgt um die geringsten Geschöpfe Seiner Hand; deshalb sollten wir in Seine liebende Fürsorge um uns ein unbedingtes Vertrauen setzen. Von ängstlichen Sorgen sollten wir uns gänzlich frei fühlen. Die Menschen dieser Weit greifen nach deren Schätzen, die so rasch ihren Wert verlieren, und sie sind voller Sorge, diese Schätze zu bewahren und zu nutzen. Wir sollten in unseres Vaters Fürsorge und Liebe ruhen und uns nicht fürchten.
Das ist die negative Seite. Wir brauchen keine ängstliche Vorsorge zu betreiben, wovon die Herzen vieler erfüllt sind. Das aber soll dem Zweck dienen, dass wir frei sind, um das Reich Gottes zu suchen, und das zuerst. Statt besorgt immer schon an morgen zu denken, sollten wir heute von den Dingen des Reiches Gottes erfüllt sein, des Reiches, das uns auf den Wegen der Gerechtigkeit leitet.
Diese Freude gewährt Gott den Jüngern, die dem Herrn in Seinen Erdentagen folgten–, nicht weniger ist es Seine Freude für uns, die wir dem Herrn jetzt folgen, um all Sein Werk zu tun, während Er im Himmel weilt. Der Geist, den der Herr Seinen Jüngern einschärfte, war der Religion der Pharisäer Seiner Tage fremd, ebenso wie der äußerlichen und weltlichen Religion unserer Tage.
Kapitel 7
Die Belehrungen des Herrn, die in Kapitel 6 aufgezeichnet sind, waren dazu bestimmt, Seine Jünger in die Beziehungen zu ihrem Vater im Himmel einzuführen, so dass Er all ihr Denken ausfüllte, se es 1 m Spenden von Almosen, in den Gebeten, bei ihrem Fasten oder auch ihrem Verhältnis zu den Besitztümern und aller Notdurft dieses Lebens. Kapitel 7 führt uns in Belehrungen ein, die ihr Verhalten gegenüber ihren Brüdern, ja sogar gegenüber gottlosen Menschen regeln.
Den Bruder zu richten, entspricht einer tief eingewurzelten Neigung unserer Herzen. Dass wir Sachverhalte oder Lehren beurteilen, ist uns nicht untersagt, dazu werden wir aufgefordert, wie wir das z.B. in 1. Korinther 2,15 und 10,15 sehen, aber Personen zu richten, ist verboten. Wohl ist die Versammlung gehalten, in gewissen Fällen solche zu richten, die "drinnen" sind, wie aus 1. Korinther 5 und 6 hervorgeht, aber außerhalb solcher Fälle ist die Beurteilung von Personen dem Herrn vorbehalten. Sollten wir es uns trotz des Verbots des Herrn dennoch erlauben, so hat das zweierlei Strafe zur Folge, wie der Herr hier darlegt. Erstens werden wir uns selbst unter Gericht bringen, und das Maß, mit dem wir andere gemessen haben, wird auch an uns gelegt werden. Zweitens werden wir zu Heuchlern. In dem Augenblick, wo wir andere richten, werden wir blind für unsere eigenen Fehler. Ein geringer Fehler bei unserem Bruder vergrößert sich uns, ohne dass wir wahrnehmen, dass uns ein weit schlimmerer Fehler anhaftet, der unsere geistliche Sehkraft trübt. Die nützlichste Art des Gerichts für einen jeden von uns ist das Selbstgericht.
In Vers 6 geht es um Gottlose, die gefühllos gegenüber allem Guten und in ihren Neigungen unrein sind. Für sie sind heilige und kostbare Dinge nicht bestimmt. Wenn wir sie ihnen törichterweise vorlegen, so treiben sie Spott damit, und es kann sein, dass wir unter ihrer Gewalttätigkeit zu leiden haben. Es ist schon richtig, dass wir die heiligen Dinge Gottes weitergeben sollen, jedoch nicht solchen Menschen.
Aber wenn wir weitergeben möchten, müssen wir zuerst empfangen. Davon sprechen die Verse 7–11. Um zu empfangen, müssen wir Gott nahen: bittend, suchend und anklopfend. Es ist sicher, dass unser Vater antworten wird. Wenn wir um lebensnotwendige Dinge bitten, werden wir sie bekommen, denn Er wird uns doch nicht etwas Wertloses wie einen Stein geben oder etwas, das uns schaden könnte wie eine Schlange. Wir dürfen ganz ruhig und sicher sein, dass Er uns "gute Gaben" zukommen lässt, denn Er handelt als ein himmlischer Vater. Deshalb wird Sein Maßstab nicht hinter dem eines irdischen Vaters zurückbleiben. Wir dürfen hier Jesaja 55,9 anwenden und sagen, dass, wie der Himmel höher ist als die Erde, Seine väterlichen Gedanken höher sind als unsere Gedanken. Wir können nicht zu Seiner erhabenen Höhe aufsteigen. Deshalb verlangte der Herr damals in Vers 12 von Seinen Jüngern auch kein Verhalten, das über das Gesetz und die Propheten hinausgeht.
In den Versen 13 und 14 geht der Blick des Herrn offensichtlich über die Jünger hinweg zu der Volksmenge hin. Ihr bot sich die Wahl zwischen dem breiten und dem schmalen Weg, dem Verlorensein und dem Leben. Dass Gottes Gnade eng ist, können wir nicht sagen, denn sie ist für alle Menschen erschienen. Eng ist aber der Weg des Selbstgerichts und der Buße. Es sind wenige, die diesen Weg finden, und noch weniger, die ihn öffentlich verkünden. Die Mehrheit der Prediger zieht es vor, über angenehmere Dinge zu sprechen.
Es folgen Warnungen vor falschen Propheten. Sie werden nicht an ihren schönen Worten, sondern an ihren Früchten erkannt. Frucht ist das Ergebnis und der krönende Ausdruck von Leben, und sie enthüllt den Charakter des Lebens, das in ihr zur Vollendung kommt. Der falsche Prophet hat ein falsches Leben, das sich in falschen Früchten kundtun muss.
Doch es gibt nicht nur falsche Propheten, sondern auch falsche Jünger, solche, die ihre Treue zum Herrn wohl laut bekunden, aber keine lebendige Glaubensverbindung mit Ihm haben. Lebendiger Glaube muss sich, wie der Apostel Jakobus sagt, in Werken ausdrücken. Jeder, der sich wirklich der Herrschaft Christi im Glauben unterstellt, muss notwendigerweise sehr gern den Willen des Vaters im Himmel tun, den Christus darstellte. Judas Iskariot liefert uns ein schreckliches Beispiel für die Verse 22 und 23. Offenbar führte er zusammen mit den anderen Jüngern kraftvolle Werke aus, aber schließlich erwies sich, dass bei ihm das Bindeglied echten Glaubens nie vorhanden und er somit ein ungerechter Arbeiter war.
Daher beschließt der Herr Seine Worte mit dem Gleichnis von den beiden Häusern. Beide Bauenden, der kluge wie der törichte, hatten die Worte Jesu gehört, aber nur einer tat danach –und das war der kluge Mann. Das Gleichnis lehrt nicht eine Errettung aus Werken, sondern Errettung durch jenen lebendigen Glauben, der zu den Werken führt. Wenn wir unsere Gedanken zur Bergpredigt zurückkehren lassen, werden wir sehr schnell erkennen, dass nichts als lebendiger Glaube an Ihn einen Menschen dazu bringen kann, die Dinge, wie Er sie lehrte, zu tun. Wir werden auch feststellen, wie sehr Seine Belehrungen Sein eigenes Wort in Kapitel 5,17 bestätigten. Er hat uns die Fülle des Gesetzes und der Propheten gegeben und zugleich neues Licht im Blick auf den Vater im Himmel hinzugefügt. Er bereitete dadurch den Weg für das noch hellere Licht der Gnade, das als Frucht Seines Todes und Seiner Auferstehung anbrechen sollte. Die Autorität, mit der Er diese Dinge ankündigte, setzte die Volksmengen in größtes Erstaunen. Die Schriftgelehrten stützten sich auf die früheren Auslegungen der Rabbiner, während Er über die Dinge redete, die Er von Gott und bei Gott kannte.
Kapitel 8
Nach diesen drei Kapiteln, die von Belehrungen des Herrn angefüllt sind, schließt Matthäus zwei Kapitel an, die sich mit Werken Seiner Macht beschäftigen. Es genügte Ihm nicht, die Grundsätze des Reiches zu verkünden, Er stellte auch die Macht dieses Reiches auf mannigfaltige Weise eindrucksvoll dar. Kapitel 8 enthält in der Hauptsache fünf Illustrationen dieser Macht und Kapitel 9 ebenfalls. In allen diesen Fällen lässt sich feststellen, dass die Wunder, die der Herr an Menschen oder an sichtbaren und berührbaren Dingen vollbrachte, ein Beweis dafür waren, wie Er die tiefer liegenden Dinge der Seele zu behandeln vermochte.
Der erste Fall ist der des Aussätzigen, ein Bild der Sünde in ihrer befleckenden, verderblichen Macht. Der arme Mann war überzeugt von der Macht Jesu, aber Seiner Gnade war er sich nicht so sicher. Doch der Herr hellte ihn augenblicklich, indem Er ihn berührte und ein Wort Seiner Macht sprach. Mit nur vier Worten – "Ich will, sei gereinigt!" – war dem Mann geholfen; ein Zeugnis für die Priester – wenn der Mann tat, wie ihm befohlen war –, dass die Kraft Gottes unter ihnen war!
Der zweite Fall ist der des heidnischen Hauptmanns und seines Dieners. Ein Fall, der die durch die Sünde eingeführte Unfähigkeit illustriert. Der Nachdruck liegt hier wiederum auf der Macht Seines Wortes. Der Hauptmann selbst hob das hervor, denn er kannte die Vollmacht eines gebietenden Wortes, wie er an dem Beispiel der römischen Militärordnung zeigt. Der Rang eines Hauptmanns war nicht hoch, doch seine Untergebenen gehorchten seinen Anweisungen sofort, und sein Glaube hatte Jesus dafür erkannt, dass Sein Wort das Wunderbare vollbringen konnte. Der Herr anerkannte diesen Glauben als groß. In Israel hatte Er solchen Glauben nicht gefunden. Er sprach das erforderliche Wort, und der Knecht war geheilt. Auch prophezeite Er, dass mancher Heide von Osten und Westen mit den Vätern Israels in das Reich eingehen würde, während solche, die es aufgrund von Tradition als das ihre betrachteten, in die äußere Finsternis hinausgeworfen werden würden.
Im dritten Fall geht es um die Schwiegermutter des Petrus. Der Herr berührt sie, was ihre sofortige Heilung bewirkt–, es wird nicht berichtet, dass Er ein Wort gesprochen hat. Es kann eine Berührung und ein Wort sein wie bei dein Aussätzigen, oder nur ein Wort wie bei dem Knecht des Hauptmanns, oder bloß ein Anrühren wie Im letzteren Fall. Das Ergebnis ist immer dasselbe: augenblickliche Befreiung. Eine Genesung von den Folgen des Fiebers war nicht nötig; sogleich stand sie auf und diente anderen. Sünde versetzt Geist und Seele in einen fiebrigen Zustand, aber Seine Berührung vertreibt ihn.
In den Versen 16 und 17 werden zunächst die Werke Seiner Macht und Seines Erbarmens, die Er noch am Abend tat, zusammengefasst; zweitens wird Jesaja 53 angeführt, um uns zu zeigen, wie und in welchem Geist Er diese Heilungen vollbrachte. Die zitierten Worte sind von einigen irrigerweise benutzt worden, als bedeuteten sie, der Herr habe auf dem Kreuz unsere Krankheiten getragen, so dass ein Gläubiger nie krank sein sollte. Doch die rechte Anwendung ist hier vor uns. Indem Er den Menschen half, fühlte Er alle ihre Nöte und Krankheiten zutiefst mit. Er trug die Last dieser Übel in Seinem Geist, während Er sie durch Seine Macht hinwegtat.
Die in den Versen 18–22 berichteten Begebenheiten zeigen uns, dass nicht nur unsere Errettung, sondern auch unsere Jüngerschaft in die Berufung durch Sein gebietendes Wort eingeschlossen sein müssen. Ein gewisser Schriftgelehrter erbot sich freiwillig, Ihm nachzufolgen, ohne berufen zu sein. Der Herr zeigte ihm sogleich, was eine Nachfolge in sich schließen würde, denn Er war der heimatlose Sohn des Menschen. Umgekehrt aber genügt Seine Berufung. Da war einer, der bereits Sein Jünger war, der aber noch einer irdischen Verpflichtung Vorrang zu geben wünschte. Die Berufung und der Anspruch des Meisters mussten aber unbedingt an erster Stelle stehen. Und Er hatte Jünger, die Seinen Anspruch anerkannten und Ihm folgten, wie Vers 23 zeigt, und in ihrem Schiff hatten sie einen Platz für Ihn, wo Er Sein Haupt hinlegen konnte. Doch selbst da, als sie Ihm folgten, gerieten sie in Bedrängnis.
Das führt uns zu dem vierten dieser eindrucksvollen Ereignisse, dem Sturm auf dem See. Das ist ein Bild dafür, wie die Macht Satans das ruhelose Völkermeer zu wildem Ungestüm aufpeitscht. Für Ihn bedeutete das nichts, und Er schlief friedvoll. Erst als die Jünger zu Ihm schrieen, stand Er auf und unterwarf diese mächtigen Naturgewalten Seinem Gebot, und Wind und See legten sich auf das Wort *Ihres Schöpfers.
Als Er am Jenseitigen Ufer angekommen war, begegneten Ihm zwei Männer, die von dämonischen Dienern des Teufels beherrscht waren. Einer von ihnen war geradezu die Hochburg einer ganzen Legion von Dämonen, wie Markus und Lukas uns berichten; jedenfalls waren sie zu zweien und so ein ausreichendes Zeugnis für die Macht des Herrn über den Feind. Die Dämonen kannten Ihn und wussten auch, dass sie selbst keine Macht hatten, Seinem Wort zu widerstehen. Deshalb baten sie, in die Herde unreiner Schweine fahren zu dürfen, die es dort nicht gegeben hätte, wenn Israel auf dem Pfad des Gesetzes gewandelt hätte. Soweit berichtet 1 st, sprach Jesus nur: "Geht hin!" Das Wort hatte zur Folge, dass die Männer gerettet wurden und die Schweine umkamen.
Bis hierher haben wir die Macht des Herrn betrachtet. Bevor wir das Kapitel abschließen, lasst uns noch sehen, welche Reaktion sie bei den Menschen auslöste. Ein auffallender Gegensatz besteht zwischen dem "großen Glauben" des Hauptmanns und dem "kleinen Glauben" der Jünger in dem Sturm. Den großen Glauben kennzeichneten zwei Dinge, die wir in Vers 8 erkennen. Der Hauptmann sagte: "Ich bin nicht würdig". Dadurch verurteilte er sich und schloss sich selbst aus der Angelegenheit aus. Und er wandte sich an den Herrn und sagte: "Sprich nur ein Wort!" Von sich selbst hatte er keine Meinung, wohl aber eine große Meinung vom Herrn – so groß, dass er bereit war, Seinem Wort ohne jede äußere Stütze Glauben zu schenken. Es gibt Leute, die möchten das Wort des Herrn, durch Gefühle gestützt, erfahren, andere wieder durch Vernunft oder eigenes Erleben. Großer Glaube jedoch hat seine Quelle darin, dass wir die Größe der Person des Herrn Jesus entdecken, dann genügt uns ein bloßes Wort von Ihm.
Bei den Jüngern verhielt es sich genau umgekehrt. Sie dachten nur an sich: "Herr, rette UNS. WIR kommen um!" Als Jesus den Sturm beruhigt hatte, verwunderten sie sich und sagten:
"Was für einer ist dieser?" Ja, in der Tat: Was für einer? Hätten sie Ihn wirklich gekannt, wären sie überrascht gewesen, wenn Er Seine Macht nicht unter Beweis gestellt hätte. Tatsache war, daj3 sie hohe Gedanken Über sich selbst hatten, aber geringe über Ihn, und eben das ist Kleinglaube. Deshalb ihr Erstaunen, als Er handelte, wohingegen im Fall des Hauptmanns Jesus über dessen Glauben erstaunte. Trotz ihres kleinen Glaubens jedoch liebten sie Ihn und folgten Ihm.
Am Anfang des Kapitels sahen wir einen mangelhaften Glauben bei dem Aussätzigen. Die Macht des Herrn Jesus hatte er vor Augen, doch Seiner Bereitwilligkeit, ihm zu helfen, war er nicht gewiss. Am Ende des Kapitels sehen wir Menschen, die überhaupt keinen Glauben haben.
Für sie bedeutete es nichts, dass Dämonen ausgetrieben worden waren, so wenig lag ihnen an einer geistlichen Befreiung. Was für sie zählte, war der Verlust ihrer Schweine. Jesus verstanden sie nicht, aber Schweine verstanden sie! Ein treffendes Bild der Weltmenschen, die ein Auge haben für *Irgendeinen materiellen Gewinn, aber kein Herz für Christus. Offensichtlich empfingen sie nichts, im Gegensatz zu allen anderen. Übersehen wir nicht die herrliche Tatsache, dass sowohl mangelhafter Glaube als auch Kleinglaube den Segen ebenso wirklich und völlig empfingen wie großer Glaube. Der Segen hängt nicht ab von der Qualität oder Quantität des Glaubens, sondern von Seinem Herzen voller Gnade.
Kapitel 9
Da die Gergesener Seine Gegenwart nicht wünschten, setzte Er wiederum über den See, und sofort beschäftigten Ihn weitere Fälle menschlicher Not. Wir erfahren in Kapitel 9, wie Er den Gelähmten heilte, dann die blutflüssige Frau, die Tochter des Jairus, die beiden Blinden und den stummen und zugleich besessenen Menschen – eine fünffache Entfaltung der Macht des Reiches, das durch Seine Gegenwart herbeigekommen war.
Im ersten dieser Fälle zeigt der Herr sehr deutlich die Verbindung auf, die zwischen dem am Leib gewirkten Wunder und der entsprechenden geistlichen Segnung besteht. Das eine ist leicht zu beobachten, das andere ist unsichtbar. Als Antwort auf den Glauben der Männer, die den Gelähmten brachten, deckte der Herr ohne Umschweife die Wurzel des Übels auf und sprach die Vergebung der Sünden aus. Als das in Frage gestellt wurde, bewies Er Seine Macht, Sünden zu vergeben, durch die Macht, auch den leiblichen Zustand des Mannes umzuwandeln. Seine Kritiker konnten weder Sünden vergeben, noch die Lähmung hellen, Er konnte beides. Die Volksmenge sah es und verherrlichte Gott.
In den Versen 9–17 wird uns die Begebenheit beschrieben, die Matthäus selbst angeht. Der Wechsel in seinem Leben, den Vers 9 berichtet, mag von Menschen, die um die fesselnde Macht des Geldes über den menschlichen Geist wissen, nahezu ein Wunder genannt werden. Matthäus saß am Zollhaus, beschäftigt mit der angenehmen Aufgabe, das Geld einzunehmen, als er von den Lippen des Herrn Jesus die Worte hörte: "Folge mir nach!" Das "MIR" wurde so groß in seinen Augen, dass es das Geld verdrängte und seinen Zauber brach – wahrlich eine wunderbare Sache! Er stand auf und folgte Jesus nach.
Und in seinem Haus setzte Jesus sich zum Mahl mit Zöllnern und Sündern und Seinen Jüngern. So gab Matthäus jetzt Geld aus, statt es einzunehmen. Dies erzählen uns die anderen Evangelisten, während Matthäus es in geziemender Bescheidenheit nicht erwähnt. All das versetzte die Pharisäer in helle Aufregung, was jedoch dem Herrn Gelegenheit gab, sich über die Art Seines Dienstes sehr deutlich auszusprechen. Die Pharisäer hatten das Wort des Herrn durch Hosea übersehen, dass Ihm die Ausübung von Barmherzigkeit angenehmer sei als zeremonielle Schlachtopfer – ein Wort, das auch mancher moderne Pharisäer übersieht –, und sie waren unwissend über Seinen Auftrag an den geistlicherweise Kranken, indem Er Sünder zur Buße rief. Wenn Er gekommen wäre, um "Gerechte" zu rufen, dann wären ohne Zweifel die Pharisäer scharenweise gekommen, nur um bis auf den letzten Mann zurückgewiesen zu werden, denn nach göttlich vollkommenen Maßstäben gibt es die "Gerechten" nicht.
Die Frage, die die Jünger des Johannes an den Herrn richteten, veranlasste Ihn zu einer Erklärung, die das ergänzt. Wenn Er Sünder zur Buße gerufen hatte, dann verband Er sie mit sich selbst als "die Söhne des Brautgemachs" und versetzte sie in eine Stellung der Freiheit im Gegensatz zur Beachtung gesetzlicher Vorschriften. In künftigen Tagen Seiner Abwesenheit würde es ein Fasten anderer Art geben. Aber eine echte Vermischung des Neuen, das der Herr brachte, mit dem alten, gesetzlichen System konnte nicht stattfinden. Der neue Wein des Reiches musste in neue Schläuche getan werden. Der Versuch, die überquellende Gnade des Reiches in gesetzliche Formen zu pressen, zieht verheerende Folgen nach sich. Die Gnade ist verloren und die Formen werden zerstört.
Noch während Er über diese Dinge sprach, traten weitere Ereignisse ein, die in gewissem Maß dazu dienten, Seine Worte zu illustrieren. Auf Seinem Weg, die Tochter des Jairus aufzuerwecken, kommt Ihm die kranke Frau entgegen, die in ihrem starken Glauben Ihn zu berühren wagt. Sie war eine der Kranken, die den Arzt brauchten. Ihre Glaubenstat brachte den Zug zum Anhalten, aber was bedeutete das für Ihn, der Seine Lust hatte an Barmherzigkeit und nicht an Opfern? Der Herr belohnte ihren Glauben, und sie wurde auf der Stelle gesund. Als dann der Zug sich wieder in Bewegung setzte und man das Haus des Jairus erreichte, gab Jesus dem vorschriftsmäßigen üblichen Gang des Geschehens eine jähe Wendung. Durch die Macht Seiner Gnade wurde jüdisches Brauchtum völlig beiseite gesetzt. "Geht fort", sagte Er, und in der Tat musste alles der Macht des Lebens, die Er ausübte, weichen: das tote Kind wurde zum Leben zurückgebracht.
Das Schreien der beiden Blinden (Vers 27) bezeugte entschiedenen Glauben. Sie anerkannten Ihn als den verheißenen Sohn Davids. Er erkannte ihren Glauben und forderte ihn heraus. Sie bekundeten, dass sie Seiner Macht, ihnen helfen zu können, völlig gewiss waren. Deshalb gewährte Er in ihrem Fall ihre Bitte nach ihrem Glauben. Er wusste, dass ihr Glaube echt war, und auch wir wissen, dass es so war, denn sofort wurden ihre Augen aufgetan. Möge jeder von uns sich selbst fragen: Wenn meine Bitten nach meinem Glauben erhört werden sollen, was werde ich dann empfangen?
Die Sünde hat den Menschen hilflos gemacht. Er ist durch sie geistlich krank, tot und blind–, Gott gegenüber ist er verstummt. Durch den Teufel gebunden, vermag er nicht zu sprechen. Als der Mann in Vers 32 zu Jesus gebracht wurde, hatte es der Herr mit der dämonischen Macht zu tun, die seine Verstummung verursacht hatte. Als die Ursache beseitigt war, verschwand auch die krankhafte Folge. Der Mann sprach, und die Volksmenge wunderte sich. Nie zuvor hatten sie von solchen Befreiungen gehört, wie sie hier durch die Macht des Reiches Gottes in Gnade gewirkt worden waren. Nur die Pharisäer hatten dafür keine Empfindungen, und nicht nur das. Da sie die hier wirksame Macht nicht zu leugnen vermochten, wichen sie absichtlich ihrer Wirkung aus, indem sie sie boshafterweise dem Teufel selbst zuschrieben.
Diese böswillige Zurückweisung Seiner Gnade konnte aber Sein tiefes Mitgefühl nicht zurückhalten, eine wunderbare Tatsache, die uns der Schluss des Kapitels zeigt. Er fuhr fort, das Evangelium des Reiches zu predigen und dessen Kraft durch Heilungswunder in allen Städten und Dörfern zu entfalten. Der Anblick der verschmachtenden Volksmenge bewegte Ihn innerlich zu tiefem Mitleid – Mitleid des Herzens Gottes. Sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben, und eine große Ernte war noch einzubringen. Er schickte sich an, Arbeiter zu diesem Werk auszusenden.
Kapitel 10
Am Ende des vorhergehenden Kapitels sagte der Herr Seinen Jüngern, dass sie für die Aussendung von Arbeitern beten sollten. Dieses Kapitel beginnt damit, dass Er die Zwölf beruft und aussendet. Sie selbst sollten die Antwort auf ihre Gebete sein! Nicht selten ist dies der Fall. Wenn wir dafür beten, dass dies oder das im Dienst des Herrn getan werde, so lautet Seine Antwort für uns oft tatsächlich: "Dann tut ihr es!" Für jeden erfolgreichen Auftrag gilt nun aber, dass die Leute dazu ausgewählt, die Vollmacht übertragen und das rechte Vorgehen angezeigt werden.
Mit genau diesen drei Dingen befasst sich dieses Kapitel. In den Versen 2–4 erfahren wir die Namen der zwölf erwählten Jünger. Und in Vers 1 lesen wir, wie Jesus ihnen die erforderliche Vollmacht übertrug. Diese Macht konnten sie in geistlicher wie in physischer Hinsicht anwenden. Unreine Geister mussten ihnen gehorchen, und alle Arten körperlicher Gebrechen verschwanden auf ihr Wort hin. Von Vers 5 an bis zum Schluss des Kapitels werden die Belehrungen festgehalten, die der Herr gab, damit sie ihren Auftrag in der richtigen Weise erfüllen könnten.
Die erste Anweisung betraf den Bereich ihres Dienstes – nicht unter Heiden oder unter den Samaritern, sondern allein unter den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Dies macht sofort entscheidend klar, dass das Evangelium unserer Zeit nicht unter diesem Auftrag verkündigt wird. Um eine falsche Auslegung zu stützen, ist Vers 6 zu der Bedeutung verdreht worden, dass sie unter die unter die Nationen zerstreuten Israeliten hätten gehen sollen. Das Wort "verloren" ist jedoch in geistlichem Sinn zu verstehen. Wenn wir Jeremia 50 nachschlagen und die Verse 6 und 17 zu Rate ziehen, sieht man, dass beides, "verloren" und "zerstreut", auf Israel zutrifft. Sie waren verloren, weil ihre Hirten sie irreführten, geistlicherweise verloren. Sie waren zerstreut oder versprengt durch die Maßnahmen der Könige von Assyrien und Babylon – im geographischen Sinn
zerstreut. Diese Unterscheidung beim Gebrauch der beiden Wörter scheint durch die ganze Schrift hin beachtet zu werden. Die Jünger gingen nie außerhalb des Landes, während Christus auf der Erde war, sondern sie predigten den geistlicherweise verlorenen Juden in ihrer Umgebung.
In Vers 7 wird ihre Botschaft in sieben Worten zusammengefasst. Sie stimmt genau mit der Predigt Johannes' des Täufers (3,2) und der des Herrn selbst (4,17) überein, mit der Ausnahme, dass hier das Wort "Buße tun" ausgelassen ist. Es war eine sehr einfache Botschaft, die sich kaum näher erklären oder variieren ließ. Sie konnten nicht Dinge predigen, die noch nicht erfüllt waren, aber der verheißene König war anwesend in Seinem eigenen Land, und deshalb war das Reich nahe gekommen. Das war ihre Verkündigung, die frohe Botschaft des Reiches. Sie hatten das Gesagte dadurch zu bestätigen, dass sie die Macht des Reiches bekundeten, indem sie unentgeltlich Heilungen und Befreiungen vollbrachten.
Außerdem sollten sie um die übliche Vorsorge eines umsichtigen Reisenden durchaus nicht bemüht sein, um so ganz offensichtlich im Blick auf alle Notdurft von ihrem Meister abhängig zu sein. Wenn sie irgendeinen Ort betraten, sollten sie dort nach "Würdigen" ausschauen, d.h. nach solchen, die den Herrn fürchteten und die Ihn dadurch annahmen, dass sie auch Seine Diener aufnahmen. Sie sollten gegen solche zeugen, die Ihn nicht aufnahmen und daher auch sie und ihre Worte zurückwiesen. Die Verantwortung solcher Menschen würde weitaus größer sein als die der Bewohner von Sodom und Gomorra.
Als nächstes warnte Er sie, dass sie Widerstand, Ablehnung und Verfolgung begegnen würden, und Er gibt ihnen Anweisung hinsichtlich ihres Verhaltens im Blick darauf (Verse 16–39). Indem sie ausgingen unter die Menschen, würden sie wie Schafe inmitten von Wölfen sein, das heißt, sie würden in der gleichen Stellung wie ihr Meister sein und sollten darin auch die gleichen Charakterzüge entfalten – Klugheit und Einfalt. Wenn man sie vor Statthaltern anklagen würde, sollten sie in Gott als ihrem Vater ruhen und sich um Vorbereitungen zu
ihrer Verteidigung nicht kümmern, weil in solchen notvollen Stunden der Geist ihres Vaters in ihnen und durch sie reden würde. In einigen Fällen würden sie auch den Märtyrertod erleiden, und in allen Fällen würden sie Hass begegnen, der selbst die Bande natürlicher Zuneigung zerbrechen würde. Die dem Märtyrertod entgingen, würden, wenn sie bis zum Ende ausharrten, errettet werden.
Was hier "Ende" bedeutet, zeigt der nächste Vers (23) – die Ankunft des Sohnes des Menschen. In Kapitel 24,3.6.13.14 spricht der Herr wiederum vom "Ende", und zwar in ähnlicher Bedeutung. Dort ist es "das Ende des Zeitalters". Mithin ist dieser Auftrag, den der Herr erteilte, bis zu Seinem zweiten Kommen auszudehnen, und er wird selbst dann kaum abgeschlossen sein. Aus Vers 6 ging hervor, dass die Städte Israels das Arbeitsfeld sein sollten, wo ihnen Verfolgung begegnen und ihr Ausharren von Errettung bei Seiner Ankunft gekrönt sein würde. Wenn wir zurückblicken, sieht es so aus, als ob in dieser Vorhersage etwas nicht gestimmt hat. Wie können wir uns das erklären?
Die Erklärung liegt offensichtlich darin, dass dieses Zeugnis über die Nähe des Reiches unterbrochen worden ist und zur Zeit des Endes wiederaufgenommen werden wird. Die Jünger werden hier als Repräsentanten gesehen, und was gesagt wird, war damals für sie zutreffend und wird für andere zutreffen, die sich zur Zeit des Endes in ähnlicher Lage befinden. Das Reich, das damals in Person in Christus dargestellt wurde, wurde verworfen. Folglich wurde das Zeugnis 7ui–ückge7ogen, wie wir in Kapitel 16,20 sehen. Es wird fortgesetzt werden, wenn die Sammlung der Kirche aus den Völkern vollendet ist, und es wird gerade zu seinem Abschluss gekommen sein, wenn der Sohn des Menschen kommt, um das Reich zu empfangen und aufzurichten, wie es in Daniel 7 prophezeit worden war.
In der Zwischenzeit muss der Jünger damit rechnen, wie sein Meister behandelt zu werden, doch er braucht sich nicht zu fürchten. Er wird von Menschen verleumdet, geschmäht und sogar getötet werden; doch in den Versen 26–33 begründet der Herr eine dreifache Ermutigung. Erstens wird alles ans Licht kommen, und die boshaften Verleumdungen der Menschen werden zerstreut werden. Die Aufgabe des Jüngers ist es, das Licht jetzt scheinen zu lassen. Zweitens ist da Gottes innige Fürsorge, die sich zu den kleinsten Dingen herablässt. Drittens gibt es Lohn: Der Herr wird sie öffentlich vor Seinem Vater in den Himmeln bekennen. Doch nichts als Glaube wird jeden von uns befähigen, das Licht wertzuschätzen und willkommen zu heißen, sich auf die Fürsorge zu stützen und die Anerkennung Gottes höher zu achten als den Ruhm der Menschen.
Vers 28 ist besonderer Beachtung wert, denn er lehrt klar, dass die Seele nicht wie der Körper dem Tod unterworfen ist. Gott vermag sowohl Seele als Leib in der Hölle zu verderben. Doch das Wort für "verderben" ist ein anderes als das für "töten" und hat etwa den Sinn von "umkommen" oder "zerstören", doch der Gedanke an Auslöschung ist darin nicht enthalten. Dem genauen Wortlaut nach kommt "die Unsterblichkeit der Seele" in der Schrift nicht vor, aber hier sind Worte unseres Herrn, die diese ernste Tatsache beweisen. Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als ob die Worte in Vers 34 mit anderen Aussagen, wie wir sie in Lukas 1,79; 2,14 oder Apostelgeschichte 10,36 finden, *In Gegensatz stehen. Doch eine wirkliche Unstimmigkeit besteht nicht. Durch Christus kam Gott den Menschen nahe mit einer Botschaft des Friedens, aber Christus wurde verworfen. Im Matthäusevangelium wird an dieser Stelle Seine Verwertung sichtbar, daraus erklärt Er die ernste Tatsache, dass die unmittelbare Auswirkung Seines Kommens Kampf und Krieg sein wird. Den Frieden auf der Erde wird Er bei Seiner zweiten Ankunft begründen, und das sahen die Engel bei Seiner ersten Ankunft voraus und lobpriesen Gott. In der Tat kommt der Friede zuletzt, aber das Kreuz stand unmittelbar bevor. Und wenn Er im Begriff stand, das Kreuz aufzunehmen, so mussten Seine Jünger bereit sein, ihrerseits dem Schwert zu begegnen und um Seinetwillen das Leben zu verlieren. Ein solcher Verlust würde der größte Gewinn sein.
Die Schlussverse zeigen, dass die Aufnahme der unpopulären Jünger der Aufnahme des unpopulären Meisters, ja, der Aufnahme Gottes selbst gleichkommen würde. Jeder erfüllte Dienst dieser Art, und bestünde er nur darin, einen Becher kalten Wassers zu reichen, wird seinen Lohn an dem künftigen Tag nicht verlieren.
Kapitel 11
Die Aussendung der Zwölf bedeutete nicht, dass der Herr in Seinem persönlichen Dienst nachließ, wie der erste Vers zeigt. All diese Tätigkeit erregte die Aufmerksamkeit des Johannes in seinem Gefängnis. Wir können uns wohl vorstellen, dass er erwartete, dass die große Persönlichkeit, die er angekündigt hatte, seinetwegen etwas unternehmen möchte. Doch Er war da, befreite alle möglichen unwürdigen Leute von ihren Krankheiten und Plagen, aber übersah offenbar Seinen Vorläufer. Eine solche Prüfung des Johannes ließ seinen Glauben ein wenig wanken. Die Antwort des Herrn an Johannes war in ihrer Form ein weiteres Zeugnis Seiner eigenen gnadenvollen Bemühungen und zeigte, dass Er die Prophezeiung aus Jesaja 61,1 tatsächlich erfüllte. Und glückselig war, wer an Seiner Erniedrigung und dem Fehlen jeder äußeren Herrlichkeit, die Seine zweite Ankunft kennzeichnen wird, keinen Anstoß nahm.
Dann legte Jesus Zeugnis ab über Johannes. Er war kein schwankendes Rohr und kein Mann, der in Üppigkeit lebte, sondern er war mehr als ein Prophet, nämlich der Bote, den Maleachi vorausgesagt hatte, der den Weg des Herrn bereiten würde. Zudem war Johannes der "Elia" des ersten Kommens des Herrn, und er markierte das Ende einer Epoche. Die Haushaltung des Gesetzes und der Propheten reichte bis zu ihm, und von seinen Tagen an war das Reich der Himmel geöffnet, doch war "Gewalt" oder Kraft des Glaubens nötig, um darin einzugehen. Wenn das Reich sichtbar kommt, wird nicht die gleiche Kraft des Glaubens erforderlich sein. Dies alles zeigte, wie groß Johannes war. Trotzdem würde der Kleinste im Reich der Himmel eine bei weitem höhere Stellung einnehmen als dieser große Mann, der den Weg bereitete, aber selbst nicht einging. Die moralische Größe des Johannes war unübertroffen, obwohl mancher von geringerer moralischer Bedeutung in Bezug auf seine äußere Stellung größer sein würde.
Nachdem der Herr über Johannes gesprochen hatte, über dessen Größe und die Stellung, die ihm im Blick auf seinen Dienst verliehen war, leitet Er über und behandelte die Gleichgültigkeit des Volkes. Sie hatten die gewaltige Predigt des Johannes vernommen und nun auch den Herrn gehört und Seine machtvollen Werke gesehen, doch weder das eine noch das andere hatte sie wirklich ergriffen.
Sie waren launischen Kindern gleich, die man nicht dafür gewinnen kann, beim Spiel wirklich mitzumachen. Der Dienst des Johannes war von großem Ernst gekennzeichnet gewesen, aber an ihnen war kein Wehklagen in Reue bemerkt worden. Jesus war gekommen in Gnade und in der Freude der Befreiung, doch Zeichen von Fröhlichkeit darüber gaben sie nicht zu erkennen. Statt dessen machten sie Gründe ausfindig, um beiden nicht zu glauben.
Die Verhöhnung, die sie auf Johannes schleuderten, war eine schamlose Lüge, während ihr übles Gerede über den Herrn ein Element der Wahrheit barg, denn Er war im höchsten Sinn "ein Freund der Zöllner und Sünder". Sie meinten es jedoch im denkbar niedrigsten Sinn; denn wenn ein Widersacher mit verunglimpfenden Anklagen um sich wirft, dann scheint ihm zu diesem Zweck vielfach die halbe Wahrheit dienlicher als eine plumpe Lüge. Solange wir im Gehorsam mit gutem Gewissen unseren Weg gehen, brauchen wir den Schlamm, den Gegner auf uns werfen, nicht zu fürchten. Johannes, zusammen mit den größten Propheten, und auch der Sohn des Menschen selbst hatten das zu ertragen. Solche, die Kinder der Weisheit waren, ließen sich von diesen Verleumdungen nicht beeindrucken. Sie rechtfertigten die Weisheit und verurteilten dadurch die Widersacher. Dieselbe Tatsache drückt sich aus in anderen Worten, die Jesus sprach: "Ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen ... Meine Schafe hören meine Stimme" (Joh 10,26.27).
An dieser Stelle finden wir den Herrn die Tatsache hinnehmen, dass die Städte Galiläas, wo Seine meisten Wunderwerke geschehen waren, Ihn völlig abgewiesen hatten. Sie hatten solch ein Zeugnis empfangen, wie es in Tyrus und Sidon und auch im Land Sodom niemals geschehen war. Nun, je größer das Vorrecht, um so größer die Verantwortlichkeit und um so schwerer das Gericht, wenn das Vorrecht verachtet und der Verantwortlichkeit nicht entsprochen wird. Ein schlimmes Verhängnis stand den Städten Chorazin, Bethsaida und Kapernaum bevor. Ihre Bewohner jener Tage haben den Tag des Gerichts zu erwarten, und die Städte selbst sind so stark zerstört worden, dass man heute noch darüber streitet, wo sie überhaupt gelegen haben. Sie hatten "Jesus Christus, den Sohn Davids, den Sohn Abrahams" (1, 1) verworfen und folglich auch das Reich, das in Ihm gegenwärtig war.
Doch in diesem krisenhaften Augenblick stützte sich Jesus auf den Vorsatz des Vaters und auf die Vollkommenheit Seiner Wege, der Wege, auf denen Er Seinen Vorsatz ausführt. Die Menschen, deren Gleichgültigkeit der Herr beklagt hatte, waren gerade nach weltlichen Maßstäben "Weise und Verständige". Aber es gab auch die "Unmündigen", und diesen, nicht jenen, hatte der Vater Dinge von größter Bedeutung in diesem Augenblick offenbart. Dies war der Weg, den der Vater erwählte und der vor Ihm wohlgefällig war. Der Herr machte sich völlig damit eins und sprach einen Lobpreis aus. Dies ist immer Gottes Weg gewesen und ist es auch heute, wie wir in 1. Korinther 1,21–31 sehen. Gottes Vorsatz wird nicht scheitern. Das Reich, wie es sich in Christus darstellte, war im Begriff, zurückgewiesen zu werden: Gott wird das Reich in völlig anderer Weise errichten, sogar während wir auf seine Errichtung in offenbarer Macht und Herrlichkeit warten. Es werden solche gefunden werden, die das Joch des Sohnes auf sich nehmen und die so schon die Ruhe des Reiches in ihrer Seele genießen werden.
Es ist der Vorsatz Gottes, dass alle Dinge einmal in den Händen des Sohnes des Menschen ruhen werden. Zu diesem Zweck sind Ihm alle Dinge bereits übergeben worden. An dem künftigen Tag werden wir sehen, wie Er über alle Dinge in machtvollern, scharf unterscheidendem Gericht verfügt, während Er in der jetzigen Zeit die Erkenntnis des Vaters ausbreitet. Der Sohn ist so wahrhaftig Gott, dass es in Ihm unergründliche Tiefen gibt, die nur dem Vater bekannt sind. Der Vater ist über aller menschlichen Erkenntnis, aber der Sohn erkennt Ihn und ist erschienen als Sein großer Offenbarer. Als solcher kann Er sagen: "Kommet her zu mir .... und ich werde euch Ruhe geben." Er selbst ruhte in der Erkenntnis des Vaters, Seiner Liebe, Seines Vorsatzes, Seiner Wege. Zu dieser Ruhe führt Er die, die zu Ihm kommen.
Seine Einladung richtete sich besonders an alle Mühseligen und Beladenen, d.h. solche, die aufrichtig und fromm das Gesetz zu halten versuchten, das doch, Wie Petrus sagte, ein Joch ist, "das weder unsere Väter noch wir zu tragen vermochten" (Apg 15,10); je aufrichtiger sie waren, desto schwerer mussten sie unter diesem Joch beladen gewesen sein. So galten die Worte des Herrn den "Kindern der Weisheit", den "Unmündigen", mit anderen Worten dem gottesfürchtigen Überrest inmitten der ungläubigen Gesamtheit des Volkes. Jetzt konnten sie das drückende Gesetzesjoch gegen das leichte Joch Christi austauschen. Bei Ihm konnten sie Dinge lernen, die das Gesetz ihnen niemals vermitteln konnte.
Hinzu kam, dass Er sie in einer neuen Weise lehrte. Er gab Beispiele zu Seinen Belehrungen. Sanftmut und Demut des Herzens sind nötig, wenn ein Platz der Abhängigkeit einzunehmen und zu bewahren ist. In Ihm wurde beides in vollkommener Weise gesehen. Er war der Sohn, und doch lernte Er den Gehorsam, und nachdem dieser Gehorsam Ihn zum Tod geführt hatte, ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden" (Hebr 5,8.9). In unserem Evangelium sehen wir, wie Er als der Gehorsame uns zu Seinem Gehorsam beruft, zu einem Gehorsam, der nicht niederdrückt und der zur Ruhe bringt. "Ruhe für eure Seelen" wurde als Ergebnis eines treuen Wandels auf "den Pfaden der Vorzeit" dem Gesetz entsprechend (Jer 6,16) in Aussicht gestellt, aber in jene Ruhe waren Menschen nie eingegangen. Der einzige Weg, auf dem sie erreicht werden kann, wurde durch den Sohn kundgemacht, der gekommen war, den Vater zu offenbaren. Der Vater muss erkannt werden, wenn Sein Vorsatz zur Vollendung kommen soll.
Kapitel 12
Von den Höhen, die uns im letzten Kapitel beschäftigten, steigen wir wieder hinab in die Tiefen menschlicher Torheit und Blindheit, wie sie in dem Pharisäer zutage treten. In diesem Kapitel finden wir, dass die jüdischen Führer Ihn endgültig verworfen haben, nun sind es nicht mehr nur die Städte Galiläas. In den ersten beiden Fällen entflammt der Streit um den Sabbat. Der Herr verteidigte die Handlungsweise Seiner Jünger aus wenigstens vier Gründen (Verse 3–8).
Als David, der von Gott gesalbte König, verworfen war, hatten seine Bedürfnisse Vorrang vor einer Frage, die die Ordnung des Heiligtums betraf, und seine Begleiter waren ihm darin verbunden. Jetzt verwarf man den großen Sohn Davids, aber musste dem Bedürfnis Seiner Jünger nicht entsprochen werden, selbst wenn das ihre Sabbatvorschriften verletzte? Zweitens hatte der Tempel Vorrang vor dem Sabbat, denn immer hatten die Priester an den Sabbaten ihre Arbeit verrichtet. Jesus nahm nun für sich in Anspruch, größer als der Tempel zu sein. Tatsächlich wohnte Gott in Christus in weit größerem Maß als jemals im Tempel. Drittens stand in Hosea 6 ein Wort über Barmherzigkeit, auf das Er sich schon früher bezogen hatte, und jetzt traf es auf diesen Fall zu. Viertens beanspruchte Jesus, als Sohn des Menschen Herr des Sabbats zu sein; mit anderen Worten, der Sabbat hatte für Ihn keine bindende Kraft. Er war sein Meister und konnte über ihn verfügen, wie Er es für gut hielt.
Im zweiten Fall beantwortet der Herr ihre spitzfindige Frage mit einem Hinweis auf ihre eigene Praxis. Sie hatten keine Gewissensbisse, am Sabbat Hand anzulegen, wenn es darum ging, sich eines Schafs zu erbarmen. Wer waren sie denn, dass sie etwas einzuwenden hatten, wenn Er am Sabbat einem Menschen Barmherzigkeit erwies? Und solche Barmherzigkeit übte Er unverzüglich. Doch dann zeigt sich die maßlose Verstockung ihrer Herzen, indem Sein Mitgefühl in ihnen Mordgedanken hervorrief. Sein Tod war von diesem Augenblick an für sie eine entschiedene Sache.
Weil es so stand, begann Jesus das Zeugnis zurückzuziehen, das sie mit Seinem Tod auszutilgen sich anschickten. Er wies die an, denen Er Sein Erbarmen noch zuwandte, Ihn nicht offenbar zu machen. Matthäus führt die schöne Prophezeiung aus Jesaja 42 an und zeigt, wie sie in Ihm ihre Erfüllung fand. Teilweise wartet sie noch auf ihre Erfüllung bei Seinem zweiten Kommen, denn noch hat Er das Gericht nicht zum Sieg geführt. Dem erbitterten Hass und der Verwertung, denen Er sich bei Seinem ersten Kommen gegenübersah, begegnete Er, ohne dass Er widerstand, Gegenreden erhob oder gar Seine Feinde zerschmetterte. Nichts ist wertloser als ein geknicktes Rohr und nichts unserer Nase widerwärtiger als ein glimmender Docht. Beiden glichen die Pharisäer, aber Er wird sie nicht zerbrechen und sie nicht auslöschen bis zur Zeit des Gerichts. Bis dahin lernen die Heiden, auf Seinen Namen zu vertrauen.
In Jesaja 32 werden die beiden Kommen des Herrn – wie oft in den Schriften des Alten Testaments – nicht unterschieden, aber hier lässt sich deutlich erkennen, wie beide in die Weissagung eingeschlossen sind. Zu dieser Zeit kam Jesus als Gefäß der Barmherzigkeit und nicht, um Gericht zu üben. Nachdem Er von den Obersten des Volkes abgewiesen sein würde, würde Er sich zu den Heiden wenden und ihnen Seine Barmherzigkeit zuströmen lassen. Das wird in dieser Stelle klar angekündigt.
Ist das für uns nicht von unermesslichem Wert, wenn wir sehen dürfen, dass wir unter jenen Heiden sind, die auf Seinen Namen gehofft haben?
Bei den Pharisäern haben wir einen Hass gesehen, der zu morden bereit war. Doch bei Jesus haben wir eine Sanftmut und Demut des Herzens gefunden, die Ihn dahin leitete, jede Gerichtshandlung aufzuschieben und ihre Bosheit ohne Widerspruch und Streit hinzunehmen. Matthäus berichtet jetzt den Fall eines Menschen, der von einem Dämon besessen und dadurch blind und stumm geworden war. Jesus gab ihm das Augenlicht und die Sprache wieder, indem Er den Dämon austrieb. Darüber erstaunten die Volksmengen sehr und fingen an, Ihn für den wahren Sohn Davids zu halten. Als die Pharisäer das sahen, gerieten sie in eine verzweifelte Erregung und wiederholten noch ausdrücklicher die lästerliche Behauptung, dass Er in der Kraft Satans wirke. Zu ihrer früheren Lästerung (9,34) hatte der Herr geschwiegen, aber diesmal trat Er ihrer Herausforderung entgegen.
Zuerst widerlegt Er sie von der Vernunft her. Ihre Beschuldigung war insofern widersinnig, als der Satan, durch Satan ausgetrieben, sein eigenes Reich zerstören würde. Zugleich verleumdeten sie ihre eigenen Söhne, die sich zur Austreibung von Dämonen bekannten. Zweitens gab Er *Ihnen die wahre Erklärung: Er war hier in Seiner Menschheit und handelte durch den Geist Gottes, und so hatte Er Satan, den Starken, gebunden und war nun dabei, seiner Macht die zu entreißen, die nichts als sein "Hausrat" waren. Darin lag ein weiterer klarer Beweis, dass das Reich Gottes in ihrer Mitte war.
Damit klärte sich auch unzweifelhaft, dass, wer nicht entschieden für Christus war und mit Ihm sammelte, gegen Ihn war und zerstreute. Das brachte den Herrn dazu, den wahren Charakter ihrer Sünde zu entlarven, die sie außerhalb des Bereichs der Vergebung brachte – trotz der Tatsache, dass jede Art von Sünde vergeben werden kann. Im Sohn des Menschen stellte Gott sich ihnen sichtbar dar: Sie mochten Ihm widersprechen und trotzdem durch ein Werk des Geistes zur Buße gebracht werden und dadurch Vergebung erlangen. Aber den Heiligen Geist zu lästern, durch den allein Buße und Glauben in der Seele gewirkt werden kann, das bedeutet, sich in eine hoffnungslose Lage zu bringen. Es heißt, Buße und Glauben von sich zu weisen und damit die einzige Tür zur Errettung zu verriegeln und zu schließen.
Es war eine traurige Tatsache, dass diese Pharisäer völlig verdorbenen Bäumen glichen, ja, einer Schlangenbrut, und ihre bösen Worte waren gerade der Ausdruck der Bosheit ihrer Herzen. In den Versen 33–37 reißt der Herr durch einen solchen Vergleich die Maske von ihren Herzen und erklärt, dass sie nach ihren Worten gerichtet werden würden. Wenn die Menschen einmal am Tag des Gerichts sogar von jedem unnützen Wort Rechenschaft geben müssen, was verdienen dann ihre soeben gesprochenen bösen Worte? An jenem Tag werden sie aus ihren Worten verdammt werden.
Durch ihr Verlangen, wie es Vers 38 berichtet, zeigten die Pharisäer an, dass sie in moralischer Hinsicht ebenso blind und gefühllos wie verdorben und böse waren. Indem sie alle Zeichen, die geschehen waren, nicht beachteten, ob in Unwissenheit oder aus Absicht, forderten sie ein neues Zeichen. Wir haben fünf Zeichen in Kapitel 8 und fünf in Kapitel 9 außer denen, die in unserem Kapitel berichtet werden. In ihrem boshaften und ehebrecherischen Sinn konnten sie das klarste Zeichen nicht wahrnehmen; so würde ihnen auch kein Zeichen mehr gegeben werden außer dem größten aller Zeichen – Seinem eigenen Tod und Seiner Auferstehung, wofür in der bemerkenswerten Geschichte Jonas bereits ein Vorbild gegeben worden war. Das Geschlecht, das den Herrn verwarf, war von Wundern umgeben gewesen, mehr als alle, die vor ihm waren. Jona und seine Predigt waren den Niniviten ein Zeichen gewesen, und zu einer früheren Zeit war Salomo mit seiner Weisheit ein Zeichen für die Königin des Südens gewesen, und wie eindrucksvoll waren die Auswirkungen. Doch Jesus wurde verworfen.
Dennoch steht Jesus unendlich über ihnen allen. In unserem Kapitel nennt Er sich selbst "größer als der Tempel", "mehr als Jonas", "mehr als Salomon". Der Hinweis ist beachtenswert, dass sowohl Jona als Salomo Zeichen für die Nationen waren. Obwohl sie Diener Gottes in Israel waren, drang ihr Ruhm bis zu dem nördlichen Ninive bzw. dem südlichen Scheba. Diese Heiden hatten Ohren zu hören und Herzen, die der Anerkennung Raum gaben, aber diese pharisäischen Juden, die unseren Herrn umgaben, waren verblendete und erbitterte Widersacher bis zu dem Punkt, wo sie diese unvergebbare Sünde begingen.
Was würde das Ende dieses ungläubigen Geschlechts sein? Der Herr sagt es uns in den Versen 43–45. Der böse Geist des Götzendienstes, der sie in ihrer früheren Geschichte beherrscht hatte, war in der Tat von ihnen ausgefahren. Christus, der ihnen den wahren Gott offenbart hatte, hätte das Haus in Besitz nehmen sollen; aber Ihn verwarfen sie. Die Folge davon würde die Rückkehr jenes bösen Geistes sein, und zwar mit noch sieben anderen Geistern, böser als er selbst. Dieses Wort unseres Herrn wird in den letzten Tagen unter dem Antichristen in Erfüllung gehen. Das ungläubige Geschlecht der Juden wird das Bild des Tieres anbeten und von der furchtbaren Gewalt satanischer Mächte unterjocht werden. Wenn das Gericht hereinbricht, werden diese abtrünnigen Juden, auf die es fallen wird, schlimmer sein als alle, die ihnen vorangingen. Gleiches wird, so glauben wir, auch auf die heidnischen Nationen zutreffen.
Das Kapitel schließt mit der bezeichnenden Begebenheit, die die Mutter Jesu und Seine Brüder angeht. Tatsächlich kamen sie in einer verkehrten Gesinnung, wie wir aus Markus 3,21.31 sehen können. Doch darum geht es hier nicht. Vielmehr nimmt der Herr ihr Kommen zum Anlass, um eine rein natürliche Beziehung nicht mehr anzuerkennen und zu zeigen, dass künftig nur noch eine Beziehung geistlicher Art zählen wird. In dieser bildlichen Weise setzte Er für den Augenblick die alte Verbindung, die dadurch bestand, dass Er als Sohn Abrahams und als Sohn Davids gekommen war, beiseite und zeigte, dass die jetzt anzuerkennende Verbindung nur im gehorsamen Tun des Willens Gottes besteht. Als Volk hatten die Juden Ihn verworfen, und jetzt verleugnet Er sie. Er anerkennt Seine Jünger als solche, die in einer wahren Beziehung zu Ihm stehen; denn, obwohl sie schwach waren, hatten sie doch angefangen, den Willen Seines Vaters in den Himmeln zu tun.
Kapitel 13
Am Anfang des Kapitels fällt auf, wie der Herr damit fortfährt, Seinen Worten Taten folgen zu lassen. Er verlässt die Enge des Hauses und geht hinaus ins Freie und an den See, der symbolisch die Nationen abbildet. Dort beginnt Er die Volksmenge von einem Schiff aus zu lehren, indem Er in Gleichnissen zu ihnen spricht. Dieses Kapitel enthält sieben Gleichnisse. Beginnen wir damit, dass wir einen Ausdruck beachten, den Er in Vers 52 gebraucht, "Neues und Altes". Das wird uns helfen, dem Gedankengang der Gleichnisse zu folgen. Altes wird erwähnt, das Reich der Himmel zum Beispiel, das im Buch Daniel vorausgesagt war, doch Neues ist vorherrschend. Wir wollen auf vier neue Dinge hinweisen, bevor wir die Gleichnisse Punkt für Punkt betrachten. Erstens bedient Er sich einer neuen, und zwar der gleichnishaften Form der Unterweisung. Diese neue Methode fiel den Jüngern auf, wie Vers 10 zeigt. Zweitens zeigte Er in dem ersten Gleichnis eine neue Art göttlichen Wirkens an. Statt nach Frucht auszuschauen, durch Gesetz und Propheten auf dem Ackerfeld Gottes gewirkt, schickte Er sich an, das Wort zu säen, um dadurch Frucht hervorzubringen. Drittens macht Er Entwicklungen deutlich, die dem Ausdruck "Reich der Himmel" eine neue Bedeutung geben. Viertens verkündet Er neue Offenbarungen, indem Er Seinen Mund öffnet, um auszusprechen, "was von Grundlegung der Welt an verborgen war wie es Vers 35 sagt.
Das erste Gleichnis steht für sich, und wenn wir dies nicht verstehen, werden wir die anderen auch nicht verstehen. Das große Werk war nun, das "Wort vom Reich" in die Herzen der Menschen zu säen. Dabei wird dem Juden keine besondere Stellung mehr eingeräumt. Jesus sagt in Vers 19: "So oft ,jemand ... hört" – das öffnete die Tür für jeden Hörer des Wortes, wer er auch sein mochte. Doch es war nötig, mit Verständnis zu hören. Sich dagegenstellen – dahinter stehen die Rührigkeit des Teufels, die Wankelmütigkeit des Fleisches und die Sorgen und Reichtümer der Welt. Doch von einigen Menschen wird das Wort aufgenommen, und sie bringen in unterschiedlichem Maße Frucht. Diese Art göttlichen Wirkens dauert noch an. Sie kennzeichnet die Zeit, in der wir leben. Das Christentum ist nicht gegründet auf das, was im Menschen ist, sondern auf das, was es durch Gottes Kraft hervorbringt.
Den Jüngern gab der Übergang zu einem Gleichnis zu denken. Auf ihre Frage hin erklärte Er, dass Er diese Form der Unterweisung gewählt habe, um die Geheimnisse des Reiches der Himmel vor der Masse der Ungläubigen zu verbergen und sie allein denjenigen zu offenbaren, die glaubten. Solche, die den Herrn im Unglauben verwarfen, hatten ihre Augen vor der Wahrheit verschlossen. Nun sprach Er in Gleichnissen zu ihnen und überließ sie ihrem Unglauben. So sollte die Weissagung Jesajas an ihnen erfüllt werden, eine Weissagung, die auch Johannes in seinem Evangelium (12,40) erwähnt und die ein drittes und letztes Mal von Paulus im letzten Kapitel der Apostelgeschichte angeführt wird. Sie bezeugt das Walten Gottes in Seinen Regierungswegen. Für Gläubige sind die Gleichnisse überaus lehrreich und, wie Vers 17 sagt, machten sie die Jünger mit Dingen bekannt, die von Propheten und gerechten Männern früherer Tage längst ersehnt, aber nie gesehen worden waren.
Doch selbst die Jünger bedurften einer Erklärung, wie sie der Herr ihnen auch gab, damit sie das Gleichnis vom Säemann verstünden. Danach verkündete Er vor den Ohren der Volksmenge drei weitere Gleichnisse. Erst nachdem die Volksmenge entlassen war und Er sich mit Seinen Jüngern in ein Haus zurückgezogen hatte, erläuterte Er auch das zweite Gleichnis. Es ist deshalb offensichtlich, dass die ersten vier Gleichnisse öffentlich gesprochen wurden und dass sie sich mit der äußeren Offenbarung des Reiches befassen, wogegen die letzten drei Gleichnisse in vertraulichem Kreis mitgeteilt wurden und von seiner inneren und mehr verborgenen Wirklichkeit handeln.
Wie schon gesagt, gibt uns das erste Gleichnis den Schlüssel zu allen übrigen. Es zeigt uns, dass das Reich aufgerichtet werden wird als Ergebnis davon, dass das "Wort vom Reich" gesät wird, es ist nicht die Frucht des Gehorsams dem noch bestehenden Gesetz Moses gegenüber. Nachdem diese Tatsache bewiesen ist, sprechen alle anderen Gleichnisse davon, wem das Reich der Himmel gleich ist, und jedes der sechs Ebenbilder stellt Merkmale vor, die im Licht der alttestamentlichen Schriften nicht hatten vorausgesehen werden können. Dort war das Reich in seiner Herrlichkeit geschaut worden, aber hier finden wir, dass es einen neuen Charakter annehmen soll, in dem es zunächst bestehen wird, bevor es zu seiner Herrlichkeit kommt.
Das zweite Gleichnis handelt vom Unkraut unter dem Weizen. Während das Reich dadurch besteht, dass der Sohn des Menschen den guten Samen sät, tritt auch der Teufel als ein Säemann auf, und seine Söhne werden mitten unter den Söhnen des Reiches gefunden. Damit wird die Tatsache deutlich, dass bis zur Stunde des Gerichts, wenn der Herr alles Böse aus dem Reich verbannen wird, eine Vermischung besteht, um es mit einem Wort zu sagen. Es sei daran erinnert, dass in diesem Gleichnis der Acker "die Welt" (V. 38) ist. So ist hier durchaus nicht an die Kirche zu denken, als wäre sie ein Bereich, wo die Söhne des Bösen notwendigerweise geduldet werden müssten. "Das Reich" bezeichnet einen Bereich, der umfassender ist als "die Kirche", und es ist nicht möglich, die Dinge in der Welt zu entwirren, bis der Herr kommt. Dann, in der Vollendung des Zeitalters, werden durch den Dienst von Engeln die Bösen verbrannt werden.
Der Weizen soll in die Scheune gesammelt werden. In Seiner Erklärung geht der Herr weiter und sagt von den Gerechten, dass sie im Reich ihres Vaters leuchten werden wie die Sonne. Indem der Herr dieses Bild benutzt, versetzt Er die Heiligen in eine himmlische Stellung, und so sind wir nicht überrascht, wenn wir später die himmlische Berufung völlig offenbart finden. Es ist interessant zu beachten, dass der Herr in diesem Gleichnis vom "Reich der Himmel", vom "Reich des Sohnes des Menschen" und vom "Reich ihres Vaters" spricht; Er zeigt dadurch, dass es sich um ein und dasselbe Reich handelt, wie immer es auch bezeichnet werden mag. Es bietet indessen verschiedene Seiten, wenn wir so sagen dürfen, die darum auch unterschiedlich betrachtet werden können.
Das dritte Gleichnis handelt vom Senfkorn und stellt vor, dass das Reich durch eine Entwicklung gekennzeichnet ist. Es wird wachsen und vor den Augen der Menschen eindrucksvoll in Erscheinung treten, aber auch bösen Werkzeugen Unterschlupf gewähren – denn wenn der Herr "die Vögel" aus dem ersten Gleichnis erklärt, sagt Er, "dann kommt der Böse", und wir wissen, wie Satan durch menschliche Werkzeuge wirkt.
Das vierte Gleichnis ist in einem Vers (33) zusammengefasst und zeigt – wir hätten es nach dem vorangegangenen erwarten können –, dass das Reich nach und nach von Verderben durchdrungen werden wird. Der Sauerteig wird in der Schrift durchweg als ein Bild für etwas gebraucht, das eine verderbliche Wirkung hat. Hier ist die einzige Stelle, wo einige Ausleger möchten, dass er etwas Gutes bedeutet. Nun, das kommt daher, weil sie ein Auslegungssystem vertreten, das eine solche Sinngebung erfordert. Sie glauben nämlich, dass das Evangelium die Welt allmählich mit dem Guten durchsetzen wird. Dass sie hier der Bedeutung von Sauerteig plötzlich Gewalt antun, hätte sie dahingehend warnen sollen, dass ihre Gedanken, die das verlangen, falsch sind.
Der Herr belehrt uns hier also, dass das Reich, vom Menschen aus betrachtet, eine Form annehmen wird, deren Merkmale Vermischung und Entwicklung sind, bis zu einer eindrucksvollen Institution auf der Erde, in der böse Werkzeuge zu Hause sind, und als Folge davon wird es in einem fortschreitenden Prozess vom Bösen völlig durchsetzt werden. Er sprach in der Tat als Prophet, denn genau das, was Er voraussagte, ist in jenem Teilgebiet der Erde geschehen, wo dem Bekenntnis nach anerkannt ,wird, dass die Himmel herrschen.
In der Zurückgezogenheit des Hauses teilt der Herr den Jüngern drei weitere Gleichnisse mit. Darin haben wir das Reich, wie es von göttlicher Warte aus gesehen wird, und wenn unsere Augen gesalbt sind, werden auch wir darin sehen, was Gott sieht. Zuerst werden wir sehen, dass es da etwas von verborgenem Wert gibt. Der "Acker" ist auch hier noch die Welt, und der Herr hat ihn gekauft in der Absicht, den darin verborgenen Schatz zu erlangen. Dieser Kauf ist nicht dasselbe wie Erlösung, denn böse Menschen mögen so weit gehen, dass sie "den Gebieter verleugnen, der sie ei–kauft hat" (2. Petr 2,1). Sie waren erkauft, aber nicht erlöst, sonst würden sie sich nicht "schnelles Verderben" zuziehen. Das Reich wird aufgerichtet, um den in der Welt verborgenen Schatz sicherzustellen.
Es folgt das Gleichnis von der einen sehr kostbaren Perle. In dem Reich, wie es heute existiert, kann sie gefunden und gekauft werden, und in den Augen Gottes besitzt sie eine einzigartige Vollkommenheit. Ohne Zweifel haben wir hier in einem Bild das, wovon der Herr in Kapitel 16 als von "meiner Versammlung" sprechen wird. Es ist wahr, Er hat den Acker gekauft, aber Er hat auch die Perle gekauft, und um das zu tun, stellt Er sich selbst in beiden Fällen als der vor, der alles verkaufte, was Er hatte. Im Geist von 2. Korinther 8,9 gab Er alles auf, um Sein Ziel zu erreichen. Wir können Christus nicht kaufen, indem wir "alles" verkaufen, denn unser "alles" hat keinen Wert. Aber es geht um das, was Er für uns getan hat, was Er erringen wird in dem Reich der Himmel in seiner gegenwärtigen geheimnisvollen Form.
Schließlich ist das Reich gleich einem Netz, in dem Fische aus dem Meer der Nationen gesammelt werden. Von jeder Gattung werden sie zusammengebracht, aber dann findet eine sorgfältige Auswahl statt. Es besteht eine Ähnlichkeit mit dem Gleichnis vom Weizen und dem Unkraut, insofern, als Aussonderung ein Werk der Engel in der Vollendung des Zeitalters ist. Die Bösen werden von den Gerechten getrennt und in den Feuerofen geworden. Aber es besteht auch ein auffälliger Unterschied, denn in dem früheren Gleichnis waren die Bösen in der Welt, weil der Feind dort gesät hatte, während hier das "Wort vom Reich", einem Netz gleich, unter die Nationen ausgeht, und Menschen aller Art bekennen, es angenommen zu haben. Doch am Ende des Zeitalters wird eine Unterscheidung durchgeführt werden. Die wahrhaft Auserwählten Gottes werden eingebracht und die Bösen verworfen werden.
Es ist wichtig, und wir sollten es uns immer vor Augen halten, wie das Reich in göttlicher Sicht erscheint. Als Ergebnis der Verwerfung des wahren Sohnes Davids und Seiner darauf folgenden Abwesenheit, indem Er im Himmel ist, hat es diesen besonderen Charakter angenommen. Trotz der Vermischung und des Verderbens, die es äußerlich kennzeichnen werden, geht das eigentliche Werk Gottes weiter und wird dazu führen, dass dem Herrn der verborgene Schatz, die sehr kostbare Perle und all die guten Fische aus dem Netz gehören werden. Haben wir das alles begriffen? Die Jünger meinten, dass sie gut verstanden hätten; doch später, als sie den Geist empfangen hatten, mögen sie entdeckt haben, wie wenig es anfänglich war. Auch wir merken zweifellos, wie wenig wir verstanden haben, denn das Reich in seiner gegenwärtigen Form wird nicht so leicht erfasst, wie es einmal bei seiner unverhüllten, öffentlichen Darstellung der Fall sein wird. Es herrschen jene Dinge vor, die in alttestamentlicher Sicht gänzlich neu sind, deshalb lesen wir "Neues und Altes", nicht "Altes und Neues". Der Nachdruck liegt auf dem "Neuen'.
Am Schluss des Kapitels finden wir Jesus zurückgekehrt in Seine Vaterstadt in Galiläa, aber Er fand dort zu der Zeit keinen Glauben. Sie sahen in Ihm weder Emmanuel noch den Sohn Abrahams, noch den Sohn Davids. Für sie war Er nur der Sohn des Zimmermanns, dessen Verwandten sie so gut kannten. Ihr ungläubiges Bekanntsein mit Ihm ließ sie sich an Ihm ärgern. Seine Macht war unvermindert, doch ihr Unglaube schränkte ihre Ausübung ein, ebenso wie der Unglaube Joas', des Königs von Israel, seine Siege begrenzte (siehe 2. Kön 13,14–19).
Kapitel 14
Zu jener Zeit, so berichtet uns der erste Vers, "hörte Herodes ... das Gerücht von Jesu". Während Er in Nazareth keine Anerkennung findet, dringt Sein Ruhm bis zu den Ohren jenes gottlosen Mannes und trifft, wie es scheint, sein abgestumpftes Gewissen. Es ist bemerkenswert, dass er dachte, Johannes wäre von den Toten auferstanden, weil wir ein Wort des Paulus an einen späteren Herodes haben: "Warum wird es bei euch für etwas Unglaubliches gehalten, wenn Gott Tote auferweckt?" (Apg 26,8). Von einem schuldbeladenen Gewissen wurde hier beschworen, was sie nicht glauben konnten, als es geschehen war.
Dies veranlasst Matthäus, uns die Geschichte vom Märtyrertum des Johannes zu erzählen, die nur kurze Zeit zurücklag. Das treue Zeugnis des Johannes hatte den Zorn des Herodes und die Rache der Herodias geschürt, und der Vorläufer unseres Herrn starb als Folge eines gottlosen Eides. Herodes verletzte das Gesetz Gottes, um die Glaubwürdigkeit seines eigenen Wortes aufrechtzuerhalten. Ein solcher Mann regierte über einen großen Teil des jüdischen Volkes – wahrlich eine Züchtigung wegen ihrer überströmenden Sünde.
Nun hatte Johannes immer treu auf Jesus hingewiesen, und das Volk bestätigte, dass alles, "was Johannes von diesem gesagt hat, wahr war (Joh 10,41), obwohl er kein Zeichen tat. Weil Johannes Jesus gegenüber so treu war, wussten seine Jünger, was sie zu tun hatten, als er so plötzlich abtreten musste. Sein Leib wurde ihnen überlassen, und nachdem sie ihn begraben hatten, kamen sie und "verkündeten es Jesus". Johannes war die brennende und scheinende Lampe, während Jesus das Licht war, das, in die Welt kommend, jeden Menschen erleuchtet. Die Lampe erlosch, und so wandten sie sich zu dem großen Licht und fanden dort Trost.
Als Jesus es hörte, zog Er sich an einen öden Ort zurück. Markus zeigt uns, dass gerade um diese Zeit Seine Jünger von ihrem Missionsauftrag zu Ihm zurückgekehrt waren. Eine Zeit der Einsamkeit und der Ruhe war zu diesem Zeitpunkt sowohl für den Meister, für Seine Jünger wie auch für die traurigen Jünger des Johannes angebracht, falls sie, was wahrscheinlich ist, Ihn begleiteten.
Die Volksmengen jedoch folgten Ihm nach wie vor, und Er stillte ihre Bedürfnisse. Wie immer war Er ihrethalben innerlich bewegt. Die Gleichgültigkeit Nazareths und die Bosheit des Herodes hatten Ihn nicht verändert. Lasst uns tief und lange nachsinnen über das unwandelbare Mitleiden im Herzen Christi. Gepriesen sei Sein Name!
Nicht der Herr, sondern die Jünger schlugen vor, dass die Volksmengen entlassen würden, um für sich zu sorgen. Sein Mitgefühl hielt sie zurück, und Er befahl den Jüngern, ihnen zu essen zu geben. Das war eine Prüfung für die Jünger, die ans Licht brachte, wie wenig sie sich der Kraft ihres Meisters bewusst waren. Sie sollten noch entdecken, dass es Seine Weise war, die winzigen Hilfsquellen, die sie in Händen hatten, zu benutzen und sie zu vermehren, bis davon übrig blieb. Der Prophet hatte angekündigt, dass Jehova Seine Ruhe in Zion finden würde und dass dann Sein Wort eintreffen würde: "Seine Speise will ich reichlich segnen, seine Armen mit Brot sättigen" (Ps 132,15). Jehova war jetzt in der Person Jesu unter Seinem Volk, und obwohl es zu jener Zeit für Ihn noch keine Ruhe in Zion gab, stellte Er doch unter Beweis, was Er diesen fünftausend Menschen, die Frauen und Kinder nicht mitgerechnet, tun konnte. Er spendete himmlische Gaben, daher blickte Er zum Himmel auf, als Er sie segnete.
An diesem Punkt lasst uns die Lage überdenken, wie dieses Evangelium sie darstellt. Er war von der Nation endgültig verworfen, ihre Führer waren soweit gegangen, die unvergebbare Sünde zu begehen, Seine Werke der Macht des Teufels zuzuschreiben. Als Folge davon hatte Er symbolisch Seine Beziehung zu ihnen abgebrochen. So haben wir es in den Kapiteln 11 und 12 gesehen. Dann sprach Er in Kapitel 13 die Gleichnisse, die neue Entwicklungen hinsichtlich des Reiches der Himmel enthüllen. Am Schluss des Kapitels finden wir, dass die Leute Seiner eigenen Vaterstadt in Ihm nichts erkannten, außer dass Er der Sohn des Zimmermanns war. Kapitel 14 begann damit, dass Herodes Seinen Vorläufer tötete, so dass Seine Zurückweisung von allen Seiten kaum vollständiger sein konnte. Trotz alledem erleben wir bis zum Ende des Kapitels zwei gewaltige Tatsachen: Erstens beweist Er mein– als ausreichende Hilfe angesichts menschlicher Not, seien es die Bedürfnisse einer Volksmenge oder die Schwachheit der Jünger. Zweitens zeigt Er sich mehr als ei–haben über die Macht des Widersachers. Er wandelt nicht nur selbst auf sturmbewegten Wassern, sondern befähigt auch einen schwachen Jünger, es Ihm nachzutun.
Während der Nacht war Er im Gebet auf dem Berg gewesen, und die Jünger hatten sich im Kampf mit widrigen Umständen abgemüht. Gegen Morgen näherte Er sich ihnen, wandelnd auf den Wogen. In dem früheren Ereignis auf dem See (Kap. 8) hatte Er sich mächtig erwiesen, den Sturm zu stillen, weil Seine Macht allem teuflischen Wüten überlegen war. Jetzt zeigt Er Seine absolute Obergewalt. Der Sturm bedeutete Ihm einfach nichts. Er brachte die Jünger in höchste Bedrängnis, doch hier war der, von dem gesagt worden war: "Im Meere ist dein Weg, und deine Pfade in großen Wassern, und deine Fußstapfen sind nicht bekannt" (Ps 77,19). Seine Gegenwart brachte ihnen guten Mut, selbst als der Sturm noch tobte. Als Er ins Boot stieg, legte sich der Wind.
Doch der Herr vermochte noch mehr, als ihnen guten Mut zuzusprechen, und es war Petrus, der es zuerst erkannte: Er kann andere sich ähnlich machen. Das hatte für Petrus zur Folge, dass er aus dem Schiff stieg, jedoch nur auf das gebietende Wort hin "Komm!" Es verbürgte zugleich die Tatsache, dass wirklich der Herr selbst nahe gekommen war. In der vollen Gewissheit, dass Er es sei, stieg Petrus kraft Seines Wortes aus und wandelte auf dem See. Wir können darin ein Bild sehen von dem, was sich bald ereignen sollte. Das Jüdische System, das zu einem großen Teil aus dem "Gesetz der Gebote in Satzungen" (Eph 2,15) bestand, glich einem Schiff, das Menschen "nach dem Fleisch" angemessen war. Als Ergebnis Seines Kommens sollten die Jünger aus jenem "Schiff" aussteigen und einen Pfad reinen Glaubens betreten. Deshalb anbefahl Paulus, als er von den Ältesten von Ephesus Abschied nahm, sie nicht einer Sammlung von Gesetzen, noch einer Institution oder Organisation, sondern "Gott und dem Wort seiner Gnade". Daher auch die Aufforderung in Hebräer 13, "außerhalb des Lagers" hinauszugehen. Petrus befand sich "außerhalb des Schiffes", Christus war sein Ziel, und Sein Wort war für ihn Autorität. Die christliche Stellung ist außerhalb des Lagers mit Gott und dem Wort Seiner Gnade.
Doch der Glaube des Petrus war schwach, und als er von seinem Meister weg auf den heftigen Wind sah, fürchtete er sich und begann zu sinken. Trotzdem, er hatte Glauben, denn in der höchsten Not rief er auf einmal den Herrn an und wurde so aufrecht gehalten. Beide zusammen erreichten das Schiff, und sofort legte sich der Wind. Aus dem Johannesevangelium erfahren wir, dass das Schiff sogleich das Land erreichte. Petrus war völlig unlogisch in seinen Ängsten, denn es ist für uns genauso unmöglich, auf ruhiger Wasserfläche zu gehen wie auf sturmbewegter. Doch wir alle sind ihm ähnlich, wenn Kleinglaube unsere Herzen erfüllt. Ein Glaube, der allein auf Christus blickt, ist stark. Ein Glaube, der mit den Umständen beschäftigt ist, ist schwach.
Über das Versagen des Petrus wird manchmal zuviel gesprochen und zu wenig über das, wozu die Kraft des Christus ihn trotz geringen Glaubens befähigte. Schließlich ist er nicht versunken. Er begann nur zu sinken, und dann erreichte er, nicht aus eigener Kraft, den Herrn und kam mit Ihm zu dem Schiff zurück. Kein anderer Mensch hat dergleichen getan, und sein kurzes Versagen machte nur offenbar, dass es die Kraft seines Herrn war, die ihn hielt, so dass alle übrigen Jünger Ihn als den Sohn Gottes anbeteten. Sie empfingen einen flüchtigen, aber doch starken Eindruck Seiner Herrlichkeit, und nach ihrer Ankunft im Land Genezareth anerkannten die Leute sowohl Seine Gnade als auch Seine Macht. Die Leidenden kamen in Scharen zu Ihm, und ihre glaubensvollen Erwartungen waren berechtigt, denn so viele Ihn berührten, wurden völlig geheilt. Wahre göttliche Heilung ist hundertprozentig in hundert Prozent aller Fälle! Wirklich, ein wunderbarer Stand der Dinge!
Kapitel 15
In diese liebliche Szene brachen Schriftgelehrte und Pharisäer aus Jerusalem ein, um sich zu beklagen und die Frage zu stellen, warum die Jünger ihre Hände nicht waschen und somit gegen die Überlieferung der Ältesten verstoßen. Vergegenwärtigen wir uns diese Situation! Hier ist der Sohn Gottes, der in der Fülle göttlicher Gnade allenthalben Heilungen gewährt, und da kommen diese Männer, die völlig blind sind gegenüber all dem, was geschieht, und wollen eine Frage der äußeren Ordnung geklärt haben. Verblendet durch gesetzliches Formenwesen, haben sie jede Wahrnehmung für das mächtige Wirken göttlicher Gnade verloren. Eine solche Geistesverfassung könnte uns unglaublich erscheinen, wenn wir nicht auch heute dieselben Merkmale einer pharisäischen Haltung beobachteten, die sich nach wie vor mit Streitpunkten dieser Art beschäftigt, die auf Überlieferung und allgemeinem Brauch beruhen, aber nicht auf das klare und deutliche Wort Gottes gegründet sind.
Die Antwort, die der Herr diesen Männern gibt, betont den Unterschied zwischen "dem Gebot Gottes" und "eurer Überlieferung" (V. 3). Diese Überlieferungen der Ältesten waren Erklärungen, ausführliche Erläuterungen und Folgerungen, die durch verehrte Lehrer früherer Zeit vom Gesetz abgeleitet worden waren. Sie beherrschten das Denken der Pharisäer, verdunkelten jedoch das eigentliche Gesetz Gottes, und das so weitgehend, dass man das Gesetz übertrat, um die Überlieferung zu halten. Der Herr legte ihnen das zur Last und illustrierte es anhand des fünften Gebotes. Ihre Überlieferung bezüglich der Gaben, die angeblich für Gott bestimmt waren, machte jenes Gebot völlig zunichte. Der "fromme" und "orthodoxe" Jude unserer Tage füllt seinen Geist mit dem Talmud, der aus diesen Traditionen zusammengestellt ist. Er ist wie ein Schleier, der ihnen den Sinn des wahren Wortes Gottes verhüllt.
Lasst uns Acht haben, dass wir nicht in denselben Fallstrick geraten. Wir können uns dankbar der Belehrungen von Dienern Gottes bedienen, und wenn wir sie recht nutzen, führen sie uns zum Urquell zurück, und das ist die Schrift selbst. Es würde nicht schwer sein, die Belehrungen der besten Diener Gottes in eine Art Talmud umzuwandeln. Aber dann würden sie für uns gleichsam eine Nebelwand sein, hinter der das reine Wort Gottes verborgen wäre, gleichwie der Talmud vor dem jüdischen Verständnis die wahre Bedeutung des Alten Testaments verbirgt.
Diese unheilvolle Verkehrung, die ohnehin von den Pharisäern bis zum äußersten getrieben wurde, erfuhr durch den Herrn eine schonungslose Entlarvung. Sie waren Heuchler, und Er sagte es ihnen geradeheraus. Sie fielen unter das vernichtende Urteil Jesajas, denn dieser Typ von religiöser Bosheit ist immer bei Menschen zu finden, deren Herz weit von Gott entfernt ist und die Ihn dennoch mit ihren Lippen ehren, während sie eigene Regeln und Gebote an die Stelle Seines Wortes setzen. Alle solche vorgebliche Anbetung ist leer und vergeblich. Doch kann auch heutzutage ein wahrer Gläubiger leicht darin verstrickt werden.
Nachdem der Herr den Pharisäern den Spiegel vorgehalten hatte, wandte Er sich zu dem Volk, um sie vor dem Irrtum zu warnen, der dieser Heuchelei zugrunde lag – der Annahme, dass eine Verunreinigung des Menschen von außen her erfolgt, als ob sie physikalischer Art wäre. Vielmehr entsteht sie im Innern und ist geistlicher Art. Was den Menschen verunreinigt, kommt aus seinem Mund und tut kund, was in seinem Herzen ist. Das menschliche Herz ist die eigentliche Quelle alter Verunreinigung. Eine ernste Tatsache! Die Pharisäer ärgerten sich natürlich über eine solche Unterweisung, die alle ihre zeremoniellen Regeln an der Wurzel traf, aber das zeigte nur, dass sie keine Pflanzen der Pflanzung Gottes waren. Sie würden ausgerottet werden, das würde ihr Ende sein. Sie waren blind für sich selbst und führten noch andere, die auch blind waren, in die Irre. In Seinen Regierungswegen würde Gott mit ihnen handeln. Die Jünger sollten ihnen nichts erwidern, sondern sie in Ruhe lassen.
Doch was der Herr soeben gesagt hatte, befremdete sogar die Jünger. Petrus meinte, dass es sich um ein Gleichnis handele, und erbat eine Erklärung. Daraufhin musste der Herr sie rügen, tat es aber in einer milden Form. Es war eine Tatsache, dass keiner von ihnen, selbst nicht der beste, über den Buchstaben des Gesetzes mit seinen Opfern und zeremoniellen Vorschriften weit hinaussah, weshalb sie auch nur ein sehr geringes Verständnis für seine überführende Kraft hatten. Auch ihr Augenmerk ging auf das, was in ihren Mund einging, um sich nach der Gesetzesvorschrift rein zu halten. Wenn man aber das Gesetz geistlich versteht, dann zielt es auf den Zustand des Herzens, wie der Herr in Seiner Rede auf dem Berg gezeigt hatte. Die bösen Dinge in Vers 19 gehen aus dem Herzen hervor, und es ist bezeichnend, dass böse Gedanken diese Auflistung anführen, denn damit beginnt alles. So entlarvte der Herr das Böse, das sich im Herzen des Menschen vorfindet.
Im Fall der kanaanäischen Frau fuhr der Herr fort, die Güte im Herzen Gottes zu offenbaren. Göttliche Gnade war bereit, sich uneingeschränkt zu ergießen, und das ohne Ansehen von Personen, so dass der Heide ebenso wie der Jude sie empfangen konnte. Nur eins war nötig bei dem Empfänger: ein aufrichtiges Herz! Die Frau nun sprach Jesus als Sohn Davids an, um ihre Bitte um Erbarmen vorzubringen. Sie kam, als ob sie dem Volk Israel angehörte. Vielleicht dachte sie, dass dann ihre Aussicht auf Erhörung größer sei. Aber darin lag eine Spur von Unaufrichtigkeit, und deshalb antwortete er ihr "nicht ein Wort".
Aber wenn sie auch nicht ganz aufrichtig war, bewies sie doch einen so ernsten, beharrlichen Glauben, dass die Jünger wegen ihres Schreiens für sie eintraten und daraufhin der Herr die Worte von Vers 24 sprach, die ihren Fehler deutlich machten. Jetzt bat sie nur noch aus ihrer Not heraus und sagte: "Herr, hilf mir!" Und das ergab noch eindringlichere Worte des Herrn. Er war zu dem Haus Israel gesandt, das geistlicherweise verloren war, dennoch waren sie in der Stellung von Kindern, während die Heiden in der Stellung von Hündlein waren, unrein und außerhalb des Bereichs, mit dem Gott in Verbindung stand. In der Tat, das war ein Prüfstein! Würde sie die letzte Spur einer Verstellung fallenlassen und demütig diesen Platz einnehmen?
Genau das tat sie in eindrucksvoller Weise. Ihre Antwort in Vers 27 besagte eigentlich: "Gewiss bin ich nur eine Heidin, doch unter den Menschen ist genügend Überfluss, dass auch die Hündlein fressen können, und ich bin sicher, dass Gottes Herz nicht enger ist als das der Menschen." In dieser Antwort entdeckte der Herr sogleich einen großen Glauben, den Er anerkannte, und erfüllte ihren Wunsch. Zum zweiten Mal nahm der Herr großen Glauben wahr und stellte ihn heraus. In beiden Fällen – bei dem Hauptmann in Kapitel 8 und hier – waren es Heiden, die ihn bewiesen, und bei beiden war er eng verbunden mit Selbstverurteilung. "Ich bin nicht würdig", sagte der Hauptmann. "Ich bin nur ein Hündlein", sagte die Frau hier eigentlich. So ist das immer: Eine hohe Meinung von sich selbst ist gepaart mit schwachem Glauben und eine demütige Gesinnung mit starkem Glauben. Lasst uns untersuchen und sehen, ob das geringe Maß unseres Glaubens sich nicht aus der gleichen Ursache erklärt.
Das Herz Gottes war in der Tat größer, als die Frau es sich vorstellte. Obwohl sie nur ein Hündlein war, empfing sie doch eine große Krume von dem Tisch, doch in Kürze würde das ganze Festmahl den Hündlein angeboten werden. Nichts anderes besagt die Mitteilung des Apostels Paulus in Apostelgeschichte 28,28. Doch es musste sich noch viel ereignen, bevor diese Mitteilung gegeben werden konnte. In unserem Evangelium sehen wir die Anfänge dieses wunderbaren Übergangs. Bis zum Ende unseres Kapitels werden wir noch weitere eindrucksvolle Kundgebungen des Herzens Gottes sehen. Das Erbarmen, das eine heidnische Frau segnete, war gleicherweise den leidenden Volksmengen Israels zugewandt. Sie brauchten Ihm nur ihre Notleidenden zu bringen und sie Ihm zu Füßen zu werfen, und Er heilte sie in einer Weise, dass ihre Gedanken auf den Gott Israels gelenkt wurden und sie Ihn verherrlichten.
Diese Machtentfaltung, die in göttlichem Erbarmen geschah, war so anziehend, dass die Volksmengen viel länger bei Ihm blieben, als mitgebrachte Verpflegung ausreichte, und im Blick auf ihre Notdurft offenbarte Jesus wiederum das Mitgefühl des Herzens Gottes. Es ergab sich eine ähnliche Situation, wie sie noch im vorigen Kapitel berichtet wurde, doch offensichtlich hegten die Jünger keinerlei Erwartung, dass der Herr ebenso handeln würde, wie Er zuvor getan hatte. Sie veranschaulichen uns unseren eigenen Mangel an Glauben. Es ist ziemlich leicht, sich zu erinnern, wie der Herr in vergangenen Tagen geholfen hat; aber es ist etwas anderes, heute auf Sein Handeln zu rechnen in der Gewissheit, dass Er immer derselbe ist. Doch Mangel an Glauben auf unserer Seite ist kein unüberwindliches Hindernis zum Handeln auf Seiner Seite. Und wieder knüpfte Er an ihre geringfügigen Vorräte an und vermehrte sie über alle ihre Bedürfnisse hinaus. Wieder war für alle Speise da, und das im Überfluss. Von der Art ist das Mitgefühl des Herzens Gottes.
Kapitel 16
Die Pharisäer erneuerten jetzt ihren Angriff und verbanden sich zu diesem Zweck mit ihren alten Feinden, den Sadduzäern. Das "Zeichen aus dem Himmel" war bloß eine Finte, da das etwas war, dem die Sadduzäer bei ihrer materialistischen Geisteshaltung nie zustimmen würden. Als Antwort wies der Herr darauf hin, dass sie die sichtbaren Wettererscheinungen des Himmels ganz gut beurteilen könnten, doch blind seien für die "Zeichen der Zeiten", die zu ihrem Verständnis eine geistliche Unterscheidungsfähigkeit voraussetzten. Weil sie "böse und ehebrecherisch" waren, hatten sie kein geistliches Wahmehmungsvermögen, und deshalb blieben solche von Gott gegebenen Zeichen für sie ohne Nutzen. Und wie Er zuvor gesagt hatte (12,39), würde nur "das Zeichen des Propheten Jonas" übrig bleiben, nämlich Sein eigener Tod und Seine Auferstehung. Und mit diesem Wort verließ Er sie. Als dieses große Zeichen geschah, gebrauchten sie all ihren Scharfsinn und ihr Geld, um es wirkungslos zu machen, wie wir im letzten Kapitel dieses Evangeliums sehen.
Der Herr wandte sich von diesen Menschen ab und richtete sich mit wärmenden Worten an Seine Jünger. Sie sollten sich vor deren "Sauerteig" hüten. Die Jünger verstanden diese Warnung zuerst in materiellem Sinn. Dieses Missverständnis kam auf, weil sie keine Brote mitgenommen hatten. Doch im Licht der Speisung der Fünftausend und der Viertausend hätten sie keinen Gedanken in dieser Richtung haben sollen. Schließlich ging ihnen auf, dass der Herr mit dem "Sauerteig" die "Lehre" meinte. Daher ist offensichtlich, dass, obwohl ein wahrer Jünger niemals Pharisäer oder Sadduzäer sein konnte, er doch von ihren Lehren durchsäuert werden kann, von einer oder auch von beiden.
Der Sauerteig der Pharisäer war jener Typ religiöser Heuchelei, der alles Gewicht auf äußerliche und zeremonielle Verrichtungen legt. Der Sauerteig der Sadduzäer war intellektueller Stolz, der die menschliche Vernunft auf den Stuhl des alleinigen Richters erhebt und die Offenbarung Gottes und den Glauben mit einer Handbewegung abtut. Wie sehr das Christentum von diesen beiden Dingen durchsäuert worden ist, ist heute leider offensichtlich. Der Ritualismus wuchert auf der einen Seite und der Rationalismus oder "Modernismus" auf der anderen, und nicht selten vermischen sich beide, und das Ergebnis ist der rationalistische Ritualist. Die Warnung des Herrn vor beiden wird von dem Apostel Paulus in Kolosser 2 ergänzt. In Vers 8 jenes Kapitels warnt er vor dem Rationalismus, und in den Versen 16.18.20–22 vor dem Ritualismus verschiedenster Formen, und es wird uns gezeigt, wie diese Dinge uns von Christus ablenken und uns daran hindern, "das Haupt festzuhalten".
Es ist bezeichnend, dass in unserem Kapitel die Warnung des Herrn vor beidem unmittelbar vor dem Bericht über Seinen Besuch in Cäsarea Philippi steht und damit auch der Frage, die Er Seinen Jüngern dort stellte, vorausgeht. Dort befand Er sich an der äußersten nördlichen Grenze des Landes, so weit wie möglich von den Aufenthaltsorten der Pharisäer und Sadduzäer entfernt. Wer war Er? Das war die entscheidende Frage. Die Antworten der Menschen waren verschieden und verworren, und es fehlte an Interesse zu einer nüchternen Prüfung. Aber als Er dann die Jünger selbst direkter mit der Frage konfrontierte, war Petrus in der Lage, von Gott gelehrt, eine klare Antwort zu geben, die den Felsen ins Licht rückte, auf dem die Versammlung erbaut werden sollte. Kolosser 2 zeigt uns, wie der Sauerteig sowohl der Pharisäer wie der Sadduzäer die Stellung der Kirche und den Glauben untergräbt. In Matthäus 16 warnte der Herr Seine Jünger vor beidem, bevor Er zum ersten Mal die Versammlung ankündigt, die Er bauen würde.
Simon Petrus war ein gesegneter Mann. Gott selbst im Himmel, von dem Jesus als "mein Vater" sprach, hatte ihm eine Offenbarung gegeben, die niemals von einem Menschen hätte kommen können. Seine Augen waren aufgetan worden, um in Jesus den Christus zu sehen. Das war Seine offizielle Stellung als der Gesalbte Gottes. Aber wer war dieser Gesalbte? Petrus erkannte, dass Er "der Sohn des lebendigen Gottes" war. Wahrlich, ein erstaunliches Bekenntnis. Gott ist der lebendige Gott, unendlich erhaben über die Macht des Todes. Jesus ist der Sohn in der ewigen Gottheit und steht gleicherweise über der ganzen Macht des Todes. Blitzartig war diese Erleuchtung als göttliche Offenbarung über Petrus gekommen. Er war noch nicht fest gegründet in dieser Einsicht, wie wir wenige Verse später erkennen. Doch er sah, dass es so war, und er bekannte es.
Bekennen wir das ebenfalls? Und verstehen wir wirklich seine Bedeutung? Wenn ja, so haben wir einen unerschütterlichen Felsen gefunden, und auch wir sind gesegnet, wie Petrus es war.
In Seinem Wort an Petrus (Vers 18) bestätigte der Herr ihm den Namen, den Er ihm bei ihrer ersten Begegnung gegeben hatte (Joh 1,42), und enthüllte ihm noch etwas mehr von dessen Bedeutung. Die Bedeutung des Namens "Petrus" ist "Stein", aber was ist der tiefere Sinn? Der Name steht im Zusammenhang mit der Versammlung, die Christus als der Sohn des lebendigen Gottes zu bauen im Begriff stand. So war der "Fels" Christus selbst, und auf diesen Felsen ist die Versammlung gegründet. Petrus